Das erzähl ich nur Ihnen! - Monika Staemmler - E-Book

Das erzähl ich nur Ihnen! E-Book

Monika Staemmler

5,0

Beschreibung

Ein mitreißendes Buch schafft erzählenden Zugang zu einem Kernthema der Sozialen Arbeit, der Beziehungsarbeit. 15 Fall- und Lebensgeschichten, die die Begeisterung der Autorin für ihr Arbeitsfeld und ihre Kreativität und Methoden nicht nur für unerfahrene, sondern auch für versierte Kolleginnen und Kollegen aus der Sozialen Arbeit anschaulich machen. »Wenn die Beziehung steht, geht fast alles«, das ist die Quintessenz dieses Buches. Dass man die Ressourcen psychisch erkrankter Menschen entdecken soll, steht in jedem Lehrbuch der Sozialen Arbeit, hier aber wird es in 15 Fallgeschichten praktisch und auf unterhaltsame und inspirierende Weise konkret. Man vollzieht nach, wie eine vertrauensvolle Beziehung aufgebaut wird, und wie Offenheit für Begegnung, Intuition, Respekt für andere Lebenswelten und Biografien auch unkonventionelle Ansätze für sozialarbeiterische Interventionen zugänglich machen. Jeder Geschichte schließt sich eine Reflexion an, die das Besondere wie das Herausfordernde der Begegnung beleuchtet und die nachhaltigen Effekte der daraus entstandenen Interventionen resümiert – für beide Seiten, die begleitete Person wie die Sozialarbeiterin.

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Monika Staemmler

Das erzähl ich nur Ihnen!

Die Kunst der Beziehungsarbeit in 15 Geschichten

Für Eike,

Dietrich, Nikolaus

und Janina

Inhalt

Cover

Titel

Widmung

»Man müsste das alles mal aufschreiben!«

Ein fast neidischer Seufzer von Ilse Eichenbrenner

Mein Weg zu den Klienten – und zu diesem Buch

»Jetzt hab ich die Schlüssel!«

Herr Werholz

»Die machen mir alles kaputt«

Frau Gluth

»Das wird nichts mehr mit mir!«

Frau Bleibtreu

»Sie haben mich nie hintergangen!«

Frau Trampeneau

»Haben Sie nicht eine Kollegin, die so ähnlich ist wie Sie?«

Herr Hermann

»Und bitten Sie die gnädige Frau um eine gütige Entscheidung«

Herr Zimmermann

»Lieber Gott, ich brauche morgen 2000Euro!«

Frau Henning

»Ich weiß nicht, wie lange das meine Arme noch tragen können!«

Familie Surikov

»Können Sie mich begleiten, meine Kinder loszulassen?«

Frau Hansen

»Ich möchte so gern noch raus aus meinem dunklen Tunnel, raus ins Licht«

Frau Rosenbaum

»Seien Sie froh, dass Sie Sie sind!«

Herr Schade

»Bitte sehen Sie nach mir«

Frau Wilhelm

»Ich bin eine hysterische Perfektionistin!«

Frau Schumann

»Ach, haben Sie doch ein bisschen Gottvertrauen!«

Frau Giese

»Ich unterscheide die Ärzte und die vom Staat, die nichts tun, und bin unter Umständen bereit, für Sie eine dritte Schublade einzurichten«

Gabriel

Mein aufrichtiger Dank

Glossar

Literatur

Impressum

»Man müsste das alles mal aufschreiben!«

Ein fast neidischer Seufzer von Ilse Eichenbrenner

Jede Sozialarbeiterin, ich wette, hat diesen Stoßseufzer nach einem besonders beeindruckenden Hausbesuch oder Klientenkontakt schon einmal losgelassen. Dann geht man zurück ins Büro und schreibt einen knappen Vermerk für die vorgeschriebene Dokumentation. Wer mutig ist, der erwähnt vielleicht das Mobiliar, den Zustand der Wohnung oder die Müllbeutel im Flur. Die politische Korrektheit siegt meistens und man verzichtet auf Details, die als denunzierend gewertet werden könnten. Dann ist die Berufstätigkeit vorbei, und die Geschichten und Eindrücke verblassen. Hätte ich doch!

Monika Staemmler hat. Sie hat als Sozialarbeiterin im psychiatrischen Feld gearbeitet und vieles aufgeschrieben. Ihre »Kundschaft« ist eigenwillig, originell, kreativ, abweisend und möglicherweise leiden viele von ihnen an einer psychischen Störung. Müssen sie behandelt werden? Nein. Monika Staemmler zeigt, dass es abseits der medizinischen Hauptstraße viele kleine Nebenwege gibt, auf denen Sozialarbeiterinnen und Pflegekräfte ungeheuer wertvoll agieren können. Wer in diesem Bereich gearbeitet hat, wird vor sich hin lächeln und sich an Herrn S. und Frau M. oder wen auch immer erinnern. Ja, so einen hatte ich auch. Lehnen Sie sich zurück, kochen Sie einen Kaffee und lassen Sie die Gedanken schweifen. Personen und Behausungen sind so kunstvoll beschrieben, dass sie vor unseren Augen und in unseren Nasen lebendig werden. Und so beweist Monika Staemmler, dass nicht jede detaillierte Beschreibung herabsetzt. Sie schildert mit höchstem Respekt und deutet ausgesprochen wertschätzend die Eigenarten ihrer Klientel als Copingstrategien.

Die Fallvignetten lesen sich – salopp gesagt – runter wie nichts. Ich habe sie eingesaugt. Die Lektüre wäre viel zu rasch vorbei, wenn nicht auf jede Schilderung der Ereignisse eine ausführliche Reflexion folgen würde, die durch einige Fragen strukturiert wird. Die Autorin kommentiert und hinterfragt das Verhalten der Klienten und sucht nach Erklärungen in deren Lebensgeschichte. Aber auch ihre eigene professionelle Begleitung analysiert sie. Nicht alles ist gelungen, manches bereut sie, über vieles freut sie sich – und man ärgert und freut sich mit ihr. Gerade diese differenzierte Haltung macht uns Lesern die Autorin und damit ihre Geschichtensammlung so sympathisch.

Die Kombination von spannenden Fallvignetten und kluger Reflexion machen das Buch aus meiner Sicht auch zu einem wunderbaren Lehrbuch. Es bereitet Studierende und Auszubildende vieler Berufsgruppen auf die unterschiedlichsten Settings in der ambulant-aufsuchenden Arbeit vor. Denken wir nur an das Hometreatment! Und es vermittelt so ganz nebenbei sozialtherapeutische Haltungen und Methoden.

Vielleicht entdecken Sie noch ganz andere Aspekte. Ich war fasziniert von Dresden als Schauplatz sozialpsychiatrischer Arbeit und von den Ost-Biografien der Klienten. Manches kannte ich so nicht. Doch jetzt geht es los: Ziehen Sie sich bequeme Schuhe an, wenn Sie Monika Staemmler bei ihrem Gang durch die Treppenhäuser über die Schulter schauen.

Mein Weg zu den Klienten – und zu diesem Buch

Wenn ich gefragt werde, was ich arbeite, und antworte, dass ich als Sozialarbeiterin chronisch psychisch kranke Menschen begleite, dann ist die Reaktion meist: »Na, da haben Sie ’s ja auch nicht leicht!« oder »Da haben Sie aber eine schwere Arbeit!«. Ich weiß bis heute nicht genau, was ich darauf anderes sagen soll als »Ich mach das gerne!«. In diesem Buch beschreibe ich nun meine Arbeit etwas ausführlicher und hoffe, dass so auch sichtbar wird, warum ich diese Arbeit gerne tue und wie ich dafür sorge, dass es so bleibt.

Ich verdanke meiner Freundin Patricia Paweletz die Anregung, einige Klientengeschichten aufzuschreiben. In einer Fallsupervision ist sie auf meine Arbeit neugierig geworden. Wir saßen zusammen und überlegten, was ich mit all den Geschichten anfangen könnte. Sie fragte mich, ob ich sie nicht aufschreiben will. Die Idee reizte mich. So schrieb ich jeden Monat eine Geschichte. Für manche brauchte ich länger, weil sie sich manchmal so sperrig anfühlten und ich den Grund für das, was passiert war, tiefer erfassen und begreifen wollte.

Ich schrieb diese Geschichten für Kolleginnen und Kollegen, für Betroffene, Angehörige und Freunde psychisch erkrankter Menschen, die auf Beziehungsarbeit neugierig sind. Sie ist ein sehr wichtiger, vielleicht sogar der wichtigste Bestandteil unserer Arbeit in der Psychiatrie. »Wenn die Beziehung steht, geht fast alles!«, so führte mich meine sehr geschätzte Kollegin Hannelore Kahle in die Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen in meiner ersten Arbeitsstelle als Sozialarbeiterin ein.

Gemeint ist mit diesem Satz, dass unsere Klientinnen und Klienten sich mit uns sicher fühlen müssen. Dahinter steht eine langjährige Erfahrung. Hannelore Kahle gehört für mich mit einigen anderen Kolleginnen zu den mutigen Vorreiterinnen dieses Ansatzes. Sie hatten schon in den ambulanten Strukturen der DDR-Psychiatrie gearbeitet. Hinter vorgehaltener Hand sprach Hannelore Kahle von »paralegalem Handeln« – jenseits der Gesetze und Anordnungen, wenn offizielle Wege versperrt waren. Diese Sozialarbeiterinnen haben in Sachsen gemeinsam mit Ärzten und Schwestern nach der Wende eine neue ambulante Psychiatrie aus der Wiege gehoben. Das war politisches und sozialpsychiatrisches Engagement zugleich. In den alten Bundesländern suchten sie Kontakt zu vergleichbaren Institutionen, insbesondere den Sozialpsychiatrischen Diensten, die im Aufbau ambulanter Strukturen einige Jahre Vorsprung hatten.

In der DDR gab es Ansätze eines anderen Denkens, dokumentiert in den Rodewischer Thesen von 1963, die nach einem internationalen Symposium über psychiatrische Rehabilitation verabschiedet wurden. Auch wenn die herrschenden Bedingungen, die Inkompetenz erstarrter zentralistischer Parteiführung und das Desinteresse der großen psychiatrischen Anstalten ihre flächendeckende Umsetzung verhinderten, setzte doch punktuell ein Reformprozess ein. In der Folge haben einige mutige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter psychisch kranke Menschen auf Augenhöhe gehoben. Das war neu und hatte durch die DDR-Vorgeschichte eine eigene Note: Aus diktatorischen und hierarchischen Strukturen heraus lernten diese engagierten Menschen der eigenen Fachlichkeit und Wahrnehmung zu trauen.

Darüber sind Jahrzehnte ins Land gezogen. Die Erfahrung, dass Beziehungsarbeit mit psychisch erkrankten Menschen nicht mit Geld aufzuwiegen ist, bestätigte sich dabei immer wieder neu. Beziehungsarbeit braucht Zeit, viel Zeit. Es fühlt sich manchmal an, als würde in der Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen eine andere Zeitrechnung gelten. Wer wirklich eine tragfähige Arbeitsbeziehung schaffen will, der muss sich vom heutigen Optimierungswahn verabschieden.

Diese Erfahrung habe ich sehr früh gemacht. Seit 1978 kenne ich einen Mann, der mit 16 Jahren psychisch erkrankte. An seinem Bett in der Nervenklinik wurde Ende der 30er Jahre über lebenswertes oder -unwertes Leben entschieden, über Zwangssterilisierung ja oder nein. Sein Entschluss, zum Militär zu gehen und Medizin zu studieren, rettete ihm rückblickend das Leben. Er entkam nicht nur den NS-Euthanasieaktionen, sondern auf fast wunderbare Weise ebenso der Zwangssterilisation, obwohl sich akute Krisensituationen wiederholten.

Auch in der DDR-Zeit hatte er Krankheitsschübe. Er verweigerte die Medikamente und erlebte, was damals »Zwangsmedikation« bedeutete. Dabei verlor er einen Zahn und ihm wurde ein Arm ausgekugelt. Nach sieben Schüben, so erzählte er mir, entschieden er und seine Frau, die Medikamente abzusetzen. Die vertraute Beziehung bedeutete für ihn Halt und Korrektiv. Er lernte, Symptome früh zu erkennen und ihnen zu begegnen. Gegen die Schlaflosigkeit war es das autogene Training. Mit seinen inneren Stimmen, die auch Namen hatten, war er im Austausch. Außenstehende merkten davon nichts. Vielleicht äußerte er manchmal etwas außergewöhnliche Ansichten. Er war in gutem Kontakt mit seiner Frau, die ihn im Notfall korrigierte. Weitere Klinikaufenthalte gab es nicht.

Dieser alte Bekannte war Facharzt für Bakteriologie und Epidemiologie und Hygienearzt und arbeitete bis zu seiner Pensionierung an einem Institut in der DDR. Die Hygieneärzte waren in der Nazizeit die Ärzte, die sich unter anderem mit der »Rassenhygiene« beschäftigten und an Entscheidungen nach dem »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« beteiligt waren. Er begann noch im »Dritten Reich« mit dem Medizinstudium. Könnte es seine Strategie gewesen sein, sich in die Höhle des Löwen zu begeben, um sich zu retten?

Mir imponierte diese Strategie ungemein, auch wenn sie ohne die sich verändernden Zeitläufte wohl nicht aufgegangen wäre. Jedenfalls trug diese Begegnung dazu bei, während meines Sozialpädagogikstudiums für die Einrichtung eines Studienschwerpunktes für Sozialpsychiatrie einzutreten. Unser Professor Dr.Günter Rexilius, ein Kämpfer für die Enthospitalisierung, führte uns in die Grundbegriffe einer sozialen Psychiatrie ein. Wir waren entflammt.

Warum?

So kurz nach der Wende fühlte sich das noch einmal wie ein Aufbruch aus Unterdrückungsverhältnissen an, aus einer anderen Form von Diktatur, aus medizinischer Dominanz. Gemeinsam mit unserem Professor nahmen wir angehenden Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen 1994 am Weltkongress für Soziale Psychiatrie in Hamburg teil. Wir saugten förmlich auf, was wir dort erfuhren. Wir hörten den Arzt Klaus Dörner und die Psychiatrie-Erfahrene Dorothea Buck, die von dem psychiatrischen Größenwahn in Deutschland sprachen und von der Notwendigkeit, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen. Thomas Bock sprach vom Trialog und von den Psychose-Erfahrungen außerhalb der Psychiatrie. Ich interessierte mich zu der Zeit besonders für das Soteria-Projekt, das von Luc Ciompi vorgestellt wurde. Daneben gab es Theater, gespielt von Betroffenen. Das alles wirkte auf uns wie ein Ermutigungs- und Motivationscocktail.

Eifrig und hoch motiviert beschäftigten wir uns mit der Auflösung der Anstalt in Blankenburg und besuchten alle Enthospitalisierungsprojekte. Wir waren ergriffen von der herrschenden therapeutischen Grundhaltung, vom Umgang mit schwer gestörten Menschen auf Augenhöhe. Was wir erlebten, wirkte so normal und so herrlich kreativ.

Seitdem suche ich nach der Normalität im »Verrückten« und nach dem Sinn des »Verrückten«. Ich frage mich, worin sein Nutzen liegt und ob es Zusammenhänge mit der Lebensgeschichte gibt. In meiner »Mitte« sensibilisiert für die Arbeit mit psychisch kranken Menschen wurde ich von einem Schlüsselerlebnis überrascht.

Ich machte ein Praktikum in einem psychiatrischen Krankenhaus. Meine Mentorin lud mich ein, sie zu einem Hausbesuch zu begleiten. Wir stiegen in den vierten Stock des dritten Hinterhauses. Es war dunkel und verwahrlost. Die elektrischen Leitungen lagen noch auf Putz. An der Decke baumelte eine alte Tellerlampe, unter der eine schwache Glühbirne spärlich Licht spendete. Wir klingelten. Nach geraumer Zeit öffnete eine kräftige Frau mittleren Alters in Strickpullover und Schlüpfern. Sie ließ uns ohne großes Gewese ein. Ihr Mann lag im Bett. Sie kroch zu ihm unter die Decke. Wir standen am Fußende und besprachen unser Anliegen. Alles war unspektakulär und schien ganz normal.

Ich war tief beeindruckt von dem Erlebnis. Von diesem Zeitpunkt an war ich mir sicher: So wollte ich arbeiten. Mit den Menschen, die nach ihrer Fasson leben: frei von Normen und für sie stimmig. Als ehemalige DDR-Bürgerin war Unangepasstheit damals natürlich ein hoher Wert für mich. In der Arbeit hat sich derweil mein Urteil ausdifferenziert und mir ist auch der Wert von Grenzen bewusst.

Zwei Jahre später bekam ich eine Arbeitsstelle im ambulanten sozialpsychiatrischen Bereich, und ich rannte mit meiner Lust auf diese Art Arbeit offene Türen ein. Ich fühlte mich willkommen geheißen im multiprofessionellen Team. Wir waren vier Sozialarbeiterinnen, eine Krankenschwester, eine Psychologin sowie eine Ärztin, die den Dienst leitete. Wenn Hilfesuchende in unseren Dienst kamen, ermittelte die Schwester die Zuständigkeit für das vorgetragene Problem. Meist wurde gleich entschieden, wer die Fallverantwortung übernahm.

Meine Kolleginnen und ich streiften durch unsanierte Wohnviertel und stiegen gelegentlich sogar in Abrisshäusern herum, um unsere Klienten zu besuchen und den Kontakt zu ihnen zu halten. Wir wollten ihnen eine veränderte Psychiatrie vermitteln, die angstfreier war und ihre andersartigen Lebenskonzepte akzeptierte. Die Arbeit im Team gestalteten wir in lebendigen, kollegialen Fallberatungen und Ideenkonferenzen.

Ich erlebte noch den letzten »DDR-Charme« der Wendezeit: verkommene Wohnviertel, in denen das alternative Leben pulsierte und das Leben in einem Trabant über mehrere Jahre möglich war. Ich weiß, wie ofenbeheizte Wohnungen riechen, auch wenn der Ofen kalt ist. Ich kenne Hinterhöfe, wo sich die Hausgemeinschaft zum abendlichen Plausch oder zum Feiern traf, auch Plattenbauwohnungen, die zu einem Sammellager oder einer Werkstatt umfunktioniert wurden.

Jetzt ist eine neue Landschaft entstanden, aber der Kern der sozialpsychiatrischen Arbeit ist geblieben. Die Beziehungsarbeit ist immer noch das Wesentliche. Diagnosen und sozialanwaltliche* Interventionen erwähne ich deshalb auch nur am Rande. Die gibt es natürlich trotzdem in einer entsprechenden Dokumentation, die aber hier keine Rolle spielen soll.

Die Geschichten sind authentisch. Details, die zur Identifizierung führen könnten, habe ich verändert. Alle Namen von Klientinnen und Klienten, Ärztinnen und Ärzten, Betreuerinnen und Betreuern sind anonymisiert, einige der Klientinnen verstorben. Denen, die erreichbar waren, habe ich den Text vorgelesen oder überlassen. Ihre jeweiligen Reaktionen werden mit veröffentlicht.

Jeder Geschichte schließt sich eine Reflexion an. Sie ist durch einige Fragen strukturiert:

Was war das Besondere an der Begegnung?

Zu welchen Interventionen hat mich diese Begegnung angeregt?

Was ist davon heute übrig geblieben?

Welche Herausforderung lag in dieser Begleitung?

Welche Bilder habe ich mitgenommen? Welche Sätze sind geblieben?

Was hat die begleitete Person mir Neues vom Leben gezeigt?

Und, wenn die Person noch greifbar war: Was sagt sie zu meiner Geschichte?

Diese Fragen weisen auf meine Schwerpunkte hin und auf meinen Anspruch, meinen Klientinnen und Klienten wertschätzend zu begegnen. Ich machte mich auf den Weg, ihre Signale zu entschlüsseln. Langsam entwickelte sich ein offeneres Verständnis für ihre Erkrankung. Ich begann schließlich, das Normale in dem Verrückten zu suchen.

Herr Werholz behauptete seinen Anspruch auf einen Platz neben Jehova. Frau Trampeneau prüft genau, wer es ehrlich meint, und kämpfte um ihre Selbstbestimmung. Herr Schade zeigte seine Sehnsucht, ein anderer, freier Mensch zu sein. Familie Surikov suchte vor allem Ruhe. So verdreht sie alle auch erscheinen mögen, so leicht ist doch zu verstehen, dass hier ganz normale Bedürfnisse artikuliert werden.

Trotz aller Bemühungen reichten die Kräfte mancher Klienten nicht aus, um Ängste, qualvolle Zwänge oder diffamierende Stimmen weiter zu ertragen. Sie entschieden sich, aus dem Leben zu gehen. Manchmal ging dieser Entscheidung ein zähes Ringen um das noch Lebenswerte voraus.

Ich erlebte mich zuweilen auch ratlos und hilflos, dem Tod nichts Besseres entgegensetzen zu können. Das war schwer auszuhalten und zeigte mir die Grenzen jeder Bemühung um die Beziehung auf.

Gleichzeitig sind viele Begegnungen mit Klientinnen und Klienten als ein unerschöpflicher Schatz in mir verankert, auf den ich immer wieder zurückgreifen kann. Ich habe viel von meinen Klientinnen und Klienten gelernt. Dafür bin ich sehr dankbar, darum mache ich meine Arbeit immer noch gerne.

Und immer noch bin ich neugierig auf Biografien und soziale Zusammenhänge – und ich hoffe, Sie sind es auch. Meine systemische* Ausbildung hat mich ermutigt, andere Perspektiven einzunehmen, kreative Methoden einzusetzen und unkonventionelle Wege zu gehen. Wenn mein Buch Sie dazu auch ermutigen sollte, hat es seinen Zweck erfüllt.

Übrigens erleichtert ein multiprofessionelles Team ein multiperspektivisches Herantasten an eine Person ganz enorm. Nutzen Sie den Vorteil medizinischer, psychologischer und sozialer Sichtweisen und individueller Begabungen im Team. Es ist eine wunderbare Ressource und oft auch ein Rückhalt für jede Beziehungsarbeit!

*Begriffe werden im Glossar am Ende des Buches erklärt.

»Jetzt hab ich die Schlüssel!«

Herr Werholz

Es war mein allererster Arbeitstag. Meine Kollegin Hannelore Kahle arbeitete mich ein. Wir waren auf dem Weg zum ersten Hausbesuch. Im Auto wurde ich mit einigen notwendigen Informationen versorgt, die Herrn Werholz betrafen: Er sei uns durch das Sozialamt bekannt geworden, weil er aus Altersgründen Rente beantragen müsste. Bis jetzt lebte er von Sozialhilfe. Die Bearbeiterinnen vom Amt meinten, er sei so verwirrt, dass sie sich nicht vorstellen könnten, dass er je gearbeitet hätte. Unser Auftrag war also, mit Herrn Werholz Rente zu beantragen.

Herr Werholz bewohnte in einer Stadtrandsiedlung zwei kleine Zimmer. Die Wohnungstür war mit einer komplizierten »Schließanlage« versehen. Wir klopften an. Schlösser und Verschraubungen wurden geöffnet. Wir stellten uns vor und sagten ihm den Grund unseres Kommens. Wir konnten eintreten.

Hannelore begann Herrn Werholz zu erklären, dass er jetzt das Alter habe, in dem er Rente beantragen müsse, weil das Sozialamt nicht mehr zahle. Er würde zu Ämtern gehen müssen und wir würden ihn begleiten. Er verstand, dass es um Geld ging, das er zum Leben brauchte. Er wiederholte jeden Satz, horchte dann in sich hinein und sagte mit kehliger Stimme wie zu sich selbst: »Ach so ist das! Ach so ist das!« Ob er damit auf den Kommentar seiner inneren Stimmen reagierte oder es einfach seine Angewohnheit war, wussten wir nicht. Wir hatten das Gefühl, ihn zu erreichen.

Da ich die »Assistentin« war, wie er mich später nannte, hörte ich, wie die beiden ins Gespräch kamen, und sah mich ein bisschen im Zimmer um: In der Mitte stand ein relativ großer Holztisch. Wir saßen auf einfachen Eisengartenstühlen mit Holzlatten. Rechts ein brauner Kachelofen, davor eine Zinkwanne mit Wasser. An der Wand hing ein Tauchsieder. Quer durchs Zimmer war eine Leine gespannt, die wohl bei Bedarf als Wäscheleine diente. Neben der Tür befand sich eine einfache Kommode, darauf stand ein Elektrokocher, lindgrün angestrichen. An der mir gegenüberliegenden Wand befand sich ein Holzbett, darauf die blanke Matratze, eine Decke, ein Keilkissen. Über dem Bett hing eine Holztafel mit einem Jehova-Spruch. Den Inhalt erinnere ich nicht mehr. Alles war lindgrün gestrichen.

Herr Werholz berichtete von Schlangen in seinem Körper, die ihn läuterten, damit er einst im Jenseits einen Platz neben Jehova bekäme. Er könne die Schlangen als getrocknete Borke aus seiner Nase ziehen, aber sie würden immer wieder nachwachsen. Radarschall wolle ihn vom rechten Weg abbringen, aber er sei Sonne und Schild und stände mit den himmlischen Heerscharen in Verbindung. Er sei in den Himmel gefahren und in einem zweiten Körper wieder zur Erde gekommen. Seitdem sei er in verschiedenen Personen wiedergeboren worden wie dem Graf von Monte Christo, der Jungfrau Maria, Beethoven oder in den Körpern von Findlingskindern.

Nach einer ganzen Weile fragte Hannelore, ob er denn noch seinen grünen Sozialversicherungsausweis aus der DDR habe. »Nein«, entgegnete er, »meine ganzen Papiere haben sie in Waldheim geklaut!«

Bei dem Wort »Waldheim« wurden wir sehr hellhörig. Das war in der DDR eine berüchtigte Justizvollzugsanstalt gewesen. Nach einer Weile sagte Herr Werholz, dass im neuen System rechts, wo das Recht 111 herrsche, Unrecht gerecht werde. Das klang erst mal positiv, auch wenn ich den Inhalt nicht einordnen konnte.

Für mich blieb zwar ziemlich viel unverständlich, aber für Hannelore schien alles sonnenklar zu sein. Während Herr Werholz von den himmlischen Heerscharen redete, schaute sie ihm ruhig in die Augen, nickte zustimmend und förderte seinen Redefluss durch kleine verständnisvolle Bemerkungen. Plötzlich holte er seinen Sozialversicherungsausweis, obwohl der vor einer Stunde noch »geklaut« gewesen war.

Der Beziehungsaufbau beginnt damit – so lernte ich –, dass der Klient entscheidet, ob er uns in seine Wohnung einlässt. Es geht nicht in erster Linie um das Verstehen psychotischer Inhalte. Die Hauptsache war die Herstellung der emotionalen Augenhöhe.

Hannelore warf einen geübten Blick auf das »wertvolle« Stück und zeigte mit dem Finger auf einen Stempel: »Waldheim«! Später erfuhren wir, dass Herr Werholz dort zehn Jahre inhaftiert gewesen war, weil er als junger Mann Anfang der 50er Jahre den »Wachtturm«, eine Zeitschrift der Zeugen Jehovas, von West- nach Ostberlin geschmuggelt hatte und bei einer Leibesvisitation erwischt worden war.

Hannelore erklärte Herrn Werholz, dass wir ihm mit dem Sozialversicherungsausweis zur Rente und damit zur Existenzsicherung verhelfen konnten: Geld brauche er schließlich, damit er Kohlen kaufen könne, um die Stube zu heizen. Das war der Durchbruch.

Herr Werholz wollte den Ausweis aber nicht zum Kopieren hergeben. Das konnte er nur unter seiner Aufsicht zulassen.

Also verließen wir gemeinsam die Wohnung, um die Kopien herzustellen. Herr Werholz trug einen lindgrünen Anorak, eine weiße gestrickte Damenmütze und hängte sich eine weiße Lackhandtasche um. Er begann, an der Tür mehrere große Schrauben von innen nach außen zu schieben und doppelt mit Muttern zu versehen. Ober- und unterhalb des Türschlosses waren Vorrichtungen für große Vorhängeschlösser angebracht, die Herr Werholz einhängte und verschloss. Als er den großen Schlüsselbund einsteckte, hörte ich, wie er in sich hineinmurmelte: »Es ist wie in Waldheim, nur jetzt hab ich die Schlüssel!«

Als wir dann die Rente beantragen wollten, stellten wir fest, dass Herr Werholz nur seinen alten DDR-Personalausweis hatte. Wir mussten einen neuen beantragen. Herr Werholz bestand darauf, dass eine bestimmte Zahlenkombination für sein Geburtsjahr 1928 mit in den Ausweis gehöre. (13 × 10 + 111) × 8 sei gleich 1928. Das sei die Verschlüsselung für Einigkeit und Recht und Freiheit und ergab sein Geburtsjahr, erklärte er uns. Hier erschien die Zahl 111 noch einmal, das gute Recht, wie wir nun erfuhren. Alles Zureden half nicht, er konnte nicht darauf verzichten. Schließlich solle, so forderte er, auch sein Geburtsort gelöscht werden, und als er bei der Polizei unterschreiben sollte, bestand er darauf, mit seinem Jehova-Namen zu unterschreiben, »Hermann Werholz Jehoschua-Jemen 68«. Schließlich legte der Beamte ihm ein weißes Blatt Papier vor und sagte, er solle darauf Hermann Werholz schreiben. Das hat er dann gemacht – und eine 68 dahinter. Als wir den Ausweis abholten, hatten sie den Namenszug kopiert. Das war sehr einfallsreich von der Polizei. Wir waren ihr dankbar.

Damit war der größte Stolperstein für die Rente überwunden. Der Sozialversicherungsausweis zeigte eine durchgängige Arbeitsbiografie, bis der Stempel von »Waldheim« sichtbar wurde. Dem Rentenantrag wurde zügig stattgegeben. Dieser Erfolg untermauerte die Beziehungsarbeit. Wir hatten alle Versprechen gehalten. Was wir taten, unternahmen wir in seinem Beisein, es war für Herrn Werholz immer transparent. Er konnte die Kontrolle behalten, sein Vertrauen wuchs.

Eine Schwierigkeit blieben allerdings Arztbesuche. Herr Werholz hatte Angst vor jeglichen Untersuchungen. Wir wussten nicht, was er erlebt hatte, aber er hatte immer die Angst, »fortgeschafft« zu werden. Hannelore musste ihm dann in die Hand versprechen, dass wir ihn begleiten und wieder nach Hause bringen. Ich muss gestehen, dass ich sehr beeindruckt war, in welcher Ruhe und Gelassenheit Hannelore die Gespräche führte. Wieder wurde mir deutlich, wie entlastend es ist, den Inhalt der Worte nicht gleich verstehen zu müssen, wie wichtig die emotionale Verbindung ist.

Später, nachdem Herr Werholz uns selbst von seinem Gefängnisaufenthalt berichtet hatte, erzählte Hannelore ihm von dem 1.SED-Unrechtsbereinigungsgesetz. Darin stehe, wer schuldlos im Gefängnis saß, könne eine Rehabilitierung beantragen und eine Entschädigung bekommen. Das interessierte ihn, führte aber zum nächsten Stolperstein: eine Betreuungsanregung durch die Entschädigungsstelle der Generalstaatsanwaltschaft des Freistaates Sachsens. Die Begründung war, es gebe keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür, dass Herr Werholz seine Vermögensangelegenheiten selbst regeln könne. Das irritierte Herrn Werholz. Er sagte: »Der Vater vom Staatsanwalt schleicht ums Haus und will das Geld holen und verteilen.« Unsere Ärztin und Hannelore begleiteten ihn zur Anhörung ins Gericht. Das gesamte Team stand an diesem Tag unter Spannung.

Die Anhörung fand im Zimmer 111 statt. Das erschien uns im Nachhinein wie ein Zeichen, denn die 111 war für Herrn Werholz ja die Zahl für das gute Recht. Jedenfalls war er ganz entspannt. Als er begründen sollte, warum er die Betreuung ablehne, sagte er: »Das ist ja keine Million!«, also auf gut Deutsch: Das ist doch überschaubar, was ich da bekomme. Und dann meinte er mit völliger Selbstverständlichkeit: »Wenn ich ’ne Frage hab, hab ich meine Fürsorgerin, die passt auf!«

Unsere Ärztin teilte diese Einschätzung und legte sie im Gutachten sehr nachvollziehbar und detailliert für den Richter dar. Als Beweis führte sie sein Kassenbuch an, in dem Herr Werholz Einnahmen und Ausgaben bis auf zwei Stellen nach dem Komma aufgeschrieben hatte. Das Betreuungsverfahren wurde eingestellt. Wir haben das im Team gefeiert!

Beziehungsarbeit als Teil des sozialanwaltlichen* Handelns beinhaltet, dem Klienten Anträge verständlich zu machen und Punkt für Punkt mit ihm durchzugehen. Genauso haben wir es bei Herrn Werholz mit dem Antrag auf den Personalausweis, die Rente und die Entschädigung und Rehabilitierung nach dem 1. SED-Unrechtsbereinigungsgesetz gemacht. Auf die Entschädigung hatte Herr Werholz Anspruch, weil er zu Unrecht inhaftiert gewesen war. Unsere Aufgabe war es, das zu erkennen. Von allein wissen die meisten Klienten kaum, was ihnen zusteht. Oder was mit dem, was ihnen zusteht, möglich ist.

Herr Werholz hatte jetzt eine ordentliche Summe auf seinem Konto und er hatte Träume. Sein sehnlichster Wunsch war eine weiße Ledercouch. Das war eine unvergessliche Aktion. Er lebte plötzlich auf, so als wäre er mit dieser Couch gesund geworden. Als dann noch Edelstahltöpfe auf dem blank gescheuerten Tisch standen, schien alles in Ordnung. Herr Werholz brauchte uns eigentlich nicht mehr, er kam aber immer in unser Freitagscafé, ein niedrigschwelliges Angebot unserer Dienststelle.

An einem Freitag kam er nicht. Auch zum nächsten Termin erschien er nicht. Wir fuhren hin. Die Wohnungstür war verschlossen. Wir fragten die Nachbarn. Die kannten uns schon, hatten unsere Telefonnummer für den Notfall und waren uns gewogen. Sie erzählten, dass jemand gestürzt und von einem Helikopter abgeholt worden sei. Wir riefen die Rettungsleitstelle und alle Krankenhäuser an, ohne Erfolg. Herr Werholz war wie vom Erdboden verschluckt. Da er manchmal auch über Wochen mit seinem Fahrrad in ganz Deutschland unterwegs gewesen war, hatten wir Hemmungen, die Wohnung öffnen zu lassen. Seine Lebensgeschichte verbot uns das. Nach ausführlichen Beratungen im Team entschieden wir uns schließlich doch dafür.

Hannelore war dabei und die Männer von der Feuerwehr. Sie fanden Herrn Werholz auf seiner weißen Ledercouch. Er war verstorben, friedlich, im Schlaf.

Mit dieser unerwarteten Nachricht mussten wir erst einmal fertig werden. Wir hatten uns so für ihn eingesetzt und nun hatte er seine Erfolge gar nicht so lange genießen können. Wir hatten gefeiert und nun mussten wir trauern. Beides innerhalb eines halben Jahres. Wir brauchten einen Abschluss.

Herr Werholz hatte keine Angehörigen. Hannelore und ich kümmerten uns um seine Bestattung. Wir gingen zur Nachlassstelle. Die Sachbearbeiterin fragte, ob Herr Werholz ein Testament hinterlassen habe. Nein, sagte Hannelore, ein schriftliches Testament habe er nicht hinterlassen, aber sie habe gehört, dass er im Café mit den anderen darüber gesprochen habe, dass er sich, wenn er mal sterbe, einen weißen Sarg, einen Marmorgrabstein und ein großes Blumengebinde wünsche. Weiß bedeute die Unschuld, und die sei nun erwiesen. Die Sachbearbeiterin nahm alles zu Protokoll.

Ich war beeindruckt von Hannelores Weitsicht. Der endgültige Unschuldsbeweis sollte öffentlich auf dem Friedhof mit einem weißen Grabstein aufgestellt werden. Im gleichen Sinne der weiße Sarg. Sozialanwaltliches Handeln hatte Hannelore als Aufgabe bis zum Tod definiert. Sie wusste, dass Herr Werholz sein Entschädigungsgeld in dieser kurzen Zeit nicht ausgegeben hatte und seine Wünsche erfüllt werden konnten.

Und so war es. Der Tag der Beerdigung war ein schöner Sommertag. Wir beiden Sozialarbeiterinnen waren die sogenannte Trauergemeinde, die gemeinsam mit dem Pfarrer hinter dem weißen Sarg hergingen. Wir trugen ein großes Blumenbouquet und konnten an dieses bemerkenswerte Leben denken und uns von diesem bemerkenswerten Menschen verabschieden.

Was war das Besondere an der Begegnung?

Diese Begegnung war für mich in zweierlei Hinsicht bedeutsam: Einmal bewegte mich die Geschichte von Herrn Werholz und dann die Möglichkeit, eine erfahrene Sozialarbeiterin zu begleiten und von ihr zu lernen. Es war für mich ein Sprung mitten ins Herz der Sozialpsychiatrie. Und dann war Herr Werholz sowohl für Hannelore wie für mich ein Mensch, der seine Würde und seine Werte trotz der furchtbaren Erfahrungen in Waldheim bewahrt hatte. Dreißig Jahre hatte er von Sozialhilfe gelebt, ohne sich zu verschulden. Das nötigte uns Hochachtung und Respekt ab.

Wir wollten ihm Gerechtigkeit verschaffen. Da hatte ich in Hannelore Kahle ein unerschrockenes Vorbild. Das wollte ich von ihr lernen. Herr Werholz sollte seinen Frieden bekommen und seinen Platz neben Jehova. Wobei wir nie an seinen Tod dachten. Es entstand so ein Bedürfnis, ihm Wünsche zu erfüllen. Nichts erschien unmöglich: eine neue Wohnung, eine Reise nach Kanada, ins Land der großen Freiheit, wohin er so gern wollte. Warum auch nicht? Schließlich war er doch schon mit seinem alten Fahrrad durch ganz Deutschland gefahren.