Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ein Ereignis und die Welt wird nie wieder dieselbe sein Ein harmloser Urlaub wird für Jan zum größten Abenteuer. Als im Himmel über Barcelona ein schwarzes Loch auftaucht, verändert sich sein Leben von einer Sekunde auf die andere. Amira lebt in Barcelona, immer darum bemüht, über die Runden zu kommen. Zusammen mit ihren Freunden wird sie Zeuge des Ereignisses und landet mittendrin in einem weltveränderten Abenteuer. In Amerika soll Major Thompson das Geheimnis des Phänomens lüften - ein Auftrag, der nicht nur ihre Karriere beim Präsidenten, sondern das Schicksal der ganzen Welt entscheiden wird. Gleichzeitig bekommt ihr Freund Zak die einmalige Gelegenheit, seine Karriere als Reporter in ganz neue Bahnen zu lenken. Wobei er nicht weiß, was ihn dabei erwartet. Innerhalb weniger Tage kreuzen sich die Wege dieser Personen, ohne zu wissen, dass sie die größte Gefahr noch gar nicht kennen. Denn um eine Katastrophe zu verhindern, müssen sie das Unmögliche tun: Vertrauen aufbauen in einer Welt, die sich für immer verändert.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden, die Schauplätze existieren in der Realität.
Auch wenn es im Buch um K.I. geht, wurden alle Texte ohne Einsatz von künstlicher Intelligenz erstellt.
Ereignis:
eine Situation, die durch Dynamik oder Veränderung gekennzeichnet ist.
Teil 1Status Quo
Teil 215 Minuten
Teil 3Erste Erkenntnisse
Teil 4Die Nachricht
Teil 5Enthüllungen
Teil 6Am Abgrund
Teil 7Die Wahrheit
»Cabin Crew, prepare for landing.«
In einer Höhe von knapp 300 Metern flog die Maschine über das Meer. Jan Greber konnte aufgrund seines Fensterplatzes auf der rechten Seite bereits einen Blick auf Barcelona werfen, gleichzeitig versetzte ihm die Erinnerung einen Stich ins Herz. Er erkannte einige markante Bauten der Stadt, allen voran die imposanten Türme der immer noch unvollendeten Kirche Sagrada Família. Hinter dem Häusermeer erhob sich der Berg Tibidabo mit der Kirche auf seinem Gipfel. Auch die engen Gassen der Altstadt nahe dem Hafen waren zu erkennen, sowie die schachbrettartig angelegten Bezirke dahinter. Auf dem tiefblauen Meer näherten sich ein paar Schiffe dem Hafen, darunter ein Kreuzfahrtschiff. Selbst aus dieser Entfernung wirkte es riesig, während es in den Hafen einlief.
Fünf Jahre waren vergangen, seit Jan zuletzt die Stadt besucht hatte. Seine damalige Begleitung war mittlerweile seine Exfrau, die bis zur Scheidung gemeinsam mit ihm bei einem Reiseveranstalter für Gruppenreisen in Europa tätig war. Inzwischen hatte er keinen Kontakt mehr zu ihr, dafür war er zum Abteilungsleiter aufgestiegen.
Ein beruflicher Termin verschlug ihn nun nach Barcelona, wobei das Treffen in einem Hotel bereits am heutigen Tag stattfand. Anschließend standen ihm noch zehn freie Tage zur Verfügung. Diese wollte er nutzen, um die Stadt erneut intensiv zu erkunden, den Stress der letzten Monate abzuschütteln und etwas Ruhe zu finden. Einige Kollegen hatten es ›Midlife-Crisis‹ genannt, wobei er das mit seinen 40 Jahren vehement abstritt.
Im Sinkflug flog das Flugzeug über den Containerhafen am Stadtrand. In Gedanken versunken sah Jan aus dem Fenster und erinnerte sich an seinen letzten Besuch. Die Stadt hatte ihn vom ersten Moment an fasziniert. Der einzige Grund, dass er nicht schon früher wieder gekommen war, lag daran, dass Barcelona der letzte Urlaub mit seiner Frau war, bevor diese ihn von einem Tag auf den anderen verließ.
Egal, dachte Jan, keine Zeit und keine Lust für schlechte Gedanken.
Kurz darauf setzte die Maschine auf dem Rollfeld auf. Zehn Minuten später stand Jan bereits am Gepäcksband, bestätigte seinen Termin für mittags und zog sein Bandana aus der Tasche. Ein schlichtes schwarzes Tuch, welches er sich über seine Glatze band. Wie er erwartet hatte, kletterte die Temperatur bereits jetzt um 9 Uhr auf über 25 Grad. In Gedanken ging er seine nächsten Schritte durch.
Zuerst diesen Herrn Ruiz treffen und den Termin schnell erledigen. Danach zählt nur noch den Kopf freizukriegen von diversen Altlasten und diesen Urlaub voll und ganz genießen, dachte er motiviert.
Gut gelaunt schnappte er sich seinen gerade vorbeifahrenden Koffer vom Gepäckband und ging in Richtung U-Bahn-Station.
Wie jeden Tag schaltete sich der Radiowecker um 5 Uhr ein.
»Guten Morgen Colorado Springs! Hier spricht ihr Morgenmoderator Bryan Edison und ich kann euch sagen, es wird ein milder, sonniger Tag. Beginnen wir den Tag mit einem Musiker, der erst letzte Woche bei uns...«
Zak McCartney drehte sich mit geschlossenen Augen dem Radio zu und schlug mit der flachen Hand nach der Snooze-Taste. Die übertrieben freundliche Stimme aus dem Radio verstummte augenblicklich.
»Keine Chance, aufstehen!«, befahl seine Freundin Tamika Thompson, die neben ihm schon aufrecht im Bett saß.
»Jawohl, Frau Major«, meinte er schlaftrunken, wandte sich ihr zu und zog ihre Bettdecke weg.
»Du musst doch erst um 10 Uhr im Space Center...«
»Es heißt Peterson Space-Force Base«, korrigierte ihn Tamika und schob seine Hand zur Seite.
»Mein Termin mit dem Commander ist um zehnhundert. Es gibt aber noch genug andere Dinge zu erledigen. Mir geht es nicht so gut wie dir«, fuhr sie fort, kletterte dabei aus dem Bett und zog sich an.
»Wann musst du deinen Artikel für die Samstagsausgabe abgeben?«, fragte sie.
»Der ist bereits in der Redaktion«, antwortete Zak und kletterte ebenfalls aus dem Bett.
Im Gegensatz zu seiner Freundin war er als freier Mitarbeiter der ›US Weekend News‹ nicht an fixe Arbeitszeiten gebunden. Sein Bericht über diverse Alkoholexzesse einiger Hauptdarsteller der aktuell beliebtesten Sitcom in Amerika würde in zwei Tagen erscheinen. Danach erwartete er einen kurzen Aufschrei von Medien und Schauspielern, bis das Thema nach dem Wochenende wieder in Vergessenheit geraten würde.
»Wann darf ich einen Bericht über Major Tamika Thompson schreiben? Über ihre Tätigkeit im Space Operations Command und den Operationen von Space Delta 7?«
Als Antwort bekam er die Faust seiner Freundin in die Schulter geboxt.
»Wie du weißt, untersteht alles der Geheimhaltung. Ich werde meinen
Job nicht riskieren, weil mein Freund von der großen Karriere als berühmter Reporter träumt.«
»Von einer großen Karriere träumst du doch auch«, konterte Zak. Tamika blieb stehen und drehte sich zu Zak um.
»Ja, das tue ich. Schau mich an!«, forderte sie ihn auf.
»Das mache ich jeden Tag gerne.«
»Idiot. Ich bin eine lateinamerikanische Frau mit dunkler Haut und habe nur wenige Unterstützer beim Militär. Ich musste mir jede Position selbst erkämpfen, bei jedem Auftrag um die Leitung betteln und auch wenn ich inzwischen Major bin, gibt es immer noch genug alte, weiße Männer, die ein Problem mit mir haben.«
»Und diesen alten, weißen Männern willst du es zeigen, ich weiß. Erst wenn meine Freundin auf dem Stuhl des Kommandanten sitzt, wird sie zufrieden sein«, meinte Zak, ging an ihr vorbei und schaltete in der Küche die Kaffeemaschine ein, »Außerdem passiert bei dir gerade nichts Weltbewegendes, womit sich eine gute Story machen lässt.« Tamika griff nach der Tasse.
»Wenn bei uns etwas Großes passiert, dann ist es meistens streng geheim«, erklärte sie ihm ernst.
»Ich weiß. Zuletzt habe ich gelesen, dass eure Satelliten nicht nur dafür zuständig sein sollen, andere Länder zu überwachen. Aber leider meldet sich niemand aus den Tiefen des Weltalls bei uns.«
»Das Weltall ist auch verdammt groß«, gab sie zu bedenken und deutete auf die Packung Toastbrot. »Lass uns gemeinsam frühstücken.
Es wird ein langer Tag für mich, so kann ich jetzt noch etwas Zeit mit dir verbringen«, meinte Tamika und nahm am Küchentisch Platz.
Ein kurzer Blick aus dem Fenster ihrer Wohnung im sechsten und somit obersten Stockwerk genügte, um zu erkennen, dass es erneut ein heißer Tag in Barcelona werden würde. Aus diesem Grund ließ Amira, nachdem sie aus dem Bett gekrochen war, die dunklen Vorhänge geschlossen. Sie schaltete die Klimaanlage ein, startete ihren Computer und schlich in die Küche. Die Kaffeemaschine war bereits vorbereitet, es genügte ein Knopfdruck und mit einem mahlenden Geräusch wurde der Kaffee zubereitet. Unterdessen trottete Amira schlaftrunken ins Bad. Letzte Nacht hatte sie mit einigen Freunden in einem Innenhof in der Nähe bis weit nach Mitternacht gefeiert und getrunken. Dementsprechend müde war sie immer noch.
Es dauerte einige Minuten, bis sie ihre dunkelbraunen Haare in den Griff bekam, damit sie nicht mehr wild zerzaust waren, sondern glatt bis über ihre Schultern fielen. Ihr liebstes Schmuckstück, ein schlichtes, zwei Zentimeter breites Seidenband in Schwarz mit einer Perle als Anhänger, trug sie immer noch um den Hals. Jeans und schwarzer BH reichten ihr vorerst als Kleidung.
Die Eckwohnung in der Carrer del Rosselló verfügte neben einer kleinen Küche und Badezimmer nur noch über ein Wohn-Schlafzimmer. In diesem war auch das einzige Fenster der Wohnung, wie auch eine Schiebetür auf den Balkon. Von diesem konnte Amira zum gegenüberliegenden Hotel blicken. Dessen Dachterrasse war bekannt für seine Bar mit Blick auf die berühmte Kirche Sagrada Família. Sie kannte die Rooftop-Bar, die Cocktails schmeckten sehr gut, aber die Preise waren ihr viel zu hoch.
Mit der heißen Kaffeetasse und einem trockenen Brötchen nahm sie auf einen hölzernen Klappsessel auf dem Balkon Platz und blickte über die Brüstung auf den dichten Verkehr unter ihr. Zu den Motorgeräuschen von Autos und Mopeds kamen aufgeregte Hupkonzerte dazu. Nebenbei war der Kompressor ihrer Klimaanlage alles andere als leise, doch diese Geräusche nahm sie längst nicht mehr bewusst wahr. Nach über drei Jahren in dieser Wohnung hatte sie sich längst daran gewöhnt.
Amiras Plan für den Tag versprach wenig Aufregendes. Sie hatte für die demnächst stattfindende Prüfung an der Universität zu lernen, wenn sie den Masterlehrgang für Raumplanung und Umweltmanagement bestehen wollte. Zuvor wollte sie ihren Kaffee genießen, las dabei auf ihrem Handy aktuelle Nachrichten und scrollte durch ihre Social-Media-Kanäle. Ihr Nachbar, ein alleinstehender Mann über sechzig, erschien auf dem Balkon neben ihr. Da die Abtrennung nur aus einem einen Meter hohen Metallgeländer bestand, herrschte keine Privatsphäre. Amira bemerkte seine Blicke, die auf ihrem nicht blickdichten BH hängen blieben, als er sie freundlich grüßte. Sie grüßte zurück und drückte ihr Kreuz leicht durch, um dem alten Mann mit der Aussicht auf ihre Oberweite eine kleine Freude zu machen. Er hatte schon hier gewohnt, als sie eingezogen war. Aus einigen Unterhaltungen wusste sie, dass er ein ehemaliger Lehrer an einer elitären Schule war. Jetzt stand er im eng zugebundenen Morgenmantel beim Geländer, ein flauschiges Teil im Blau seiner Lieblingsmannschaft, dem FC Barcelona. Amira erinnerte sich, dass er kurz nach ihrem Einzug in ebendiesem Mantel vor ihr stand, nachdem es in der Nacht in ihrer Wohnung etwas lauter zugegangen war. Ihr damaliges Angebot, die Angelegenheit mit einem unmoralischen Entgegenkommen aus der Welt zu schaffen, hatte er umgehend angenommen. Zu weiteren Bettgeschichten kam es danach nicht mehr, da sie ihm erklärt hatte, nur gegen ›Taschengeld‹ mit Männern zu schlafen. Obwohl er damals höflich abgelehnt hatte, sah sie ihm an, dass er bei jedem Aufeinandertreffen wenigstens kurzzeitig am Überlegen war. Auch wenn es ihr grundsätzlich egal war, sprach sie ihn nicht mehr darauf an, da sie jüngere Männer bevorzugte.
Die Gedanken an ihren Nachbarn brachten ihr in Erinnerung, dass sie gestern über die Ebbe in ihrer Geldbörse gejammert hatte. Ein erneuter Blick in die Börse und, als sie beim Computer saß, auf ihr Konto verriet ihr, dass es dringend notwendig war, wieder an etwas Geld zu kommen. Doch zunächst startete sie ein Programm mit dem Namen ›SETI@home 2.0‹.
Der Nachfolger des 2020 eingestellten Projekts, das mit Hilfe von unzähligen privaten Usern Daten aus verschiedensten Radioteleskopen analysierte und dabei nach außerirdischen Signalen suchte, bot eine Möglichkeit, wenigstens ein bisschen Geld zu machen.
Da Amira sich immer schon viel mit dem Thema beschäftigt hatte und der Aufwand gering war, nutze sie diese kleine Einnahmequelle sehr intensiv.
»Das wird aber nicht reichen«, sagte sie zu sich selbst und öffnete ihren Internetbrowser. Da sie keinen Job in Aussicht hatte, musste sie auf andere Möglichkeiten zurückgreifen. Über eine Studienkollegin hatte sie von einer Seite erfahren, ein Forum, in welchem vor allem private Kontakte zu Escort-Damen angeboten wurden. Auch wenn die Rechtslage in Spanien diese Angebote als illegal wertete, florierte das Geschäft. Amira, die in keiner Beziehung steckte und kein Problem damit hatte, mit fremden Männern ins Bett zu gehen, aktivierte ihren Account und überflog ihren Text, den sie sonst immer verwendete.
Normalerweise bot sie ein ein- bis dreistündiges Schäferstündchen an, dieses Mal ergänzte sie den Text mit dem Angebot, die ganze Nacht mit ihr zu verbringen. Den Betrag dafür, 500 Euro, konnte sie im Moment sehr gut gebrauchen.
Amira öffnete die oberste Schublade ihres Schreibtisches und tastete nach einem kleinen USB-Stick, den sie an der Oberseite befestigt hatte. Der blaue Speicherstick beinhaltete jede Menge Bilder von ihr, die ihr Freund Costas vor kurzem gemacht hatte. Die Gegenleistung für die freizügigen und sehr intimen Bilder war ihr nicht schwergefallen, da sie mit dem zwei Jahre älteren Mann immer schon einmal eine Nacht verbringen wollte. Sein spitzbubenhaftes Gesicht und der schwarze, dichte Lockenkopf hatten sie seit jeher fasziniert, sein ruhiges, zurückhaltendes Verhalten entsprach aber überhaupt nicht ihren Vorstellungen.
Amira entschied sich zunächst für ein Bild, auf welchem sie lasziv mit nacktem Oberkörper auf einem weichen Teppich kniete und in die Kamera blickte. Auf einem weiteren stand sie, nur im String bekleidet, vor einer Wand aus dunklen Ziegelsteinen und präsentierte mit einem verführerischen Gesicht ihren schlanken Körper, den wohlgeformten Hintern und ihre kleinen Brüste.
»Da wird sich doch jemand finden, der Lust auf mich hat«, meinte sie selbstsicher zu ihrem Spiegelbild, das ihr aus dem Spiegel neben dem Bildschirm entgegensah.
Der morgendliche Ablauf war für den Leiter der NASA Special Operations stets derselbe. Max Shettland erschien pünktlich um 8 Uhr in seinem Büro und bekam von seiner Sekretärin gleich darauf einen Kaffee serviert. Schwarz, mit zwei Stück Zucker, so wie er ihn immer schon trank. Dazu händigte sie ihm eine Mappe mit neuen Berichten aus, die für ihn relevant sein konnten. Nach über zehn gemeinsamen Jahren, wusste sie ziemlich genau, was ihren Chef interessierte.
»Guten Morgen Mister Shettland. Heute habe ich Paralleluniversen und Schwarze Löcher im Angebot«, informierte sie ihn, was er bei den Berichten finden würde.
»Nichts von der gestrigen Vortragsreihe über die Gefahren eines Erstkontakts und die Wichtigkeit der SETI-Forschung?«
»Es gab drei Vorträge, die Sie allesamt schon kennen. Professor Harrison hat nahezu wortwörtlich vorgetragen, was er Ihnen geschrieben hat.«
Max Shettland nickte ihr dankend zu. Während er an seinem Kaffee nippte, las er sich die Artikel durch.
›Forscher vom Max-Planck-Institut vermuten winziges Schwarzes Loch im Inneren der Sonne. Die Idee ist erstmals 1971 von Stephen Hawking geäußert worden, gewinnt aber durch neue Forschung wieder an Schwung. Danach könnte unsere Sonne kurz nach dem Urknall ein Schwarzes Loch in sich aufgenommen haben.‹
Der Bericht wanderte umgehend zur Seite. Diese Theorie war Max Shettland ausreichend bekannt, da aber in den nächsten Jahren keine Erforschung der Sonne geplant war, verlor er das Interesse an diesem Thema.
›Physiker vermuten Existenz von Paralleluniversen, in denen Doppelgänger leben‹, war die Überschrift des nächsten Artikels.
Max Shettland überflog den Artikel, in dem einige Physiker des Massachusetts Institute of Technology, welches als MIT weltweit bekannt war, die Vermutung äußerten, dass es mehrere parallel existierende Universen geben könnte. Diese wären mit unserer Dimension, nicht vergleichbar. Beispielsweise könnten in ihnen völlig andere Naturgesetze gelten.
Interessante Ansatzpunkte, überlegte Max Shettland und sah sich den letzten Artikel an.
›Zwei Schwarze Löcher kollidierten so hart, dass sie das Raum-Zeit-Kontinuum störten‹, lautete die Überschrift.
Der Artikel behandelte ein Ereignis aus dem Jahr 2019. Damals empfingen Wissenschaftler ein Signal, welches zunächst nicht erklärbar war. Neueste Erkenntnisse gingen nun davon aus, dass es sich dabei um eine Verschmelzung von zwei Schwarzen Löchern handelte. Die dadurch ausgelösten Gravitationswellen gelangten angeblich bis zur Erde, bei einer Entfernung von etwa sieben Milliarden Lichtjahren. Das durch die Fusion entstandene neue Schwarze Loch soll 142-mal so groß, wie die Sonne sein. Ein Foto gibt es von diesem neu entstandenen Schwarzen Loch nicht.
Gleichzeitig mit Shettlands Seufzer betrat seine Sekretärin das Büro.
»So viele Theorien«, erklärte er, »Die nur eines immer wieder aufs Neue bestätigen: Wir wissen einfach noch viel zu wenig über das Universum und seine Gesetze.«
Die Rambla war wie immer gut besucht. Touristen und Einheimische drängten sich durch die weltbekannte Promenade. Flankiert von zwei Fahrbahnen war der Boulevard dazwischen von Bäumen eingegrenzt und bot neben einigen Zeitungsständen Platz für Blumenläden und Souvenirstände. Größere Souvenirläden, Geschäfte, Bars und Restaurants befanden sich an beiden Seiten der Rambla, wobei die Restaurants für ihre Außenbereiche maßlos überteuerte Preise auf ihren Speisekarten hatten. Dazu gesellten sich noch Schausteller, die in aufwendigen Kostümen für Fotos parat standen. Während er in einem günstigen Hotel direkt an der Rambla ein Zimmer reserviert hatte, handelte es sich bei dem Hotel, in welchem sein Termin stattfand, um ein gehobenes 4-Sterne-Hotel. Nachdem er seinen Koffer in seinem Hotelzimmer abgestellt hatte und sich ein elegantes Hemd angezogen hatte, stand er nun vor dem Eingang zum ›Sercotel Rosellón‹. Der Eingang wirkte bereits sehr ansprechend und auch die Nähe zur U-Bahn-Station vermerkte Jan als großen Vorteil. Der Hauptgrund, dieses Hotel für eine zukünftige Gruppenreise auszusuchen, befand sich aber auf dem Dach.
Bei der Rezeption wusste man bereits Bescheid und ließ ihn nur zwei Minuten warten. Als wenig später eine attraktive Frau im schwarzen Minirock und heller Bluse auf ihn zuging, hob er überrascht die Augenbrauen.
Alter Schwede, diese Schönheit ist höchstens 30 Jahre, dachte Jan beim Anblick der Dame mit langen, dichten schwarzen Haaren, einem braungebrannten Teint und auffallenden Rundungen.
»Ich hoffe, dein Gesichtsausdruck soll nicht bedeuten, dass du ein Problem damit hast, wenn Frauen das Sagen haben«, kommentierte sie seinen Blick anstatt einer Begrüßung.
»Überhaupt nicht«, verteidigte sich Jan, »In meinen Unterlagen stand als Ansprechperson ein gewisser Herr Ruiz, deshalb meine Überraschung.«
»Das ist mein Bruder Ernesto. Wir leiten dieses Hotel gemeinsam, haben beide die Hotelfachschule abgeschlossen und führen das Hotel seit inzwischen drei Jahren«, erfuhr Jan.
Binnen weniger Minuten hatten die Hotelmanagerin Juana und Jan einen Draht zueinander gefunden. Was für Jan nur als kurze Besichtigung der Dachterrasse mitsamt der dortigen Bar geplant war, wurde zu einer ausgedehnten Hotelbesichtigung. Die Zimmer entsprachen dem internationalen Standard in dieser Hotelklasse, geräumig, mit Teppichboden und geschmackvoll ausgestattet. Der besondere Vorteil des Hotels war bei den Deluxe-Zimmern in den oberen Stockwerken festzustellen. Diese boten einen nahezu uneingeschränkten Blick auf die Sagrada Família. Zunächst noch von einem Zimmer aus, war Jan spätestens auf der Dachterrasse des achtstöckigen Hotels restlos begeistert vom Ausblick auf den oberen Teil der Fassade und die Türme der imposanten Kirche. Aus der Nähe fielen Jan immer neue Details auf, die die Fassade verzierten.
Einer der Türme wirkte vollendet und war mit mehreren weißen Engelfiguren bestückt, die anderen noch von Baugerüsten eingehüllt. Hinter einem der zukünftigen Haupttürme, auf welchem ein Stern prangte, ragte ein Kran in den wolkenlosen Himmel.
»Kannst du dir vorstellen, dass der höchste Turm bei der Vollendung ungefähr die Höhe des Krans erreichen wird?« Der Frau war anzuhören, wie sehr sie von dem Bauwerk schwärmte.
»Einfach gewaltig«, gestand Jan, »Ich habe die Kirche schon vor fünf Jahren, bei meinem letzten Besuch, bestaunt. Soweit ich mich erinnern kann, waren die Türme damals nicht viel höher als die Spitzen der Fassade.«
Sie blieben eine Minute lang wortlos stehen, in der Jan die Ausschmückungen bestaunte. Unterschiedliche Verzierungen auf den Spitzen, die beinahe zwischen den Türmen verschwanden, Apostelfiguren aus weißem Stein, die in luftiger Höhe anscheinend rund um den Hauptturm aufgereiht waren. Die Architektur der Türme ließ es aussehen, als würden sie sich in den Himmel schrauben. Dazu kam, dass unterschiedliche Arten von Steinen verwendet wurden, mal hellgraue, dann eher bräunliche.
»Darf ich dich auf einen Cocktail einladen?«, holte ihn Juana in die Wirklichkeit zurück. Sie bot ihm einen Stuhl direkt an der Brüstung an und winkte dem Barkeeper zu. Die herannahende Fotografin scheuchte sie mit einigen freundlichen Worten auf Katalanisch wieder weg. Juana erklärte Jan, dass die Fotografin üblicherweise anbot, die Gäste zu fotografieren. Die Bilder gab es danach via E-Mail gegen einen kleinen Unkostenbeitrag.
In einem goldfarbenen Cocktailbecher bekam Jan einen ›Mojito de maracuya‹ serviert, den er vorzüglich fand.
»Den Blick gibt es für deine Gäste gratis, wir können auch ein Freigetränk dazugeben. Da du gemeint hast, ihr organisiert vorwiegend Kleingruppen, wird das mit den Zimmern kein großes Problem«, kehrte die Hotelmanagerin zu dem Grund seines Besuches zurück. Jan hatte nicht mehr viel zu besprechen, es war offensichtlich, dass Juana sich ausführlich mit dem Angebot seiner Firma beschäftigt hatte und einer Zusammenarbeit nichts im Wege stand.
Das Geschäftliche war schnell besprochen, somit wechselten sie bei einem weiteren Cocktail zu privateren Themen. Juana war gebürtige Katalanin, was ein großer Unterschied zu Spaniern war, wie er lernte. Sie lebte mit ihrem Mann und einer kleinen Tochter im Stadtteil L'Eixample.
»Das markante Schachbrettmuster mit den quadratischen Häuserblöcken reicht zurück bis in die Jahre um 1850«, erzählte sie. Dabei war deutlich herauszuhören, wie stolz sie über ihre Stadt sprach. Auf ihre Frage, wo Jan untergekommen war, bekam er einige Tipps für nächtliche Ausflüge.
»Das Barri Gòtic ist voller Lokale und Bars, meistens klein und voll, aber die Stimmung wird dir gefallen. Vor allem wenn dir lateinamerikanische Musik gefällt, wirst du viel Freude haben, das garantiere ich dir. Und wenn du danach suchst, findest du leicht Gesellschaft. Die Frauen in Barcelona sind locker und freundlich aber schwer zum Rumkriegen.«
»Na ja, ich suche hier keine Frau zum Heiraten«, meinte Jan, »Auch wenn ich zugeben muss, dass es schon einige sehr schöne Frauen hier gibt.«
»Hast du denn schon viele getroffen?«
»Nein, das war auf dich bezogen.«
Geschmeichelt entgegnete ihm Juana: »Danke für das Kompliment.
Wenn du nach etwas schnellem, unverbindlichen Spaß suchst, da kann ich dir ein sauberes und seriöses Studio in der Nähe empfehlen.«
Die direkte Art von Juana ließ Jan kurz stutzen, was sie als Aufforderung sah, bei dem Thema zu bleiben.
»Es gibt auch einige Damen, die privat in diversen Internetforen inserieren. Sowohl für eine schnelle Nummer oder als Begleitung für die ganze Nacht.«
»Ah... Okay, danke für den Tipp«, stammelte er überrumpelt. Juana grinste ihn weiter an.
»Schau nicht so. Mein Bruder ist gerade frisch getrennt von seiner Freundin. Was glaubst du, wo er viele seiner Abende verbringt? Männer sind nun einmal nicht immer hirngesteuert«, scherzte sie.
Einen weiteren Cocktail nahmen sie auf der anderen Seite der Terrasse ein, da Juana dort die Möglichkeit zum Rauchen hatte. Jan, der seit der Schulzeit keine Zigaretten mehr angegriffen hatte, blickte über die Dächer des Viertel Eixample bis zum Tibidabo. Er konnte die Kirche und den Vergnügungspark davor sehen, erkannte sogar, dass die Attraktionen in Betrieb waren.
»Ich kann dir einen Ausflug zum Tibidabo nur empfehlen. Von der Christusstatue aus hast du einen fabelhaften Blick über die Stadt bis zum Strand und dem Meer.«
Diesen Ausblick kannte Jan bereits und war entschlossen, nochmals dorthin zu fahren.
Im gegenüberliegenden Haus sah er eine junge Frau, die in blauer Jeans und schwarzem BH bekleidet auf den Balkon ihrer Wohnung trat und auf ihr Handy sah. Ihre schlanke Figur, die langen dunklen Haare und die zarten Gesichtszüge erinnerten ihn an Juanas Aussagen zuvor.
Vielleicht hat sie recht, dachte er, traute sich aber nicht, Juana nach einer Internetseite zu fragen. Auch wenn er weder spanisch noch katalanisch beherrschte, war er sich sicher, es selbst herauszufinden.
Nach seiner Trennung hatte er versucht, die Einsamkeit seines Single-Lebens durch flüchtige Affären, gelegentliche One-Night-Stands aber auch käuflichem Sex zu überwinden. Geholfen hatte es immer nur kurz.
Der vorgefertigte Vertrag war bereits unterzeichnet, womit Jan ihn nur für seine Chefs mitnehmen musste. Juana begleitete ihn noch zum Hoteleingang und gab ihm letzte Ratschläge mit auf den Weg.
»Nachts auf der Rambla wirst du, wenn du alleine unterwegs bist, gerne mal angesprochen. Diese Angebote, ob Live-Show, Striptease oder mehr, sind alles andere als seriös. Wenn dir Frauen mit eindeutigen Angeboten zu nahekommen, solltest du auf deine Wertgegenstände aufpassen. Da kann es passieren, dass du in einer Gasse landest und dir dein Geld abgenommen wird. Und niemals bei den Hütchenspielern dein Glück probieren. Du verlierst immer.«
Sie reichte ihm die Hand und händigte ihm ein Ticket aus. Fragend hob Jan die Augenbrauen.
»Wer Barcelona besucht, muss sich die Sagrada Família ansehen«, sagte sie und deutete auf das Ticket.
Jan bedankte sich nochmals für die nette Unterhaltung sowie die Freikarte und verabschiedete sich von der jungen Frau.
Fünf Minuten später stand er vor dem Eingang zur Sagrada Família. Er blickte auf die Geburtsfassade, erkannte auf Anhieb mehrere biblische Stellen und fühlte sich erdrückt von den vier, in den Himmel ragenden, Türmen. Kunstvoll verziert sah er unzählige Figuren, darunter eine Gruppe, die an die Heiligen Drei Könige auf ihrem Weg zu Jesus erinnerte. An einer anderen Stelle spielte eine Frau die Harfe, unweit davon sangen zwei Steinfiguren.
Wie Jan feststellte, erlaubte es sein Ticket, dass er ohne Wartezeit hineingehen konnte und sich nicht anstellen musste. Eine Schlange von Touristen, die nicht vorreserviert hatten, reichte rund um den halben Häuserblock.
Zuerst etwas Kultur, dann kümmere ich mich um meine Abendunterhaltung, beschloss Jan und marschierte auf den Eingang der Kirche zu.
Epsilon an Alpha: Das Programm wurde nochmals getestet, Erfolgsquote 97 Prozent.
Alpha an Epsilon: Beta und Delta meinen, das genügt. Gamma und Stigma möchten die KI-Routinen noch anpassen.
Epsilon an Alpha: Wir haben langsam Zeitdruck und das Programm läuft fehlerfrei. Ich sehe nur ein Risiko. Die Übertragung durch Zeta. Wenn wir aber alles auf seinen Vorschlag hin ausrichten, wird unser Programm genau das machen, was es soll.
Alpha an Epsilon: Kappa hat mir bestätigt, jederzeit loslegen zu können. Er ist zeitlich unabhängig.
Epsilon an Alpha: Du bist Alpha, du entscheidest.
Alpha an FTW@alle: Die Testphase ist vorbei. Wir bleiben bei unserem Plan. Zeta und Kappa erhalten das Virus und halten sich bereit.
Zeta an FTW@alle: Leute, ich bin mehr als bereit. Es liegt nicht an mir, ich muss warten, bis die Maschine eintrifft.
Alpha an FTW@alle: Verstanden. Wenn es Probleme gibt, nur direkten Kontakt mit mir. Ansonsten erfolgt die nächste Zusammenkunft auf mein Signal.
Der User mit dem Codenamen Epsilon beendete die Unterhaltung im Chatraum ›Free The World‹. Er startete ein Programm auf seinem Computer, welches alle Spuren seines Besuchs im Darknet ausradierte. Danach öffnete er sein E-Mail-Programm und sendete eine vorbereitete Nachricht mit dem beigefügten Programm an zwei Adressen. Er wusste, dass die E-Mail nach dem Absenden sofort gelöscht wurde und es keine Möglichkeit gab, die Nachricht zu ihm zurückzuverfolgen. Mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht lehnte er sich zurück und sah zu, wie der Computer danach herunterfuhr.
»Free the World. Nur noch ein paar Tage und die Welt wird eine völlig andere sein«, sprach er leise zu sich selbst. In seiner Hand spielte er mit einem Daten-Stick, auf dem sich das Programm befand, welches in seinen Augen die Welt verändern würde.
Für die Besichtigung der Sagrada Família nahm sich Jan viel Zeit. Seit seinem letzten Besuch hatte sich viel an der Kirche verändert. Besonders das Innere faszinierte ihn, denn damals war er noch inmitten einer Baustelle gestanden. Die Sonne sorgte für farbenfrohe Lichtspiele durch die unterschiedlichen Fensterbilder. Die Säulen wirkten wie massive Baumstämme in einem Wald, die Kirchendecke bot ebenfalls jede Menge Verzierungen. Immer noch beeindruckt fuhr er danach zum Plaça de Catalunya, bekannt als der zentrale Platz Barcelonas.
Ein Café neben dem Platz bot einen Überblick über den Platz und war gleichzeitig auch der Anfang der Rambla, welche bis zum Hafen führte. Zwischen den Baumreihen flanierten Touristen und Einheimische über den berühmten Boulevard. Gegenüber von Jans Platz im Freien beherrschte ein riesiger grauer Betonbau die Seite des Plaça de Catalunya. Das Kaufhaus ›El Corte Inglés‹, eine der größten Warenhausketten der Welt residierte hier. Jan kannte das Kaufhaus, hinter der glatten Fassade gab es auf ganzen elf Ebenen nahezu alles zu kaufen. Von Kleidung, Elektronik, Sportartikel bis Schmuck fand man hier alles, was das Herz begehrte. Auf der obersten Etage befand sich ein Restaurant, dessen Panoramafenster einen Blick über die Stadt von der Küste bis ins Hinterland ermöglichte.
Im Moment dachte Jan nicht über eine Shopping-Tour nach, er war mit seinem Handy beschäftigt. Die Aussage der Hotelmanagerin ging ihm nicht aus dem Kopf.
Männer sind nicht immer hirngesteuert, da muss ich ihr wohl recht geben, dachte er.
Es war leicht gewesen im Internet eine Seite zu finden, auf welcher sowohl diverse Bordelle, aber auch scheinbar private Angebote zu finden waren. Jan ging die Anzeigen durch, die teilweise sehr ausführlich waren. Neben dem Namen, Alter und der ungefähren Adresse der Dame waren bei jeder Annonce eindeutige Bilder und Preise angegeben. Außerdem stand jeweils dabei, welche Aktivitäten die Damen anboten. Jan, dessen Liebesleben derzeit nicht vorhanden war, hatte bereits entschieden, sich ein derartiges Vergnügen zu gönnen. Eine Anzeige stach ihm ins Auge. Das kleine Vorschaubild versprach eine schlanke Frau mit kleinen Brüsten und jungem Gesicht. Für einen Moment dachte er, das Gesicht schon einmal gesehen zu haben.
Amira - Rosellón - Escort catalana
Als er den Link öffnete, sah er ein größeres Bild der jungen Frau und musste schmunzeln.
Alter Schwede, das ist doch die Kleine, die ich vom Hotel aus gesehen habe, fiel ihm ein. Laut ihren Angaben war sie 24 Jahre alt, gebürtige Spanierin und hatte umfangreiche Vorlieben. Bei den Möglichkeiten eines Treffens hatte sie neben ›Hausbesuche‹ auch ›eigene Wohnung‹ angegeben. Ihre Tarife hatte sie für eine Stunde, drei Stunden und eine ganze Nacht angegeben. Jan sah sich die beiden Bilder an und grübelte. Eine junge Frau, die sich in der Stadt sicherlich gut auskennt. Eine ganze Nacht, warum nicht? Wenn sie englisch spricht und so sympathisch ist, wie sie auf den Bildern wirkt, dann kann man ja gemeinsam durch ein paar Lokale ziehen. Das andere passiert einfach davor und danach.
Er hatte sich entschieden und wählte die angegebene Telefonnummer. »Hola!«, meldete sich nach zweimaligem Läuten eine junge Frauenstimme.
»Hallo, sprichst du Englisch?«, fragte Jan.
»Ja, Englisch und Spanisch.«
Die Stimme der jungen Frau klang liebenswürdig und sanft, stellte Jan fest.
»Ich habe deine Anzeige gefunden und wollte fragen, ob du heute Abend Zeit hast? Ich würde gerne die ganze Nacht mit dir buchen, falls du Lust hast, mir einige Lokale zu zeigen.«
»Zeit habe ich«, antwortete Amira.
Sie schlug vor, sich vorab zu treffen und bei gegenseitiger Sympathie die ganze Nacht gemeinsam zu verbringen.
»Ich gebe dir meine Adresse und entweder verbringen wir nur eine Stunde zusammen, oder, wenn es für uns beide passt, dann gerne die ganze Nacht«, meinte sie, gut gelaunt.
Jan stimmte zu und verabredete sich mit der jungen Frau für 20 Uhr.
Zusammen mit zwei Kollegen aus ihrer Abteilung stand Tamika Thompson neben der Skulptur des 9/11 Memorial vor dem Hauptgebäude des U.S. Northern Command. Im zweiten Stock befand sich ihr Büro, welches sie aber nur selten benutzte. Offiziell war sie als Major für die Kommunikation zwischen ihrer Abteilung ›Delta 7‹ und dem Generalleutnant der United States Space-Force zuständig. ›Delta 7‹ beschäftigte sich vorrangig mit der allgemeinen, nicht militärischen Überwachung des Weltraums. Inoffiziell zählten neben der Aufklärung durch Satelliten auch geheimdienstliche Angelegenheiten zu ihren Aufgaben.
»Major Thompson!«, rief ein junger Mann, der in legerer Kleidung aus dem Gebäude stürmte und in ihre Richtung rannte.
»Ich verstehe nicht, warum Kennedy es zulässt, dass Zivilisten in dieser Einrichtung wie wild gewordene Affen herumlaufen dürfen?«, spottete ihr Kollege.
»Es heißt Generalleutnant Kennedy«, tadelte Tamika ihn augenblicklich, »Und ich glaube nicht, dass Sie ihre Karriere beim Militär hier als Laufbursche fortsetzen möchten. Diese Burschen sind allesamt Verwandte von hohen Entscheidungsträgern der Space-Force. Also passen Sie lieber auf, wenn Sie ihren Mund zu weit aufmachen.«
Sie drehte sich dem Burschen zu und winkte ihn zu sich.
»Hierher, ich bin Major Thompson.«
Der junge Mann kam näher, blickte auf ihren Ausweis und kontrollierte den Namen.
»Ihr Termin mit dem Generalleutnant wurde vorverlegt. Er hat jetzt schon Zeit für Sie. Ich soll Sie gleich zu ihm begleiten.«
»Danke, ich finde den Weg alleine«, meinte sie im strengen Tonfall, »Ab mit dir und mach Mittagspause.«
Der junge Mann nickte zur Bestätigung und ging davon. Sie hatte ihn gleich erkannt und wusste, dass es sich um einen Neffen des Generalleutnants handelte.
Beim Betreten wunderte sich Tamika Thompson wieder einmal, wieso der oberste Befehlshaber der Basis ein so kleines Büro hatte. Es lag im obersten Stockwerk und richtig positioniert, um dem Generalleutnant freie Sicht über die Peterson Space-Force Base zu bieten. Tamika kannte den Ausblick. Von den Privathäusern, die von vielen Mitarbeitern der Space-Force und des Airports genutzt wurden, über den Privatgolfplatz bis zur Piste des Flughafens konnte der Generalleutnant alles überblicken. Das Büro selbst war sehr schlicht. Neben einem Schreibtisch und einem kleinen Regal, in dem sich neben einigen Fachbüchern auch eine Minibar befand, standen nur noch drei Stühle im Raum.
Generalleutnant Kennedy erwartete Tamika Thompson mit einem gefüllten Whisky-Glas.
»Ich weiß, es ist erst kurz nach Mittag, aber diese Nachricht verdient es, dass wir darauf anstoßen«, begann er und drückte ihr das Glas in die Hand.
»Danke, Generalleutnant Kennedy. Aber...«
»Tamika, wie lange kennen wir uns jetzt schon?«, unterbrach er sie und schloss die Tür seines Büros hinter ihr.
»Mindestens zehn Jahre, Generalleutnant...«
»Dann gewöhne dir endlich an, mich George zu nennen. Nicht bei öffentlichen Anlässen, doch privat können wir längst diese Steifheit ablegen.«
Nachdem er sich ebenfalls ein Glas eingeschenkt hatte und ihr zuprostete, bot er ihr einen Stuhl an.
»Sie wissen, ich lege sehr großen Wert darauf, dass sowohl mir gegenüber als auch ich alle hier mit Respekt und...«
»Tamika, bitte. Ich kenne dich, seit deinem ersten Tag bei der Space-Force«, fiel ihr George Kennedy ins Wort. Nach einem Schluck sprach er weiter.
»Du hast dich von Anfang an hineingekniet, um es allen zu beweisen.
Du weißt, dass es mich nie interessiert hat, dass du eine Frau bist. Hautfarben sind mir ebenso egal wie religiöse Ansichten. Was zählt, ist die Bereitschaft, für unser Land vollen Einsatz zu leisten. Diesen hast du mehr als einmal bewiesen.«
»Danke... George«, sagte Tamika und nippte am Glas. Obwohl sie keinen Alkohol mochte, ließ sie sich nichts anmerken. Das Brennen in ihrem Hals verdrängte sie ebenso, wie den erdigen Geschmack der sie an Zigarren erinnerte.
»Dein Bericht über unser neues Satellitennetz wäre normalerweise nichts Besonderes, der nicht einmal bis ins Vorzimmer des Präsidenten gelangen würde. Mit den sogenannten Probeläufen, die du hinzugefügt hast, weiß nun aber selbst Präsident Pullman, wer Major Tamika Thompson ist. Herrgott Tamika, du hast den Nachrichtenverkehr zwischen Russland und China aufgezeichnet und dabei der Wirtschaftsdelegation des Präsidenten einen entscheidenden Vorteil verschafft.«
»Es war auch etwas Glück dabei, aber so haben wir herausgefunden, dass unser System funktioniert«, versuchte Tamika ihren Erfolg zu schmälern. Insgeheim war sie jedoch stolz darauf, es den Männern in Washington bewiesen zu haben. Die Leute, die jetzt mit Glückwünschen daherkamen, waren dieselben, die anfangs über die Sinnhaftigkeit der Space-Force gelästert hatten.
»Sobald der Präsident von seiner kleinen Europareise zurückkehrt, wird er uns besuchen. Es ist sein ausdrücklicher Wunsch, dass wir uns zu dritt zusammensetzen.«
Nach einer kurzen Pause setzte er mit einem verschwörerischen Grinsen fort.
»Tamika, ich befürchte, du musst demnächst über einen Wohnortwechsel nachdenken.«
Tamika blieb stumm, die Nachricht hatte sie kalt erwischt. Was ihr Mentor andeutete, war ein Posten in Washington, entweder im Pentagon oder sogar ein Büro im Weißen Haus.
»Bis dahin zeigst du noch einmal volle Motivation bei den Berichten der Satellitenüberwachung. Noch so ein Glücksfall und dir stehen alle Türen offen.«
Ihr erster Weg nach der Besprechung mit dem Generalleutnant führte in ihr Büro. Erst nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, erlaubte sie sich, breit zu grinsen und die Faust zu ballen.
»Jawohl!«, sprach sie zu sich selbst.
Sie war kurz davor, zu erreichen, wovon sie immer geträumt hatte, einen entscheidenden Schritt in ihrer Karriere.
Gerade als sie ihr Handy auf ihren Schreibtisch legte, klingelte es. Zak schien bereits fertig zu sein, da er sich immer meldete, sobald er daheim war.
»Hallo, mein Schatz«, begrüßte sie ihn, »Heute gehen wir am Abend schön essen. Reserviere einen Tisch bei ›Fernandos Italian Trattoria‹.
Ich habe dir etwas zu erzählen.«
Nach einem letzten Blick durch die aufgeräumte Wohnung entschied Amira, dass alles für den Besuch vorbereitet war. Sie hatte den Mann, der sich Jan genannt hatte, für 20 Uhr direkt vor ihre Haustür bestellt. Auch wenn er bei ihrem kurzen Telefonat nicht unangenehm geklungen hatte, wollte sie noch nicht darüber nachdenken, ob sie die ganze Nacht mit ihm verbringen würde. Das Geld hatte sie dringend nötig, aber wenn er sich als Idiot herausstellen sollte, wäre sie schon mit den 80 Euro für eine Stunde zufrieden.
In frischer, dunkelroter Unterwäsche saß sie vor ihrem Computer. Das SETI-Programm lief immer noch, ihr aktuelles Guthaben für das zur Verfügungstellen ihres Computers betrug im Moment 36 Euro. Das Datenpaket war beinahe vollständig analysiert, ein Neues würde morgen im Laufe des Tages ankommen.
Auf einem separaten Fenster schrieb sie mit ihren Freunden.
»Das heißt, du bist heute nicht dabei, wenn wir zu Lorena gehen? Ihre Partys sind immer ein Hammer«, schrieb Costas von seinem Handy.
»Ich weiß, Costas. Aber ich muss etwas Geld verdienen«, schrieb sie als Antwort.
»Pass auf, dass du nicht einmal an den Falschen gerätst, Prinzessin«, meldete sich Eric.
Beide Männer kannte Amira seit ihrer Ankunft in Barcelona. Als sie vor über drei Jahren aus der nordspanischen Gemeinde Peralta de Alcofea in die katalanische Hauptstadt zog, waren Eric, Costas und deren Freundeskreis eine große Unterstützung für sie. Amira hatte anfangs große Schwierigkeiten gehabt, sich in der Großstadt wohlzufühlen, nachdem sie ihr Heimatdorf mit knapp 600 Einwohnern verlassen hatte. Sie war blauäugig gewesen und hatte es sich viel einfacher vorgestellt, neben ihrem Studium genug Geld zum Leben zu verdienen. Die Clique von Costas und Eric bestand aus Personen unterschiedlichstem Alter, wobei einige einen fixen Job hatten, während andere ihr Geld auf unterschiedliche Arten, darunter auch nicht ganz legale, verdienten. Amiras Nebenbeschäftigung war den beiden Männern bekannt, weshalb sie sich auch bereit erklärten, bei derartigen Treffen auf sie aufzupassen.
»Costas hat bereits geschrieben, dass er den Bodyguard macht«, schrieb Amira.
Wie bei den meisten Treffen organisierte sie einen ihrer Freunde, der beim ersten Kontakt in der Nähe war und jederzeit eingreifen konnte. Erst auf ihr Zeichen ließ er sie mit dem Mann alleine.
»Aber gleich die ganze Nacht?«, fragte Eric.
»Der Typ hat nicht vor, die ganze Nacht im Bett zu verbringen. Er klingt nach einem Touristen, der zuerst Spaß haben und dann etwas trinken gehen will. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es ein netter Abend werden wird«, versicherte sie den beiden.
Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie noch fünfzehn Minuten bis zum Treffen hatte. Costas saß bereits vor ihrer Haustür, genaugenommen vor einem kleinen Lebensmittelladen und trank einen Eiskaffee. So hatte er den Hauseingang im Auge und konnte innerhalb einer Minute in Amiras Wohnung, für die er einen eigenen Schlüssel hatte, stehen.
Amira verabschiedete sich von den beiden, bekam die Nachricht, dass ihr zugesendetes Datenpaket von SETI fertig analysiert wurde, und schaltete den Computer ab. Um einen guten Eindruck zu machen, zog sie sich ein kurzes schwarzes Kleid an, welches ihre Figur besonders gut zur Geltung brachte. Ihr Halsband mit der Perle legte sie als Letztes an. Die Klimaanlage war auf angenehme 20 Grad eingestellt, die geschlossenen Vorhänge sorgten für angenehm schwaches Licht.
Insgeheim hoffte Amira auf einen sympathischen Kerl, um selbst auch auf ihre Kosten zu kommen.
Zum zweiten Mal an diesem Tag ging Jan die Carrer del Rosselló entlang. Er konnte bereits das Hotel sehen, spazierte nun aber auf der anderen Straßenseite.
Nachdem er fast den gesamten Nachmittag in der bekanntesten Sehenswürdigkeit der Stadt verbracht hatte, genehmigte er sich in einem Café auf der Rambla ein Baguette mit Schinken. Es handelte sich dabei nicht um den teuren Jamón Ibérico, den Jan ebenfalls noch auf seiner Liste für diesen Urlaub hatte. Immer noch von der imposanten Kirche beeindruckt, freute er sich nun, frisch geduscht, mit gestutztem Bart und in Shirt und Jeans, auf den Abend.
Beim Näherkommen sah Jan eine junge Frau vor der angegebenen Adresse gegenüber dem Hotel stehen. Sie wandte sich in seine Richtung, woraufhin sich Jan sicher war, dass es sich um seine Verabredung handelte. Das kurze schwarze Kleid stand ihr besonders gut, die verwendeten Bilder schienen nicht auf dem Computer bearbeitet worden zu sein. Jan musste zugeben, dass die Frau eine sehr erotische Ausstrahlung hatte. Ihre langen braune Haare, die Figur und das sanftmütige Lächeln ließen ihn von einer schönen gemeinsamen Nacht träumen.
»Hallo, bist du Amira?«, fragte er, als er direkt vor ihr stand.
Die junge Frau musterte ihn kurz mit ihren braunen Augen und ihr Lächeln wurde breiter.
»Hola, ja bin ich. Dann bist du Jan.«
Kurz darauf war sich Jan sicher, dass es sich bei Amira um die Frau handelte, die er von der Hotelterrasse aus erspäht hatte. Ohne Aufzug führte sie ihn in den sechsten Stock, wobei Jan hoffte, dass die Wohnung nicht so abgewohnt und schäbig war, wie das Stiegenhaus. An den Wänden blätterte die Farbe ab und die stickige Luft ließ Jan nach drei Stockwerken fragen, ob Amira eine Klimaanlage hatte.
»Ohne die würde man es im obersten Stock nicht aushalten. Sie läuft auch schon, also von der Hitze wirst du nicht ins Schwitzen kommen«, meinte Amira keck.
Sie versprach nicht zu viel, das Erste, was ihm beim Betreten der kleinen Wohnung auffiel, war die angenehme Temperatur. Danach stellte er beruhigt fest, dass Amiras Zuhause weitaus sauberer und gepflegter war, als das Stiegenhaus vermuten ließ.
Zuerst bekam Jan eine Wasserflasche aus dem Kühlschrank, danach begaben sie sich auf den kleinen Balkon. Trotz der Uhrzeit hatte es immer noch weit über 20 Grad, ein leichter Wind sorgte für etwas Kühlung.
»Bist du auf Urlaub in Barcelona oder beruflich?«, fragte Amira, während sie ihre Wasserflasche öffnete.
Jan berichtete von seinem Termin im Hotel und seinen weiteren Plänen für die restlichen Tage, erwähnte dabei auch, dass er großes Interesse am Nachtleben der Stadt hatte.
»Da fallen mir einige Lokale ein, die wir nachher aufsuchen können«, meinte Amira.
Auf seine Frage, ob sie aus Barcelona stammte, erzählte sie ihm ihre wahre Geschichte. Sie war vor mehr als drei Jahren aus einem kleinen Dorf in die Stadt gekommen. Um ihr Studium zu finanzieren, hatte sie mehrere Einkommensmöglichkeiten, eine davon würde Jan gleich kennenlernen. Fünf Minuten später bat sie ihn ins Innere und ließ sich das Geld aushändigen. Sie verstaute die Scheine hinter einem Buch und schnappte sich ihr Handy.
»Ich muss nur meinem Bodyguard Bescheid geben, dass ich ihn bis morgen früh nicht benötigen werde«, sagte sie und schickte die vorbereitete Nachricht an Costas. Danach legte sie das Handy beiseite, wandte sich Jan zu und kam ihm näher. Er war nur einige Zentimeter größer als sie, so konnte sie mühelos einen Arm um seinen Hals legen. Mit der anderen Hand nahm sie ihm seine Kopfbedeckung ab und strich ihm sanft über die Glatze.
»Bevor wir uns weitere Gedanken über die Nacht machen, werde ich mich zuerst um dich kümmern«, versprach sie.
Wie jeden Tag läutete der Wecker um 5 Uhr.
»Guten Morgen Colorado Springs! Hier spricht ihr Morgenmoderator Bryan Edison und ich muss sagen, Frank vom Wetter hat nur gute Nachrichten für uns. Beginnen wir den Tag mit einem Song, der euch aus dem Bett...«
Die Snooze-Taste ließ den Radiomoderator verstummen.
Als Zak sich zur Seite drehte, stellte er fest, dass Tamika bereits aufgestanden war.
»Raus mit dir, Frühstück ist fertig!«, rief sie ihm aus der Küche zu.
Beim gemeinsamen Kaffee erkundigte sich Tamika nach seinen Plänen für den Tag.
»Gestern haben wir eine E-Mail bekommen, ein Hacker, der von einem Cyberangriff auf die Militärinfrastruktur berichtete. Wahrscheinlich nur ein Spinner, aber irgendwer muss sich darum kümmern.«
»Hast du Details, welche Abteilungen betroffen wären?«
»Nein. Wenn ich etwas mehr erfahre, kann ich dir die Infos weiterleiten«, schlug Zak seiner Freundin vor.
»Wenn es sich um die Space-Force handelt, gerne. Ein kleiner Erfolg noch und wir ziehen um«, meinte Tamika.
»Dir ist aber bewusst, wenn wir nach Washington gehen, muss ich mir einen neuen Arbeitgeber suchen«, sagte Zak.
»Vielleicht kann ich dich in der Pressestelle unterbringen. Direkt im Weißen Haus.«
Diese Möglichkeit sorgte bei Zak für gemischte Gefühle. So aufregend die Aussicht auf einen derartigen Job war, musste sich Zak eingestehen, dass er bislang vor allem mit Provinznachrichten zu tun hatte. Tamika hatte ihm bei ihrem gestrigen Abendessen jedoch mehrmals versichert, dass sie ihn auch als Hausmann bei sich behalten würde. Außerdem hatte sie ihn darauf vorbereitet, dass sie die nächsten Tage wieder viel Zeit in der Peterson Space-Force Base verbringen würde.
»Bis der Präsident von seiner Europareise zurückkommt, muss ich etwas abliefern, was den alten Mann umhaut«, war Tamika voller Enthusiasmus.
»Ich würde auch gerne einmal etwas abliefern, was die Leute umhaut«, meinte Zak.
Als Antwort warf Tamika ihm ein Magazin zu.
»Solange du nicht anfängst, solche Dinge zu schreiben«, spottete sie.
Vor Zak lag das Wochenmagazin ›The Other Side‹. Das Boulevardmagazin war für teils abstruse Geschichten bekannt. Zak riss die Plastikfolie ab und überflog das Titelblatt.
»Was hast du denn gegen die Story einer Frau, die zum zweiten Mal von Außerirdischen entführt wurde? Dazu gibt es Theorien zur Hohlerde und neue Erkenntnisse zu Parallelwelten. Garniert mit ein paar Expertenmeinungen zu weltweiten Verschwörungen...«
»Hör bitte auf damit«, forderte Tamika, »Ich verstehe nicht, warum du so einen Schund liest.«
»Spaß und Recherche. Ich warte immer noch auf die große Enthüllungsgeschichte über die Infiltration der Regierung durch Aliens«, scherzte Zak.
Er wusste, dass Tamika im Gegensatz zu ihm, nichts mit Science-Fiction anfangen konnte. Während Zak sich in den Serienwelten von Andromeda, Star Trek, Babylon 5, The Expanse und weiteren bestens auskannte, war seine Freundin bei diesem Thema völlig realistisch. Aufgrund ihrer Tätigkeit bei der Space-Force hatte sie kein Interesse an ›verrückten Weltraumgeschichten mit kleinen grünen Aliens‹, wie sie es nannte.
Tamika verließ das gemeinsame Haus und Zak blätterte durch das Magazin. Bei einem Artikel blieb er hängen:
Physiker vermuten, dass Doppelgänger von uns in Paralleluniversen leben könnten. Die Möglichkeiten sind dabei schier unendlich.
Cambridge, Massachusetts - Wir Menschen empfinden die Vorstellung, einzigartig zu sein, schön - es schmeichelt gewissermaßen dem Ego. Statistisch gesehen hat jedoch jeder von uns einen oder mehrere Doppelgänger auf dieser Welt. Zugegeben, ein etwas unbehaglicher Gedanke. Noch gruseliger wird es allerdings, wenn man sich die Überlegungen einiger Physiker näher anschaut. Denn: Sie vermuten, dass es sogar noch mehr Doppelgänger von uns gibt - und zwar in Paralleluniversen.
Anhänger der String-Theorie gehen davon aus, dass die Welt aus mehreren Dimensionen besteht - mindestens aber aus neun sowie einer weiteren Zeitdimension. Sechs dieser neun Raumdimensionen sind in sich zusammengeknüllt und können beeinflussen, welche Teilchen im Universum existieren. Die Möglichkeiten, welche Form sie annehmen, sind laut Theorie schier unendlich.
Demnach könnten unermesslich viele unterschiedlich geartete Universen parallel existieren. Wie wir bereits vor einiger Zeit berichteten, wären sie mit unserer Dimension, wie wir sie kennen, nicht vergleichbar - beispielsweise könnten in ihnen völlig andere Naturgesetze gelten. Unser Universum wäre somit theoretisch nur ein winzig kleiner Bruchteil einer Gesamtheit an Paralleluniversen - eines sogenannten Multiversums.
Unter Umständen existieren demnach von uns mehrere Versionen mit unterschiedlichen Lebensläufen in mehreren unterschiedlichen Paralleluniversen. Experten vom MIT errechneten, dass so ein Doppelgänger statistisch gesehen in einer Galaxie leben müsste, die etwa 10 hoch 1.025 Kilometer von uns entfernt ist. Bislang handelt es sich dabei jedoch nur um Theorien, die noch nicht bewiesen werden konnten.
Schmunzelnd legte Zak das Magazin zur Seite.
»Multiversum? Da gibt es doch sogar Filme dazu«, sagte er zu sich selbst, goss sich einen weiteren Kaffee ein und hob die Tasse einem Bild an der Wand entgegen. Dieses zeigte Tamika und Zak bei der Premiere eines ›Avengers‹-Kinofilms, bei dem sie vor Jahren einige Hauptdarsteller getroffen hatten.
»Bevor ich auf meine Doppelgänger treffe, wären mir echte Außerirdische lieber.«
Wo bin ich?, war Jans erster Gedanke, als er wach wurde. Er lag in einem ihm unbekannten Bett in einem verdunkelten Zimmer.
Ach ja, Barcelona, fiel ihm ein. Dann erst, als er feststellte, nichts anzuhaben, erinnerte er sich, dass er die Nacht nicht in seinem Hotelzimmer verbracht hatte.
Neben ihm schlief Amira, ebenfalls nackt und mit dem Rücken zu ihm gedreht.
Jan blieb möglichst regungslos liegen und tastete nach seinem Telefon, welches auf der Kommode neben dem Bett lag.
7:28, noch kein Grund aufzustehen, dachte er, schloss die Augen und ließ die letzte Nacht Revue passieren.
Nachdem Amira ihn über eine Stunde lang ausgiebig im Bett verwöhnt und mehrere Höhepunkte verschafft hatte, waren sie gemeinsam duschen gegangen.
Den Ausflug in das Nachtleben der Stadt hatten sie auf der Rambla begonnen. Wie Amira verärgert feststellte, mussten sie sich auf der Boulevardstraße durch Menschenmassen hindurchzwängen.
»Wenn man das hier sieht, wundert man sich nicht, dass viele Einheimische eine Abneigung gegen Touristen haben«, hatte Amira gesagt, während sie sich mit Jan an der Hand durchkämpfte.
»Pass auf dein Geld auf«, hatte sie ihm geraten und kurz darauf eine Gruppe von drei Männern begrüßt, die Jan misstrauisch beäugten.
Er erinnerte sich an ein kleines, unscheinbares Ecklokal, in dem er mit Amira Burritos bestellte. Die zusammengerollten Tortillas waren mit viel scharf gewürztem Hackfleisch und Mais gefüllt, schmeckten gut und machten satt. Auf ihre Frage, ob er Lust auf Salsa und ähnliche lateinamerikanische Musik hatte, stimmte er zu.
»Dann lass uns gehen.«
Zu seiner Überraschung war sie auf eine Wand zugegangen, an der er im ersten Moment nichts anderes sah, als ein mit Plastikranken verziertes Poster eines Urwaldes. Erst bei näherer Betrachtung erkannte er, dass es sich um eine hölzerne Schwingtür handelte. Ausgelassen legte Amira den Arm um Jans Hüfte und zog ihn mit sich in den Gang dahinter. Schwaches blaues Licht leuchtete ihnen den Weg zu einer weiteren Tür. Dahinter vernahm Jan dumpfe Bassgeräusche. Als Amira die Tür aufstieß, wurde es augenblicklich laut. Spanische Dance-Musik schlug ihm entgegen, die Tanzfläche war zum Bersten voll. Scheinwerfer mit gelben und roten Lichtspielen strahlten durch
