Das Erbe der Macht - Band 31: Splitterzeit - Andreas Suchanek - E-Book

Das Erbe der Macht - Band 31: Splitterzeit E-Book

Andreas Suchanek

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Beschreibung

Die Befürchtungen des Beobachters haben sich bewahrheitet, die große Dunkelheit hat zugeschlagen. Jen und Alex finden sich in der Gegenwart wieder, doch diese hat sich völlig verändert. Wer ist tot, wer ist am Leben? Welche Pläne haben ihre Gegner – und was war der Zweck dieser Intrige? Die Wahrheit offenbart sich, mit all ihrer Konsequenz. Das Erbe der Macht ... ... Gewinner des Deutschen Phantastik Preis 2019 in "Beste Serie"! ... Gewinner des Lovelybooks Lesepreis 2018! ... Gewinner des Skoutz-Award 2018! Das Erbe der Macht erscheint als E-Book und alle drei Monate als Hardcover-Sammelband.

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Table of Contents

Splitterzeit

Was bisher geschah

Prolog

1. Schöne neue Welt

2. Auf die magische Art

3. Es ist, wie es ist

4. Der Höchste Magier

5. Unter der Rüstung

6. Unter Freunden

7. Blutzoll

8. Die mystische Mauer

9. Das ist unsere Geschichte

10. Recherche

11. Im Schatten der Mauer

12. Vertrauter Fremder

13. Die Gnadenlose

14. Flucht ins Ungewisse

15. Fluchtplan

16. Todeskampf

17. Das verlassene Archiv

18. In Stein gegossen

19. Vertrauter Feind

20. Tee im Buckingham Palace

21. Im dunklen Spiegel

22. Die Sorgen des Christian Grant

23. Der erste Zug des neuen Spiels

Epilog

Vorschau

Glossar

Impressum

Seriennews

Das Erbe der Macht

Band 31

»Splitterzeit«

von Andreas Suchanek

 

 

 

Was bisher geschah

 

Der Kampf zwischen dem Anbeginn, Merlin und den Widerständlern der Zuflucht geht weiter.

Dank gemeinsamer Kraftanstrengung ist es Alex, Kyra, Artus, Tyler und Kevin gelungen, die Seele von Jen wieder zusammenzusetzen. Um ihr auch ihren Körper zurückgeben zu können, reisen die Freunde zur Blutnacht von Alicante – allerdings ohne Kyra, die bei Max und dem Beobachter in der entfernten Zukunft zurückbleibt. Hier wollen die Freunde die Macht des Onyxquaders und von Excalibur verwenden, um den Drachen über eine Zeitbrücke herbeizurufen und Jens Seele wieder mit ihrem Körper zu verschmelzen. Das Vorhaben gelingt. Arwen ist endgültig besiegt.

Bevor die Zeitbrücke jedoch gelöst werden kann, vollendet Kevin seinen geheimen Plan. Um seinen Bruder zurückzubringen, gibt es in seinen Augen nur einen Weg: Er muss den Onyxquader zerstören und damit auch die Erschaffung des Walls verhindern. Laut Moriarty ist dies die einzige Möglichkeit, die Zukunft neu zu schreiben. Da er Tyler für tot hält, gibt es nichts mehr, was ihn aufhalten kann.

Weil nur Artus Excalibur zu führen vermag, steckt Kevin ihm den Ring an den Finger. Mit der Gewalt des Essenzstabes vom Anbeginn wird der Onyxquader vernichtet. Alex, Jen, Kevin und Artus werden durch die Brücke zurück in die Gegenwart gezogen.

Doch die Zeit löscht alles aus und setzt alles neu zusammen. Was wird sie in der Gegenwart erwarten?

Prolog

 

Sand.

Überall wirbelte heller Sand, fegte durch die Luft und trug Steinbrocken mit sich. Immer wieder tauchten inmitten des Chaos Szenen auf. Aus Stein gehauen zeigten sie Ereignisse der Geschichte, die Jen vertraut waren. Im nächsten Augenblick zerbröselte alles, schleuderte davon und wurde neu zusammengesetzt.

Im Herz der Gewalten wurden Alex, Artus, Kevin und sie herumgewirbelt.

Ein Schrei erklang, durchzog als Echo die Jahrzehnte. Eine schwarze Sonne ging auf, Excalibur explodierte in einer Fontäne. Dunkler Sand mischte sich mit gelbem. Ein weiterer Schrei. Der Zeitring zerbarst.

Damit waren alle drei Artefakte vom Anbeginn nicht länger ein Teil der Existenz. Artus’ Körper erschlaffte. Wie eine Puppe wirbelte er davon und wurde eins mit dem gnadenlosen Sand der Zeit.

Erst jetzt realisierte Jen, dass Alex sie fest umschlungen hielt. Und sie ihn. Sie beide waren wieder eins, und nicht einmal das Ende der Welt konnte sie auseinanderreißen.

Kevin presste die Handflächen gegen den Kopf, als litt er unter grausamen Schmerzen. Blut lief aus seiner Nase, er zitterte. Sand schmiergelte über seine Haut, riss Wunden hinein, die sich sofort wieder schlossen.

»Was passiert hier?«, rief Jen.

»Alles vergeht«, flüsterte Alex direkt an ihrem Ohr. »Und wird neu erschaffen.«

Sie konnte sich denken, dass Alex’ Gedanken bei seinem Bruder und seiner Mutter waren. Er hatte sie zurückgewonnen, durch Kevins Tat, aber alles andere verloren.

Aus dem Nichts kam Artus herangewirbelt. Er drehte sich um die eigene Achse, schlingerte wie eine Puppe, deren Fäden man endgültig durchschnitten hatte. Sein Körper traf auf Kevin und riss ihn mit sich fort.

Jen schloss die Augen. Sie musste an Tyler denken, der in der Vergangenheit wohl gestorben war. Ein Verlust, der den letzten Faden durchtrennte, der Kevin zurückgehalten hatte. Doch mit der Macht des Zeitrings hatte er sich für eine Tat entschieden, die Jen niemals gutheißen würde.

Er hatte Artus zu seiner Waffe gemacht und alles zerschmettert, was ihnen nach Merlins Machtergreifung geblieben war.

»Wer wird noch da sein?«, flüsterte Jen jetzt direkt an Alex‘ Ohr.

Sein Körper nah an ihrem zu spüren, tat so gut, sein Geruch, seine Präsenz. Als reine Seele war sie ihm nah gewesen, kannte ihn nach diesem Erlebnis bis zum letzten Funken seines Seins. Er sie ebenso.

»Ich weiß es nicht«, sagte er.

Zwischen den Wirbeln des Sandes erschienen immer mehr Szenen, die zerstört wurden.

Ihre Reise endete abrupt.

Und eine neue Gegenwart nahm sie auf.

1. Schöne neue Welt

 

Der Sandsturm ebbte abrupt ab. Sie standen auf einer gewöhnlichen asphaltierten Straße.

Jen blinzelte verwirrt. Der Übergang war kein Fall, kein Taumeln, sie waren einfach da. Doch wo? Und vor allem: wann?

Alex hielt sie noch immer im Arm, löste sich langsam von ihr. »Bist du okay?«

»Ich denke schon.« Sie erwiderte seinen Blick.

Für einige Sekunden blieben sie so stehen, genossen die wiedergewonnene Möglichkeit, sich zu berühren, zu spüren. Seit dem Kampf bei Glamis Castle war das vorbei gewesen, Jens bewusste Existenz hatte dort geendet.

»Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm«, sagte Alex.

Sie lösten sich voneinander und blickten sich um. Der Asphalt war glatt und sauber, die Hausfassaden ebenso. In der Ferne führte eine dicht bevölkerte Hauptstraße vorbei, Jen erkannte Menschen. Sie trugen die Kleidung der Gegenwart.

»Vielleicht«, sagte sie nur.

An ihrem Gürtel hing der neue Essenzstab, den Alex bei den Kuyakunga für sie geschaffen hatte. Ein Whisperband besaß sie noch nicht, einzig an Alex’ Handgelenk zeigten sich die tätowierten Symbole. »Kannst du Kevin oder Artus erreichen?«

Er fixierte das Band mit seinem Blick, genauer: bestimmte Symbole darin. »Keinen von beiden. Vielleicht sind sie bewusstlos oder irgendwie anders abgeschirmt. Ehrlich gesagt will ich nicht in Kevs Haut stecken, wenn Artus ihn in die Finger bekommt.«

»Da hast du …« Jen taumelte, musste sich an der Wand abstützen. »Mein Sigil.«

Alex riss die Augen auf. »Es ist stärker.« Er schluckte. »Hier gibt es keinen Wall.«

»Er hat es wirklich getan«, flüsterte Jen. »Ich kann es irgendwie noch nicht fassen. Eine Welt ohne Wall. Was bedeutet das?«

»Wir werden es wohl gleich erfahren.« Alex nickte in Richtung Hauptstraße.

Gemeinsam setzten sie sich in Bewegung. Autos sah Jen nicht, dafür umso mehr Menschen. Sie gingen zielstrebig den Bürgersteig entlang, einige tippten auf ihren Smartphones herum, andere hörten Musik. Alles wirkte wie immer.

»Dort vorne«, er deutete auf einen Kiosk mit breiter Auslage. »Die gute alte Zeitung ist eben doch zu etwas zu gebrauchen.«

Sie erreichten den Stand. Hinter einem kleinen Verkaufstresen lugte ein Mann zu ihnen heraus. Aus seinen Nasenlöchern ragten Haare, die ihm auf dem Kopf vollständig fehlten. »Wie darf ich helfen?«

Jen betrachtete eine der Zeitungen. Das Datum stimmte. Seit Alex’ Aufbruch waren nur wenige Tage vergangen. »Das sieht gut aus. Die Zeit ist eindeutig korrekt.« Erst mit etwas Verspätung registrierte sie die Schlagzeile. »Das Höchste Haus von Australien stellt sich offen gegen Nordamerika. Es wird erwartet, dass die beiden Hochmagier in Kürze den Krieg ausrufen.«

»Oh, Shit.« Alex tastete nach der Zeitung.

Ein gelblicher Blitz traf seine Finger.

»Das wären dann fünf Bernsteinkörner«, sagte der Alte.

»Bitte was?«, gab Alex patzig zurück und hielt sich die Hand.

Der Verkäufer blinzelte ob des scharfen Tons. Sein Blick taxierte zuerst Jen, schließlich Alex. Er wurde bleich. »Das tut mir aufrichtig leid, ich löse das Feld natürlich umgehend. Verfahrt mit mir, wie es Euch beliebt.«

Jen stöhnte auf. Der Mann zeigte nackte Angst, und es war ziemlich eindeutig, weshalb. »Das wird nicht nötig sein.« Sie packte Alex und zog ihn davon.

»Aber was ist mit der Zeitung«, sagte er verdattert.

Kurzerhand bekam er einen Klaps auf den Hinterkopf, was ihr überraschend guttat. »Der arme Kerl ist beinahe umgefallen. Das war ein Nimag und er hatte definitiv Angst vor uns Magiern. Vermutlich ist der arrogante Ton da sehr leicht zuzuordnen. Und dann das Zahlungsmittel.«

»Bernstein.« Alex nickte. »Vor dem Wall wurde es genutzt. Aufgeladen mit Magie, hat es den Nimags damals ermöglicht, selbst fest installierte Zauber auszuführen. Sieht so aus, als hätte sich das bis in diese Zeit gehalten.«

Die Menschen kannten Magie, wussten, was sie war. Irgendwie hatte sich trotzdem eine ähnliche Zivilisation entwickelt, allerdings unter gänzlich anderen Machtstrukturen.

»Da stand etwas von Höchstem Haus«, sagte Jen. »Das klingt für mich, als hätten Magier hier kurzerhand die Kontrolle übernommen.«

Sie glitten durch die Menge, und erst nach einigen Schritten bemerkte Jen, dass die Nimags ihnen instinktiv auswichen. Ein Mann erschrocken, eine Frau hastig.

»Wundert es dich?«, fragte Alex. »Vor dem Wall hat der Rat für Ordnung gesorgt, aber viele Magier haben sich Fürsten und Kaisern angedient. Das Ganze musste doch irgendwann eskalieren. Ich will gar nicht wissen, wie die Weltkriege ausgesehen haben. Überall Magier mit im Spiel, Artefakte und besondere Talente. Wieso sollten sich die skrupellosesten Magier Königen oder Kaisern dauerhaft unterwerfen? Irgendwann wird jemand festgestellt haben, dass es doch viel einfacher wäre, selbst zu herrschen.«

»Aber genau das hätten die Unsterblichen doch verhindert«, sagte Jen. »Und selbst wenn es eine Art Coup d’Etat gegeben hätte, würde die Zitadelle unweigerlich Ersatz schicken. Sie sind mächtiger als wir gewöhnlichen Magier, folglich hätte es eine solche Machtverschiebung niemals geben können.«

Unweigerlich dachte Jen an Patricia Ashwell, die genau eine solche Version der Geschichte bevorzugt hätte. Ausgerechnet Kevin hatte die Träume der verstorbenen Mutter von Clara jetzt Wirklichkeit werden lassen.

»Mein Magen knurrt«, sagte Alex nach einer Weile.

»Selbst in der furchtbarsten Dystopie kannst du an nichts anderes denken«, erwiderte Jen.

»Ich will halt nicht vor Schwäche umgebracht werden«, konterte er. »Außerdem ist das hier nicht irgendeine Dystopie. Es ist die Gegenwart.«

»Schöne neue Welt«, murmelte Jen. »Wenn Artus mit Kevin fertig ist, werde ich ihn so was von zusammenbrüllen.«

Sie hatte noch immer Mitleid mit Kevin, selbst nach dieser von ihm angerichteten Katastrophe. Der Gedanke an Chris schmerzte auch sie jeden Tag. Doch selbst mit dem Zeitring hätte Jen es nicht versucht, ihre Mutter oder Schwester ins Leben zurückzuholen. Die Konsequenzen waren einfach zu groß. Gleich den gesamten Wall zu verhindern, Millionen von Leben dadurch zu verändern, die alte Version auszulöschen, war für sie unbegreiflich.

Die Umgebung wirkte wie eine simple Straße im Herzen von London. Es gab hier und da Schaufenster mit gewöhnlichen Auslagen, sah man von den Preisschildern ab. Alles wurde in Bernsteinkörnern und Bernsteinbrocken bemessen. Für einige sehr edle Kleidungsstücke wurden Bernsteine mit eingewobenem konstanten Zauber gefordert.

»Schau dir das an«, sagte Alex. »Für diesen Designeranzug wollen die einen Bernstein mit Flugzauber, der mindestens vierundzwanzig schwerelose Stunden ermöglicht.«

Jen wunderte es nicht mehr. Sie hatten bereits Zeiten vor dem Wall besucht, und die Entwicklung war in diese Richtung gegangen. Das hier war schlicht die konsequente Weiterführung in die Gegenwart.

Unweigerlich dachte sie an alltägliche Dinge wie die Strom- oder Wasserrechnung. Wurden die Autos mit Benzin angetrieben oder Bernsteinen? Wo hatte sich die Technik durchgesetzt, wo die Magie?

Ein Schrei erklang, der ihre Gedanken abrupt unterbrach.

»Dort vorne.« Alex nickte zum Eingang einer Seitenstraße, hatte den Essenzstab bereits gezogen.

Gemeinsam rannten sie los.

2. Auf die magische Art

 

Die Gasse war leer, bis auf zwei Silhouetten am anderen Ende. Alex und Jen rannten, doch ihre Schritte hallten dumpf wider, als habe jemand die Geräusche unterdrückt.

Beim Näherkommen erkannte Jen einen gut gekleideten Mann, der in Poloshirt und Chinos leger vor dem gegenüberliegenden Ausgang der Gasse stand. Sein Haar war sauber frisiert, schimmerte golden. Hier hatte definitiv Magie nachgeholfen.

»Ich sagte doch Nein«, erklärte er gerade. »Was ist nur mit euch Nimag-Gesindel, dass man sich ständig wiederholen muss.«

»Aber ich wurde eingeladen«, hauchte ein anderer Mann, wobei er das Zittern nicht unterdrücken konnte.

Er war ähnlich gekleidet wie der Magier, wenn auch nicht so perfekt gestylt. Es wirkte, als habe der Blonde einen Weichzeichner über sich gelegt, wie es im Social Media öfter geschah. Der andere Kerl war irgendwie realer.

»Du wurdest aber nicht von mir eingeladen, und letztlich ist es doch so, dass es meine Party war«, erklärte der Blonde. »Ich sage ›war‹, weil meine Laune wirklich auf einem Tiefpunkt angekommen ist. Es macht einfach keinen Sinn mehr, zurückzukehren. Stattdessen werde ich gelangweilt im Penthouse liegen. Dafür bist du verantwortlich.«

»Ich mache es wieder gut«, rang sich der Dunkelhaarige ab.

Jetzt bemerkte der Blonde Alex und Jen, sein Blick erfasste ihre Essenzstäbe und er runzelte die Stirn, sagte jedoch nichts. »Siehst du, es ist immer dasselbe mit deiner Art von Nimags. Ihr wisst eben nicht, wo euer Platz ist. Du wirst es nicht lernen, da mache ich mir keine Illusionen.« Er hob die rechte Hand. »Nimag Inflammare Infinite.«

Der Dunkelhaarige hatte nicht einmal mehr Zeit, seinen eigenen Tod zu realisieren. Magisches Feuer verbrannte ihn zu Asche.

Jen schrie auf.

Noch während ihr bewusst wurde, dass der Magier keine sichtbare Essenz genutzt und kein Symbol erschaffen hatte – die Worte hatten für den Zauber ausgereicht –, sah sie der Asche nach, die vom Wind verweht wurde.

»Ich mag es nicht, gestört zu werden«, sagte der Blonde jetzt und richtete seinen hochmütigen Blick auf Alex.

»Beim Ermorden von Menschen?«, fragte der. »Das kann ich mir vorstellen. Potesta Maxima!«

Bernsteinfarbene Essenz entflammte und schoss auf den anderen zu.

»Soll das ein Scherz sein«, sagte dieser, nachdem er den Kraftschlag einfach aufgefangen hatte. »Was kommt als Nächstes, eine Vektorumkehr?«

»Gravitate Negum«, brüllte Alex und wob das Symbol.

Der Zauber entstand und verging.

»Es ist also ein Scherz.« Er sah sich um. »Eine von den heimlichen Prüfungen des Instituts?«

Jen hatte bisher vermieden, einzugreifen. Doch sie bewegten sich hier mit Höchstgeschwindigkeit auf eine Katastrophe zu. Irgendwie musste sie das stoppen. »Ich bin Jen, das ist Alex. Und wer bist du?«

»Willst du etwa behaupten, dass du mich nicht kennst?« Er runzelte die Stirn. »Eine Prüfung sollte doch irgendwie … raffinierter stattfinden, nicht wahr? Es gibt weder Magier noch Nimags, die die wichtigen Personen der Hierarchie nicht kennen. Den Namen des Thronfolgers eines Höchsten Hauses nicht zu wissen, ist unmöglich. Ihn anzugreifen ein Todesurteil. Du solltest also besser gleich verkünden, dass dich das Institut geschickt hat.«

»Hat es«, sagte Alex.

»Zeige das Sigillum.« Der Blonde spannte die Muskeln bereits an.

Wie hatte er nur den Zauber gewirkt, ohne ein Symbol zu erschaffen? Merlin besaß die Fähigkeit, Zauber lautlos zu weben. Es gab Unsterbliche, die nach jahrelangen Studien ebenfalls dazu in der Lage waren. Doch Essenz war stets sichtbar.

Vermutlich konnten ihre Zauber deshalb so leicht abgefangen werden. Durch Worte und Symbole waren sie sofort zuordenbar. Trotzdem löste dies nicht das Rätsel um ihr Gegenüber.

»Das Sigillum, ja …« Alex schürzte die Lippen. »Ganz so einfach ist es dann doch nicht.«

»Ihr seid Magier«, sagte der Blonde. »Aber etwas an euch ist seltsam. Wieso bist du so ordinär gekleidet?«

Jen schaute unweigerlich an sich hinab. Sie trug tatsächlich noch die halb-lederne Rüstungsmontur, die Arwen zuvor angehabt hatte; Stiefel, Lederhose, eine ebensolche Weste mit Eisenaufschlägen. Doch interessanterweise betrachtete der Unbekannte bei diesen Worten Alex.

Dieser hatte andererseits in der Vergangenheit mit Illusionierungen gearbeitet und trug deshalb gewöhnliche Alltagskleidung. Die Sneakers waren etwas verschlissen, ebenso die Jeans. Aber das Shirt wirkte relativ unbeschadet, wie auch die dunkle Jacke.

»Wie ein gewöhnlicher Nimag«, sagte der Thronfolger.

»Und wenn schon, wieso sollte das schlecht sein«, blaffte Alex.

»Oh, ich verstehe.« Ein böses Lächeln überzog das hübsche Gesicht. »Ihr gehört zu den Störern. Diesem kleinen Haufen, der das ganze Zeug von Gleichberechtigung faselt. Arm, wirklich arm. Und obendrein überaus suizidal, hier vor mir aufzutauchen und irgendwelche Zauber laut auszusprechen. Ist euer Niveau so niedrig? Das Institut wird seine reine Freude daran haben, eure Sigile wieder zu entfernen.«

»Ah, Sadist sind wir auch«, kommentierte Alex. »Junge, du bist ein wandelndes Klischee.«

»Und du gleich nicht mehr am Leben«, gab der Blonde zurück. »Ich denke, mit deiner Freundin wird das Ganze spannender.«

»Ignis Ae…«, begann Alex.

Doch ein lautlos geführter Kraftschlag fegte ihn von den Beinen, bevor er den Zauber beenden konnte.

»Ja, für eine Prüfung wäre das alles etwas zu dämlich«, kommentierte der Blonde. »Aber wo du schon ein magisches Feuer erzeugen willst, sollte ich dir das Gleiche gewähren, was auch dieser Nimag-Dreck erhalten hat. Eine kurze Flamme, dann ist alles vorbei. Ich finde den Tod eines Magiers immer überaus erhellend.« Er kam langsam näher. »Und sobald ich mit deiner Freundin fertig bin, schicke ich sie zur Mauer.«

Alex kam stöhnend wieder auf die Beine, hatte aber eindeutig ein paar Prellungen davongetragen. »Eine Mauer zu bauen, war noch nie eine gute Idee. Wundert mich kein Stück, dass hier alles so schiefläuft.«

Jetzt wirkte der Thronfolger perplex. »Keine gute Idee? Nur deshalb sind wir alle noch am Leben. Langsam glaube ich tatsächlich, dass ihr wahnsinnig seid.«

Er hob die Hand, an der ein Ring funkelte.

»Aber sei‘s drum. Leb wohl.«