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Eigentlich hat Mia alles gehabt: eine glückliche Kindheit, eine beschauliche Heimat und liebende Eltern. Und doch war ihre Jugend erfüllt von verletzenden Konflikten. Als die junge Frau Anfang zwanzig nach monatelanger Abwesenheit wieder in das Haus ihrer Eltern zurückkehrt, muss sie sich der lebensbedrohlichen Krankheit ihres Vaters und den Geistern ihrer Vergangenheit stellen. Begleitet wird sie von ihrer Freundin Denisa, die im Laufe der folgenden Wochen ihrerseits einige neue Erfahrungen und eine seltsame Entdeckung macht. Wird es Mia und ihren Eltern gelingen, in der noch verbleibenden Zeit die Wunden der Vergangenheit zu heilen? Fortsetzung von “Licht im Nebel“
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Julia Rösner
Die letzte Seite
Roman
Impressum:Julia RösnerHeimgartenstr. 1382362 Weilheim
Bibliografischen Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Copyright © 2019 Julia Rösner
Herstellung und Verlagtolino media GmbH und Co. KG
Umschlaggestaltung: Robert Rösner
Umschlagbild: Rosanna MaischSatz: Robert Rösner
ISBN: 9783739477763
Für Robert, meinen größten Unterstützer, der mehr an mich geglaubt hat, als ich selbst
Julia Rösner (Jahrgang 1983) schreibt seit ihrem elften Lebensjahr Gedichte, Kurzgeschichten und Romane. Von ihr behandelte Themen wie der Umgang mit Verlust und Lebenskrisen, sowie ethischen und spirituellen Fragen fügen sich harmonisch ein in Geschichten über Liebe, Familie und Freundschaft. Sie ist als Magisterpädagogin in der Beratung für Menschen mit Behinderung tätig und lebt mit ihrem Ehemann und ihrem Kater südlich von München.
Im großen Lauf der Zeit
war mein Leben
nur eine kleine Geschichte.
Aber eine schöne, wie ich finde...
Kapitel eins
Die Dornenzweige der Hundsrose bildeten einen geschwungenen Kranz, der sich über das hohe, metallene Gartentor rankte. Im Frühjahr und Sommer trug sie wunderschöne violette Blüten und verwandelte den Durchgang zur Eingangstür in eine märchenhafte Szene. Aber jetzt, Anfang Februar, waren ihre Zweige kahl und die spitzen Dornen gut sichtbar zwischen kleinen verwelkten Blättern. Genauso wie vor über drei Monaten, als Mia das letzte Mal unter ihnen hindurchgegangen und mit ihrer Mütze an den feinen Dornenzweigen hängengeblieben war, die ihre Mutter noch nicht zurückgeschnitten hatte. Auch jetzt hingen einige Zweige wirr nach unten und waren nur notdürftig zur Seite gesteckt. Entlang des kurzen Pfades, der vom Gartentor zur Haustür führte, rankte sich am Boden der Efeu entlang, und kleine Buchsbäumchen säumten den Rand der Beete. An der Tür des Hauses hing ein kleiner Kranz aus Tannenzweigen, die schon vertrocknet waren. Es war längst an der Zeit, ihn abzuhängen und zu entsorgen, aber es schien, als wäre bis jetzt niemand dazu gekommen. Das Fenster neben der Tür war schräg gestellt. Von innen hörte Mia Radiomusik und hin und wieder ein leises Zwitschern.
Sie stand regungslos im geöffneten Gartentor und lauschte auf diese Geräusche, die ihr so vertraut waren. Ab und an klapperte auch ein Topf oder etwas Ähnliches, und sie konnte sich gut vorstellen, wie ihre Mutter gerade in der Küche die Töpfe in den Schrank räumte und dabei ihr Lieblingsprogramm im Radio hörte. Und ihr Vater? Was machte er gerade? Seit er in Pension war, arbeitete er oft im Garten oder in seiner Werkstatt im Schuppen. Früher hatte er Mia viel an handwerklichen Fertigkeiten gezeigt. Sie hatte von ihm gelernt, Holz zu verarbeiten und kleine Dinge daraus zu bauen, ihr Fahrrad selbst zu reparieren und auch ihr Radio. Viele Stunden hatten sie manchmal zusammen in dem Schuppen verbracht. Aber das war lange her…
Und jetzt? Mia wusste nicht, wie es ihrem Vater ging. Wie es beiden ging. Langsam näherte sie sich der hölzernen Haustür. Den Schlüssel hielt sie in ihrer Hand, seit einer ganzen Weile schon, doch sie konnte ihn nicht ins Schloss stecken. Es schien ihr eine Ewigkeit her zu sein, dass sie hier gewesen war. Eine Ewigkeit und doch ein kleiner Augenblick. Beides zur gleichen Zeit. Schließlich ließ sie den Schlüssel in ihre Hosentasche gleiten und drückte vorsichtig den Klingelknopf, woraufhin sie den Singsang der Türglocke von drinnen vernahm. Das Zwitschern wurde lauter und lebhafter, was Mia unwillkürlich ein Lächeln entlockte. Dann, das Geräusch von Schritten hinter der Tür.
Mia umklammerte die Riemen ihres Rucksacks, der über ihrer rechten Schulter hing, als die schwere Tür geöffnet wurde, und es folgten ein paar Sekunden der Erstarrung. So plötzlich ihrer Mutter gegenüber zu stehen, lähmte Mia auf seltsame Weise, dabei hatte sie ja gewusst, wem sie gleich begegnen würde. Ihre Mutter hingegen musste von ihrem Anblick sehr überrascht sein! Langsam wischte sie ihre nassen Finger an einem Geschirrtuch ab, das halb in ihrer Schürzentasche steckte, offenbar war sie gerade beim Kochen. Ihre Haare waren ordentlich frisiert und nach oben gesteckt, nur vereinzelte Strähnen hingen lose heraus.
„Da bist du ja“, sagte sie schließlich. Sie machte einen Schritt auf ihre Tochter zu und legte die Arme um sie. Es war eine zaghafte Umarmung, in der Zurückhaltung und vielleicht auch Furcht mitschwang. Mia konnte den zarten Duft ihres Rosenparfums riechen. Seit Jahren, fast Jahrzehnten verwendete ihre Mutter die gleiche Duftnote. Sie liebte Rosen in allen Formen und Farben, und kurz bereute Mia es, ihr keine Blumen zur Begrüßung mitgebracht zu haben. Diese Pflanze schmeichelte ihrer Mutter vor allem deshalb so sehr, weil sie gut zu ihrem Namen Rosi passte. Als sich die Umarmung löste, konnte Mia sehen, dass die Augen ihrer Mutter feucht waren.
„Hallo Mama“, sagte sie nur leise zu ihr, woraufhin sich diese wortlos umwandte und zurück ins Haus ging. Mia folgte ihr.
Im Gang roch es nach Hackfleisch, das vermischt mit Zwiebelstücken in der Pfanne briet. Sie kannte diesen Geruch seit ihrer frühesten Kindheit, denn nirgendwo hatte Mia bisher bessere Fleischpflanzerl gegessen als bei ihrer Mutter. Aber das war noch in der Zeit gewesen, als sie noch nicht strikt vegetarisch lebte, und das war einige Jahre her. Nun folgte sie Rosi in die Küche, folgte dem Knistern, das aus der Pfanne drang. Ihre Mutter wendete mit ein paar geschickten Bewegungen die Pflanzerl und setzte dann den Deckel wieder auf die Pfanne. Dann wischte sie sich erneut die Hände am Küchentuch ab. Mia ließ den Rucksack von ihrer Schulter auf den Boden rutschen. Nahe am Fenster stand ein großer Käfig, in dem ein Nymphensittich auf der obersten Stange saß. Neugierig betrachtete er den Neuankömmling und nickte aufgeregt mit dem Kopf, als Mia sich dem Käfig näherte.
„Hallo Nico“, begrüßte sie den schönen Vogel und pfiff ein paarmal, woraufhin er begeistert zu zwitschern begann.
„Habt ihr ihn nochmal fliegen lassen?“, fragte Mia, während sie einen Finger durch die Käfigstäbe schob, woraufhin Nico vorsichtig daran zu knabbern begann. Sie erinnerte sich, dass der Käfig früher oft offen gestanden hatte, sodass der Vogel hinausfliegen konnte, wann er es wollte. Ihre Mutter seufzte jedoch leicht:
„Wir hatten einfach keine Zeit dafür.“
Und vielleicht etwas wehmütig fügte sie hinzu:
„Ich weiß gar nicht, ob er überhaupt noch heraus kommt.“
Als Mia vorsichtig das Türchen des Käfigs öffnete, drehte Nico seinen Kopf zur Seite, um zu sehen, was sie da machte. Er lauschte auf ihr immer wiederkehrendes Pfeifen und ihre sanften Worte des Lockens, jedoch blieb er auf seiner Stange sitzen. Das offene Türchen schien ihm nicht geheuer zu sein, und so schloss Mia es nach einer Weile wieder. Ihre Mutter hatte sie beobachtet, seufzte betrübt und wandte sich erneut den Fleischpflanzerln zu, um sie abermals zu wenden und nach eingehender Begutachtung aus der Pfanne zu nehmen. „Dein Vater ist oben“, sagte sie leise ohne aufzusehen. Das hatte Mia sich ohnehin schon gedacht. Ihr Vater hatte sich im ersten Stock des Hauses eine kleine Bibliothek eingerichtet, in der er viel Zeit in einem gemütlichen Sessel verbrachte. Der Gedanke, ihn jetzt dort beim Lesen vorzufinden, in dieser vertrauten Haltung, ließ Mia erschauern. Wie würde er jetzt aussehen? Wie ging es ihm? Und würde er überhaupt mit ihr sprechen nach dem heftigen Streit, den sie gehabt hatten? Rosi musste das Zögern ihrer Tochter bemerkt haben, denn sie wandte sich erneut zu ihr um.
„Du solltest ihn begrüßen“, sagte sie nur.
Die Stufen der Treppe waren aus Marmor, und Mia konnte ihre Kälte durch die Socken spüren, als sie sie nun langsam hinaufstieg. Es war ein älteres Haus, Ende der sechziger Jahre gebaut. Als ihre Eltern es vor ungefähr fünfzehn Jahren kauften, hatte es somit einige Jahrzehnte auf dem Buckel gehabt. An den Wänden um Mia herum hingen drei Landschaftsbilder in goldenen Rahmen. Felder, Wiesen, Berge. ‚Eigentlich ganz idyllisch‘, dachte sie jetzt, aber es war noch nicht lange her, da hatte sie die Bilder gehasst, weil sie ihr so bieder und altbacken vorgekommen waren.
Sie blieb auf dem oberen Treppenabsatz stehen, wo ihr der süßliche Duft von Pfeifentabak in die Nase stieg. ‚Er wird doch nicht jetzt noch rauchen!‘, schoss es ihr unwillkürlich durch den Kopf.
Die Tür zur Bibliothek war geschlossen. Sie bestand aus dunkelrot lackiertem, massivem Holz mit kleinen Schnitzereien am Rand und war ganz anders als die übrigen Türen des Hauses. Ihr Vater hatte sie selbst entworfen, und die Schnitzereien zusammen mit einem guten Freund eigenhändig gefertigt. Diese Tür war das Tor zu seinem Reich der Stille, zu seinem Rückzugsort. Es war ein Ort der Ehrfurcht, die auch Mia früher empfunden hatte, wenn sie den Raum betrat, und diese Empfindung wurde ausgelöst durch den Geruch der Bücher, den süßen Pfeifenduft, vermischt mit den Aromen verschiedener Tees, die Rosi ihrem Mann von Zeit zu Zeit hochbrachte, wenn er las. Als Kind und in ihrer frühen Jugend hatte Mia es genossen, hier mit ihrem Vater zu sitzen und in Büchern zu blättern. Eine Welt voller Geheimnisse und Geschichten…
Jetzt klopfte sie leise an die Tür, und als sie von drinnen ein Brummen vernahm, drückte sie die eiserne Klinke hinunter.
„Papa?“, fragte sie und öffnete die Tür einen Spalt. Der hohe braune Sessel stand am anderen Ende des Raumes zwischen Regalen, die beinahe bis unter die Decke reichten und fast alle bis zum obersten Rand mit Büchern gefüllt waren. An der einzigen freien Stelle an der Wand hing ein hölzernes Kruzifix, und nahe beim Sessel stand ein kleiner runder Tisch, auf dem neben Bücherstapeln auf einem Halter die Pfeife lag. Leise stiegen von ihr dünne Fäden Rauch auf und erfüllten den ganzen Raum mit ihrem Aroma. Mias Vater saß in dem Sessel, die Beine in eine Decke gewickelt, ein Buch in seinen Händen.
Sie konnte sehen, wie seine Gesichtszüge für einen Moment entgleisten, als er seine Tochter erblickte. Sein braungraues Haar war dünn geworden, und auch sein Gesicht wirkte nicht mehr so voll wie vor drei Monaten, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Nicht, dass er vorher dick gewesen wäre. Er hatte jedoch immer eine große und kräftige Statur gehabt und starke Arme, in die sich ein Kind gut vergraben konnte, wenn es Angst hatte in der Nacht… Es erschreckte Mia, ihn nun so zu sehen, wie er gebeugt im Sessel saß. Nach einem Moment des Schweigens räusperte er sich.
„Du hast dir Zeit gelassen“, sagte er nur. Mehr nicht.
Er ließ sie näher kommen, ohne das Buch beiseite zu legen. Was ging in ihm vor? Mia hätte es gerne gewusst, aber sie konnte ihn nicht fragen. Die Erinnerung an ihren Streit hing zwischen ihnen, als wäre er gerade erst geschehen, und sie fühlte sich nicht in der Lage, darüber zu sprechen und die Gefühle zu ertragen, die dann in ihr hochsteigen würden. Deshalb setzte sie sich nur auf den Fußschemel, der abseits des Sessels stand und deutete auf das Buch in seinen Händen. „Was liest du gerade?“
Er schien kurz zu zögern, dann räusperte er sich abermals und hob das Buch an, sodass sie den Titel sehen konnte. Es war Hemingways Der alte Mann und das Meer. Ein dünnes Buch. Er musste es schon ein Dutzend Mal gelesen haben in seinem Leben. Aus dem Augenwinkel sah Mia, dass auf dem Tisch ganz zuoberst eine Ausgabe des Neuen Testaments lag. Auch in diesem Buch hatte er schon oft gelesen, unzählige Male…
Die Stille zwischen ihnen begann gerade unangenehm zu werden, als Mia die Stimme ihrer Mutter von unten hörte, die zum Essen rief. Mia erhob sich nach einem kurzen Zögern. Ihr Vater jedoch legte das Buch nicht zur Seite, wie sie es erwartet hatte, und auf ihren fragenden Blick hin machte er eine ungeduldige Handbewegung.
„Geh‘ du schon einmal zu deiner Mutter und hilf ihr. Ich lese die Seite noch zu Ende.“
Das hatte er früher auch oft gesagt, wie vertraut war Mia dieser Satz!
‚Ich lese die Seite noch zu Ende.‘ Und das, obwohl er das Buch ohnehin in- und auswendig kennen musste. Viele der Bücher hier hatte er mehrfach gelesen. Eigentlich die meisten.
Im Esszimmer hatte Rosi bereits die Teller auf den Tisch gestellt. Mia half ihr, die Gläser und das Besteck zu verteilen, dann folgte sie ihr in die Küche. Neben dem Vogelkäfig stand eine große Vase mit Narzissen. Das Blumenpapier lag zusammengefaltet daneben, und Rosi würde es nachher bestimmt dafür verwenden, um damit den Komposteimer auszulegen und so zu verhindern, dass dieser zu schmutzig wurde. Jetzt rührte sie in der Pfanne, in welcher inzwischen Bratkartoffeln brutzelten. Eine Schale mit Sauerkraut stand neben dem Herd auf der Arbeitsplatte.
„Bring doch die Blumen zum Tisch“, sagte sie zu Mia und deutete auf die Vase. Und mit einer Geste nach oben fügte sie hinzu: „Kommt dein Vater auch?“
Mia nahm die Vase. Die Blumen dufteten nicht, aber ihre Farben waren leuchtend und stark.
„Du weißt doch“, erwiderte sie auf die Frage ihrer Mutter, „er liest noch die Seite zu Ende.“ Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Rosi lächelte.
Es dauerte ein wenig, bis auf der Treppe die Schritte ihres Vaters zu hören waren. Langsam und schwerfällig. Hin und wieder räusperte er sich, und manchmal ging das Räuspern in Husten über. Als er endlich im Esszimmer erschien, hielt er sich am Türrahmen fest und verschnaufte kurz. Dann ging er zu seinem Platz und setzte sich auf den Stuhl, den seine Frau für ihn vorgezogen hatte. Rosi begann das Essen zu verteilen, wobei sie beinahe auch Mia eines von den Fleischpflanzerln auf den Teller gegeben hätte. Aber sie bemerkte im letzten Moment ihren Fehler und legte es stattdessen auf ihren eigenen. Dann setzte sie sich, und nach dem Tischgebet begannen sie zu essen. Der Raum war erfüllt von der Stille zwischen ihnen. Es war nichts zu hören außer dem Klappern des Bestecks und dem leisen Zwitschern des Vogels aus der Küche. Vertraute Geräusche.
‚Ich muss ihn wirklich wieder fliegen lassen‘, dachte Mia gerade, als ihr Vater sich räusperte.
„Du warst lange weg, Mia“, sagte er unvermittelt und legte die Gabel beiseite, nachdem er kaum etwas gegessen hatte. Es war eine Feststellung, doch empfand Mia es so, als hätte er sie etwas gefragt, und da sie nicht wusste, was sie sagen sollte, schob sie sich eine weitere Gabel voller Kartoffeln in den Mund. Sie spürte den Blick ihres Vaters auf sich liegen, und auf einmal war sie wieder sechzehn Jahre alt und sollte ihm erklären, warum die Polizei sie beim Stehlen erwischt hatte. Auch damals hatte sie keine Antworten gewusst im Angesicht der bitteren Enttäuschung, die in seiner Stimme gelegen hatte. Enttäuschung darüber, dass sein Mädchen zu so etwas fähig war. Mia hatte sich geschämt und ihn zugleich verabscheut mit seiner biedermeierlichen Arroganz. Alles an ihm hatte zu der Zeit eine Provokation für sie dargestellt: seine Art zu reden, sich zu kleiden, seine Art zu denken und seine starren Ansichten über Gott und die Welt. Besonders über Gott. Manchmal kam es ihr so absurd vor, dass ein erwachsener Mensch an einen Gott glauben konnte, wie ihn die katholische Kirche anbetete, so naiv und gleichzeitig engstirnig. Voller starrer Vorgaben und Vorstellungen, die nicht viel Raum für eigene Interpretationen ließen. Schon mit dreizehn oder vierzehn Jahren waren ihr die Worte, die in den Gottesdiensten gepredigt wurden, immer absurder vorgekommen. Glaubte ihr Vater das alles wirklich?
Als Mia nun den Kopf hob, um ihn anzusehen, konnte sie seinen Blick nicht deuten. Sie spülte die Kartoffeln mit einem Schluck Saft hinunter und wischte sich den Mund mit der Serviette ab. Servietten mit Rosen darauf hatte ihre Mutter hingelegt. Die waren für besondere Anlässe gedacht…
„Jetzt bin ich da, Papa“, erwiderte Mia schließlich auf die Feststellung ihres Vaters.
Er sah sie an, und kurz schien es ihr, als wolle er zu einer Antwort ansetzen, doch seine Frau kam ihm zuvor: „Und ich freue mich darüber!“
Sie griff nach Mias Hand, dann sah sie zu ihrem Mann hinüber mit einem fast herausfordernden Ausdruck. Der zögerte noch, dann jedoch brummte er ein paar Worte der Zustimmung.
Sie hatten zu Ende gegessen, und Mia half ihrer Mutter, das Geschirr in die Küche zu bringen. Während sie dort das Spülwasser ins Becken laufen ließ, hörte sie ihren Vater im Esszimmer husten. Kaum etwas hatte er gegessen, den größten Teil seiner Portion schob Mia in den Mülleimer. Gedämpft konnte sie die Stimmen ihrer Eltern hören, die so vertraut waren und Mia mit einem Gefühl der Geborgenheit erfüllten, trotz allem, was zwischen ihr und ihrem Vater stand.
„Willst du dich hinlegen?“, hörte sie ihre Mutter fragen, und dann ihrer beider Schritte auf der Treppe. Brachte sie ihn nach oben? Mia wagte nicht, hinaus auf den Flur zur Treppe zu sehen, denn ihren Vater so schwach zu erleben berührte sie so tief, dass es ihr die Kehle zuschnürte. Hatte sie zu lange gewartet? Was war in den Monaten passiert, in denen sie fort gewesen war? Wie hatte sich die Krankheit ihres Vaters entwickelt? Nie hätte sie damit gerechnet, dass er so rasch schwächer werden könnte, oder genauer gesagt: sie hatte den Gedanken daran verdrängt. Mit ihrer spülschaumbenetzten Hand wischte sie sich die Tränen vom Gesicht. War sie noch rechtzeitig gekommen? War noch genug Zeit? Mit Ihrer Freundin Miriam damals hatte sie keine Zeit mehr gehabt. So rasch, wie sie erkrankt war und wie die Gehirnhautentzündung damals fortgeschritten war, hatte das Schicksal ihnen keinen Raum gegeben für ein Abschiednehmen. Aber Mia hoffte, nein, sie glaubte, dass es diesmal anders sein würde. Dass noch genug Zeit war für alles, was gelebt werden musste. Dass sie rechtzeitig heimgekehrt war. Die verlorene Tochter.
Kapitel zwei
Versonnen wirkte Rosis Blick, wie sie da am Fenster stand und in den Garten hinaus schaute. Mia hatte erwartet, dass sie in die Küche kommen würde um beim Aufräumen zu helfen, nachdem sie ihren Mann zum Schlafzimmer gebracht hatte. Aber nun hatte Mia das Geschirr und die Pfanne alleine gespült und in den Schrank gestellt, und mit noch feuchten Händen trat sie im Wohnzimmer neben ihre Mutter. Vor ihnen auf der Fensterbank standen einige Blumentöpfe mit jungen Gemüsepflänzchen. Jedes Jahr zog Rosi Pflanzen aus Samen groß, meist Tomaten, aber auch Zucchini, Paprika und Salat. Wenn es warm wurde draußen, würde sie die ins Gemüsebeet im Garten pflanzen. Mia wusste, wie sehr ihre Mutter das Wachsen der Pflanzen liebte, denn sie wurde nicht müde, jedes Jahr aufs Neue den Garten zu bearbeiten, das Gemüsebeet umzugraben und von Unkraut zu befreien. Würde sie es dieses Jahr genauso machen können? Jetzt zupfte sie trockene alte Wurzelfäden aus der Erde in den Töpfen. Sie waren fast genauso dünn wie die zarten neuen Pflänzchen, die neben ihnen aus der Erde schauten. Dieses Jahr war Rosi früh dran gewesen mit dem Aussähen. Dieses Jahr, in dem sich alles verändert zu haben schien…
„Wie lange geht es Papa schon so schlecht?“, durchbrach Mia das Schweigen zwischen sich und ihrer Mutter. Die seufzte: „Ach, Kind, das ist jetzt schon eine Weile so… vielleicht einen Monat.“ Mit beiden Händen wischte sie ein paar heruntergefallene Erdkrümel auf.
„Aber wenigstens wird es momentan nicht mehr schlimmer. Er ist einfach schwach“, fügte sie dann hinzu. Das hatte Mia gesehen, und es hatte sie entsetzt.
„Braucht er Pflege?“, fragte sie und stellte fest, dass sie sich vor der Antwort fürchtete. Rosi jedoch schüttelte den Kopf.
„Er will alles selbst machen. Es dauert lange, aber er macht alles selbst.“ Das klang ganz nach ihrem Vater Karl, und eigentlich war es ein gutes Zeichen, dass er noch so selbständig war. Ihre Mutter nach der Prognose zu fragen, traute Mia sich jedoch nicht, denn sie spürte, dass sie die Antwort jetzt nicht hören wollte. Stattdessen fragte sie: „Hat er Schmerzen?“
Ihre Mutter seufzte erneut. Ihr Blick lag in der Ferne, irgendwo in ihrem Garten, und es dauerte bis sie antwortete: „Das Mittel, was er jetzt bekommt, hilft ganz gut. Am Schlimmsten ist es halt in der Nacht.“ Endlich sah sie ihre Tochter an. „Aber du kennst ihn ja, er verbirgt seine Schmerzen, so gut es geht.“
Das stimmte. Mia konnte sich nicht entsinnen, ihren Vater jemals weinen gesehen oder sonst eine Äußerung des Schmerzes oder Leids von ihm gehört zu haben. Nicht, wenn er sich beim Arbeiten verletzt hatte, und auch nicht, als seine eigenen Eltern kurz hintereinander gestorben waren. Er schien das alles mit sich selbst auszumachen. Rosi warf den Abfall aus den Blumentöpfen in den Papierkorb neben dem Fenster. Dann legte sie ihrer Tochter die Hand auf die Schulter. „Komm, lass uns dein Bett machen.“
Es war seltsam für Mia, auf einmal in ihrem Zimmer zu stehen. Es hatte sich nicht viel verändert, nur standen jetzt zwei voll beladene Wäscheständer in der Mitte. Und zwei Stühle, die sonst im Schlafzimmer ihrer Eltern gestanden hatten, waren hierher geräumt worden. Es kam ihr alles sehr vertraut vor und doch seltsam fremd. Ihre Mutter schob die Wäscheständer an die Wand.
„Morgen kommen die raus, dann ist die Wäsche trocken“, sagte sie und verließ den Raum. Durch das Fenster fiel das schwache Licht der Sonne, die schon tief stand. In zwei Stunden würde sie untergegangen sein und Platz machen für das Land der Träume…
Mia stellte ihren Rucksack auf den Boden vor ihr Bücherregal. Viele der Bücher standen schon seit Jahrzehnten hier, denn sie hatte nie viel aussortiert. Ihre Jugendbücher reihten sich an Gedichtbände, Kunstbücher, Romane und an die Bilderbücher, die sie als Kind geliebt hatte. Ihr Blick fiel auf die wunderbar illustrierte Ausgabe von Alice im Wunderland. Wie hatte sie dieses Buch geliebt als Kind! Unzählige Male hatte sie sich von ihren Eltern vorlesen lassen, wie Alice im Kaninchenbau verschwand und die verrücktesten Abenteuer erlebte, und später hatte sie das Buch selber gelesen. Wieder und wieder. Sogar jetzt noch kam es ihr wie ein wertvoller Schatz vor, als sie es durchblätterte.
Ihre Mutter kam mit frischer Bettwäsche zurück, und gemeinsam bezogen sie Decke, Kissen und Matratze. Sie taten dies schweigend. Rosi schien in Gedanken zu sein, und als Mia sie aus dem Augenwinkel betrachtete, stellte sie fest, dass ihre Mutter müde aussah, erschöpft. Die letzten Wochen waren bestimmt nicht leicht gewesen für sie, und Mia spürte in sich das schlechte Gewissen stechen, weil sie so lange fort geblieben war. Aber wie sollte sie sich dafür entschuldigen, wie es ihrer Mutter erklären? Wenn sie es doch selbst nicht so recht verstand… dieses Gefühlschaos…
Als sie mit dem Bett fertig waren, standen sie kurz schweigend nebeneinander und betrachteten ihr Werk. Auf einmal wandte Rosi sich zu ihrer Tochter um und umarmte sie innig.
„Es ist gut, dass du heimgekommen bist“, sagte sie leise. Dann verließ sie Mias Zimmer.
Kapitel drei
Denisa ging die Treppe zu der kleinen Pension hinauf. In der einen Hand hielt sie ihren Autoschlüssel, in der anderen ihre Reisetasche, die nicht besonders groß war, und doch genug Dinge beherbergte, um für ein bis zwei Wochen bleiben zu können. Die Dame am Empfang war wohl um die Fünfzig, eine sympathische Frau mit lachenden Augen und einer kräftigen Statur. Sie trug eine wunderschöne blaue Bluse mit silbernen Stickereien am Kragen und am Saum und begrüßte Denisa freundlich: „Guten Tag, haben Sie reserviert?“
Denisa nickte und kramte ihren Ausweis aus der Tasche. Erst ein paar Tage zuvor hatte sie angerufen wegen des Zimmers, und zum Glück gab es zu dieser Jahreszeit hier nicht viel Fremdenverkehr, denn die Entscheidung, ihre Freundin Mia zu begleiten, war sehr spontan gefallen. Es war eine gute Entscheidung. Denisa wollte gerne in Mias Nähe sein. Aber mit ihr im Haus ihrer Eltern zu wohnen, wäre ein Schritt zu viel gewesen, denn sie ahnte, dass es da wohl einiges gab, was die drei miteinander klären mussten. Da wollte Denisa sich nicht hineindrängen.
Die Pension in dem kleinen Ort war somit genau die richtige Wahl, denn sie befand sich nah genug bei Mia, um für sie da zu sein, und doch weit genug weg, um nicht zu stören. Nach Erledigung der Formalitäten folgte Denisa der Dame, Frau Glöckner, die zugleich die Besitzerin der Pension war, die Treppe hinauf in den zweiten Stock, wo diese eine Tür aufschloss und öffnete. Sie ließ Denisa vorgehen. Es handelte sich um ein gemütliches Einzelzimmer mit einem breiten Bett in der Mitte. Ein großes Fenster ging hinaus zur Straße.
„Es ist ganz ruhig“, versicherte ihre Gastgeberin, zog die Gardinen zurück und öffnete, wie zum Beweis, einen der Fensterflügel. Ein Tisch und ein Stuhl standen nahe dem Fenster, ansonsten vervollständigte eine große Kommode die Einrichtung. Es war schlicht, aber gemütlich. Genau richtig.
„Frühstück gibt es von sieben bis neun Uhr“, sagte Frau Glöckner noch, dann reichte sie Denisa den Schlüssel und verabschiedete sich.
Denisa stellte ihre Tasche auf den Boden vor das Bett und blieb einen Moment regungslos davor stehen. Das sollte nun ihr Wohnraum für die nächsten Tage sein. Über dem Bett hing ein großes Bild, das ein Haus am Meer zeigte, neben dem Zypressen und blühende Sträucher wuchsen. Es gefiel Denisa sehr, weil es sie an ihre Urlaube in Italien erinnerte. Sie mochte dieses mediterrane Flair sehr. Nach einem weiteren Moment des Betrachtens bückte sie sich zu der Tasche hinunter und öffnete einen Reißverschluss an der Seite. Nur ihr kleines Notizbuch mit dem Raben vorne drauf, sowie ein kleiner Bilderrahmen waren darin, und sie holte beides heraus. Das Buch legte sie auf den Tisch am Fenster, das Bild jedoch stellte sie auf das schmale Nachtkästchen neben ihrem Bett. Der Blick darauf versetzte ihr einen Stich, wie jedes Mal, wenn sie es betrachtete. Über zwei Monate war ihre Oma nun schon tot, und Denisa nahm wahr, dass der Verlust nicht mehr so tief schmerzte wie am Anfang. Aber sie war sich dessen bewusst, dass es noch lange dauern würde, bis die Trauer vergangen sein würde, wenn das überhaupt jemals geschah. Auf dem Foto stand ihre Oma in ihrem Garten und hielt einen Topf mit Narzissen darin in der Hand, kurz davor, sie in das Beet zu pflanzen. Sie hatte ihren Garten geliebt, und seit Denisa denken konnte, hatte die Gartenarbeit zu ihrem Leben gehört. Die meiste Zeit ihres Lebens hatte Denisa mit ihrer Oma gewohnt.
Gerade als sie das Bild schön platziert hatte, klingelte ihr Handy, und sie zog es aus ihrer Hosentasche, um den Anruf anzunehmen. Es war Mia, sie rief vom Haus ihrer Eltern aus an. Zuerst wollte sie wissen, ob Denisa gut angekommen war und ließ sich das Zimmer beschreiben.
„Und wie geht es bei dir?“, fragte Denisa. Mia schien nach Worten zu suchen.
„Besser, als ich erwartet habe“, erwiderte sie dann, aber Denisa meinte, in ihrer Stimme Bedrückung mitschwingen zu hören.
„Wie geht es deinem Vater?“, erkundigte sie sich daher weiter.
„Nicht so gut“, war Mias Antwort. Mehr schien sie dazu nicht sagen zu wollen, und Denisa drängte sie nicht.
„Sehen wir uns morgen?“, fragte sie stattdessen und freute sich, als ihre Freundin bejahte.
„Am Nachmittag können wir uns im Ort treffen. Da müssen meine Eltern sich ‚eh ausruhen.“
Sie verabredeten, dass Mia sie am nächsten Tag um vierzehn Uhr an der Pension abholen würde. Nachdem das Gespräch beendet war, räumte Denisa ihre Kleider in die Kommode und zog eine bequeme Hose an. Sie wollte draußen ein wenig spazieren gehen, solange es noch hell war. Sie wollte an die frische Luft. Die Pension selber lag zwar an einer Straße, aber wenn man diese überquert hatte, kam man gleich in eine parkartige Anlage. Vereinzelte Schneeglöckchen reckten schon ihre Köpfe hervor, und nur noch hier und dort lag ein Schneehaufen. Die Sonne stand tief, und doch wärmten ihre Strahlen dort, wo sie Denisas Haut berührten. Die Luft war frisch, ein leichter Wind ging, so dass die junge Frau froh war, ihre Mütze aufgesetzt zu haben. Sie ging zügig den Weg entlang und versuchte, matschigen Stellen auszuweichen. Vor Kurzem musste es hier geregnet haben, denn auch das Gras war ziemlich feucht. Unzählige Vögel flatterten zwischen den Büschen und Bäumen umher. Denisa erkannte Kohlmeisen, Goldammern, Spatzen und sogar ein Rotkehlchen. Nach den kalten Wintertagen schien es ihr, als würden die Vögel sich genau wie sie selbst an den schönen Sonnenstrahlen erfreuen, in sehnsüchtiger Erwartung auf den Frühling. Denisa empfand ihn jedes Jahr aufs Neue als wunderbares Versprechen. Ein Versprechen und eine Vorahnung auf die herrliche warme Zeit des Jahres, die vor ihr lag. Jedes Jahr wieder hatte sie Ostern mit ihrer Oma im Garten verbracht, zumindest wenn das Wetter es zugelassen hatte. Ostern, das Fest der Auferstehung, es war wie ein Neubeginn nach einer Zeit der Reinigung. Nicht umsonst fiel es zeitlich zusammen mit heidnischen Frühlingsfesten. Wie und wo würde Denisa wohl dieses Jahr Ostern verbringen, jetzt, wo ihre Oma nicht mehr da war und nachdem Omas Haus zu dem Zeitpunkt bestimmt schon vermietet sein würde?
‚Ich werde es ja sehen‘, dachte sie. Vielleicht würde ihr das Osterfest dann auch gar nicht mehr so wichtig erscheinen. In den letzten Wochen hatte Denisa immer wieder erfahren, wie ihre Wünsche und Prioritäten sich verändert hatten. Und war sie vor Omas Tod doch ein sehr planender Mensch gewesen, so merkte sie in letzter Zeit immer öfter, dass sie nur von Tag zu Tag lebte. Im Jetzt, wie es von vielen spirituellen Meistern als Ideal beschrieben wurde, aber Denisa fühlte sich auch so, als hätte sie gar keine andere Wahl. An die Vergangenheit mit ihrer Oma zu denken, war noch zu schmerzhaft, als dass sie es oft zulassen konnte. Und die Zukunft…? Es erschien Denisa auf einmal so schwer, etwas zu planen. Sicher, sie würde bald wieder zu arbeiten anfangen und in ihrer Wohnung leben. Aber sonst? Das Bild, das sie zuvor von ihrem Leben gehabt hatte, es passte nicht mehr. Sie hatte sich immer vorgestellt, ihrer Oma irgendwann einmal Urenkel zu schenken. Die hätte sich sehr darüber gefreut, so kinderlieb, wie sie gewesen war. Aber jetzt? Denisa war sich nicht einmal mehr sicher, ob sie überhaupt heiraten würde, was sie früher nie in Frage gestellt hatte. Aber das war gewesen, bevor ihre Oma gestorben war. Und bevor Denisa Mia kennengelernt hatte…
Das kurze Telefonat mit ihrer Freundin, hatte Denisa nachdenklich zurückgelassen. Sie wusste, dass Mias Vater krank war, aber wie krank tatsächlich? Blieb der Familie noch Zeit miteinander? Vielleicht würde Mia morgen schon mehr erzählen können, wenn sie beide sich trafen. Sie hatten sich nach ihrer Ankunft hier so rasch voneinander getrennt, da Mia ohne Umschweife ihr Zuhause hatte aufsuchen wollen. Denisa hatte ihre Nervosität spüren können, als sie die Freundin vor drei oder vier Stunden dort abgesetzt hatte, und nach allem, was Mia ihr erzählt hatte, konnte sie das auch gut verstehen.
Das Licht der Sonne verschwand nun hinter den Bäumen, sodass der Wind auf einmal viel eisiger wirkte als zuvor. Denisa zog ihre Mütze tiefer ins Gesicht und knöpfte den Kragen ihres Mantels zu. Der Weg in der Parkanlage hatte eine Biegung gemacht und führte über einen kleinen Hügel zurück in die Richtung der Straße. An einem Weiher kam sie noch vorbei, auf dem sich im Frühling bestimmt die Enten tummeln würden. Nun jedoch lag er still und verlassen dort. Der rasche Rückzug der Sonne tauchte die Landschaft in eine verschlafene Stimmung, und etwas unheimlich war es, so entfernt von den Lichtern der Straße, weshalb Denisa ihren Gang beschleunigte. Jetzt, da es rasch kühler wurde, freute sie sich auf ihr Zimmer und das gemütliche Bett dort, in das sie sich gleich kuscheln wollte.
An ihrem Auto, das vor der Pension auf dem Parkplatz stand, blieb sie stehen und öffnete den Kofferraum. Darin lag der Geigenkoffer, eines der Stücke, die sie aus dem Haus ihrer Oma mitgenommen hatte. Aus irgendeinem Grund hatte sie ihn auch auf diese Reise mitnehmen wollen. Nun nahm sie ihn heraus, schloss den Wagen ab und ging in das Haus, die Treppe hoch zu ihrem Zimmer, wobei ihr niemand begegnete. Denisa atmete wohlig auf, als sie in dem warmen Zimmer ankam, und nachdem sie Schuhe und Mantel abgelegt hatte, zog sie als Erstes die dicken Vorhänge zu. Dann legte sie den Geigenkoffer auf das Bett und öffnete ihn. Auch wenn er selbst ein paar Kratzer und Abschürfungen hatte, das Instrument darin sah absolut makellos aus. Wunderschön schimmerte das glatte Holz im Licht der Deckenlampe, und der Duft, den es verströmte, war in Denisas Erinnerungen verankert. Es war eine der wenigen Erinnerungen, die sie an ihren Opa hatte, denn er war schon vor über zwanzig Jahren gestorben. Da war Denisa gerade sieben oder acht gewesen.
