Das Fallen der Blätter - Julia Rösner - E-Book

Das Fallen der Blätter E-Book

Julia Rösner

0,0
2,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Zwei Schwestern. Zwei Leben. Nach der gemeinsamen glücklichen Kindheit haben sich die Wege von Elisabeth und Dagmar getrennt. Die eine ist in der Welt herumgekommen und beruflich erfolgreich, die andere lebt noch immer im Elternhaus, in welchem sie auch die Mutter bis zu deren Tod gepflegt hat. Als ein schlimmer Unfall Dagmar aus ihrem beschaulichen Leben reißt, macht sich Elisabeth nach langer Abwesenheit auf den Weg zurück zu ihrer Schwester und in das Haus ihrer Kindheit. Bald zeigt sich, dass für beide die Zeit gekommen ist, ihr Leben offen und ehrlich anzuschauen, Abschiede hinzunehmen und neuen Dingen Raum zu geben.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Julia Rösner

Das Fallen der Blätter

Roman

Impressum:Julia RösnerHeimgartenstr. 1382362 Weilheim

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Copyright © 2020 Julia RösnerHerstellung und Verlagtolino media GmbH und Co. KG

Umschlagbild, Umschlaggestaltung und Satz: Robert RösnerLektorat: Thomas Montag

ISBN: 9783752118186

Für die vielen lieben Menschen im Münchner Förderzentrum,

von denen ich so viel lernen durfte

Julia Rösner (Jahrgang 1983) schreibt seit ihrem elften Lebensjahr Gedichte, Kurzgeschichten und Romane. Von ihr behandelte Themen wie der Umgang mit Verlust und Lebenskrisen, sowie ethischen und spirituellen Fragen fügen sich harmonisch ein in Geschichten über Liebe, Familie und Freundschaft. Sie ist als Magisterpädagogin in der Beratung für Menschen mit Behinderung tätig und lebt mit ihrem Ehemann und ihrem Kater südlich von München.

Fallende Blätter,

ein Erstrahlen

des Vergehens.

Mit bunten Farben

lockt uns die Natur,

um teilzuhaben

am letzten Tanz,

am Schauspiel der Vergänglichkeit.

Tanze mit,

meine Seele!

Lächelnd und frei

im bunten Kleid -

deiner Wandlung entgegen.

Kapitel eins

Die Weinblätter leuchteten in den herrlichsten Farben von goldgelb über orange bis hin zu einem zarten Rot. Und dann gab es auch Stellen, an denen das Grün des Sommers noch nicht gänzlich verschwunden war und weiter strahlte wie eine Erinnerung an heiße Tage. Die Pflanzen rankten und reckten sich entlang der Hauswand, rund herum um das Fenster und die Eingangstür, die sich gleich daneben befand. Sie bildeten einen bunten Rahmen wie einen wunderbar herzlichen Willkommensgruß, so, wie sie es immer schon getan hatten im Herbst.

Elisabeth stand davor und hatte einen Kloß im Hals. Wie lange war sie nicht mehr hier gewesen? Drei Jahre? Eine halbe Ewigkeit. Von drinnen konnte sie Musik hören, die durch das schräg gestellte Fenster drang. Dahinter befand sich die Küche und silhouettenhaft konnte sie jemanden auf- und abgehen sehen. Doch auf einmal hielt die Person in ihren Bewegungen inne. Sie schien Elisabeth erblickt zu haben, denn im nächsten Moment wurde die Haustür geöffnet und eine junge Frau Anfang zwanzig lächelte sie an.

„Oh, hallo, ich bin Sabine“, stellte sie sich vor. Sie hatte braune Haare, die sie nach oben hochgesteckt trug. Elisabeth grüßte zurück, stellte sich vor und fügte zögerlich hinzu: „Hatten wir telefoniert?“

Die junge Frau jedoch schüttelte den Kopf und berichtigte: „Nein, das war meine Chefin.“

Aus dem Inneren des Hauses war ein Poltern zu vernehmen, was sie veranlasste, leicht ihre Augen zu verdrehen und die Tür vollständig zu öffnen. „Es ist gut, dass Sie da sind“, raunte sie, als Elisabeth an ihr vorbeiging. Der Eingangsbereich roch urtümlich nach altem Holz und Weihrauch, und Elisabeth hatte sich immer schon gefragt, woher genau dieser sakrale Geruch herrührte. War es das Alter des Hauses oder seine Lage? Stieg er von den alten Dielenböden auf? Beim Eintreten bemerkte sie, dass das Holz des Bodens Pflege gebrauchen konnte, denn stellenweise waren Streifen darauf zu erkennen. Sabine ging mit schnellen Schritten voran über den Flur in Richtung Wohnzimmer, von wo das Poltern augenscheinlich gekommen war. Elisabeth folgte ihr langsam. Der Gang war nicht sehr hell, und seine Wände hingen voller Bilder der unterschiedlichsten Maler, die Elisabeths Mutter noch gekauft hatte. Offenbar hatte Dagmar sie alle hängen lassen, auch wenn sie zum Teil recht kitschig waren. Das Bild direkt neben Elisabeths Kopf zeigte beispielsweise ein Mädchen, das durch einen Wald aus Fichten und anderen Nadelhölzern ging. Eine Schar verschiedener Tiere wie Füchse, Hasen und Vögel folgten ihm friedlich. Elisabeth wusste beim besten Willen nicht, was das für eine Szene sein sollte. Etwa aus einem Märchen? Sie schüttelte mit einem leisen Lachen den Kopf. Offenbar mochte ihre Schwester Dagmar solchen Kitsch ebenso, wie es ihre Mutter getan hatte. Davon zeugten auch diverse Figuren und Vasen mit Tiermotiven, welche auf der Kommode neben der Wohnzimmertür standen. Aus dem Zimmer waren gedämpfte Stimmen zu hören, doch Elisabeth konnte nur wenig verstehen.

„Ich mache das schon, Frau Gothe…“. Das war Sabine gewesen. Dagmars Stimme klang in Elisabeths Ohren rau und irgendwie seltsam. So lange hatte sie sie nicht mehr in natura gehört, zuletzt als sie ihr in der Klinik gesagt hatte, sie könne gehen… Vor beinahe acht Wochen also. Seitdem hatten sie nur sporadisch telefoniert und kurze Gespräche geführt, in denen Dagmar immer nur gesagt hatte, es wäre alles in Ordnung.

„Jaja, das machen Sie alles“, erwiderte sie nun harsch, schob dann aber leise hinterher: „Danke.“

Elisabeth spähte durch den Türspalt und sah, wie Sabine ein paar Bücher vom Boden aufhob. Sie erwiderte kurz Elisabeths Blick, dann blickte sie in die Richtung, in der Dagmar sich befinden musste. Ein Husten war von dort zu hören.

„Frau Gothe, da ist jemand zu Besuch gekommen“, sagte Sabine und schien auf eine Reaktion zu warten. Die kam auch prompt.

„Muss das sein?“, raunzte Dagmar ziemlich unfreundlich. So mürrisch kannte Elisabeth ihre Schwester nicht, aber andererseits konnte sie auch nicht behaupten, sie besonders gut zu kennen. Zumindest nicht mehr. Das war lange her…

Elisabeth machte einen weiteren Schritt nach vorne in Richtung der Wohnzimmertür. Nahe an der Wand befand sie sich nun, und so übersah sie die blaue Bodenvase, gegen die ihr Fuß trat, und die sie nur mit viel Glück davon abhalten konnte zu fallen. Ein durchdringendes Scheppern konnte sie jedoch nicht verhindern.

„Wer ist da?“, rief es von innen. Es half nichts: jetzt konnte Elisabeth sich nicht mehr verstecken. Sie drückte die Tür weiter auf und stand im Wohnzimmer, ihrer Schwester gegenüber. Die Sekunden tickten zwischen ihnen hinweg. Endlose Sekunden.

Der Anruf war so überraschend gekommen für Elisabeth, dass sie sich nun gar nicht mehr an alles erinnern konnte. Aber sie hatte noch genau diese Stimme im Ohr, die sie noch nie zuvor gehört hatte und die ihr ruhig erklärte, woher sie Elisabeths Nummer hatte. In ihrem Kopf hatte sich alles gedreht von der Flasche Wein, die sie gerade zuvor alleine geleert hatte. Sie, die eigentlich gar keinen Alkohol vertrug und noch nie gerne getrunken hatte. Bis zu diesen verhängnisvollen Monaten, in denen ihr eigenes Leben komplett durcheinander geraten war…

Und dann dieser Anruf. Draußen vor ihrem Fenster hatten zwei Tauben unaufhörlich gegurrt und waren aufgeregt auf und ab geflattert wie eine Untermalung für den nächsten Satz der Anruferin: ‚Es geht um Ihre Schwester.‘

Dagmar war blond wie Elisabeth selbst, aber in ihrer langen Haarpracht erschienen noch nicht ganz so viele graue Strähnen wie in der ihrer Schwester. Jetzt trug sie sie mit einem grünen Tuch nach oben gebunden, dazu eine rote Bluse und dunkelbraune Jeans. Farbenfroh, das war ihre Erscheinung schon immer gewesen. So farbenfroh, wie die Weinblätter draußen am Eingang.

Elisabeth wusste später nicht mehr, wer von ihnen die erste Bewegung gemacht hatte, aber deutlich erinnerte sie sich an Dagmars Hände, die auf metallenen Reifen lagen. Sie klammerten sich förmlich fest an diesen Reifen, die dazu dienten, ihren Rollstuhl fortzubewegen. Ihre rechte Hand war eingespannt in einer Art Schiene, die den kleinen Finger und den Zeigefinger streckte. Und Elisabeth erinnerte sich später daran, dass Sabine sich irgendwann räusperte und mit den Worten „ich lasse Sie mal alleine“ den Raum verließ.

Da standen sie nun, nach all der Zeit. Beziehungsweise Elisabeth stand und Dagmar saß in diesem Rollstuhl und schaute zu ihr hoch. Ihre Beine wirkten schief und irgendwie steif. Irgendwie nicht richtig. Es sah schrecklich aus.

„Hallo Dagmar“, schaffte Elisabeth nach einer gefühlten Ewigkeit zu sagen. Die Pause, die darauf folgte, war unerträglich. Warum sagte ihre Schwester nichts? Warum starrte sie sie nur so an? Dabei war es eigentlich Elisabeth, die hätte starren müssen, denn auch wenn sie nach dem Anruf des Pflegedienstes eine Vorstellung von Dagmars Zustand gehabt hatte, so war es doch ein Schock, sie nun so zu sehen. Ihre kleine Schwester.

„Die vom Pflegedienst haben mich angerufen“, fuhr Elisabeth fort, um die Stille zu unterbrechen. Dagmar blickte sie weiter an, dann schluckte sie schließlich und drehte sich mit dem Rollstuhl zur Seite.

„Mit dir habe ich jetzt nicht gerechnet“, sagte sie so leise, dass es kaum verständlich war. Ihren Blick hielt sie auf das Fenster gerichtet. Vom Gang her, wohl aus der Küche, waren klappernde Geräusche zu hören. Offenbar hantierte Sabine mit Geschirr oder etwas Ähnlichem. Elisabeth zog ihren Mantel aus, hängte ihn über die Sessellehne und trat neben Dagmar. Vom Wohnzimmerfenster aus konnte man in den Garten schauen, hinter dem sich eine Wiese erstreckte. Die Buchen und Ahornbäume dort trugen gelbe und braune Blätterkleider, die schon reichlich dünn geworden waren und aus denen immer wieder Blätter hinunter segelten wie bunte Regenschauer. Sie tanzten im goldenen Schein der Nachmittagssonne und sammelten sich auf dem moosbedeckten Boden. Buntes vergehendes Leben.

Erneut klapperte es von der Küche her, und dieses Mal klang es nach Töpfen, fast so, als würde Sabine etwas kochen.

„Sie ist nett“, stellte Elisabeth mit einer Geste in Richtung Küche fest, eigentlich nur, um irgendetwas zu sagen. Dagmar jedoch erwiderte nichts, und sie bewegte auch ihren Blick nicht weg vom Fenster. So weit weg schien sie zu sein mit ihren Gedanken, doch gerade, als Elisabeth weitersprechen wollte, erhob sie ihre Stimme: „Warum bist du gekommen?“

Auch wenn Elisabeth mit dieser Frage gerechnet hatte, fühlte sie sich dennoch von ihr überrumpelt. Oder war es Dagmars Anblick, der ihr diesen Stich erneut versetzt hatte? Der Rollstuhl und ihre schiefen Beine, die so falsch aussahen? Dachte ihre Schwester wirklich, das würde sie kaltlassen? Elisabeth hätte sie am liebsten geschüttelt!

„Oh, Dagmar!“, rief sie aus und konnte einen Blick auf den Rollstuhl nicht unterdrücken. „Wie könnte ich denn nicht kommen?“

Sie hob ihre Arme wie zu einer Umarmung, ließ sie jedoch gleich wieder sinken. Der Blick ihrer Schwester wirkte verwundert, fast abweisend, so als wäre ihr Elisabeths emotionaler Ausbruch peinlich. Wieder klang ihre Stimme harsch und rau, als sie erwiderte: „Du hast dich ja auch nicht oft herbemüht, als Mutter krank war!“

Elisabeth konnte ein genervtes Schnaufen nicht unterdrücken. Das war nicht fair, dass Dagmar jetzt wieder damit anfing! Sie hatte ja keine Ahnung, wie es in Elisabeths Leben aussah und auch vor vier Jahren ausgesehen hatte, als die Mutter krank gewesen war. So oft es ihr möglich gewesen war, hatte sie versucht zu kommen. Sie hatte sich so viel Zeit aus den Rippen geschnitten, wie es ihr Job und ihr Leben zugelassen hatten. Aber für Dagmar war das einfach nicht genug. Elisabeth versuchte, ihren Ärger hinunterzuschlucken. Sie wollte jetzt nicht mit ihrer Schwester streiten. Mit einem Seufzen ließ sie sich in den Sessel sinken, was Dagmar mit einem höhnischen Grinsen quittierte. Oder war es verbittert?

„Ja, setz dich. Ich sitze schon.“ Und leise raunte sie noch hinterher: „Wenn auch nicht bequem.“ Sie rückte in dem Rollstuhl etwas hin und her, schien jedoch keine gute Position finden zu können. Hatte sie Schmerzen?

„Ich hatte gehofft, wir könnten reden“, sagte Elisabeth leise und bemühte sich, es versöhnlich klingen zu lassen, doch die erhoffte Reaktion blieb aus. Dagmar starrte nur weiter aus dem Fenster. Was dachte sie? Was fühlte sie? Es war so lange her, dass Elisabeth aus den Zügen ihrer Schwester hatte lesen können, was in ihr vorging.

Und auf einmal fühlte Elisabeth sich zurückversetzt in die Klinik, wo ihr eine Ärztin erklärt hatte, wie schlimm Dagmar bei dem Autounfall verletzt worden war. Bis auf den Verband um ihren Kopf hatte sie völlig normal ausgesehen…Nie hätte Elisabeth sich vorstellen können, dass sie nicht wieder ganz gesund werden würde. Dagmar straffte jetzt ihren Oberkörper und atmete hörbar aus.

„Wie geht es Johannes?“, fragte sie in einem trockenen Ton, der Elisabeth signalisierte, dass herzlich wenig Interesse an der Antwort bestand. Dagmar hatte den Ehemann ihrer Schwester noch nie gemocht. Warum genau, hatte sie nie gesagt…er war ihr wohl zu eingebildet, so fern ihrer Lebenswirklichkeit. Aber was konnte er dafür, dass sie nie herausgekommen war aus ihrer kleinen Welt! Elisabeth spürte erneut Wut in sich aufsteigen, aber sie zwang sich, ruhig zu atmen. Sie antwortete mit einem knappen „Gut“ und beließ es dabei. Und so saßen die beiden Frauen eine ganze Weile schweigend nebeneinander, bis die Schritte der Krankenschwester auf dem Gang zu hören waren. Zurückhaltend steckte Sabine den Kopf zur Tür hinein und sagte: „Das Abendessen ist fertig, Frau Gothe.“

Ruckartig wendete die Angesprochene den Rollstuhl um 180 Grad und schob ihn wortlos in Richtung Tür, als wäre sie froh über die Beendigung der Schweigeszene mit ihrer Schwester. Als Dagmar an ihr vorbei rollte fiel Elisabeth auf, dass auch ihre Finger unnatürlich verkrampft waren, wie sie die Reifen des Rollstuhls bewegten. Woher kam das? Dagmar hatte doch laut der Ärztin in der Klinik nur eine Kopfverletzung erlitten. Wieso war sie jetzt körperlich so eingeschränkt und wie lange würde das noch so bleiben? Der Rollstuhl jedenfalls sah nicht so aus, als hätte er noch eine lange Lebensdauer vor sich. Das Metall daran glänzte nicht mehr, sondern war stumpf geworden. Die Schiebegriffe waren abgenutzt, und auch das Gummi der Reifen war dreckig und von langer Nutzung gezeichnet. Es sah mühsam aus, wie Dagmar ihn vorwärtsbewegte.

Langsam erhob Elisabeth sich aus dem Sessel, nahm ihren Mantel und folgte ihrer Schwester auf den Gang in Richtung Küche. Wieder vorbei an den Figuren, Vasen und Bildern. An der Küche angekommen, schlüpfte sie in ihren Mantel und knöpfte ihn zu. Sabine, die in der Tür stand, schaute sie verwundert an.

„Essen Sie nicht mit?“, fragte sie, aber Elisabeth schüttelte nur den Kopf. Im Vorbeigehen sah sie, dass der Tisch in der Küche für drei Personen gedeckt war. Dagmar hatte ihren Rollstuhl an eine der Tischseiten geschoben, nicht ohne mehrfach gegen die Tischbeine gefahren zu sein. Ihren Blick hielt sie vom Gang abgewandt und fixierte stur die Töpfe, die auf dem Tisch vor ihr standen. Elisabeth zögerte. Ihr Magen krampfte sich bei dem Anblick zusammen, und niemals hätte sie jetzt einen Bissen hinuntergebracht.

„Tschüs, Dagmar“, rang sie sich durch zu sagen, bekam jedoch keine Antwort. Sabine zuckte nur hilflos mit den Schultern, und als Elisabeth die Klinke der Haustür hinunterdrückte flüsterte sie: „Kommen Sie wieder?“

Elisabeth schaffte nicht mehr als ein Nicken. Ohne sich von der netten Pflegerin angemessen verabschiedet zu haben, stolperte sie aus der Tür, über den kleinen, matschigen Weg davor bis zu ihrem Auto an der Straße, wo sie, sobald sie die Tür geschlossen hatte, in Tränen ausbrach. Bittere Tränen.

Kapitel zwei

Ruhig lag der See inmitten der bunten Bäume, die an seinem Ufer ringsherum wuchsen. Ruhig, grau und einsam. Im Sommer kamen hier einige Leute her, um zu baden, aber im Herbst waren allenfalls ein paar Menschen mit ihren Hunden unterwegs. Jetzt jedoch war bis auf das Zwitschern einzelner Vögel und das Rauschen des Windes in den Bäumen nichts zu vernehmen.

Eine ganze Weile schon stand Elisabeth regungslos am Ufer. Sie spürte die Feuchtigkeit des Grases durch den dünnen Stoff ihrer Schuhe ziehen. Nasses Laub um sie herum roch intensiv, und diese Wahrnehmung versetzte sie sanft zurück in frühere Tage. In Tage ihrer Jugend, in denen sie mit Genuss durch die Haufen bunten Laubes gelaufen war an diesem Ort.

Von allen Dingen, die sie hier in ihrer Heimat erwartet hatten, hatte sie sich am meisten nach diesem See im Wald gesehnt, mehr noch als nach der Begegnung mit Dagmar. Zumindest mit Dagmar, so wie sie jetzt war. Wo waren sie hin, die Kinder, die sie einst gewesen waren? Viele Stunden und Tage hatte Elisabeth hier damals verbracht, vor allem mit ihrer Schwester zusammen. Hier hatten sie schon geplanscht als Elisabeth vielleicht acht oder neun gewesen war. Anfangs war ihre Mutter noch immer dabei gewesen, aber als die sich sicher gewesen war, dass ihre Mädchen gut genug schwimmen konnten, hatte sie sie auch alleine hierherkommen lassen.

‚Aber passt aufeinander auf!‘, hatte sie ihnen immer hinterhergerufen, und die Mädchen hatten es versprochen. Jedes Mal. Da sie zwei Jahre älter war als Dagmar, hatte Elisabeth immer eine besondere Verantwortung verspürt. Wann hatte sich das geändert? Spätestens, als sie selbst auf die Uni gegangen war, während Dagmar im Ort eine Ausbildung als Erzieherin angefangen hatte. Für Elisabeth hatte sich dieser Schritt hinaus aus dem Elternhaus wie ein neues Leben angefühlt. Nicht, dass ihr bisheriges Leben schlecht gewesen wäre, aber im Laufe der Jahre hatte sie sich immer eingeengter gefühlt. Die immer gleiche Umgebung, dieser Ort, in dem nie etwas passierte und in dem man keine neuen Menschen kennenlernen konnte.

‚Warum können wir nicht einmal in den Urlaub fahren? Nach Frankreich, oder so?‘, hatte sie wieder und wieder gebettelt. ‚Ach Lissi, wir haben es doch hier so schön“, war die ewig gleiche Antwort ihrer Eltern gewesen. Elisabeth hatte es in die große Welt hinausgezogen mit all ihren Facetten und Möglichkeiten. Auf Verständnis, auch das ihrer Schwester, hatte sie vergeblich gehofft. Ihre Eltern hatten wochenlang auf sie eingeredet, weshalb sie partout in die ferne große Stadt ziehen wolle, wo sie genauso gut in der Nähe des Elternhauses studieren konnte. Dann hätte sie auch zu Hause wohnen können, und nicht in einer Studenten-WG. Dass es genau das war, was ihre Tochter nicht wollte, konnten sie einfach nicht verstehen.

Irgendwann, nach langen Wochen des Konflikts, hatten sie dennoch nachgegeben, vielleicht weil sie gehofft hatten, ihre älteste Tochter würde nach dieser Phase, wie sie es nannten, wieder zurückkehren in den Schoß der Heimat. Ihre entsetzten Gesichter hatte Elisabeth noch heute deutlich vor Augen, nachdem sie ihnen später mitgeteilt hatte, sie wolle sich nach dem Studium in der Stadt eine eigene Wohnung kaufen. Übermütig war sie gewesen damals, und heute musste sie selbst den Kopf darüber schütteln. Aber zu dieser Zeit wäre alles andere keine Option für sie gewesen. Sie wollte ihre Hälfte des Elternhauses, die sie irgendwann erben würde, nicht behalten! Sie wollte etwas Neues und Eigenes für sich alleine! Monatelang hatte sich der Streit zwischen ihr und ihren Eltern hingezogen. Und Dagmar? Die hatte stets den elterlichen Argumenten beigepflichtet. Wie Elisabeth die Familie so im Stich lassen könne, und ob ihr an dem Haus und der Heimat denn gar nichts läge. Und dass sie undankbar sei, indem sie sich so von der Familie abwandte. Dass die Eltern irgendwann, wohl um des Familienfriedens willen, auch hier eingelenkt und Elisabeth ihr Erbe peu à peu ausgezahlt hatten, war bei Dagmar auf reine Ablehnung gestoßen. Dabei hätte sie eigentlich auch froh sein können, das Haus irgendwann alleine zu erben, dachte Elisabeth nun. Dagmar hatte ihr Leben lang nie woanders gewohnt. Sie war eben die brave Tochter, Elisabeth die trotzige. Was ihre Eltern und ihre Schwester nicht wussten war, dass Elisabeth all diese Vorwürfe und Auseinandersetzungen mehr zu Herzen gingen, als sie je zugegeben hätte. Kein Wunder, dass sie seit diesen unruhigen Zeiten immer mit Hemmungen und Gewissensbissen zu kämpfen gehabt hatte, wenn sie ihre Familie besucht hatte.

Elisabeth schreckte aus ihren Gedanken hoch, weil ein Eichhörnchen direkt an ihr vorbeihuschte, so flink, dass es ein paar der trockenen Blätter am Boden aufwirbelte. Trotz seiner Eile konnte sie erkennen, dass es eine Eichel im Maul trug. Blitzschnell hüpfte es hin und her, blieb dann am Boden sitzen, um mit den Krallen zu graben und den wertvollen Fund zu verbuddeln. Und obwohl das eine so einfache Szene war, fühlte Elisabeth sich von ihr tief gerührt, und sie genoss es, dem kleinen flauschigen Tier weiter bei seinen Wintervorbereitungen zuzusehen.

Auf einmal kam ihr ein Erlebnis in den Sinn, das schon so lange her war, dass sie sich über die Erinnerung sehr wunderte: wie jedes Jahr im Herbst hatten Dagmar und sie Kastanien, Eicheln, Haselnüsse und Bucheckern im Wald gesammelt. Meist bastelten sie zu Hause dann damit Figuren oder Schmuck. Aber an diesem Tag vor so vielen Jahren hatten sie viel mehr gesammelt als sonst und hatten beide zwei große Tüten voller Waldfrüchte mit sich herumgeschleppt, bis sie irgendwann keine Lust mehr gehabt hatten. Und in einem Schub kindlicher Eingebung hatten sie die Tüten schließlich unter einem Baum ausgeleert, sodass ein riesiger Haufen entstanden war. Ohne sich weiter darum zu kümmern, hatten sie weiter in den umliegenden Bäumen gespielt und sich dann auf der weichen Moosdecke ausgeruht. Und auf einmal war ihnen aufgefallen, dass ein Eichhörnchen um sie herumsprang, zu dem Haufen eilte, sich eine Nuss oder Eichel schnappte und damit weghuschte, und das immer wieder. Aus einem wurden fünf Eichhörnchen, die sich mit Eifer über die unbeabsichtigte Gabe hergemacht hatten. Was hatten sie und ihre Schwester für eine Freude an diesem Schauspiel gehabt!

Unwillkürlich suchte Elisabeth mit ihrem Blick den Boden ab, denn zu gerne hätte sie nun eine Kastanie gefunden zwischen all den Blättern. Aber mehr als ein paar verschrumpelte Eicheln entdeckte sie nicht. Sie bückte sich danach, sammelte sie auf, um sie dann einer plötzlichen Laune folgend, mit Schwung in den See zu werfen, wo sie mit leisem Platschen die Wasseroberfläche durchbrachen. Die zuvor ruhige Oberfläche zitterte noch eine ganze Weile nach und Elisabeth war fasziniert, welche Wirkung solch kleine Objekte wie Eicheln haben konnten. Gerade als sie sich erneut bücken wollte, um dieses Mal ein paar Steine zum Werfen aufzulesen, bemerkte sie, dass jemand den Weg durch den Wald entlangkam. Es war Sabine.

„Oh, hallo!“, rief sie, genau wie bei ihrer ersten Begrüßung am Vortag, „das ist eine Überraschung, Sie hier zu treffen. Die letzten Tage war hier nie jemand.“

Sie trat neben Elisabeth und fuhr sich durch ihre schulterlangen Haare, die vom Wind etwas durcheinander waren. Dann nahm sie einen Haargummi aus ihrer Jackentasche und band die Haare zusammen, während sie erklärend hinzufügte:

„Ich spaziere hier in meinen Pausen oft hin. Aber keine Sorge!“ Sie deutete auf eine Handytasche an ihrem Hosenbund. „Ihre Schwester kann mich jederzeit erreichen, wenn sie mich braucht.“

Elisabeth glaubte gerne, dass Dagmar davon Gebrauch machen würde bei Bedarf. Wie war es wohl für Sabine, ihre Pflegekraft zu sein? Natürlich wechselte sie sich mit Kolleginnen ab, mit denen sie sich die Schichten teilte. Elisabeth wusste, dass Dagmar von mehreren Personen betreut wurde. Dennoch stellte sie es sich anstrengend vor, ständig nur auf die Bedürfnisse anderer eingehen zu müssen, auch wenn sie von ihrer eigenen Arbeit Stress gewohnt war. Vielleicht waren ihr genau deshalb die ungestörten Feierabendstunden so heilig.

Um die Pause zwischen ihnen zu beenden, räusperte sie sich und sagte: „Wir waren hier oft in unserer Jugend, meine Schwester und ich.“

Sabine nickte wissend und erwiderte: „Das hat Ihre Schwester auch erzählt.“

Tatsächlich? Elisabeth fragte sich unweigerlich, was Dagmar noch über sie erzählt hatte. Etwas mehr über ihre Kindheit hier in der Gegend und im Elternhaus? Oder dass Elisabeth so weit weg wohnte und arbeitete? Hatte Dagmar gesagt, warum sie ihre Schwester nicht selbst längst angerufen hatte?

„Sie hat mir gesagt, dass sie noch nie woanders als in dem Haus gewohnt hat“, fuhr die Krankenschwester prompt fort. „Und darüber wollten wir mit Ihnen reden.“ Sie sah Elisabeth so direkt an, dass es unangenehm war.

„Ihre Schwester will weiterhin dort wohnen, aber das Amt zahlt nicht für den Lebensunterhalt, wenn so ein großes Vermögen vorhanden ist. Also, ein Haus mit Garten, das zu groß ist für sie alleine. Wir haben versucht, ihr das klarzumachen, aber Ihre Schwester weigert sich, es zu verstehen.“

Sie sprach nicht direkt aus, was das bedeutete, obwohl es logisch ersichtlich war: das Haus musste verkauft werden. Elisabeth spürte, wie sehr sie diese Erkenntnis schmerzte. Dieses Haus war immerhin der Ort ihrer Kindheit, an dem sie beide von ihren Eltern großgezogen worden waren. Und es war Dagmars einzige Heimat. Elisabeth selbst hatte diesem Ort schon vor langer Zeit ein Stückweit Lebewohl gesagt, als sie ausgezogen war. Nein, was sie so sehr traf, war nicht der drohende Verlust des Hauses, das wurde ihr schlagartig klar. Es war diese Endgültigkeit, die in Sabines Stimme gelegen hatte. Die Unabänderlichkeit der Wahrheit.

„Kann es nicht sein, dass sie sich noch weiter von dem Unfall erholt?“, fragte sie vorsichtig. Sabine bedachte sie mit einem mitleidigen Blick, dann schüttelte sie den Kopf.

„Frau Steiner, Ihre Schwester hat massive Kopfverletzungen erlitten, und diese spastischen Lähmungen sind durch Schäden am Gehirn verursacht.“ Sie machte eine kleine Pause, dann berührte sie Elisabeth am Arm und fügte leise hinzu: „Es tut mir leid, aber an ihrem Zustand wird sich nicht mehr viel ändern, auch nicht mit der Physiotherapie, die sie bekommt.“

Elisabeth spürte, wie ihr die Tränen in die Augen traten. Aus Traurigkeit, aber auch aus Wut. Warum hatte das passieren müssen? Sie hatte in den letzten Monaten schon so viel verloren, und jetzt sollte sie auch noch ihre Schwester verlieren! Denn ein bisschen so fühlte es sich an. Sie schluckte.

„Was ist denn genau passiert, seit sie in der Klinik war?“ Das war eine Frage, die Elisabeth seit gestern bewegte. Eigentlich schon viel länger, aber sie war in der Fülle ihrer Arbeit und eigenen Sorgen untergegangen. Sie hatte alle Gedanken und Ängste zu ersticken versucht in ihrer Arbeitswut. Und schließlich war es Dagmar gewesen, die sie weggeschickt hatte aus der Klinik. Kein Grund zur Besorgnis, das brauche alles nur seine Zeit. Sogar die Ärztin hatte sich optimistisch gezeigt. Niemals hätte Elisabeth es für möglich gehalten, dass Dagmar nie mehr würde gehen können!

„Ich habe Ihnen schon mehr erzählt als ich dürfte“, hörte sie nun Sabines Stimme neben sich. Klar, als Krankenpflegerin hatte sie eine Schweigepflicht. Streng genommen hätte der Pflegedienst Elisabeth nicht einmal kontaktieren dürfen. Es hatte jedenfalls nicht so gewirkt, als hätte Dagmar dazu ihr Einverständnis gegeben.

„Ihre Schwester war in der Reha depressiv, das geht aus den Arztbriefen hervor. Und ich habe das auch schon hin und wieder bei ihr bemerkt“, fuhr Sabine dennoch fort. Sie blickte Elisabeth erneut direkt an.

„Ich denke, sie braucht Hilfe. Ihre Hilfe.“ Ihr Blick war nun richtig eindringlich, und einen Moment lang verharrte sie so. Sie wirkte so emotional, dass Elisabeth langsam den Eindruck gewann, diese junge Frau war es gewesen, die ihre Chefin zu dem Anruf bei ihr überredet hatte. Und zum Missachten der Schweigepflicht.

„Es muss auch entschieden werden, in welche Einrichtung sie gehen kann, oder ob sie vielleicht doch dauerhaft ambulant gepflegt werden kann“, sprach Sabine nun weiter. Emotional war sie vielleicht, aber auch sehr pragmatisch. Momentan etwas zu pragmatisch für Elisabeths Geschmack. Wo sollte Dagmar denn hin? In ein Altersheim etwa? Mit 41 Jahren! Das konnte nicht ihr Ernst sein!

Elisabeth wischte sich übers Gesicht und bedeutete ihrer Gesprächspartnerin mit einem Nicken, dass sie verstanden hatte. Auf einmal machte Sabine eine Kopfbewegung in die Richtung, in welcher sich entlang des Waldweges, etwa 300 Meter entfernt, das Haus befand.

„Ich muss zurück“, sagte sie, „um vierzehn Uhr wird das Bett geliefert.“

„Das Bett?“, hakte Elisabeth nach, als die junge Frau sich schon umgewandt hatte.

„Ja“, gab die zurück, „das Pflegebett wird heute geliefert.“ Und dann: „Kommen Sie doch mit.“

Elisabeth lief ein kalter Schauer durch den Körper. Ein Pflegebett. So ein Bett, wie sie in Krankenhäusern benutzt wurden? Mit so einem scheußlichen Galgen zum Hochziehen am Kopfende. Der Gedanke, dass so ein Bett in das Haus kommen sollte, erfüllte Elisabeth irgendwie mit einem grausigen Gefühl. War das wirklich notwendig? Brauchte Dagmar das? Aber andererseits brauchte sie ja auch 24-Stunden-Pflege…

Sabine schien auf sie zu warten, also fasste Elisabeth sich ein Herz und folgte der Krankenschwester den Weg entlang. Sie sprachen nicht, sondern gingen zügig, weil es zu nieseln begonnen hatte. Und sie waren nicht zu früh dran! Ein Lieferwagen parkte gerade ein, als sie das Haus erreichten. Sobald das Auto stand, sprang ein Mann mit einem Klemmbrett heraus. Ein zweiter öffnete die Beifahrertür.

„Guten Tag, sind wir hier richtig bei Gothe?“, fragte der mit dem Klemmbrett. Sabine bejahte rascher, als Elisabeth reagieren konnte und schloss die Tür auf. Elisabeth blieb in einem kleinen Abstand zurück, aber sie hörte die Krankenschwester in den Flur hineinrufen: „Frau Gothe, das Bett ist da!“

Die beiden Männer öffneten derweil die Türen des Transporters, und einer kletterte hoch auf die Ladefläche, um das Bett nach vorne zu schieben. Dagmar ließ sich nicht in der Tür blicken, wobei dafür auch kein Platz gewesen wäre, denn die Lieferung hatte beträchtliche Ausmaße. Nur hochkant und mit einigem Geschick gelang es den beiden Lieferanten, sie durch die Eingangstüre zu bugsieren, und kurz musste Elisabeth an die Vase im Flur denken, die sie selbst am Vortag beinahe umgeworfen hätte. Sie war zweifelnd gespannt, ob die Männer das Bett daran vorbeibekommen würden. Sobald die Hürde der Eingangstür jedoch gemeistert war, ging es zügig weiter, und Elisabeth folgte ins Haus. Die Lieferung wurde auf Sabines Anweisung hin geradewegs über den Flur getragen, an dessen Ende jedoch nicht die Treppe hinauf zu den Schlafräumen, sondern geradeaus weiter ins Wohnzimmer. Sie schaffte es sogar an der Bodenvase vorbei, ohne Schaden anzurichten. Im Wohnzimmer wurden sämtliche Folien und sonstiges Verpackungsmaterial lautstark entfernt und dann hinaus zum Wagen gebracht. Zurück kamen die Lieferanten mit einer Matratze. Elisabeth beobachtete im Küchentürrahmen stehend, wie Sabine auf dem Gang den Lieferschein entgegennahm, damit ins Wohnzimmer ging und mit dem offenbar unterschriebenen Exemplar zurückkam. Als die beiden Männer mit der Verpackung der Matratze das Haus verlassen und die Tür hinter sich geschlossen hatten, versuchte Sabine, die Matratze vom Gang ins Wohnzimmer zu ziehen. Da das sehr mühsam aussah, legte Elisabeth rasch ihre Tasche auf dem Boden ab, schlüpfte aus ihren nassen Schuhen und packte mit an. Dagmar saß in ihrem Rollstuhl in der Nähe des Fensters und beobachtete die Szene mit einem Ausdruck, der Missbilligung in sich trug.

„Wofür brauche ich dieses Altenbett?“, sprach sie endlich aus, was sie dachte. „Ich habe auf dem Sofa gut geschlafen.“

Klar, schoss es Elisabeth durch den Kopf, in den ersten Stock zum Schlafzimmer konnte ihre Schwester ja nicht mehr gehen!

„Sie müssen auch an uns Pflegekräfte denken“, erwiderte Sabine, ihrerseits jetzt etwas schroff. „Wir machen uns den Rücken kaputt, wenn wir die Pflege immer auf dem Sofa machen.“

Diese direkten Worte schienen zu wirken. Dagmar erwiderte nichts, sie platzierte ihren Rollstuhl am Fenster und beobachtete schweigend, wie Elisabeth und Sabine das Bett an die freie Wand schoben. Unweigerlich fragte Elisabeth sich, welche Art von Pflege ihre Schwester brauchte, schob den unschönen Gedanken jedoch schnell beiseite. Sabine musterte das Bett kurz und schien seine Position noch einmal zu prüfen. Dann stellte sie mit einem gekonnten Tritt die Bremse an den hinteren Rädern des Bettes fest.

„Ich gehe mal grad das Bettzeug holen“, sagte sie dann und verließ das Wohnzimmer. Ihre Schritte knarzten auf der Holztreppe. Elisabeth stand unschlüssig neben dem Bett und wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Dagmar hatte sich gestern nicht von ihr verabschiedet. Würde sie sie heute willkommen heißen?

„Hallo Dagmar“, brachte Elisabeth schließlich hervor.

Ihre Schwester erwiderte den Gruß nicht, sie nickte nur leicht. Dann deutete sie auf das Bett und fragte: „Was hältst du von dem Ding?“

Elisabeth zögerte kurz mit ihrer Antwort, denn sie fand das Bett scheußlich. Ein Altenbett… damit hatte Dagmar schon Recht. Aber auch Sabine hatte bestimmt Recht wenn sie sagte, dass das Bett notwendig war. Also rang Elisabeth sich zu einer möglichst diplomatischen Antwort durch:

„Vielleicht ist es ja ganz bequem.“ Und um ihre Aussage zu bekräftigen, betastete sie mit den Fingern die Matratze und fügte hinzu: „Es fühlt sich ganz angenehm an.“

Der Gesichtsausdruck ihrer Schwester spiegelte so etwas wie Ekel, bestimmt aber Abscheu wider.

„Eine Dekubitusmatratze“, sagte sie schlicht, „wie im Altenheim.

---ENDE DER LESEPROBE---