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Die Welt ist in Aufruhr. Immer häufiger bricht der Ausnahmezustand in Form von Klimakatastrophen, Anschlägen, Amokläufen oder Wirtschaftskrisen in den Alltag ein. Diese Erfahrung droht inzwischen zur Normalität zu werden. Als Folge empfinden die Menschen zunehmend Unsicherheit und Angst, aber auch Wut und Frustration darüber, dass sich nichts ändert. Den gewachsenen Protest versucht man, unter dem Begriff des Populismus zusammenzufassen. Damit setzt sich das vorliegende Buch kritisch auseinander. Der Autor hat viele Gespräche und Interviews geführt, populäre Zeitungsartikel und Social-Media-Posts analysiert, um zu verstehen, was im Empfinden der Menschen gärt und sich politisch ankündigt.
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Seitenzahl: 243
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Verlag und Autor danken der Gemeinde Biel-Benken für die Unterstützung dieses Buches.
© 2020 NZZ Libro, Schwabe Verlagsgruppe AG
Der Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2020 (ISBN 978-3-03810-477-3)
Lektorat: Ulrike Ebenritter, Giessen
Titelgestaltung: TGG Hafen Senn Stieger
Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werks oder von Teilen dieses Werks ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.
ISBN E-Book 978-3-03810-483-4
www.nzz-libro.ch
NZZ Libro ist ein Imprint der Schwabe Verlagsgruppe AG.
Inhalt
Vorbemerkung: Der Gang der Dinge
Einleitung: Keine angenehmen Zeiten. Zur Diagnose der Gegenwart
I Überall Durcheinander
Auf nichts ist Verlass. Der Verlust des Selbstverständlichen
Gärungsprozesse im Volksbauch. Ein Unbehagen outet sich
Zu Hause heimatlos? Wie Umgebung fremd wird
Explosion des Fremden. Wie Flüchtlinge die Gesellschaft verändern
Zwischen gestern und morgen. Der neue Geschwindigkeitstakt des sozialen Wandels
Viel zu viel und trotzdem mehr. Optimierungszwänge der Gegenwart
Abschied aus Einsicht? Über Selbsttötungen aus Epochenverzweiflung
II Verwischte Grenzen
Politik ohne Volk. Die schleichende Entmachtung des Souveräns
Mutter Staat
Die soziale Frage in neuer Gestalt
Das Ende der Scham
Explosion der Gewalt. Wie sich unser Alltag verändert
Der entwertete Mann
Der etwas andere Aufschrei. «Male bashing» und die Folgen
Spaltpilze. Die Folgen der Identitätspolitik
III Neu-alte Orientierungen
Warum die Rechte immer stärker wird
Der Blick zurück. Eine andere Welt
Glück ist keine Glückssache
Licht in der Liebesverwirrung
Mut und Charakter in der verkehrten Welt. Was es für die Zukunft braucht
Bibliografie
Über den Autor
Vorbemerkung: Der Gang der Dinge
Die Welt ist in Aufruhr. Immer häufiger bricht der Ausnahmezustand in den Alltag ein, und diese Erfahrung droht zur Normalität zu werden. Man geht über den Weihnachtsmarkt und gerät in einen Amoklauf; man steht auf dem Bahnsteig und wird unter den Zug gestossen; man ist auf einem Spielplatz und tritt auf eine blutige Kanüle, die sich dann im Spital als HIV-positiv erweist. Die Welt scheint aus den Fugen oder ist es sogar. Wirklichkeit hat sich in kürzester Zeit radikal verändert. Nichts ist mehr, wie es war. Viele Menschen sehen sich in Unsicherheit, Angst, aber auch in Wut und Frustration, wie viele Untersuchungen mannigfach belegen. Besorgniserregend für den Gesamtzustand des Gemeinwesens ist dabei vor allem das Verschwinden des Vertrauens in Institutionen, Verbände, Politik und Gesellschaft. Viele haben das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören. Das führt sozial und politisch zu starken Verwerfungen, zu Unordnung in der Politik und zur sozialen Segmentierung.
So sprechen denn Diagnostiker von einer Zeitenwende oder einem epochalen Umbruch. In einer Anthologie über die geistige Situation der Zeit resümiert der Politologe Ivan Krastev, dass wir uns in einer «Kehrtwende» befänden. «Die nach 1989 entstandene Welt löst sich auf, und der dramatischste Aspekt dieser Transformation ist nicht der Aufstieg autoritärer Regime, sondern die Veränderung demokratischer Systeme in vielen westlichen Ländern.» Der kontinuierliche Weg zum Fortschritt und zur friedlichen Weltgesellschaft – wie über Jahrzehnte als nachgerade selbstverständlich prognostiziert – ist nicht nur unterbrochen, sondern offensichtlich sogar rückläufig: Involution statt Evolution.
Zukunftsdiskussionen, grosse Pläne, Utopien gehören der Vergangenheit an. Der amerikanische Philosoph Michael J. Sandel notiert, dass es in den meisten demokratischen Gesellschaften Politikern und politischen Parteien nicht mehr gelingt, grosse und allgemein bedeutsame Fragen aufzugreifen – insbesondere Fragen, die Ethik und Werte betreffen und unser aller Perspektiven. Dementsprechend – so Sandel – sei es ein auffälliges Merkmal des heutigen Lebens, dass die Bürger fast überall – und aus guten Gründen – von der Politik frustriert sind. Zukunft ist nun weithin negativ besetzt; an der Universität Cambridge gibt es sogar ein Institut, das sich mit dem Ende der Menschheit beschäftigt. Angesichts dessen sehen einflussreiche Intellektuelle wie zum Beispiel Noam Chomsky nur noch die krasse Alternative von Kampf oder Untergang – so der Titel seines neusten Buches.
Der Wind hat sich gedreht – und er weht nicht mehr von links. In der Aktualität sind mittlerweile die rechten Parteien. Das war vorbereitet und wird begleitet vom Aufstieg konservativen Denkens. Ein Mentalitätswandel wird konstatiert, der von einer erstaunlichen Vergangenheitsorientierung geprägt ist. Diese Nostalgie lässt sich erklären über den Mangel an Zukunftsentwürfen und über die Hilflosigkeit vor Katastrophenszenarien unvorstellbaren Ausmasses. Letztere betreffen demografische Prognosen, die vor einer «Muslimisierung» von innen ebenso warnen wie vor einer «Völkerwanderung» von aussen. Hinzufügen muss man die zu erwartenden Turbulenzen aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung.
Am bedrohlichsten erscheint der Klimawandel. Er bewirkt, dass gegenwärtig eine Million Arten vom Aussterben bedroht sind. Satellitenbilder zeigen im Juli 2019 ungeheure Brände in der Arktis. Wenn aber das Eis erst einmal geschmolzen ist, beginnt der Nordpol die Erde aufzuheizen, statt sie zu kühlen. David Wallace-Wells hat in seinem Buch The Uninhabitable Earth zu beschreiben versucht, was dieses Szenario bedeutet: Hitzetod in den Städten; Kollaps der Lebensmittelversorgung; Massenflucht vor den Überschwemmungen der Küsten.
Der Innenblick auf die Gesellschaft dokumentiert die Erosion von Zusammenhalt und Solidarität. David Goodhart hat in seinem aufsehenerregenden Buch The Road to Somewhere über die englische Gesellschaft einen tiefen Riss konstatiert. Er trennt die Menschen in Anywheres und Somewheres. Anywheres sind die «metropolitans», kosmopolitisch, häufig Expats, heute hier und morgen da; sie definieren sich nicht mehr über nationale Grenzen oder regionale Gemeinsamkeiten; ihre Identität erwächst einzig aus ihren internationalen Biografien, individuellen Fähigkeiten und den wechselnden Anforderungen des globalen Marktes. Somewheres sind die «Alteingesessenen», die noch auf Heimat und Vaterland pochen, traditionalistisch sind und «verwurzelt» – nicht nur in der «Scholle», sondern auch in den althergebrachten Sitten und Gemeinsamkeiten. Nicht nur Goodhart, sondern auch James David Vance oder Mark Lilla und Russell Hochschild schildern den Dünkel der Anywheres gegenüber den Somewheres, das Fehlen von Empathie, Verantwortung und Anerkennung der Ersteren für die Letzteren. Hillary Clinton hat diese Menschen als «deplorables», als erbärmliche, bezeichnet. Emmanuel Macron hat sich schnöselig über sie lustig gemacht. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung belegt, dass die Angst vor einer weiteren Spaltung der Gesellschaft inzwischen weitaus grösser ist als die vor einer Zunahme von Kriminalität und Terror. Das gilt auch für andere Staaten: Weltweit sorgt sich eine grosse Mehrheit um den Verlust des einstigen Gefühls von Zusammengehörigkeit und gemeinsamer Verantwortung. Chantal Mouffe ortet eine «tiefe Unzufriedenheit mit der bestehenden Ordnung».
«Die Leute glauben nicht mehr, was die Medien und herrschenden Parteien ihnen vorlügen», heisst es in einem Internet-Beitrag. «Zwar kann die Regierung versuchen, die Demonstrationen zu verbieten und zur Not alles niederzuknüppeln, aber das wird ein Bumerang. Die meisten wollen ihr Land zurück und in ihrem Land nach ihren Vorstellungen leben.» Pankaj Mishra spricht vom «Zeitalter des Zorns», und David Goodhart bemerkt pointiert, dass der Populismus als Erfolgsmodell die alte Sozialdemokratie abgelöst habe. Grundsätzlich lässt sich ein Malaise an der gegenwärtigen Politik benennen, das nicht einfach in Schubladen von Rechtsextremismus, Faschismus gar, Rassismus oder Pöbelei versorgt werden darf. Alles Unerwünschte wird heutzutage schnell mit solchen Etiketten des Unanständigen versehen, damit man es gar nicht erst überprüfen und diskutieren muss. Die so Gescholtenen lassen sich dann leicht ausgrenzen. Tatsächlich ist in den vergangenen Jahren die Political Correctness immer enger gezogen worden.
Grundsätzlich gilt es festzustellen, dass etwas, das als rechts etikettiert wird, nicht a priori schlecht sein muss, nur weil ihm diese Etikette aufgestülpt wurde. Genauso wenig, wie per se gut ist, was sich als links geriert. Erst sollten die Inhalte daraufhin geprüft werden, ob sie vorwärts- oder rückwärtsgewandt sind. Wobei sich dann heute wiederum die Frage stellt, ob angesichts der gegebenen Verhältnisse rückwärtsgewandt nicht sogar vorwärtsgewandt sein kann. In dieser für den Einzelnen so intransparent gewordenen Welt von heute stiftet Rückbesinnung offenbar Orientierung für viele.
Umgekehrt – so monieren einige zeitkritische Autoren – befördern fatalerweise vor allem Bewegungen, die sich selber als fortschrittlich ausgeben, wie zum Beispiel der Feminismus oder die «Multikultis», jene gesellschaftlichen Trends, die ganz im Sinne der globalisierten «Kapitalkräfte» sind. Letztlich stehen sie damit im Einklang mit dem Neoliberalismus, den sie zu bekämpfen vorgeben. Das ist wohl bedenkenswert, auch wenn es sich wenig nett liest.
Mit Sicherheit wird man genau hinschauen müssen, was legitime Kritik ist, wo sich das mit Rassismus vermischt oder dahin gänzlich abgleitet. Wer Konzentrationslager fordert, Hitler lobt oder rassistische Muster vertritt, muss Nazi oder Faschist genannt werden und ist rechtsextrem; wer für traditionelle Werte einsteht wie Fleiss und Anständigkeit, möchte, dass seine Heimat nicht verschandelt wird, und für nationale Grenzen votiert, mag für den liberalen Zeitgeist rechts sein, ist aber de facto einfach konservativ. Etikettierungen werden heute aus einem liberalisierten Milieu heraus vorgenommen, das einigermassen autoritär dekretiert, was nun angeblich richtig ist und was falsch. Richtig sind in diesem Verständnis Globalisierung, offene Märkte und noch offenere Grenzen, Kosmopolitismus, Diversität, Multikulturalismus, unfixierte Beziehungen bis zur Polyamorie, Lob des Seitensprungs, gleichgeschlechtliche Ehe, Gender Mainstreaming – um nur gerade einiges zu benennen.
Zu den diffamatorischen Etiketten zählt seit Kurzem auch der Begriff des Populismus. Laut Duden ist Populismus eine «von Opportunismus geprägte, volksnahe, oft demagogische Politik, die das Ziel hat, durch Dramatisierung der politischen Lage die Gunst der Massen […] zu gewinnen». Das allerdings dürfte auch für fast alle Parteien gelten, für Greta Thunberg, für Boris Johnson und Donald Trump allemal. Eine Prise Populismus – so monieren Kritiker – gehöre zu jeder erfolgreichen Politik. Zudem ist der Begriff analytisch wenig hilfreich. Selbst definitionseifrige Institutionen wie die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung kapitulieren vor einer genauen Begriffsbestimmung. Dass Populismus ein so vieldeutiger Begriff ist, findet indes Oliver Decker richtig prima: «Gerade das könnte ihn zu einem analytisch starken Begriff machen, denn der Gegenstand, den er beschreibt, ist selber schillernd.» Wie das nun gehen soll, verrät Decker allerdings nicht.
Sinnvoller ist, sich weniger an diesem Begriff zu orientieren als an den Ursachen, die den Begriff so gängig gemacht haben. Cornelia Koppetsch meint in einer der wenigen sachlichen Studien zum Thema – trotz der vielen nachgewiesenen Plagiate –, dass der Aufstieg des Populismus eine aus «unterschiedlichen Quellen gespeiste Konterrevolution gegen die Folgen der Moderne» ist. Koppetsch im Übrigen verzichtet auf eine Definition des Begriffs, obwohl ihr Buch ihn im Titel trägt. Der vorliegende Text verwendet ihn erst gar nicht.
Was in der Debatte bisher nicht so bedacht wurde, ist der Tatbestand, dass über die sozialen Medien neue Dimensionen der Autonomie entstanden sind – in Form einer Gegenöffentlichkeit und direkten Dauerkommunikation von unten. Niklaus Nuspliger notiert, dass je weiter sich Digitalisierung, Datenökonomie und künstliche Intelligenz entwickelten, desto grösser werde das demokratische Potenzial der Bürger.
Diese neue Realität ist in diesem Buch zur Kenntnis genommen worden in Form von Leserbriefen, «hate speech» oder Tweets. Zudem wurde über diese «Kanäle» der Alltag systematisch beobachtet, aber auch über die Berichterstattung von Tageszeitungen und Periodika. Das ist eine Facette des Versuchs, das Phänomen vielfältigen Protests von unten zu verstehen statt über elaborierte Theorien und moralisierende Belehrungen.
Dem Band liegen einige Hundert Gespräche zugrunde, geführt vor allem in Deutschland, der Schweiz und Österreich, spontan in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Kneipen, auf Parkbänken, im Café. Nach solchen Anfangskontakten wurde der informelle Austausch mit Personen, die interessiert waren, fortgesetzt und zum Teil mit «Tiefeninterviews» zur Bestätigung ergänzt. Erlebtes wurde eingearbeitet, auch biografisch Erfahrenes. Dieser subjektive Faktor bleibt nicht isoliert, sondern wird mit dem Zustand der bestehenden Gesellschaft in Verbindung gesetzt, wobei dann auch auf aktuelle Gesellschaftstheorien rekurriert wird. So entsteht eine einigermassen verlässliche Diagnose der Gegenwart.
Wahrheit sitzt nicht unbedingt am Ort des Geschehens, sondern zumeist in viel weiteren Zusammenhängen. Das bemerkt Pierre Bourdieu in seinem dickleibigen Band über das Elend der Welt. Es ist wohl in diesen Tagen schwieriger geworden «Wahrheit» zu definieren und zwischen «Wahrheit» und «Unwahrheit» zu unterscheiden; auch was «fake» ist, gibt sich ja als «wahr» aus. Werner Seppmann prangert von marxistischer Seite das «manipulierte Bewusstsein» an und spricht im Rückgriff auf Georg Lukácz vom «Manipulationszeitalter». Insofern ist diese Studie bemüht, sich an die Empirie zu halten.
Einleitung: Keine angenehmen Zeiten. Zur Diagnose der Gegenwart
Wo stehen wir? Das ist in unseren Tagen nicht einfach zu definieren. Schon 1985 hatte Jürgen Habermas von der «neuen Unübersichtlichkeit» geschrieben. 2017 konstatiert der Münchner Soziologe Ulrich Beck in seinem nachgelassenen Werk Metamorphose der Welt unser generelles Unverständnis gegenüber der radikal verwandelten Wirklichkeit. Die traditionellen Begriffe reichten nicht mehr aus, um die soziale Welt zu verstehen. Schaut man sich in der sozialwissenschaftlichen Literatur der Gegenwart um, gibt es dazu kaum Widerspruch. Auf nichts scheint mehr Verlass. Der Verlust alter Selbstverständlichkeiten ist ubiquitär. Uns fehlt die Orientierung, ein Kategoriensystem dazu, die Hermeneutik.
Das ist auch die Diagnose von Zygmunt Bauman, der vor Kurzem – 92-jährig – in seiner Wahlheimat Leeds verstorben ist: «Wir haben heute das Gefühl, dass alle Hilfsmittel und Kunstgriffe zur Bekämpfung von Krisen und Gefahren, die wir bis vor kurzer Zeit noch für wirksam oder gar narrensicher hielten, ihr Verfallsdatum erreicht beziehungsweise überschritten haben. Und uns schwebt kaum noch etwas oder eigentlich gar nichts mehr vor, das an ihre Stelle treten könnte. Die Hoffnung, den Lauf der Geschichte unter die Vormundschaft des Menschen stellen zu können, ist mitsamt den sich aus ihr ergebenden Bestrebungen so gut wie verschwunden.» Also eine allgemeine geistige Müdigkeit, keine Fantasie mehr, sich Lösungen vorzustellen, eine Gesellschaft ohne Utopie, geistige Lethargie, stattdessen fleissige Ablenkung, um sich den entscheidenden Fragen nicht stellen zu müssen.
Vergangenheit ist wieder in; Nostalgie statt Utopie. Fünfhundert Jahre nachdem «Thomas Morus dem jahrtausendealten Menschheitstraum von der Rückkehr ins Paradies […] den Namen ‹Utopia› gegeben hat», sei von visionärem Denken im positiven Sinn wenig übrig geblieben. Vielmehr dominiere das Rückwärtsgewandte, das Bauman im Begriff der «Retrotopia» fasst. Damit meint er «Visionen, die sich anders als ihre Vorläufer nicht mehr aus einer noch ausstehenden und deshalb inexistenten Zukunft speisen, sondern aus der verlorenen/geraubten/verwaisten, jedenfalls untoten Vergangenheit.» Das hat Folgen: Wenn utopisches Denken fehlt, verlieren wir die Richtschnur, an der wir Wirklichkeit messen können, ihre Qualität oder ihre Nichtigkeit. «Offensichtlich – und daher zum erheblichen Schaden unseres Selbstvertrauens, Selbstbewusstseins und Stolzes – sind wir nicht diejenigen, die die Gegenwart bestimmen, aus der die Zukunft hervorgehen wird – und haben deshalb erst recht wenig bis gar keine Hoffnung, diese Zukunft in irgendeiner Weise kontrollieren zu können. […] Welche Erleichterung ist es da, aus dieser undurchschaubaren, unergründlichen, unfreundlichen, entfremdeten und entfremdenden Welt voller Falltüren und Hinterhalte in die vertraute, gemütliche und heimatliche […] Welt von Gestern zurückzukehren.»
Die gesellschaftlichen Gründe für den Verlust des Utopischen sind – schematisch benannt: Der Staat hat in der globalisierten Welt seine Prägungs- und Sanktionskraft verloren. So lässt auch die verpflichtende Kraft von Bindungen und Normen nach. Das fördert eine Zunahme der Gewalt und einen roheren Umgang im Zwischenmenschlichen. Einfluss basiert zunehmend auf Gruppenidentität; statt kollektiver Interessen herrschen individualisierte. Die Kleinlobbys agieren aber so, als repräsentierten sie die Gesamtgesellschaft. Obwohl sie die Meinungsfreiheit Andersdenkender einschränken, berufen sie sich perverserweise für ihre Egoismen auf die Menschenrechte.
Das ist auch eine Kritik an der Identitätspolitik der vergangenen Jahre, wie sie heute zeitgenössische Philosophen formulieren – etwa der New Yorker Mark Lilla. Bauman erklärt: «Debatten in Glaubensfragen zielen nicht auf Konsens, sondern darauf, die Gegenseite als unheilbar taub und blind für die ‹Tatsachen› und von bösartigen Absichten getrieben hinzustellen. Die Zuschreibung übler Absichten macht den Beweis der eigenen Aufrichtigkeit überflüssig.» Diese autistische Haltung führt ins Verderben. Der Ausweg – durchaus pathetisch formuliert, und das mit viel Recht: «Entweder wir reichen einander die Hände oder wir schaufeln einander Gräber.»
Der grosse deutsche Philosoph Ernst Bloch hat sein dreibändiges Hauptwerk einst mit dem Titel versehen: Das Prinzip Hoffnung. Was inzwischen zu einem geflügelten und etwas abgegriffenen Wort geworden ist, meint Fundamentales: Hoffnung strukturiert unser Leben und hält es aufrecht. Wer die Hoffnung verliert – so weiss die Suizidforschung –, bringt sich um. Hoffnung beantwortet die lebenswichtigen Fragen: Wer sind wir? Wo wollen wir hin? Das gilt in einem allgemeineren Sinn auch für die Gesellschaft als Ganzes. Ohne Programmatik und ohne Zukunftsentwurf sind Gesellschaften zur Stagnation verurteilt. Diese soziale Gesetzlichkeit hat der amerikanische Soziologe Lewis Coser einst so formuliert: «Eine Gruppe und ein System, die nicht mehr herausgefordert werden, sind nicht mehr zur schöpferischen Reaktion fähig. Sie können weiterexistieren, gekettet an das ewige Gestern der Präzedenzien und Traditionen, aber sie können sich nicht mehr erneuern.»
Das dürfte heute wahrer sein denn je. Die Politik des Aussitzens und penetranten Abwartens ist keine deutsche Sonderheit, auch wenn sie in der Bundesrepublik besonders ausgeprägt erscheint. Weltweit hat Politik keine Antworten auf die brennenden Fragen der Epoche und keine Visionen, wie eine Zukunft besser und verlässlich ausschauen könnte. Sehnsüchte und Hoffnungen werden nicht mehr «bedient», wie es heute in der Politikersprache heisst. Das spüren die Menschen und verargen es auch deutlich den «Staatenlenkern». Beklagt wird das vollständige Fehlen von Zukunftsentwürfen, «die Leere der politischen Auseinandersetzung», der Fokus auf ökonomische Pragmatik zulasten von «Ethik und Werten», die Abgehobenheit des parlamentarischen Diskurses mit dem tristen Ergebnis, dass jene Fragen, «die den Menschen Sorge bereiten», gar nicht erst zur Sprache kommen.
Selbst die Sozialwissenschaften, deren vornehme Aufgabe es einst war, neue Gesellschaftsentwürfe zu entwickeln, wirken steril angesichts der neuen Herausforderungen. Jede moderne Gesellschaft ist sozialem Wandel unterworfen; aber dieser Wandel hat sich bisher auf einem gesellschaftlichen Boden von Gewissheiten und Traditionen vollzogen. In unserer Gegenwart hingegen ändert sich das menschliche In-der-Welt-Sein grundsätzlich, denn nun wird stetig zur Wirklichkeit, was eben noch als undenkbar galt. Das macht für Beck «Metamorphose» aus.
Sein Jenaer Kollege Hartmut Rosa will – nicht gerade bescheiden – eine ganz neue «Soziologie der Weltbeziehung» formulieren, um die Krise zu bewältigen. Dabei hat er den Anspruch «einer umfassenden Rekonstruktion der Moderne» als gesellschaftstheoretischen Grossentwurf. Der Schlüsselbegriff bei alledem ist: Resonanz. «Resonanzen sind Ergebnis und Ausdruck einer spezifischen Form der Beziehung zwischen zwei Entitäten, insbesondere zwischen einem erfahrenden Subjekt und begegnenden Weltausschnitten.» Dabei greift Rosa auf seine einstige Kritik der «Beschleunigung» zurück. Exakt diese Dynamik erschwere unsere aktuelle Weltbeziehung. Die moderne Gesellschaft muss sich nach der Diagnose von Rosa «immerzu ausdehnen, […] wachsen und innovieren, Produktion und Konsumtion steigern […], um ihren formativen Status quo zu erhalten». Das führe für die Menschen nur konsequent «zu einer problematischen, ja gestörten oder pathologischen Weltbeziehung». Rosa macht das fest «an den grossen Krisentendenzen der Gegenwart», als da sind: ökologische Krise, Demokratiekrise und Psychokrise. Diese Triade untergrabe die menschlichen Möglichkeiten gelingender Resonanz und «führt zu einer kulturellen Selbstwahrnehmung, die durchaus Webers Konzeption eines ‹stahlharten Gehäuses› entspricht, das den Subjekten gleichgültig und oft genug feindlich gegenübersteht». Entfremdung werde dann zum Grundmodus der Weltbeziehung.
Auch Andreas Reckwitz will eine Soziologie vorlegen, die den Anspruch hat, ganz neu zu sein: Die Gesellschaft der Singularitäten. Sein Buch erfreut sich des Lobes im gesamten deutschsprachigen Feuilleton, und dementsprechend hat sich der Titel auch jenseits der Fachwissenschaft zu einem Bestseller gemausert. Singularität ist für Reckwitz das «Besondere, das Einzigartige, also das, was als nicht austauschbar und nicht vergleichbar erscheint.» Jeder sei mittlerweile seine eigene Welt, seine «erfolgreiche Selbstverwirklichung». Oder – im einigermassen grässlichen Jargon von Reckwitz: Lebensverbindlich sei heute «die Norm der performativen Authentizität». Das nun will Reckwitz nicht nur als individuelles Verhaltensmuster sehen, sondern als soziale Gesetzmässigkeit. Seit vier Jahrzehnten transformiere sich die westliche Wirtschaft von «einer Ökonomie der standardisierten Massengüter zu einer Ökonomie der Singularitäten». Güter seien mit dem Label der Einzigartigkeit ausgerüstet. Ergo findet laut Reckwitz gegenwärtig «eine Neukonfiguration der Formen der Vergesellschaftung» statt: «Die soziale Logik der Singularitäten erlangt eine strukturbildende Kraft.»
Da lässt sich fragen, wie weit Reckwitz noch zwischen Werbung und Realität zu unterscheiden vermag. Im Zeitalter der Globalisierung – so eigentlich der Tenor aktueller Gesellschaftskritik – sind Güter, Medieninhalte oder Verkehrsmittel immer uniformer geworden. Je globalisierter die Welt gerät, desto einheitlicher und monotoner wird sie. Beispiele sind der Massentourismus, die Verdichtung im Wohnen, Super- und Hypermärkte, Grossevents, die immer grösser werden, die zunehmende Videoüberwachung und ein Verhalten, das von Algorithmen bewertet wird.
In seinem Buch Die smarte Diktatur kommt denn Harald Welzer auch zu einer diametral entgegengesetzten Diagnose wie Reckwitz. Das Private verschwinde; proportional dazu wachse die Fremdsteuerung. Mittlerweile fielen Konsum und Überwachung zusammen. Der gepriesene Individualismus unserer Tage sei nichts anderes als eine Schimäre – sehr gefährlich im Übrigen. «Das Leben in der Ich-Bubble aber ist nicht individualisierend, sondern typisierend.»
Mit den Daten nimmt es Welzer allerdings ebenfalls nicht so genau – auch wenn seine Einschätzung um einiges wirklichkeitsnäher ist als die von Reckwitz. Aber es ist halt nun einmal so, und das nicht erst seit heute: Es lässt sich alles behaupten, wenn die Empirie fehlt. Das mag in der Soziologie um einiges mehr stören, weil sie von allem Anfang an als empirische Wissenschaft angetreten ist und nicht als Spekulationsarsenal. Auffällig ist bei Rosa, Welzer, Beck und vor allem Reckwitz, dass Besitzverhältnisse, Arbeitsprozesse, Machtbildung oder die Verteilung von Armut und Reichtum als klassische Kategorien der Soziologie gar nicht mehr auftauchen. Stattdessen werden neue Begriffe vorgestellt, die – wie «Resonanz» und «Metamorphose» – mit Soziologie im eigentlichen Sinn nichts zu tun haben.
Zudem stellt sich die Frage nach dem Gebrauchswert solcher «Theorien». Rosa zum Beispiel wirft der bisherigen Soziologie – in Sonderheit der kritischen – vor, die «Bezogenheit» des Menschen nicht zur Genüge zu berücksichtigen. Eher wirkt es aber so, dass die «Radikalisierung der Beziehungsidee», die Rosa vornimmt, zu einer Verarmung der Soziologie führt – vor allem im Vergleich zu den «alten» und spannenden Ansätzen von der Dialektik zwischen menschlichem Verhalten und gesellschaftlichen Verhältnissen – etwa bei Adorno – oder den «alltäglichen Lebenswelten», wie sie Schütz und Luckmann beschrieben haben.
Wenn die Analyse schwammig bleibt, können die Lösungsmuster für den Krisenmodus auch nicht besonders verbindlich sein. Welzer zum Beispiel fordert «Widerstand». Am konkreten Beispiel liest sich das dann so: «Den religiösen Fundamentalismus muss man mit den Mitteln des Rechtsstaats bekämpfen.» Beck sieht Veränderungspotenzial in dem, was er «emanzipatorischen Katastrophismus» nennt: «Das Momentum der Metamorphose besteht verblüffenderweise gerade darin, dass der feste Glaube an die Gefährdung der gesamten Natur und der Menschheit durch den Klimawandel eine kosmopolitische Wende unserer gegenwärtigen Lebensweise herbeiführen und die Welt zum Besseren ändern kann.» Das ist – mit Verlaub – naiv, überdies brandgefährlich, weil mit Katastrophen gespielt wird, und im Übrigen blosse Behauptung. Rosas Quintessenz reiht sich da nahtlos ein: «Eine bessere Welt ist möglich, und sie lässt sich daran erkennen, dass ihr zentraler Massstab nicht mehr das Beherrschen und Verfügen ist, sondern das Hören und Antworten.» Das ist Phrase und mutet selbst dann ärgerlich an, wenn sie der Pfarrer dergestalt in seiner Sonntagspredigt formuliert.
Produktiver hingegen sind jene Werke, die sich am empirischen Arbeitsauftrag der Soziologie orientieren. Ein Beispiel ist Oliver Nachtweys Text Die Abstiegsgesellschaft. Seine Grundthese ist, dass aus unserer Gesellschaft des Aufstiegs und der sozialen Integration eine des sozialen Abstiegs geworden sei. Unter der Oberfläche einer scheinbar stabilen Gesellschaft erodierten seit Langem die Pfeiler der sozialen Integration, mehrten sich Abstürze und Abstiege. Prekarität und Polarisierung seien heute die Kennzeichen des sozialen Systems. Nachtwey belegt das mit vielen Daten und seinen eigenen Erfahrungen in der industriellen Arbeitswelt.
Noch überzeugender ist eine Arbeitsweise, die unmittelbar bei den Erfahrungen der Menschen ansetzt. Dazu gibt es vor allem einige aktuelle Beispiele aus den USA: Amy Goldstein, Janesville; James David Vance, Hillbilly Elegie oder Arlie Russell Hochschild, Fremd in ihrem Land. Alle drei haben jahrelang vor Ort recherchiert. Goldstein und Hochschild haben in Regionen Menschen befragt und begleitet, die von den heftigen Umwälzungen in den USA im wahrsten Sinn des Wortes erschüttert wurden. Hochschilds Vorgehen ist eine geschickte Mischung aus Fakten und Empathie; so entwirft sie eine «emotionale Landkarte» der Menschen, die auch deren politisches Verhalten selbst dann sinnvoll zu erklären vermag, wenn es «rationalen» Politbeobachtern widersprüchlich, unsinnig oder sogar destruktiv erscheint. Vance hingegen erzählt einfach die Geschichte seiner weissen Unterschichtsfamilie aus dem «Rust Belt» und entwirft darüber ein sehr eindrückliches Bild von Trumps Amerika.
Vance fordert Respekt für diese Menschen. Das ist ein soziologischer Ansatz, den Marie Jahoda schon 1932 in ihrer Studie Die Arbeitslosen von Marienthal pionierhaft formulierte und der sich offenbar jetzt wieder erfolgreich anwenden lässt: Die Menschen in ihrem Lebenskreis aufsuchen, sie befragen, sie erzählen lassen und sie über ihre eigenen Erfahrungen schliesslich verstehen, statt sie von oben zu bevormunden.
I Überall Durcheinander
Am 29.Juli 2019: Drama am Frankfurter Hauptbahnhof. Ein achtjähriger Junge wird vor einen einfahrenden ICE gestossen. Einfach so.
In Indien hat eine Hitzewelle gezeigt, dass manche Regionen der Erde bald nicht mehr bewohnbar sein könnten – Forscher schlagen Alarm.
Cecile Eledge, 59 Jahre alt, brachte kürzlich im US-Bundesstaat Nebraska ihre eigene Enkeltochter auf die Welt – als Leihmutter für ihren homosexuellen Sohn.
Schock am Fasanenhof in Stuttgart. Mitten auf der Strasse wird ein Mann von einem syrischen Flüchtling getötet – mit einem Schwert.
Die Welt droht den Kampf gegen den Hunger zu verlieren: Im vergangenen Jahr hungerten weltweit 821 Millionen Menschen. Für zwei Milliarden Menschen drohen die Nahrungsmittel knapp zu werden.
Hannover. Eine Seniorin wird von zwei Männern aus der Stadtbahn gekidnappt und in einem Rohbau zwei Tage gefangen gehalten!
In Städten wie Amsterdam und Rotterdam sind heute schon die Hälfte der Bewohner Migrantenfamilien, 180 Nationen leben hier, zwei Drittel der Schulkinder kommen aus Migrantenfamilien. Einheimische fühlen sich zunehmend fremd.
Das sind einige Zeitungsmeldungen, wahllos herausgegriffen, und es sind nicht die schlimmsten. Sie signalisieren Auflösungstendenzen unserer alltäglichen Ordnung. Heimat bricht weg, das Vertraute und Gewohnte. Stattdessen sind «plötzlich» Millionen von Fremden, Flüchtlingen und Zugewanderten da – vielfach aus «exotischen» Ländern wie Afghanistan, Eritrea oder den Philippinen.
Viele Menschen sind irritiert, und es ängstigt sie. Sie beklagen, dass ihnen die Orientierung abhandenkomme: Alles verändere sich ständig und in einem so hohen Tempo, dass man ihm nicht mehr zu folgen vermöge; nichts bleibe gleich. Woran kann man sich noch festhalten? Gleichzeitig werden Leistungs- und Profilierungsanforderungen immer höher geschraubt – die Krankenstatistiken der Versicherer und Krankenkassen belegen seit Jahren einen stetigen und zum Teil dramatischen Anstieg von Burnout und anderen Stresserkrankungen, von Depression und «Verschleisserkrankungen». Das ist zum Ärger der Betroffenen kein öffentliches Thema.
Die soziale Wirklichkeit transformiert sich rapide. Die traditionellen gesellschaftlichen Milieus lösen sich auf: Nachbarschaften, Vereine, gut erreichbare Einkaufsmöglichkeiten, Serviceleistungen wie zum Beispiel die Post, die alte Eckkneipe, die Sitzbank mit den Bekannten. Das Selbstverständliche des Lebens verschwindet.
Leben muss aber, um es sinnvoll und zufrieden führen zu können, ein grosses Stück selbstverständlich sein. Es darf nicht jeden Tag wieder infrage gestellt werden, es ist einfach da, und es ist tragfähig. Das lehrt die Anthropologie; aber vor allem belegt es unsere Erfahrung.
Was dergestalt als Orientierungsverlust erlebt wird, wird überdies als Kontrollverlust wahrgenommen. Das Gewohnte, Vertraute und Gesicherte entgleitet einem immer mehr. Es entsteht ein Vakuum. Mit Leere lässt sich auf Dauer aber nicht leben; sie muss wieder gefüllt werden, um sich überhaupt eine eigene Zukunft vorstellen zu können. Wenn die Orientierungs- und Anpassungsfähigkeit des Einzelnen an Grenzen kommt, droht auch das gesellschaftlich Ganze zu kippen. Das kann unter heutigen Bedingungen ganz rasch gehen, wie zum Beispiel die «Gilets jaunes» in Frankreich gezeigt haben.
Planbarkeit ist zur Illusion geworden. «Diese verdammte Unsicherheit», klagt ein Betroffener. Die brüchigen Lebenswelten sind der Hauptgrund für den Erfolg von «Populisten», rechten Bewegungen, Protest von unten. Die Unzufriedenheit der «rechten» Wähler richtet sich nicht in erster Linie gegen die Flüchtlinge, die Hausbesitzer oder das Kapital, sondern gegen den kulturellen Wandel.
Albert Camus hat einmal notiert: «Das Leben verlieren ist keine große Sache; aber zusehen, wie der Sinn des Lebens aufgelöst wird, das ist unerträglich.» Nicht wenige sind verzweifelt – bis zum Suizid: Abschied aus Epochenschmerz.
Auf nichts ist Verlass. Der Verlust des Selbstverständlichen
Es ist ein anthropologisches Grundgesetz: Was im Leben selbstverständlich ist, das gibt Kontinuität; Kontinuität gibt Sicherheit, und Sicherheit garantiert Verlässlichkeit. Leben muss nicht jeden Tag wieder infrage gestellt werden; es ist einfach da, und es ist tragfähig. Doch dieses Selbstverständliche ist nicht mehr selbstverständlich. In ihrem Deutschland-Report konstatiert Jutta Allmendinger eine grosse Unsicherheit; gesellschaftliche Umbrüche würden erwartet. «Statt Kontinuität erleben die Menschen tagtäglich Wandel.» Ein ganz simples Beispiel aus dem Alltag des Einkaufenden: Verpackungen ändern sich ständig, auch Produktbezeichnungen; zudem werden die Waren in den Regalen immer wieder umgestellt, was die Orientierung erschwert.
Was sind Selbstverständlichkeiten des Lebens? Was trägt uns? Was lässt uns im Alltag taktfest sein und Zukunft planen? Verlässliche Antworten liefert die Anthropologie: Menschen brauchen Sicherheit – mit sich selbst (Identität), in den mitmenschlichen Beziehungen, in ihrer Umgebung und in ihrer Wahrnehmung. Nach Harrison und Huntington gehören dazu in unserer Kultur auch: Rechtstreue, Fairness, Beschränkung der Staatsgewalt, Verbindung von Individualismus und Gemeinwohlorientierung, Meinungs- und Religionsfreiheit, Arbeitsethos, Orientierung, Wertschätzung von Bildung und Erziehung. Sie – in ihrer Totalität – schüfen Vertrauen und Verlässlichkeit. In seinem Buch Sozialer Kapitalismus führt Paul Collier in Berufung auf die Anthropologie sechs Werte auf, die universal gültig seien: Loyalität, Fairness, Freiheit, Hierarchie, Fürsorge und Reinheit im Sinn der «Unantastbarkeit von Dingen auch jenseits eines religiösen Zusammenhangs». Michael Tomasello benennt die Suche des Einzelnen nach Gemeinschaft, die Unsicherheit vermeidet und Schutz vor dem Fremden bietet. Selbst bei jenen, «die sich in keiner Weise für fremdenfeindlich halten, lässt sich empirisch nachweisen, dass wir Menschen, die nicht zu unserer Gruppe gehören, weniger Vertrauen entgegenbringen und als potenziell gefährlicher einschätzen». «Das ist ein Teil von uns.» Solche anthropologischen Basiswahrheiten sollten berücksichtigt werden, wenn es zum Teil vorschnell um Rassismus und Diskriminierung geht.
