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Wer bin ich? Während das Jahr seinen Lauf nimmt, wächst diese Frage unaufhaltsam in Denisa. In der Hitze des Sommers bricht sie auf, um endlich ihren Vater kennenzulernen und macht dabei ungeahnte Erfahrungen und aufregende Bekanntschaften. Wer ist dieser Mann, den ihre Mutter einst geliebt hatte? Welches Geheimnis verbirgt er vor ihr? Und was hat es mit der sonderbaren Nachricht aus dem Geigenkoffer auf sich? Während Denisa nach und nach Antworten auf ihre vielen Fragen erhält, stellt sie wieder einmal fest, dass das Leben viel mehr bereithält, als sie für möglich gehalten hätte. Sogar eine neue Liebe… Fortsetzung von „Licht im Nebel“ und „Die letzte Seite“
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Julia Rösner
Klingende Saiten
Roman
Impressum:Julia RösnerHeimgartenstr. 1382362 Weilheim
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Copyright © 2020 Julia RösnerHerstellung und Verlagtolino media GmbH und Co. KG
Umschlagbild: Rosanna MaischKorrektorat: Thomas MontagUmschlaggestaltung und Satz: Robert Rösner
ISBN: 9783739492735
Für meine wunderbare Familie
Julia Rösner (Jahrgang 1983) schreibt seit ihrem elften Lebensjahr Gedichte, Kurzgeschichten und Romane. Von ihr behandelte Themen wie der Umgang mit Verlust und Lebenskrisen, sowie ethischen und spirituellen Fragen fügen sich harmonisch ein in Geschichten über Liebe, Familie und Freundschaft. Sie ist als Magisterpädagogin in der Beratung für Menschen mit Behinderung tätig und lebt mit ihrem Ehemann und ihrem Kater südlich von München.
Muschelhorn und Meergesang
Tanz der Wellen dem Licht entlang.
Glätte und Fülle – vom Leben erfasst.
Schwingen und Singen ohne Hast.
In die Weiten brich' auf, du Seele mein!
zu neuen Ufern und neuem Sein.
Kapitel eins
Grünes Gras. So weit Denisa schauen konnte, bedeckte es die Landschaft und war durchsetzt von vielen bunten Blumen: Margeriten, Mohn, Disteln, Klee… Es war nicht auszumachen, wo genau die weite Fläche in der Ferne endete. Ein grünes Meer aus Leben. Überall um sie herum zirpte und summte es, und Grashüpfer sprangen aufgeregt davon bei jedem vorsichtigen Schritt, den sie machte. Durch ihre Sandalen konnte sie die kitzelnden Grashalme auf ihrer Haut spüren, und das war ein wunderbares Gefühl nach der langen Fahrt hierher. Fast sieben Stunden im Auto hatte sie hinter sich. Mit Pausen zwar, aber dennoch hatte sie das Gefühl, jeden ihrer Knochen zu spüren. Quer durch das Land war sie gefahren, und es war eine Reise vom vertrauten Heim ins Unbekannte: in eine unbekannte Gegend und ein unbekanntes Abenteuer. Es musste nun kurz nach siebzehn Uhr sein, aber die Julisonne schien noch immer kräftig auf die Landschaft um sie herum. In der Ferne konnte Denisa Kornfelder erkennen, die in voller Reife golden leuchteten.
Nun war sie also hier… wo sollte sie beginnen? Sie hatte nichts außer einer Adresse und einem Namen. Theodor Lechner. Lechner… der Name, den auch sie selbst tragen könnte, wäre ihr Leben anders verlaufen. Und das seine. Irgendwo hier in der Nähe musste es sein, das Haus, in dem er lebte. Laut Karte im Internet stand es frei, und dank Google Earth hatte Denisa eine ungefähre Vorstellung davon, wie es aussah. Ein weißes Haus mit braunen Fensterläden und einem großen Garten, in dem ein Gartenhäuschen stand. Auch die Terrasse wirkte groß und verlief um das halbe Haus herum, von einer Pergola teilweise überdacht. Alles sah idyllisch aus, selbst auf dem Luftbild im Internet. Idyllisch und makellos, und das beängstigte Denisa irgendwie, denn es schien so perfekt zu sein. Der Spiegel eines perfekten Familienlebens, zu dem sie nicht dazugehörte, und in das einzudringen, sie sich vorgenommen hatte.
Für heute waren ihre Kraftreserven jedenfalls verbraucht. Die Fahrt hatte sie ausgelaugt, und sie hatte außer ein paar Keksen noch nichts gegessen. Nach einem letzten Blick über die weite Landschaft wandte sie sich um und ging die paar Schritte zurück über den Feldweg, an dessen Anfang sie ihren Wagen geparkt hatte. Im nächsten Ort gab es eine Pension, in welcher sie schon von zu Hause aus ein Zimmer reserviert hatte. Rosalies Stube hatte auf den Fotos im Internet sympathisch ausgesehen mit der zitronengelben Fassade und den blauen Fensterläden. Vor allem aber war das Zimmer günstig, und das war das Wichtigste für Denisa, denn sie wusste noch nicht, wie lange sie bleiben würde.
Sie startete den Wagen, verließ den Feldweg und bog auf die Landstraße ab, die in den Ort führte. Der bestand aus beschaulichen kleinen Häusern, von denen die meisten schön bepflanzte Gärten hatten. Die Pension erkannte Denisa sofort.
Rosalie Wormser war eine schlanke, hochgewachsene Frau mit einem warmen Lächeln und blonden schulterlangen Haaren. Als Denisa ankam, war sie gerade dabei, die vertrockneten Geranienblüten aus den Töpfen vor der Eingangstür zu zupfen. Die nicht vertrockneten Blüten leuchteten in intensivem Rot und Rosa.
„Hallo!“, begrüßte Frau Wormser ihren Gast. „Sie müssen Frau Sievert sein.“
Die Formalitäten waren schnell erledigt, sodass die beiden Frauen nur wenige Minuten später die Treppe zum ersten Stock hinaufstiegen, wo sich Denisas Zimmer befand. Es war einfach gestaltet, aber mit einem Doppelbett und einem Schrank für zwei Personen. Überall lagen zur Dekoration Muscheln verschiedener Größen und Formen umher: auf der Fensterbank, der Bettkommode und im Badezimmer. Denisa gefiel das, und sie fühlte sich ein wenig wie im Urlaub, obwohl ihr Aufenthalt hier voraussichtlich alles andere als das werden würde.
Nachdem Frau Wormser ihrem Gast alles gezeigt und über die Frühstückszeiten aufgeklärt hatte, reichte sie Denisa mit einem Lächeln den Schlüssel.
„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“, erkundigte sie sich, woraufhin Denisa nickte: „Gibt es hier irgendwo etwas in der Nähe, wo man jetzt schön essen kann?“
Die Pensionsbesitzerin nickte eifrig, während sie die Vorhänge vor dem großen Fenster zur Seite zog. Die Abendsonne beschien die Bäume, welche den Rand der Straße unten säumten, golden.
„Oh ja, es gibt eine hübsche kleine Pizzeria um die Ecke. Die machen um halb sechs auf.“
Das war jetzt genau das Richtige für Denisas hungrigen Magen, und sie beschloss, gleich zu dem Lokal aufzubrechen und ihr Gepäck später aus dem Auto zu holen.
Da Mario lag tatsächlich gleich um die Ecke, kaum fünf Minuten zu Fuß entfernt. Die Abendsonne spiegelte sich in einer Reihe hübscher Weinflaschen, die auf der Fensterbank neben dem Eingang standen. Um die Flaschen herum waren Kornähren und Stroh, sowie einige Weinreben drapiert. Ein hübsches Arrangement, das sogleich Denisas Appetit auf ein Glas Rotwein weckte. Einige kleine Tische standen im Garten vor der Eingangstür, und sie entschied sich für einen Platz nahe der geschmückten Fensterbank. Ansonsten war erst einer der anderen Tische besetzt, aber das würde sich bestimmt bald ändern, schließlich hatte das Lokal gerade erst geöffnet. Kaum hatte Denisa sich gesetzt und ihre Handtasche über die Lehne des hölzernen Klappstuhls gehängt, als auch schon der Kellner mit der Speisekarte zu ihr kam. Offenkundig italienischer Herkunft, summte er ein urtümliches „Buonasera“ und reichte ihr die Karte. Ein Glas Rotwein und Wasser dazu bestellte Denisa ohne Umschweife. Die warme Luft kitzelte fröhlich über ihre Haut und wehte ihr immer wieder eine Haarsträhne ins Gesicht. Aus dem Inneren des Restaurants klang dezente italienische Musik. Denisa ließ sich Zeit, um durch die Karte zu blättern, und entschied sich dann schließlich für eine Pizza Quattro Stagioni und einen gemischten Salat. Mit einem wohlwollenden Nicken und freundlichem Lächeln nahm der Kellner ihre Bestellung auf, nachdem er den Wein gebracht hatte.
„Machen Sie Urlaub hier?“, fragte er sie noch. Denisa hielt es für möglich, dass Fremde auffielen in diesem Ort, da sie sich wohl selten hierher verirrten. Obwohl schön, war es keine typische Urlaubsgegend, und sie hatte außer Ruhe und weiten Wiesen wenig zu bieten. Zumindest glaubte Denisa das nach dem, was sie im Internet gelesen hatte. Hier sprachen sich Neuigkeiten bestimmt schnell herum. Sie war auf der Hut und wollte nicht zu offenherzig sein, deshalb schüttelte sie nur lächelnd den Kopf und verneinte.
„Ich habe hier etwas zu erledigen“, fügte sie noch hinzu, um nicht unfreundlich zu wirken. Ihr Gegenüber nahm diese Information gelassen auf und hielt jedes weitere Interesse unter Verschluss. Es war schwer, sein Alter zu schätzen, aber Denisa vermutete, dass er Ende zwanzig, also etwa in ihrem Alter sein musste. Seine langen schwarzen Locken trug er ordentlich zusammengebunden. Als er dann ihre Pizza und den Salat brachte, summte er die Melodie des Liedes mit, das gerade im Lokal lief und trällerte dann ein heiteres „Buon appetito!“ Und den hatte Denisa! Sie musste sich beherrschen, um nicht wie eine Wilde über die Köstlichkeiten herzufallen, solchen Hunger hatte sie!
Inzwischen waren noch ein paar Gäste hinzugekommen, und ihr Stimmengewirr erfüllte die Atmosphäre. Die Leute schienen den Sommer in vollen Zügen genießen zu wollen, obwohl es ein normaler Wochentag war. Denisa bemühte sich, bewusst langsam zu essen und jeden Bissen zu genießen. Das war etwas, was sie sich generell vorgenommen hatte, aber heute fiel es ihr besonders schwer. Immer wieder wanderten ihre Gedanken zu dem Grund, aus dem sie hergekommen war. War es eine gute Idee, ihn zu suchen und zu sehen, wie er lebte? So oft in den letzten Wochen hatte sie hin und her überlegt, Vor- und Nachteile abgewogen. Hätte sie zuerst einmal anrufen sollen, bevor sie hier auftauchte? Aber was hätte sie sagen sollen zu diesem Menschen, den sie gar nicht kannte? Und wie hätte sie sich am Telefon wirklich sicher sein sollen, mit der richtigen Person zu sprechen?
Nach dem letzten Bissen Pizza legte Denisa das Besteck zur Seite und lehnte sich mit dem Weinglas in der Hand zurück. Einen Moment lang schloss sie die Augen und wandte ihr Gesicht den wärmenden Sonnenstrahlen zu. Nein, es war richtig hier zu sein. Sie wollte ihn mit ihren eigenen Augen sehen, ihren Vater, und nicht lediglich seine Stimme am Telefon hören, wenn er ihr womöglich sagen würde, dass er sie nicht kennenlernen wollte. Er sollte keine Chance haben, sich um die Begegnung mit ihr zu drücken! Bei diesem Gedanken spürte Denisa ein Ziehen in ihrer Brust und musste unwillkürlich schlucken. Das Klappern des Geschirrs, welches der Kellner abräumte, holte sie in die Realität zurück, genauso wie seine Worte:
„Un espresso per la signora?“
Sein Lächeln war so freundlich, dass sie fast darauf eingegangen wäre, aber jetzt nach dem Essen fühlte sie sich einfach nur müde und wollte in ihr Zimmer.
„Nein, danke“, antwortete sie deshalb, trank den letzten Schluck Wein aus und bat um die Rechnung.
Den Weg zurück ging sie barfuß über den Asphalt, der stellenweise noch warm war, und es tat ihr gut, den festen Untergrund zu spüren. Wieder bei der Pension angekommen, öffnete sie ihr Auto, um ihre Reisetasche zu holen. Auf einmal kam ihr ein ganz anderer Gedanke als vorhin: was, wenn er sie verleugnen würde? Wenn er so täte, als wäre sie nicht mit ihm verwandt? Er hatte schließlich eine Familie! Energisch wuchtete Denisa die Tasche aus dem Kofferraum und schloss ihn etwas zu geräuschvoll.
‚Nicht daran denken, was alles passieren könnte!‘, das hatte sie sich vorgenommen. Alles einfach auf sich zukommen lassen. Warum war das so schwer?
Vom Rücksitz holte sie noch den vergilbten Geigenkoffer, dann schloss sie den Wagen ab. Oben in ihrem Zimmer räumte sie ein paar ihrer Dinge in den Schrank und ins Badezimmer, bevor sie sich ihr Schlafshirt anzog. Das Fenster hatte sie geöffnet, sodass die laue Abendluft hereinströmte. Noch war das Licht draußen hell genug, um Lampenschein verzichtbar zu machen, aber in etwa einer Stunde würde das Sonnenlicht langsam verschwinden. Denisa legte sich quer auf das große Bett und versuchte in Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde einzutauchen. Der Beginn der Geschichte gefiel ihr gut, doch nun verließ sie nach ein paar Seiten die Konzentration. Ihre Glieder waren unruhig, ständig rollte sie sich von einer Seite zur anderen, ging zur Toilette oder trank noch einen Schluck Wasser. Obwohl sie erschöpft war, verspürte sie mit einem Mal einen unglaublichen Drang, sich zu bewegen.
Genervt legte sie sich zurück und ließ das Buch endgültig neben sich sinken. Warum musste sie nur so dermaßen nervös sein? Eine Sekunde lang schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, einfach ihre Tasche zu packen und wieder heimzufahren. Einfach abzuhauen, zurück in ihren Alltag. Aber dann würden irgendwann auch die Fragen wiederkommen… Wer war er? Was war er für ein Mensch, und warum war er aus ihrem Leben verschwunden? Wenn sie jetzt floh, würde sie niemals Antworten erhalten. Nein, das wollte sie nicht!
Stattdessen stand sie auf, schlüpfte in ihre Jeans und ihre Sandalen und nahm den Autoschlüssel. Ihr Schlafshirt ließ sie einfach an. Auf den Gängen der Pension begegnete ihr niemand und auch nicht vor dem Gebäude. Im Auto sitzend klickte sie sich durch das Menü des Navis bis zu der Adresse, die sie dort als letztes eingespeichert hatte. Die Adresse ihres Vaters.
Ungefähr eine Viertelstunde dauerte die Fahrt auf den nachtleeren Straßen, und sie führte hinaus aus dem Ort, über die Landstraße, vorbei an einzelnen Häusergruppen und kleinen Ortschaften. Am Rand einer Vierergruppe von Häusern mit Gärten befand sich Denisas Ziel. Sie erkannte die Position der Gebäude von den Bildern im Internet. Ein weißes Haus mit braunen Läden, die im schwachen Licht der Straßenlaterne nun eher schwarz aussahen. Aus zwei Fenstern im Erdgeschoss drang Licht, und einmal bewegte sich auch ein menschlicher Schatten hindurch. War er das gewesen?
Denisa saß im Inneren ihres Autos, das am Straßenrand parkte, den Motor und die Beleuchtung ausgeschaltet. Ihre Hände lagen auf dem Lenkrad und hielten es fest wie einen verzweifelten Halt für ihre Seele, während sie regungslos auf das Haus starrte, in dem sich immer wieder Schatten bewegten. Denisa ertappte sich dabei, wie sie sich ausmalte, die Familie in dem Haus würde gerade den Tisch für ein üppiges Nachtmahl decken mit schönem Geschirr, Kerzen und vielen leckeren Speisen. Eine Familienidylle in dieser lauen Sommernacht. Vater, Mutter und Sohn…
Mit einem Mal huschte etwas direkt vor ihr über die Straße, sodass Denisa ordentlich zusammenfuhr. Sie konnte erst nicht erkennen, was es war. Erst als das Tier unter dem Lichtkegel der Straßenlaterne innehielt, konnte sie seine Konturen ausmachen: ein heller Fuchs mit einem wunderschönen buschigen Schwanz. Er blieb ein paar Sekunden stehen, schien zu lauschen und verschwand dann so flink wie er aufgetaucht war wieder in der Dunkelheit.
Eine ganze Weile noch starrte Denisa mit geöffnetem Mund in die Richtung, in welcher ihn die Dunkelheit verschluckt hatte, irgendwie hoffend, er würde sich noch einmal zeigen. Noch nie hatte sie so ein schönes Tier in freier Wildbahn gesehen! Was für ein Erlebnis…
Irgendwann jedoch lehnte sie sich enttäuscht in ihrem Sitz zurück, nahm die Hände vom Lenkrad und ließ sie in den Schoß sinken. In dem Haus war es ruhig geworden. Keine sich bewegenden Schatten mehr, nur noch das Lampenlicht, das durch eines der Fenster fiel. Denisa wusste nicht, was sich dahinter verbarg. Es war nicht mehr, als ein fremdes Haus. Ein fremdes Haus in der Nacht.
Kapitel zwei
Es war ein sonniger Tag im Mai gewesen…
Überall sprießte das junge Grün an Büschen und Bäumen und auf den Grasflächen, welche die Gräber umrahmten. Vögel zwitscherten im Geäst und flatterten aufgeregt umher, vollauf mit ihrer Brutpflege beschäftigt. Und inmitten dieses lebendigen Treibens ging die Trauergemeinde mit langsamen Schritten hinter den Männern her, die den hölzernen Sarg trugen. Voran schritt Pfarrer Wolters, den Denisa auch flüchtig kennengelernt hatte. Er war mit dem Verstorbenen gut bekannt gewesen und hatte ihn seelsorgerisch durch seine schwere Krankheit begleitet - bis zum Schluss. Unmittelbar hinter den Sargträgern gingen die Frau des Verstorbenen und seine Tochter: Rosemarie und Mia. Beide wirkten auf den ersten Blick gefasst, doch bei näherem Hinsehen hatte Denisa zuvor ihre geröteten Gesichter erkennen können. So gerne wäre sie einfach zu Mia gegangen und hätte sie in den Arm genommen, aber sie wollte kein Aufsehen erregen und die Zeremonie nicht stören. Deshalb reihte sie sich ein in den Zug der Freunde und Bekannten, die den Rest der Trauergemeinde bildeten. Sie bewegten sich langsam vorwärts bis zu einem ausgehobenen Loch, neben dem ein Bild des Verstorbenen stand und darunter sein Name: Karl Ewald Küster.
Es folgten andächtige Worte und der Abschied der Gemeindemitglieder am Grab. Eine Prozedur, die Denisa nur allzu gut kannte von der Beisetzung ihrer Oma im letzten Dezember. Nur dass damals viel weniger Trauernde am Urnengrab Abschied genommen hatten, da die Trauerfeier schon Wochen zuvor stattgefunden hatte. Dieser Zug an Trauernden hingegen schien kein Ende zu nehmen, und so dauerte es, bis Denisa an der Reihe war, ihre weiße Rose auf den Sarg fallen zu lassen. Ein letzter Gruß, ein letzter Abschied. Gut hatte sie Mias Vater nicht gekannt. Eigentlich keine fünf Wochen, aber die Zeit war für sie sehr intensiv gewesen und voller neuer Erfahrungen. Und sie war der Ursprung des innigen Wunsches gewesen, der sie ein paar Wochen später schließlich in die andere Ecke des Landes führen würde: der Wunsch, ihren eigenen Vater kennen zu lernen.
Denisa warf einen letzten Blick in das Grab, dann wandte sie sich um und trat zu Rosemarie, um ihr Beileid auszusprechen. Mias Mutter jedoch nahm nicht ihre höflich ausgestreckte Hand, sondern umarmte Denisa mit einer unerwarteten Innigkeit.
„Schön, dass du da bist“, flüsterte sie unter Tränen. Dann folgte Mias Umarmung. Innig und fest. Und anstatt sie danach wieder loszulassen, um den anderen Leuten Raum zu geben, zog sie Denisa neben sich, hielt ihre Hand fest und lehnte sich an die Schulter der Freundin.
Beinahe acht Wochen hatten sie sich nicht gesehen. Daran hatte Denisa sich erst gewöhnen müssen, auch wenn sie und Mia nie ein richtiges Paar gewesen waren. Eher wie zwei Reisende, die ein Stück ihres Weges gemeinsam gegangen waren. Liebte sie Mia? Auf eine besondere Art bestimmt. In der Zeit nach Omas Tod hatte sie Denisa sehr geholfen und ihr ganz neue Ideen und Dinge gezeigt. Aber die Zeit zusammen, besonders in den Wochen, als Denisa bei Mia im Ort gewohnt hatte, hatte auch gezeigt, wie verschieden sie beide waren und in welch unterschiedlichen Welten sie lebten. Mia, die unkonventionelle Rebellin und Denisa die Brave, und jede mit ihren eigenen Rätseln, die es zu lösen galt.
Hier nun mit ihr zu stehen, so innig vertraut, fühlte sich richtig an, genauso wie es sich richtig anfühlen würde, wenn sich Denisa in ein paar Tagen wieder verabschieden würde. Wenn jede ihre Reise alleine fortsetzen würde…
Und so war es dann auch gekommen. Nur drei Tage hatte Denisa nach der Beerdigung noch bei Mia verbracht, bevor sie wieder aufgebrochen war in ihr eigenes Leben. Zurückgeblieben war in ihr eine tiefe Sehnsucht, die sie immer wieder seit dem Tod ihrer Oma verdrängt hatte: die Sehnsucht nach ihrem eigenen Ursprung.
Helle Sonnenstrahlen fielen jetzt durch den Spalt zwischen den Vorhängen direkt auf das Bett vor Denisas Gesicht. Zuvor war sie schon einmal wach gewesen, als die Sonne gerade aufgegangen war, hatte sich dann aber wieder zur Seite gerollt und dem Schlaf überlassen. Wilde, unruhige Träume hatten sie dann gejagt, von denen sie jedoch keinen mehr greifen konnte, nur das verwirrte rastlose Gefühl, das sie hinterlassen hatten. Deshalb war sie jetzt froh, die warmen Sonnenstrahlen zu spüren, als sie den Kopf etwas nach vorne schob. Ein neuer wunderbarer Sommertag hatte begonnen, und Denisa spürte sofort einen Schub von Tatendrang in sich und die Lust, sich rasch zu duschen, anzuziehen und hinauszugehen. Aber dort – und die Erinnerung daran ließ ihr gleich übel werden – wartete auch ihre Aufgabe auf sie, die nichts mit Erholung zu tun hatte.
Zögerlich rollte sie sich aus dem Bett und tappte ins Badezimmer. Im Gehen streifte sie ihr Nachthemd über den Kopf und warf es zurück in Richtung Bett, das sie knapp verfehlte. Das lauwarme Duschwasser perlte angenehm über ihre Haut und gerne benutzte Denisa das Päckchen Duschgel, das auf der Ablage bereitlag. Der Duft von Kokos breitete sich im Badezimmer aus, während sie es auf ihrer Haut verteilte, und es weckte in ihr unwillkürlich die Assoziation mit einer Cocktailparty. Coconut Kiss war einer ihrer Lieblingscocktails.
Nur oberflächlich abgetrocknet verließ sie die Duschkabine, kämmte sich die langen nassen Haare und band sie fest mit einem Haargummi zusammen. So getrocknet würden sie nachher wunderbar fallen. Ihr Körper trocknete rasch an der Luft, sodass sie ein T-Shirt und ihre Jeans über die Unterwäsche ziehen konnte. Es war schon kurz nach acht, und sie musste sich beeilen, um noch rechtzeitig zum Frühstück zu kommen. Außer ihrem Zimmerschlüssel nahm sie nichts mit nach unten.
In dem gemütlichen Frühstücksraum waren zwei Tische besetzt, augenscheinlich von Ehepaaren. Denisa setzte sich an einen kleinen gedeckten Tisch nahe dem Fenster. Auf der beigen Tischdecke prangte ein kleiner Kaffeefleck, aber sonst war er schön gedeckt und sogar mit frischen Topfblumen verziert. Frau Wormser kam persönlich, um Kaffee einzuschenken.
„Guten Morgen“, begrüßte sie ihren Gast fröhlich und deutete dann auf das Buffet in der Mitte des Raumes. „Ich habe gerade frisches Rührei gemacht“, sagte sie dazu.
Das hörte sich gut an, darauf hatte Denisa jetzt Appetit! Während sie mit ihrem Teller langsam um das reich gedeckte Buffet herumging, sich hier eine Scheibe Brot nahm, dort ein paar Tomaten und einen Löffel von dem köstlich duftenden Rührei, hörte sie mit halbem Ohr, wie sich das Paar am nächsten Tisch unterhielt. Sie schienen beide ungefähr Mitte fünfzig zu sein. Die Frau blickte unentwegt auf ihr Handy, bis der Mann sagte: „Jetzt lass das doch mal! Er meldet sich schon.“
„Aber sie müssten längst gelandet sein!“, entgegnete sie und ließ ihre Hand auf dem Telefon liegen, bereit, es erneut anzuschalten.
„Du wirst sehen, er ruft bestimmt gleich an“, versicherte ihr Mann erneut, woraufhin sie den Kopf schüttelte.
„Warum muss es auch ausgerechnet New York sein…?“, hörte Denisa die Frau noch seufzen, bevor sie selber zurück an ihren Tisch und somit außer Hörweite kam. Zu gerne hätte sie gewusst, über wen die beiden gesprochen hatten. Ihren Sohn? Einen Freund? Oder über den Vater von einem von ihnen?
Das Rührei schmeckte wirklich köstlich. Denisa ließ jeden Happen genussvoll auf der Zunge zergehen zusammen mit dem Brot und den Tomaten. Zum Abschluss gönnte sie sich noch ein Croissant mit Marmelade. Vor dem Fenster lag ein kleiner Garten, der von Rosenhecken eingerahmt war. In der Mitte auf dem Rasen stand eine Keramikschale auf einem Sockel, augenscheinlich eine Tränke für Vögel. Aber jetzt ließ sich keiner dort blicken. Die Rosen blühten in verschiedenen zarten Orange-, Gelb- und Weißtönen. Wie mit Pastellfarben gemalt.
Denisa war die Letzte, die den Frühstücksraum verließ. Gemächlich stieg sie die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf, schloss die Tür hinter sich und ließ sich auf das Bett plumpsen. Was nun? Was sollte sie tun? Sie hatte keinen Plan. Sie könnte einfach zu dem Haus fahren, wie sie es letzte Nacht getan hatte und sehen, was geschah. Aber bei diesem Gedanken spürte sie Übelkeit in sich aufsteigen. Unruhig geworden stand sie auf und ging ins Bad, um sich die Zähne zu putzen. Ihre zusammengebundenen Haare sahen im Spiegel so aus, als wären sie schon trocken, obwohl sie sich unten auf der Haut noch feucht anfühlten. Deshalb ließ Denisa das Haargummi noch darum.
Es war wahrscheinlich, dachte sie dann, dass jetzt ohnehin keiner am Haus war. Schließlich war es unter der Woche und mitten am Tag. Vielleicht wäre es besser, bis zum Wochenende zu warten? Oder zumindest bis zum Abend? Denisa spülte sich den Mund aus und trat dann aus dem Badezimmer ans Fenster, wo sie den Vorhang zur Seite zog und eine Flut an Sonnenlicht hereinließ. Unter dem Fenster verlief die Straße, und als sie es öffnete und den Kopf heraus steckte, konnte sie sogar ihr Auto auf dem Parkplatz davor sehen. Eine schwarze Katze spazierte über den Bürgersteig einige Meter weiter, um dann die Straße zu überqueren und durch die Zaunlatten eines der gegenüberliegenden Gärten zu schlüpfen. Denisa musste unwillkürlich an Moritz denken, den Kater ihrer Oma, der oft tagelang herumstreunte und sich eher sporadisch im Haus blicken ließ. Das junge Ehepaar, das Omas Haus jetzt gemietet hatte, schickte Denisa immer mal wieder ein Foto von dem alten Kater, den sie gerne versorgten wie einen festen Bestandteil ihres Mietobjekts. Bestimmt würde auch Moritz an einem schönen Tag wie diesem draußen unterwegs sein, seine Nase überall hinein stecken und die Gegend erkunden. Und genau das wollte Denisa jetzt auch tun, also packte sie ihr Handy zum Geldbeutel in die Handtasche, vergewisserte sich noch, dass auch Taschentücher und Sonnenbrille darin waren und verließ erneut das Zimmer.
Draußen begrüßte sie eine frische Brise, die sie zuerst in ihrem T-Shirt sogar frösteln ließ, doch sobald sie in die Sonne ging, wurde ihr angenehm warm. Langsam, sich Zeit lassend spazierte sie in Richtung Ortsmitte. Vorbei an Da Mario, vorbei an kleinen Häusern mit ihren blühenden Vorgärten. In einem davon standen auf Stöcke aufgespießt allerlei bunte Tierfiguren aus Ton. Vögel, rundbauchige Katzen und Hunde, ein kugeliger Frosch… es war eine lustige Parade. Offenbar töpferte hier jemand gerne.
Je näher Denisa dem Ortskern zu kommen schien, desto häufiger waren zwischen den Wohnhäusern kleine Geschäfte und Lokale zu finden. Ein Laden hatte im Schaufenster eine Reihe fantastischer Figuren wie Elfen, Trolle und Drachen stehen. Daneben lagen Tarotkarten, Buddhafiguren, Bücher über Kräuterheilkunde und glitzernde Steine. Es war ein bunter Mix aus Dingen, die wohl für Esoterik-Fans bestimmt waren, und Denisa wunderte sich darüber, dass es dafür genug Kunden gab in so einer Gegend, in der nicht viele Touristen vorbeikamen. Und obwohl sie selbst weit davon entfernt war, sich mit Tarot oder Magie zu beschäftigen, so reizte sie diese Vielfalt an bunten Dingen doch zum Stöbern. Also trat sie kurzentschlossen durch die offene Tür, durch welche ein unverkennbarer Räucherwerkduft nach draußen zog.
Hinter dem Tresen saß eine Frau um die vierzig, die stark geschminkt war. Große runde Silberringe zierten ihre Ohrläppchen, und ihr Haar hatte sie mit einem hellblauen Tuch zurückgebunden, das von glänzenden Fäden durchsetzt war. Dazu trug sie ein lila Wickelkleid, das ein wenig an indische Saris erinnerte. Sie begrüßte Denisa mit einem Lächeln und widmete sich dann wieder ihren Fingernägeln, die sie ausgiebig feilte. Denisa war es recht, denn sie wollte gerne in Ruhe stöbern, ohne sich gleich unterhalten zu müssen. Die Fülle an Farben und Gegenständen entsprach der Auslage im Fenster, und an den meisten Dingen ging Denisa mit einem amüsierten Lächeln vorüber. Viele der Elfenfiguren sahen so kitschig aus, dass sie sich ernsthaft fragte, wer für so etwas Geld ausgab. Denn direkt günstig waren die guten Stücke bei Weitem nicht. Sie ging entlang eines Bücherregals mit Esoterikliteratur, aber auch mit Naturheilkunde, vorbei an Armeen von Buddhastatuen und Traumfängern, bis sie schließlich vor einem Regal voller bunter Kissen angekommen war. Darunter lagen neben klassischen Kissenformaten auch kugelförmige stabile Exemplare. Denisa erkannte diese Art sofort, denn in ihrem Buch über Meditation waren ein paar abgebildet. Solche Kissen eigneten sich besonders für die Meditationshaltung, gerade auch für Anfänger. Gedankenverloren nahm sie eines der Kissen in die Hände und drehte es langsam umher. Es war mit schwarzem Stoff überzogen und mit vielen Pailletten und schillernden Bändern in Gold und Rot verziert. Es gefiel Denisa irgendwie, aber brauchte sie das wirklich? Bisher hatte sie sich zur Meditation einfach auf zwei ihrer Sofakissen gehockt. Also, die paar Male zumindest, die sie es geschafft hatte. Oft kam dann doch etwas in ihrem Alltag dazwischen, auch wenn sie eigentlich vorgehabt hatte, sich regelmäßig zur Meditation hinzusetzen. In diesem Moment, als sie mit dem Kissen in den Händen dastand, nahm sie sich wieder vor, ihren Plan konsequenter umzusetzen. Dann stopfte sie das gute Stück zurück ins Regal, und mit einem Mal wurde ihr der Räucherduft zu intensiv. Wie hielt die Frau an der Kasse das nur den ganzen Tag aus! Denisa war jedenfalls froh, im nächsten Moment wieder auf dem Gehweg zu stehen, ohne noch von ihr in ein Verkaufsgespräch verwickelt worden zu sein.
Mittlerweile schien die Sonne schon ziemlich heiß herunter, und ein Blick auf die Uhr am Handy bestätigte ihre Vermutung, dass es bereits kurz vor elf war. Sie hatte sich richtig Zeit gelassen zum Flanieren, und nun spürte sie, dass sich ein Durstgefühl bei ihr meldete. Jetzt musste sie auch gleich den Ortskern erreicht haben, was sie daraus schloss, dass sie nicht allzu weit entfernt das Läuten einer Kirchturmglocke ausmachen konnte. Geschäfte waren hier deutlich mehr vorhanden als noch ein paar hundert Meter zuvor. Ein Schuhgeschäft, eine Buchhandlung, mindestens drei verschiedene Bekleidungsläden, Obst-, Gemüse- und Feinkosthändler. Und Denisa entdeckte einen Tabakladen, der auch kleine Snacks und Zeitschriften anbot. Auf ihn steuerte sie zu, um sich eine Flasche Wasser zu besorgen. Ein helles Glöckchen an der Tür schellte, als sie eintrat. Am Verkaufstresen stand ein älterer Herr, einen Lotterieschein in der Hand, und unterhielt sich mit dem Kassierer. Sie schienen sich gut zu kennen, und da sie es nicht eilig hatte, wandte Denisa sich dem Regal mit Zeitschriften zu, um den beiden noch ein wenig Zeit zum Plauschen zu geben. Ziellos stöberte sie durch Frauenmagazine, Hefte über Wohnideen, Landleben und Kochzeitschriften, bis sie auf einmal ein Reisemagazin entdeckte mit dem Titel Australien. Darunter war ein wunderschönes Foto des berühmten Ayers Rock abgedruckt, das Denisas Faszination weckte. Noch nie war sie weiter gereist als nach Italien oder in die Schweiz. In Frankreich war sie zwar auch einmal gewesen, aber nur zum Schüleraustausch. Ein so fremdes und fernes Land wie Australien übte schon einen starken Reiz aus. Mit einem Mal sehr interessiert blätterte sie in dem Heft herum, las hier und da einen Absatz und betrachtete die tollen Bilder. Wie ein Fenster zu einer völlig neuen Welt.
Denisa hörte das Gespräch der Männer nicht mehr. Sie beachtete auch das Klingeln des Türglöckchens gar nicht, bemerkte nur den leichten Windhauch, der ihr Gesicht streifte. Und dann auf einmal hörte sie die Stimme des Kassierers, die sie so schlagartig aus ihren Träumereien riss, wie der Hieb einer Peitsche:
„Ah, hallo Theo! Wie geht’s?“ Theo!
Zuerst fühlte Denisa sich wie erstarrt. Sie konnte ihr Herz in ihrer Brust schlagen spüren, so kräftig mit einem Mal, dass es fast wehtat. Kaum wagte sie Luft zu holen. Ganz vorsichtig schielte sie zu den Männern hinüber, die sich die Hände schüttelten und sie selbst dort am Regal gar nicht beachteten. Zuerst nahm sie ihn nur verschwommen wahr und von hinten. Konnte das sein? War er das? Ausgerechnet hier? Ihre Zweifel wurden gleich hinweggefegt, als Theo sich zu dem älteren Mann wandte, und Denisa dadurch sein Seitenprofil erkennen konnte. Kein Zweifel, das war der Mann, dessen Bild sie auf Facebook so oft betrachtet hatte! Der Mann mit den schon ziemlich ergrauten Haaren und den breiten Schultern. Der Mann, dessen jüngere Version sie nur von ein paar Fotos kannte. Der Mann, den ihre Mutter einst geliebt hatte. Denisas Vater.
Sie konnte nicht anders, als in die Richtung der Männer zu starren, so geschockt war sie. Ihre Finger umklammerten das Heft in ihren Händen und hinterließen darauf Knicke und Spuren von Schweiß. Der Kassierer, als Einziger ihr zugewandt, musste irgendwann ihren Blick bemerkt haben, denn er hob den Kopf, lächelte sie an und fragte: „Kann ich Ihnen helfen?“
Im nächsten Moment wandten sich die beiden anderen Männer zu ihr um, ein altes, zerfurchtes Gesicht und eines mit einem Dreitagebart, das fremd und vertraut zugleich aussah. Beide hatten ein lockeres Lächeln aufgesetzt.
Denisa konnte nicht sprechen, nicht einen sinnvollen Satz herausbringen. Deshalb schüttelte sie nur den Kopf. Und dann geschah es! Der Mann, der Theo hieß, ging mit einem „Ach, das hätte ich fast vergessen!“ auf das Zeitschriftenregal zu und schien sich kein bisschen über die junge Frau dort zu wundern. Doch dann, als sie, ohne es zu wollen, einen Schritt zurückwich, verrieten seine Gesichtszüge plötzlich einen Anflug von Irritation, und seine grauen Augen fixierten sie. Denisa hatte das Gefühl, als würden sie durch sie hindurch blicken bis in die Tiefen ihrer Seele. Schwindel erfasste sie, und sie hatte mit einem Mal Panik, keine Luft mehr zu bekommen.
„Alles in Ordnung?“, hörte sie den Mann vor sich wie durch einen dichten Nebel fragen, und sie schaffte es gerade so, zu nicken und die Zeitschrift auf das Regal zu legen, irgendwohin. Irgendwie schaffte sie es auch sich umzudrehen, die Tür zu öffnen und das Geschäft zu verlassen, wobei das Klingeln der Türglocke in ihrem Kopf wiederhallte. Draußen auf dem Gehweg beschleunigte sie ihre Schritte, rannte fast, bog um die nächste Ecke, rannte nun wirklich, so schnell es in ihren Sandalen eben ging. Sie achtete nicht auf die Passanten, die ihr teilweise verwundert hinterher schauten. Sie achtete nicht darauf, dass sich ihr Haargummi löste und verabschiedete. Sie wollte nur weg! Weg, weg, weg!
Nach ein paar Minuten zwang sie jedoch die Atemlosigkeit, ihre Schritte zu verlangsamen. Ein paar Mal blickte sie hektisch zurück in die Richtung, aus der sie gekommen war, aber der Mann war nicht zu sehen. In einer einsamen Seitenstraße schließlich hockte Denisa sich auf die Bordsteinkante und legte den Kopf auf ihre Knie. Alles drehte sich in ihr, und sie musste sich zwingen, ruhig und tief zu atmen, um nicht vollends in Panik zu verfallen. Es dauerte einen Moment, bis ihr Herz nicht mehr ganz so schmerzhaft schnell klopfte. Der Schwindel jedoch blieb, was durch ihren Durst noch verschlimmert wurde. Was war da gerade passiert? Nie hätte sie damit gerechnet, ihren Vater hier zu treffen! Bis jetzt hatte sie ihn immer nur mit dem Haus in Verbindung gebracht, wo sie ihn aufsuchen wollte.
Denisas Hände zitterten vor Aufregung, ihr ganzer Körper fühlte sich wackelig an, und sie war froh, dass hier niemand war, der sie ansprechen konnte. Sie hätte jetzt nicht reden können, geschweige denn erklären, was mit ihr los war. Und so blieb sie einfach dort sitzen auf dem Bordstein und versuchte tief zu atmen, um sich zu beruhigen, bis sie sich endlich dazu in der Lage fühlte, wieder aufzustehen. Mit noch weichen Knien schleppte sie sich langsam weiter die kleine Straße entlang und immer weiter zum Ortsrand, raus aus dem Ort bis zu einer Wiese. Sie entfernte sich ein Stück von dem letzten Haus, und stolperte auf das sattgrüne Gras, auf das sie sich schließlich niedersinken ließ. Kraftlos fühlte sie sich und unglaublich schlapp, so als hätte sie einen schweren Kampf hinter sich. Deshalb rollte sie sich auf dem kühlen Gras zur Seite, schlang ihre Arme um ihren Körper und begann hemmungslos zu weinen.
Kapitel drei
Sie konnte nicht mehr länger weglaufen, sich nicht mehr länger verstecken. Fast eine halbe Stunde lang hatte sie dort in der Wiese gelegen und geschluchzt und sich dann mithilfe ihres Handys zurück zu ihrer Pension navigiert. Dort angekommen war sie ins Bett gefallen und hatte sich in den Schlaf geweint. Nun war es kurz nach vier, und sie lag immer noch dort. Ihr Magen knurrte, aber gleichzeitig war ihr so übel, dass sie kaum einen ihrer Kekse herunterwürgen konnte. Wenigstens hatte sie vor dem Schlafen eine ordentliche Menge Wasser getrunken, sodass der Schwindel nachgelassen hatte.
Was sollte sie jetzt tun? Abwarten? Nach Hause fahren? Mia anrufen und sie um Rat fragen? Immer wieder drehte sie die Optionen in ihrem Kopf hin und her, obwohl sie die Antwort eigentlich längst wusste: sie konnte nicht mehr weiter davonlaufen…
Schwerfällig stand sie von dem Bett auf. Ihr T-Shirt war nassgeschwitzt, deshalb zog sie es aus und ging ins Badezimmer, um sich zu waschen. Dann holte sie ein frisches Hemd aus dem Schrank und zog es über. Dazu schlüpfte sie wieder in dieselbe Jeans, die sie auch vorhin getragen hatte.
Noch herrschten hohe Temperaturen draußen, und Denisa war froh über die Klimaanlage in ihrem Auto. Einen kurzen Moment lang saß sie nur unschlüssig dort, dann gab sie sich einen Ruck und fuhr los, dasselbe Ziel im Navi wie letzte Nacht. Dieses Mal dauerte die Fahrt etwas länger, weil mehr Verkehr auf den Straßen war, aber Denisa war froh um jede Verzögerung. Beide Hände fest auf dem Lenkrad steuerte sie den Wagen durch die Straßen, und die Übelkeit in ihr nahm stetig zu, je weniger die Häuser um sie herum wurden. Oh Gott, was hatte sie sich da vorgenommen!
Das Haus lag herrlich in der Abendsonne. Die Terrasse musste nach Südwesten gehen, sodass sie auch jetzt noch beschienen sein würde. Saß er jetzt dort?
Denisa parkte ihr Auto fast an derselben Stelle, an der sie auch letzte Nacht gestanden hatte, nämlich dem Haus schräg gegenüber am Straßenrand. In der offenen Garage konnte sie einen roten alten Mercedes und ein paar Fahrräder erkennen. Darüber hingen an Haken allerlei Dinge wie Fahrradreifen, ein Gartenschlauch und alte Drähte und Fahrradketten. Ein bunter Mix an Gerümpel.
Nach ein paar Minuten des Abwartens öffnete Denisa langsam die Autotür und stieg aus. Ihre Hände fühlten sich feucht an, und auch der Schwindel war zurück, aber sie zwang sich dazu, es zu ignorieren. Jetzt oder nie! Ohne ihre Handtasche vom Beifahrersitz zu holen, schloss sie den Wagen ab und ging auf die Haustür zu. Eine breite Tür aus hellem Holz war es, eigentlich einladend. Einen Augenblick lang musste Denisa suchen, um den schönen in Messing eingefassten Klingelknopf zu finden. Das schrille Geräusch, das er verursachte, als sie mit zittrigen Fingern darauf drückte, raste ihr bis ins Mark.
Endlos tickten die Sekunden weg, dann hörte sie eine Frauenstimme von innen: „Kannst du aufmachen?“
Eine Antwort auf diese Frage hörte Denisa nicht, aber das Klappern von hohen Absätzen, das näherkam. Dann ein ‚Klack‘, und die Tür wurde schwungvoll geöffnet. Vor Denisa stand eine schlanke Frau mit schulterlangen dunkelbraunen Haaren, die leicht unordentlich waren. In der Hand hielt sie eine offene braune Lederhandtasche, und ihre Stirn war in Falten gezogen.
„Ja, bitte?“, fragte sie, und es klang für Denisa wie ein Schnappen. Kurz angebunden, fast aggressiv wirkte diese Frau, und Denisa musste zuerst einmal schlucken. Wenn ihre Hände nur nicht so zittern würden! Die Frau schien sie anzustarren.
‚Sie ist seine Frau!
