DAS Erste Große BetrugsOpferBUCH - Hedwig v. Knorre - E-Book

DAS Erste Große BetrugsOpferBUCH E-Book

Hedwig v. Knorre

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Beschreibung

Betrug gibt es in der Realität. Betrug ist hoch gefährlich, doch auf der "Landkarte des Lebens" ist er nicht verzeichnet und wenn doch, dann mit völlig falschen Eintragungen. Das Betrugsgeschehen fehlt sowohl auf der "allgemeinbildenden" wie der "psychologischen" als auch der "juristischen Landkarte". Dies Sachbuch "erschließt" und "kartografiert" nun sozusagen diesen "Weißen Fleck". Manchen wird bekannt sein, was anderen neu ist, Information oder logische Verknüpfungen. So werden nicht alle Themen für jedeN gleichermaßen von Bedeutung sein. Die mündige Leserschaft wählt ihre individuellen Schwerpunkte selbst: herum blättern - von hinten anfangen - dem Aufbau des Buches folgen - aus dem Inhaltsverzeichnis wählen. Jedes Betrugsgeschehen ist individuell unterschiedlich. Dennoch gibt es gemeinsame Strukturen. Diese habe ich auf Basis sozialer Verhaltenswissenschaften regelrecht erforscht und systematisch analysiert. Die Erfahrungen vieler, vieler Betrugsopfer jeglicher Art fließen in die Auseinandersetzung ein. Im Prinzip erging es allen gleich. Ich bin selbst Betrugsopfer und ein "typisches Beispiel". Betrug ist ein komplexes Thema. Meine Herangehensweise ist ganzheitlich, mit Kopf und Herz und Bauch. Das kann und will ich nicht trennen. Es ist mein Anliegen, das komplexe Thema "Betrug" nicht einseitig zu behandeln, sondern aus allen mir zur Verfügung stehenden Perspektiven zu beleuchten. Das schließt thematische Überschneidungen ein, und Wiederholungen sind kaum vermeidbar, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Zum Beispiel wird die Traumatisierung sowohl im Zusammenhang mit Opferschäden thematisiert als auch in Bezug auf den entwicklunspsychologischen Aspekt der Tätermotivation. Doch weit darüber hinaus werden betrügerische gesellschaftliche Strukturen in unserer globalisierten Welt im Zusammenhang mit der Psychopathenforschung beleuchtet. Dies Buch ist der Versuch, aus "viel Mist" viel "guten Dünger" zu machen !

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Seitenzahl: 760

Veröffentlichungsjahr: 2015

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DASERSTE GROSSEBETRUGSOPFERBUCHHedwig v.Knorre Copyright: © 2014 Hedwig v.Knorre published by: epubli GmbH, Berlin www.epubli.de ISBN 978-3-7375-1485-9

WIDMUNG

FÜR meine Familie

die mit mir leiden musste

insbesondere für meine Kinder

MIT tiefem Dank meinen lieben Freundinnen und Freunden, die mir in grausamer Not beistanden und auch nach Überwindung der Not zu mir stehen. Die die Stärke aufbrachten, sich immer wieder neue Katastrofen anzuhören und innerlich Anteil zu nehmen, obwohl es fast regelmäßig in der Erkenntnis mündete: „...und ich kann da gar nichts machen“, insbesondere an Petra, Esther, Reinhard, Mox, Walle, Elke, Karl und insbesondere Karin, der ich die Ruhe zum Schreiben verdanke

MIT überaus tiefer Dankbarkeit meinem sehr guten, verehrten Psychiater und Psychotherapeuten Dr. Trensler, denn ohne ihn hätte es dieses Buch nie gegeben. Seine aufrichtige Wertschätzung und sein echtes Verstehen ermöglichten mir, mein zerbrochenes Weltbild neu wieder aufzubauen und neue innere Ordnungssysteme zu errichten, inclusive Integration des verwirrend-existenzzerstörenden Erlebens – ganz ohne Medikamente!

IN der Verbundenheit mit Ulla, Eric und Elmar voll Dank für eure Rückendeckung und ebenso mit all euch vielen Betrugsopfern, deren Schicksale mir nahe kamen und nahe gehen bis heute

vor allemaber

FÜR alle Betrugsopfer

zur Orientierung und Unterstützung

Datenschutz

AlleBegebenheiten, dieicherzähleund auf die ich mich beziehe,habe ich persönlich ganz genau soerlebt odermiterlebt. Geldsummen nenne ich korrekt.

DieNamenallerPersonen und Ortesinddurch Veränderungen unkenntlich gemacht.Ausnahme: meine Person,Milanomi–und mein leider verstorbener lieber weißer Schäferhund Cassy.

DASERSTE GROSSEBETRUGSOPFERBUCH

...für alle, die KEINS werden wollen

und alle, die EINS sind

Inhalt

Datenschutz 4

Einführung 5

1 Betrugsopfer • besondere Spezies Mensch? 17

2 Lüge und Wahrheit 31

3 Mythen • Realität 47

4 Vertrauen • Misstrauen • Kontrolle 61

5 Vorstellung als Fähigkeit 95

6 Gewissen • Gehorsam 110

7 Menschenbilder 134

8 Die DESTRUKTIVEN 173

9 Differentialdiagnostik • DESTRUKTIVE 220

10 Die Betroffenen • die Opfer 238

11 Heilung 298

12 Täter im Betrugsgeschehen 422

13 Der Betrugsmechanismus 440

14 DESTRUKTIVE im Machtgefüge 448

15 Das juristische System 562

16 Forderungen • Ausblicke 623

Abschied 658

Anhang 660

Literatur und weblinks 667

Einführung

Sie sind Betrugsopfer geworden? Oder Ihre Freundin, Ihr Bruder, Ihr Nachbar? Sie wissen nicht, was Sie jetzt machen sollen? Wo Sie Rat finden, welchen Rat Sie geben können? Dann halten Sie mit diesem Buch Ihre „erste Hilfe“ in den Händen.

Sie sind kein Betrugsopfer? Sie kennen auch keines? Dann lesen Sie unbedingt dieses Buch. Denn auch Sie kann es treffen. Vielleicht sind Sie sogar unbemerkt mitten drin... in einem Betrugsgeschehen.

Betrug kann jedeN treffen

Betrug zerstört Leben und Menschen

Das ist schlimm

Wie viele Betrugsopfer gibt es pro Jahr in Deutschland? Niemand weiß es. Ein paar grob geschätzte Zahlen stehen verloren im Raum. Statistiken werden nicht geführt. Bei Heiratsschwindel ist von geschätzten ca. 10.000 Opfern pro Jahr die Rede. In den 90er Jahren wurden ca. 300.000 Deutsche nachweislich zu Opfern von Immobilienbetrug, Dunkelziffer offen. Als die aktuelle „Krise“ begann,füllte der„Banken-betrug“ einige Tagedie Schlagzeilenin der aufgebrachtenMedien. DiesertreffendeBegriff wich bald der „Bankenkrise“, späternoch allgemeinerauf „Krise“ reduziert. Das ändert nichts an der Unzahl von Opfern, die sie produziert hat und nachhaltig produziert. Auch Spendenbetrug kommt immer wieder in die Schlagzeilen mit Summen in Millionenhöhe – doch keine zentrale Stelle führt Buch. Es sind viele – sehr viele – und wenn Sie noch nicht dazu gehören, könnte es Sie jederzeit treffen.

Betrugsopfer verlieren oftmals etwas, häufig viel – und manchmal alles. Das kann sein: Geld und Vermögen, Haus und Einrichtung, Existenz, Beruf und Geschäft, Erarbeitetes, Erspartes und Geerbtes, Auto und Familie, Selbstbewusstsein und Gesundheit oder gar das Leben. Sogar Millionäre können plötzlich obdachlos sein. Nicht einmal das Hartz4-Amt hilft weiter. Oder Sie gehen zur Beerdigung in der Nachbarschaft: Suizid (Selbstmord).

Wie kommt das? Was ist geschehen? Niemand scheint es wirklich zu wissen. Psychologen haben keine Bücher darüber. Juristen auch nicht. Laienratgeber, Selbstshilfegruppen, öffentliche oder kirchliche Beratungsstellen – die gibt es für Sucht und Gewalt, für entlassene Straftäter und für alles mögliche – doch Betrugsopfer suchen vergeblich nach Unterstützung. Wohin sie sich auch wenden: „wir sind nicht zuständig!“ hören sie überall. Im besten Fall klingt das bedauernd, häufig aber gereizt und abwehrend.

Kopf, Herz und Bauch

Betrug ist ein komplexes Thema.Meine Herangehensweise ist ganzheitlich, mit Kopf und Herz und Bauch. Das kann und will ich nicht trennen.Es ist mein Anliegen, das komplexe Thema „Betrug“ nicht einseitig zu behandeln, sondern aus allen mir zur Verfügung stehenden Perspektiven zu beleuchten. Das schließt thematische Überschneidungen ein, und einige Wiederholungen sind nicht vermeidbar. Zum Beispiel wird die Traumatisierung sowohl im Zusammenhang mit Opferschäden thematisiert als auch in Bezug auf den entwicklunspsychologischen Aspekt der Tätermotivation. Manchen wird bekannt sein, was anderen neu ist, ob Information oder logische Verknüpfungen.

Nicht alle Themen werden für die gesamte Leserschaft gleichermaßen von Interesse sein. Diemündige Leserschaftwählt ihre individuellenSchwerpunkte aus.

herum blättern

aus dem Inhaltsverzeichnis wählen

von hinten anfangen

dem Aufbau des Buches folgen

Zu meiner Person

Geboren 1958

Beruf Hebamme, Psychotherapeutin

Familie Kinder

Ehrenamtsoziales Engagement,Menschenrechte

Ich stelle mich vor

Opfer von Betrügern sind meine Hauptzielgruppe. Darum stelle ich mich Betrugsopfern als Betrugsopfer vor. Auch für Angehörige der Betrugsopfer, für ihre Nachbarn und Freunde sowie helfende und begleitende Berufsgruppen ist das der beste Einstieg ins Thema.

Ich stelle mich als Betrugsopfer vor

Mein Name ist Hedwig, Hedwig v.Knorre.

ICH WAR OPFER EINES BETRÜGERS.

„Mein Betrüger“ hieß Jochem, mit vollem Namen Hans-Jörg Wondreck. Ich erlebte ihn liebenswert und vertrauenswürdig. Darum liebte ich ihn, darum vertraute ich ihm.

Doch seine Liebenswürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit war Theater, hohe Schauspielkunst. Erst nach über drei Jahren kam das ans Licht. Da war er plötzlich weg. Er hinterließ Chaos, Desaster, Armut und Verwirrung – im Schock.

Das geschah im Juni 2003. Ich zeigte ihn bei der Polizei an. Die wollte keine Anzeige aufnehmen. Die deutsche Justiz lachte mich aus , war wütend auf mich – und erklärte nicht ihn, sondern mich für schuldig. Das war mir unbegreiflich. Das war der zweite Schock, der schlimmere Schock.

Brennende Fragen finden Antworten

Zweieinhalb Jahre hatte ich mit Jochem unter einem Dach gelebt, ganz normal gelebt. Nun war er plötzlich fort und ich fand heraus, dass er ein Betrüger war. Ich war wie vor den Kopf geschlagen – hatte keinen Boden mehr unter den Füßen – ich war fassungslos. Drei brennende Fragen leiteten mich durch die nächsten Monate und Jahre: WAS, WIE und WARUM ?

WAS war wirklich geschehen, WAS hat Jochem in Wahrheit getan?

WIE hat er es gemacht? Unglaublich trickreich!

und vor allem: WARUM ?

Weiter erlebte ich, dass unsere Justiz als mächtigstes Instrument unserer demokratisch-sozialen Gesellschaftsordnungmir keine Gerechtigkeit zukommen ließ. Im Gegenteil, sie schob mir die Schuld zu!Darumerweiterte ich meine Fragestellung auf die Justiz:

WAS, WAS NICHTundWARUM?

WAShatdie Justizgetan?

WAShat die JustizNICHTgetan?

UndWARUM?

Dies Buch ist ein Sachbuch

Doch nicht meine Erlebnisse sind Inhalt dieses Buches. Diese fließen nur zum Teil als Beispiele ein, am Rande. Meine Erlebnisse sind mein Motiv zur intensiven Beschäftigung mit der Thematik, und als Erzählung sind sie wichtig und interessant. Darum arbeite ich daran und wahrscheinlich werden Sie sie in Kürze lesen können. Doch dieses Buch beinhaltet das Verstehen des Unbegreiflichen, die Auflösung der Verwirrung, das Sortieren des Chaos'. Dies Buch ist das Sachbuch zum Thema „Betrug aus der Opferperspektive“.

Doches geht noch weiter. Dieses Buch geht über das Erleben von Betrugsopfern hinausund beschäftigt sich mit betrügerischen Strukturen in unserer globalisierten Welt.

Warum schreibe ich dieses Buch?

Warum schreibe ich dieses Buch? Gibt es nicht genug Bücher auf der Welt? Ein Buch machen ist anstrengend. Mein Leben war anstrengend genug. Wozu jetzt also diese Mühe?

Ich wollte nie ein Buch schreiben. Die Bücher-Macher bedauerte ich für ihren Drang, Bücher machen zu wollen. Sind die Biblio-theken, Büchereien und Buchhandlungen nicht voll genug? Ist da nicht längst zu jedem Thema eine Überfülle an Druck-erzeugnissen? Und wenn es zu irgendeinem Thema noch nichts gab, fand ich das nicht schlimm. Wer soll das alles lesen?

Doch im entscheidenden Moment, als ich zum Betrugsopfer wurde, suchte ich Literatur zum Thema. Ich benötigte dringend Orientierung in meinem Chaos. Leider war nichts zu finden. Hier und da ein paar Lebenserfahrungsberichte, die wie exotische Einzelschicksale wirken, mit denen das eigene Leben nichts zu tun hat. Wie bessere oder schlechtere Romane, Thriller – so kommen sie 'rüber. Ihnen fehlt der allgemeine Rahmen, der ihnen den angemessenen Realitätsbezug verleiht.

1. Dieses Buch muss es geben, aber es gibt dieses Buch noch nicht

Auf dem (Fach-)Büchermarkt fehlt also ein Werk, das dem Betrugsgeschehen den realistischen, auch den wissen-schaftlichen Rahmen verleiht. Diese Lücke möchte ich mit diesem Buch füllen. Darum stelle ichnunmanchandereszurück und widme michnicht irgendeinem, sondernDIESEMBuch. Meine Gründe:

dieses Buch muss es geben, aber es gibt dieses Buch noch nicht

ich habe einen persönlichen Bezug zum Thema

ich habe wissenschaftlich die Strukturen heraus gearbeitet

ich will das Geschehen schlüssig verständlich machen

2.Ichhabe einen persönlichen Bezug zum Thema

Das Thema „Betrug“ ist ein schweres Thema im doppelten Sinn: schwer zu verstehen und schwer zu ertragen. Ohne einen persönlichen Bezug hätte ich mich dem Thema nicht gewidmet. Schon immer habe ich mich für vieles interessiert und für manches engagiert. Doch dem Thema „Betrug“ hätte ich mich niemals aus reiner Neugier, aus Interesse an Neuem zugewandt. „Thriller – Phantasien?“ hätte ich gedacht und „da blickt man ja nicht durch!“ Es wäre mir emotional zu belastend gewesen, zu undurchsichtig und unvorstellbar. Nein, mit dem finsteren Betrugsgeschehen hätte ich mich nie beschäftigt, wäre ich nicht selbst plötzlich in der Lage des Betrugsopfers gewesen.

Doch alsichmichin der Lagedes Betrugsopfersbefand, wurde die Beschäftigung mit dem Thema für mich existentiell NOT – wendig. Diese Situation war voller Not, finster und chaotisch. Ich suchte Struktur im Chaos, Licht im Dunkel, Wege aus Sack-gassen. Auf diesem Weg traf ich zahlreiche weitere Betrugs-opfer, erst einzelne, dann mehr und immer mehr, erschütternd viele! Zögerlich, nach und nach, fandensiesich in meinem Umfeldein.Als ichImmer mehr Opfer von Betrügernkennenlernte, war ich regelmäßige schwer erschüttert über jedes Einzelschicksal.Auf allen Ebenen waren sie betrogen worden: geschäftlich und privat, im Versicherungs- und Bankenwesen, mit Immobilien, durch Berater oder Kunden, von Freunden oder Liebhabern. Mit der Zeit erkannte ich dann das „ganz normale Betrugsopfererleben“: einsam, hilflos, rechtlos, verarmt, zerstört.Das bewirkte inmireine noch tiefere Erschütterung.Zu meinem eigenen Leiden kam das Mit – Leiden.

Ebenso traf ich einzelne Personen in juristischen oder psycho-logischen Bezügen, die gerne gute Arbeit leisten, helfen wollten, es aber nicht konnten. Auch sie verstanden die realen Zusammenhänge nicht. So waren ihnen die Hände gebunden, und das störte sie.

3. Ich habe die Strukturen wissenschaftlich analysiert

Jedes Betrugsgeschehen ist individuell unterschiedlich. Dennoch gibt es gemeinsame Strukturen. Diese habe ich auf Basis sozialer Verhaltenswissenschaften regelrecht erforscht und systematisch analysiert.

Die Erfahrungen vieler, vieler Betrugsopfer jeglicher Art fließen also in die Auseinandersetzung ein.

Im Prinzip erging es allen gleich.

Ich bin ein „typisches Beispiel“.

4. Ich will das Geschehen schlüssig verständlich machen

Die besten Fachleute müssen „passen“, wo es um Betrug geht. Das muss sich ändern.

Betrug gibt es in der Realität. Betrug ist hoch gefährlich, doch auf der „Landkarte des Lebens“ ist er nicht verzeichnet und wenn doch, dann mit völlig falschen Eintragungen.Das Betrugs-geschehen fehltsowohlauf der„allgemeinbildenden“ wie der„psychologischen“ als auch der„juristischenLandkarte“.

Dies Sachbuch „erschließt“ und„kartografiert“ sozusagendiesen„Weißen Fleck“.EsfüllteineLücke im Allgemein- wie im Fach-wissen.Dies Buchgeht weit über mein Erlebenund Mit-Erlebenhinaus.Es ist eine Analyse des Betrugsgeschehens auf Basis sozialer Verhaltenswissenschaften. Eigene Erkenntnisse setze ich in wissenschaftliche BezügezuakzeptiertenTheorien und Forschungsergebnissenundziehelogische Schlussfolgerungen. So gibt dies Werk dem Thema Betrug den systematischen Rahmen,zeigt dieStrukturendes Betrugsgeschehens aufund machtesschlüssig verständlich.

Das ist wichtig und sogar not – wendig für viele einzelne Personen, individuelle Schicksale. Darüber hinaus trägt es zum Verständnis unserer gesellschaftlichen Realität bei, denn sie ist von betrügerischen Strukturen durchzogen und in weiten Bereichen davon geprägt. Als Grundlagenwerk regt es hoffentlich zu weiterer komplexer und detaillierter Forschungsarbeit an.

Stinnstiftende Bewältigung macht zufrieden

Das Thema „Betrug“ ist emotional so belastend, dass sich niemand gerne damit beschäftigen möchte. Dazu ist es sehr komplex und kompliziert. Es braucht einige Zeit intensiver Auseinandersetzung, um es zu verstehen. Es müsste eigentlich ein Studienfach sein, und zwar von mehreren Fachrichtungen gleichzeitig. Doch diesen Studiengang gibt es nicht. Es wird auch wohl in absehbarer Zeit keiner eingerichtet werden.

Es muss also quasi als Hobby betrieben werden. So habe ich es auch gemacht. Neben den normalen Alltagsbelastungen habe ich mich damit beschäftigt. Hobbys sollten eigentlich einen Erholungswert besitzen Das Thema Betrug hat nur einen geringen Erholungswert zu bieten.

Aberdas Vorankommenhat mich zufrieden gemacht.Die Ergebnissefinden sichindiesemBuch.Esbringt Klarheit in ein verdecktes, vernebeltes Geschehen! Es macht Sinn, sich damit zu beschäftigen, fördert die Persönlichkeitsentwicklung und stärkt gesunde Werte.

Meine Zielgruppen sind

Betrugsopfer

potentielle Betrugsopfer, also jedeR

unerkannte Betrugsopfer, möglicherweise sehr viele

soziales Umfeld von Betrugsopfern

Berufsgruppen, die mit Betrugsopfern zu tun haben

Berufsgruppen, die mit Betrügern zu tun haben

Die Allgemeinheit

1. Betrugsopfer

Wer zum Opfer eines oder mehrerer Betrüger wurde, profitiert von diesem Buch. Ein Hauptanliegen dieses Buches ist es, Betrugsopfern Orientierung zu bieten, so dass sie wieder normal leben können. Je besser sie die Zusammenhänge verstehen, desto größer die Chance. Betrugsopfer sind verstummt. Zumindest im Bezug auf das Elend ihres Betrugs-erlebens. Dies Buch ist die Stimme der Verstummten.

2. Potentielle Betrugsopfer, also jedeR

Jede und jeder kann zum Opfer eines Betrügers werden. Dies Buch kann vor manchem Betrug schützen; sicher nicht vor jedem. Mit dem Wissen um das Betrugsgeschehen kann mancher Betrugsversuch eher erkannt werden.

3. Unerkannte Betrugsopfer, möglicherweise sehr viele

Manche Menschen wissen nicht, warum sie viel oder alles verloren haben. Manche dieser Menschen werden durch dieses Buch ihr eigenes Schicksal besser verstehen können.

Manche Menschen haben aktuell einen Betrüger in ihrem Leben und werden von ihm manipuliert. Das können sie nicht merken. Dieses Buch wird Erkenntnisprozesse in Gang setzen und sensibilisieren.

Viele Menschen leben in hierarchischen Systemen, deren Strukturen durch Betrüger geprägt sind. Ehrliche Menschen sind damit sehr unglücklich. Dieses Buch wird zum Verständnis größerer Zusammenhänge beitragen und neue Perspektiven eröffnen.

4. Soziales Umfeld von Betrugsopfern

Weiter ist oft ist ein soziales Umfeld mit betroffen: Familien, Freunde, Nachbarn, Geschäftspartner, Bekannte, Arbeits- und Vereinskollegen. Viele gehen auf Distanz. Auch sie verstehen die Zusammenhänge nicht. Dieser Personenkreis benötigt dringend fundierte Information zum Betrugsgeschehen! Denn Betrug zerstört immer auch wertvolle soziale Beziehungen. Dies Buch wird zum Verständnis beitragen und in Einzelfällen sogar eine entscheidende Hilfe zur Heilung von Beziehungen sein.

5. Berufsgruppen, die mit Betrugsopfern zu tun haben

Fachleute benötigen dringend Fortbildung. Obwohl das Thema „Betrug“ in die Bereiche Wirtschaft, Jura, Psychologie, Soziologie, Medizin, Psychiatrie, Psychotherapie gehört, beschäftigt sich keine Disziplin damit. Zumindest nicht mit der Realität des Betrugs.

JuristInnen haben mit Betrugsopfern zu tun. JuristInnen, die diese Opfer ernst nehmen, benötigen dringend Fortbildung. Dieses Buch vermittelt das nötige Wissen.

Das gleiche gilt für SozialarbeiterInnen, SozialpädagogInnen, PsychologInnen, PsychotherapeutInnen, PsychiaterInnen, PsychiatriepflegerInnen usw. Mit dem Wissen aus diesem Buch wird ihre Arbeit mit einigen PatiententInnen und KlientInnen um vielfaches effektiver sein.

6. Berufsgruppen, die mit Betrügern zu tun haben

Hier meine ich nicht alle möglichen Berufe, in denen ein Betrüger betrügen kann. Hier geht es um verurteilte Betrüger. Davon gibt es zwar nicht viele, aber das schätzungsweise eine Prozent findet sich im Gefängnis, manchmal in der Sicherheits-verwahrung und auch in der Psychiatrie, oft der Forensik. Sämtliche MitarbeiterInnen, ob Wachpersonal oder Reinigungskräfte, aber auch PsychologInnen, Sozialarbeiter-Innen, SeelsorgerInnen können selbst hier zu Opfern dieser Betrüger werden, weil sie die Zusammenhänge nicht wirklich begreifen. Je besser sie wissen, was in diesem Buch steht, desto größer ist die Chance, dass sie das Geschehen eher, gründlicher und klarer durchschauen und sich von den Betrügern weniger manipulieren und missbrauchen lassen.

7. Die Allgemeinheit

Zur Allgemeinbildung jedes Menschen auf diesem Globus sollte das Wissen um Betrugsgeschehen gehören. Denn jedeNkann Betrug treffen,undmanche sind vielleicht geradeunbemerktmitten drin.Vor allem aber sind die negativen gesellschaftlichen Entwicklungen, die wir alle irgendwie wahrnehmen, denbe-trügerischeElementen zuzurechnen, die unseregesellschaft-lichenStrukturendurchziehen und prägen. Je mehr Menschen eine klare Wahrnehmung dafür haben, desto größeristdie Chance auf Veränderungen in eine positive Richtung.

Für wen ich dieses Buch nicht schreibe

Ich schreibe dieses Buch nichtfür Betrüger aller Art. Leider werden auch sie es lesen undmissbrauchen. Das kann schlimme, zerstörerische Folgen haben. Aus diesem Grund habe ich sehr gezögert, es zu schreiben, und die Vor- und Nachteile sorgsam gegeneinander abgewogen.Dannkam ichdoch zu der Überzeu-gung, dass die Vorteile überwiegen.DennWahrheit hat prinzipiell ein großes Befreiungs- und Heilungspotential –trotz aller Missbrauchsmöglichkeiten!

Vorsicht – Triggerwarnung!

Ich will vermitteln, was ich erlebt habe.

Ich will vermitteln, was ich verstanden habe.

Ich will es möglichst verständlich vermitteln.

Aber es handelt sich um ein traumatisierendes Geschehen.

Wenn es mir gelingt, LeserInnen wirklich mit hinein zu nehmen, wird es sich dann nicht sekundär traumatisierend auswirken?

Ich will niemanden traumatisieren. Auf keinen Fall will ich die endlosen schlaflosen schmerzreichen Folternächte weiter geben, die ich jahrelang erleben musste. Auf keinen Fall will ich diese bodenlosen Abgründe an Verzweiflung in finsterster Einsamkeit weiter geben, die Betrugsopfer erleben müssen.

Nein, im Gegenteil, davor möchte ich bewahren, indem ich schreibe!

Mist zu Dünger

Ich habe viel „Mist“ erlebt. Das kann ich nicht ändern. Die Jahre des „Mist-Erlebens“ haben mich geprägt. Der Misthaufen ist mir, bildlich gesprochen, über den Kopf gewachsen und ich wäre beinahe daran erstickt. Inzwischen ist es mir gelungen, Nase und Mund und Hände wieder frei zu bekommen.

Der Misthaufen ist da. Ich kann ihn nicht web-beamen. Was mache ich also damit? Nun, ich mache Dünger daraus. Für mein Leben und für andere Menschen. Jeden Tag ein wenig. Ob ich den „Mistberg“ bis ans Ende meines Lebens „versetzt“ haben werde? Keine Ahnung – ich mache einfach jeden Tag weiter, so gut es geht.

...dies Buch

ist der Versuch

aus „viel Mist“

viel „guten Dünger“

zu machen !

1.Betrugsopfer•besondere SpeziesMensch?

Wird ein Mensch zum Opfer eines Betrügers, folgen unaus-weichlich Kommentare aus der Umgebung wie:“irgend was müssen sie doch alle gemeinsam haben, die Opfer - naiv, sie wollten es so…“, „vielleicht selbstzerstörerische Tendenzen?”oder“kein Wunder - er / sie wirkt so eingeschüchtert, da musste ja…”Das ist“blaming the victim”, also die Schuldzuweisung an das Opfer, und gehört zu den ältesten “Tricks” der Täter. Realität ist:

Ja, sie haben alle etwas gemeinsam, und zwar: ein Betrüger hat sie zerstört.

Ja, sie wirken eingeschüchtert. Denn ein Betrüger hat sie zerstört. Das ist der Grund für ihren eingeschüchterten Zustand.

Konkret wird Betrugsopfern gewöhnlich unterstellt:

Gier

Unmäßigkeit

Dummheit

Naivität

Bequemlichkeit

„die Alte wollt' halt mal wieder 'n Kerl im Bett haben“

Helfersyndrom

...

Merken Sie schon etwas?

Die meisten dieser Zuschreibungen sind die hervorstechenden Eigenschaften der Täter! Die Täter sind unmäßig, gierig und sexsüchtig. Die Täter scheuen ehrliche, harte Arbeit. Naja, dumm sind sie nicht. Sonst hätten sie ja keinen Erfolg.

Aber focussieren wir einmal den Vorwurf der „Dummheit“. Muss das Leben weniger intelligenter Menschen tatsächlich zerstört werden? Ich dachte immer, dass sie besonders geschützt werden sollten.

Um von sich abzulenken, schreiben die Täter den Opfern ihre eigenen schlechten Eigenschaften zu. Sie suggerieren es so erfolgreich, dass es irgendwie „alle“ glauben: Medien und Justiz, privates Umfeld und psychologisch Ausgebildete. Sogar das Betrugsopfer selbst gerät in tiefe Selbstzweifel: „bin ich so?“

Betrugsopfer - “besondere” Persönlichkeit?

Kommt ein Betrug ans Licht, steht gleich als erstes diese Zuschreibung im Raum, sofort. Fragen, Bemerkungen, Überlegungen zielen immer auf die Opfer. Ihr Konsens lautet “welche Persönlichkeitsanteile prädestinieren einen Menschen dazu, betrogen zu werden ?” Dabei schwingt mit: „Dummheit“ oder „schlechte Eigenschaften, unlautere Motive: das Opfer wird es schon verdient haben!“

Woher kommt das?

Dafür gibt es mehrere Ursachen. Hier die drei Wichtigsten.

Unbewusste Abwehr zum Selbstschutz. Zeugen eines Betrugs überfällt auf tiefer emotionaler Ebene wahres Grauen. “was, wenn ich einmal…!” Diese unbewusste Angst findet Sicherheit in dem Bestreben: “wenn es mir gelingt, bei den Opfern eine Eigenschaft zu definieren, die ich nicht habe, kann mir das nicht passieren!”

Implikation durch Täter. Mit Hilfe ihrer manipulativen Fähigkeiten implizieren Täter diese Sichtweise immer wieder aufs Neue, sogar als Angeklagte vor Gericht: „...so jemandem MUSS das doch passieren!“ Sie haben leichtes Spiel, da sie an innerste Ängste rühren. Das wissen sie. Auf diese Weise tarnen sie sich, lenken sie von sich ab – niemand schaut zum Täter! Sie lachen und können weiter machen.

Innere Entlastung. Wenn das Opfer eigentlich ein schlechter Mensch ist, bisher unbemerkt, hat es „gerechte Strafe“ verdient. Diese Sichtweise entlastet die Zeugen des Betrugsgeschehens.

...und wie ist es wirklich?

Was ist nun dran an diesen Zuschreibungen?

Es wäre ja so wunderschön, wenn nur Menschen zu Betrugsopfern würden, die, “anders als ich”, kleine Dummchen sind. Blauäugig, ohne richtigen Schulabschluss. Unerfahrene Hinterwäldler, die blind durchs Leben stolpern. Hausfrauen, die nie den Raum eines Bankberaters betreten haben. Es wäre erleichternd, wenn nur solch “Minderbemittelten” Gefahr liefen, auf Betrüger herein zu fallen, denn “dann könnte es mir nie passieren”. Genau diese Sicherheit will jedeR: “MIR soll das NIE passieren!”

Doch in der Realität sind Betrugsopfer ganz normale Menschen. Leider. Menschen sind verschieden - Betrugsopfer auch. So verschieden sie sind, unter Betrugsopfern finden sich alle Arten von Menschen: Männer wie Frauen, Alte wie Junge, Intelligente und Hochbegabte wie die mit geringerem IQ. Reiche wie Arme, Geschäftsleute wie Büroangestellte, Singles wie Familieneltern. Hausbesitzer wie Mieter, Machos wie Frauenrechtlerinnen, Introvertierte wie Extravertierte, Kontaktstarke wie Kontaktschwächere, Mathegenies und Matheversager. Schöne wie Hässliche, Ordentliche wie Chaoten, Autofahrer wie Wanderer, Öko’s wie Schicki-Micki’s, Fußballfans, Fußballspieler, Fußballtrainer, Fußballgegner… alle sind dabei. Leider!

Opfer-Situationen verändern Menschen

Erst nachdem und weil sie zu Opfern wurden, verändern sich die Menschen auf typische Weise. Sie ziehen sich zurück, werden überempfindlich, reizbar, depressiv, “komisch”. Wenn sie vorher regelmäßige soziale Kontakte pflegten, hören sie damit auf: sie gehen nicht mehr zum Stammtisch, oder zum Gottesdienst, oder Karten spielen. Sie wirken permanent verhalten verzweifelt und halten ihre Umgebung auf Abstand. Fragt ein wohlmeinender Mitmensch doch einmal nach, “was ist”, kann es vorkommen, dass die Antwort aus einem Wortschwall verwirrender Belanglosigkeiten besteht. Darauf schüttelt der wohlmeinende Mitmensch den Kopf und wird kein zweites Mal fragen: “Nix mehr mit los - ganz schön komisch geworden”.

Wie konnte das passieren?

„Was hat das Opfer falsch gemacht?“ fragen sich alle, die Opfer selbst wie die Umgebung und auch Juristen, Psychotherapeuten usw. Da findet sich natürlich immer etwas.

Das Opfer hat etwas unterschrieben, ohne es genau zu lesen bzw. zu verstehen.

Das Opfer hat etwas geglaubt, was ungewöhnlich klingt.

Das Opfer hat die Kreditkarte aus der Hand gegeben.

Das Opfer hat die Post nicht selbst aus dem Briefkasten in die Wohnung geholt.

Das Opfer hat nicht genug kontrolliert

Das Opfer ist z.B. dem Ehemann nicht täglich hinterher gefahren, „geht er auch wirklich zur Arbeit?“

Das Opfer hat… lauter Dinge getan, die “man einfach nicht tut!”

Jucheirassa, die Fehler sind gefunden! Von nun an wird nur noch unterschrieben, was gelesen und verstanden wurde - von nun an wird nichts Ungewöhnliches mehr geglaubt - die Kreditkarte kriegt niemand anders mehr in die Hand - und die Post holt sich jeder selbst aus dem Briefkasten! So einfach ist das!

Oberflächlich betrachtet. Bei genauem Hinschauen wird’s schwieriger. Was ist, wenn jemand im Krankenhaus liegt? Wer holt dann das Geld aus dem Automaten, tätigt die nötigen Überweisungen, leert den Briefkasten? Nicht nur diese Extremsituation fordert Vertrauen zu Angehörigen und Nachbarn, sondern auch der ganz normale Alltag mit seinem Stress.

Mein Nachbar ist Lehrer. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er wollte ein Haus kaufen. Zusammen mit seiner Frau ging er zur Bank wegen des Kredits. Der Vertrag beinhaltete mehrere Seiten „Kleingedrucktes“. Mein Nachbar ließ sich erklären, was darin stand, und unterschrieb. Auch seine Frau unterschrieb. Obwohl sie „nur Bahnhof“ verstand. - Hätte seine Frau das Kleingedruckte mit nach Hause nehmen sollen? Hätte sie versuchen sollen, es zu verstehen? Dafür hätte sie ein halbes Studium gebraucht. Das hätte sie nicht geschafft, sowieso nicht und schon gar nicht neben Haushalt und Kindern her. Dann läge der Vertrag mit seinem „Kleingedruckten“ noch heute in der Küchenschublade und aus dem Hauskauf wäre nie etwas geworden.

Die “gefundenen Fehler” sind es also doch nicht gewesen. Genau die gleichen „Fehler“ werden nämlich täglich von sehr, sehr vielen Menschen begangen. In ihrem Fall sind es aber keine Fehler, denn sie haben mit normalen Menschen zu tun, nicht mit Betrügern. So könne sie diese “Fehler” jahre-, jahrzehntelang machen, ohne dass irgendwas Schlimmes passiert. Im Gegenteil: ihr Leben funktioniert, WEIL sie einander vertrauen, für einander Dinge tun und sich auf einander verlassen können!

GIER- unmäßig

Unmäßigkeit – ein weitere Vorwurf gegen Betrugsopfer. „Sie wollten eben mehr, als man kriegen kann“, heißt es, „sie sind zu gierig, sie kriegen wohl den Hals nicht voll.“ Raffgier, Leben wollen auf großem Fuße, all diese Motive, diese Eigenschaften werden Opfer von Betrügern unterstellt. Auch das hilft zur eigenen inneren Entlastung und macht es möglich, das Thema abschließen mit dem Gedanken „geschieht ihnen recht!“

Es stimmt halt nicht. Bei den allermeisten jedenfalls. Im Gegenteil. Die meisten Opfer von Betrügern sind eher bescheidene Menschen, bestrebt zu geben, nicht zu raffen.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Selbstverständlich gehören auch Menschen mit überhöhten Ansprüchen zu den Opfern von Betrügern. Auch ihnen kommt der Betrüger entgegen mit dem Versprechen, ihren Bedarf zu erfüllen. Aber eben nicht nur ihnen, sondern vor allem den vielen Menschen mit ganz normalen Maßstäben.

Was will ein normaler Mensch? Normal leben. Arbeiten, etwas Freizeit, oft Familie, auf jeden Fall Freunde, meist ein kleines Hobby. Menschen mit Schwächen und Fehlern leben zwischen anderen Menschen mit Schwächen und Fehlern. Damit arran-gieren wir uns, und an manchem arbeiten wir. Manchmal haben wir Probleme und stehen vor Herausforderungen, denen wir nicht gewachsen sind. Erleben wir dann Hilfe und Unterstü-tzung, sind wir froh und dankbar für die „Fügung“, die uns „den richtigen Menschen zur rechten Zeit über den Weg geschickt hat“, ob auf Ämtern, als Nachbar oder durch sonst einen Zufall.

Solch ein normaler Mensch hat kein großes Unglück verdient, oder? Mit solchen Menschen identifizieren sich die meisten. „Wenn es SIE oder IHN getroffen hat, könnte es auch mich treffen“, ist intuitives Wissen, und damit geht ein tiefes Gefühl entsetzlichen Grauens einher. Das ist unerträglich. Das will niemand fühlen.

Dieser innere Mechanismus auf emotionaler Ebene ist eins der wichtigsten Elemente um das Betrugsgeschehen. Freunde und Nachbarn, Familie und Arbeitskollegen fühlen so – und wollen nicht so fühlen. Polizisten und Ermittler, Staatsanwälte und Richter – ja, auch sie sind „nur Menschen“, fühlen so und wollen nicht so fühlen. Sogar Psychologen, Psychiater und Psycho-therapeuten sind „nur Menschen“, die ebenso fühlen und auch nicht so fühlen wollen! Ob vor Gericht oder in Therapie, ob auf der Polizeiwache oder in der psychiatrischen Klinik: überall begegnen den Betrugsopfern Menschen, die in dieser Weise fühlen – und nicht so fühlen wollen.

Wer nicht fühlen will, muss es nicht. Unsere Psyche ermöglicht uns innere Abwehrmechanismen zum Selbstschutz.

Doch diese inneren Abwehrmechanismen tragen dazu bei, die Vorurteile gegen Betrugsopfer aufrecht zu erhalten. Opfer werden als Täter deklariert. Das multipliziert die Schäden im Opfer bis ins Unermessliche!

All dies geschieht zu Gunsten der Betrüger. Sie tun aktiv ihren Teil dazu, dass die Umgebung bei dieser Sicht der Dinge bleibt. Das nützt ihnen. Denn sie sind wirklich unmäßig und gierig, bequem und sexsüchtig und in ihrem Inneren voller verwerf-licher Motive. Und das soll niemand merken. Natürlich nicht.

Die „Defizite des Opfers“

Wird ein Betrugsgeschehen im Nachhinein rekonstruiert, geht als erstes die Suche nach den „Defiziten des Opfers“ los. Sie werden auch gefunden. Ob Nachbarn, Freunde, Verwandte oder polizeiliche Ermittler, Staatsanwälte und Richter: alle sind darauf fixiert, die „Defizite des Opfers“ zu suchen und zu finden.

Das ist grundsätzlich ein falscher Ansatz. Die „Defizite des Opfers“ sind keine Defizite. Von den „Defiziten des Opfers“ zu sprechen, diskriminiert das Opfer. Anstelle des Ausdrucks „Defizit“ gehört der Begriff „Bedarf“. Das Opfer hat, bevor es zum Opfer wird, einen Bedarf: einen ganz normalen Bedarf.

„ich pass auf!“

Wir haben verstanden, dass Betrugsopfer ganz normale, unterschiedliche Menschen sind. Wir haben verstanden, dass „Dummheit“, „Gier“ und „Fehler“ der Betrugsopfer nicht die Ursachen des Betrugsgeschehens sind und ebenso wenig ihre „Defizite“ oder gar „Dummheit“. Ganz neu kommt die Frage auf: „Wie können wir uns davor schützen, Opfer eines Betrügers zu werden?“

Können wir das?

Stimmt das?

Schön wär’s, aber leider ist das eine Illusion. Sehr verbreitet ist sie, dieses Illusion, beinahe Standard – und bleibt dennoch Illusion. Beliebt ist sie, diese Illusion, auf Seite der Täter wie auf Seite potentieller Opfer. Sie kommt unserem Sicherheitsstreben entgegen, aber sie ist unrealistisch. Leider. Und warum kommt diese Illusion den Tätern entgegen? Eben weil sie nicht wahr, nicht real ist. Diese Illusion schützt sie. Dank dieser Illusion können sie viel leichter die Menschen zu ihren Opfern machen, die in dieser Illusion leben. Illusionen, Lügengespinste – das sind die Werkzeuge der Betrüger. Auch die Illusion „wenn ich aufpasse, kann ich mich schützen“ gehört dazu.

Jochem, „mein Betrüger“, hat immer gerne „gespielt“, er sei im Ausland und in vielen Ländern, aktuell oder gewesen. Was hatte er für Geschichten auf Lager aus China, der DDR und USA usw... es klang ganz ähnlich, wie wenn ich aus den Jahren erzähle, die zwischen meinem Abi und der Ausbildung lagen, als ich mit meinem Rucksack durch Europa und Amerika reiste. Oder wie manche Freunde erzählen, die echte Weltenbummler sind. Doch bei Jochem war es niemals echt! Er hat Deutschland in Wahrheit nie verlassen! Wie konnte er diesen authentischen Eindruck erwecken? Auf jeden Fall hat er „echten Weltenbummlern“ ihre Geschichten „geklaut“. Und in Chat- oder Telefonkontakte ließ er das jeweilige aktuelle Wetter einfließen, denn das Wetter ist immer ein Thema: dann schaute er schnell im Internet nach Wetterberichten und über webcams nach! So kam es im Gespräch authentisch rüber.

Hören Sie jetzt auf zu telefonieren oder zu chatten?

Nein, Betrugsopfer sind keine “besondere Spezies Mensch”, das sind die Betrüger. Gegen die ist niemand ist immun. JedeN kann es treffen. Das ist eine harte Wahrheit - ernüchternd, verunsichernd: “was nun? Ich dachte immer…”

...doch keine Sorge, wir sind noch nicht am Ende. Es geht noch weiter, und wer verstanden hat, was in diesem Buch steht, sieht klarer. Das nützt auf jeden Fall!

Fazit

Opfer sind keine “besonders Spezies Mensch”. Nein, es sind die Betrüger, die eine besondere “Spezies Mensch” ist! Richten wir den Blick weg vom Opfer, hin zum Täter.

Frage:Sind Betrugsopfer eine bestimmte Spezies Mensch?

Antwort:Nein –dafüraber Betrüger!

„Defizite“ des Opfers? Nein: Bedarf!

Die übliche Suche nach den „Defiziten des Opfers“ als Ursachen für ein Betrugsgeschehen geht also komplett in die falsche Richtung. An Stelle des Ausdrucks „Defizit“ gehört der Begriff „Bedarf“. Das Opfer hat, bevor es zum Opfer wird, einen Bedarf: einen ganz normalen Bedarf.

Was ist ein Bedarf?

Du gehst einkaufen.

Du willst etwas zu essen.

Du willst eine Wohnung mieten.

Du willst eine Wohnung vermieten.

Du willst eine Immobilie kaufen.

Du willst eine Immobilie verkaufen.

Du bist krank und willst vom Arzt Linderung und Heilung.

Du bist jung und willst dich verlieben.

Du bist einsam und willst eine/n PartnerIn.

Du hast etwas Geld gespart und willst es sinnvoll anlegen.

Du hast etwas geerbt und willst etwas Sinnvolles mit dem Erbe machen.

Du hat nicht viel Geld und willst einen Gebrauchtwagen kaufen.

Usw...

Wo auch immer Menschen einen Bedarf haben, kommen ihnen andere Menschen entgegen mit dem Anspruch, „ich erfülle deinen Bedarf“. Meistens klappt das. Menschen verlieben sich, heiraten. Menschen kaufen und verkaufen Lebensmittel und Immobilien, mieten und vermieten Wohnungen. Wo beide Seiten ehrlich sind und ihren Teil tun, funktioniert es. Wo eine Seite unehrlich ist und ihren Teil nicht tut, funktioniert es nicht. So einfach ist es mit dem Betrug.

Ein Betrüger kann uns also überall da begegnen kann, wo wir irgend einen Bedarf haben: wir wollen ein Auto kaufen – oder verkaufen; wir wollen eine Wohnung, ein Haus mieten – oder vermieten; wir wollen gespartes Geld anlegen oder sinnvoll ausgeben; wir wollen Urlaub machen oder führen ein Hotel... siehe oben: überall, wo wir einen normalen Bedarf haben und ein Gegenüber brauchen, das diesem Bedarf entgegenkommt, kann uns auf der anderen Seite ein Betrüger gegenüber stehen.

Die Gefahr, dass uns ein Betrüger gegenüber steht, ist natürlich umso geringer, je länger wir das Gegenüber kennen. Sollen wir also zur Sicherheit nur noch mit Menschen zu tun haben, die wir schon lange kennen?

Gegenfrage: ist das möglich? Denn erstens kommen wir immer wieder in Situationen, in denen wir das Gegenüber nicht schon lange kennen können – Beispiele: Krankheit – Arzt oder Umzug – neue Nachbarn. Und zweitens – wie lange müssen wir das Gegenüber kennen, um sicher zu sein? Zwei oder drei Jahre reichen nicht aus, auch nicht unbedingt fünf oder sieben. Das sind Zeiträume, in denen Betrüger betrügen.

Und eine Frau wurde von einem Heiratsschwindler betrogen, der mit ihr in der gleichen Schulkasse gewesen war, dessen Mutter sie kannte. Auf der anderen Seite kenne ich glückliche, jahrelang liierte Paare, teils verheiratet, die am Abend des Kennenlernens miteinander im Bett waren, also „viel zu schnell!“... wo kein Betrug im Spiel ist.

Der besondere Bedarf

Was ist ein besonderer Bedarf? Das ist der Bedarf, der über das normal funktionierende Leben hinaus geht: zum Beispiel eine Krankheit, die den Arzt braucht; eine zerstörte Lebenssituation, die Therapie oder psychosoziale Betreuung braucht.

Manchmal ist der besondere Bedarf sogar ein überlebens-wichtiger Bedarf.

Der überlebenswichtige Bedarf

Der selbstständige Handwerker, der zur Zeit wirtschaftlicher Veränderungen oder in einer Krise pleite geht.Er sucht einen Berater auf. Das kann ein Betrüger sein.

Die alleinerziehende Mutter, die schwer erkrankt, ins Krankenhaus müsste und niemanden hat, der ihre Kinder versorgt. Sie hat keine Wahl: sie vertraut ihr Kind und ihren Wohnungsschlüssel hilfsbereiten Nachbarn an. Die können Betrüger sein.

Da ist das Leben in Kriegsgegenden, wo ein Fluchthelfer benötigt wird. In Kriegen werden Menschen vermisst. Manche überbringen Nachrichten an Angehörige. Sie können echt sein – oder Betrüger.

Manche Menschen habenpsychischer Schäden durch traumatische Erlebnisse in der Vorgeschichteundsuchen einenPsychotherapeuten auf.Traumatisierte sind leicht manipulierbar.SogarPsychologen und Therapeuten können Betrüger sein.

Beschäftige ich mich mit besonderem Bedarf, bin ich bestürzt über die Not der Menschen, die diesen Bedarf haben. Ich habe den Impuls, zu helfen, zu unterstützen, etwas zum Besseren zu lenken. Ganz besonders intensiv ist dieser Impuls, wenn es um den überlebenswichtigen Bedarf geht.

Doch es gibt auch Betrüger an diesen Stellen. Da sitzen Verwalter in Ämtern, in denen es um Erbschaften geht oder darum, Erbe von Behinderten zu verwalten: hier betrügen sie die Menschen mit besonderem Bedarf, so dass sie zu Sozialfällen werden. Ist das nicht grauenhaft? Ich habe mehrere Geschichten dieser Art „aus erster Hand“ gehört, aktuell oder aus der Vergangenheit. Es stimmt!

Gibt es keine Defizite?

Selbstverständlich gibt es auch Menschen mit Defiziten. Querschnittgelähmte, die im Rollstuhl sitzen, können nicht alleine aufs Klo und abends nicht alleine ins Bett. Eine alleinerziehende Mutter muss arbeiten gehen, ist anschließend zu müde, sich ausreichend um ihre Kinder zu kümmern und bekommt für diese Mehrfachbelastung Druck von allen Seiten. Ein Alkoholiker, der mit 40 trocken wurde, hat seine Familie und sein Haus verloren und muss nochmal ganz von vorne anfangen. Und so weiter.

Menschen mit Defiziten begegnen mir im Alltag, seit ich ein kleines Kind bin. Es gab sie schon im Kindergarten und in der Grundschule; heute erlebe ich sie im Beruf, in der Nachbar-schaft, auf der Straße, in den Medien. Es tut mir weh, mitzuer-leben, wie schwer ihr Leben ist. Ich wünsche ihnen, dass sich in ihrem Leben etwas zum Besseren wendet. Wo das geschieht, freue ich mich! Und wo ich jemandem weiter helfen kann, tue ich es gerne.

Betrüger empfinden anders

Betrüger nutzen den normalen Bedarf der Menschen aus und fügen ihnen Schaden zu, machen sie zu Opfern.

Betrüger nutzen auch die Defizite ihrer Mitmenschen aus und fügen diesen vorgeschädigten Menschen zusätzlichen Schaden zu.

Betrüger nutzen sogar überlebenswichtigen Bedarf aus und richten Menschen, die dringend echte Hilfe benötigten, komplett zugrunde!

Ist das nicht das umso verwerflicher?

In solch einem Fall von „Naivität des Opfers“ oder gar einer „Selbstzerstörungstendenz“ zu sprechen, ist blanker Hohn – ist Solidarität mit dem Betrüger – ist Wasser auf die Mühlen des betrügerischen mainstreams dieser Gesellschaft. Wer es nicht besser wusste, lernt am besten schnell dazu, um sich nicht weiter mit schuldig zu machen.

Also weg vom Focus auf das Opfer unter der Prämisse „was hat das Opfer falsch gemacht“ und „wo sind die Defizite des Opfers“! Richten wir den Focus auf den Täter: was hat er falsch gemacht? Da werden wir fündig: der Täter hat gelogen, vorenthalten, Unrecht getan.

Frage: Wie kann ein Mensch vermeiden, zum Betrugsopfer zu werden?

Antwort: Je geringer der Bedarf eines Menschen, desto geringer die Gefahr.

...aber was ist das Verbrechen:

der BEDARF eines Menschen

oder

der BETRUG, der Erfüllen des Bedarfs verspricht

und dann statt dessen LEBEN ZERSTÖRT?

Die vermeintlichen Fehler und Defizite des Opfers

Warum hat der Blick auf die vermeintlichen Fehler und Defizite des Opfers Priorität?

Täter lenken gerne von ihren Taten ab. Zuerst tun sie anderen Menschen Unrecht. Das tun sie meist ohne Gewissensbisse. Anschließend macht macht es ihnen auch nichts aus, Lügen über ihr Tun und ihre Opfer zu verbreiten. Betrüger können gut lügen, und Betrügern ist es gelungen, das Denken von Öffent-lichkeit und Justiz mit ihrem Gedankengut zu infizieren. Sie beeinflussen ja nicht nur ihre direkten Opfer, sondern manipu-lieren auch vor Gericht und Medien und selbstverständlich in den hohen Ebenen von Wirtschaft und Politik. Die „Unkraut-samen“ der Unwahrheit sind aufgegangen und vermehren sich weiter – eben „wie Unkraut“.

Ein Bibelvers lautet „die Lüge ist die Wurzel alles Bösen“. Es lohnt, darüber nachzudenken: wo immer Menschen und Leben zerstört werden, sind Lüge und Betrug mit im Spiel. Ob Kriege zwischen Völkern geschürt werden oder Suchtgeschehen im privaten Umfeld, ohne Lüge geht da nichts. Ehrlichkeit sich selbst und anderen ehrlichen Menschen gegenüber scheint tatsächlich der Schlüssel zu einem gesunden Leben zu sein, im Kleinen sowieso und mehr noch im Großen. In Lügensystemen dagegen müssen sogar ehrliche Menschen manchmal lügen, um sich und andere vor Zerstörung zu schützen.

2Lügeund Wahrheit

Betrug basiert auf Lüge, aber nicht jede Lüge ist Betrug. Lüge ist ein Hauptelement im Betrugsgeschehen – aber wie sind die „normalen“ Lügen von „Betrugs-Lügen“ zu unterscheiden? Damit beschäftigt sich dieses Kapitel.

Lüge als Leistung

Für normale Menschen ist Lügen eine Leistung. Lügen geht schwer. Normale, gesunde Menschen lügen nicht von Natur. Sie lernen lügen und üben lügen. Viele halten das Lügen nicht lange durch: ihr Gewissen zwingt sie, zur Wahrheit zurückzukehren.

Anzeichen von Lügen

Das berühmte „Rot-Werden“ zeigt der Umgebung, dass hier etwas nicht stimmt. Auch weitere Anzeichen in Mimik und Gestik sowie verbale Widersprüche können auf Lügen eines normalen Menschen hindeuten.

Belogen werden als Problem

Jeder normale Mensch, der belogen wird, tut sich damit schwer oder leidet darunter. Belogen werden, das ist schwer auszu-halten. Es ist immer blockierend, verwirrend, verstörend.

Motivationen zum Lügen

Warum lügen Menschen?

Da gibt es verschiedene Möglichkeiten.

1. Normale Menschen

Normale Menschen lügen anders als Betrüger! Das will ich im Folgenden erklären.

1.1. ein Ziel erreichen

Natürlich gibt es normale Menschen, die lügen, einfach um ein Ziel zu erreichen, das sie anders nicht erreichen können.

1.1.1. Kindliche Lügen

Ein Kind belügt seine Eltern, um sich vor einem Schultag zu drücken oder ein teures Spielzeug zu bekommen. Eltern, Lehrer und Erzieher achten auf die üblichen Anzeichen von Lügen, um sie zu entlarven, und mahnen: „Lügen haben kurze Beine!“

1.1.2. Jugendliche Lügen

Kriminelle rekrutieren ihre neuen Komplizen besonders gerne unter Jugendlichen: sie sind am ehesten risikobereit und manipulierbar. Geraten Jugendliche in kriminelle Kreise, müssen sie dort lernen, zu lügen. Das gilt besonders für den Kontakt zur Polizei.Wer sich im illegalen Raum bewegt, muss lügen lernen. Aber auch Familie, Verkäufer usw. müssen belogen werden und oftmals die eigenen Komplizen.

Die meisten Jugendlichen, die in kriminelle Kreise geraten, fühlen sich dort auf Dauer unwohl. Es fällt ihnen schwer, ihr Gewissen permanent zu „vergewal-tigen“. Darum nutzen die meisten ihre Chance auf ein normales Leben ohne Lügen-Müssen. Die meisten sind im Alter von spätestens 23 Jahren wieder im normalen, ehrlichen Leben eingebunden. Einige wenige finden es schade: „ich kann einfach nicht lügen, man sieht es mir immer an!“

Polizisten werden geschult, Lügen zu entlarven: sie sollen auf die Anzeichen achten, die normale Menschen beim Lügen zeigen. Es sind Zeichen der Unsicherheit, darum zeigen auch ehrliche unsichere Menschen die gleichen Zeichen.

1.2. Überfordert mit der Wahrheit

Die Wahrheit kann jeden normalen Menschen überfordern. Menschen sind der Wahrheit oftmals einfach nicht gewachsen. Darum lügen sie die Wahrheit „weg“, sozusagen zum Selbstschutz. Eigentlich leiden sie unter dem „Lügen-Müssen“. Aber sie sehen keinen anderen Weg.

Ein paar Möglichkeiten:

1.1.1. Situation

Beispiel: einE verheirateteR ErwachseneR verliebt sich und lässt sich auf die „neue Liebe“ ein, parallel zum gewohnten Familienleben. Mit diesem Konflikt kann er / sie nicht offen umgehen. Er / sie kann sich überfordert und hilflos fühlen in diesem Geschehen. Darum belügt er / sie parallel GeliebteN wie PartnerIN. Diese Person lügt bewusst oder halb-bewusst – und ungern. Das nennen wir „Notlügen“ oder „Alltagslügen“.

1.1.2. Tabu

Normale traumatisierte Menschen mit abgespaltenen Gefühlen bzw. abgespaltenen Teilen ihrer Persönlichkeit brauchen das „Tabu“. Das heißt, niemand in ihrer Umgebung darf bestimmte Problembereiche themati-sieren. Tut es doch jemand, z.B. ein heranwachsendes Kind, leugnen sie vehement. Diese Person lügt unbewusst zum Selbstschutz.

1.1.3. Realitätsverlust

Manifeste Psychische Erkrankungen gehen mit einem hohen Maß an Realitätsverlust einher – und damit verlieren diese Menschen den Bezug zur Wahrheit. Z.B. werden Manisch-Depressive in ihrer manischen Phase sehr aktiv, können unsinnige Geschäfte eröffnen und Schulden machen usw. Ist diese Phase dann vorbei, realisieren sie, welchen Schaden sie angerichtet haben, für sich selbst und für ihre Angehörigen. Darunter leiden sie dann sehr und fallen in eine Depression.

Ein weiteres Beispiel sind Suchterkrankungen. Zur Suchtentwicklung gehört Lüge untrennbar dazu. Je weiter der Suchtprozess fortgeschritten ist, desto größer und selbstverständlicher werden die Lügen.

Alle Menschen lügen

Alle Menschen lügen also. Mehr oder weniger, aus diesen oder jenen Gründen. Es gibt die Alltagslügen: „ich hab' Kopfweh, ich kann nicht kommen!“ weil jemand einfach keine Lust hat. Es gibt die Notlügen: „nein, ich war's nicht!“ schreit das Kind, wenn was kaputt gegangen ist und der wütende Vater herbei stürmt. Oder die Sekretärin sagt zum Chef „ich habe 5 mal angerufen, aber es war immer belegt!“ wenn sie einen wichtigen Anruf vergessen hat, aus Bequemlichkeit oder Arbeitsüberlastung. Es gibt sogar Gewohnheitslügen: manche Menschen furzen nie! Obwohl sie es natürlich tun, wie alle anderen auch. Sie lügen, weil sie sich schämen.

Alle Menschen lügen. Alle Jahre wieder lesen wir in der Zeitung eine Notiz, in der Forscher heraus gefunden haben, dass der Durchschnittsbürger 3-5 mal pro Tag lügt. Oder 5-7 mal, oder 12-30 mal, je nachdem, wie die Forscher Lüge definiert und nach welcher Methode sie geforscht haben. Und wir lesen, woran wir erkennen, dass jemand lügt: am Rot-Werden, zum Beispiel.

Wenn also alle Menschen täglich lügen, mehr oder weniger, dann ist es doch gar nichts besonderes, das Lügen. Dann gehört es halt zum Leben. Und die Gründe sind doch auch verständlich – oder? außerdem lügen die Leute ja nicht gerne. Sie fühlen sich unwohl dabei und haben ein schlechtes Gewissen, jedenfalls ein kleines bisschen. Und sie haben Angst, dass es raus kommt. Und darum lügen sie auch nicht so oft.

Ist Lüge also eigentlich kein Thema? Die Lügen, die ich oben genannt habe, finde ich auch nichts besonders. Die dürfen tatsächlich zum Leben gehören. Für diese Alltagslügen, Notlügen und Gewohnheitslügen haben Menschen ihre guten Gründe. Und im Großen und Ganzen kann man sich trotzdem auf sie verlassen.

Doch um diese Lügen geht es hier nicht. Hier geht es um Betrüger-Lügen.

2.Die Lügen derBetrüger

Betrüger lügen anders als normale Menschen. Die Lügen eines Betrügers sind völlig anderer Natur als alle Lügen, die wir normalen Menschen irgendwie kennen. Sie sind für normale Menschen überhaupt nicht nachvollziehbar. Im Folgenden beleuchten wir die Lüge als Betrugselement.

2.1. Motivation

Die Gründe für ihre Lügen sind bei Betrügern völlig andere als bei normalen Menschen. Weder „drängen“

Not oder

(psychische) Krankheit inclusive

Sucht

zum Lügen, auch nicht

Überforderung oder

Hilflosigkeit. Da sind weder

Realitätsverlust noch

Kontrollverlust. Es gibt keine

Notlügen, keine

Alltagslügen. Es geht nicht einmal darum,

ein Ziel zu erreichen! „Schnell viel Geld ergaunern“ zum Beispiel kommt erst an zweiter Stelle.

Hauptmotivation für Betrüger, zu lügen: die Lüge selbst

Die Hauptmotivation für das Lügen der Betrüger ist die Lüge selbst. Sie lügen, weil sie lügen wollen. Es ist ihr Hobby, ihr Spiel, ihr Sport, ihre Profession, ihre Lebensfreude. Lügen gehört für Betrüger zur Lebensqualität. Sie üben das Lügen und wollen im Lügen immer besser werden. Mitten in der Realität des Lebens lügen sie, weil es ihr Lebensinhalt ist: im Geschäftsleben, im Banken- und Versicherungswesen, in der Politik, im privaten Bereich, und selbstverständlich auch vor Gericht. Es macht ihnen Spaß! Manchmal lachen sie entspannt und wirken damit ungeheuer souverän, anziehend und glaubwürdig – doch in Wahrheit erfreuen sie sich daran, dass sie eben dabei sind, ihre Umgebung massiv zu belügen. Lügen ist Selbstzweck für Betrüger.

2.3. Kein Unwohlsein, kein Leiden

Wie fühlen sich Betrüger beim Lügen?

sie fühlen sich nicht unwohl, im Gegenteil:

damit sind sie wie der berühmte „Fisch im Wasser“.

Sie fühlen sich beim Lügen nicht unsicher.

Kein Gewissen drückt sie, weil sie keins haben.

Sie leiden nicht darunter, ihre Umgebung zu belügen.

Darum hören sie auch nicht damit auf, sondern lügen weiter, ihr Leben lang.

Sie fürchten nicht, dass es raus kommt: das ist für sie eine Herausforderung, sich weiter führende Lügen auszudenken.

Ignoranz zeichnet sie aus. Der Schaden, den sie ihrer Umgebung zufügen, ist ihnen gleichgültig.

Sogar Sadisten sind darunter: manche freuen sich schon auf den Moment der Zerstörung ihres Gegenübers...

2.4. Keine normalen Anzeichen für Lügen

Weil Betrüger beim Lügen nicht unsicher sind, sich nicht unwohl dabei fühlen und nicht darunter leiden, zeigen sie auch nicht die gewohnten Anzeichen, an denen Lügen normalerweise zu erkennen sind.

Betrüger zeigen beim Lügen die Emotionen, die sie erfüllen: Sicherheit, Wohlbefinden, Freude, Erfüllung, auch Spaß... also all die Emotionen, die sich bei keinem normalen lügenden Menschen finden. Beim Lügen strahlen sie all das aus, was Menschen gern in ihrem Gegenüber erleben.

Je erfahrender der lügende Betrüger ist, desto glaubwürdiger kommt er 'rüber! ...auch vor Gericht!

Mythos

Eine Weiterentwicklung der Betrüger-Lügen sind die Mythen über Betrugsopfer. Diese irrigen Fehlmeinungen über Betrugs-opfer verhelfen den Betrügern in besonderer Weise dazu, weiter betrügen zu können. Dank dieser Mythen erscheint Betrug den Juristen in den meisten Fällen „nicht greifbar“, und Psychotherapeuten wie auch Psychiater glauben, ihre betro-genen KlientInnen seinen „wirr“. Betrüger haben diese Mythen vor Urzeiten in die Welt gesetzt und halten sie mit ihren subtil-manipulativen Fähigkeiten aufrecht. Sie gehören zu ihrem Tarnsystem. Sie sind Hauptthema des nächsten Kapitels.

2.5. Motivation zum Lügen • Betrügen: Aspekt Akzeptanz

Ein Psychotherapeut sagte mir, dass er prinzipiell immer für seine Klienten Position bezieht. Er unterstützt die Person, die zu ihm kommt. Das ist sein Selbstverständnis als Therapeut. Auch einen Betrüger würde er unterstützen, da dieser seine Gründe hätte, zu betrügen.

Das sehe ich natürlich differenzierter.

Nicht jeder Betrug ist in meinen Augen verwerflich. Ich akzeptiere eine Mutter ohne Existenzgrundlage, die mit betrügerischen Mitteln versucht, an das Nötigste für ihre Kinder zu kommen. Ich würde versuchen, mit ihr einen Weg zu finden, ihre Kinder ohne Betrug versorgen zu können.

Im 3. Reich haben manche Beamte falsche Stammbäume oder Ausweise für Juden erstellt. Das war Betrug. Das war natürlich gefährlich im Nazi-System und wenn dieser Betrug heraus kam, konnte es den Beamten das Leben kosten. Für solchen Betrug bin ich voller Hochachtung! Ich werte ihn als Heldentat!

Der zitierte Psychiater hatten wahrscheinlich noch nie einen Betrüger als Klienten. Vielleicht war seine Aussage unbedacht. Wahrscheinlich schwebte ihm eine literarische Figur vor wie „Felix Krull“ oder den Helden des Filmes „catch me if you can“: intelligente, phantasiebegabte Personen, die sich auf ihre Weise durchs Leben tricksen, ohne irgend jemandem wirklich zu schaden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er an einen Betrüger wie Jochem dachte. Solch eine destruktive Persönlichkeit ist ihm wahrscheinlich noch nie begegnet, weder real noch in seinen Aus- und Fortbildungen.

Lüge kommuniziert Unwahrheit

Wie gesagt, wir alle lügen von Zeit zu Zeit, darum wissen wir, wie das geht. Aber unser Lügen ist dilettantisch, nicht professionell. Professionelles Lügen lehren die professionellen Lügner einander. Dazu fälschen sie nicht nur Ausweispapiere, sondern Persönlichkeiten,Gefühle,Lebenserinnerungen und alles, was zum normalen Leben gehört.

„Lügen – ohne zu lügen“ ist ein sehr wichtiges Element, denn „dann kann dir keiner was nachweisen“. Wie geht das?

im Gegenüber einen anderen Eindruck erwecken

z.B. durch Weglassen von Informationen

„eine halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge“

Ablenkung

Antworten, die an der Frage vorbei gehen

unauffälliges Vorspiegeln, die Frage nicht verstanden zu haben

...usw...

Auswirkungen von Lügen

Welche Auswirkungen haben Lügen auf die Umgebung, die Beziehungen? Lüge

verunsichert – doch Menschen brauchen Sicherheit

bringt Menschen auf Distanz – doch Menschen brauchen Nähe

untergräbt Vertrauen – doch Menschen brauchen Vertrauen

Familienlügen

Ein Grundschulkind sollte eine Zahnspange bekommen. Eine Zahnspange reichte für diese Kieferanomalie nicht aus, darum sollte operiert werden. Die OP ging schief, eine weitere OP musste folgen und wieder eine weitere. Komplikationen entwickelten sich. Das Kind hatte jahrelang starke Schmerzen trotz Schmerzmittel, Probleme mit Nahrungsaufnahme und in der Folge Schlafstörungen, Depressionen usw. Die Eltern litten; beide Eltern meinten es von Herzen gut mit ihrem Kind und konnten das Elend schier nicht ertragen. Das Kind fing an, den Eltern vorzuspielen, dass es ihm gut geht. Diese Not-Lüge zugunsten der Eltern wurde zur Zusatzbelastung, denn zu den Schmerzen und Depressionen kam die Vereinsamung des Kindes. Als Erwachsene suchte sie Psychotherapie. Die Lügenbeziehung zu den Eltern wurde thematisiert und als ungut gewertet. Doch ich sehe in diesem Fall die tragische Krankheitsentwicklung als Hauptbelastung für alle Seiten; die kindliche Lüge „es geht mir gut!“ war gewissermaßen überlebensnotwendig für dies Familiensystem. Ohne diese Lüge wären die Eltern zusammen gebrochen. Wem wäre damit gedient gewesen?

Die meisten Familienlügen haben ähnliche Hintergründe. Es liegen untragbare Lasten auf der Familiewie z.B. Kriegstrauma-ta.Um sie erträglich zu machen, werden verschiedene Lügen-varianten installiert:Ignoranz, Leugnen,Bagatellisieren, usw...

Innere Grenzen

Normale Menschen nutzen die Möglichkeiten, die sich im Leben bieten, wahren dabei aber gewöhnlich die Grenzen: Illegales meiden sie, und anderen Menschen schaden wollen sie auch nicht. Zwar können normale Menschen diese Grenzen auf unterschiedliche Weise ein wenig verschieben, beispielsweise werden Menschen mit anderer Hautfarbe oder Menschen, die weit entfernt leben, „entmenschlicht“. Auch Gruppenvorbilder spielen eine Rolle („Schulden machen doch alle!“).

Überschreitet ein normaler Mensch diese inneren Grenzen, merkt man ihm Nervosität an. Er wird rot, bekommt schweißige Hände usw – das berühmte „schlechte Gewissen“ wird sichtbar. Dies ist eigentlich eine Angst-Symptomatik: hier ist es die Angst, eine Grenze zu überschreiten.

Die gleichen Symptome, das Rot-Werden und die schweißigen Hände, treten auch bei Gewaltopfern auf, die in Situationen geraten, die ihre Traumata triggern, also Ängste auslösen. Das ist beispielsweise bei Begegnungen mit Polizei der Fall. Dann kann diese Symptomatik fälschlich als Äußerung eines schlechten Gewissens fehl gedeutet werden.

Ein Betrüger dagegen hat dieses inneren Grenzen nicht. Wenn er lügt, kann man das nicht an o.g. Symptomatik erkennen. Er überschreitet Grenzen ohne Angst, ohne schlechtes Gewissen. Er lügt permanent, sein Leben besteht aus Lüge. Genau aus diesem Grund kommt er so glaubwürdig rüber. Er tischt seiner Umgebung immense Lügen auf. Normale Menschen wären gar nicht imstande, sich so etwas auch nur auszudenken. Bei der Vorstellung, solche Lügen zu nutzen, wird ihnen Angst und übel, es ist ihnen unvorstellbar. Das wiederum nutzt der Betrüger: mit freier offener Mimik lügt er seine normale Umgebung an – und kommt glaubwürdig rüber!

Wahrheit

Das Gegenteil der Lüge ist die Wahrheit. Doch was ist Wahrheit? Das fragte schon Pilatus, händewaschend, als er von den Mächtigen eines aufmüpfigen, dem römischen Reich durch Gewalt einverleibten und schwer zu beherrschenden Volkes in einem Scheinprozess instrumentalisiert wurde, einen harmlosen freundlichen Wanderprediger zum Tod durch Folter zu verurteilen.

Was ist Wahrheit? Darüber philosophieren und diskutieren Menschen lange, breit und tief.

Ich definiere Wahrheit als Realitätsbezug. Für mich ist Wahrheit etwas sehr pragmatisches. Angenommen, ich würde rund um die Uhr von einer Kamera begleitet, die alles aufnimmt, was ich tue. Angenommen, diese Kamera würde jeden meiner Schritte fest halten, jeden meiner Handgriffe, jedes Wort, jede Mimik, jeden Tonfall: das wäre die Wahrheit meines Lebens. Käme dann noch jeder Gedanke dazu, jedes Gefühl, jeder Impuls, mein ganzes Innenleben, dann wäre die Wahrheit meines Lebens perfekt.

Diese Idee erinnert jetzt an die vielen Überwachungskameras überall um uns herum und an den Überwachungswahn übermisstrauischer Systeme gegen ihre Bürger; dazu später mehr. Nein, diese Assoziation bitte schnell wieder verbannen! Mir geht’s um die Idee, die Vorstellung, um meinetwillen und um des Laufes der Weltgeschichte willen.

Ich stelle mir vor, dass diese Kamera mein ganz persönlicher Besitz ist. ICH kann mir MEINEN Film ansehen, wann ICH will. Und dieser Film gefällt mir nicht immer. Die Hauptdarstellerin ist keine Heldin. Sie hat Schwächen und macht Fehler, ist nicht immer hübsch und nicht immer nett. Manchmal kann ich „meinen Film“ nicht gut ertragen. Aber dieser „Film“ ist die Wahrheit meines Lebens, meine Realität.

Es gibt eine Realität

Ach ja, gibt es das, eine Realität? Schenkt man weiten Diskussionsrunden Glauben, deren TeilnehmerInnen aus den Bereichen Psychologie, Psychotherapie, Psychiatrie, Sozialarbeit, Philosophie und dergleichen kommen, gibt es sie nicht, die Realität. Für sie gibt es „nur Wahrnehmung“, und die ist „individuell unterschiedlich“.

Natürlich gibt es unsere Wahrnehmung, und natürlich ist sie individuell unterschiedlich. Aber außerhalb unserer Wahrneh-mung gibt es ebenso natürlich eine Realität, sowohl eine Realität um uns herum als auch eine Realität in unserem Inneren. Es sollte unser Anliegen sein, unsere Wahrnehmung so gesund wie möglich zu erhalten, damit sie uns ein möglichst realitätsnahes Bild des Lebens vermittelt, das uns umgibt und in uns geschieht (Selbstwahrnehmung). Dazu ist unsere Wahrnehmungsfähigkeit eigentlich da.

In der Psychiatrie ist ein wesentliches Element zur Diagnosestellung einer psychiatrischen Erkrankung die Realitätsferne bzw. die Realitätsnähe. Wer überzeugt ist, das „goldene Kind“ zu sein und glaubt, in einer Muschel am großen Strand eines goldenen Ozeanes eines fernen Planeten zu liegen, nimmt sich zwar in dieser Weise wahr, doch die gesamte Umgebung sieht trotzdem einen Mann mittleren Alters mit schütterem Haar auf dem Fußboden eines Stationsflures liegen.

Die Realitätsferne ist in diesem Fall leicht definiert und damit eine manifeste psychiatrische Erkrankung. Zur Verdeutlichung eine dichotome Darstellung.

nr1Grafik Realitätsnähe

Realitätsferne Realitätsnähe

psychiatrische Erkrankung psychische Gesundheit

Wahrscheinlich ist kein Mensch zu 100% realitätsnah und damit zu 100% psychisch gesund. Das ist in einer kranken, krank machenden Welt nicht möglich. Doch je näher wir der Realität sind, sowohl der Realität des eigenen Lebens als auch der Realität unserer Umgebung, desto gesünder ist unsere Psyche.

Nun verknüpfe ich die Begriffe „Realitätsnähe“ und „Wahrheit“. Sie entsprechen einander weitgehend. Folglich ist Wahrheit gesund. Wahrheit kann auch heilsam sein.

„...es gibt viele Wahrheiten...“?

Das Problem mit der Wahrheit, der Realität unserer Umgebung und unseres Inneren, ist ihre Komplexität. Die Wahrheit ist vielschichtig und von einer Person allein unmöglich komplett wahrzunehmen, zu erfassen, zu verstehen. Dennoch gibt es nicht „mehrere Wahrheiten“, sondern nur eine Realität. Wo es aussieht, als gäbe es „mehrere Wahrheiten“, ist noch nicht ausreichend Zugang zu den vielschichtigen Elementen des komplexen Geschehens hergestellt, sind die Zusammenhänge dieser Elemente noch nicht sichtbar.

Wahrheit in verlogenen Systemen

Es gibt Systeme, in denen Gewalt und Lüge untrennbar mit einander verbunden und als tragende Elemente tief verankert sind. Solche Systeme tun den Menschen nicht gut, die darin leben (müssen), im Gegenteil, sie machen Menschen krank, psychisch und in der Folge auch physisch. Das können kleine Systeme sein mit einer überschaubaren Personenanzahl wie Familien, Gruppen, religiöse Gemeinschaften oder mittelständische Unternehmen. Es können aber auch große, unüberschaubare Systeme sein wie global agierende Wirtschaftsunternehmen, Kirchen und Sekten, Staaten, Staatsverbände.

Solche geschlossenen destruktiven Systeme fordern mannigfaltige Opfer. Für alle ins System Involvierten ist es sozusagen Pflicht, eine „Zerrbrille“ zu tragen und jedes Gewaltgeschehen unrealistisch wahrzunehmen, zu leugnen, zu verschweigen, für gut zu erklären. Unsere Wahrnehmung wird tatsächlich intensiv mit geprägt durch unsere Umgebung. In einem verlogenen Gewaltsystem gestaltet sich die Aufgabe der Wahrheitsfindung, die Suche nach Realitätsnähe und das Ent-zerren der Zerrbilder schwierig bis fast unmöglich.

Auch die Stasi-geprägte DDR ein ein solches System. Hier waren die BürgerInnen gezwungen, nicht wahrzunehmen, was eigentlich ein großer Skandal ist: wenn Nachbarin oder Nachbar „weg waren“. Wer es doch wahrnahm, stand in Gefahr, selbst „weg zu sein“ - und wer will das schon? ÜBER leben geht vor!

Ähnlich ist es im kleinen kriegstraumatisierten Familiensystem mit seiner tabuisierten Gewalt.Wächst ein wahrheitsliebendes Kind nach, das die Gewalt thematisiert, wird es schnell zum Mobbingopfer, „Unterstes in der Hackordnung“. Der Rest „hackt“ mit, verbal und physisch, zum Selbstschutz, um nicht selber in die Opferposition des Systems zu geraten. Die Psychiatrien und Gräber suizidaler Menschen sind voller Opfer solchen Familienmobbings. Wobei es die Familienmitglieder oftmals nicht einmal schlecht MEINTEN. Aber dazu später mehr.

In solch kranken, gewalt- und lügenbasierten Systemen ist Wahrheit bzw. Realitätsnähe logischerweise nicht beliebt und nicht erwünscht, im Gegenteil. Schlimmstenfalls wird der Widerstand des verlogenen Systems so stark, dass es das Leben der wahrheitsliebenden Person kostet. Aber auch schon geringere Formen des Widerstands verlogener Systeme gegen individuelle Wahrheitsliebe sind schmerzlich und verstörend.

Wahrheit ist gesund, Wahrheit ist heilsam

Prinzipiell ist Wahrheit also gesund, sogar heilsam und darum wichtig und gut. Das Problem ist nicht die Wahrheit, sondern die Lüge. Lüge und Wahrheit vertragen sich nicht, ähnlich wie sich in einem Garten oder Park die Kulturpflanzen nicht mit dem Unkraut vertragen. Die Natur bietet einen guten Vergleich mit den zwischenmenschlichen Themen Lüge – Wahrheit.

Ich habe schon mehrfach unkrautüberwucherte Gärten urbar gemacht. Das ist richtig viel Arbeit über lange Zeit. Die Kulturpflanzen sind verkümmert oder verschwunden. Sie müssen gehegt oder nach gepflanzt werden.Es reicht nicht aus, dasUnkraut einfach abzureißen, es hat starke Wurzeln! Die muss ich ausgraben, wenn möglich, oder regelmäßig das Grün ab-hacken,das sie hartnäckig immer wieder austreiben und sie mit Energie versorgt. Ist der Garten gut angelegt, braucht er nicht absolut unkrautfrei zu sein; ein wenig Gras und Giersch oder Brennessel in den Ecken verträgt er durchaus – in Maßen, nicht in Massen!

Auf ähnliche Weise müsste in extrem verlogene Systeme viel Arbeit investiert werden, bis Menschen wieder gut darin leben können – eine echte Herausforderung.

Im Gemüsegarten ziehe ich Möhren, Bohnen, Kartoffeln und Zucchini. Im Blumengarten ziehe ich Tulpen, Dahlien, Astern und Rosen. Im Obstgarten ziehe ich Erdbeeren, Himbeeren, Stachel- und Johannisbeeren. Im Kräutergarten ziehe ich Schnittlauch, Petersilie, Dill und Pfefferminz. Im Möhrenbeet ist eine Kartoffel Unkraut, die kann ich da nicht gebrauchen. In der Brennesselecke ist eine Brennessel Kulturpflanze; in begrenztem Umfang kann ich sie gebrauchen. Überwuchert aber die Brennessel den ganzen Kräuter-, Obst-, Blumen und Gemüsegarten zusammen mit Giersch, Löwenzahn und stachligen fruchtlosen Brombeerranken, muss ich was gegen das Unkraut tun. Sonst habe ich bald weder Gemüse Kräuter noch Blumen noch Obst, logisch.