Das Ende deiner Suche - Moritz Ulrich - E-Book

Das Ende deiner Suche E-Book

Moritz Ulrich

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Beschreibung

Alles ist schon da – Erinnern statt Suchen

Familie, Job, Alltag – und mittendrin die Sehnsucht nach Momenten der Ruhe. Du hast schon vieles probiert, um Frieden zu finden, doch bist noch nicht da, wo du sein willst? Das Yoga Sūtra, eine der bedeutendsten Yogaschriften, hilft dir auf dem Weg zu dir selbst. Moritz Ulrich, einer der erfolgreichsten Yogalehrer Deutschlands, macht diesen alten Text für dich greifbar – mit verständlichen Erklärungen, persönlichen Geschichten und praktischen Übungen. In seinem Buch lädt er dich ein, das Gedankenkarussell zu verlassen und in dir das wiederzufinden, was schon immer da war: dein inneres Licht, deine Essenz. 

Dieses Buch ist eine Einladung, die zeitlosen Weisheiten des Yoga Sūtra neu zu entdecken und in die moderne Welt zu integrieren. Eine Erinnerung an dich, die Fülle des Lebens mit einem offenen Blick zu erkunden.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Vorwort – Sharon Padma Gannon

Vorwort des Autors

Einleitung: Die Yoga Sūtras und ihr Kontext

Wie du dieses Buch nutzen kannst

Yoga ist jetzt

Was ist Yoga? Die Essenz in einem Sūtra

Anstrengung und Loslassen: Es braucht beides

Hingabe & Vertrauen

Die vier Schlüssel für einen ruhigen Geist

Die fünf Kleśas – Die Wurzeln unseres Leidens

Die Yamas – Wie du mit anderen umgehst

Die Niyamas – Disziplin im Umgang mit sich selbst

Āsana – Stabilität und Leichtigkeit auf der Matte und im Leben

Prāṇāyāma – Die Kraft des Atems

Pratyāhāra – Der Rückzug der Sinne

Die drei Stufen der Meditation

Die Siddhis – Übernatürliche Kräfte

Alles ist schon da: Erinnern statt Suchen

Jenseits von richtig und falsch

Empfehlungen zum Weiterlernen

Danksagung

Vorwort – Sharon Padma Gannon

Ich fühle mich geehrt, dass Moritz Ulrich mich gebeten hat, das Vorwort zu diesem Buch zu schreiben, und möchte zunächst etwas über die Hintergründe erzählen, wie Patañjalis Yoga Sūtra in mein Leben kam und sich dann zu einem wesentlichen Bestandteil der Jivamukti-Yoga-Methode entwickelte, in der es als primärer Referenztext verehrt und studiert wird.

Meine erste Begegnung mit Yoga erfolgte durch Bücher. Lange bevor ich mit āsanas begann, entdeckte ich Patañjalis Yoga Sūtra. In den 1970er-Jahren arbeitete ich ehrenamtlich in der Theosophischen Bibliothek in Seattle, Washington. Ich war auf der Suche. Themen, die sich mit Spiritualität und Mystik befassten, faszinierten mich seit meiner Kindheit. Ich strebte danach, Gott zu erkennen und den Sinn meines Lebens zu verstehen. Der Bibliotheksleiter schlug mir vor, mich mit östlicher Philosophie zu beschäftigen und wies mich auf die Abteilung »Indische Schriften« hin. Dort fand ich mehrere englische Übersetzungen des Yoga Sūtras. Ich versuchte, sie zu verstehen, aber die Sanskrit-Begriffe und die beschriebenen Saṃkhya- und Vedanta-Konzepte überstiegen mein Verständnis. Dennoch stellte ich fest, dass ich mich allein dadurch, dass ich eines dieser exotischen und esoterischen Bücher in den Händen hielt, die seltsamen Devanagari-Buchstaben betrachtete und versuchte, die Wörter auszusprechen, fühlte, als wäre ich auf ein altes magisches Grimoire gestoßen. Ich blieb beharrlich dran, muss aber zugeben, dass ich damals überwältigt war und nicht viele Fortschritte machte.

Außerdem stieß mich die meiner Meinung nach speziesistische und frauenfeindliche Sichtweise der meisten Übersetzungen ab. Diese Ansichten scheinen als Tatsache dargestellt zu werden – Denkweisen, die ich nicht teilen konnte, wie zum Beispiel sinngemäß: Der Mensch ist mit einem Körper und Geist ausgestattet, der allen anderen Tieren überlegen ist. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das Erleuchtung erlangen kann, der menschliche Körper ist die schönste Schöpfung der Natur. Nur Menschen haben Bewusstsein. Um die höchste Erkenntnis zu erlangen, muss ein Mann die Gesellschaft von Frauen meiden usw. Da ich das ursprüngliche Sanskrit nicht lesen konnte, musste ich mich auf die Kommentare der Übersetzungen verlassen. Ich war frustriert und verwirrt und legte mein Studium der Yoga Sūtras beiseite.

Mein Fokus verlagerte sich auf die Vertiefung meines Interesses an Kunst und Aktivismus. Ich wurde Performancekünstlerin und vegane Aktivistin. Aber das Interesse an Mystik ließ mich nie los und ich suchte immer nach Wegen, diese Disziplinen miteinander zu verbinden.

Als ich in den 1980er-Jahren nach New York City zog, entdeckte ich Yoga wieder und begann, āsana-Kurse zu besuchen. Obwohl meine Lehrerin sehr gut über die Funktionsweise des Körpers Bescheid wusste, kam ihr Verständnis der Philosophie, die der Praxis zugrunde liegt, in ihrem Unterricht nicht zum Ausdruck. Aus meinen früheren Studien wusste ich, dass es beim Yoga darum ging, sich nach innen zu wenden; das Ziel des Yoga war Erleuchtung und die Erkenntnis Gottes. Aber meine āsana-Praxis schien davon losgelöst zu sein und veranlasste mich zu der Frage, ob es überhaupt einen Zusammenhang gab. »Wie soll mir ein Kopfstand Erleuchtung bringen oder mich Gott näherbringen? Kann Yoga künstlerisch sein? Kann es meinen Aktivismus für Tierrechte beflügeln? Kann Yoga heute in einer globalen Kultur relevant sein, in der wir ständig unter dem Druck stehen, unseren Geist und unsere Sinne nach außen zu richten und Erfüllung in materiellen Dingen zu finden; wird der Erfolg daran gemessen, wie viel Macht wir über andere ausüben und wie viel Reichtum wir anhäufen können?«

Ich wandte mich wieder Patañjali zu, um nach Antworten zu suchen. Ich stieß auf Sutra 2.46: Sthira Sukham Asanam. Die Übersetzung lautete: Die Haltung sollte stabil und bequem sein. Ich dachte: Oh, wie sehr wünschte ich mir, ich könnte mit Sicherheit wissen, dass dies tatsächlich die Bedeutung der Sanskrit-Worte war. Aber meine Sanskritkenntnisse waren gleich null, also suchte ich mir ein Sanskrit-Wörterbuch und erfuhr, dass āsana mit dem englischen Wort ass verwandt ist und wörtlich »Sitz« bedeutet. Plötzlich ging mir ein Licht auf und alles fügte sich. Ich begann, mir selbst Fragen zu stellen: »Okay, wenn Asana Sitz heißt, was bedeutet dann Sitz?« Ich antwortete mir selbst: »Ein Sitz ist eine Verbindung zur Erde. Nun, was bedeutet Erde? Es bedeutet: Planet sowie alle Wesen, die zusammen auf diesem Planeten leben. Ein Sitz ist eine Verbindung und eine Verbindung impliziert eine Beziehung. Asana bedeutet also unsere Beziehung zu allen Erdbewohnern und zur Umwelt.« Oh wow, das wurde jetzt spannend! Ich vertiefte mich weiter in meine Überlegungen. »Wenn sthira ›beständig‹ und ›konsequent‹ bedeutet und sukham ›angenehm‹ und ›freudvoll‹, dann meint Patañjali vielleicht, dass unsere Beziehung zur Erde und zu allen Lebewesen eine gute Beziehung sein sollte, und für mich ist eine gute Beziehung eine für beide Seiten vorteilhafte. Eine Beziehung, die beständig von Freude genährt wird. Voilà! Das ist es!«

Als ich diese Erkenntnis hatte, spürte ich, dass sie mir ein Mittel an die Hand geben könnte, Yoga zu lehren, um die Trennung zwischen uns selbst, anderen Tieren und der Umwelt zu heilen. Yoga könnte als spirituelle Aktivierung gelehrt werden. Das war der Beginn dessen, was später zur Jivamukti-Yoga-Methode werden sollte.

Der nächste große Schritt in der Entwicklung der Methode entstand durch die glückliche Begegnung mit Shri Brahmananda Saraswati, einem erleuchteten Wesen und Sanskrit-Gelehrten. Seine Übersetzung des Yoga Sūtras, The Textbook of Yoga Psychology, wurde zu einem unverzichtbaren Nachschlagewerk für unsere Gemeinschaft. Seine engen Schüler wurden meine Gurubhais und lehrten mit ihrem Fachwissen unsere wachsende Jivamukti-Yoga-Community Sanskrit, die Sprache der Götter. Eine dieser Schülerinnen, Manorama d’Alvia, unterrichtet seit Jahrzehnten den Sanskrit-Teil des Jivamukti Yoga Teacher Trainings. Als Gemeinschaft haben wir so unser Wissen über Sanskrit und die Fähigkeit, indische Schriften wie das Yoga Sūtra zu lesen, stetig erweitert.

Obwohl ich zugeben muss, dass ich die Sanskrit-Sprache noch nicht beherrsche, studiere ich dennoch täglich Sanskrit-Literatur und bin begeistert, dass auch andere Jivamukti-Yoga-Lehrer*innen sich in diese wichtigen Texte vertieft haben. Die größte Freude eines Lehrers ist es, wenn seine Schüler*innen ihn übertreffen. Moritz’ Sanskrit-Kenntnisse haben meine sicherlich übertroffen, was mich sehr erfreut. Neben Manorama hat sich Moritz aufgrund seiner Sprachkenntnisse zu einem Mitglied unseres internationalen Ausbildungsteams entwickelt und wird oft gebeten, Sanskrit in den Ausbildungen zu unterrichten.

Jivamukti Yoga ist ein Weg zur Erleuchtung durch Mitgefühl für alle Wesen. Ahimsa, Bhakti, Dhyana, Nada und Shastra sind die fünf Säulen, die die Grundlage dieser Methode bilden. Ich möchte jede Säule kurz beschreiben. Ahimsa: Ein gewaltfreier, mitfühlender Lebensstil, der sich auf andere Tiere, die Umwelt und alle Lebewesen erstreckt und Veganismus und Tierrechte betont. Bhakti: Die Erkenntnis, dass die Verwirklichung Gottes das Ziel aller Yoga-Praktiken ist. Dhyana: Die Verbindung mit der ewigen, unveränderlichen Realität im Inneren durch Meditation. Nada: Die Entwicklung eines gesunden Körpers und Geistes durch tiefes Zuhören. Shastra: Das Studium von Sanskrit-Schriften wie dem Yoga Sūtra.

Diese Grundsätze bieten eine Struktur und ermöglichen es den Praktizierenden durch ihre Erforschung, Wege zu finden, um Mitgefühl im eigenen Herzen zu wecken. Jede Säule ist eine eigenständige Praxis, aber wenn sie miteinander verbunden und durch āsanas erlebbar werden, machen sie die alten Lehren des Yoga für unser eigenes Leben zutiefst relevant. Moritz hat sich die Philosophie und die praktische Anwendung jedes dieser Prinzipien zu eigen gemacht und sich intensiv damit auseinandergesetzt. Er verkörpert die Ethik und Ideologie, für die diese Prinzipien stehen. Sie prägen ihn weiterhin und verleihen seinem Unterricht und seinen Texten Tiefe, Klarheit, Weisheit und Demut, wie du beim Lesen dieses Buches feststellen wirst.

Das Ende deiner Suche ist Moritz’ erstes Buch, das aus seinem Studium, seiner Praxis und seinem Unterricht des Yoga hervorgegangen ist. Obwohl es nicht alle Sutras enthält, halte ich es für eine wichtige Ergänzung zu der wachsenden Zahl von Büchern, die über die Yoga Sūtras veröffentlicht werden und für einen besonders wertvollen Beitrag für die gesamte Yoga-Gemeinschaft. Ich bin sicher, dass Moritz eine definitive Übersetzung aller 196 Sutras von Patañjali schreiben könnte, und vielleicht wird er das in Zukunft auch tun. Vorerst hat er jedoch diejenigen ausgewählt, die er für die relevantesten hält, und sie aus einer frischen und zugänglichen Perspektive wiedergegeben. Seine Kommentare sind von den Werten der Jivamukti-Yoga-Methodik beeinflusst und geprägt, bleiben aber gleichzeitig der ursprünglichen Absicht des alten Textes treu. Mit anderen Worten: Er hat die Essenz dieser Sūtras erkannt und die alte Weisheit gekonnt in das moderne Leben übersetzt. In seinen Kommentaren teilt er demütig seine persönlichen Erfahrungen und offenbart uns, wie sich die Lehren in ihm von intellektuellem Verständnis zu einer verkörperten Praxis und Lebensweise entwickelt haben.

Als Bonus bietet Moritz am Ende jedes Kapitels praktische Übungen, die dazu einladen, auf eigene Weise zu erkunden, wie die Lehren Anwendung finden. Diese Übungen führen zu einem Zustand authentischer Achtsamkeit, der das Potenzial birgt, praktische Erkenntnisse über die Funktionsweise des Geistes zu gewinnen. Seine Texte ermutigen zum Erinnern, nicht zum Streben – eine Rückkehr zur Präsenz, nicht zu einer weiteren Form der egoistischen Selbstoptimierung. Dies ist kein weiteres Selbsthilfebuch voller Tipps, wie man sein charismatisches, kraftvolles, »sexy« Selbst entfesseln kann. Es ist ein Buch darüber, wie man sich an sein wahres, ewiges, glückseliges Selbst erinnert. Es ist ein Buch, das zur Selbstbeobachtung einlädt, um die unendlichen Möglichkeiten für wahres Glück zu entdecken, die auf alle warten, die Abenteuerlust verspüren und die Suche im Außen aufgeben möchten, um das unbegrenzte Potenzial zu entdecken, das im Inneren wartet.

Ich wünschte, ich hätte dieses Buch schon vor 50 Jahren gefunden! Aber alles geschieht immer zur richtigen Zeit und diese Zeit ist immer jetzt. Atha ist das erste Wort des Yoga Sutra. Atha bedeutet »jetzt«. Dieses Buch ist ein Geschenk für Suchende, die bereit sind, mit dem Suchen aufzuhören und anzukommen – jetzt. Are you ready?

Sharon Padma Gannon, Mitbegründerin der Jivamukti-Yoga-Methode. Woodstock, New York, September 2025

Vorwort des Autors

Wenn man Menschen hier in Deutschland fragt, was sie sich unter Yoga vorstellen, denken viele an Dehnübungen, an akrobatische Positionen oder daran, beweglicher und flexibler zu werden. Kurz gesagt: Yoga wird meistens unter der Kategorie Sport eingeordnet. Ich habe nichts dagegen, dass Menschen zunächst wegen der sportlichen Anteile zum Yoga finden. Im Gegenteil, ich begrüße es sogar, wenn es ein möglichst niedrigschwelliges Angebot gibt. Gleichzeitig ist es die Aufgabe von uns und mir als Yoga-Lehrer*innen, die Komplexität des Yoga und den Respekt vor den verschiedensten Traditionen zu leben und weiterzugeben.

Im Yoga Sūtra geht es nicht um Bewegung, oder nur sehr eingeschränkt. Es gibt nur eine Handvoll Yoga Sūtras, die überhaupt über āsanas, die körperlichen Yogapositionen, sprechen. Trotzdem gilt das Yoga Sūtra heute oft als Standardwerk des Yoga. Ich mag die besondere Mischung aus der Einfachheit der kurzen Verse und die Vielschichtigkeit, die durch die verschiedenen, manchmal im Verborgenen liegenden Ebenen entsteht. Es ist ein Text, der mich in meiner Yoga-Lehrer-Laufbahn schon sehr lange begleitet. Das liegt daran, dass meine ersten Berührungspunkte mit Yoga so gar nicht sportlicher Natur waren. Ich habe über die Philosophie erst zur āsana-Praxis gefunden. Als Jugendlicher habe ich einfach viele Bücher zum Thema Esoterik, Mystik und allem gelesen, was nicht so leicht erklärbar war.

Heutzutage begegnet Patañjalis Meisterwerk vielen Yoga-Lernenden immer wieder im Rahmen ihrer Ausbildungen. Es hat längst Einzug gehalten in die sogenannte Mainstream-Yoga-Welt. Die meisten haben zumindest schon einmal davon gehört. Es gibt viele wunderbare Menschen, die sich schon seit Jahrzehnten tief und historisch mit den Wurzeln des Yoga beschäftigen. Sanskrit-Expert*innen, die zu jedem Wort des Yoga Sūtra etwas sagen können. Zur Bedeutung, zum kulturellen und sprachlichen Kontext. Und ich kenne die Kritik an vielen modernen Interpretationen, von denen gesagt wird, dass sie nichts anderes sind als persönliche Meinungen ohne fundierte Auseinandersetzung mit dem Ursprung.

Diese Gedanken haben mich eine Weile begleitet. Ich habe wirklich überlegt, ob ich überhaupt ein Buch schreiben will. Ich hatte offen gestanden Sorge, ob ich gut genug dafür bin. Und dann war da aber auch dieser leise Drang. Etwas in mir, das sich immer wieder meldete und sagte: Doch. Sag zu. Du findest deinen Weg. Dieser Teil in mir hatte schon so lange gewartet und wollte jetzt nicht weiter nach dem richtigen Moment suchen.

Denn ich wusste: Es muss möglich sein, sowohl der Tiefe und dem Ursprung des Textes gerecht zu werden als auch einen Zugang zu schaffen für die Menschen von heute. Tatsächlich war das ein Wunsch, der mir von meiner Community immer wieder begegnet ist: Yoga-Philosophie verständlich und alltagsnah zu übersetzen. Etwas, das oft trocken und theoretisch wirkt, wieder spürbar zu machen. Die Sūtras selbst sind zeitlos – aber ihre Deutung darf lebendig sein.

Ich bin sehr dankbar für dieses Vertrauen der Menschen, die von und vor allem mit mir lernen wollen. Und ja, ich fühle mich demütig geehrt, dass viele sagen, ich könne komplexe Dinge auf einfache, aber tiefgehende Weise ausdrücken. Dass ich Worte finde, die verbinden und nicht distanzieren.

Ein Lehrer beiden meiner Lehrer – Sharon Gannon und David Life – war Brahmananda Sarasvati, ein Sanskrit-Gelehrter, der immer wieder betont hat, wie wichtig der Kontext ist. In welchem Zusammenhang wird etwas gesagt? Wer spricht? Wer hört zu? Mit wem teile ich etwas und warum? Diese Fragen begleiten mich sehr, besonders jetzt, wo ich dieses Buch schreibe.

Und jetzt gerade wende ich mich an dich, den Menschen, der dieses Buch in der Hand hält. Ich wünsche mir von Herzen, dass ich etwas mit dir teilen kann, das dich inspiriert: Gedanken, Fragen und Impulse, die dich tiefer über dich selbst und die Welt nachdenken lassen. Über das Leben. Über deinen Weg.

Je nachdem, mit welcher Frage du diesem Buch gerade begegnest, auf welchem Teil deiner Suche du gerade bist, wirst du unterschiedliche Antworten finden können.

Einleitung: Die Yoga Sūtras und ihr Kontext

Das Yoga Sūtra von Patañjali ist ein Text in vier Kapiteln, der heute in der Yoga-Welt sehr populär ist. Manchmal wird er sogar als die Grundlage des Yoga bezeichnet – obwohl Yoga natürlich viele Ursprünge und Entwicklungswege hatte und immer noch hat. In dieser Einleitung erkläre ich einige grundlegende Aspekte des Textes, seiner Entstehung und seiner historischen Bedeutung.

Du wirst vielleicht auf Aussagen stoßen, die sich widersprechen und dennoch gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Gerade wenn du bereits Berührungspunkte mit dem Yoga Sūtra hattest und dir hier ungewohnte Sichtweisen begegnen, erlaube dir Zeit, diesen Raum zu geben und sie in Ruhe zu reflektieren. Am Ende des Buches findest du zu bestimmten Themen noch Buchempfehlungen und wissenschaftliche Artikel, falls du tiefer in einzelne Bereiche einsteigen möchtest.

Wer war Patañjali?

Wer verfasste das Yoga Sūtra? Diese scheinbar einfache Frage ist gar nicht leicht zu beantworten. Die heute kursierenden Ideen reichen von »Es war eine einzelne menschliche Person«, über »Es muss eine Gruppe von Menschen gewesen sein«, bis hin zu »Es war ein mythologisches Wesen, das von Kobraköpfen bewacht wird.« Und auch wenn es für den Tiefgang, die Schönheit und die Botschaften, die dieser Text bis heute in sich trägt, eigentlich irrelevant ist, möchte ich hier einen kurzen historischen Ausflug wagen.

Die ungeklärte Entstehung des Yoga Sūtra

Die akademische Meinung datiert die Entstehung des Yoga Sūtra auf die Zeit zwischen 325 und 450 n. Chr. Gleichzeitig gibt es aber auch Annahmen, dass der Text bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. entstanden sein könnte. Bei der Einordnung solcher Datierungen kann man sich meist nicht auf Originalfunde stützen, die aus diesen Zeiten stammen, sondern ist darauf angewiesen, den Text mit anderen Werken zu vergleichen. So nähert man sich Stück für Stück an, um beispielsweise herauszufinden, ob andere Schriften zuvor oder danach ähnliche Ideen aufgreifen oder einen Text sogar wörtlich zitieren.

Aus yogischer Sicht finde ich es äußerst spannend, dass wir bis heute eigentlich über viele Dinge im Unklaren bleiben, während offenbar ein Teil in uns gerne ganz genau wissen würde, wann dieser Text entstand und wer ihn nun geschrieben hat. Wie ich schon sagte, ist dies für seine Wirkung und praktische Anwendung jedoch gar nicht so wichtig. Oder geht es dir vielleicht auch so, dass etwas »Altes« auf eine gewisse Art und Weise mehr Wert haben könnte, als wenn der Text erst 20 Jahre alt wäre? Gerade im Kontext des Yoga Sūtra ist diese Frage interessant. Seine Aussagen beschäftigen sich genau mit solchen inneren Fragestellungen. Nämlich damit, wie wir das Auf und Ab unseres Geistes reflektieren und zur Ruhe bringen können und vielleicht sogar darüber hinauswachsen.

Historische Fakten vs. Mythen

Es gibt Vorstellungen, die Patañjali nicht nur die Autorenschaft des Yoga Sūtra zuschreiben, sondern auch noch eine Schrift über die Grammatik des Sanskrit und eine weitere über das Heilwesen des Ayurveda, ein echtes Allroundtalent also. Zu dieser Vorstellung gibt es eine bekannte Invokation (eine Anrufung oder ein Gebet), die häufig im Kontext des Studiums des Yoga Sūtra rezitiert wird:

yogena cittasya padena vācām˙

malam˙ śarīrasya ca vaidyakena

yo’pākarottam˙ pravaram munīnām˙

.

patañjalim˙prāñjalirānato’smi

Ich verneige mich vor Patañjali –

der mit Yoga den Geist geklärt hat,

mit Grammatik unsere Sprache geordnet hat,

und mit Medizin den Körper gereinigt hat.

Ein Geschenk für alle großen Weisen.

Diese Annahme ist allerdings nicht historisch gestützt. Wird sie dadurch weniger wertvoll? Ich finde nicht. Das Erzählen von Geschichten ist fester Bestandteil der menschlichen Geschichte, ihrer Entwicklung und vor allem unserer Kommunikation. Legenden und Mythen geben uns die Chance, unsere Vorstellungskraft herauszufordern und über den Tellerrand unseres Geistes hinauszublicken. Das bedeutet für mich nicht, dass wir uns ständig etwas ausdenken sollten, aber sich ganz bewusst einmal den historischen Fakten oder poetischen Mythen hinzugeben, halte ich für einen großen Gewinn. Geschichten ermöglichen uns manchmal auch ein tieferes Verständnis, weil wir in eine Bildsprache eintauchen können, die wir leichter mit allen Sinnen wahrnehmen als reine historische Fakten.

Patañjali – Mensch oder doch Schlange?

Vor allem ab dem 11. Jahrhundert n. Chr. verbreitete sich die Vorstellung von Patañjali als mystischer Figur. Er wurde als Avatar, also als Wiedergeburt einer Schlange, dargestellt, die oft als Ananta oder Śeṣa bezeichnet wird. Diese Schlange gilt als Verkörperung von Beständigkeit, Ausgeglichenheit und kosmischem Gleichgewicht und wird mit den Qualitäten des Gottes Viṣṇu assoziiert. Teil dieser volkstümlichen Vorstellung ist auch eine Erklärung des Namens Patañjali. Vielleicht kennst du das Anjali Mudra, bei dem die Hände vor dem Herzen zusammengelegt werden. Die Silbe pat kann »fallen« bedeuten, woraus die Idee entstand, dass Patañjali als kleine Babyschlange einer Frau, namens Anjali, in die zusammengelegten Hände fiel, nachdem diese lange gebetet hatte, endlich ein Kind zu bekommen. Die kleine Schlange, Adiśeṣa, verwandelte sich schließlich in einen Jungen, der dazu bestimmt war, Yoga in die Welt zu bringen.

Warum es verschiedene Übersetzungen gibt und wie man sie liest

Nicht nur Patañjalis Name wurde unterschiedlich übersetzt, auch das Yoga Sūtra selbst ist im Laufe der Zeit unzählige Male übertragen worden. Genauer gesagt handelt es sich dabei oft nicht nur um Übersetzungen, sondern auch um neue Interpretationen. Zu fast jedem einzelnen Sūtra existieren verschiedene Lesarten, ebenso wie zur Bedeutung des gesamten Textes. Das macht die Beschäftigung mit dem Yoga Sūtra einerseits spannend und vielfältig, andererseits verwirrend.

Der Unterschied der Inhalte liegt meist darin, ob sich Autor*innen eng an die ursprünglichen Worte halten oder sofort eigene Gedanken einfließen lassen. Meine Empfehlung: Beginne lieber mit wörtlichen Übersetzungen. So bleibt genug Raum für deine eigenen Gedanken. Die Sūtras, die in diesem Buch auftauchen, werde ich daher zunächst möglichst wörtlich für dich übersetzen.

Neben all den modernen Deutungen gibt es auch eine Version, die als die ursprünglichste überhaupt gilt: den sogenannten bhāṣya. Das Wort bedeutet »sprechen« oder »reden« und wird mehrheitlich als Bezeichnung für einen klassischen Kommentar zu einem Text verwendet. Der Indologe Dr. Philipp Maas geht unter anderem davon aus, dass dieser älteste Kommentar zum Yoga Sūtra sogar von Patañjali selbst stammt, als eine Art Erklärung zu den sonst nur schwer zugänglichen Sūtras.

Das Wort Sūtra bedeutet wörtlich »Faden« und steht für eine bestimmte Form der Sprache: meist sehr kurze Verse, die nicht immer vollständige Sätze bilden und sich häufig auf frühere oder spätere Sūtras beziehen, ohne dies explizit zu machen. Ich stelle mir dazu gerne ein Garnknäuel vor: einen langen Faden, der aufgerollt ist, sich an vielen Stellen berührt und gleichzeitig einen klaren Anfang und ein eindeutiges Ende hat. So ähnlich ist es auch im Yoga Sūtra: vernetzt, dicht, schwer zugänglich, und genau deshalb manchmal nicht leicht zu verstehen. Hier hilft das bhāṣya ungemein, ebenso wie viele spätere Kommentare.

Die Yoga Sūtras als philosophischer Leitfaden

Die Yoga Sūtras sind grundsätzlich nicht als Regelwerk zu verstehen. Sie erheben aus meiner Sicht keinen Absolutheitsanspruch. Weder darauf, was zu tun ist, noch darauf, was man lassen sollte. Gleichzeitig geben sie ganz klare Vorschläge, die wir als Leitfaden nutzen können: für die Praxis zur Zeit Patañjalis ebenso wie für unsere heutige Yogapraxis. Sie bieten Impulse und Inspiration. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es geht nicht darum, dass Menschen, die dem Yoga nicht folgen oder die Vorschläge nicht beachten, schlechtere Menschen wären. Das Yoga Sūtra richtet sich an jene, die sich für Yoga interessieren, und genau für sie sind diese Vorschläge gedacht: als Übungsanleitung, als Versuch, der Praxis Struktur und Richtung zu geben. Sie sind wunderbare Wegweiser zur Erkenntnis, dass wir mehr sind als nur unsere Gedanken.

Die vier Kapitel desYoga Sūtras, zu denen ich dir hier eine kurze Einführung geben möchte, haben jeweils unterschiedliche Schwerpunkte und Ausrichtungen.

1. Kapitel: Samādhi Pāda – Über das Einssein

Das erste Kapitel trägt den Titel Samādhi Pāda. Pāda bedeutet hier »Abschnitt« oder »Kapitel«, manchmal werden die vier Teile des Yoga Sūtra auch als »vier Bücher« bezeichnet. Samādhi ist eines der zentralen Konzepte im Yoga Sūtra – das vollkommene Einssein, die völlige Verschmelzung des Bewusstseins mit dem Objekt der Meditation. Manche bezeichnen dieses Kapitel als eine Art Shortcut: Es sei für jene gedacht, die nur noch einen kleinen Impuls benötigen, um sich zu erinnern und den Zustand von samādhi zu erleben. Manche sagen sogar, dieses erste Kapitel reiche eigentlich aus – die folgenden seien bloß Ergänzungen für alle, die etwas mehr Anleitung benötigen.

2. Kapitel: Sādhana Pāda – Der Weg der Praxis

Das zweite Kapitel heißt Sādhana Pāda. Sādhana bedeutet »spirituelle Übung« oder »Disziplin«. Es kommt vom Wortstamm sadh, was so viel heißt wie »vollständig machen« oder »verwirklichen«. Dieses Kapitel beschäftigt sich also mit dem Weg – mit den Werkzeugen und der Praxis, die uns zum Ziel des Yoga führen. Wie der Name schon vermuten lässt, gibt Patañjali hier viele praktische Hinweise und Übungen. In diesem Abschnitt findet sich auch der berühmte achtgliedrige Pfad des Yoga (aṣṭāṅga yoga), von dem du im Yoga-Kontext vermutlich schon gehört hast. Er gehört heute zu den bekanntesten Konzepten aus dem Yoga Sūtra.

3. Kapitel: Vibhūti Pāda – Die Früchte der Praxis

Das dritte Kapitel trägt den Namen Vibhūti Pāda. Vibhūti kann unter anderem »Asche« bedeuten – gemeint ist die Asche, die nach einem spirituellen Ritual übrig bleibt, also die Essenz, das Resultat. In diesem Kapitel beschreibt Patañjali die Wirkungen und Ergebnisse, die durch intensive Praxis entstehen können. Manche Interpretationen stellen hier übernatürliche Fähigkeiten in den Vordergrund – etwa Telepathie oder Levitation. Patañjali selbst warnt jedoch später davor, sich in diesen Kräften zu verlieren. Vielleicht sind sie nicht als Ziel zu verstehen, sondern als Wegweiser: Hinweise auf das, was einem auf dem Weg begegnen kann. Wichtig ist dabei, zu erkennen: Diese Phänomene sind nicht das Ziel des Yoga – nicht Samādhi selbst. Sie können durch Praxis entstehen, sind aber nicht mit dem Zustand von Yoga gleichzusetzen.

4. Kapitel: Kaivalya Pāda – Die vollkommene Freiheit

Das vierte Kapitel heißt Kaivalya Pāda. Kaivalya bedeutet so viel wie »Alleinsein«, »Isolation« oder auch »absolute Freiheit«. Gemeint ist das Erkennen der Unterscheidung zwischen dem Unendlichen und dem Endlichen, zwischen dem großen Selbst (puruṣa) und dem kleinen Selbst (prakṛti), zwischen dem Ewigen und dem Zeitgebundenen. In dieser Trennung liegt letztlich die Freiheit: das Wissen darum, was wir wirklich sind – jenseits aller Begrenzungen. Deshalb wird Kaivalya auch als Zustand der Befreiung beschrieben, wie er in anderen Schriften als jīvanmukti bekannt ist – das befreite Leben. Eine vollkommene Freiheit, in der sich die individuelle Seele wieder mit dem kosmischen Ozean verbindet. Ein poetisches Bild, für ein tiefes, stilles Heimkommen.

Kannte das Yoga Sūtra damals überhaupt jemand?

Heutzutage gilt das Yoga Sūtra von Patañjali als Grundlagenwerk des Yoga. Es steht immer auf den empfohlenen Leselisten für Yoga-Lehrende und Yoga-Lernende und ist (hoffentlich) Teil eines jeden Yoga Teacher Trainings. Tatsächlich ist das Yoga Sūtra von Patañjali heute wirklich sehr bekannt. Doch war es schon immer so bekannt, etwa zur Zeit seiner Entstehung?

Zu bedenken ist, dass sich Texte damals natürlich viel langsamer verbreiteten: Lange vor der Zeit des einfachen Buchdrucks, der Vervielfältigung und selbstverständlich weit vor dem digitalen Zeitalter, in dem es so leicht geworden ist, Texte weltweit zu verbreiten und allen Menschen zugänglich zu machen. Gleichzeitig vermutet man, dass der Text damals keine besonders große Popularität genoss. Vielmehr könnte es ein Text gewesen sein, der bestehende philosophische Inhalte zusammengefasst, neu geordnet und vielleicht sogar etwas vereinfacht dargestellt hat, eben in der Sūtra-Form, die das Einprägen und Merken erleichtert.

Einen besonderen Einfluss auf die spätere Verbreitung hatte Swami Vivekananda, der Ende des 19. Jahrhunderts in die USA ging und dort maßgeblich zur Popularität von Yoga sowie zur Verbreitung der Yoga-Ansichten und -Praktiken in der westlichen Welt beitrug. Er war es auch, der das Yoga Sūtra als eine der wichtigsten Grundlagen für die Yoga-Philosophie darstellte. Seine Sichtweise auf das Yoga Sūtra war jedoch stark von seiner Überzeugung des Vedanta geprägt, sodass seine Auslegung hauptsächlich von seinen persönlichen Erfahrungen und seinem Wissen beeinflusst war. Die damaligen Interessen der britischen Kolonialmacht im heutigen Indien sind ein weiterer Faktor für den Anstieg der Popularität. Wie wir noch häufiger in diesem Buch sehen werden, befindet sich das Yoga Sūtra also immer im stetigen Wandel der Interpretation der jeweiligen Zeit und Person.

Von da an verbreitete sich das Yoga Sūtra plötzlich schnell über die ganze Welt. Menschen kamen mit Yoga in Kontakt, die zuvor noch nie davon gehört hatten. Yoga wurde fortan zum US-amerikanischen und später zum weltweiten Phänomen.

Heutzutage gilt das Yoga Sūtra als einer der wichtigsten und wertvollsten Texte überhaupt. Vielleicht liegt dies zum einen daran, dass es durch seine kurzen Verse auf den ersten Blick leicht zugänglich ist, zum anderen an seiner überschaubaren Länge. Zudem enthält es keine direkten theistischen Bezüge, was es Menschen aller Religionen erleichtert, sich ihm anzunähern. In seiner Neutralität und Offenheit bietet es gleichzeitig Raum für verschiedenste Perspektiven.

Die verschiedenen Philosophiesysteme

Bevor wir tiefer in die Yoga Sūtras von Patañjali eintauchen, lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und das größere Bild zu betrachten. Denn das Yoga Sūtra steht nicht isoliert im Raum, sondern ist Teil einer vielschichtigen philosophischen Landschaft, die sich in Indien über Jahrhunderte entfaltet hat. Sechs klassische Systeme – sogenannte darśanas – haben sich dabei herausgebildet. Sie alle versuchen, auf unterschiedliche Weise Antworten zu finden auf die großen Fragen des Lebens: Wer bin ich wirklich? Warum gibt es Leid? Was bedeutet Befreiung und wie gelangt man dorthin?

Sie alle haben gemeinsam, dass sie die Veden, eine der ältesten bekannten Textsammlungen, anerkennen. Vermutlich werden sie deshalb bis heute teils als die einzig wahren philosophischen Systeme in Indien anerkannt. Natürlich gibt es noch andere große Schulen wie den Buddhismus, der auch Vermischungen mit dem Yoga und umgekehrt erlebt hat. Da dieser sich aber nicht auf die Veden bezieht, wird er nicht in die sechs orthodoxen darśanas einbezogen.

Hier ist eine kurze Zusammenfassung der sechs klassischen philosophischen Schulen:

1. Nyāya

Nyāya ist das System der Logik und klaren Analyse. Es geht darum, die Welt und die Wahrheit durch schlüssiges Denken zu erkennen. Dieses System hat ein ausgeklügeltes Konzept von Erkenntnistheorie entwickelt – also von der Frage, wie wir überhaupt etwas sicher wissen können. Besonders wichtig sind die sogenannten pramāṇas, also »richtige« bzw. anerkannte Erkenntnisquellen. Nyāya zählt unter anderem Wahrnehmung, Schlussfolgerung und vertrauenswürdige Überlieferung dazu (Patañjali greift später ebenfalls auf diese zurück). Auch wenn das auf den ersten Blick theoretisch klingt, ist die Grundidee sehr praktisch: Nur wer klar denken kann, ist in der Lage, zwischen Illusion und Wirklichkeit zu unterscheiden. Ein bekannter Vertreter ist Gautama, der das Nyāya Sūtra verfasst hat.

2. Vaiśeṣika

Vaiśeṣika ist eng mit Nyāya verwandt, aber legt den Fokus stärker auf die Natur der Dinge. Alles, was existiert – vom kleinsten Atom bis zum Kosmos –, wird hier in Kategorien eingeteilt. Man könnte sagen: Vaiśeṣika ist eine frühe Form einer philosophischen Naturwissenschaft. Es unterscheidet zum Beispiel zwischen Substanz, Qualität, Handlung und Beziehung. Ziel ist es, durch das genaue Beobachten und Klassifizieren der Welt zu einem tieferen Verständnis zu kommen. Die Lehre geht zurück auf Kaṇāda, der das Vaiśeṣika Sūtra zusammengestellt hat.

3. Sāṅkhya

Sāṅkhya ist eines der ältesten und einflussreichsten Systeme. Als Gründer gilt Kapila. Es beschreibt die Wirklichkeit als Zusammenspiel zweier grundverschiedener Prinzipien: Puruṣa, das reine, unveränderliche Bewusstsein – und Prakṛti, die Urmaterie, aus der alles Sichtbare und Veränderliche besteht. Unsere Verstrickung im Leiden entsteht laut Sāṅkhya dadurch, dass wir uns mit Prakṛti identifizieren und vergessen, dass wir in Wahrheit reines Bewusstsein sind. Befreiung entsteht, wenn diese Unterscheidung vollkommen klar wird. Ein zentraler Text ist das Sāṅkhya Kārikā von Īśvarakṛṣṇa. Für viele spätere Systeme – auch das Yoga – bildet Sāṅkhya das theoretische Fundament.

4. Yoga

Das Yoga-System nach Patañjali baut auf Sāṅkhya auf, bringt aber eine klare Ausrichtung auf die Praxis mit. Hier geht es nicht nur ums Verstehen, sondern ums direkte Erleben. Der Weg zur Befreiung verläuft über acht Stufen – vom ethischen Fundament (yama und niyama) über Körper- und Atemübungen (āsana und prāṇāyāma) bis hin zu Konzentration, Meditation und vollständigem Aufgehen in Stille (samādhi). Ziel ist es, die Bewegungen des Geistes zur Ruhe zu bringen (citta-vṛtti-nirodhaḥ), damit das wahre Selbst sichtbar werden kann. Die Yoga Sūtras sind der zentrale Text dieser Schule. Ihr Autor Patañjali wird oft verehrt wie ein Seher – ob er eine historische Person war oder ein Symbol für ein überliefertes Wissen, ist bis heute unklar. Wichtig ist hier zu beachten, dass es schon vor den Yoga Sūtras den Begriff »Yoga« gab. Er wurde für philosophische oder körperliche Systeme genutzt, und auch später folgten verschiedene Verwendungen des Konzepts »Yoga«. Sie überschneiden sich zum Teil mit den Ideen des Yoga Sūtras, haben aber auch unterschiedliche Auffassungen. Es ist also schwierig, von dem Yoga oder dem traditionellen Yoga zu sprechen.

5. Mīmāṃsā

Mīmāṃsā ist wahrscheinlich das am wenigsten bekannte System – und doch war es über viele Jahrhunderte extrem einflussreich. Der Fokus liegt hier auf rituellem Handeln, das auf den Veden basiert, einer der ältesten religiösen Textsammlungen. Sie haben bis heute großen Einfluss auf religiöse und philosophische Ansichten. Die darin beschriebenen Riten sind zum Teil sehr komplex und folgen festgelegten Regeln. Mīmāṃsā kümmert sich um diese genaue Ausführung und erklärt welche Wirkungen zu erwarten sind. Mīmāṃsā geht davon aus, dass die Welt nach einem Gesetz von Ursache und Wirkung funktioniert – und dass durch korrektes Handeln (dharma) positives Karma entsteht. Befreiung wird hier nicht durch Erkenntnis gesucht, sondern durch ein Leben im Einklang mit den vedischen Geboten. Die Schule gründet sich auf Jaiminis Mīmāṃsā Sūtra.

6. Vedānta

Vedānta bedeutet wörtlich »Ende der Veden« – gemeint sind damit die Upaniṣaden, die philosophischen Schriften am Ende der vedischen Überlieferung. Hier geht es um höchste Erkenntnis: Das individuelle Selbst (Jīva) und das universelle Absolute (Brahman) sind letztlich eins. Was wie Trennung erscheint, ist in Wahrheit Einheit. Besonders bekannt ist die Richtung des Advaita Vedānta, die von Śaṅkara systematisiert wurde. In dieser Sichtweise ist Befreiung nichts, was man erreichen müsste – sondern das Erwachen zu dem, was immer schon da ist. Zu den wichtigsten Texten zählen die Upaniṣaden, die Bhagavad Gītā und das Brahma Sūtra.

Und wo steht das Yoga Sūtra genau?

Das Yoga Sūtra nimmt eine besondere Stellung ein: Es gehört zum System Yoga, ist aber stark vom Sāṅkhya geprägt. Während Sāṅkhya vorwiegend erklärt, wie die Welt aufgebaut ist, zeigt Yoga, wie man sich daraus befreit. Es ist ein praktischer Wegweiser – nüchtern, klar, ohne viel Mythologie oder Ausschmückung. Und gerade deshalb wirkt es bis heute so kraftvoll. Ich stelle mir immer vor, dass man im Sāṅkhya überlegt, wie aus dem großen Ganzen vieles Kleine entstanden ist. Im Yoga vollzieht sich das Gegenteil. Es ist der Versuch, aus dem Zersplitterten wieder zurück zur Einheit, zur Quelle zu finden. Ist diese Quelle Gott oder eine abstrakte Idee? Hat sie einen bestimmten Namen und kann man sie sich vorstellen und verbildlichen? Auf diese Fragen gibt es unterschiedliche Antworten. Teilweise wurde später, u. a. von Vivekananda, ein eher vedantischer Ansatz gewählt, um das Yoga Sūtra zu erklären. Es gibt also im Laufe der Zeit immer wieder neue Interpretationen des gleichen Texts, abhängig davon, welchen eigenen Hintergrund die Person hat, die schreibt, und welche Botschaft sie aussenden will. Ist das Yoga Sūtra jetzt ein dualer Ansatz, gibt es also eine Trennung vom Göttlichen und vom Individuellen, oder ein non-dualer Ansatz, bei dem alles eins ist und nur separat erscheint? Gleichzeitig sollten alle diese Fragen unseren Blick auf eine vielfach diskutierte Überlegung richten: Ist Yoga eine Religion?

Ist Yoga eine Religion?

Wie so häufig lässt sich auch diese Frage nicht mit einem klaren Ja oder Nein beantworten. Ebenso ist die Frage, woher das Wort Religion stammt, umstritten. Manchmal wird es als »wieder verbinden«, manchmal als »besser beachten« übersetzt. Die erste Version würde der von Yoga, also Verbindung, natürlich sehr nahe kommen. Ich finde genau diesen Aspekt der Auseinandersetzung mit Yoga besonders spannend: Die immer wieder auftauchenden Verwirrungen und Unklarheiten können herausfordernd sein und bieten uns die große Chance, unsere Überzeugungen zu hinterfragen. Ein buddhistischer Mönch sagte einmal zu Beginn eines Vortrags, in dem ich war: »Ein Lehrer ist dazu da, Verwirrung zu stiften.« Nur so können wir lernen und es entsteht Entwicklung und vielleicht sogar Transformation.

Was ist eigentlich Religion?

Was ist eine Religion überhaupt? Genau das ist der entscheidende Punkt: Was macht eine Religion eigentlich aus? Es gibt dazu natürlich viele wissenschaftliche Überlegungen – und gleichzeitig das gelebte Verständnis. Was verstehen wir Menschen unter Religion, und wie zeigt sie sich in unserem Alltag?

Die meisten Yoga-Strömungen kennen keine oder nur sehr wenig hierarchische Struktur. Natürlich gibt es Menschen, die den Yoga lehren, und andere, die ihn studieren – doch diese Rollen könnten sich jederzeit austauschen. Es gibt keine festgelegte Person, der dauerhaft eine höhere Stellung im System Yoga zugewiesen wird. In den meisten heutigen Religionen ist das anders. Ein Priester, Pfarrer, Rabbi oder Imam gilt zum Beispiel als Wissender und wird von den Mitgliedern der Religionsgemeinschaft in dieser Rolle anerkannt.

Gemeinschaft und Rituale

Das Zusammenkommen in einer Gemeinschaft ist ein zentraler Aspekt vieler religiöser Praktiken – sowohl traditioneller als auch moderner. Oft ist es verbunden mit gemeinsamer Stille, Gesang, Rezitation oder Tanz. Hier sehe ich viele Parallelen zur heutigen Yoga-Praxis: Man singt Mantras, atmet gemeinsam, sitzt in der Stille oder bewegt sich synchron durch Asanas.

Religionen haben überwiegend eine Vorstellung vom Göttlichen. Manchmal namentlich benannt, manchmal abstrakt, aber doch fest umrissen. Die meisten hinduistischen Strömungen kennen Hunderte oder gar Tausende verschiedene göttliche Figuren. Patañjali benennt im Yoga SūtraĪśvara ein Prinzip, dem man sich in Hingabe und Demut zuwenden kann, um Yoga zu erlangen. Er beschreibt ihn mit bestimmten Qualitäten, etwa Zeitlosigkeit. Īśvara wird auch als ein Gott der Wahl beschrieben, für den man sich selbst einen Namen und eine Vorstellung aussucht. Andere Yoga-Wege arbeiten mit noch abstrakteren Konzepten, während insbesondere der Bhakti-Yoga-Weg konkrete Bilder nutzt: Statuen, Altäre und Rituale.

Ort des Zusammenkommens

Yoga-Ashrams lassen sich vielleicht mit christlichen Klöstern vergleichen: Orte der Einkehr, an denen wir uns ganz einer spirituellen oder religiösen Praxis widmen können. Viele Ashrams stehen allen Menschen offen, unabhängig von Religionszugehörigkeit. Aus hinduistischen Kreisen gibt es allerdings auch kritische Stimmen, die diese Offenheit nicht gutheißen. Ebenso kenne ich christliche Kirchen in Deutschland, die Yoga ablehnen – weil sie darin einen zu offenen Zugang sehen, der die Menschen von der einen wahren Religion wegführen könnte.

Ich bin überzeugt, dass Yoga-Praxis allen offensteht. Auch Menschen ohne religiösen Hintergrund. Ich selbst bin ohne Religion aufgewachsen und konnte mir den Begriff des Göttlichen ganz frei erschließen. Für mich war es der Kontakt mit den Yoga-Lehren, der mein Verständnis des Göttlichen am stärksten geprägt hat. Meine Lehrerin Sharon Gannon sagt gern, dass Yoga jede Religion »upgraden« kann, indem es ihr mehr Tiefe im Erleben und in der Erfahrung verleiht.

Mystik als gemeinsame Wurzel

Im Übrigen finden sich in vielen Religionen diese eher spirituellen, dem Yoga ähnlichen Aspekte: den Sufismus im Islam, die Kabbala im Judentum oder die christliche Mystik, etwa bei Meister Eckhart.

Ich finde es großartig zu sehen, wie vieles verwoben ist, wenn man sich diese Entwicklungen anschaut. Über Zeiten und Ozeane hinweg tauchen immer wieder Parallelen und Verbindungslinien auf, in Sichtweisen und Gedankenwelten. Vielleicht ist das eine gute Erinnerung für uns alle, die Verbindung und das Miteinander wieder mehr in den Vordergrund zu stellen, statt Abgrenzung.

Ethische Werte sind ein gemeinsamer Kern

Ethische Werte scheinen über viele Religionen und Yogatraditionen hinweg bemerkenswert ähnlich zu sein: nicht zu töten, nicht zu verletzen, nicht zu stehlen oder zu lügen. Diese oder ähnliche moralische Konzepte finden sich immer wieder, auch im Yoga Sūtra, in der Form der fünf Yamas, auf die wir später noch genauer eingehen werden.

Sanskrit und die Bedeutung der Sprache in den Yoga Sūtras

Schon jetzt sind dir in diesem Buch viele Sanskrit-Begriffe begegnet, und auch die Yoga Sūtras erreichen uns heute meistens in der Sprache des Sanskrit. Es gibt Hinweise darauf, dass der Originaltext in einer Art hybrider Form verfasst wurde, also einer Mischung mit anderen damaligen Sprachen, die bisher nicht ganz dem heutigen sogenannten klassischen Sanskrit entsprachen.

Das sogenannte klassische Sanskrit ist das Sanskrit, das nach dem Verfassen einer der weltweit bekanntesten Grammatiken entstand, nämlich derjenigen von Pāṇini. Auch diese Grammatik ist übrigens im Sūtra-Stil geschrieben.

Sanskrit wird heutzutage in der Yoga-Welt manchmal als heilige Sprache bezeichnet, als die Sprache des Yoga. Aber ist Sanskrit wirklich eine heilige Sprache? Hat sie mystische oder kosmische Energien?

Zunächst einmal ist Sanskrit eine Sprache, so wie es andere Sprachen auch sind, es gibt auch ganz alltägliche Texte auf Sanskrit, jenseits von Mystik und Philosophie. Unter anderem Anleitungen, wie man eine Maschine benutzt, Kochrezepte oder Rechtstexte. Gleichzeitig existieren natürlich auch die wundervollsten poetischen Werke, Gedichte und großartige philosophische Schriften in Sanskrit.

Vielleicht gerade deshalb, weil heutzutage die meisten für Yoga relevanten Texte, die uns begegnen, auf Sanskrit verfasst sind, betone ich diesen Punkt so stark. Das hat leider auch einen historischen Hintergrund. Während der britischen Kolonialherrschaft in Indien forderte die Besatzungsmacht, dass philosophische und religiöse Praktiken in einer einheitlichen Sprache verfasst werden sollten, um sie besser verstehen, übersetzen und teilweise auch kontrollieren oder unterdrücken zu können. Die Wahl fiel auf Sanskrit.

Durch diesen Umstand, dass viele Yoga-Texte historisch auf Sanskrit oder in verwandten Sprachen geschrieben wurden und wir heute fast ausschließlich Sanskrit-Texte sehen, wirkt es so, als wäre Sanskrit die Sprache des Yoga. Darauf weist vieles hin, und gleichzeitig gibt es auch Argumente dagegen.

Sanskrit bedeutet wörtlich »das, was fertiggestellt ist«, also das, dem nichts fehlt. Auch die Veden wurden auf Sanskrit verfasst, und es war essenziell, dass die Sprache genau und unverändert überliefert wurde, vordergründig in der Aussprache. Das war damals der Weg, um philosophische und religiöse Ideen weiterzugeben. Es brauchte also eine Sprache, bei der klar definiert war, wie etwas ausgesprochen werden soll, und genau das bietet Sanskrit.

Egal in welcher Schrift Sanskrit geschrieben wird, ob in Umschrift mit Punkten und Strichen, wie in diesem Buch, oder in Devanagari, einer der heute am häufigsten verwendeten Schriften, Sanskrit bleibt immer Sanskrit. Es muss also nicht zwingend in Devanagari geschrieben sein, um wertvoll zu sein (auch wenn das Wort Devanagari so viel heißt wie »die Schrift aus der Stadt der Götter«). Sanskrit vermittelt durch seinen strukturellen Aufbau immer eindeutig, wie ein Wort ausgesprochen werden soll.

Natürlich gibt es auch hier regionale Unterschiede und Varianten, je nachdem, aus welcher Zeit ein Text stammt oder wie er gesungen wird. Lass dich also nicht verunsichern, wenn du verschiedene Aufnahmen hörst, die sich leicht unterscheiden.

Eine meiner Sanskrit-Lehrerinnen, Dr. Antonia Ruppel, hat einmal gesagt, dass man beim Chanting, also beim Singen oder Rezitieren von Mantras, Sūtras oder anderen Versen, am besten so nachsingt, wie es die Lehrperson, die man sich ausgesucht hat, vormacht.

Du musst kein Sanskrit sprechen können, um dieses Buch zu verstehen. Gleichzeitig ist Sanskrit eine meiner großen Leidenschaften. Ich liebe Sprachen, und Sanskrit ist für mich eine besonders schöne Sprache.

Was im Körper und im Geist passiert, wenn man Sanskrit spricht oder hört, ist für mich tatsächlich etwas Besonderes. Liegt das an der Sprache selbst? Oder vielleicht daran, dass ich und viele Menschen vor mir mit Hingabe Mantras, Sūtras und Shlokas gesungen haben und dadurch eine Art Projektion oder energetische Verbindung zur Sprache aufgebaut haben, die sie für uns so kosmisch und zauberhaft erscheinen lässt? Am besten probierst du es selber aus! Als Teil dieses Buches hast du Zugang zu Aufnahmen von mir, mit denen du ausgewählte Yoga Sūtras singen kannst. Diese findest du auf www.dasendedeinersuche.de

Ich würde mich freuen, wenn ich dich mit diesem Buch inspirieren könnte, dich ein wenig näher mit Sanskrit zu beschäftigen. Ich glaube, dass wir, wenn wir Sanskrit besser verstehen, auch einen direkteren Zugang zu tieferliegenden Bedeutungsebenen der Yoga-Texte finden, anstatt immer nur Übersetzungen zu lesen.

Natürlich geht das nicht von heute auf morgen, und ich möchte dir mit diesem Buch auch eine Art Abkürzung geben, indem ich meine Interpretation der Texte mit dir teile. Trotzdem ist es mir ein Herzensanliegen, dass wir uns gerade als Yoga-Interessierte mit dieser heute so verbreiteten Sprache des Yoga auseinandersetzen. Zur gleichen Zeit ist es auch ein wichtiger Beitrag, der Herkunft und Tradition des Yoga unseren Respekt zu zollen.

Was dieses Buch ist und was es nicht ist

Ich habe lange überlegt, wie ich diese Aufgabe annehmen kann: ein so großes Werk wie das Yoga Sūtra wirklich in die Moderne zu übersetzen. Wer bin ich überhaupt, dass ich dazu etwas sagen darf? Und was bedeutet es, einen historischen Text in eine neue, ganz andere Zeit zu transportieren? Mein Anliegen ist es, die historische Genauigkeit und Tiefe des Textes so gut wie möglich zu wahren, soweit mein Verständnis es zulässt. Ich versuche, die Yoga Sūtras auch in ihr ursprüngliches kulturelles Gefüge einzuordnen. Was bedeuteten die Sūtras zur Zeit ihrer Entstehung? Was bedeuten sie im Kontext des Werkes selbst und im Zusammenspiel mit anderen Schriften davor und danach? Auch wenn es dazu heute schon viele wissenschaftliche Forschungen gibt, bleiben auch diese vermeintlichen Fakten oft doch nur Annäherungen. Ich nutze die Sūtras in diesem Buch als ein Sprungbrett. Als Hinweise auf Themen, die vielleicht erst in unserer heutigen Zeit eine Rolle spielen. Die Idee von ahiṃsā, »Gewaltlosigkeit« zum Beispiel. Vermutlich war sie ursprünglich vornehmlich im Zusammenhang mit anderen Menschen gemeint, eventuell noch in Bezug auf eine vegetarische Ernährung. Massentierhaltung, sexueller Missbrauch von Kühen, Ausbeutung von Tieren in Zirkussen sind vermutlich leider eher in den vergangenen Jahrzehnten aktuell geworden und sollten deshalb heute Teil jeder Diskussion über gewaltloses Handeln sein.

Wie ich im Vorwort schon kurz erwähnt habe, wurde ich durch Brahmananda Sarasvatis Worte erinnert: Es kommt auf den Kontext an. Der Kontext ist nicht nur das Buch, in dem wir etwas finden. Es ist auch das einzelne Wort im Satz und noch viel mehr: Mit wem sprechen wir? Wen möchten wir erreichen? In welcher Zeit leben wir und mit welchem Ziel sagen wir etwas?

Die Perspektive, aus der wir etwas betrachten, entscheidet darüber, wie es erscheint. Je nachdem, wer etwas anschaut, wird eine andere Bedeutung darin sehen können.

Dieses Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es soll kein akademisches Werk sein, keine wissenschaftliche Abhandlung über die Sprache des Sanskrit oder die Philosophie des Yoga Sūtra. Der Großteil dessen, was ich mit dir teile, entspringt aus meinen eigenen Überlegungen und all den wundervollen Dingen, die meine Lehrer*innen und Wegbegleiter*innen so großzügig mit mir geteilt haben.

Es soll eine Inspirationsquelle sein. Ein Impulsgeber, der dich einlädt, in einen alten Text einzutauchen, mit Respekt vor der Tradition und gleichzeitig mit dem Wunsch, das Feuer, das in diesen Lehren brennt, heute für dich zu nutzen. Ein Feuer, das auch in dir entfacht werden kann: um zu reflektieren, zu hinterfragen, zu erkennen. Für dein Leben, deine Yoga-Praxis und deinen Unterricht.

Mein Anliegen – wie in allem, was ich mache – ist es, Offenheit in die Welt zu bringen. Auch wenn ich meine Sicht teile, soll immer Raum für andere Blickwinkel bleiben. Darf es in diesem Buch Widersprüche geben? Ja, genau darum geht es. Ich wünsche mir, dass dieser Raum bestehen bleibt, dass Gedanken nebeneinander existieren dürfen. Auch solche, die sich scheinbar widersprechen.

Wenn du beim Lesen auf Stellen triffst, bei denen du vollkommen anderer Meinung bist: Nimm dir einen Moment der Stille. Setz dich hin. Meditiere. Und frage dich: Was passiert gerade in mir? Woher kommt dieses Unbehagen oder dieser Ärger? Und genauso: wenn du Stellen findest, die dich tief berühren. Nimm auch diese ernst. Lass sie wirken. Gib ihnen Raum, sich zu entfalten.

Mit diesem Buch möchte ich kein neues Lehrwerk erschaffen. Und trotzdem wird es Momente geben, in denen du dich vielleicht wie im Unterricht fühlst. Denn gelegentlich werde ich schon sehr genaue Erklärungen geben, was ein Sanskritwort bedeutet und wie ein Sūtra historisch genau einzuordnen ist. Ich halte es für unabdingbar, dass wir auch auf dem Weg zu Yoga, zu einem Zustand von Befreiung, Struktur und Genauigkeit nicht außer Acht lassen. Es sind wesentliche Bestandteile der vergänglichen Welt, in der wir leben. Sie zu ignorieren, bringt uns nicht schneller zur Erleuchtung. Eher können sie uns eine stabile Basis schaffen, die uns ein Gefühl von Sicherheit gibt. Diese Sicherheit ermöglicht es dann eventuell, uns in zuvor ungeahnte gedankliche Sphären zu begeben.

Yoga zu lehren, liegt mir am Herzen: Yoga zu teilen – so wie er war und so wie er heute ist. Mit so vielen Menschen wie möglich. Deshalb versuche ich, eine Sprache zu finden, die verständlich ist. Eine Sprache, die viele mitnimmt. Und vor allem: eine Sprache, die Räume schafft. Gedankliche Räume, deren Türen dir bislang vielleicht verschlossen waren. Ich wäre dankbar, wenn du einige von ihnen mithilfe dieses Buches wenigstens wiederentdeckst, sie einen Spalt öffnest oder sogar ganz hindurchtrittst, um mit Neugier das bisher Unbekannte zu entdecken.

Wie du dieses Buch nutzen kannst

In diesem Abschnitt möchte ich mit dir teilen, wie du dieses Buch am besten benutzen kannst. Zunächst einmal möchte ich sagen, dass es nicht notwendig ist, das Buch unbedingt von vorn bis hinten durchzulesen – nur bei den Vorworten, der Einleitung und diesem Anleitungskapitel bietet sich ein chronologisches Lesen an. Wenn wir dann wirklich in die Welt von Patañjali eintauchen, empfehle ich, die Kapitel »Yoga ist jetzt« und »Was ist Yoga?« zuerst zu lesen, gerade wenn du dich bisher nicht viel mit dem Text auseinandergesetzt hast. Hier beschreibe ich viele grundlegende Begriffe und Ideen, die für das Verständnis anderer Kapitel hilfreich sein können. Ansonsten kannst du die Kapitel ganz wunderbar einzeln lesen. Du könntest etwa einfach am Morgen ein Kapitel aufschlagen, das dir zufällig in die Hände fällt, und dich damit auseinandersetzen.

Du kannst auch immer wieder zu Kapiteln zurückkehren. Ich glaube, mit jedem wiederholten Lesen werden dir vielleicht neue Dinge auffallen oder, aufgrund veränderter Erfahrungen auf deiner Seite, neue Aspekte zugänglich werden. Die einzelnen Kapitel sind in sich abgeschlossen und erheben keinen Anspruch darauf, dass eines weich ins nächste übergeht oder Überleitungen dazwischen nötig wären.

Gleichzeitig wird es natürlich, ähnlich wie im Originaltext der Yoga Sūtras, Themen geben, die sich aufeinander beziehen. Wenn du also erst das achte Kapitel liest und danach das dritte, dann wird sich das vielleicht in einem anderen Licht darstellen, als wenn du sie in einer anderen Reihenfolge gelesen hättest.

Darin liegt auch eine große Kraft, nämlich die Kraft der Wiederholung. Sowohl innerhalb eines Kapitels als auch über verschiedene hinweg wirst du manchmal auf gleiche oder ähnliche Aussagen treffen. Indem wir uns Dingen wiederholt widmen und über sie nachdenken, können wir immer neue Perspektiven einnehmen und sie auf verschiedenen Ebenen besser verstehen.

Ich möchte dir nun kurz die Struktur eines jeden Kapitels vorstellen, damit du dir ein besseres Bild machen kannst. Ein intellektuelles Verstehen dessen, was passiert, kann helfen, tiefer einzutauchen. Ich möchte diese Einleitung hier nutzen, um dir eine Art Orientierung zu geben. So wie es ja wichtig ist, an einem neuen Ort zu wissen, wo die wichtigsten Dinge zu finden sind: der Ausgang, der Lichtschalter und so weiter. Ein Gefühl der Orientierung vermittelt Sicherheit, und Sicherheit schafft Entspannung. Mit einem Gefühl des Entspanntseins kannst du viel tiefer und auf verschiedenen Ebenen in die Gedanken dieses Buches eintauchen. Zumindest ist das mein Wunsch.

Wort-für-Wort-Übersetzung

Jedes Kapitel beginnt zunächst mit einer Wort-für-Wort-Übersetzung eines Yoga Sūtras. Denn jedes Kapitel ist hauptsächlich einem ausgewählten Sūtra gewidmet. In dieser Übersetzung findest du die einzelnen Wörter des Sūtras mit ein bis zwei möglichst wörtlichen Bedeutungen. Das Yoga Sūtra wird mit zwei Zahlen angegeben. Die erste gibt an, aus welchem der vier Kapitel das Sūtra stammt, die zweite folgt der Nummerierung in diesem Kapitel. 1.1 steht also für das erste Sūtra aus dem ersten Kapitel. Mithilfe dieser Angabe kannst du das Sūtra schnell auch in anderen Quellen nachschlagen.

Du findest das ganze Sūtra zunächst in Devanāgarī-Schrift und anschließend in einer heute häufig verwendeten Umschrift. Mit dieser Umschrift kannst du genau nachvollziehen, wie die einzelnen Wörter ausgesprochen werden. Lass dich nicht irritieren, wenn sich in der Wort-für-Wort-Übersetzung die Wörter manchmal anders darstellen als im vollständigen Sūtra. Das liegt an den Regeln von sandhi – den Regeln des guten Klangs im Sanskrit. Diese besagen, dass sich bestimmte Buchstaben beim Zusammentreffen verändern, verschmelzen oder angepasst werden.

Diese Wort-für-Wort-Übersetzung ist vielleicht einer der wichtigsten Teile jedes Kapitels. Ich würde mich freuen, wenn du nach dem Lesen dieser Übersetzung einen Moment pausierst, um zu reflektieren, was die einzelnen Wörter mit dir machen. Ohne sofort wissen zu wollen, was sie im Zusammenspiel bedeuten oder wie das gesamte Sūtra übersetzt wird. Das ist der Moment, in dem du dir selbst Raum schenken kannst.

Über Räume habe ich schon einige Male hier im Text gesprochen. Räume sind wichtig, Weite ist wichtig, Freiraum ist wichtig, damit wir unsere eigenen Gedankengänge haben dürfen und können. Um Freiheit geht es schließlich nicht nur in den Yoga Sūtras, sondern auch allgemein in der Yoga-Praxis.

Gesamtübersetzung

Nach der Wort-für-Wort-Übersetzung folgt eine möglichst wörtliche Gesamtübersetzung des Sūtras. Dafür nehme ich natürlich auch bestehende Übersetzungen zur Hilfe. Einige davon habe ich dir am Ende dieses Buches aufgelistet. Ich versuche gleichzeitig, mein eigenes Verständnis von Sanskrit einfließen zu lassen. Der Text, der mich dabei am meisten leiten wird, ist das sogenannte Bhāṣya. Wie ich dir bereits erzählt habe, ist das vermutlich die ursprüngliche Interpretation der Yoga Sūtras, vielleicht sogar von Patañjali selbst. Auch wenn das nicht der Fall sein sollte, so ist es doch eine Auslegung, die zeitlich sehr nah an der Entstehungsgeschichte der Yoga Sūtras entstanden ist.

Historische und philosophische Einordnung

Nach dieser Übersetzung folgt eine Einordnung in den historischen und philosophischen Kontext des Yoga Sūtras. Da ich nicht alle Sūtras des Textes beleuchten werde, muss ich stellenweise erklären, welche Rolle dieses Sūtra im Gesamttext spielt. Auch hier beziehe ich mich besonders auf das Bhāṣya und fasse kurz zusammen, was heute über die Bedeutung dieses Sūtras bekannt ist oder angenommen wird. Ich gehe hier auch noch mal auf wichtige Konzepte und Begrifflichkeiten ein, wenn sie in dem Kontext relevant sind.

Impulse und Übertrag

Danach folgt der große Absprung – so stelle ich es mir bildlich vor. Ich nutze die historische Bedeutung, die wörtliche Übersetzung, meine eigenen Erfahrungen und das, was ich von meinen Lehrerinnen und Lehrern lernen durfte, um von diesem Sūtra aus in größere Bedeutungsebenen zu springen. Diese müssen nicht zwingend mit der akademischen Deutung des jeweiligen Yoga Sūtras zu tun haben. Und trotzdem glaube ich, dass es wertvoll sein kann, historische Impulse zu nutzen, um sie mit Fragen und Themen unseres heutigen Lebens zu verbinden, damit in Beziehung zu bringen und sie als Inspiration zu nutzen.

So können wir Dinge reflektieren, über die wir vielleicht noch nie nachgedacht haben, oder über Bekanntes reflektieren und es aus einer neuen Perspektive beleuchten.

Praktische Anwendung und Übung

Schließlich findest du am Ende eines jeden Kapitels noch einen Vorschlag zur praktischen Anwendung, bezogen auf das jeweilige Sūtra oder meinen modernen Bezug. Das können Meditationen, Visualisierungen, Impulse zum Nachdenken, Journaling oder manchmal auch ganz andere Übungen sein.

Ich hoffe, dass du dich jetzt gut orientiert fühlst, um gleich in das erste Kapitel »Yoga ist jetzt« einzusteigen. Ich wünsche dir viel Freude beim Räume schaffen, beim Reflektieren, Nachdenken und Nachschlagen. Ich würde mir wünschen, dass du auch andere Bücher über die Yoga Sūtras zurate ziehst oder online weitere Perspektiven suchst, sie miteinander vergleichst, mit anderen darüber sprichst und diskutierst. So kann in dir ein immer weiter wachsendes Netz an Wissen und Erfahrung entstehen.

Ende der Leseprobe

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Originalausgabe

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Covergestaltung: Jürgen Kiermeier

Redaktion: Birthe Vogelmann

Layout/Satz: Jürgen Kiermeier, YUNA/satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-33834-3V001