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Ein schockierender Roman, dessen Wirkung für manche Leser sehr heftig sein wird. In Mystic, Georgia, irgendwo im Nirgendwo, findet das jährliche Klapperschlangen-Festival statt. Tausende Besucher werden angelockt, um sich wie Primaten zu verhalten: Viel Alkohol, viel Sex, viel Gewalt. Joe Lon lebt in einem Wohnwagen in Mystic mit seiner müden Frau und zwei ewig brüllenden Kindern. Seine ruhmreichen Tage als Boss des Rattlers-Footballteams sind längst vorbei. Jetzt, als die Massen den Campingplatz für das Fest überfluten, spürt er den Abgrund aus Traurigkeit und Sinnlosigkeit, der sein Dasein verschlingt. Er fühlt sich, als würde etwas unaufhörlich in ihm brodeln, um sich aus ihm herauszuwinden … Harry Crews beschreibt ein Bild höllischer Gewalt, das an Hieronymus Bosch erinnert. Joe Lon dreht durch und wird zum Ungeheuer. Allerdings ist er ein Monster, das Crews so kunstvoll darstellt, dass der Leser fasziniert ist und es vielleicht sogar ein bisschen verstehen kann. Washington Post Book World: »Alle Adjektive aus den Wörterbüchern werden der schillernden Bizarrheit von Crews' Schöpfungen nicht gerecht.«
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Seitenzahl: 275
Veröffentlichungsjahr: 2024
Aus dem Amerikanischen von Manfred Sanders
Impressum
Die amerikanische Originalausgabe A Feast of Snakes
erschien 1976 im Verlag Atheneum.
Copyright © 1976 by Harry Crews
Copyright © dieser Ausgabe 2024 by Festa Verlag GmbH, Leipzig
Titelbild: LaeTwina / 99design
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-98676-139-4
www.Festa-Verlag.de
Hinweis:
In diesem Buch haben wir rassistische und diskriminierende Begriffe und Äußerungen unverändert im Text belassen, sofern sie von einem Protagonisten diskriminierend und beleidigend gemeint sind. Wir bitten unser Publikum, das Buch im zeitlichen und inhaltlichen Kontext zu begreifen und dass eine Bereinigung dieser Begriffe das Buch verfälschen und verharmlosen würde.
Unser Verlag lehnt Rassismus und Diskriminierung natürlich ab.
Dieses Buch ist für Johnny Feiber:
In guten Zeiten wie in schlechten
habe ich nie mit einem besseren Freund
mein Glas erhoben.
If I could only live at the pitch that is near madness
When everything is as it was in my childhood
Violent, vivid, and of infinite possibility:
That the sun and moon broke over my head.
– Richard Eberhart
Könnte ich nur in dem Taumel leben,
am Rand des Wahnsinns,
Wenn alles ist, wie es in meiner Kindheit war,
Ungestüm, wild und mit unendlichen Möglichkeiten:
Dass Sonne und Mond über
meinem Kopf aufgingen.
Teil 1
Sie spürte die Schlange zwischen ihren Brüsten, sie spürte sie und liebte dieses Gefühl, dieses prall geschwollene S, starr und reglos, wie zum Zuschnappen bereit. Sie liebte den Anblick der Schlange, aufgenäht auf ihrem High-School-Sweatshirt, mit ihrem harten Diamantmuster, das in der Sonne glitzerte. Mit 15 Grad war es ungewöhnlich warm für einen November in Mystic, Georgia, und sie konnte das leichte Moschusaroma ihres eigenen Schweißes riechen. Sie mochte den Schweiß, mochte es, wie er sich anfühlte, so glitschig wie Öl, in allen Gelenken ihres Körpers, ihren Knochen, in den festen, geschmeidigen Muskeln, die jetzt gespannt und arretiert waren, bereit loszuschnellen – zuzuschnappen –, sobald die Band hinter ihr die Schulhymne anstimmte: »Fight On Deadly Rattlers of Old Mystic High«.
Ein einzelner Schweißtropfen löste sich in ihrem Rücken, verharrte für einen Augenblick und rollte dann in die weiche Rille zwischen ihren angespannten Pobacken. Als sie spürte, wie der Schweiß sie dort berührte, wanderte ihr Blick automatisch zum Spielfeld, und sie versuchte, Willard Miller auszumachen, den ›Boss Snake‹ der Mystic Rattlers, ihren Boss Snake, versuchte, ihn aus all den anderen Jungs herauszupicken, die mit ihren Helmen und weißen Trikots auf der anderen Seite der Aschenbahn trainierten. Wenn die Spieler aufeinanderprallten, hallten ihre leisen, fast schon sanften Grunzlaute vom grünen Trainingsfeld zu ihr herüber.
Sie glaubte, seine Laute aus denen der anderen heraushören zu können, und dachte, wie erstaunlich ähnlich diese Töne doch den abgehackten Schnaufern waren, die er ihr ins Ohr stöhnte, wenn er sie brutal auf der Motorhaube ihrer Corvette vögelte. Es gab kaum einen Unterschied zwischen den Geräuschen, die er von sich gab, ob er nun auf dem Spielfeld zum Schuss kam oder bei ihr. Bei allem, was er tat, war er immer laut und ungestüm und feucht, denn er neigte auch ein bisschen zum Sabbern.
Der Bandleader hob seinen Tambourstab und sie machte sich bereit, verlagerte ihr Gewicht nach vorn auf die Fußballen – und dann donnerte die Musik um sie herum los, die Posaunen schmetterten, die Trommeln knatterten, und sie marschierte, als gäbe es kein Morgen. Von den Seiten des Feldes erklang das trockene, furchterregende Rasseln der Klapperschlangen. Einige der Fans waren zum Spielfeld gekommen und hatten ihre Kürbisrasseln mitgebracht. Es waren Flaschenkürbisse mit krummem Hals, so groß wie Zuckermelonen und voll mit getrockneten Kernen, und wenn man sie schüttelte, erfüllten sie die Luft mit einem Rasseln, das genau wie das einer Klapperschlange klang. Während eines Heimspiels jagte die Heimtribüne der Mystic Rattlers allen einen kalten Schauder über den Rücken. Man konnte den Lärm dieser getrockneten Kürbiskerne aus zwei Meilen Entfernung hören, ein Surren wie aus dem größten Schlangennest, das Gott je gesehen hatte. In der Footballsaison entfernte sich niemand in Mystic jemals weit von seiner Kürbisrassel. Manche trugen sie sogar in der Stadt mit sich herum, unten beim Lebensmittelladen oder im Simpkin’s, dem einzigen Kurzwarenladen in Mystic.
Die Band hatte sich jetzt zu einer Schlangenlinie formiert. Die Musiker orientierten sich an den Yard-Markierungen, um ihre Positionen einzunehmen und auf der Stelle zu marschieren, mit hochgezogenen Knien und hin und her geschwenkten Instrumenten, sodass die gesamte Schlange in der Sonne vibrierte. Die Marschtrommeln standen unter dem einen Torpfosten und wurden gerührt, was das Zeug hielt, während sie unter dem anderen Pfosten stand, im Maul der Schlange, die Arme starr erhoben wie Fangzähne. Sie war eins mit der Musik. Sie musste für ihren Auftritt nicht großartig überlegen. Von allen Majorettes – und es gab noch fünf weitere – riss sie beim Im-Stand-Marschieren die Knie am höchsten, hatte das strahlendste Lächeln, die makelloseste Haut, die besten Zähne. Sie war ein Naturtalent und als solches war ihr einziger Makel – wenn sie denn einen hatte –, dass sie dazu neigte, ihre Gedanken wandern zu lassen. Sie musste nicht überlegen, musste sich nicht konzentrieren, so wie die anderen Mädchen, um die richtigen Bewegungen zu machen. Infolgedessen langweilten die eingeübten Figuren sie manchmal und ihre Gedanken schweiften ab. Auch jetzt, als sie auf der Stelle paradierte, den Rücken durchgedrückt, das Becken vorgestreckt, zwinkerte sie Joe Lon Mackey zu, der unter der Tribüne der Endzone stand.
Dort stand er immer, wenn er beim Training zusah, und sie war nicht überrascht, ihn da zu sehen, sogar froh, denn es gab ihr etwas, um ihre Gedanken zu beschäftigen. Er stand nur gute fünf Meter von ihr entfernt im Schatten, in der einen Hand einen Jutesack, in der anderen eine braune Papiertüte, aus der er hin und wieder einen Schluck nahm. Er hatte ihr zugezwinkert, als sie unter dem Torpfosten angekommen war. Sie hatte zurückgezwinkert. Ihn angelächelt. Sie hatte ihn schon immer gemocht. Teufel, jeder mochte Joe Lon. Aber eigentlich kannte sie ihn gar nicht so gut. Ihre Schwester, die auf die University of Georgia in Athens ging, ihre Schwester Berenice, die kannte ihn so gut.
Ihre Schwester und Joe Lon waren einmal das Paar in Mystic gewesen – in ganz Lebeau County eigentlich –, und Joe Lon hätte zur University of Georgia in Athens gehen können oder an irgendein beliebiges anderes College in diesem Land, nur hatte sich herausgestellt, dass Joe Lon kein besonders guter Schüler war. So drückten es alle hier in Mystic aus: Joe Lon ist kein besonders guter Schüler. Aber tatsächlich war es noch schlimmer, und das wussten auch alle. Es war nie eindeutig geklärt worden, ob Joe Lon überhaupt lesen konnte. Die meisten Lehrer an der Mystic High, die das Privileg genossen hatten, ihn unterrichten zu dürfen, waren der Meinung, dass er es wahrscheinlich nicht konnte. Aber sie mochten ihn trotzdem, liebten ihn sogar, liebten den großen, blonden High-School-Vorzeigeathleten Joe Lon Mackey, dessen außergewöhnliche Schweigsamkeit abseits des Spielfeldes von den meisten wohlwollend als Höflichkeit bezeichnet wurde. Er galt als der höflichste Junge in ganz Lebeau County, obwohl allgemein bekannt war, dass er einige schlimme Dinge getan hatte, unter anderem hatte er einen Handelsvertreter runter zum July Creek geschleift und ertränkt, während fast die ganze erste Mannschaft Bier trinkend vom Ufer aus zugesehen hatte.
Sie überhörte das Pfeifsignal des Bandleaders, mit dem er das Zustoßen der Schlange signalisierte, und infolgedessen rannten die anderen fünf Mädchen, die mit ihr den Kopf der Schlange bildeten, sie beinahe über den Haufen. Die Arme wie Fangzähne gekrümmt, hatte sie dagestanden und Joe Lon zugezwinkert, der im Schatten an seiner Papiertüte nippte, und sie hatte sich gefragt, ob Berenice wohl zum Round-up nach Hause kommen würde, als das Mädchen direkt hinter ihr im Marschtritt ein Knie in ihre Niere stieß und sie fast zu Fall brachte. Sie konnte sich gerade noch fangen und zischte über die Schulter nach hinten: »Willst was auf die Fresse oder was?«
Das Mädchen erwiderte irgendetwas, das aber im Dröhnen der Tuba unterging. Unter der Tribüne trank Joe Lon Mackey den letzten Schluck Jim Beam und ließ die Papiertüte mit der leeren Viertelliterflasche ins Gras fallen. Er holte zwei Streifen Kaugummi aus der Tasche und steckte sie sich in den Mund, dann zündete er sich eine Zigarette an. Er hatte Candy beobachtet – die von so ziemlich allen Hard Candy genannt wurde, außer von ihren Eltern, Dr. und Mrs. Sweet –, weil sie ihn an Berenice erinnerte und an all die Dinge, die für ihn hätten wahr werden können, es aber nicht geworden waren. Vor zwei Jahren war Berenice im Abschlussjahr und die erste Majorette gewesen, und er, Joe Lon, der Boss Rattler.
Es hatte geheißen, dass Joe Lon es an jedem beliebigen Tag während seines letzten High-School-Jahres mit den besten College Defensive Lines im ganzen Land hätte aufnehmen können. Aber er hatte es nicht getan. Er hatte nie einen Fuß auf ein College-Footballfeld gesetzt, obwohl er Einladungen von mehr als 50 Colleges und Universitäten erhalten hatte. Aber das war schon okay. Er hatte seinen Teil gehabt. Das sagte er sich jeden Tag ungefähr zehnmal: Es ist okay. Bei Gott, ich hab meinen Teil gehabt.
Er griff in die Gesäßtasche seiner Levi’s und zog ein blaues Blatt Papier heraus. An den Stellen, an denen es gefaltet war, war es fast ganz durchgescheuert. Er schüttelte es auseinander und hielt es ins Licht. ›Ich sehe dich beim Klapperschlangenfest. In Liebe, Berenice‹, stand dort. Unter dem Namen waren mehrere Kreuze. Der Brief hatte Joe Lon vor drei Tagen im Laden erreicht. Fast den ganzen Nachmittag hatte er gebraucht, um die Worte zu entziffern, und als er sie verstanden hatte, hatten sie ihn nicht erfreut. Er hatte gedacht, dass er das alles hinter sich hätte, dass er seinen Frieden gemacht hätte. Er faltete das Blatt zusammen und steckte es wieder in die Hosentasche. Aber auf dem Weg zu seinem Pick-up holte er den Brief wieder heraus und zerriss ihn mithilfe seiner Zähne und seiner freien Hand in winzige Stückchen, die er hinter sich in der düsteren Gasse unter der Tribüne zu Boden flattern ließ.
Er fuhr rüber zu der schmalen Straße, die am Übungsplatz vorbeiführte, und sah Willard Miller beim Training zu. Sie ließen ihn gegen die Luschen anrennen, die schmächtigeren, zweitrangigen Spieler, die aus Gott weiß was für Gründen zum Football gingen, denn sie wurden so gut wie nie in einem Spiel eingesetzt und konnten nur ihre Körper als Tackling-Dummys für die stärkeren, schwereren Jungs zur Verfügung stellen. Joe Lon sah zu, wie Willard Miller dreimal nacheinander mitten durch sie hindurchpflügte. Es war wichtig, ihn ab und zu gegen die Luschen anrennen zu lassen. Das gab ihm die Möglichkeit, seine Spielzüge zu trainieren, ohne Verletzungen zu riskieren. Es war auch eine wundervolle Gelegenheit für ihn, Leute über den Haufen zu rennen und in den Boden zu trampeln, ihnen die Köpfe und Hände zu zermatschen und ihnen kräftig in die Rippen zu treten.
Joe Lon spürte ein Kribbeln in seinen eigenen Oberschenkelmuskeln, als er Willard dabei zusah, wie er eine Lusche austrickste und den Jungen dann, nachdem er ihn komplett verwirrt und längst passiert hatte, ohne jeden Grund noch umrannte. Tja, scheiß drauf, alles musste mal enden, ob gut oder schlecht. Es gab noch anderes im Leben, als jemanden in den Boden zu stampfen. Das Wichtigste war, weiterzumachen und sich davon nicht kleinkriegen zu lassen. Joe Lon schaltete das Licht ein und fuhr in die frühe Novemberdämmerung davon.
Obwohl er schon fast den ganzen Tag trank, fühlte er sich nicht betrunken. Er fuhr an dem nackten Fahnenmast bei der Post vorbei und am Gefängnis, neben dem Buddy Matlows Plymouth Turbo mit dem großen Sheriffstern auf der Tür unter einem blattlosen Paternosterbaum parkte, dann weiter durch die Stadt, wo ihm mehrere Leute zuwinkten. Er winkte nicht zurück. Schließlich schüttelten aber zwei Leute ihre Kürbisrasseln in seine Richtung und er hob die Hand und lächelte, ohne sie wirklich zu registrieren. Er konnte an nichts anderes denken als daran, dass er nach Hause zu Elfie und den Babys fuhr, zu dem Trailer, in dem er in einem ständigen Zustand erstickender Wut lebte.
Das Mobilheim stand knapp außerhalb der Stadt am Rand eines vier Hektar großen Geländes, das er gekauft und in eine Kombination aus Trailer-Park und Campingplatz umgewandelt hatte. Langsam fuhr er den schmalen Feldweg entlang, der zum Platz führte, und schließlich unter einem großen Spruchband hindurch, das er selbst an zwei hohen Telefonmasten aufgehängt hatte, die er gebraucht von den Elektrizitätswerken gekauft hatte. Auf dem Banner stand sauber gedruckt in 60 Zentimeter hohen Buchstaben: WILLKOMMEN ZUM ALLJÄHRLICHEN RATTLESNAKE ROUND-UP IN MYSTIC, GEORGIA.
In seinem Trailer, einem ›Double-Wide‹ mit Betonterrasse, war das Licht an und Joe Lon konnte sehen, wie der Schatten seiner Frau Elfie sich hinter dem Küchenfenster bewegte. Er parkte den Pick-up, nahm den Jutesack von der Ladefläche und ging zu einem kleinen eingezäunten Pferch mit einem verriegelten Tor. Er holte einen Schlüssel aus der Tasche und schloss es auf. Im hinteren Bereich des Pferchs standen mehrere Metallfässer, die oben mit feinem Maschendraht bespannt waren. Joe Lon trat gegen zwei der Fässer, und sofort war der kleine eingezäunte Bereich erfüllt vom trockenen Rasseln der Diamondback-Klapperschlangen. Aus der Ecke des Pferchs nahm er einen Stock mit einem Drahthaken am Ende, warf den Jutesack auf den Boden und wartete.
Die Öffnung des Sacks bewegte sich und der Kopf einer Klapperschlange tauchte auf. Sie sah aus, als würde sie grinsen, und sondierte mit ihrer gespaltenen Zunge die Luft. Mit einer wellenförmigen Bewegung erschien hinter dem Kopf ein weiterer Viertelmeter Schlange, vielleicht zehn Zentimeter dick. Joe Lon packte schnell und sicher zu und schon wand sich die Schlange langsam am Ende des Stockes.
»Überraschung, Motherfucker«, sagte Joe Lon und ließ sie in eins der Fässer fallen.
Einen langen Moment starrte er in das Fass, aber alles, was er erkennen konnte, waren langsame Bewegungen in der Dunkelheit, ein unablässiges Brodeln von etwas Dickem und Trägem.
Er spannte den Maschendraht wieder über das Fass, warf den Stock in die Ecke des Pferchs und ging zum Trailer.
Elfie stand an der Spüle, als er in die Küche kam. Von hinten sah sie immer noch wie die junge Frau aus, die er geheiratet hatte. Ihr Haar, das ihr bis ins Kreuz reichte, war rot und schien zu leuchten. Ihre Hüften waren rund und voll, ohne dick zu sein. Ihre Waden waren stramm, ihre Fesseln schlank. Aber dann drehte sie sich um und es war eine Katastrophe.
Diese umwerfend straffen Brüste, die sie noch vor zwei Jahren gehabt hatte, hingen jetzt schlaff an ihrem Körper hinab. Und obwohl sie nicht fett war, sah sie aus, als trüge sie einen Basketball unter ihrem Kleid mit sich herum. Fünf Zentimeter unter ihrem Nabel ragte ihr Bauch auf diese absolut unglaubliche Weise vor. In der Küche roch es, als hätte sie Babyscheiße gekocht.
»Riecht, als hättest du hier drin Babyscheiße gekocht, Elf«, sagte er.
Ein dicker 18 Monate alter Junge saß angeschnallt in einem Hochstuhl. Direkt neben ihm lag in einer blauen Korbwiege ein dickes zweimonatiges Baby, ebenfalls ein Junge.
Elfie wandte sich von der Spüle ab und lächelte. Ihre Zähne waren verrottet. Der Doktor meinte, es habe was damit zu tun, dass sie so kurz nacheinander zwei Babys bekommen hatte.
»Joe Lon, Liebling, ich hab versucht, dir dein Abendessen warm zu halten.«
»Verdammt noch mal, Elf«, sagte er. »Wann lässt du dir endlich die Zähne machen? Hab dir doch das Geld dafür gegeben!«
Sie hörte auf zu lächeln und schürzte verlegen die Lippen. »Joe Lon, Liebling, ich hatte bloß noch nicht die Zeit – die Babys und alles.«
In Mystic gab es keinen Zahnarzt. Sie müsste rüber nach Tifton fahren, und das würde fast einen ganzen Tag dauern.
»Lass die verdammten Kleinen bei irgendjemand und fahr da rüber und lass dir endlich deine Fresse reparieren. Ich bin’s echt so leid, diese Zähne zu sehen.«
»Okay, Joe Lon, Liebling.« Sie fing an, Essen auf den Tisch zu stellen, und er setzte sich den beiden Babys gegenüber. »Willst du dir nicht die Hände waschen?«
»Geht schon.«
Sie holte ein paar schmale weiße Brötchen aus dem Backofen und stellte sie vor ihn hin. Zu allem Überfluss war sie auch noch eine miserable Köchin. Joe Lon nahm eines der fettigen Brötchen vom Teller, riss es auseinander und träufelte etwas Redeye-Soße darauf. Elfie setzte sich mit ihrem Teller an den Tisch, ohne etwas zu essen, und starrte ihn nur an, die Lippen auf hässliche Weise verkniffen.
»War’s ’n harter Tag im Laden, Joe Lon, Liebling?«
Seine Stimmung war ganz okay gewesen, als er den Trailer betreten hatte, aber jetzt saß er zitternd vor Wut am Tisch. Er hatte keine Ahnung, woher diese Wut kam. Er verspürte nur den Drang, irgendjemanden zu schlagen. Er sah Elfie nicht an, wusste aber, dass sie ihn immer noch beobachtete, wusste, dass ihr Teller immer noch leer war, wusste, dass ihr Mund zitterte und zu lächeln versuchte. Es machte ihn krank vor Scham und gleichzeitig hätte er sie umbringen können.
»Hab den Nigger im Laden gelassen«, sagte er. »Bin Schlangen jagen gegangen.«
Das Brötchen und die Soße klebten ihm wie ein Klumpen im Hals und aus seinem Magen stieg diesem eine dicke Whiskey-Gaswolke entgegen. Er würde den Fraß nicht runterbekommen. Er würde überhaupt nichts runterbekommen.
»Wie viele hast du gekriegt?«, fragte sie mit leiser Stimme. Und als er nicht antwortete: »Hast du welche gekriegt?«
Das Baby im Hochstuhl hatte einen Esslöffel in der Hand, mit dem es auf das Tablett vor sich schlug. Dann hörte es auf, mit dem Löffel zu schlagen, und schleuderte das Tablett in die Korbwiege. Es traf das andere Baby am Kopf, das daraufhin mit gewaltigen keuchenden Schluchzern zu weinen begann. Das erschreckte das Baby im Hochstuhl so sehr, dass es ebenfalls anfing zu zappeln und zu schreien und zu schluchzen. Joe Lon, der die ganze Zeit schon kurz vorm Explodieren gewesen war, schoss von seinem Stuhl hoch. Er riss das fettige Brötchen vom Teller und beugte sich über den Tisch. Elfie rührte sich nicht. Sie ließ die Hände in ihrem Schoß liegen. Nicht einmal ihr Blick folgte ihm. Sie schaute stur geradeaus, während er das triefende Brötchen vorn in ihr Baumwollkleid zwischen ihre ausgelaugten, schlaffen Brüste stopfte. Sein Gesicht verharrte Zentimeter vor ihrem.
»Ja, ich hab welche gekriegt!«, schrie er. »Und soll ich dir sagen, was ich sonst noch hab? Ich hab’s satt bis hier mit dir und diesen verschissenen kleinen Scheißern!«
Sie hatte ihn während der ganzen Szene kein einziges Mal angesehen und ihre einzige sichtbare Reaktion bestand darin, dass das Zittern ihres Mundes schneller wurde. Auf dem Weg nach draußen stieß Joe Lon einen Stuhl um, und noch bevor er durch die Tür war, hörte er, wie Elfies Weinen in das der Babys einstimmte. Als er seinen Pick-up erreicht hatte, heulte der ganze Trailer. Zitternd stützte er sich auf den Kotflügel, ihm war zum Kotzen zumute. Er verspürte so gut wie nie den Drang zu weinen, aber in letzter Zeit überkam ihn immer öfter das Bedürfnis zu schreien. Schreien war bei ihm normalerweise das, was Weinen am nächsten kam, und in diesem Moment musste er sich schwer zusammenreißen, um nicht loszujaulen wie ein mondsüchtiger Hund.
Verdammt, wäre er doch nur nicht so ein Arschloch. Eine viel bessere Frau als Elf konnte man sich als Mann gar nicht wünschen, das war seine Meinung. Klar, sie zu heiraten, als sie im dritten Monat war, und ihr dann gleich noch ein Baby zu machen, bevor das erste kaum sechs Monate alt war, konnte nicht gut für ihre Figur sein. Und es ruinierte seine Nerven. Aber Scheiße, das war wohl zu erwarten gewesen. Was allerdings nicht bedeutete, dass er sie wie einen Hund behandeln musste. Gott, er behandelte sie genau wie einen gottverdammten Hund. Er konnte einfach nicht anders. Er verstand nicht, warum sie bei ihm blieb.
Er ließ seinen Blick über die vier Hektar des Campingplatzes schweifen und wusste, dass das Gelände sich morgen mit Schlangenjägern und plärrenden Radios und allem möglichen anderen Lärm füllen würde, und er fragte sich, ob seine Nerven das aushalten würden. Er holte tief Luft, hielt sie lange an und ließ sie dann langsam ausströmen. Es hatte keinen Sinn, darüber nachzudenken. Es war egal, so oder so. Die Jagd würde kommen – der Lärm und die Menschen –, und ob er es aushalten konnte oder nicht, änderte nicht das Geringste. Was er jetzt brauchte, war ein Drink. Er sah noch einmal zum Trailer hinüber, wo sich die unförmige Silhouette seiner Frau im beleuchteten Fenster bewegte, dann stieg er in den Pick-up und raste den Weg entlang, als wäre jemand hinter ihm her.
Als er den Laden erreichte, hatte er laut zu jaulen begonnen. Durch die offene Vordertür konnte er George auf einem Barhocker hinter dem Tresen sitzen sehen. Vor dem Gebäude parkten keine Fahrzeuge. Joe Lon saß in seinem Wagen neben dem kleinen Laden, der kaum mehr als ein Schuppen war, und jaulte. Er wusste, dass George ihn hören konnte, und das störte ihn, aber George hatte ihn auch schon früher jaulen hören. George würde nichts sagen. Das war das Gute an einem Nigger. Er ließ sich nie anmerken, dass er etwas sah oder hörte.
Schließlich stieg Joe Lon aus dem Pick-up und ging hinein. Er schaute George nicht direkt an, denn nach dem Jaulen sah er immer so aus, als hätte er geweint, seine Augen waren rot, genau wie seine Nase und das ganze Gesicht. Jetzt bereute er es, dass er Berenice’ Brief zerrissen hatte. Er wünschte, er hätte ihn noch, um ihn ansehen zu können, während er ein Bier trank.
»Hol mir ’n Bier, George«, sagte er.
George stieg vom Hocker und ging durch eine Tür hinter dem Tresen in einen winzigen Raum, der nicht viel größer war als ein begehbarer Kleiderschrank. Joe Lon setzte sich auf den Barhocker und klemmte die Hacken seiner Cowboystiefel hinter die untere Querstrebe. Er holte einen Kaugummi aus der Tasche und steckte sich eine Camel an. George kam mit einer Dose Budweiser zurück.
»Was hast du heute verkauft?«, fragte Joe Lon.
»Hab nich’ viel verkauft«, erwiderte George.
»Wie viel? Wo sind deine Striche?«
George zog ein Blatt liniertes Papier aus der Brusttasche seines Overalls. Auf dem Blatt waren oben eine Reihe kleiner Striche und unten zwei kürzere Reihen ebensolcher Striche. Es bedeutete, dass George 20 Flaschen Bier verkauft hatte, fünf Viertelliter, 14 Halbliter und einen Dreiviertelliter, alles versteuerte Ware. Außerdem war er zehn Einmachgläser Schwarzgebrannten losgeworden.
»Scheiße, das ist nicht schlecht für ’n Donnerstag«, sagte Joe Lon.
»No Sir, is’ nich’ schlecht für ’n Donnerstag«, sagte George.
»Ich übernehm jetzt«, sagte Joe Lon. »Geh nach Hause.«
George blieb stehen, wo er war. Sein Blick glitt von Joe Lons Gesicht ab, bis er fast zur Decke schaute. »Dachte, ob ich mir vielleicht ’n kleinen Schluck mitnehmen kann? Hab bloß grad kein Geld in der Tasche.«
»Nimm dir ’n Viertelliter Moonshine, ich schreib’s bei dir auf. Und bring mir einen von den verzollten Whiskeys mit, wenn du da reingehst.«
George holte den Whiskey und stellte ihn vor Joe Lon auf den Tresen. Die kleine Flasche Schwarzgebrannten ließ er in die tiefe Gesäßtasche seines Overalls plumpsen.
Joe Lon hatte aus einer Schublade ein weiteres Blatt liniertes Papier geholt. »Will verdammt sein, wenn du’s nicht fast so schnell wegsäufst, wie du’s verdienst, George.«
»Ja, so isses wohl.«
»Liegst schon hinten für die Woche und es ist gerade mal Donnerstag«, sagte Joe Lon.
»Is’ gerade mal Donnerstag und bin schon hinten für die Woche«, meinte George kopfschüttelnd.
George rührte sich nicht vom Fleck, also fragte Joe Lon: »Du willst doch wohl nicht auch noch Geld leihen, oder? Bist schon hinten.«
»No Sir, will kein Geld. Bin schon hinten.«
»Was dann?«
»Geht um Mista Buddy. Er hat Lottie Mae schon wieder eingesperrt.«
»Heilige Scheiße.«
»Yessir.«
»Weswegen?«
»Hat gesagt, sie is’ so eine.«
»Heilige Scheiße.«
»Yessir.«
Buddy Matlow warf gern mal ein Auge auf eine Frau, und wenn sie nicht entgegenkommend war, sperrte er sie für eine Weile ein, wenn er konnte. Nachdem er zum Sheriff und Direktor für öffentliche Sicherheit von Lebeau County gewählt worden war, hatte er angefangen, Ladys einzusperren, die nicht entgegenkommend waren. Meistens waren sie schwarz, aber nicht immer. Manchmal waren sie weiß. Vor allem wenn sie auf der Durchreise waren und ein bisschen eine Pechsträhne hatten. Wenn er eine ins Visier genommen hatte und sie nicht entgegenkommend war, sperrte er sie ein, ganz egal welche Farbe, manchmal sogar, wenn sie einen Mann dabeihatte. Zweimal war er deswegen schon von einem Inspektor aus dem Büro des Gouverneurs abgemahnt worden, aber wie er Joe Lon immer wieder erzählte, brummten sie ihm nie mehr auf als eine kleine Standpauke voller moralischem Bullshit. War er denn nicht der beste Defensive End gewesen, den die Georgia Tech je gehabt hatte? War er nicht in zwei aufeinanderfolgenden Jahren ins All-American-Auswahlteam gewählt worden, und hätte er nicht eine glänzende Profikarriere in Aussicht gehabt, wenn ihn nicht sein rechtes Knie im Stich gelassen hätte? Und war er nicht direkt nach Vietnam geflogen und dort in einen Punji-Stick getreten, der mit irgendeiner vietnamesischen Scheiße beschmiert gewesen war? Hatten sie ihm nicht sein All-American-Bein abschneiden müssen?
Er hatte seine gottverdammte Zeche gezahlt und jetzt war er an der Reihe.
»Werd mich drum kümmern«, sagte Joe Lon.
»Würden Sie das tun, Mista Joe Lon? Würden Sie sich drum kümmern?«
»Ich red heute Abend mit ihm oder gleich morgen früh.«
»Wär schön, wenn Sie heute noch mit ihm wegen Lottie Mae reden könnten.«
»Heute Abend oder gleich morgen früh.«
Er durchtrennte mit dem Daumennagel das Zollsiegel am Whiskey und trank einen Schluck. George ging zur Tür. Joe Lon schwenkte die Flasche in der Luft und keuchte leicht. Er hatte einen größeren Schluck genommen, als er gewollt hatte. Er spülte den Whiskey mit etwas Bier herunter, während George wartete und ihm geduldig von der Tür aus zusah.
»Hat Lummy die Johnnys geholt?«
Lummy war Georges Bruder. Sie arbeiteten beide für Joe Lon Mackey. Vorher hatten sie für Joe Lons Daddy gearbeitet. Niemand hatte ihnen je gesagt, was sie für einen Lohn bekamen. Und sie waren auch nie auf die Idee gekommen zu fragen. Sie wussten immer nur, ob sie für die Woche vor oder hinter dem lagen, was sie sich erarbeitet hatten. Vorn war gut, hinten war schlecht. Aber für gewöhnlich lagen alle immer irgendwie hinten und niemanden kümmerte es sonderlich.
Als George nicht antwortete, fragte Joe Lon noch einmal: »Die Johnnys – hat Lummy sie geholt?«
Nichts regte sich in Georges Gesicht. »Die Johnnys«, sagte er. Es war keine Frage, nur eine Wiederholung.
»Morgen trudeln die Jäger ein«, sagte Joe Lon. »Wenn die Johnnys nicht auf dem Campingplatz sind, haben wir ’n Problem.«
»Haben wir ’n Problem«, sagte George.
»Was?«
»Was jetzt noch mal?«, fragte George.
»Die Scheißhäuser, George!«, rief Joe Lon. »Hat Lummy die gottverdammten Scheißhäuser geholt oder nicht?«
Georges Gesicht klärte sich, entspannte sich zu einem Lächeln. Er scharrte mit den Füßen, nahm den Selbstgebrannten aus der Gesäßtasche, sah die Flasche an, betastete sie, steckte sie wieder weg. »Jaja, Mista Joe Lon, Lummy is’ mit ’n Scheißhäusern auf ’m Pick-up ganz von Cordele hergekommen.«
»Ich hab sie nicht auf dem Platz gesehen«, meinte Joe Lon. »Hätte sie eigentlich sehen müssen.«
»Lummy hat die Scheißhäuser noch nich’ abgeladen, aber wir haben sie alle hier. Hab sie selber gesehen. Mista Joe Lon, mit ’n Scheißhäusern is’ alles klar.«
»Hauptsache, ihr habt sie und sie sind aufgestellt, wenn die Jäger eintrudeln.«
»Trinken Sie Ihren Whiskey, Mista Joe Lon. Machen Sie sich keinen Kopf. Lummy und ich, wir kümmern uns um die Sache.«
Die Fliegengittertür schlug hinter ihm zu und Joe Lon kippte einen weiteren Schluck Whiskey runter. Aber der Alkohol half nicht viel, schien gar keine spürbare Wirkung zu zeigen. Joe Lon wusste, dass nichts viel helfen würde, bis er Berenice sah und sich entweder zum Idioten machte oder nicht. Und er hatte das überwältigende Gefühl, dass er sich zum Idioten machen würde. Dass er irgendwas in Stücke hauen würde. Vielleicht sein Leben. Na ja, wenigstens hatte er die Johnnys. Letztes Jahr hatte es zwei Wochen gedauert, Mystic von der ganzen Scheiße zu säubern. Es waren ungefähr dreimal so viele Leute da gewesen wie je zuvor.
Den Rattlesnake Round-up gab es schon, solange die Menschen in der Stadt sich erinnern konnten, aber bis vor etwa zwölf Jahren war es eine rein lokale Angelegenheit gewesen, ein paar Leute aus dem Ort, ein paar Farmer. Es gab ein Picknick, vielleicht ein Sackhüpfen oder ein Pferde-Wettziehen, und dann gingen alle raus in den Wald, um zu sehen, wie viele Diamondbacks sie aus dem Boden holen konnten. Anschließend wurden die Schlangen gebraten und ein bisschen Maiswhiskey getrunken und das war’s dann bis zum nächsten Jahr.
Aber irgendwann hatten dann auch Leute von außerhalb angefangen, zur Schlangenjagd zu kommen. Es sprach sich herum und immer mehr strömten herbei, erst nur ein paar aus Tifton oder Cordele oder manchmal sogar aus Macon. Von da an war die Veranstaltung immer mehr gewachsen. Letztes Jahr hatten sie zwei Besucher aus Kanada und fünf aus Texas gehabt.
Mystic, Georgia, erwies sich als das beste Klapperschlangen-Jagdgebiet der Welt.
Mittlerweile gab es Preise für die schwerste Schlange, die längste Schlange, die meisten Schlangen, die erste gefangene Schlange, die letzte gefangene Schlange. Und es würde einen Schönheitswettbewerb geben. Miss Mystic Rattler. Und Scheiße. Menschliche Scheiße in absolut unglaublichen Mengen. Aber in diesem Jahr hatten sie die Johnnys. Chemische Scheißhäuser.
Das Telefon klingelte. Es war Joe Lons Daddy. Er wollte, dass er George mit einer Flasche rüberschickte.
»Ist nicht hier«, schrie Joe Lon ins Telefon. »Ist schon weg.«
»Dann schick jemand anders. Verdammt noch mal, ich will was zu trinken.«
»Ist keiner mehr hier außer mir. Was ist mit der Flasche passiert, die ich dir heute Morgen dagelassen hab?«
»Ist mir runtergefallen und kaputtgegangen.«
»Bullshit.«
»Joe Lon, ich werd dich irgendwann abknallen müssen, wenn du so mit deinem Daddy redest.«
»Und wer würde dann den Laden schmeißen? Vielleicht könnte Beeder den gottverdammten Laden schmeißen. Und dir deinen Scheißwhiskey anschleppen. Vielleicht würde sie ja mit dem Fernsehen aufhören und wieder normal werden. Schick sie gleich her und ich geb ihr ’ne Flasche für dich mit.«
»Das ist wirklich hart, mein Sohn, dass du so über deine einzige Schwester sprichst. Pass auf, dass der Herr Christus Jehova Gott keinen Blitz auf dich niederfahren lässt.«
Joe Lon hätte am liebsten ins Telefon geschrien, dass es nicht der Herr Christus Jehova Gott gewesen war, der einen Blitz auf seine Schwester hatte niederfahren lassen. Aber er tat es nicht. Es würde nichts bringen. Das hatten sie schon viel zu oft durchgekaut.
»Okay«, sagte er schließlich, »schon gut. Ich bring dir den Whiskey selber. Später.«
»Wie viel später?«
»Wenn ich Zeit hab.«
»Beeil dich, Sohn, meine alten Beine tun mir weh.«
»Jaja.«
Als er den Hörer auflegte, fuhr draußen ein Auto vor. Es hielt an, aber niemand stieg aus. Eine Wagenladung Nigger. Joe Lon seufzte. Joe Lon Mackey, der Moonshine zu einer Wagenladung Nigger rausschleppte. Wer hätte das gedacht? Er blickte zu seinen Beinen hinab, als er in den kleinen Raum hinter dem Tresen ging. Wer hätte gedacht, dass es mit diesen Stelzen, die vier Komma fünf über 40 Yards hingelegt hatten, dass es mit diesen Stelzen einmal so weit kommen würde? Aber in dieser gottverdammten Welt konnte es mit allem zu allem kommen. So war die Welt nun mal. Er spuckte aus und nahm die Viertelliterflaschen Schwarzgebrannten aus dem Regal.
Während der nächsten Stunde verkaufte er mehr, als der Laden den ganzen Tag über umgesetzt hatte, das meiste davon an Schwarze, die vorfuhren und unter der einsamen Lampe anhielten, die an einer Stange vor dem Laden hing. Er wünschte bei Gott, dass es ihnen erlaubt wäre reinzukommen, dann müsste er nicht immer alles zu ihnen raustragen. Natürlich war es ihnen erlaubt. Nur war es ihnen nicht erlaubt. So war es in den 20 Jahren gewesen, die sein Daddy den Laden geführt hatte, und so war es, seit Joe Lon den Laden übernommen hatte. Er hatte es nicht bewusst so beibehalten; es war einfach so geblieben. Niemand beschwerte sich darüber, denn wenn man in Mystic, Georgia, trinken wollte, durfte man es sich nicht mit Joe Lon Mackey verscherzen. Lebeau County war abgesehen von Bier eine Wüste, und da Joe Lon eine Übereinkunft mit dem örtlichen Schwarzbrenner hatte, war sein Laden der einzige innerhalb von 40 Meilen, in dem man etwas Stärkeres zu trinken bekam.
