2,99 €
Dem Berliner Studenten Robert Terwin scheint ein Vermögen in den Schoß zu fallen, als sein verschollener Onkel Alois unerwartet verstirbt und ihm eine Villa im schicken Stadtteil Zehlendorf vermacht. Einzige Bedingung: Robert muss die Nacht vor Halloween darin verbringen und darf niemanden einlassen, bis am nächsten Tag die Sonne aufgeht.
Was nach schnellem Reichtum klingt, wird bald zu einer Konfrontation mit Roberts dunkler Familiengeschichte. Angeblich ist er als letzter Nachkomme einer gesegneten Blutlinie dazu bestimmt, zusammen mit einem Team eigenwilliger Hexenjäger das „Letzte Ritual“ zu verhindern, mit dem die Erzfeindin seiner Familie ganz Europa vernichten will …
„Das Erbe des Hexenjägers“ ist ein Urban Fantasy-Abenteuer mit schrulligen Charakteren, übernatürlichen Begegnungen, packenden Actionsequenzen und einer fesselnden intergenerationellen Familiengeschichte. Es vermischt Okkultes mit realen historischen Ereignissen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2019
Matthias J. Diaz
Das Erbe
des
Hexenjägers
EINE NACHT.
Robert konnte es immer noch nicht glauben.
„Ich verbringe eine Nacht allein in Onkel Alois‘ altem Haus, und danach gehört es mir?“
„Nicht irgendeine Nacht“, korrigierte ihn der Notar. „Diese Nacht. Die Nacht vor Allerheiligen. So hat Ihr Onkel es in seinem Testament bestimmt.“
„Wo ist der Haken?“, bohrte Robert nach. „Gibt es versteckte Hypotheken? Sind Sie ganz sicher, dass der Kasten sauber ist?“
„Junger Mann“, gab der hagere Alte pikiert zurück und arrangierte den Dokumentenstapel vor sich in einem rechten Winkel. „Diese Immobilie befindet sich seit über hundert Jahren im Besitz Ihrer Familie. Ich verrichte meine Arbeit seit über dreißig. Ich kann Ihnen also versichern …“
„Es ist nur … Das ist alles ziemlich überwältigend“, platzte Robert dazwischen. „Ich verstehe immer noch nicht, warum Onkel Alois ausgerechnet mich gewählt hat. Ich meine ... Ich habe nichts mehr von ihm gehört, seit ich noch ein Kind war. Sind Sie sicher, dass er nicht … Sie wissen schon … verwirrt war, als er mich als Erben eingesetzt hat? Alleine schon, wie er sich hier nennt …“
Robert ergriff die Seiten und überflog noch einmal den Schreibmaschinentext.
„Alois Burmantel“, las er laut vor. „Venator Maleficorum zu Berlin. Und Sie sind sicher, der Begriff bedeutet …“
„Hexenjäger“, bestätigte der Notar. „Es besteht kein Zweifel. Der Begriff bedeutet Hexenjäger.“
„Aber das ist doch …“, setzte Robert an.
„Ihr Onkel Alois war ein ungewöhnlicher Mann, Herr Terwin“, unterbrach ihn der Notar erneut. „In den letzten Jahren vor seinem bedauerlichen Verscheiden lebte er äußerst zurückgezogen und kann wohl als ein wenig wunderlich bezeichnet werden. Dennoch war er zweifellos bei klarem Verstand, als er vor einigen Wochen herkam, um sein Testament zu hinterlegen. Welche fiktiven Titel er sich in den Papieren zuschreibt, spielt keine Rolle.“
Robert schüttelte den Kopf. Wie hatte es nur so weit kommen können? Offenbar war Onkel Alois in den Wahnsinn abgerutscht. Kein Wunder, dass Papa jeglichen Kontakt mit ihm abgebrochen hat und mir verboten hat, je wieder mit ihm zu sprechen.
Er lehnte sich in seinem Ledersessel zurück. Goldener Lampenschein erleuchtete die massiven Möbel und die Teppiche des altmodisch eingerichteten Notarsbüros. Die Dämmerung des fortgeschrittenen Oktobertages war im Laufe ihrer Unterredung zu Dunkelheit geworden.
„Mein Vater“, wollte Robert wissen. „Weiß er, dass sein Bruder …“
„Das Testament nennt nur Sie allein“, kam ihm der Notar zuvor und warf einen Blick zur Standuhr, die zwischen den Bücherregalen an der Wand unbeirrt die Sekunden heruntertickte. „Alles Weitere dürfen Sie, bei allem Respekt, als Ihre Privatangelegenheit betrachten.“
Großartig, dachte Robert. Genau, was ich brauche: mehr Stress mit meinem Vater.
Der Notar nestelte eine goldene Taschenuhr hervor, warf einen Blick aufs Zifferblatt und hob die Brauen. „Leider habe ich heute noch einen weiteren Termin“, sagte er. „Wenn wir diese Angelegenheit also abschließen könnten ...“
Er drehte das Testament zu Robert um.
„Bitte auf der Linie ganz unten unterzeichnen“, forderte er und deutete zu einem Füllfederhalter mit Klavierlack und Goldringen. „Mit Name, Ort und Datum.“
„Danke, ich habe meinen eigenen“, brummte Robert und zückte einen blauen Plastikkuli. Ein Kribbeln breitete sich in seiner Brust aus. Nun, da er es mit Brief und Siegel vor sich hatte, traf ihn die volle Schwere der Erkenntnis.
Das hier passiert wirklich. Ich werde reich sein, einfach so. Bei Sonnenaufgang bin ich ein gemachter Mann.
„Glauben Sie, mein Onkel war gefährlich?“, fragte er mit der Mine seines Stifts bereits über der Linie. „Ich meine: Das hier klingt zu einfach. Was, wenn er in allen Zimmern Fallen aufgestellt hat? Wenn er sich wirklich für einen Hexenjäger hielt?“
„Davon steht hier nichts“, erwiderte der Notar kühl. „Es ist ein schönes Haus, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf. Äußerst geräumig, noch dazu in Berlin-Zehlendorf, in allerbester Lage. Also: Auf der gepunkteten Linie bitte.“
Robert schnaufte durch. „Also gut“, sagte er. „No risk, no fun, was?“
„No was?“
„Schon gut.“ Er krakelte seine Unterschrift auf die Seite. „Welches Datum haben wir heute?“
„Die Nacht vor Allerheiligen“, wiederholte der Notar mit der Geduld von mehreren Dekaden Amtsausübung. „Den 31.10.2019.“
„Ah. Richtig. Halloween! Bitte sehr.“
„Bravo, junger Herr.“ Der Alte nahm das unterzeichnete Dokument entgegen und musterte es. „Gut“, befand er. „Mit den Unterlagen scheint alles korrekt zu sein. Bitte warten Sie einen Augenblick.“
Sein Arbeitsstuhl knarzte, als er sich daraus erhob und gebückt durch eine Tür zur Rechten verschwand.
Robert lehnte sich zurück und starrte in den Regen, der gegen die Fensterscheibe prasselte. Draußen auf einem Ast saß ein Rabe, unbeeindruckt von den schweren Tropfen, und schaute Robert mit zur Seite geneigtem Kopf an. Zum ersten Mal, seit er den Anruf des Notars erhalten hatte, stieg Wehmut in Robert auf. Bisher hatte er nur Verwunderung und Unglauben gespürt. Jetzt aber sank die Bedeutung ein: Alois, der Bruder seines Vaters, war tot. Im Grunde hätte ihn der Umstand nicht berühren sollen – der Mann war kaum mehr als ein Fremder für ihn. Sie waren einander nur ein einziges Mal begegnet und hatten weniger als eine Woche miteinander verbracht. Jetzt erst wurde Robert sich bewusst, dass die Episode etwas in ihm hinterlassen hatte: eine Verbindung mit seinem Onkel, die irgendwo in einem dunklen Winkel überwintert hatte und die nun wieder erwachte.
„So“, verkündete der Notar, kehrte aus dem Nebenraum zurück und reichte Robert eine dünne Aktenmappe und einen gepolsterten Umschlag.
„Was ist das noch alles?“, wollte Robert wissen.
„Weitere Konvolute, die ich Ihnen übergeben soll“, antwortete der Alte. „Für den Fall, dass Sie der Bedingung Ihres Onkels zustimmen. Was Sie soeben getan haben. Bitte noch einmal hier den Empfang quittieren.“
Robert kritzelte seine Unterschrift auf ein weiteres Blatt und schlug die Mappe auf. Sie enthielt mehrere mit Schreibmaschinenschrift gefüllte Papiere. Lesestoff für später.
Er riss den Polsterumschlag auf und war überrascht, im Inneren drei moderne Sicherheitsschlüssel zu finden – bei dem düsteren Tonfall von Alois‘ Testament hatte er schwere Exemplare aus angelaufenem Eisen erwartet wie in einem Gruselfilm.
Der Notar brummte zufrieden und ließ den Beleg in einem Aktenordner verschwinden. „Bestens“, befand er. „Ich bedanke mich.“
„Ich ebenfalls“, seufzte Robert. „Was für ein Tag. Feiern Sie heute Abend?“, fragte er.
Der Alte schlug die Augen zu ihm auf. „Feiern? Aus welchem Anlass?“
„Na … Halloween?“
Der Notar schnaufte. „Nein“, erklärte er mit fast erfolgreich überspielter Abneigung. „Ich feiere kein Halloween. Genauso wenig, wie ich die Wintersonnenwende oder den Welt-Konfetti-Tag begehe. Den Weg nach draußen finden Sie alleine?“
„Äh … Ja, sicher.“
Der Alte streckte Robert seine bleiche Hand entgegen, der sie ergriff und schüttelte.
„Wegen der Überschreibung und der Besitzurkunde …“, setzte Robert an.
„Rufen Sie mich nächste Woche an“, kam ihm der Notar zuvor und zog ihn an der ausgestreckten Hand durchs Zimmer. „Dann vereinbaren wir einen Termin. Vielen Dank, Herr Terwin“, setzte er nach und komplimentierte Robert durch die Wohnungstür. „Und ein schönes Halloween.“
Die aus rotem Holz gefertigte Etagentür schloss sich mit einem Klacken zwischen ihnen. Robert fand sich in einem mit Stuck verzierten Treppenhaus wieder, das geräumiger war als seine gesamte Wohnung.
„H. M. Wilmswedel“, stand auf dem polierten Messingschild neben der Tür. „Notar.“
Leicht benommen wandte er sich um und hoppelte die mit rotem Läufer bedeckten Stufen herab. Ich kann es immer noch nicht glauben.
Er marschierte durch das geflieste Erdgeschoss, hielt jedoch an, als er durch die Scheibe in der Haustür sah, dass es draußen in Strömen regnete.
Dieses Sauwetter hat mir gerade noch gefehlt.
Er schlug den Kragen seiner Jacke hoch, klemmte sich die Dokumentenmappe unter den Arm und stieß die Haustür auf. Regentropfen wehten ihm entgegen und Kälte ergriff ihn, als er in den Neuköllner Nachmittag trat und sich auf den Weg zur nächsten U-Bahn-Station machte. Vom Wind herabgerissene Zweige und matschige Blätter knirschten unter seinen braunen Halbstiefeln. Irgendwo krächzte ein Rabe.
Wie um alles in der Welt soll ich das hier Papa erklären? Ob ihm der Tod seines Bruders überhaupt etwas bedeutet, weiß ich nicht. Aber es wird ihm ganz sicher nicht egal sein, dass ich mich auf diese Sache eingelassen habe.
Robert passierte Spätis, Teestuben und Solarien, die mit Kampfpreisen warben. Seine Finger spielten in der Jackentasche mit den Schlüsseln, während er sich seine erste und einzige Begegnung mit Onkel Alois ins Gedächtnis rief.
Er musste acht oder neun Jahre alt gewesen sein, als ein Mann mit schmalem Gesicht, ernstem Ausdruck, blonden Haaren und stechenden blau-grauen Augen sie besucht hatte. Robert erinnerte sich, dass er seinem Vater Eduard wie aus dem Gesicht geschnitten war, jedoch auffallend gut gekleidet und umweht von einer ungewohnten Düsternis und Härte. Erst später hatte seine Mutter ihm erzählt, dass sich Eduard und Alois vor Roberts Geburt zerstritten hatten. Das Zerwürfnis war so schlimm gewesen, dass Eduard sich völlig von seiner Herkunftsfamilie der Burmantels losgesagt und sogar den Nachnamen seiner Frau angenommen hatte. Dann, vor etwa fünfzehn Jahren, war Alois plötzlich wieder aufgetaucht, um die Beziehung zu reparieren.
Zuerst hatte sich Robert vor dem düsteren, verschlossenen Mann gefürchtet. Dann aber hatte sich das Bild innerhalb der wenigen Tage, die sie zusammen verbrachten, komplett gewandelt. Unter seiner rauen Oberfläche erwies sich Alois als ein unerschöpflicher Quell abenteuerlicher Geschichten. Vor Roberts Eltern hielt er sich mit allzu wilden Erzählungen zurück, da Roberts Vater ihn beim ersten gemeinsamen Abendessen ermahnt hatte, seinem Sohn keine Flausen in den Kopf zu setzen. Umso mehr fieberte Robert den Momenten entgegen, in denen er mit Onkel Alois alleine war. In diesen Augenblicken wurden sie beide Teil einer Verschwörung, von der Roberts Eltern nichts erfahren durften. Alois‘ Geschichten wandten sich Motiven zu, die für Kinderohren denkbar ungeeignet waren. Dämonen, Zombies und Geheimbünde kamen darin vor, die erschreckend echt erschienen.
Während Roberts Vater stets darauf bestand, dass es im wahren Leben keine Ungeheuer gab, behauptete Alois, Kinderaugen sähen die Welt deutlicher als die von Erwachsenen. In seinen Geschichten war das Böse echt, konnte jedoch vom Guten besiegt werden, wenn auch nur durch ständige Kämpfe. Bei den Gelegenheiten zeigte Alois Robert den goldenen Anhänger, den er an einer Kette vor der Brust trug und der angeblichen vor dem Bösen schützte.
Robert hatte Alois‘ Erzählungen geliebt und schaudernd mitgefiebert – bis zu jenem Tag, an dem sein Onkel es zu weit getrieben hatte.
Noch jetzt überkam Robert ein beklommenes Gefühl, wenn er sich daran erinnerte. Alois hatte ihm gesagt, er müsse ihm etwas Wichtiges zeigen, und hatte ein Bild hervorgeholt, das Robert bis in sein Innerstes erschüttert hatte. Er wusste nicht mehr, was dort abgebildet gewesen war, nur noch, dass er panisch geschrien und geheult hatte, bis seine Eltern herbeigestürmt kamen. Das Gesicht seines Vaters war rot vor Wut gewesen. Robert hatte ihn noch nie so brüllen hören wie an diesem Tag, an dem er Alois vertrieben und ihm verboten hatte, je wieder mit seiner Familie in Kontakt zu treten.
Das Platschen einer Pfütze riss Robert zurück in die Wirklichkeit. Verärgert schüttelte er seinen Fuß. Neben ihm zog eine Mutter ihren kleinen Sohn im Vampirkostüm aus einem Ein-Euro-Laden mit Auslagen voller Plastik-Kürbisse, grinsender Skelettmasken und Hexenhüte.
„Garrr“, machte der Miniatur-Vampir und drohte Robert mit Eckzähnen aus Kunststoff, wobei sein Gebiss aus seinen Kiefern in den Rinnstein fiel. Der Kleine hob es auf, wischte es mit dem Ärmel ab und schob es sich wieder in den Mund.
„Komm jetzt!“, schimpfte die Bewacherin des kleinen Untoten. „Nächstes Mal kriechse nix mehr, wenne nicht drauf aufpassen kanns!“
Robert schnaufte amüsiert und stapfte weiter. Alois hätte die Sorglosigkeit des Kleinen sicher gefallen.
Ist es wirklich schon über 15 Jahre her, seit ich ihn zuletzt gesehen habe?
Nach dem großen Streit hatte Roberts Vater genau wissen wollen, was Alois ihm alles erzählt hatte. Auf Roberts trotzige Weigerung, um seinen Bund mit Alois nicht zu verraten, hatte sein Vater ihn aufgefordert, Alois und dessen Hirngespinste zu vergessen. Er hatte betont, wie wichtig es war, mit beiden Beinen fest in der Wirklichkeit zu stehen, anstatt Wahngebilden nachzuhängen. Dennoch hatten sich die wenigen Tage mit Alois in Roberts Gedächtnis eingebrannt. Mehr als einmal hatte er sich gewünscht, sein Vater wäre nur ein kleines bisschen mehr wie sein abenteuerlicher, mysteriöser Bruder. Letztendlich aber hatte sich Papas Wunsch erfüllt. Robert hatte Alois vergessen – bis heute.
An der U-Bahn-Station angekommen, hastete Robert die Stufen hinab und schaffte es gerade noch durch die sich schließenden Drucklufttüren der abfahrenden Bahn. Er fand einen Sitzplatz neben zwei schwer mit Einkaufstüten bepackten Rentnerinnen, die trotz der bollernden Hitze im Wagon dicke Anoraks und Wollmützen trugen.
Hexenjäger, hallte der seltsame Begriff durch seinen Kopf. Trotz eines gewissen Zynismus kam er nicht umhin, Aufregung zu spüren. Ich frage mich, was in diesen Briefen steht. Amüsiert wurde er sich bewusst, dass sich ein Teil von ihm noch immer nach den Geschichten seines Onkels sehnte – obwohl die Gefahr bestand, dass es sich um das Geschwätz eines Verrückten handelte, unkritisch wahrgenommen aus der Perspektive eines Kindes.
Aber warum muss die Übernachtung unbedingt heute sein?
Robert hatte eigentlich vorgehabt, Halloween alleine vor dem Fernseher zu verbringen, mit ein paar Bier und Chips und Horrorfilmen. Glücklicherweise ließ sich dieser Plan in Alois‘ Haus verlegen. Ob es klug war, sich im Heim eines potenziell Wahnsinnigen auch noch Gruselstreifen anzusehen, war eine andere Frage.
Das Zischen der U-Bahn-Türen riss Robert aus seinen Gedanken. Unter gemurmelten Entschuldigungen drängte er sich durch die einsteigenden Passagiere. Auf dem Bahnsteig spielte jemand Klarinette. Ein paar Punks hörten scheppernde Musik aus einem kaputten Lautsprecher.
Er sprang die Stufen zum Rosenthaler Platz hinauf und zog sich die Kapuze über den Kopf. Trotz des anhaltenden Regens waren Menschenmengen vor den Pizza- und Dönerläden unterwegs, deren Licht sich in den Pfützen auf den Bürgersteigen spiegelte. Robert nahm sich ein Falafel-Sandwich mit auf den Weg und stapfte kauend an den mit falschen Spinnweben verzierten Bars vorbei, in deren Rotlicht sich bereits Feiernde in Teufels- und Vampirkostümen drängten.
Die letzten Bissen seines improvisierten Abendessens herunterschlingend, schloss er die Glastür zu seinem Mietshaus auf. Nachdem er die Tropfen von seiner Jacke abgeschüttelt und sich versichert hatte, dass die Mappe des Notars noch an ihrem Platz war, warf er einen Blick in seinen Briefkasten.
Leer. Genau, wie ich es mag.
„Na, nichts dabei?“, wollte eine Stimme aus der Höhe wissen.
Robert blickte auf und sah Hilde, die grauhaarige Alte aus dem ersten Stock, die sich über das Metallgeländer beugte. Sie war der einzige Mensch, den Robert kannte, der außerhalb einer Lindenstraßen-Sendung noch geblümte Haushaltskittel trug.
„Leer“, bestätigte er und warf sein fettiges Falafelpapier in den Papiereimer neben der Haustür. „Aber wenigstens keine Rechnungen, was?“
Die Alte gackerte zustimmend. „Erwarten Sie denn welche?“, wollte sie wissen. „Teure Anschaffungen in letzter Zeit?“
„Nein“, gab er brummend zurück und machte sich an den Aufstieg über die knarzenden Linoleum-Stufen. So war es jedes Mal: Freundliche Flurgespräche arteten nicht selten in unfreundliche Verhöre aus.
„Sie wollten doch verreisen, oder nicht?“, fragte Hilde. „Asien, wenn ich mich nicht irre. Sobald Ihr ‘todsicherer Investitionsplan’ aufgeht und das Geld hereinkommt. Was ist eigentlich daraus geworden?“
„Nicht, was ich mir erhofft hatte“, murmelte er.
„Ist wohl doch nichts so sicher wie der Tod, hm?“
„Ich muss weiter“, brummte er und versuchte, sich an ihr vorbeizudrängeln.
„Wo feiern Sie denn heute Abend?“, setzte Hilde nach. „Auch hier mit uns im Haus?“
„Nein. Ich habe einen … anderen Termin.“
„Ach? Die freundlichen jungen Leute aus der Zweiten haben doch Einladungen verteilt. Haben Sie etwa keine bekommen?“
„Ich habe schon woanders zugesagt“, grummelte er, noch immer auf der Suche nach einem Weg an ihr vorbei.
„Ich verstehe. Bei Ihrer Freundin?“
„Keine Freundin. Einfach nur … woanders.“
„Wo genau feiern Sie denn?“
„In Zehlendorf.“
„Zehlendorf?“ Die gemalten Augenbrauen im Gesicht der Alten wanderten anerkennend in die Höhe. „Sieh an. Sie haben wohl reiche Freunde?“
„Sehr reich, ja. Ich bin zum Kaviar-Futtern eingeladen.“
„Und als was gehen Sie?“, drängte Hilde weiter, als er endlich einen Weg fand, an ihr vorbeizuhuschen. „Oder ist das so eine Nobel-Party mit Anzugpflicht? Ein Anzug würde Ihnen stehen. Etwas schickere Kleidung könnte Ihnen auch bei Ihrem Freundinnen-Problem helfen.“
„Ich habe kein Freundinnen-Problem“, gab Robert über seine Schulter zurück. „Und ich habe auch nicht vor, mich zu verkleiden.“
„Was? Aber darin liegt doch der ganze Spaß bei einer Feier.“
„Wenn Sie meinen.“
„Ich gehe als Hexe!“, rief Hilde ihm vom unten nach.
Robert verkniff sich eine passende Erwiderung, um der Liste seiner Probleme nicht noch eine hausinterne Todfeindschaft hinzuzufügen.
An seiner Haustür erwartete ihn ein frisch angeklebter Zettel.
Gruselige Grüße, liebe(r) Hausgenoss(e)/in, stand dort unter einem tanzenden Skelett, dem Logo irgendeiner Punkband mit wenig aufmerksamen Copyright-Anwälten. Da Du Dich bisher noch nicht zurückgemeldet hast, hier eine Erinnerung an Deine Einladung zum Teufelstanz im zweiten Stock …
Robert knüllte das Papier zusammen, stieß die Tür mit der Hüfte auf und warf die Kugel zielsicher neben den Papierkorb unter dem Filmplakat von „Die Nacht der lebenden Toten“.
Als er seinen olivgrünen Militärparka an die Garderobe hängte, blieb sein Blick an seinem Ebenbild im Flurspiegel hängen: dunkelblaue Augen, vom Wind zerzaustes, aschbraunes Haar, ein ausgewaschenes Motorhead-T-Shirt und zerschlissene Jeans.
Keine Ahnung, was die Alte meint. Wo ist das Problem mit meinem Look? Immerhin sieht so ein zukünftiger Hausbesitzer aus.
Er trat in seine geräumige, hell geflieste Wohnküche und stürzte ein Glas Leitungswasser herunter. Der Küchentisch sah so chaotisch aus, wie er ihn hinterlassen hatte. Mit einer Armbewegung verschaffte er sich Platz zwischen den unerledigten Hausaufgaben seines Politikstudiums, den Zeitungsseiten mit Stellenanzeigen, die ihm sein Vater aufgedrängt hatte, und dem „todsicheren“ Ratgeber, den er sich selbst besorgt hatte und von dem ein grinsendes BWL-Gesicht verkündete: „So mache ich DICH in sechzig Tagen zum Millionär.“
Weg mit dem Müll. Papa wird Augen machen mit seinem ständigen „ohne Fleiß kein Preis“ und „von nichts kommt nichts“. Wie es aussieht, hat das schnelle Geld mich gefunden.
Er legte die Dokumentenmappe des Notars vor sich auf den Tisch. Erst hier, im Licht der Hängelampe, erkannte er, dass ein Symbol in die Oberseite eingeprägt war: ein Kreuz hinter zwei gekreuzten Schwertern. Im Schnittpunkt der Klingen prangte ein „Omega“-Zeichen.
Was soll das sein, Onkel? Ein ausgedachtes Wappen?
Robert löste die elastische Schnur, schlug die Mappe auf und las die erste Seite.
Lieber Robert,
ich grüße Dich herzlich und bedauere, dass ich mich auf diese Weise an Dich wenden muss.
Ob Du Dich an mich erinnerst, weiß ich nicht, denn wir sind uns nur ein einziges Mal begegnet. Ich, soviel kann ich Dir versichern, erinnere mich gut an Dich, ebenso wie an den geheimen Bund, der uns in der Vergangenheit einte und der für mich ungebrochen bis in die Gegenwart Bestand hat. Schon damals habe ich versucht, Dich auf den Tag vorzubereiten, an dem ich Dich rufen muss, doch die Umstände erlaubten es mir nicht.
Dein Vater, mein Bruder Eduard, hat die heilige Berufung, die uns Burmantels vom Schicksal übertragen ist, immer abgelehnt und hält sie für bösartigen Aberglauben. Er hat mir verboten, Dich jemals zu kontaktieren. Leider lassen mir die Umstände keine Wahl, als mich über sein Verbot hinwegzusetzen. Der Umstand, dass ich nicht mehr am Leben bin, unterstreicht vielleicht die Dringlichkeit des Aufrufs, den ich an Dich richte.
Robert schluckte. Wer redet vom eigenen Tod wie von einem nebensächlichen Ärgernis?
Wie mein Notar Dir bereits mitgeteilt haben wird, habe ich Dich zum alleinigen Erben meines Hauses in Zehlendorf eingesetzt und ebenso von allem, was sich darin befindet. Alles, was ich von Dir verlange, ist dies: Dass Du in der Nacht, die Halloween genannt wird, spätestens bis Punkt acht Uhr abends in meinem Haus bist und die Tür hinter Dir abgeschlossen hast. Halte Dich anschließend nicht mehr draußen auf und lass niemanden hinein, bis am nächsten Tag (Allerheiligen) die Sonne wieder aufgegangen ist. Wirklich niemanden, hörst Du? Ganz egal, wie harmlos er Dir erscheint.
Ich beschwöre Dich im Namen von allem, was Dir etwas bedeutet: Hör auf meine Worte, auch wenn Du sie noch nicht begreifen kannst. Nur das hier kann ich Dir verraten: Alle Geschichten, die ich Dir damals erzählt habe, sind wahr. Es gibt in dieser Welt tiefere Schrecken und größere Wunder, als unsere sogenannte „moderne Gesellschaft“ uns weismachen will – Du wirst es schon bald selbst erleben. Weitere Anweisungen habe ich Dir in meinem Salon im ersten Stock hinterlassen.
Großartig, dachte Robert. So viel zum Thema ‚nur eine einzige Bedingung‘. Jetzt schickt er mich auf eine wilde Schnitzeljagd.
Bitte glaube mir, wenn ich Dir versichere, dass dies alles zu Deinem eigenen Besten geschieht. Deine Mitwirkung ist für Angelegenheiten, die weit jenseits Deiner Vorstellungskraft liegen, von allergrößter Bedeutung. Die Wahrheit ist: Wir befinden uns in einem Kampf. Unsere Feinde schlafen nie. Sie sind darauf aus, uns zu verwirren und zu töten. In der Nacht vor Allerheiligen ist ihre Macht am größten. Doch wenn Du Dich an meine Worte hältst, wird es ihnen nicht gelingen, Dir zu schaden. Wie Du feststellen wirst, ist mein Haus ein sehr sicherer Ort. Ich habe dort alle nötigen Vorkehrungen getroffen.
Robert lehnte sich zurück und fuhr sich mit den Händen durch die Haare. Vorkehrungen.So viel zu meiner Hoffnung, dass Onkel Alois wenigstens zu den harmlosen Verrückten gehört. Die Furcht vor versteckten Fallen schien mit einem Mal alles andere als unberechtigt. Gibt es nicht irgendeinen Weg, sich an all dem hier vorbeizudrücken und trotzdem abzukassieren?
PS: Für den unwahrscheinlichen Fall, dass sich Dein Charakter unvorteilhaft entwickelt hat und Du nur an Besitz interessiert bist, erlaube ich mir folgenden Hinweis, las Alois aus dem Jenseits Roberts Gedanken. Ich habe Vorsorge getroffen, um die Einhaltung meiner Bedingung zu überwachen. Wenn Du, wie befohlen, bis spätestens um acht in meinem Haus bist, gehört es am nächsten Morgen Dir. Jegliche Verspätung oder Nichtbefolgung Deinerseits, wie geringfügig auch immer, führt jedoch dazu, dass Du überhaupt nichts bekommst.
Mit einem Fluch sprang Robert auf und warf einen Blick auf seine Armbanduhr.
19:01. Weniger als einer Stunde für eine Reise durch die halbe Stadt!
Er stürmte in sein Schlafzimmer, riss seinen unbenutzten Trekkingrucksack aus dem Schrank, optimistisch angeschafft für seinen Asien-Trip, der nie stattgefunden hatte, und begann, Wäsche hineinzustopfen. In den Küchenschränken fand er Erdnüsse und Chips, gefolgt von einigen Toilettensachen aus dem Badezimmer, seinem Laptop und einer silbernen Taschenlampe.
19:12, verriet seine Uhr. Jetzt aber schnell.
Er hastete durch den Flur, blickte ein letztes Mal zurück, und zog die Tür hinter sich zu.
Auf dem Weg die Treppe hinab rief sich Robert die Route auf seinen Handybildschirm. Geschätzte Ankunftszeit am Ziel: 19:49. Könnte sogar ausreichen, um mir unterwegs noch schnell ein paar Bier zu holen.
Er hatte es bis in den zweiten Stock geschafft, als sich ihm ein Skelett im schwarzen Ganzkörper-Spandexanzug in den Weg schob, das gerade seine Wohnungstür mit Plastikspinnen dekorierte.
„Ah, Herr Terwin!“, freute sich der kostümierte Nachbar. „Sie hatte ich schon gesucht. Kommen Sie heute Abend auch zu unserer kleinen Feier?“
„Leider nein“, gab Robert zurück und versuchte, sich an dem Knochenmann vorbeizudrücken. „Habe bereits woanders zugesagt.“
„Wie schade“, befand das Skelett und musterte Roberts Trekking-Rucksack. „Gehört das zu Ihrem Kostüm? Darf man fragen, als was Sie gehen?“
„Hexenjäger“, entfuhr es Robert, bevor ihn sein Verstand daran hindern konnte.
Das Skelett kratzte sich am Kopf. „Sie meinen Kreuze, Holzpflöcke und so ein Zeug?“
„Panzertape, Kabelbinder, Müllsäcke“, entgegnete Robert. „Ich gehe mit der Zeit.“
„Haha“, brachte das Skelett gezwungen hervor. Angespannte Stille schloss sich an. Mit Einladungen aus der Zweiten war in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr zu rechnen.
„Ich muss dann auch los“, presste Robert hervor.
„Ja“, verkündete das Skelett erleichtert. „Ich auch. Also … Viel Spaß beim Hexenjagen.“
„Danke.“ Robert trabte weiter. Spaß ist sicher nicht, was mir bevorsteht.
Er passierte die Briefkästen und stieß die Haustür auf. Sofort wehte ihm eine Bö entgegen und trieb feuchte Blätter in den Flur.
„Passen se mir auf“, rief Hilde aus dem ersten Stock, die hinter ihrer Wohnungstür gelauert haben musste. „Ich habe eben erst gefegt!“
Wozu?, wollte er zurückrufen. Dieser Herbst ist ein einziger regennasser Sturm. Was gibt es da zu fegen?
Er warf sich die Kapuze über.
19:14.
Nach einem kurzen inneren Ringen eilte er in Richtung des wenige Meter entfernten Kiosks, obwohl die U-Bahn-Station in der Gegenrichtung lag. Eine Nacht in einem Horrorhaus ist schlimm genug. Eine Nacht in einem Horrorhaus ohne kaltes Bier warmehr, als er ertragen konnte.
Mit wenigen Schritten erreichte er das leuchtende Portal der vermutlich einzigen Trinkhalle von ganz Berlin. Spätis gab es hier wie Sand am Meer, aber Walther war der Einzige, der das Ruhrgebiets-Konzept der Trinkhalle erfolgreich in den Osten Deutschlands exportiert hatte. Im Grunde hatte er dafür nur sein Wohnzimmer um einige Hundert Kilometer nach Osten verlegt, denn es machte ihm nichts aus, ab und zu ein Bier oder eine Schachtel Kippen durch sein Schiebefenster zu reichen.
Robert pochte an die Scheibe zwischen den durchsichtigen Kunststoffboxen voller Süßigkeiten. Im Inneren rührte sich nichts. Bestimmt saß Walther wieder vor dem Fernseher und hatte den Ton voll aufgedreht, damit er nichts verpasste, über das er sich aufregen konnte.
Ungeduldig klopfte Robert lauter. Zwar forderte ein abgeschabter Aufkleber „Bei Nichtbesetzung bitte klingeln“, doch Walther hatte schon vor Ewigkeiten erst das „bitte“ durchgestrichen und dann den Klingeldraht entfernt, weil ihn das Scheppern nervte.
Roberts Blick streifte die Überschrift einer aufgehängten Boulevardzeitung.
Schon wieder ‚Hexen‘ aus Berlin verschwunden! Was geschah mit Esoterik-Schülerinnen Aileen (18) und Daniela (19)?
„Toll“, brummte Robert. Jeder siehtHexen überall. Anscheinend ist die ganze Stadt verrückt geworden.
Nach einigen Momenten kam Walther in Jogginghose und Unterhemd durch den Verkaufsraum geschlurft und zog die Scheibe auf.
„Tach“, stieß er aus. „Watt gibbet?“
„Moin, Walther“, antwortete Robert. „Du, ich bin in Eile! Mach mir mal zwei Bier, nee, warte, besser drei. Wird ein langer Abend.“
„Kommt sofort.“ Mit einem klirrenden Geräusch zog Walther drei Flaschen aus dem Kühlschrank und schob sie durch das Fenster.
„Danke“, sagte Robert und verstaute die Beute in seinem Rucksack. „Schreibs auf meinen Deckel, okay?“
„Schon wieder?“, ärgerte sich Walther. „Hey! Langsam wirds mal Zeit zum Zahlen.“
„Keine Sorge“, rief Robert über die Schulter zurück. „In ein paar Tagen bin ich reich.“
„Das erzählst du mir schon seit Monaten!“, grunzte Walther, bevor er die Scheibe mit einem Schnappen zuzog.
Aber dieses Mal stimmt es!
Robert eilte durch den Nieselregen und schlängelte sich durch eine Gruppe Kinder in Kostümen mit Plastiktüten in den Händen. Schimpfende Mütter mit Marienkäfer-Haarreifen waren bemüht, ihre kleinen Geister, Teufel und Skelette auseinander- und zugleich zusammenzuhalten.
„Ist gut jetzt, Claire! Das habe ich gesehen. Ihr hört jetzt auf damit, sonst nehm ich euch das weg!“
„Bleeeh“, machte ein Skelett und streckte Robert die Zunge heraus. Robert erwiderte die Geste und erntete dafür einen strafenden Blick von einer Mutter.
Im Eilschritt hastete er die Stufen zur U-Bahn-Station hinab.
19:25.
Er stieß ein schmerzerfülltes Stöhnen aus, als die Bahn genau in dem Moment davonratterte, in dem er die letzten Treppenstufen nahm. Egal. Eine später sollte auch noch passen.
Unruhig auf und ab gehend, prüfte er den Kartenausschnitt auf seinem Handy. Berlin-Zehlendorf. Ein ausgenommen schicker Stadtteil. Teure Villen von der Jahrhundertwende, bewohnt von Menschen ähnlicher Baujahre. Altes Westberliner Geld. Das hier ist zu gut, um wahr zu sein. So richtig glaube ich es erst, wenn ich die Bude sehe.
Nach endlosen Minuten fuhr die U-Bahn rasselnd in den Bahnhof ein. Die Türen flogen auf und spuckten Menschenmengen aus. Robert quetschte sich hinein, zerrte sich den Rucksack von den Schultern und fand neben einer Gruppe verkleideter Ü-Dreißiger Platz, die eine Sektflasche kreisen ließen und sich gegenseitig versicherten, für solche Dinge nicht schon viel zu alt zu sein. Die Klimaanlage pumpte Tropenluft in den Innenraum, als wollten die Berliner Verkehrsbetriebe die Zwei-Grad-Begrenzung der Erderwärmung ganz alleine reißen.
19:31.
Robert schloss die Augen, um nicht ständig auf die Uhr zu schauen, konnte jedoch nicht verhindern, dass seine Halbstiefel nervös über den Boden trappelten.
Ein Seufzer der Erleichterung entfuhr ihm, als sein Zug endlich den Zielbahnhof erreichte.
19:48. Und nur noch etwa fünf Minuten Fußweg. Na bitte. Wird schon alles passen.
Er joggte die Treppe der Station hinauf. Die Kühle und der frische Wind, die ihn empfingen, wirkten angenehm belebend. Der Regen war abgeklungen, oder vielleicht konnte man sich in Zehlendorf auch einfach besseres Wetter leisten.
Seiner Navigationsapp folgend, bog Robert um das Geländer der Station und eilte über den feucht glänzenden Bürgersteig. Grüne Bogenlaternen mit verschnörkelten Verzierungen erleuchteten seinen Weg. Rechts, zur Straße hin, wiegten alte Platanen im Wind. Hinter den schmiedeeisernen Zäunen und gepflegten Hecken zur Linken hockten mehrstöckige Villen wie wartende Riesen inmitten weitläufiger Rasenflächen. Der Kontrast zu Berlin-Mitte war eklatant. Es fehlten sogar die traditionellen Aufkleber marodierender Ultra-Banden auf den Laternenpfählen. Ein plötzliches Flügelschlagen in den Büschen ließ ihn zusammenzucken.
„Robert?“
Er fuhr herum und hätte fast eine junge Frau mit seinem Rucksack umgeworfen.
„Hoppla!“
Die Unbekannte schlug lachend die Kapuze ihres Mantels zurück. „Robert. Bist du das?“
„Kathy“, entfuhr es ihm. Hitze stieg in ihm auf, als er sie erkannte.
Roberts heimliche Flamme verbannte eine freiheitshungrige Strähne ihres schwarzen Pferdeschwanzes hinter ihr Ohr.
„Na, so ein Zufall“, sagte sie. „Was machst du denn hier?“
„Ich … besuche jemanden“, brachte er hervor. „Einen Verwandten. Er braucht Hilfe mit seinem Haus.“
„Verstehe“, sagte sie. „Nett von dir, ihm auszuhelfen.“
Kathy bedachte ihn mit einem Lächeln. Sie sah wie immer viel zu gut aus mit ihren dunkelblauen Augen und Grübchen. Kathy aus der Siebten. Kathy, in die er sich verschossen hatte, als er sie in der Unterstufe zum ersten Mal gesehen hatte. Wie durch einen seltsamen Scherz des Universums hatten sie beide auch noch denselben Politik-Studiengang gewählt.
„Und du?“, versuchte er, das Schweigen zu durchbrechen. „Was treibt dich hierher?“
„Ach.“ Kathy winkte ab. „Ich gehe nur etwas spazieren. Manchmal schaue ich mir gern Bezirke an, in denen ich noch nie gewesen bin. Hilft mir, meine Stadt besser kennenzulernen, weißt du?“
„Gute Idee. Sollte ich auch öfter machen.“
Eine weitere Pause folgte.
„Und sonst?“, wollte Kathy wissen. „Wie laufen deine Semesterferien?“
„Och, ich habe keine Langeweile“, log Robert. „Zocken, Freunde treffen … und ich musste meinem Dad versprechen, mit der Jobsuche anzufangen. Er ist mit meiner Mom zwei Wochen an der Ostsee, aber er lässt mir keine Ruhe. Er hat mich sogar überredet, eine Liste von Unternehmen zusammenzustellen, die für eine Bewerbung in Frage kommen, damit wir jede Woche meinen ‚Fortschritt‘ besprechen können! Keine Ahnung, warum er es als seine Lebensaufgabe ansieht, mich in ‚sichere‘ Beschäftigung zu bringen. Ständig liegt er mir mit ‚such dir eine Arbeit, irgendetwas Handfestes‘ in den Ohren. Du weißt ja, wie Eltern sein können.“
„Ha, ja“, sagte Kathy. Ihr Blick schweifte für einen Augenblick nach links, wo hinter den Gebüschen ein Rabe krächzte.
„Äh“, krächzte Robert und schielte auf seine Uhr.
19:53.
„Wirklich schön, dich hier zu treffen“, brachte er gepresst hervor. „Es ist nur … Ich soll um acht Uhr da sein und ich muss sein Haus erst noch finden.“
„Wirklich?“ Kathys Blick wanderte suchend über sein Gesicht. In ihre Augen trat ein Leuchten, das er dort noch nie gesehen hatte. „Ist es denn so eilig?“, fragte sie. „Ein paar Minuten später wären sicherlich nicht schlimm, oder?“
„Ich fürchte, schon“, presste er hervor. „Mein Verwandter ist sehr … speziell.“
„Ich meine …“, setzte Kathy nachdenklich an. Das Glitzern in ihren Augen war nun unverkennbar. „Ist doch komisch, oder?“, fragte sie. „Dass wir uns hier so begegnen, mitten im Nichts. Ich weiß nicht. Ist die Sache mit deinem Verwandten denn so dringend? Vielleicht könnten wir …“
Sie deutete in eine Seitenstraße, wo das Leuchtschild einer Kneipe Bier, Geselligkeit und Wärme versprach.
„Wollen wir nicht was trinken gehen und ein bisschen quatschen?“, fragte sie. „Ich meine … Wir haben uns noch nie so richtig unterhalten, oder?“
„Das stimmt“, krächzte er. „Es ist nur …“
Verdammt. Jahrelang hatte er es nicht geschafft, sie anzusprechen, und ausgerechnet heute wollte sie …
Robert presste die Kiefer zusammen. „Es ist nur … Ich muss wirklich dringend los. Meinem Verwandten geht es nicht gut. Wollen wir nicht einfach ... Hey“, stieß er aus und zückte sein Handy. „Gib mir einfach deine Nummer und ich ruf dich an, okay?“
„Ich weiß nicht“, brummte Kathy. „Die nächsten Wochen sehen bei mir ziemlich schlecht aus. Wenn du keine Lust hast, dich zu treffen, kannst du es auch einfach sagen.“
„Das ist es nicht“, versicherte Robert. „An jedem anderen Abend würde ich sofort … aber eben nicht heute. Komm schon. Wir finden eine Zeit, okay?“
Kathy sah ihn skeptisch an. Ihr Blick schoss nach rechts, zu zwei gut gekleideten jungen Männern, die laut schwatzend auf dem Bürgersteig vorbeiflanierten.
„Okay“, murmelte sie. „Sicher. Ein anderes Mal.“
Sie nahm Roberts Handy und tippte lustlos ihre Nummer ein.
Robert biss sich auf die Lippe. Das Ganze war zum Ausflippen. Er hatte Bier dabei. Filme. Ein Haus für sich allein. Vielleicht sollte er einfach …
Lass niemanden hinein, meldete sich die Zeile aus Alois‘ Testament.
Aber …
Wirklich niemanden, hörst Du?
„Na dann“, sagte Kathy, rief sich kurz selbst von seinem Handy an und reichte es ihm dann zurück. „Ich nehme an, wir sehen uns.“
„Ganz bestimmt“, brachte er hervor. „Ich rufe dich an, okay?“
„Sicher“, gab sie betrübt zurück. „Bis dann.“
Sie beugte sich vor und umarmte ihn. Ein Hauch von Shampoo umwehte ihn, vielleicht auch von Parfüm. „Machs gut, Robert.“
Sie wandte sich ab und schlug ihre Kapuze hoch.
„Ja, du auch …“
Er hob die Hand und winkte, doch sie stapfte davon, ohne sich umzudrehen.
„Verfl…“ Er ballte die Hand zur Faust. Verfluchter Alois. Verfluchtes Testament. Dieses Erbe sollte besser groß ausfallen. Das Haus erwies sich besser als ein verdammter Palast!
Er warf einen Blick auf seine Uhr. Sein Herz tat einen Sprung.
19:56. Viel zu knapp.
Im Eilschritt setzte er sich in Bewegung und folgte der blauen Linie auf seinem Handybildschirm. Zur Linken flogen Eisengitterzäune und gestutzte Hecken vorbei. Seine Halbstiefel spritzten durch Pfützen und Blättermatsch. Von hier aus war es nur noch eine Biegung, bis …
Er verlangsamte seine Schritte, als das Eckgrundstück vor ihm zurückwich. Dahinter öffnete sich ein rechteckiger Platz, begrenzt von Pflasterstraßen. Einige Momente starrte er mit offenem Mund. Sein Blick ging zum Handybildschirm, dann wieder zu dem Bau in der Mitte des Karrees. Noch einmal schaute er hinab, um ganz sicherzugehen.
„Yesss!“, stieß er aus und reckte seine Faust in den Himmel wie ein Footballspieler nach dem Touchdown. „Danke, Onkel. Ich glaube, wir können uns wieder vertragen.“
Vor ihm, leicht erhöht auf einem Hügel, lag eine dreistöckige Holzvilla inmitten eines verwilderten Gartens. Das Licht der schmalen Mondsichel zwischen den Wolkenfetzen spiegelte sich auf Schrägdächern, Erkern und Türmen unter einem Wetterhahn. Offenbar hatte sich an dem Bau ein Architekt mit einer Vorliebe für Vorsprünge und einer Abneigung gegen gerade Flächen ausgetobt. Der Garten hatte schon bessere Zeiten gesehen. Hinter dem gut drei Meter hohen Eisenzaun drängten sich feucht glänzende Sträucher und aufragende Tannen. Ein Kieselpfad führte vom Gartentor hinauf zum Holzbau. Die umliegenden Grundstücke an den Seiten des Karrees umgaben die Villa beinahe andächtig. Das Haus schien alt und nicht im allerbesten Zustand. Doch das Wichtigste war: Er war riesig.
Ein Grinsen spannte sich über Roberts Gesicht. Thailand. Hongkong. Malibu. Wenn er die Bude verkaufte, gab es nichts mehr, was er sich nicht leisten konnte.
Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr.
19:58. Jetzt aber schnell!
Er beschleunigte seine Schritte, trat zum Gartentor und machte sich am Schloss zu schaffen. Er brauchte mehrere Versuche, bis er den richtigen der drei Schlüssel gefunden hatte. Das Tor ließ sich geräuschlos aufdrücken. Der Kieselpfad knirschte unter seinen Schritten, als er zum Haus hastete. Rechts drückte sich ein kleiner Schuppen an den Zaun. Unter einer Tanne in der rechten Grundstücksecke glänzte eine Art schräg stehender Grabstein im Mondlicht. Zu beiden Seiten des Pfades wucherten Gras und Unkraut. Das Licht der Straßenlaternen reichte lediglich bis in die äußeren Bereiche. Die Büsche tiefer im Garten waren nur als dunkle Schemen zu erahnen. Außer seinem Atem, dem Knirschen seiner Schritte und dem Hintergrundrauschen der Großstadt waren keine Laute zu vernehmen.
Er polterte drei Holzstufen zu einer überdachten Veranda hinauf und trat zur massiven Eingangstür, in die eine Milchglasscheibe hinter einem Eisengitter eingelassen war. Die schmalen, mit Gardinen behängten Fenster an beiden Seiten waren ebenfalls von dunklen Streben geschützt. Dies war zweifellos der Wohnsitz eines vorsichtigen Mannes.
Dieses Mal fand Robert auf Anhieb den richtigen Schlüssel. Der glänzende Metallstift glitt ohne Widerstand ins Schloss. Er drückte und zog. Die Tür bewegte sich kein Stück. Er versuchte es noch einmal. Nichts. Getrieben ging sein Blick zur Uhr.
19:59. Was zum …
Er rüttelte am Griff. Eine Gänsehaut lief über seine Arme. Sein Herz schlug schneller. Er hörte oder vielmehr fühlte etwas: ein primitives, in seinem ganzen Körper spürbares Signal, den Urinstinkt eines Tieres in der Gegenwart von Fressfeinden. Hinter ihm wiegten sich die Sträucher. Der Schlüsselbund klimperte in seiner Hand, als er begann, panisch im Schloss herumzustochern.
Komm schon. Komm schon!
Die irrwitzige Anspannung in seinen Eingeweiden nahm noch weiter zu. Raschelten die Büsche hinter seinem Rücken lauter? War dort eine Bewegung in der Dunkelheit?
„Gah!“
Die Schlüssel rutschten ihm aus der Hand und fielen klirrend auf die Bodenplanken. Alter und Verwitterung hatten breite Spalten zwischen sie getrieben. Erst beim Wiederaufrichten bemerkte Robert das zweite Schloss, etwa eine Handbreit unterhalb des ersten.
Natürlich!
Zitternd vor Anspannung machte er sich an der Tür zu schaffen. Der erste Schlüssel passte nicht. Ein Windstoß rauschte durch den Garten und ließ einen Fensterladen gegen die Fassade schlagen.
Geh auf, verdammter …
Ein befriedigendes Knirschen erklang. Robert warf sich gegen die Tür und fiel fast vornüber auf die schwarz-weißen Fliesen des Eingangsflurs, als sie vor ihm aufschwang. Gerade noch fing er sich, fuhr herum, zog den Schlüssel ab und schlug die Tür mit einem Krachen hinter sich zu. Schwer atmend lehnte er sich gegen das Holz und blickte auf die Uhr.
20:00, leuchtete das Anzeigeblatt. Punktlandung. Wie die Helden in den Filmen!
Es dauerte einige Momente, bis er seine Beherrschung wiederfand. Ein Glucksen drang aus seiner Kehle. Was war nur in ihn gefahren? Vermutlich zu viele Horrorfilme. Er versuchte sich an einem Grinsen. Nun, er war hier, oder nicht? Er hatte es geschafft.
„Alles gut“, versicherte er sich. „Alles unter K…“
Ein Quieken entfuhr ihm, als die Tür unter einem heftigen Windstoß erbebte. Schnell schloss er ab und schob den Bolzen vor. Mit einem Seufzen ließ er seinen Rucksack auf die Schachbrettfliesen gleiten. Was für eine Anreise. Jetzt hatte er sich wirklich ein Bier verdient.
Durch das Gitterfenster in der Tür fiel etwas Licht herein, in dem er sich genauer umsah. Er stand in einer Eingangshalle, die sich weiter hinten in den Schatten verlor. Zur Rechten gingen mehrere Türdurchgänge ab. Zur Linken führte eine Treppe mit kunstvollem Holzgeländer in den ersten Stock. An den Wänden hingen großformatige Ölgemälde. Die Motive waren im Halbdunkel nicht zu erkennen. Robert sah sich nach einem Lichtschalter um und sog scharf die Luft ein. Ein Schatten war für einen Augenblick über die Fliesen gehuscht. Vor dem Milchglasfenster hatte sich etwas bewegt. Er tastete an der Wand entlang. Wo ist der verdammte Schalter? Endlich berührten seine Finger Kunststoff. Ein Knistern erklang. Glühlampen flackerten in einem eisernen Kronleuchter in der Hallenmitte auf.
„Wooah“, entfuhr es ihm.
Der Raum war herrschaftlich und reich verziert, dominiert von rötlich-dunklem Holz. Aus schweren Goldrahmen blickten Männer in altmodischen Gewändern mit ernsten Ausdrücken auf ihn herab. Rechts neben dem Eingang bogen sich die eisernen Haken einer Garderobe empor, groß genug, um Schweinehälften daran aufzuhängen. Daneben stand ein Schirmständer, ebenfalls aus Eisen, in dem man sich eher mittelalterliche Folterinstrumente als Regenschirme vorstellen konnte. Links neben der Garderobe hing ein mannshoher Spiegel. Vermutlich konnte man darin prüfen, ob man seine Ritterrüstung korrekt angelegt hatte.
Der Wind ließ die Fassade knarzen. Roberts Blick wanderte hinauf zu den Gemälden, über breite Hüte, lange Mäntel und beunruhigend viele Waffen in den Händen der abgebildeten Herrschaften: altmodische Büchsen, Armbrüste und Degen. Vorsichtig setzte er sich in Bewegung. Seine feuchten Sohlen quietschten über die Fliesen, als er zur ersten Tür zur Rechten trat und sie aufzog. Vor ihm lag eine Abstellkammer mit Putz- und Handwerksutensilien. Die Ausstattung wirkte angestaubt, aber nicht ungewöhnlich. Er schloss die Tür und ging weiter zur nächsten, die in eine mittelgroße Küche führte. Zur Rechten stand ein Tisch mit zwei Stühlen und einer schmalen Bank unter einem Gitterfenster.
Robert strich mit dem Finger über eine Arbeitsplatte und fand keine nennenswerte Staubschicht. Onkel Alois konnte noch nicht lange fort sein.
Er kehrte zurück in den Eingangsflur, wandte sich nach rechts und folgte ihm tiefer in die Villa. Zur Linken, hinter einer Tür unterhalb des Treppenaufgangs in den ersten Stock, führten Stufen in den Keller. Weiter geradeaus, dem Hauseingang gegenüber, lag eine Tür, die sich deutlich von den anderen unterschied. Der Rahmen und das Schloss waren mit Metall verstärkt. In die Holzverkleidung war das Siegel aus Alois‘ Brief eingeprägt: zwei gekreuzte Schwerter mit dem Zeichen „Omega“ im Schnittpunkt.
Robert versuchte sich an der Klinke. Abgeschlossen. Seine Hand ging zu den Schlüsseln in seiner Tasche, als er es sich anders überlegte. Für eine ausführliche Tour war später noch genügend Zeit. In Alois‘ Testament hatte etwas von weiteren Anweisungen in einem Salon im oberen Geschoss gestanden.
Er kehrte zurück zum Eingangsbereich und spähte die Treppe links der Haustür hinauf. In den Holzpaneelen neben dem Eingang fand er einen weiteren Lichtschalter, den er betätigte. Eine Lampe an der Wand neben der Treppe flackerte kurz, bevor sie mit einem Zischen starb. Robert seufzte.
Wer weiß, was in dieser alten Bude noch alles repariert werden muss?
Er kramte seine Taschenlampe aus dem Rucksack und richtete den Lichtkegel nach oben. In der Höhe, hinter einem kleinen Absatz, lag ein offener Durchgang, der …
Das Rasseln der Türklingel ließ ihn aufschreien. Ein Klöppel hämmerte wütend gegen eine altmodische Schelle an der Wand.
„Verdammt!“, stieß Robert aus und presste sich die Hand an die Brust.
Ein Schatten bewegte sich hinter dem Milchglasfenster. Robert schüttelte sich und griff nach der Klinke, als er sich erinnerte: Lass niemanden hinein!
Rechts neben der Tür befand sich eine Sprechanlage mit einem Knopf in einer kupfernen Fassung. Er drückte ihn und beugte sich zum Sprachgitter.
„Hallo?“, fragte er.
Keine Antwort.
„Ja bitte?“, versuchte er es erneut. „Wer ist da?“
Der Schatten hinter dem Glas bewegte sich. Robert zuckte zurück, als jemand Stirn und Hände gegen die Eisenstäbe presste.
„Hallo?“, schallte es durch die Sprechanlage. „Wer sind Sie? Wasmachen Sie da drinnen?“
Es war die Stimme einer Frau, anscheinend älteren Semesters.
„Was ich hier tue?“, gab Robert zurück. „Was machen Sie in meinem Garten?“
„Das ist nicht Ihr Garten“, erklang drohend die Antwort. „Wie sind Sie dort hereingekommen? Sprechen Sie, oder ich rufe die Polizei.“
„Nicht nötig“, gab Robert unwirsch zurück. „Ich bin nur zu Besuch. Das Haus gehört meinem Onkel. Er hat es mir … Er hat mich hergebeten.“
„Ein Neffe?“, kam nach einiger Verzögerung die Antwort. „Davon hat er nie etwas erzählt. Was ist denn mit dem netten Herrn Burmantel?“
„Er ist verstorben“, erklärte Robert mit erzwungener Geduld. „Tut mir leid.“
„Verstorben?“ Die Besucherin klang ehrlich betroffen. „Hach. Wie furchtbar.“
Stille folgte, gemischt mit dem verzerrten Rascheln der Gebüsche.
„Mein Beileid“, fuhr sie fort. „Wissen Sie, er war immer so nett. Er und ich waren ... Junger Mann, wollen Sie nicht aufmachen? Ich finde es nicht angemessen, durch so ein Gerät über Verstorbene zu reden.“
„Das geht nicht“, gab Robert zurück. „Ich bin indisponiert. Kommen Sie doch morgen wieder. Dann mache ich uns Kaffee.“
„Wusste ich‘s doch!“, schallte es zurück. „Sie sind gar nicht sein Neffe. Ein jämmerlicher Einbrecher sind Sie! Das wars, ich rufe jetzt die Polizei!“
„Tun Sie das!“ Robert ließ den Knopf los und wandte sich kopfschüttelnd ab.
Leute gibt es … Wie ist die Alte überhaupt bis an die Tür gekommen?Ich muss vergessen haben, das Gartentor zu schließen. Sollte sie ruhig die Polizei rufen. Am besten auch noch Domian und die Bundeswehr.
Robert schulterte seinen Rucksack und trat zum bodentiefen Spiegel an der rechten Wand. Sein Ebenbild sah durchweicht und erschöpft aus. Ein wenig Ruhe würde ihm ganz sicher …
Seine Nackenhaare stellten sich auf, als er das grüne Augenpaar in der linken oberen Ecke des Spiegels bemerkte. Langsam wandte er sich um. Oben auf dem Treppenabsatz lag eine Bengalkatze mit orange-schwarzem Fell. Ihr Schwanz ringelte sich wie ein Tentakel, während sie ihn wachsam musterte.
Robert atmete auf. Von einem Haustier hatte Alois nichts erwähnt. Wenigstens ein kurzer Hinweis wäre nett gewesen.
„Miez, miez“, machte er und begab sich polternd an den Aufstieg. Er war kein Freund von Katzen. Die Biester waren schlauer, als gut für einen war. Die Kreatur beschnüffelte sein Bein, als er an ihr vorübertrat und mit der Taschenlampe einen schmalen, in beide Richtungen verlaufenden Flur ausleuchtete. Gegenüber dem Aufgang lagen vier geschlossene Türen. Eine weitere zur Linken, am Ende des Ganges, stand ein wenig offen. Robert näherte sich ihr über den mit dicken Läufern belegten Dielenboden, stieß sie mit der Fußspitze auf und leuchtete ins Innere. Seine Finger fanden einen Lichtschalter. Ein kurzes Klicken, und mehrere Lampen auf den Möbeln sprangen an.
„Aha!“ Das hier war schon eher seine Kragenweite. Angenehmes, warmes Licht erfüllte einen Raum, der nur auf den ersten Blick ein Arbeitszimmer war. Die altmodische Bezeichnung „Herrenzimmer“ drängte sich auf. Er hatte noch nie in einem Salon gestanden, doch er hatte keine Zweifel, dass dies hier einer war. Der Dielenboden war mit handgeknüpften Teppichen bedeckt. Die Wände und die Decke waren holzgetäfelt. Zur Rechten stand ein gepolsterter Drehstuhl vor einem ausklappbaren Sekretär mit Dokumentenmappen und einem Brieföffner in Form eines japanischen Tanto-Messers. Weiter hinten an der rechten Wand lag ein mit schmiedeeisernen Gittern verzierter offener Kamin. Eine Tischlampe mit goldenem Gestänge und grünem Glasschirm tauchte die Ecke in behagliches Licht. Aktenordner und ledergebundene Bücher standen ordentlich aufgereiht in den Regalen an den Wänden. Dem Eingang gegenüber lag ein vorspringender Erker, durch dessen Fenster zwischen schweren grünen Brokatvorhängen ein Blick in den Garten möglich war. Zur Linken öffnete sich das Zimmer zu einer Fensterfront, hinter der der Kiesweg zum Gartentor im Mondlicht schimmerte. Vitrinen, Kommoden und gepolsterte Sessel waren ringsum arrangiert. Das hier war kein funktionales Büro. Jemand mit einem ausgewählten Geschmack für schöne Dinge hatte sich an diesem Ort wohlfühlen wollen.
Ein Lachen entfuhr Robert, als sein Blick auf eine niedrige Vitrine vor der rechten Wand fiel. Er ging davor in die Hocke und musterte die Schätze hinter den von innen beleuchteten Scheiben. Offenbar legte der kultivierte Mann von Welt Wert darauf, dass sich sein Arbeitsplatz nie mehr als eine Armlänge entfernt von einer Auswahl erlesener Spirituosen befand. Whiskys, Cognacs und Schnäpse lockten in den Auslagen. Es würde Wochen dauern, sich durch all das hier zu trinken.
Robert richtete sich auf und sah sich um.
So also hat Onkel Alois gelebt. Ja, das hier passt zu seinem Stil.
Mittig in der Kammer stand ein schwerer Polstersessel mit Fußschemel, ohne Zweifel der bequemste Platz im ganzen Raum. Die Katze schien derselben Meinung zu sein, denn sie überholte Robert, als er darauf zusteuerte, sprang mit einem Satz auf die Sitzfläche und rollte sich darauf zusammen.
„Nichts da!“, protestierte Robert. „Schusch! Das ist mein Sessel.“
Das Tier betrachtete ihn desinteressiert.
„Schusch“, wiederholte Robert. „Hier gibts genug Sitzplätze. Such dir einen anderen!“
Die Katze zeigte keine Regung außer einem Funkeln in ihren aufmerksamen Augen. Eine Zeit lang lieferten sie sich einen Starrwettkampf. Nach einer Weile wurden Roberts Augen trocken.
„Pah!“, verkündete er. „Ich könnte mich auch einfach auf dich setzen. Aber zu deinem Glück bin ich heute großzügig gestimmt.“
Er ließ seinen Rucksack auf den Boden gleiten, warf seine Jacke über einen Sessel und nahm mit einer kühlen Flasche Gerstensaft Platz in einem anderen, kaum weniger pompösen Möbelstück. „Na dann: Auf einen angenehmen Abend. Prost, Katze!“
Er ließ den Kronkorken zischen und nahm einen tiefen Schluck.
„Ah!“, verkündete er der Welt. „Auf dich, Alois! Was auch immer ich getan habe, um mir diese Ehre zu verdienen.“
Robert ließ sich tiefer in die Polster sinken und sah sich um. Wie im Flur fehlte es auch hier nicht an düsteren Ölgemälden. Über der Kommode mit den Spirituosen an der rechten Wand war eine Jagdszene dargestellt: eine Gruppe von Berittenen in einem Wald, ausgerüstet mit Hörnern und Flinten. Ein Rudel Jagdhunde strebte ihnen voraus. Die makabre Beute war bereits gefasst: Ein Seil führte von einem Sattelknauf zu einer Galgenschlinge, die einer grimmig dreinblickenden Vettel um den Hals hing.
Robert verzog angewidert das Gesicht. Toller Einfall, um einen perfekt gemütlichen Raum zu ruinieren.
Es war Zeit, die Atmosphäre etwas angenehmer zu gestalten. Er zog seinen Laptop aus dem Rucksack, platzierte ihn auf einer Kommode neben den Erkerfenstern und klickte sich durch seine Filmsammlung. Wenige Momente später flackerte die fast hundert Jahre alte Schwarz-Weiß-Verfilmung von „Frankenstein“ mit gedämpftem Ton über den Bildschirm. Schon besser. Die Handlung kenne ich eh auswendig.
Ein Maunzen der Katze auf dem Sessel ließ Robert den Kopf wenden. Sein Atem stockte, als er es ebenfalls sah: Jenseits des Kieswegs durch den Garten spiegelte sich das Licht der Laternen auf den feuchten Straßen wider. Auf dem Bürgersteig stand, regungslos und ihnen zugewandt, der Tod, gehüllt in einen Umhang und gestützt auf eine Sense.
Robert schnaufte durch, stärkte sich mit einem frischen Schluck, trat vor und zog den Vorhang zu. Notar Wilmswedel hatte recht: Dieser ganze Halloween-Quatsch ging allmählich zu weit.
Wehe, der kostümierte Freak da draußen klingelt, um sich Süßigkeiten zu erschnorren.
Robert genehmigte sich einen weiteren Schluck und drehte die leere Flasche vor den Augen. Er trat zu seinem Rucksack, zog das nächste Bier hervor und öffnete es. Als er sich umwandte, bemerkte er den Großumschlag, der auf dem Schreibtisch rechts der Tür auf ihn wartete.
Richtig. Noch mehr Anweisungen. So viel hatte Alois‘ Testament schon angedroht.
Er schlurfte durch den Raum, ließ sich in den Drehstuhl vor dem Schreibtisch plumpsen, zog den Brieföffner in Form eines japanischen Kurzschwerts aus der Scheide und betrachtete ihn. Schickes Teil. Alles Japanische hatte ihn schon immer interessiert. Vielleicht haben wir beide mehr gemeinsam als gedacht, Onkel.
Robert öffnete den Umschlag und fand drei Blätter, betippt mit Schreibmaschinenschrift.
Lieber Robert, verkündete die erste Seite.
„Hallo, Onkel“, brummte Robert. „Könntest du mir endlich erklären, was hier eigentlich los ist?“
Ich bin froh, dass Du gekommen bist. Nun, da Du Dich davon überzeugen konntest, dass mein Haus und Grundbesitz Deine Mühen wert ist, ist es an der Zeit, Dir einige weitere Dinge zu erklären. Ich empfehle Dir, Dir einen angenehmen Sitzplatz zu suchen, und bitte bei den nachfolgenden Ausführungen um Deine Geduld.
„Hörst du das?“, wollte Robert von der Katze wissen. „Einen angenehmen Sitzplatz. Er meint deinen Sessel.“
Vieles von dem, was ich Dir schreibe, mag ungeordnet und verwirrend klingen. Bedauerlicherweise hatte ich nicht ausreichend Zeit, um alles mit der gebotenen Sorgfalt niederzuschreiben, da ich mich zum Zeitpunkt der Verfassung dieser Zeilen in nicht geringer Eile befinde. Ich bin einem bedeutsamen Geheimnis auf der Spur.
Es gibt Mächte, die alles tun würden, um zu verhindern, dass ich es jemals lüfte. Um die heutige Nacht in meinem Haus zu überstehen, musst Du auf einige Dinge vorbereitet sein. Es ist entscheidend, dass Du begreifst und akzeptierst, was ich Dir sage. Auf diese Weise fehlt Dir nachher nicht die Zeit, wenn Ereignisse Dich überfallen, auf die Dein Leben Dich nicht vorbereitet hat.Ich werde versuchen, es Dir so kurz und einleuchtend wie möglich zu erklären. Am besten machst Du Dir Notizen, um Dir alles einzuprägen.
Jetzt auch noch Hausaufgaben? Robert beugte sich zu seiner Jacke auf der Sessellehne und suchte in der Innentasche nach seinem Kugelschreiber. Wo steckt das Teil?Eben bei Notar Wilmswedel hatte ich es noch. Er schüttelte den Kopf, fand einen Füllfederhalter und einen Papierbogen in einem Regalfach, und las weiter.
Erstens: Hexen existieren wirklich. Es handelt sich um Frauen und Männer, die sich Dämonenkräften ausgeliefert haben, um ihre eigene Macht zu steigern, und die nun von eben diesen Dämonen mehr und mehr verdorben werden. Das Ziel der Dämonen wiederum ist es, Leiden und Zerstörung in die Welt zu bringen. Sie sind Feinde der Menschen und die Gegner aller Schöpfung.
Robert seufzte und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Hexen und Dämonen … Ganz so hatte Alois damals schon geklungen. Wer hätte ahnen können, dass er diese Sachen wirklich ernst meinte? Robert schüttelte den Kopf und las die nächste Zeile.
Zweitens: Sie werden kommen …
Ein heller Laut im Garten ließ ihn aufhorchen: Kinderlachen. Er erhob sich, trat zum Fenster und linste zwischen den Vorhängen hindurch. Tatsächlich. Eine Gruppe Bälger in flatternden Kostümen hatte bereits den halben Weg zur Haustür zurückgelegt. Am besten, ich gehe runter und erledige die Sache, bevor mir jemand die Fassade mit Eiern zukleistert. Er wollte schon den Raum verlassen, als ihn Alois‘ Anweisungen zurück zum Schreibtisch zogen.
Zweitens: Sie werden kommen. In dieser Nacht werden sie kommen, um Dich zu holen. Akzeptiere es, damit Du nicht in Panik verfällst, wenn der Moment gekommen ist. Noch einmal mahne ich Dich eindringlich: Lass sie auf keinen Fall herein. Sei gewarnt: Unsere Feinde kennen viele Formen und Verkleidungen. Egal, in welcher Maske sie sich zeigen: Öffne ihnen nicht die Tür! Sie können ein geschütztes Haus nur betreten, wenn man sie hereinbittet. Fall also nicht auf ihre List herein!
Schritte bollerten auf der Veranda. Die Klingel schrillte scheppernd durch das Haus.
„Chantal! Lass dem Kemal sein Hanuta los!“
„Maaah!“
Viele Formen, was? In diesem Fall hatten sich ihre Feinde wohl besonders ins Zeug gelegt.
Es klingelte erneut.
„Süßes oder Saures“, schallte es aus einem Chor von Kinderkehlen. „Gib uns was, sonst gibt es was.“
Stumm wartete Robert ab. Vielleicht würde die Meute wieder abziehen, wenn er so tat, als wäre niemand zu Hause …
„Da kommt keiner.“
„Komm, wir gehen weiter.“
„Voll der Arsch.“
„Du sollst nicht Arschloch sagen vor den anderen!“
Schritte auf dem Kies verrieten, dass sich die Belagerer entfernten. Robert wollte aufatmen, als ein klatschendes Geräusch ertönte, der dumpfe Aufschlag von Eiern auf der Holzfassade. Er gab ein Zischen von sich.
Verdammte Bälger.
Die Angreifer konnten von Glück reden, dass dort draußen „todbringende Feinde“ auf ihn lauerten. Er zog die Vorhänge gründlich zu und kehrte zurück zum Schreibtisch.
Drittens: Es ist kein Zufall, dass ich Dich hergerufen habe. Es ist Deine Bestimmung. Das Blut der Burmantels fließt durch Deine Adern. Es ist ein ganz besonderes Blut, mit einem ganz besonderen Segen. Da ich nicht mehr am Leben bin, bleibt mir nichts übrig, als Dir die heilige Berufung unserer Familie zu übertragen. Dein Auftrag ist die Auslöschung der Hexenbrut. Du musst sie jagen und vernichten, so wie ich es mein Leben lang getan habe. Man nannte mich den ‚Richter‘. Es ist ein Ehrenname, den ich mir über lange Zeit erarbeitet habe.
Auch Du wirst Dir, da bin ich sicher, beizeiten Deinen Namen machen. Aber zuerst: Überstehe diese Nacht und alles wird sich Dir erschließen. Du wirst erkennen, dass ich die Wahrheit spreche. Weitere Anweisungen erwarten Dich in meinem Refugium im Erdgeschoss. Es ist das Herz im Hause jedes Hexenjägers. Bis dahin mach es Dir gemütlich und bleib am Leben.
Gezeichnet,Dein Onkel
Alois BurmantelVenator MaleficorumZu Berlin
Postskriptum. Solltest Du aus irgendeinem leichtsinnigen Grund meine Ermahnungen missachten und Dich einem Angriff unserer Feinde aussetzen, so besteht nur eine einzige Aussicht auf Rettung: Du musst ein Opfer Deines Fleisches bringen, verbunden mit dem Schwur zur Aufnahme in unseren Orden: accipe me ordine in fidem et in sanguinem in nomine sancti huberti amen.
Es ist Dein letzter Schutz, um gegen das Werk der Bösen zu bestehen, und stellt Dich unter eine besondere Art von Segen, die die Wirkung feindlicher Zauber abschwächt. Ganz unten in meiner Vitrine mit den Spirituosen (die Du unzweifelhaft bereits bemerkt hast) befindet sich ein Humidor und darin ein Zigarrenschneider. Ich empfehle Dir, die Kuppe Deines kleinen Fingers abzutrennen. Es ist zwar schmerzhaft, aber die Beeinträchtigung ist auf lange Sicht nicht besonders groß.
Ganz unten auf der Seite war ein verstümmelter Fingerabdruck in Tinte: eine vernarbte Fläche ohne Linien.
„Verdammt“, murmelte Robert. Er erhob sich aus seinem Stuhl und fuhr sich durch die Haare. „Verdammt, verdammt, verdammt.“
Das hier war noch schlimmer als befürchtet. Es half nichts, sich die Sache schönzureden: Alois war nicht einfach nur ein Träumer, der in seiner eigenen Welt lebte. Das hier war das Haus eines aggressiven, selbstzerstörerischen Psychopathen, den die Einsamkeit in den Wahnsinn getrieben hatte.
Roberts Blick wanderte zu dem grauenvollen Hexenjagd-Gemälde an der Wand. Entweder war der Maler faul gewesen, oder einem der Bewaffneten zu Pferde fehlte die Spitze seines kleinen Fingers. Auch der Kerl dort drüben sah ein wenig seltsam aus. Seine Haare fielen über seine Schläfe, als befinde sich darunter überhaupt kein Ohr.
Was soll ich nur tun? Das hier ist alles zu viel. Ich brauche jemanden, der mir sagt, dass ich nicht selbst dabei bin, den Verstand zu verlieren.
Er zückte sein Handy und scrollte durch seine Kontakte. Wen konnte er um Rat fragen? Seinen Kumpel Sascha?
Nein. Sascha hatte in seinem ganzen Leben noch keinen einzigen guten Rat gegeben. Roberts Daumen verharrte über einem anderen Eintrag.
Papa, leuchtete auf dem Bildschirm.
Robert überlegte einige Momente. Soll ich wirklich … Das wird sicher nur zu mehr Problemen führen. Andererseits gibt es niemanden, der fester mit beiden Beinen in der Wirklichkeit steht als Papa. Dazu kommt … Er ist der Einzige, der Alois wirklich kannte.
Nach kurzem Zögern wählte er und hob sich das Handy ans Ohr.
„Hallo?“, erklang es aus der Leitung. Wie immer war sein Vater entweder nicht willens oder nicht in der Lage, Kontakte einzuspeichern oder seinen Bildschirm abzulesen.
„Ich bin’s, Papa“, sagte Robert.
„Robert! Das ist … schön. Was ist los?“
„Störe ich?“
„Überhaupt nicht. Wir waren noch in einem Restaurant am Strand und sind gerade wiedergekommen. Und bei dir? Was machen die Bewerbungen?“
„Ich … Es geht um etwas anderes. Ich muss dich etwas fragen. Zu deinem Bruder.“
Stille schloss sich an. Er konnte seinen Vater atmen hören.
„Alois“, erklang es düster aus der Leitung. „Was ist mit ihm? Hat er … Hat er dich kontaktiert? Ich habe ihn gewarnt, wenn er noch einmal …“
„Nein“, log Robert. „Es ist nur … Ich musste gerade an ihn denken.“
Er biss sich auf die Lippe. Es war falsch, seinen Vater im Dunkeln zu lassen, und er wusste es. Aber er wusste auch: Wenn er ihm jetzt alles erzählte, würde Papa ihm befehlen, sofort aus der Villa zu verschwinden. Und keine Villa bedeutete: keine Reisen um die Welt.
„Ich habe mich gefragt, ob es Onkel Alois gut geht“, fuhr Robert schwach fort. „Wir haben schon so lange nichts mehr von ihm gehört.“
Wieder konnte Robert gepressten Atem hören.
„Nein, es geht ihm nicht gut“, brummte sein Vater. „Schon lange nicht mehr. Er ist … verwirrt. Und ein schlechter Einfluss. Mein Bruder ist gefährlich, Robert. Er lebt in einer Welt in seinem Kopf, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Bist du sicher, dass du nichts von ihm gehört hast?“
„Was soll das heißen, gefährlich?“, drängte Robert. „Du hast mir nie erklärt, was zwischen dir und Alois eigentlich vorgefallen ist.“
Aus dem Hörer drang ein Stöhnen. Robert konnte seine Mutter im Hintergrund mit sanfter Stimme etwas sagen hören.
„Ich weiß“, presste sein Vater unwillig hervor. „Es ist nur … Was soll es bringen, diesen alten Unsinn wieder aufzuwärmen?“
Mehr Worte seiner Mutter, gefolgt von einem Schnaufen seines Vaters.
„Ja, Schatz, sicher, du hast ja recht“, brummte Eduard. „Es ist nur … Ich will ihn mit diesen Sachen nicht belasten. Glaub mir, Robert, es ist besser, wenn du …“
„Ich bin kein Kind mehr, Papa“, unterbrach ihn Robert mit aufsteigender Irritation. „Das hier ist auch meine Familie. Ich habe es verdient, die Wahrheit zu erfahren.“
Eine Pause schloss sich an. Eduard Terwin holte tief Luft.
