2,99 €
Der Zauber der Weihnachtszeit. Nie hatte Denisa daran gezweifelt, dass sie das Fest auch dieses Jahr mit ihrer Oma feiern würde, bei der sie aufgewachsen ist. Als die dann jedoch plötzlich ohne jede Vorwarnung stirbt, bricht die Trauer gnadenlos über Denisa herein und über ihr geliebtes Weihnachten. Und während sie mit dem Haus der Oma auch ihre eigene Heimat auflösen muss, macht sie eine unerwartete Bekanntschaft, die ihr ganz neue Möglichkeiten des Handelns und Denkens aufzeigt. Doch auch dieser neue Mensch in Denisas Leben trägt seine eigenen Schatten in sich. Begleitet Denisa in diesem ersten Teil auf ihrem Weg und findet heraus, was sie Unerwartetes und Wunderbares erlebt. Eine Geschichte über Trauer, Hoffnung, Zuversicht und wunderbare Fügungen des Lebens. Die zweite Geschichte über Denisa erscheint im Dezember 2019.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2019
Julia Rösner
Licht im Nebel
Roman
Julia Rösner (Jahrgang 1983) schreibt seit ihrem elften Lebensjahr Gedichte, Kurzgeschichten und Romane. Von ihr behandelte Themen wie der Umgang mit Verlust und Lebenskrisen, sowie ethischen und spirituellen Fragen fügen sich harmonisch ein in Geschichten über Liebe, Familie und Freundschaft. Sie ist als Magisterpädagogin in der Beratung für Menschen mit Behinderung tätig und lebt mit ihrem Ehemann und ihrem Kater südlich von München.
Für meine liebe Oma
Impressum:Julia RösnerHeimgartenstr. 1382362 Weilheim
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Copyright © 2019 Julia Rösner
Herstellung und Verlagtolino media GmbH & Co. KG
Umschlaggestaltung: Robert Rösner
Umschlagbild: Rosanna MaischKorrektorat: Mina Garming
Satz: Robert Rösner
ISBN 9783739469522
Schwer ist es,
Worte zu finden
für diesen Schmerz.
Immer wieder flammt er auf,
tief in meiner Mitte.
Wo bist du jetzt?
Noch hier bei uns
oder schon in der anderen Welt?
Du wirst mir so fehlen…
Kapitel eins
Nun fand sie sich hier also wieder, in diesem Haus, das so lange das Zuhause ihrer Oma gewesen war. Und zuvor das Haus deren Eltern, Denisas Urgroßeltern. Ihr Urgroßvater hatte es in den 1920er Jahren gebaut mit starken und soliden Holzbalken, welche die Wände trugen, auch jetzt noch, nach so langer Zeit. Im Erdgeschoß befand sich das geräumige Wohnzimmer mit Zugang zum großen Garten, neben dem Eingangsbereich lag das Esszimmer und dahinter die Küche. Im ersten Stock gab es ein Bad und das Schlafzimmer, in dem ihre Oma geschlafen hatte. Der zweite Raum dort war seit ihrer Kindheit Denisas Zimmer gewesen, das auch jetzt noch unverändert erschien. Das oberste Stockwerk unterm Dach beherbergte die Dachkammer und einen Abstellraum. Seit Jahrzehnten hatte sich nichts an der Raumaufteilung und der Einrichtung geändert, und auch Denisas Mutter war schon hier aufgewachsen. Im Wohnzimmer hingen Kinderfotos von ihr, die Oma nie ausgetauscht hatte, sowie das Hochzeitsfoto von Denisas Großeltern.
Nichts und niemand hatte Denisa vorbereitet auf die grausame Wirkung, die Worte haben konnten: ‚Es tut mir leid. Sie ist in der Nacht von uns gegangen.‘
Schief hatte die Ärztin dagestanden, in der Hand ein paar Akten und einen Kugelschreiber, einen müden Ausdruck in ihrem Gesicht. Über ihnen hatte Neonlicht geflackert, die einzige Quelle an Helligkeit, da es draußen noch stockdunkel gewesen war. Wegtickende Sekunden, vereint mit dem unaufhörlichen Pochen in Denisas Kopf, und dann die Hand der Ärztin auf ihrem Arm und die dumpfe Stimme, mit der sie wiederholt hatte: ‚Es tut mir leid.‘
Um sie herum nur bleiche, kalte Krankenhauswände, so bleich und kalt wie das Gesicht ihrer Oma.
Niemand hatte Denisa gewarnt vor diesem Schmerz in ihrer Brust, der alles in ihr vereinnahmen würde und ihre ganze Energie aufsog. Seit Tagen hatte sie kaum etwas gegessen, weil ihr vom puren Anblick irgendwelcher Speisen schon übel wurde, und das, wo sie doch sonst so leidenschaftlich gerne aß.
Mit leisen Schritten ging sie nun durch das Wohnzimmer, und es war so ungewöhnlich still, dass sie Angst davor hatte, ein Geräusch zu machen. Normalerweise ließ ihre Oma immer das Radio laufen.
‚Mach es an!‘, rief eine Stimme in Denisa, aber als sie schließlich davorstand, vor dem kleinen Tisch mit dem Radio und dem CD-Player darauf, da konnte sie die Hand einfach nicht heben und den roten Schalter am Radio drücken. Stattdessen ging sie zur Terrassentür, öffnete sie und ließ die frische kühle Luft ihre Haut liebkosen.
In dem großen Garten lagen Haufen zusammengerechten Laubs, die der Wind hier und da wieder zerstreut hatte. An der Wand neben der Terrassentür lehnte der alte Rechen mit dem grünen Holzgriff, und ohne lange nachzudenken, griff Denisa danach. Der Stiel des Rechens bestand aus gefurchtem Holz, das von der Zeit und vom Wetter gezeichnet war und dessen grüne Lackierung stellenweise abgesplittert war.
‚Er hat so gut in Omas Hände gepasst‘, dachte sie, während sie langsam begann, die kleinen Laubhaufen zu einem großen zusammenzurechen, um die Arbeit fortzuführen, die ihre Oma vor über einer Woche begonnen haben musste. Hatte sie es gespürt, dass sie sie nicht mehr zu Ende bringen würde? Mit ihren 79 Jahren war Denisas Oma noch so fit gewesen. Alles hatte sie selbst erledigt: das große Haus in Ordnung gehalten, den Garten gepflegt und den Gehweg davor. Mehrmals in der Woche war sie mit ihrem Fahrrad zum Einkaufen ins Dorf gefahren, das ungefähr zwei Kilometer entfernt lag. Seit Jahrzehnten wahrscheinlich hatte sie dort in denselben Läden eingekauft, und Denisa hatte nie daran gezweifelt, dass sie es auch noch ein weiteres Jahrzehnt so machen würde. Das war einfach nicht fair…
Die Blätter dufteten intensiv. Durch die Feuchtigkeit des Bodens und des letzten Regens klebten sie zum Teil stark zusammen, aber nach einer halben Stunde hatte Denisa sie alle zu einem stattlichen Haufen zusammengefegt. Mindestens drei Müllsäcke würde sie dafür brauchen, und sie musste sich beeilen, denn am Himmel zogen schon wieder dunkle Regenwolken auf, die sicher starken Wind mitbringen würden.
An der Terrassentür streifte sie sich gründlich die Schuhe ab, um den Teppich im Wohnzimmer nicht schmutzig zu machen. In der Dachkammer stand ein alter Schrank, in dem Denisa die Müllbeutel vermutete, deshalb ging sie mit schleppenden Schritten die Treppen hinauf. Sie fühlten sich so bleiern an, ihre Beine, als wären sie aus schwerem Stein. Diese Räume um sie herum, die sie seit ihrer frühesten Kindheit kannte und liebte, wirkten so vertraut, und alles schien erfüllt von Omas Gegenwart. Wie konnte das alles ohne sie weiter existieren? Sogar der Duft ihres Parfums war überall, und als Denisa den Kopf an das hölzerne Treppengeländer lehnte, meinte sie, auch den Geruch von Omas Kamillenhandcreme wahrnehmen zu können.
„Wie kannst du da sein und doch nicht da?“, flüsterte sie, während ihr die Tränen über die Wangen rollten. Wie konnte ihre Oma plötzlich weg sein, wenn so viel von ihr noch hier war?
Ein zartes Miauen, das eher einem Gurren glich, ließ Denisa aufblicken, hoch zu der obersten Treppenstufe, auf der der alte Kater saß und mit blinzelnden Augen auf sie herabschaute.
„Moritz!“, rief sie aus und stieg die letzten Stufen hinauf, um das Tier in die Arme zu schließen, was dieses geduldig geschehen ließ. Das schwarzweiße Fell fühlte sich weich an, jedoch an manchen Stellen dünn und struppig. Moritz war das Leben auf der Straße gewohnt, hatte aber immer öfter in den letzten Jahren Zuflucht in der Wärme des Hauses gesucht. Bei Oma hatte er nicht nur ein warmes Plätzchen gefunden, sondern auch jede Menge Leckereien und Streicheleinheiten, aber dennoch hatte es ihn immer wieder auf die Straße und in die Natur zurückgezogen. Tage- bis wochenlang war er manchmal verschwunden. Dass er jetzt hier war… Denisa war so dankbar dafür!
Vorsichtig hob sie den Kater hoch und hielt ihn mit einem Arm umschlungen, während sie mit der anderen Hand die Rolle Müllbeutel aus dem kleinen Bauernschrank unter der Dachschräge holte. Zurück im Wohnzimmer setzte sie Moritz auf den Platz am Sofa, auf dem er oft lag und döste, streichelte ihn und ging dann widerwillig in den Garten zurück. Sie fühlte sich kraft- und lustlos, aber sie musste sich beeilen, denn die ersten Regentropfen begannen schon zu fallen.
Die Schwere in ihren Gliedern wurde schmerzhaft, während sie sich immer wieder bückte, um das Laub in die Säcke zu stopfen. Sie wunderte sich, dass sie überhaupt die Kraft dazu fand, fühlte sie sich doch, als könne sie jeden Moment einfach umfallen. Aber der Garten war Omas ganzer Stolz, in den sie so viel Liebe hineingebracht hatte. Es sollte, nein, es musste so aussehen, als wäre sie noch hier! Eher konnte Denisa nicht ins Haus zurückgehen.
Und so dämmerte es bereits, als sie den letzten Beutel verschnürte und auf die Terrasse unters Dach stellte. Fünf Stück waren es geworden. Vielleicht würde Denisa morgen damit zum Müllplatz fahren, dachte sie kurz.
Moritz lag noch genau dort, wo Denisa ihn hingelegt hatte und döste mit halb geschlossenen Augen. Würde er es verstehen, wenn sein Frauchen - denn das war Oma mit der Zeit geworden - nicht mehr wiederkam, nie mehr? Er war das Leben draußen gewöhnt, und vielleicht würde er es sogar ganz gut alleine schaffen.
‚Aber ich, wie soll ich es schaffen?‘, schoss es Denisa durch den Kopf, während sie die Terrassentür zudrückte und schloss. Sie versuchte, den Gedanken beiseite zu schieben und ging in die Küche, um sich gründlich die Hände zu waschen, aber die aufsteigenden Tränen schnürten ihr den Hals zusammen, bis er so sehr schmerzte, dass sie schließlich ein Schluchzen nicht mehr unterdrücken konnte.
‚Wie soll ich es schaffen? Ich kann das nicht!‘, hallten die Worte der Verzweiflung in ihrem Kopf wider. Mit letzter Kraft, wie es ihr schien, schleppte sie sich ins Wohnzimmer zu Omas Sessel, ließ sich hineinfallen und weinte lange, so lange, dass ihr Kopf zu schmerzen begann. Und als die Tränen versiegten, da fühlte sie sich unglaublich leer und müde. Sie wollte sich nicht umziehen, und sie spürte, dass sie nicht mehr die Kraft hatte, um in ihr Zimmer im ersten Stock zu gehen und sich dort ins Bett zu legen. Deshalb rollte sie sich, ähnlich dem Kater, der ihr gegenüber lag, in die Decke auf Omas Sessel ein und legte den schmerzenden Kopf auf die Armlehne. Fast war sie froh, dass sie den vertrauten Duft des Sessels nicht mehr riechen konnte, da ihre Nase vom Weinen zugeschwollen war.
Im dämmrigen Licht betrachtete sie den Raum um sich herum durch die tränenverschleierten Augen.
Wie fängt man an? Wie fängt man an, ein Haus auszuräumen und das Leben eines geliebten Menschen auseinanderzunehmen, es aufzulösen, bis nichts mehr davon übrig ist. Wie sollte sie das schaffen, wenn sie sich jetzt schon so fühlte, als könnte sie jeden Moment in tausend Teile zerbrechen? Leise wimmernd wiegte Denisa sich in den Schlaf, während Moritz ein sanftes Schnurren zu ihr hinübersandte.
Kapitel zwei
Am nächsten Morgen wurde Denisa von dem Licht geweckt, das durch die Fenster ins Wohnzimmer fiel. Ihr ganzer Körper fühlte sich steif an, und in ihrem Kopf pulsierte es schmerzhaft bei jeder Bewegung. Vorsichtig stand sie von ihrem Nachtlager auf und sah sich um. Moritz hockte am Fenster und blinzelte sie an.
‚Na, auch schon wach?‘, schien sein Blick zu fragen und auch sein Maunzen, mit dem er zu ihr lief und ihre Beine umstrich. Bestimmt hatte er Hunger. In sich selbst spürte Denisa nur wieder ziehende Übelkeit. Sie tappte in die Küche, wo sie gestern ihre Tasche mit ihrem Handy darin abgestellt hatte. Fast zehn Uhr war es bereits! Ein Wunder, dass Moritz sie nicht geweckt hatte!
Zum Glück hatte sie Aspirin in ihrer Tasche, von dem sie gleich zwei Tabletten hinunterspülte, um diese grässlichen Schmerzen im Kopf zu lindern. Auf dem Küchentisch stand eine Schale mit Walnüssen, und Denisa knackte welche mit dem Nussknacker, der danebenlag. Sie mochte Walnüsse nicht besonders gerne, versuchte aber trotzdem, ein paar davon zu essen, sonst würde ihr Magen sich womöglich gegen das Aspirin wehren. Der Kater zu ihren Füßen beobachtete sie mit großen Augen. Eine Pfote hatte er leicht angehoben und berührte damit ihr Bein, und der Anblick war so rührend, dass Denisa unwillkürlich lächeln musste.
„Du hast Hunger, gell?“, sagte sie zu ihm und fischte die Dose mit Trockenfutter aus dem Schrank. Moritz stürzte sich auf das gefüllte Schüsselchen, sobald sie es ihm hinstellte. Als sie das restliche Futter zurück in den Schrank schob, fiel ihr Blick auf die schön verzierte Dose, in der ihre Oma allerlei Teesorten aufbewahrte. Schon als Kind hatte Denisa den Duft geliebt, der jedes Mal daraus hervorströmte, wenn man sie öffnete. Dieser Duft erzählte von gemütlichen Abenden vorm Kamin, wenn sie und ihre Oma zusammen auf dem Sofa im Wohnzimmer saßen und lasen, während das Feuer prasselte. Oder wenn sie sich unterhielten oder Oma bügelte, während die Musik im Radio lief. Stundenlang konnte sie manchmal Wäsche bügeln. Das schien fast wie eine Art Meditation für sie zu sein.
Denisa füllte Wasser in den Kocher und schaltete ihn ein. Ganz besonders liebte sie diesen aromatisierten Früchtetee, der nach Marzipan roch, und nichts wollte sie jetzt lieber, als eine Tasse davon zu genießen. Bis das Wasser in dem alten Gerät kochte, hatte Moritz seine Portion längst verputzt und leckte sich die Pfoten, und als Denisa dann mit der Tasse frisch aufgegossenen Tees zurück ins Wohnzimmer ging, lief er mit erhobenem Schwanz voran, direkt auf die Terrassentür zu. Er musste wohl dringend nach draußen, um sein Geschäft zu erledigen. Eisiger Wind schlug ihnen durch die geöffnete Tür entgegen, sodass der Kater sich beeilte, unter den Büschen zu verschwinden. Dort würde er womöglich die nächsten Stunden verbringen, denn so sehr er die Wärme und die Sicherheit des Hauses auch zu schätzen schien, er blieb dennoch ein Streuner, der die Freiheit brauchte.
Mit seinem wolkenverhangenen Himmel präsentierte sich der Vormittag grau und drückend. Der Wind blies immer wieder in so heftigen Böen, dass die Spitzen der Bäume gefährlich wankten, als drohten sie umzuknicken. Dort hinaus wollte Denisa wirklich nicht, deshalb schloss sie die Terrassentür schnell wieder. Einer Eingebung folgend nahm sie drei Holzscheite aus dem Korb neben dem Kamin und dazu etwas Zündwolle. Sie hatte früh gelernt, wie man das Feuer anzündete, und schon als Kind hatte sie es geliebt, zu beobachten, wie die Flammen rasch höher schlugen, das Holz ergriffen und es langsam in wunderbare Glut verwandelten. Diese Glut und wie sie in dem Holz zu tanzen schien, das war es, was sie am meisten liebte am Feuer. Ihren Tee in der Hand, setzte Denisa sich nach dem Anfeuern auf das Sofa und blickte in die Flammen, deren Bewegungen sie fesselten und wie zu hypnotisieren schienen. Und auf einmal sah sie sich selbst wieder in diesem Gebäude stehen neben dem Mann, der ihr erklärte, wie die Einäscherung ablaufen würde.
„Sie können hier Abschied nehmen, wenn es soweit ist“, hatte er gesagt und auf einen Raum gezeigt, an dessen Ende sich die Tür zu dem Krematorium befand. Davor waren ein paar Stühle aufgestellt gewesen und eine Rampe, über die der Sarg in die Brennkammer transportiert werden sollte. Und Denisa hatte nur dagestanden und auf diese Tür gestarrt, unfähig, etwas zu sagen. Also hatte sie nur den Kopf geschüttelt und versucht, ihre Tränen zu unterdrücken.
‚Heul nicht los!‘, hatte es in ihrem Kopf gerufen. ‚Halte noch durch, bis du auf die Toilette kannst.‘
Und nur ganz dumpf hatte sie wieder die Stimme des Mannes neben sich gehört, mit der er sagte:
„Sie hat es so gewollt.“ Das war das Schlimmste daran…
Wie hatte ihre Oma das wollen können? Wie hatte sie das verfügen können, ohne ihre Enkelin zu fragen oder einzuweihen? Sie glaubte doch an die Hölle! Wie hatte sie bestimmen können, dass ihr Körper zu Asche verbrannt werden sollte? Nein, Denisa würde nicht dabei sein können, wenn der Wille ihrer Oma vollzogen würde…
Ihr eigenes Schluchzen kam ihr jetzt unwirklich vor, und sie versuchte, sich durch Schlucken am Weinen zu hindern, damit die Kopfschmerzen nicht wiederkämen. Ihre Finger krampften sich um die Tasse, vergeblich auf der Suche nach Wärme, denn der Tee war inzwischen nur noch lauwarm. Sie trank zwar ein paar Schlucke, aber das wohlige Gefühl, das sie dabei erwartet hatte, blieb aus. Sie musste etwas tun, diese Stille hielt sie einfach nicht aus!
Die Tasse ließ sie einfach auf dem Wohnzimmertisch stehen und stapfte in den ersten Stock zum Zimmer ihrer Oma. Hier sah alles noch genauso aus wie vor neun Tagen, als ihre Oma sich das letzte Mal daheim aufgehalten hatte. Der Raum roch unangenehm, und deshalb ging Denisa zum Fenster, öffnete es und ließ die kalte Luft hineinströmen.
Da war es, das Bett, in dem ihre Oma gelegen hatte. Das Bett, in dem sie die letzten 22 Jahre geschlafen hatte, seit Opa tot war, und in dem sie auch gelegen hatte in jener Nacht, als der Schlaganfall ohne Vorwarnung eingetreten war. Hier hatte es begonnen, ihr Sterben…
Die Decke lag zurückgeschlagen über dem Bettrahmen, und auf dem entblößten Laken war ein gelblicher Fleck zu sehen. Mit einem energischen Ruck zog Denisa es zusammen mit dem Schutzlaken darunter von der Matratze und warf sie zusammen mit der Decke und dem Kissen auf den Gang und die Treppe hinunter. Sie sollten raus in den Müll, diese Stoffe, die den Tod aufgesogen hatten, genau wie der kleine Teppich vor dem Bett. Bei seinem Anblick krampfte sich Denisas Magen zusammen, denn ihre Oma hatte ihn selbst geknüpft. Viele Stunden hatte sie an dieser Handarbeit gesessen, aber nun waren die Schuhabdrücke der Sanitäter darauf, die sie an jenem Tag ins Krankenhaus gebracht hatten. Es war ein regnerischer, matschiger Tag gewesen, und niemand hatte wohl einen Gedanken daran verschwendet, sich die Füße abzustreifen. Die Treppe und den Fußboden wollte Denisa gleich noch wischen, denn sie waren ebenfalls voller Dreck. Alles wollte sie beseitigen, was an diesen schrecklichen Tag erinnerte.
Im Erdgeschoss stopfte sie das gesamte Bettzeug in einen Müllsack und stellte ihn neben die anderen Säcke auf die Terrasse. Es regnete kräftig, und gerade, als sie die Tür schließen wollte, kam Moritz unter den Büschen hervor gerannt, um noch in das warme Zimmer zu schlüpfen. Mit einem Handtuch aus der Küche trocknete Denisa sein nasses Fell ab.
Es war schon nach fünfzehn Uhr, als sie fertig wurde mit der Reinigung des Fußbodens. Leer sah das Zimmer ihrer Oma jetzt aus. Leer und irgendwie kahl, trotz der vielen Bilder an der Wand und der Marienfigur, die auf dem Nachtkästchen stand. Auf dem Dachboden musste irgendwo frisches Bettzeug liegen, erinnerte sich Denisa, und tatsächlich fand sie es in einer kleinen Truhe im Abstellraum. Eine Decke und ein Kissen. Frische Laken befanden sich im Kleiderschrank in Omas Schlafzimmer, wo sie seit eh und je gelegen hatten, denn die Ordnung im Haus hatte sich seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, nicht verändert. Für Denisa hatte sie immer einen Garant für Beständigkeit dargestellt.
Nachdem sie das Bett frisch hergerichtet hatte, setzte Denisa sich davor auf den Boden und betrachtete es eine Weile. Ihr Atem ging ruhig, etwas hatte sich gelöst in ihr. Nun war es, als könne ihre Oma jederzeit zur Tür hereinkommen, und alles wäre wie immer. Sie würde sich im Badezimmer das gelockte Haar bürsten und ihrer Enkelin währenddessen erzählen, wen sie beim Einkaufen getroffen hatte, wer gerade Grippe hatte oder wie die Predigt im Gottesdienst gewesen war. Dann würde sie hinunter in die Küche gehen und ihre leckeren Knödel mit Sauerkraut und Bratwürstchen machen. Und als Denisa nun die Augen schloss, konnte sie beinahe den Duft der gebratenen Würstchen riechen, der durchs ganze Haus zog, und das Zischen des Öls in der Pfanne hören. Wunderbare Phantasien für ihre erschütterte Seele.
‚Sie wird wieder aufwachen und gesund werden‘, hatte sie sich in der Klinik immer wieder gesagt, und sich dabei mit ganzer Kraft vorgestellt, wie ihre Oma die Augen aufschlug, von dem bleichen Krankenhausbett aufstand, ihre Kleider anzog und zur Tür ging. Die lähmende Erkenntnis des Unabwendbaren jedoch war langsam, aber stetig in Denisas Innerstem hochgekrochen, wie ein dunkler endloser Abgrund, der sie angezogen hatte. Irgendwann hatte sie nicht mehr vermocht, sich dagegen zu wehren.
Denisa erhob sich, ging die Treppe hinunter, wühlte in der Küche ihren Autoschlüssel aus der Handtasche und ging hinaus zu ihrem Wagen, den sie gestern vor der Haustür abgestellt hatte. Ihre Reisetasche lag darin mit ein paar Kleidern, sowie die Lebensmittel, die sie gestern auf der Herfahrt gekauft hatte. Sie hatte sich vorgenommen, ein paar Tage zu bleiben, um alles in Ruhe ordnen und ausmisten zu können. Auf lange Sicht würde sie das Haus verkaufen müssen, denn sie selbst konnte es nicht bewohnen und sich auch nicht darum kümmern, da ihre Arbeitsstelle zu weit entfernt war. Mit dem Geld würde sie sich vielleicht eine schöne Wohnung kaufen können. Das war zumindest das Vorgehen, zu dem ihr Bekannte wie Freunde geraten hatten, und sicher war es das Vernünftigste, was sie tun konnte. Aber wie Denisa nun vor dem Haus stand und dessen Front betrachtete, da schnürte es ihr die Kehle zu. Die weiß verputzte Fassade, die hölzernen Fensterläden, die Blumenkästen an den Fensterbänken und neben der Haustür die schön geschwungene Metallbank mit den hohen Pflanzentöpfen aus Terrakotta. Alles gehörte doch hierher, alles war genauso, wie es sein sollte!
Doch gleich nachdem Denisa das gedacht hatte, ließ sie ihre Arme und Schultern mit einem Seufzer kraftlos herabfallen. Nein, das war es nicht. Es war nicht so, wie es sein sollte: Oma war tot.
Denisa kniff ihre Augen zusammen, schüttelte dann energisch den Kopf und nahm ihre Tasche. Wie jedes Jahr hatte ihre Oma die Haustür außen mit duftenden Tannenzweigen verziert. Morgen war schon der Erste Advent, und da fing in diesem Haus traditionell das große Backen der Weihnachtsplätzchen an. Vanillekipferl, Spitzbuben, Kandistaler, Schwarzweiß- und Spritzgebäck… Omas Plätzchen schmeckten einfach am besten!
Wie sollte das werden, Weihnachten ohne diese Leckereien? Zurück im Haus ging Denisa in die Küche und öffnete den oberen Küchenschrank, wo sie ganz oben das vertraute Backbuch entdeckte. Die Seiten waren zum Teil vergilbt und mit Flecken versehen. Seit Denisa denken konnte, hatte ihre Oma mit diesem Buch gebacken, und es gehörte in die Küche wie der Ofen selbst. Denisa blätterte durch die Seiten mit all den vertrauten Plätzchensorten. Zimtsterne, Spritzgebäck, Vanillekipferl… so schwer sahen die Rezepte gar nicht aus, und die Fotos ließen ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen. Vielleicht sollte sie es einfach ausprobieren, dachte sie, und in einem ganz unerwarteten Schub von Tatendrang beschloss sie, am nächsten Tag zu backen.
Nun aber spürte sie ihren Magen unangenehm aufbegehren. Sie musste zuerst einmal etwas essen, was der auch akzeptieren würde. Eine Nudelsuppe vielleicht? Die war leicht verdaulich und schnell gemacht, denn in Omas Vorratsschrank befanden sich immer Tütensuppen. Wie sie so in der Küche arbeitete, fühlte Denisa sich beschwingt von Vorfreude. Sie roch förmlich schon den Duft des Backens und der fertigen Plätzchen, und es tat ihr gut, etwas vorzuhaben. Etwas, das nicht mit der Auflösung des Hauses zu tun hatte.
‚Warum soll ich mich eigentlich so beeilen?‘, dachte sie plötzlich. Sie hatte genug Überstunden angesammelt. Sicher würde sie ihre Auszeit noch verlängern können, wenn sie ihre Chefin fragte.
Mit der dampfenden Suppe ging Denisa ins Wohnzimmer und setzte sich vorsichtig zu Moritz aufs Sofa. Die warme Schüssel hielt sie mit beiden Händen und blies immer wieder hinein, während ihr Blick über die einzelnen Gegenstände im Raum glitt. In Gedanken hängte sie bunte Weihnachtsgirlanden über das Regal, klebte Sterne an die Fensterscheiben und zündete Kerzen an. Sie konnte es machen wie jedes Jahr, es war einfach.
Und dann stand ihr Entschluss fest: sie würde sich überhaupt nicht beeilen. Sie würde Plätzchen backen, das Haus putzen und schmücken, so wie immer. Sie würde dieses Fest, das sie so liebte, hier feiern. In dem alten Haus ihrer Oma.
Kapitel drei
Denisa schlief in dieser Nacht traumlos. Vielleicht war sie zu erschöpft und innerlich zu leer, um zu träumen. Als der Wecker sie aus ihrem tiefen Schlaf holte, wusste sie erst nicht, wo sie war. Langsam bewegte sie sich und schrak zusammen, weil sich an ihrem Fuß ebenfalls etwas bewegte. Moritz lag zusammengerollt am Fußende des Bettes und war von ihren Bewegungen wach geworden. Sie hatte nicht bemerkt, wie er gekommen war, ganz lautlos musste er auf das Bett gesprungen sein. Mit müden Augen blinzelte er sie an.
„Guten Morgen, Moritz“, sagte sie und kraulte ihn ausgiebig am Kopf, was er sichtlich genoss. „Stehst du mit mir auf?“
Der Kater quittierte ihre Worte mit einem Schnurren und gab sich mit geschlossenen Augen ihrer liebkosenden Hand hin. Nach einem Moment dieser Innigkeit riss Denisa sich los und schlug die Decke zurück. Es war kein Wunder, dass Moritz bei ihr im warmen Bett Zuflucht gesucht hatte, denn im Zimmer war es kalt. Denisa zog den dicken Vorhang zur Seite und sah, was der eisige Wind vom Vorabend schon angekündigt hatte: es hatte geschneit. Eine dünne weiße Schicht bedeckte die Wiese, die Büsche und die Bäume in dem großen Garten. Es sah friedlich aus, so als hätte die Natur sich ganz in sich zurückgezogen, um zu ruhen. Heute war der Erste Advent.
Denisa ging durch den kalten Flur ins Badezimmer und zog sich rasch an. Sie hatte sich gestern Abend noch fest vorgenommen, in die Sonntagsmesse zu gehen, die die Weihnachtszeit einläuten würde, denn für ihre Oma waren die Kirchengemeinde und die regelmäßigen Gottesdienste wie ein zweites Zuhause gewesen. Wie eine Familie, der sie verpflichtet war und in der sie eine tragende Rolle spielte. Jahrzehntelang war sie Mitglied im Kirchenchor gewesen, hatte unzählige Male für Veranstaltungen und Pfarrfeste gebacken und sich um ältere Gemeindemitglieder gekümmert.
