Das gefallene Imperium 2: Die Schlacht um Vector Prime - Stefan Burban - E-Book

Das gefallene Imperium 2: Die Schlacht um Vector Prime E-Book

Stefan Burban

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Beschreibung

Die Terranisch-Imperiale Liga führt seit Jahren Krieg gegen die Drizil. Als die Drizil schließlich eine erfolgreiche Invasion des Sol-Systems durchführen und ihnen nach erbittertem Kampf sogar die Erde in die Hände fällt, scheint alle Hoffnung verloren. Vielerorts bricht der organisierte Widerstand zusammen. Lediglich einige wenige, isoliert liegende, menschliche Kolonien entgehen dem Zugriff des Feindes. Eine dieser letzten freien Enklaven der Menschheit ist der abgelegene Planet Perseus die Heimatbasis der 18. Legion ...

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Inhalt

Prolog

Teil I.

1

2

3

4

5

Teil II.

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

Teil III.

18

19

20

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22

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24

25

26

27

Epilog

Weitere Atlantis-Titel

Stefan Burban

Die Schlacht um Vector Prime

Eine Veröffentlichung des Atlantis-Verlages, Stolberg Juli 2015 Druck: Schaltungsdienst Lange, Berlin Titelbild: Allan J. Stark Umschlaggestaltung: Timo Kümmel Lektorat und Satz: André Piotrowski ISBN der Paperback-Ausgabe: 978-3-86402-234-0 ISBN der E-Book-Ausgabe (EPUB): 978-3-86402-265-4 Dieses Paperback/E-Book ist auch als Hardcover-Ausgabe direkt beim Verlag erhältlich. Besuchen Sie uns im Internet:www.atlantis-verlag.de

Prolog

Kapitulation ist keine Option Das Glück favorisiert den Tapferen.(Sprichwort)Terranisch-Imperiale LigaInnerer Sektor 12/8-C(umkämpftes Territorium)Koloniewelt Vector Prime21. November 2849

»Deckung!«

Lieutenant Daniel Red Cloud warf sich flach auf den Boden, als in schneller Folge Driziljäger der Typen Blutstachel und Flüsterwind im Tiefflug vorüberschossen.

Die Drizil feuerten auf alles, was sich bewegte. Legionäre und Milizionäre der Koloniewelt Vector Prime stoben auseinander. Auf den ersten Blick mochte es wie eine Herde aufgescheuchter Hühner wirken, doch bei näherem Hinsehen wurde die Disziplin der Soldaten deutlich. Trotz der beständigen Todesgefahr, in der sie schwebten, handelten sie in höchstem Maße überlegt. Daniel hatte nichts anderes erwartet. Immerhin hatten sie eine hervorragende Ausbildung genossen. Die Männer und Frauen wussten mit einem Minimum an Anweisungen, was zu tun war.

Sie suchten Schutz in jeder Mulde, jedem Bombentrichter und hinter jedem Felsen, der sich ihnen anbot, sodass die meisten Bomben und Geschosse der Drizil harmlos Dreck aufschleuderten oder Bäume entwurzelten. Doch Daniel sah auch Kameraden fallen.

Die Geschosse durchschlugen mühelos die Rüstungen der Legionäre und er hörte ihre Todesschreie über Funk. Ein schwer gepanzerter Legionär, der noch immer seinen A6-Nadelwerfer – eine veraltete Version des A8 – fest umklammert hielt, fiel keine drei Meter von ihm entfernt. Daniel vernahm das Knistern, als dessen Kampfanzug schmolz. Jener gehörte zu den Glücklicheren, denn er war bereits tot. Andere hatte nicht so viel Schwein und schrien sich ihre Lunge heraus, als die säureartigen Geschosse des Gegners sich durch Panzer und Fleisch gleichermaßen fraßen.

Vereinzeltes Feuer folgte den Driziljägern, als sie zu einem neuen Angriff wendeten. Tragbare doppelläufige Laserkanonen – eine verkleinerte Version der Geschütze, die in Raumschiffen zum Einsatz kamen – wurden von Legionären hastig aufgebaut und belegten die feindlichen Jäger mit Abwehrfeuer. Die Maschinen waren zu schnell, als dass gezielter Beschuss möglich gewesen wäre. Die Kanoniere überschütteten einfach die wahrscheinlichsten Anflugvektoren mit Laserimpulsen, in der Hoffnung, irgendetwas zu treffen.

Zwei Blutstachel-Jäger gerieten ins Kreuzfeuer. Einer wurde noch in der Luft in Stücke gerissen, der andere zog nach wenigen Treffern eine Rauchspur hinter sich her. Der Pilot versuchte zwar, die Maschine wieder unter Kontrolle zu bringen, doch vergebens.

Der Jäger verschwand hinter der nächsten Baumgruppe außer Sicht und Daniel hörte nur den Aufschlag und sah eine sich ausbreitende Explosionswolke über den Baumwipfeln.

»Mother an Dolchstoß eins, Mother an Dolchstoß eins.«

Daniel öffnete sofort eine Verbindung. »Hier Dolchstoß eins. Ich höre Sie, Sir.«

Lord General Alexander Great Bears tiefer Bariton war über den Gefechtslärm kaum zu verstehen.

»Bericht!«, verlangte die unnachgiebige Stimme seines Kommandanten.

»Wir haben ziemlich viel Staub aufgewirbelt. Ich würde sagen, uns gilt ihre ganze Aufmerksamkeit.«

»Das ist noch nicht genug, Lieutenant. Der ganze Plan hängt davon ab, dass die Drizil glauben, es wäre eine Großoffensive im Gange.«

Der Boden vibrierte plötzlich unter Daniels Körper. Kleine Kiesel hüpften in unregelmäßigen Abständen auf und ab.

Oh, oh!

»General? Ich glaube, jetzt haben wir wirklich ihre ganze Aufmerksamkeit. Sie kommen.«

Noch während er das sagte, brachen mehrere Baumstämme am Waldrand entzwei und drei klobige Gebilde schoben sich in Daniels Blickfeld.

Heute ist wirklich nicht mein Tag.

»Dolchstoß eins an alle Feuertrupps, Dolchstoß eins an alle Feuertrupps. Der Gegner setzt seine Schocktruppen ein. Falls mich von meiner Zenturie noch jemand hört: Zwei Klicks zum Stadtrand zurückfallen lassen. Der Gegner muss uns unbedingt verfolgen.«

Es antwortete niemand. Nicht einmal Jonas und Simon. Wenn er es recht bedachte, hatte er sie seit Beginn des Angriffs nicht mehr gesehen.

Die drei Gebilde, die sich aus dem Wald schoben, besaßen entfernte Ähnlichkeit mit Königskrabben. An der höchsten Stelle waren sie knapp vier Meter hoch. Sie bewegten sich auf sechs Beinen vorwärts und statt Scheren verfügten sie zu jeder Seite des Cockpits über eine schwere Energiewaffe, die eine Art Ball aus superheißem Plasma abfeuern konnte. Das waren schwere Drizilwaffen, die einen Legionär bei direkter Berührung in seinem Kampfanzug braten würden. Das Cockpit selbst war eigentlich nur eine durchsichtige Blase aus einem Material, das Glas nicht unähnlich war, nur um ein Vielfaches widerstandsfähiger.

Die Besatzung dieser Fahrzeuge bestand aus acht Drizil.

Die Drizil setzten diese Art Kampffahrzeuge seit knapp einem halben Jahr sehr erfolgreich ein. Das Wort Kampffahrzeug war dabei in diesem speziellen Fall nicht ganz zutreffend.

Sie waren nicht unbesiegbar. Daniel selbst hatte bei der Zerstörung von nicht weniger als acht dieser Dinger geholfen. Doch die Opferzahl, die ein solcher Erfolg forderte, war hoch.

Etwas war an diesen Maschinen jedoch überaus faszinierend. Es handelte sich nicht um Maschinen im eigentlichen Sinn. Daniel gab zu, dass er nicht alles der zugrunde liegenden Thematik verstand, doch es schien sich um Lebewesen zu handeln. Lebewesen, die gezüchtet oder gezähmt und dann abgerichtet wurden, um den Drizil als mobile schwere Waffenplattformen zu dienen. Das runde, durchsichtige Cockpit saß direkt auf dem Kopf des Wesens, um so die Befehle direkt per Neuroverbindung ins Gehirn zu übertragen. Vermutlich stammten diese Tiere von einer der Heimatwelten der Drizil.

Die Soldaten von Vector Prime nannten diese Maschinen passenderweise Panzerschleicher, weil sie sich so langsam bewegten. Doch sie brachten auch immer Tod und Zerstörung.

Die Verteidiger von Vector Prime hatten inzwischen Taktiken entwickelt, sich gegen einen Angriff der Panzerschleicher zur Wehr zu setzen. Außerdem war man ständig dabei, aus den verfügbaren Ressourcen neue Technologien zu entwickeln. Die Menschen des Planeten waren mittlerweile sehr gut darin, alles zu recyceln, was man benötigte. Sie hatten auch keine andere Wahl. Entweder man wurde beim Kampf gegen einen Feind wie die Drizil sehr, sehr gut oder man war schon bald tot.

Die führende Maschine feuerte eine Salve ihrer Geschosse ab. Sie schlugen unter den sich zurückziehenden Milizionären ein. Einige wurden augenblicklich zu Asche verbrannt. Ihre Kampfanzüge boten bei Weitem nicht so viel Schutz wie die Anzüge der Legionäre.

Die Truppen zogen sich eilig in die Straßen des nahen Cibola zurück. Die Panzerschleicher rückten näher. Sie nahmen jetzt den Stadtrand unter Beschuss. Daniel wagte es nicht einmal zu atmen, geschweige denn, sich zu bewegen.

Zu beiden Seiten der drei Drizilkreaturen rückte jetzt feindliche Infanterie vor. Für die Fledermausköpfe musste es so wirken, als würde sich der Angriff der Menschen in eine kopflose Flucht verwandeln.

Daniel wartete, solange er es verantworten konnte, und dann …

»Jetzt!«, schrie er in sein Komm.

Zweitausend Legionäre und fast das Doppelte an Milizionären stürmten bis an die Zähne bewaffnet aus ihren Verstecken. Sie schlugen Abdeckungen beiseite, die sie über ihre Unterstände gelegt hatten und die sie vor den Wärmesensoren der Drizil abgeschirmt hatten.

Mit dem Hass eines Volkes, das jeden Tag ums Überleben kämpfte, stürzten sie sich auf die völlig überraschten Drizil.

An der linken Flanke gingen mehrere Legionäre auf dem Dach eines Gebäudes in Stellung. Zwei von ihnen hoben mithilfe der anderen unhandliche, lange Geschützrohre auf die Schultern.

Die Raketenwerfer feuerten hochexplosive, panzerbrechende Geschosse ab. Daniel verfolgte ihre Flugbahn mit den Augen. Sie bohrten sich in zwei der Vorderbeine des führenden Panzerschleichers. Die Geschosse rissen die Panzerung und die darunterliegende Haut auf, ohne die Beine jedoch abzureißen, wie Daniel es gehofft hatte. Das Monster neigte sich erst bedenklich zur Seite, bevor es sich aufbäumte und mit seinen zwei Vorderbeinen um sich schlug. Selbst auf diese Entfernung konnte Daniel erkennen, dass die Besatzung heftig gestikulierend versuchte, das Tier wieder unter Kontrolle zu bringen.

Die eigentlich grüne Haut des Tieres begann zu fluktuieren. Die wenigen noch lebenden Wissenschaftler Vector Primes vermuteten, dass es sich dabei um eine Art Gefühlsaufwallung handelte. Das Tier war aufgeregt. Sobald die Haut zu fluktuieren begann, waren sie auf dem richtigen Weg.

»Weiter! Noch eine Salve!«

Weitere Raketenwerfer feuerten und schlugen in Flanke und Cockpit des Wesens ein. Die durchsichtige Blase bekam einen deutlichen Sprung und mindestens einer der Drizil wurde von einem Splitter am Kopf getroffen. Er fiel um und Daniel konnte ihn nicht mehr sehen.

Der zweite Panzerschleicher kam seinem bedrängten Artgenossen zu Hilfe. Er feuerte eine Salve seiner Geschosse ab und ebnete damit drei Gebäude am Stadtrand ein, unter anderem auch das, auf dem sich die Raketentrupps der Legion befunden hatten.

Daniel hoffte, dass wenigstens einige überlebt hatten.

Die Infanterie von Legion und Miliz hatten den Driziltruppen inzwischen hohe Verluste zugefügt und sie zum Rückzug gezwungen. Der führende Panzerschleicher lag halb auf der Seite. Aus seiner Seite sickerte schwarze Flüssigkeit, bei der es sich nur um Blut handeln konnte.

Spezialisten der Miliz brachten an den verbliebenen Beinen Sprengsätze an. Die beiden anderen Kreaturen feuerten nicht, aus Angst, ihrem Artgenossen Schaden zuzufügen. Das war eine wichtige Schwachstelle, die die 24. Legion erst nach hohen Opfern herausgefunden hatte. Offenbar waren diese Wesen nicht in der Lage, sich gegenseitig Schaden zuzufügen, selbst dann nicht, wenn ihr eigenes Überleben davon abhing oder die Drizil versuchten, sie dazu zu zwingen. Das Geheimnis war also, so dicht wie möglich an den Feind heranzugehen, um ihn unschädlich machen zu können. Das war leichter gesagt als getan. Ein Soldat, der es schaffte, an einem Panzerschleicher eine Sprengladung anzubringen, musste vorher über die Leichen seiner Kameraden klettern.

Die Sprengmeister der Miliz zogen sich nach getaner Arbeit wieder zurück und die Ladungen wurden gezündet. Die Beine der Kreatur wurden direkt oberhalb der Gelenke abgetrennt und der Kopf krachte zu Boden. Er bewegte sich schwach. Das Tier war noch am Leben. Legionäre schwärmten über das Cockpit aus und brachten auch dort Sprengladungen an. Die Drizil im Inneren konnten nur hilflos zusehen und sich auf den Tod vorbereiten.

Die beiden anderen Panzerschleicher gerieten beim Anblick ihres zum Tode verurteilten Artgenossen in Panik und zogen sich in den Wald zurück, so schnell ihre dürren Beine sie trugen. Erfahrungsgemäß würden die Drizil eine Weile brauchen, um sie wieder in den Griff zu bekommen. Die Kontrolle der Drizil über diese Tiere hatte ihre Grenzen.

Mit einem lauten Knall knackten die Legionäre das Cockpit der gefallenen Kreatur. Kein Drizil im Inneren überlebte.

»Mother an Dolchstoß eins. Ich erwarte einen Lagebericht.«

Lord General Alexander Great Bear klang sehr ungeduldig.

Daniel stand auf und öffnete eine Verbindung. »Ein Panzerschleicher erledigt, zwei in die Flucht geschlagen. Verluste kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht beziffern. Die müssen wir noch sichten. Wie ist die Gesamtlage?«

Bedrückte Stille folgte, bevor sich der General erneut zu Wort meldete.

»Es reicht noch nicht. Sie müssen die Drizil noch mehr reizen. Die Drizil müssen Sie als ernste Bedrohung wahrnehmen, sonst gruppieren sie ihre Schiffe nicht so um, wie wir das wollen. Haben Sie verstanden?«

Daniel fluchte wortlos, antwortete dann jedoch. »Verstanden. Wir rücken weiter vor.«

Der Plan, den Alexander Great Bear ausgetüftelt hatte, war recht simpel, in der Umsetzung jedoch erschreckend schwierig.

Vector Prime würde nicht mehr lange durchhalten. Alles, was sie taten, diente nur dem Zweck, die endgültige Niederlage hinauszuzögern. Sie brauchten Hilfe. Dringend.

Und das bedeutete, sie mussten ein Schiff aus dem Vector-Prime-System hinausbekommen. Die Flotte im System war nicht stark genug, die Blockade selbständig zu durchbrechen.

Also mussten die Drizil am Boden so weit gereizt werden, dass sie einen Orbitalschlag anforderten. Hierzu mussten die Drizil die Anordnung ihrer Schiffe umgruppieren und somit einem Ausbruchsversuch eine Chance bieten.

Der Standort ihrer Bodenoffensive war nicht willkürlich gewählt. Irgendetwas in dieser Gegend war den Drizil ungewöhnlich wichtig. Sie versteckten hier etwas. Der Angriff verfolgte nicht nur den Zweck, die Drizil zu reizen. General Great Bear wollte auch wissen, was den Drizil so ungemein wichtig war.

Feuertrupp Dolchstoß der Kampfkohorte Tomahawk hatte den Auftrag erhalten, dies herauszufinden. Allerdings bestand Feuertrupp Dolchstoß im Augenblick nur aus ihm selbst.

Wo zum Teufel sind nur Jonas und Simon?

Daniel bewegte sich durch den Morast, zu dem der Boden nach tagelangem Regen geworden war. Seine Beine sanken bis zu den Waden ein und ließen sich nur mit schmatzenden Geräuschen befreien. Ein schneller Rundumblick bestätigte ihm, dass es den Soldaten in seiner unmittelbaren Umgebung nicht anders erging. Sie fanden sich zu Grüppchen zusammen, um sich beim Marsch aus dem Morast gegenseitig zu unterstützen.

Einen derben Fluch auf den Lippen, arbeitete er sich Richtung Waldrand vor. Je näher er der Baumgrenze kam, desto leichter fiel ihm die Fortbewegung. Die Kämpfe verlagerten sich immer weiter nach Norden in und hinter den Wald. Wie bei Gefechten nicht ungewöhnlich, entwickelte dieses eine Art Eigendynamik.

Daniel rief auf das HUD seines Helms eine taktische Darstellung der aktuellen Lage auf.

Er fluchte erneut.

Die Kämpfe verlagerten sich tatsächlich nach Norden, wobei die Tendenz eindeutig nordwestlich lag.

Das war noch nicht alles. Die meisten höheren Offiziere – soweit sie noch lebten – befanden sich in unmittelbarer Nähe der Hauptkämpfe. Das bedeutete, dass er im Moment hier und jetzt die Führung innehatte. Die gute Nachricht war allerdings, dass die imperialen Truppen den Drizil ordentlich zusetzten und diese trotz Luftunterstützung auf dem Rückzug waren.

»Hier Dolchstoß eins an alle Soldaten in einem Umkreis von einem Klick: Bei meiner Position sammeln. Wir rücken in das Kampfgebiet vor.«

Es folgte eine Reihe von Bestätigungen, denen Daniel nur mit einem Ohr lauschte. Seine Aufmerksamkeit galt der allgemeinen Lage. Wenn sie sich nicht sehr beeilten, würde die Schlacht ohne sie weitergehen. Er suchte auf seinem HUD nach den Symbolen, die Jonas und Simon symbolisierten, fand sie jedoch nicht. Das war besorgniserregend. Es gab nur wenige Gründe, weshalb die Symbole seiner Freunde nicht auftauchten. Einer war, dass sie nicht mehr lebten.

Innerhalb von dreißig Minuten sammelte Daniel mehr als hundert Legionäre und fast ebenso viele Milizionäre um sich und rückte in den Wald vor.

Die Spuren der Kämpfe, die sie versuchten einzuholen, waren unübersehbar. Sie passierten die Überreste eines zweiten Panzerschleichers. Sein Panzer und die durchsichtige Blase, die das Cockpit darstellte, waren an mehreren Stellen aufgeplatzt. Aus den Löchern im Panzer quoll eklig stinkender Glibber. Das Innere des Cockpits selbst glich einem Mixer voller Hackfleisch. Jemand hatte durch eines der Löcher eine Granate geworfen. In dem engen Gebilde waren die Auswirkungen katastrophal.

Rund um den Panzerschleicher lagen die Überreste von mindestens zwei Dutzend menschlichen Kämpfern. Einige waren unter den monströsen Beinen der Kreatur zerquetscht worden, als sie zu fliehen versuchte. Dies bestätigte die Meinung, die er von diesen Kampftieren hatte. Sie zu Fall zu bringen, war keine einfache Aufgabe.

Daniel strich mit der Hand über den harten, noch unversehrten Teil der Schale. Er fragte sich, ob die Drizil diese Tiere abrichteten oder genetisch züchteten. Was mochte das für eine Welt sein, in der diese Tiere in freier Wildbahn lebten? Er schauderte bei dem Gedanken.

Sein Helm gab plötzlich einen aufdringlichen Ton von sich. Der Annäherungsalarm meldete sich zu Wort. Mit knappen Bewegungen gab er seinen Leuten zu verstehen, sie sollten sich verstecken.

Gehorsam verbargen sich die Soldaten im Unterholz, ungeduldig darauf wartend, wer sich ihnen näherte. Imperiale Einheiten konnten es eigentlich nicht sein. Sie hätten sich lange vorher über Funk gemeldet und ihre Annäherung angekündigt. Es konnte sich eigentlich nur um Drizil handeln.

Und tatsächlich schoben sich schon nach wenigen Minuten feindliche Soldaten durch das dichte Blätterwerk. Sie würdigten sowohl ihren gefallenen Kameraden als auch dem Panzerschleicher keines Blickes. Stattdessen schienen sie mit einer Art Scanner den Weg zu überprüfen, den das Gefecht genommen hatte. Anschließend unterhielten sie sich in ihrer Sprache und zu Daniels großer Überraschung schlugen sie einen anderen Weg ein.

Daniel überlegte fieberhaft. Sein erster Impuls bestand darin anzugreifen. Die Driziltruppe bestand aus knapp fünfzig Mann, keine große Gefahr für seine zusammengewürfelte Einheit.

Doch eine innere Stimme riet ihm dazu, es nicht zu tun. Diese Drizil verbargen etwas, das war offensichtlich. In seinem Helm runzelte er die Stirn. Die Kämpfe verlagerten sich inzwischen nicht mehr nördlich, sondern ganz eindeutig westlich. Die entgegengesetzte Richtung, die diese Drizil jetzt einschlugen.

Daniel hätte am liebsten ausgespuckt, doch dazu hätte er seinen Helm absetzen müssen.

Verfluchte, clevere Mistkerle, dachte er. Lord General Great Bear hatte die Streitmacht nicht nur ausgeschickt, um die Drizil zu einer Umgruppierung ihrer Flotte zu veranlassen, sondern auch, um herauszufinden, was die Drizil im Hinterland von Vector Prime so verzweifelt zu verstecken suchten. Und was immer sie verbargen, sie hatten gerade die terranischen Truppen sehr erfolgreich weggelockt.

»Dolchstoß eins an Mother. Mother, bitte melden.«

Aus dem Komm-Gerät drang lediglich statisches Rauschen. Daniel klopfte mit dem Finger mehrmals gegen seinen Helm, doch dies änderte recht wenig.

Auch das noch. Die Drizil hatten einen Störsender aktiviert. Daniel wechselte mehrere Blicke mit den Soldaten in seiner unmittelbaren Umgebung. Die Verständigung per Handzeichen ergab, dass auch sie weder zum Hauptquartier noch untereinander Funkkontakt herstellen konnten.

Der Tag wurde besser und besser.

Daniel wäre froh gewesen, wenn ein höherrangiger Offizier in der Nähe gewesen wäre, dem er das Kommando hätte überlassen können. Leider trug er jetzt die Verantwortung und musste eine Entscheidung treffen. Entweder zurückziehen, den Einflussbereich des Störsenders verlassen, Bericht erstatten und gegebenenfalls auf Verstärkung warten oder weiter vorrücken und auf eigene Faust herausfinden, was hier vor sich ging.

Letztendlich entschied sich Daniel für einen Kompromiss. Er würde mit dem Gros der Truppe vorrücken, schickte jedoch eine kleine Gruppe von zwanzig Milizionären zurück, die dem Hauptquartier Bericht erstatten sollten. Sollte sich seine Entscheidung als Fehler erweisen und keiner von ihnen zurückkehren, so würde Lord General Alexander Great Bear wenigstens wissen, was aus ihnen geworden war.

Die zwanzig Milizionäre setzten sich so schnell ab, dass Daniel sie schon nach wenigen Sekunden aus den Augen verloren hatte. Er konnte es ihnen nicht verdenken. Am liebsten hätte er auch den entgegengesetzten Weg eingeschlagen.

Gebückt gab er das Zeichen, weiter vorzurücken. Auf seinem HUD verfolgte er die Driziltruppe, hielt jedoch einen großzügig bemessenen Abstand, damit ihre Verfolger sie nicht bemerkten.

Das Verhalten der Drizil war merkwürdig. Sie schienen sich weniger um die Verteidiger von Vector Prime Sorgen zu machen als vielmehr um den Boden unter ihnen. Soweit Daniel es beurteilen konnte, nahmen sie immer wieder Messungen vor. Einige nahmen Bodenproben und verstauten sie in luftdicht versiegelten Behältern. Höchst eigenartig. Und noch etwas fiel Daniel auf. Es gab keinerlei Wachposten. Was immer die Drizil bewachten, musste wichtig sein, sonst würden sie es wohl kaum verstecken. Aber warum dann keine Posten aufstellen? Die Sache wurde immer mysteriöser.

Und plötzlich waren die Drizil verschwunden.

Von einem Augenblick zum nächsten.

Gerade eben noch schlichen sie durch den Wald und im nächsten, lösten sich ihre Symbole von Daniels HUD buchstäblich in Luft auf.

Daniel ließ seine Truppe anhalten und kniete sich auf den moosbedeckten Boden.

Gänsehaut bedeckte seinen Rücken. Ein untrügliches Zeichen, mit dem sich seine Instinkte zu Wort meldeten. Was zum Teufel ging hier vor?

»Dolchstoß eins an Mother. Mother, bitte dringend melden!«, versuchte er erneut eine Verbindung herzustellen. Mit dem gleichen negativen Ergebnis.

Und auf einmal brach die Hölle los.

Drizilgeschosse und Energiestrahlen fegten unter seine Männer. Mehrere Milizionäre und Legionäre wurden von den Beinen gerissen. Nur Zentimeter neben Daniel brach ein Legionär zusammen. Der arme Kerl wand sich unter Schmerzen, als sich die Drizilgeschosse in seine Panzerung und anschließend in seinen Körper fraßen.

In diesem Moment war Daniel dankbar für den Störsender, so musste er dem Mann nicht beim Sterben zuhören. Die Überlebenden des ersten Angriffs zerstreuten sich, um schwierigere Ziele zu bieten, und erwiderten das Feuer. Scharfkantige Hochgeschwindigkeitsprojektile aus terranischen Nadelgewehren fuhren wie Sensen unter das dichte Blätterdach. Drizil stürzten getroffen aus den Bäumen. Kleinere Bäume wurden von den Geschossen glatt durchschlagen, die Drizil dahinter durchlöchert.

Daniel überprüfte sein HUD. Die Drizilangreifer waren nicht zu sehen. Er fluchte erneut. Das war neu. Irgendwie schafften es die Drizil, sich für die Sensoren der Kampfanzüge der Legionäre unsichtbar zu machen. Die Art und Weise, wie die Soldaten ringsum einfach wild in die Bäume schossen, machte klar, dass es ihnen ebenso erging. Das hieß, man musste die Drizil auf Sichtkontakt bekämpfen.

Daniel widerstand dem Drang, ebenfalls wild um sich zu schießen. Mit Gesten und Handzeichen gab er knappe Anweisungen, um Ordnung in das Chaos zu bringen. Die Erfahrung und Ausbildung der terranischen Kämpfer tat ein Übriges. Das Feuer der Soldaten wurde weitaus effektiver und koordinierter. Unter Daniels Anleitung legten die Legionäre und Milizionäre einen Teppich in den Wald vor ihnen. Diese bewährte Taktik ließ kaum einen Fleck aus. Drizilschreie drangen aus dem Dickicht. Das feindliche Feuer wurde merklich geringer und verstummte schließlich ganz.

Auf seinem HUD tauchten nun vereinzelte Drizil auf. Doch die Symbole waren nicht beständig. Sie erschienen und verschwanden genauso schnell. Der Beschuss der menschlichen Soldaten hatte etwas bewirkt. Daniel hatte keine Ahnung was, aber es hatte definitiv einen Effekt auf die Fähigkeit der Drizil, sich zu verstecken.

Er wünschte, er hätte sich mit den anderen Soldaten verständigen können. Daniel war sich durchaus bewusst, dass er sich am besten zurückzog, um auf Anweisungen des Generals zu warten, doch seine Neugier war geweckt. Eine Neugier, die zuweilen an Wagemut grenzte.

Daniel erhob sich hinter seiner Deckung. Die Soldaten in seiner Begleitung taten es ihm gleich. Gemeinsam und zu jeder Zeit mit einem weiteren Hinterhalt rechnend, arbeiteten sie sich vor.

Sie passierten tote Drizil. Erst als sie sich vergewisserten, dass sie wirklich tot waren, schlichen sie weiter. Die Drizil tauchten hin und wieder auf seinem HUD auf, es war jedoch nichts, das man als konstant oder hilfreich hätte bezeichnen können. Es genügte lediglich, um ihre grobe Spur zu verfolgen. In regelmäßigen Abständen versuchte Daniel, das Hauptquartier zu erreichen – mit demselben negativen Ergebnis: Das Störfeld blieb weiterhin aktiv.

Sie blieben den Drizil dicht auf den Spuren. Nach etwa zwanzig Minuten verschwanden auch diese Drizil plötzlich vom HUD. Daniel gebot der Einheit augenblicklich mit erhobener Hand Einhalt und ließ die Männer und Frauen in Deckung gehen. Er rechnete mit einem weiteren Hinterhalt. Als die Drizil das letzte Mal von seinem HUD verschwunden waren, mussten viele seiner Leute sterben.

Doch dieses Mal geschah nichts dergleichen. Daniel spähte aus der Deckung eines alten Baumes in den Wald hinein. Kein Beschuss aus Drizilwaffen tastete nach seinem Körper. Fast wäre es ihm lieber gewesen, die Drizil hätten auf ihn geschossen. Diese Stille zehrte an den Nerven. Dass die Drizil mit einem Mal in der Lage waren, ihre Sensoren zu täuschen, übte auch nicht gerade einen beruhigenden Einfluss auf ihn aus.

Die Soldaten verharrten mehrere Minuten in ihren Positionen, bevor Daniel einigen Aufklärungslegionären zu seiner Rechten bedeutete, weiter vorzurücken.

Die Legionäre lösten sich von der Haupttruppe. Sie hielten sich dicht am Boden. Ihre Kampfanzüge verschmolzen mit der Umgebung, sodass es schwierig wurde, sie nicht aus den Augen zu verlieren.

Daniel bewunderte die Fähigkeit der Soldaten, sich mit solcher Eleganz und tödlichen Anmut zu bewegen. Die Legionäre tauchten nach einigen Minuten wieder auf und bedeuteten durch Handzeichen, dass es sicher war.

Daniel erhob sich. Wenn die Aufklärungslegionäre sich nicht weiter versteckten, musste es wirklich sicher sein. Diese Männer und Frauen waren hoch trainierte Profis.

Wortlos führten die Legionäre Daniel und den Rest der Truppe zu einem Loch im Boden. Das Loch maß etwa drei Meter im Quadrat – und es handelte sich auf den ersten Blick buchstäblich um einen bodenlosen Abgrund. Daniel starrte hinein und tiefe Schwärze starrte zurück. Seltsamerweise waren auch die Sensoren nicht in der Lage, die Tiefe zu ergründen oder herauszufinden, was sich dort unten befand. Dazu hätten sie eigentlich in der Lage sein müssen. Diese Operation wurde seltsamer und seltsamer.

Daniel holte einen Leuchtstab aus seinem Gürtel und warf ihn hinein. Zu seiner grenzenlosen Überraschung blieb der Stab in einer Tiefe von knapp vier Metern liegen. Das Loch war nicht so tief wie anfänglich befürchtet. Das machte das völlige Versagen der Sensoren nur umso verblüffender.

Daniel nahm endlich seinen Helm ab. Er legte den Kopf in den Nacken und sog tiefe die würzige Waldluft in seine Lungen. Einer der Aufklärungslegionäre tat es ihm gleich. Er trug die Abzeichen eines Sergeants.

Der Mann zuckte die Achseln und deutete auf das Loch vor ihnen. »Und jetzt?«

»Gute Frage«, gab Daniel zurück. Tatsächlich war er sich nicht sicher, was er nun tun sollte. In das Loch zu steigen, schien auf den ersten Blick keine wirklich gute Idee zu sein. Man begab sich nicht einfach so in eine Situation, wenn man keine Ahnung hatte, was einen erwartete. Andererseits waren sie nun einmal hier. Wenn sie erst auf Verstärkung warteten, konnte Gott weiß was passieren. In einer Stunde oder weniger konnte es hier bereits von so vielen Drizil wimmeln, dass der General vielleicht entschied, dass es das Risiko nicht wert war – und Daniel wollte unbedingt wissen, was sich dort unten befand.

»Sergeant, Sie bleiben hier und halten diese Position.«

»Und Sie, Sir?«

Daniel sah sich um und deutete auf eine Gruppe von Legionären, die ebenfalls ihren Helm abgenommen hatten, um der Unterhaltung zu lauschen.

»Ihr kommt mit! Wir gehen rein«, ordnete er an. Die Männer wirkten nicht wirklich glücklich, setzten ihre Helme jedoch gehorsam wieder auf.

Daniel konnte gut nachfühlen, was in ihnen vorging. Er selbst war auch nicht wirklich glücklich über die Situation. Ein Teil von ihm verfluchte sich selbst, weil er sich nicht mit dem General im Hauptquartier in Verbindung gesetzt hatte. Doch für derlei Gewissenbisse war es nun zu spät.

Daniel setzte den Helm wieder auf und mit einem Stoßgebet auf den Lippen sprang er in das Loch. Der Trupp folgte ihm. Noch bevor er auf dem Boden aufkam, schalteten die Systeme des Helms automatisch auf Restlichtverstärkung. Die Umgebung erschien von einer Sekunde zur nächsten in einem gespenstischen Grün.

Daniel sah sich um. Sie befanden sich in einem Tunnel. Doch an diesem Tunnel stimmte etwas definitiv nicht. Er war nicht natürlichen Ursprungs, sondern war angelegt worden. Doch er ähnelte keiner Drizileinrichtung, die er schon einmal gesehen hatte. Von den Menschen war der Tunnel jedoch auch nicht angelegt worden. Daniel berührte vorsichtig die Wand. Sie war aus Metall. Es handelte sich jedoch nicht um ein Metall, das er kannte. Es fühlte sich seltsam an und schimmerte in einem tiefen Blauton, vor allem wenn Licht darauf fiel.

Sein Annäherungsalarm piepte erneut. Unvermittelt tauchten Dutzende feindlicher Symbole auf seinem HUD auf. Sie schienen aus dem Nichts zu kommen – und sie waren über ihnen. Er drehte die Akustik seines Helms auf. Über ihnen wurde geschossen. Die Männer und Frauen, die er zurückgelassen hatte, wurden angegriffen.

»Zurück!«, schrie er, ohne sein nutzlos gewordenes Funkgerät zu benutzen, und deutete auf das Loch. Die Soldaten drehten sich um und erklommen den vier Meter höher gelegenen Eingang. Oben angekommen, baute sich bereits ein riesiger Drizil vor ihm auf, der eine gefährlich aussehende Klinge führte. Daniels Ausbildung übernahm die Oberhand und der Legionär wich reflexartig nach links aus, riss sein Gewehr hoch und jagte drei Projektile in den Oberkörper des Drizil. Der gegnerische Soldat fiel ohne einen Laut, doch Daniel schoss ein weiteres Projektil in dessen Kopf – nur um sicherzugehen.

Daniel benötigte lediglich Sekunden, um zu erkennen, dass sie das Gefecht bereits verloren hatten. Aus allen Richtungen drangen Drizil auf sie ein. Ihre fledermausartigen Gegner versuchten eindeutig, sie von dem Loch und ihrem Fund abzudrängen. Sie hatten nur eine Chance.

»In den Wald! Alle in den Wald«, gab Daniel durch, bevor ihm bewusst wurde, dass niemand ihn hören konnte. Und für die normale Akustik waren die Kampfgeräusche zu laut.

Daniel gab aus seinem Nadelgewehr mehrere präzise Salven ab, die einen Drizil glatt durchschlugen und einen zweiten zu Boden schickten – ob tot oder benommen, war nicht auszumachen.

Er wollte gerade seine Leute in den Wald zurückführen, als ihn etwas in den Rücken traf. Was immer es war, es war nicht stark genug, die Panzerung zu durchschlagen, doch es war stark genug, ihm die Luft aus den Lungen zu pressen.

Daniel stürzte schwer. Mit Mühe klammerte er sich an seinem Gewehr fest, als wäre es aus purem Gold. Ein weiterer Schlag schickte ihn vollends zu Boden. Jemand entwand ihm geschickt und unerbittlich das Gewehr. Daniel tastete nach einem seiner Kampfmesser und stach in die ungefähre Richtung seines Angreifers. Er traf etwas und ein unterdrückter Schrei belohnte seine Bemühungen.

Doch er hatte keine Gelegenheit, sich darüber zu freuen. Ein Tritt traf seinen Helm und schleuderte ihn auf den Rücken. Über ihm stand ein Drizil. Mit schreckensgeweiteten Augen bemerkte Daniel, dass ein Netz feiner Haarrisse sein Visier durchzog. Der Helm war nicht mehr dicht. Der Drizil öffnete den Mund zu einem lautlosen Schrei. Daniel bemerkte, wie plötzlich Blut aus seinen Ohren lief und sein Kopf vor Schmerz dröhnte.

Er öffnete seinen Mund, um zu schreien, doch kein Laut drang daraus hervor.

»Mother an Dolchstoß eins. Mother an Dolchstoß eins.«

Lord Alexander Great Bear warf dem Komm-Gerät einen missmutigen Blick zu. Der Komm-Offizier drehte sich zu seinem Kommandanten um und schüttelte wortlos den Kopf.

Der General seufzte. »Also immer noch kein Kontakt.«

Die Feststellung war mehr an sich selbst gerichtet als an einen der anwesenden Offiziere im Kommandobunker der 26. Legion.

Great Bear schüttelte den Kopf. »Wo steht die 2. und 3. Kohorte jetzt? Und zeigen Sie mir die Fortschritte der 24. Legion.«

Im Holotank, vor dem der General stand, änderte sich die Ansicht. Mehrere Symbole erloschen, andere kamen hinzu.

Der General kratzte sich nachdenklich über das unrasierte Kinn. Normalerweise legte er äußert großen Wert auf ein gepflegtes Äußeres, doch die Körperhygiene hatte wie alles andere auch gelitten. Die Verteidiger von Vector Prime pfiffen aus dem letzten Loch. Es fehlte an allem, doch was noch schlimmer war, ihre Verluste wuchsen mit jedem Tag. Zwar bemühten sie sich, die gröbsten Löcher durch Aushebungen innerhalb der Bevölkerung zu stopfen, jedoch konnten sie gar nicht schnell genug Soldaten rekrutieren und ausbilden, um wirklich etwas zu bewirken. Die Verluste der Miliz ließen sich sogar relativ zügig ausgleichen. Wesentlich schwerer wogen jedoch die Verluste der beiden imperialen Legionen auf Vector Prime. Gutes Material war in dieser Hinsicht dünn gesät.

Great Bear seufzte. Es brachte nichts, sich über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die man nicht ändern konnte. Fakt war, dass sie ihre Verluste vor Ort ausgleichen mussten, seit sie von jeglichem Nachschub abgeschnitten waren – und auch damit kamen sie nicht mehr lange über die Runden. Es wurde immer schwerer, geeignete Rekruten zu finden. Die Bevölkerung war versprengt und verbarg sich in den Kellern ausgebombter Gebäude oder außerhalb der großen Städte.

Great Bear widmete dem Hologramm erneut einen frustrierten Blick. Wenn sie heute keinen Erfolg hatten, würde Vector Prime über kurz oder lang an die Drizil fallen. Dies war ihre letzte Chance.

Die 2. und 3. Kohorte der 26. Legion hatte die Drizil nahe eines Gebirgsmassivs etwa sechs Klicks nordöstlich von Cibola beinahe eingekesselt. Die Überreste der 24. Legion lieferten sich eine regelrechte Schlacht mit mehreren Driziltruppenverbänden zwei Klicks südlich der Stadt. Soweit Great Bear das überblicken konnte, hatte die 24. mehrere der feindlichen Hauptversorgungslager geplündert und anschließend in die Luft gejagt.

So weit, so gut, dachte Great Bear bei sich.

»Zeigen Sie mir die Lage im All«, ordnete der General an.

Das erste Hologramm verkleinerte sich und ein zweites baute sich auf. Die Kolonie befand sich auf dem vierten Planeten des Systems. Die kleine Flotte, die Vector Prime noch ihr Eigen nannte, formierte sich auf der Rückseite des dritten Planeten, außer Reichweite der gefährlichen Batterien der Raumstation im Orbit von Vector Prime selbst.

Die Flotte bestand nur noch aus etwa dreißig Schiffen, die mehr von Spucke und guten Wünschen zusammengehalten wurden denn von Schweißnähten und Schrauben, außerdem aus gut hundert Torpedoschnellbooten. Das war nicht viel, um die Blockade der Drizil zu durchbrechen.

Noch während er zusah, wechselten einige Drizilschiffe ihre Position und gingen über Cibola und anderen Orten der Kolonie in Stellung. Andere Schiffe änderten ebenfalls ihre Position, um die abgezogenen Schiffe zu ersetzen – mit dem Ergebnis, dass die Blockadelinie des Feindes mit einem Mal sehr viel dünner wirkte.

Great Bear lächelte schmal. »Komm? Eine Nachricht an Commodore Lone Wolf. Schicken Sie ihm nur ein Wort: Jetzt!«

»Nachricht vom Hauptquartier, Commodore. Er sagt: Jetzt!«

Commodore Jacob Lone Wolf unterdrückte einen Seufzer der Erleichterung.

»Na endlich. Alle Schiffe Systeme hochfahren und Gefechtsformation einnehmen. Wir rücken aus.«

Das Flaggschiff der 8. Flotte, die HMS Hunting Shadow, setzte sich gehorsam in Bewegung. Ihr folgte das, was von den imperialen Raumstreitkräften im Vector-Prime-System noch übrig war.

Lone Wolfs Flotte umrundete den Planeten auf der Vector Prime abgewandten Seite des Planeten, um so lange wie möglich vor den hoch entwickelten Sensoren der Drizil und der Raumstation im Orbit des Planeten verborgen zu bleiben.

Die Schiffe fuhren unter Schleichfahrt, das bedeutete, ihre Systeme liefen auf Minimalenergie. Die Umrundung des Planeten dauerte auf diese Art quälend lange. Er begrüßte jedoch diese notwendige Verzögerung. Die Drizil erhielten damit mehr Zeit, den eigenen Kopf durch die Schlinge zu stecken. Im geeigneten Augenblick musste er dann nur noch zuziehen.

Commodore Jacob Lone Wolf beobachtete während des ganzen Manövers auf dem taktischen Display zu seiner Rechten die Schiffsbewegungen der Drizil. Mehrere vorgeschobene Schnellboote dienten ihm als Relaisstationen und Beobachtungsposten und versorgten seine Schiffe mit allen notwendigen Daten.

Er hoffte nur, dass die Drizil die Schnellboote lange genug ignorierten, damit er seinen Auftrag ausführen konnte. Aus Erfahrung wusste er, die Drizil ignorierten oftmals kleinere Schiffe, die für sie keine Bedrohung darstellten. Nur größere Kriegsschiffe lösten bei den Fledermausköpfen eine sofortige und tödliche Reaktion aus.

Lone Wolf schüttelte den Kopf. Ein menschlicher Kommandant hätte niemals so gehandelt. Selbst kleinste feindliche Schiffe stellten in irgendeiner Form eine Bedrohung dar, auch wenn sie lediglich – wie in diesem Fall – auf Beobachtungsposten standen. Er konnte nur mutmaßen, dass kleine Schiffe, die alleine operierten, für die Drizil nicht wichtig genug waren, um eigene Schiffe oder Jäger zu deren Zerstörung zu entsenden.

»Wir überschreiten die Tag-Nacht-Grenze des Planeten«, meldete sein taktischer Offizier. »Der Planet schirmt uns nicht mehr vor den Sensoren ab.«

Lone Wolf nickte. »Schutzlamellen schließen.« Die Panzerlamellen schoben sich gehorsam über die durchsichtige Kuppel, aus der die Brücke der HMS Hunting Shadow bestand, und schlossen das aufbrandende Sonnenlicht aus. Andernfalls wäre seine Brückencrew nach fast drei Tagen unter Notbeleuchtung geblendet worden.

Die Schiffe der 8. Flotte formierten sich hinter dem Flaggschiff in zwei Kampflinien mit den schweren Schiffen im Zentrum und den leichteren an den Flanken. Die Träger hielten sich wohlweislich hinter dem Zentrum, da sie dort den bestmöglichen Schutz genossen. Ober- und unterhalb der Hauptkampflinie formierten sich die Torpedoschnellboote in Gruppen zu je zwölf Schiffen. Sie bildeten die schnelle Eingreiftruppe Lone Wolfs.

Der Commodore nickte zufrieden. Seine Flotte war so bereit wie nur möglich. Nur eines der Schiffe verhielt sich auffällig.

Die HMS Guard of the Empire – ein Angriffskreuzer der Ares-Klasse. Das Schiff reihte sich nicht in die Formation ein, sondern folgte in einigem Abstand. Das war jedoch nicht weiter schlimm. Dieses Schiff war nicht dafür vorgesehen, in den Kampf einzugreifen, ganz im Gegenteil. Sollte die Guard of the Empire überhaupt beschossen werden, hatten sie alle versagt und die Mission war ernsthaft gefährdet.

Die Flotte beschleunigte in Richtung Sprungpunkt. Einige der feindlichen Schiffe mit Ziel Vector Prime stockten plötzlich auf seinem taktischen Display und gaben Gegenschub, um die unerwartete Aktion der terranischen Schiffe zu unterbinden. Lone Wolf schmunzelte. Das Bremsmanöver würde die Drizil Zeit und Energie kosten – und war völlig sinnlos. Sie würden zu spät kommen.

Größere Sorgen bereiteten ihm die Schiffe der feindlichen Blockadelinie. Auch ausgedünnt waren sie ein überragender Gegner, den es zu respektieren galt.

»Commodore?«, meldete sich sein taktischer Offizier zu Wort.

Lone Wolf forderte ihn mit einem Nicken zum Reden auf.

»Die feindliche Blockadelinie löst ihre Formation auf. Die Schiffe nehmen Fahrt auf.«

»Worauf?«

»Auf uns.«

Lone Wolf nickte. Das hatte er nicht anders erwartet. Die Drizil machten sich bereit, sie abzufangen.

»Befehl an die Flotte: Klar Schiff zum Gefecht!« Der Commodore seufzte tief. »Dies ist ein guter Tag zum Sterben«, zitierte Lone Wolf so leise, dass niemand ihn verstand. Der Spruch stammte von einem seiner Vorfahren, einem Oglala-Sioux-Häuptling, der mit diesem Satz seine Krieger vor der Schlacht am Little Bighorn inspiriert hatte. Auf seinem Display verfolgte der Commodore, wie die Drizilschiffe immer näher rückten. Die feindliche Flotte war fast genauso stark wie seine eigene Einheit. Und das bedeutete, er war im Nachteil gegenüber den verhassten Fledermausköpfen.

Jetzt weiß ich, wie sich Custer gefühlt haben muss.

Lone Wolf atmete noch einmal tief durch und fixierte das taktische Display vor sich.

Er war sich der erwartungsvollen Blicke seiner Brückencrew durchaus bewusst.

»Jäger ausschleusen!«

Die Träger hinter seiner Hauptkampflinie stießen Dutzende kleiner Objekte aus, die sich mit hoher Geschwindigkeit an die Spitze der Formation schoben und dort eine Verteidigungslinie bildeten. Sie würden als Erste auf den Feind treffen und mit etwas Glück bereits im Vorfeld so viel Schaden anrichten, dass seine Kampfschiffe die feindliche Blockade bereits mit der ersten Angriffswelle würden durchbrechen können. Er glaubte zwar nicht daran – dafür waren die Drizil zu gut –, aber hoffen durfte man.

Die feindlichen Geschwader schlossen schnell auf. Die ersten Drizilschiffe drangen bereits in den effektiven Feuerbereich der terranischen Flotte ein.

Zischend stieß Lone Wolf den von seiner Besatzung lang erwarteten Befehl aus und eröffnete damit das Gefecht.

»Feuer!«

Teil I.

Die Überbleibsel des Imperiums

1

Si vis pacem para bellum.(Wer den Frieden will, rüste zum Krieg.)SprichwortTerranisch-Imperiale LigaÄußerer Sektor 18/1-AKoloniewelt Perseus4. Januar 2850

Sosehr sich Carlo Rix auch bemühte, er konnte sich an das veränderte Aussehen bestimmter Teile von Perseus nicht gewöhnen.

Er stand auf dem Dach eines zweigeschossigen Gebäudes und musterte zum wiederholten Mal die Zerstörung, die er befohlen hatte. Auf einer Fläche von einem Quadratkilometer existierte nichts mehr. Es handelte sich nur noch um eine einzige schwarze Fläche. Die Geschütze der Vengeance hatten ganze Arbeit geleistet. Die Druckwelle der Zerstörung hatte in einem Umkreis von zwei weiteren Kilometer alles hinweggefegt: Häuser, Vegetation, alles. Nur noch Schuttberge und vereinzelte Grundmauern ließen erahnen, wo früher einmal Gebäude gestanden hatten. In einem dritten Gebiet, das weitere drei Kilometer im Quadrat umfasste, waren alle Glasscheiben zu Bruch gegangen. Die Bewohner von Perseus nannten dies nun die verbrannte Erde, ein Name, der treffender nicht sein konnte.

Carlo ließ sich auf ein Knie nieder und nahm mit den Händen etwas von der Erde auf, die sich hier überall auf den noch stehenden Gebäuden sammelte. Lestrades Orbitalbombardement hatte mehr bewirkt, als lediglich die Drizil und ihr verdammtes Funkfeuer wegzubrennen. Die Erde war hier dermaßen locker, dass ein einzelner Windhauch reichte, sie abzutragen und über die Landschaft zu verteilen.

Carlo ließ sich die Erde durch die Finger rieseln. Er sollte nicht hier sein. Es war nicht gut für ihn. Es drückte auf sein Gemüt. Das wusste er. Doch er konnte schlichtweg nicht anders. Er kam mindestens einmal pro Woche hierher. Er musste sich immer wieder vor Augen führen, dass sie Perseus gerettet hatten – aber zu was für einem Preis!

Ein Überschallknall ließ ihn aufblicken. Transportschiffe setzten zur Landung an. Einige waren unverkennbar kommerzielle Transporter. Auch ohne sie von Nahem zu sehen, wusste Carlo, dass sie das Logo des neu gegründeten Carellanischen Handelskonsortiums auf der Unterseite trugen. Die Schiffe brachten Nahrungsmittel von Carellan. Zumindest die Versorgungslage stimmte inzwischen und Carellan produzierte genug Lebensmittel für den ganzen Sektor. Schiffe von Carellan flogen regelmäßig Perseus, Birella und Worgan an, um deren Vorräte auf einem annehmbaren Niveau zu halten.

Den Transportern des Konsortiums folgten jedoch auch andere Schiffe: vier klobige, uralte Frachter.

Flüchtlinge, ging es Carlo missmutig durch den Kopf.

Nach der Schlacht von Perseus hatte Carlo weitere Aufklärungsflüge von Lestrade und seinen Schiffen durchführen lassen. Gegen Cavanaughs ausdrücklichen Wunsch. Carlo war nach wie vor der Meinung, dass es nicht nur kontraproduktiv, sondern auch noch sträflich dumm war, das System einzuigeln und so zu tun, als gäbe es die Drizil nicht. Sie mussten wissen, was vor sich ging, und weitere Verbündete gewinnen, sollten ihr Sektor und die Menschen darin überleben.

Mit diesem Ergebnis hatte er allerdings nicht gerechnet.

Natürlich gab es weitere Zusammenstöße mit den Drizil, die Lestrades Einheiten fast alle für sich entschieden. Und sie waren auf versprengte Einheiten und Schiffe sowohl von Miliz, imperialer Armee und zerschlagenen Legionen gestoßen.

Das Dumme war nur, dass sich die Nachricht unter den Menschen der besuchten Systeme wie ein Lauffeuer verbreitete. Es gab einen freien Sektor, der den Drizil immer noch erfolgreich Widerstand leistete und sogar eine große Schlacht gewonnen hatte.

Das hatte Carlo nicht gewollt.

Falls es den Drizil noch nicht zu Ohren gekommen war, dass es einen ihrer Erkundungstrupps erwischt hatte, dann würde das bald der Fall sein – und sie würden alles daransetzen, Perseus zu finden und auszulöschen.

Carlo hatte keine Beweise dafür, doch er war sich sicher, dass Lestrades Besatzungen selbst für die Verbreitung der Nachricht über Perseus’ Sieg verantwortlich waren. Wer denn auch sonst? Sie waren die Einzigen, die den Sektor auf ihren Erkundungsflügen verließen.

Eigentlich sollte er wütend sein, brachte es jedoch nicht über sich. Die Männer und Frauen waren stolz auf das, was sie geleistet hatten. Und warum auch nicht? Sie hatten keinen Stolz mehr gefühlt, seit das Solsystem gefallen war. Jetzt gingen sie wieder erhobenen Hauptes.

Rund sechs Monate nach der Schlacht von Perseus waren die ersten Flüchtlingsschiffe im System aufgetaucht und hatten um Asyl gebeten. Zu Anfang waren mehrmals von in Panik geratenen Schnellbootbesatzungen Fehlalarme ausgelöst worden, weil man dachte, die unangekündigten Neuankömmlingen seien Drizilschiffe. Einmal wäre es beinahe zur einer Tragödie gekommen, als eine terranische Korvette das Feuer auf eins der Flüchtlingsschiffe eröffnete. Zum Glück erkannte die Besatzung ihren Fehler umgehend, sodass es nicht zu größeren Schäden oder gar Opfern gekommen war.

Und seitdem riss der Flüchtlingsstrom nicht ab.

Mehrere Zehntausend Menschen hatten bisher Perseus, Birella, Worgan oder Carellan erreicht und weitere würden folgen. Mit den Schiffen, die die Flüchtlinge benutzten, hatten sie das Carellanische Handelskonsortium erst gründen und damit die Versorgung des Sektors mit Lebensmitteln garantieren können. Es gab also nicht nur Nachteile.

Darüber hinaus war Carlo durchaus froh über jeden Menschen, der den Drizil entkam. Immerhin kamen auch nützliche Menschen mit den Flüchtlingskonvois an: Techniker, Ingenieure, Wissenschaftler. Jedes Schiff, das einen besetzten oder umkämpften menschlichen Planeten Richtung Perseus verließ, stellte jedoch ein potenzielles Sicherheitsrisiko dar. Es war nämlich nur eine Frage der Zeit, bis die Drizil einem Flüchtlingsschiff nach Perseus folgten. Dass dies noch nicht geschehen war, wunderte ihn über alle Maßen. Eigentlich hatte er schon vor Monaten mit einem weiteren Drizilangriff gerechnet, doch der war bisher ausgeblieben. Möglicherweise lag einer der Gründe darin, dass die Drizil beschäftigt waren. Die Flüchtlinge brachten Nachrichten über zivile Unruhen, Aufstände und immer wieder aufflackernde Kämpfe. Die Drizil gerieten fast täglich mit Einheiten des terranischen Militärs aneinander, das nach dem Zusammenbruch des Imperiums in den Untergrund geflüchtet war. Das mochten alles Erklärungen sein für diese unnatürliche Ruhe, doch sie durften sich nicht darauf ausruhen. Gefahr drohte immer noch.

Lestrades Flotte war inzwischen auf ein ansehnliches Niveau angewachsen und befand sich ständig in Alarmbereitschaft.

Die Bewohner des Sektors und vor allem von Perseus waren froh über diese Ruhepause, gab es ihnen doch die Gelegenheit, zerstörte Gebäude wiederaufzubauen und ein halbwegs geregeltes Leben weiterzuführen.

Carlo wünschte, er hätte entspannter sein können. Stattdessen machte er sich große Sorgen. Das Damoklesschwert einer erneuten Invasion hing wie ein drohender Schatten über allem, was sie hier taten. Und das nächste Mal würden die Drizil nicht so nett sein, mit einer kleinen Truppe und ein paar Dutzend Schiffen anzugreifen. Das nächste Mal würden sie Perseus mit ausreichend Schiffen und Truppen angreifen, um das System für immer auszuradieren, schon allein aus dem Grund, dass sie einen solchen Hort des Widerstands nicht dulden konnten. Sie mussten ein Exempel statuieren, sollten sie je hoffen, das Imperium befrieden zu können. Ihnen blieb schlichtweg keine andere Wahl. Sie mussten diesen Hoffnungsschimmer zerstören. Die Frage war daher nicht, ob, sondern wann sie angriffen.

Ein diskretes Hüsteln riss ihn aus seinen Gedanken.

Colonel René Castellano stand hinter ihm und musterte ihn mit einem Lächeln, das beinahe unbeschwert wirkte, doch Carlo erkannte das Mitgefühl, das dahinter mitschwang.

»Träumst du?«

Carlo stand auf und zuckte mit den Achseln. »Ein wenig.«

René trat näher und sah an Carlo vorbei auf die verbrannte Erde. Mit einem Seufzer schüttelte er den Kopf.

»Du solltest das lassen. Du hast das Richtige getan.«

»Ich wünschte, ich könnte dir glauben. Und ich wünschte, ich könnte diesem Ort fernbleiben, doch ich kann einfach nicht. Ich muss immer wieder daran denken, wie viele Menschen hier gestorben sind.«

»Dadurch werden Sie nicht wieder lebendig«, schalt sein alter Freund nicht ohne Sympathie. »Wir brauchen dich im Hier und Jetzt, Carlo.«

»Ich bin im Hier und Jetzt«, versetzte der Kommandant der 18. Legion ungerührt.

»Da bin ich mir manchmal nicht so sicher.«

»Lass mir doch meine Macken. In den letzten Monaten hatte ich wenig mehr als das.«

René ließ den Versuch, die Situation ins Lächerliche zu ziehen, über sich ergehen, ohne die Miene zu verziehen.

»Ich mache mir Sorgen, Carlo. Große Sorgen.«

»Ich auch, René.«

Sein Stellvertreter winkte ungeduldig ab. »Nicht wegen der Drizil, die sollen zum Teufel gehen, sondern deinetwegen.«

»Meinetwegen?«

»Ja, allerdings.«

»Wie darf ich denn das verstehen?«

»Du wirkst zunehmend depressiv, Carlo. Ich bin nicht der Einzige, dem das auffällt. In der Legion gibt es schon Gerede darüber.«

»Und wer kam sonst noch zu dieser … Erkenntnis?«

»Spielt keine Rolle.«

»Da bin ich anderer Meinung«, hielt Carlo mit einem Anflug von Ärger in der Stimme dagegen.

»Wie gesagt, es spielt keine Rolle, aber du musst das in den Griff kriegen. Wir brauchen dich.«

Carlo senkte leicht verlegen den Blick. Seinen Stellvertreter bitten – ja fast schon betteln – zu hören, war er nicht gewohnt.

»Es geht mir gut, René. Wirklich. Es ist nur …«

»Nur?«, hakte René nach.

»Wir warten jetzt seit gut sechzehn Monaten darauf, dass die Drizil zurückkommen. Diese Ungewissheit zehrt an meinen Nerven. Manchmal wünschte ich, sie würden endlich kommen.«

»Kein Wunder«, prustete René.

»Wie meinst du das?«

»Du denkst doch an nichts anderes. Da würde ich auch depressiv werden. Ich gebe dir einen guten Rat. Falls die Drizil zurückkommen, dann kommen sie, auch ohne dass du an sie denkst. Beschäftige dich mit dem Problem, wenn es so weit ist, nicht vorher. Im Moment haben wir genügend.«

Carlo dachte angestrengt über Renés Worte nach. Schließlich schüttelte er leise lachend den Kopf.

»Danke.«

»Wofür?«

»Dafür, dass du mir den Kopf zurechtrückst, wenn es notwendig ist.«

»Dafür sind wir Colonels doch da«, grinste René über das ganze Gesicht. »Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass ihr Generäle nicht abdriftet.«

Carlo deutete nach oben auf die Transporter im Landeanflug.

»Weitere Flüchtlinge«, sagte er, jedoch mehr um das Thema zu wechseln.

René nickte. »Du solltest sehen, in was für einem erbärmlichen Zustand sie ankommen. Sie sind zusammengepfercht wie die Ölsardinen, und das monatelang. Viele überleben den Flug nicht.«

»Irgendwann in nächster Zeit müssen wir das Problem in den Griff kriegen. Dass sich unsere Situation so herumspricht, habe ich nicht gewollt.«

René nickte. »Lässt sich nicht mehr ändern. Und ich bezweilfe, dass es zu verhindern gewesen wäre, selbst wenn du das gewollt hättest. Mir bereitet etwas anderes größere Sorgen. Die Flüchtlinge erzählen richtige Schauergeschichten. Die Drizil sind verständlicherweise nicht erfreut, wenn sich Menschen von eroberten Welten absetzen. Die Fledermausköpfe schießen jedes Flüchtlingsschiff ab, das ihnen vor die Geschütze kommt. Im Schnitt erwischen sie sechs von zehn Schiffen und das ist nur eine grobe Schätzung. Die Wirklichkeit wird noch viel schlimmer sein.«

»Davon gehe ich aus.«

»Das Ganze geht schon in Richtung Völkermord. Irgendwann müssen wir den Drizil ihre Grenzen aufzeigen. Immer mehr Menschen besteigen Schiffe und versuchen, uns zu erreichen – trotz des hohen Risikos. Sie wollen lieber in Freiheit leben als unter dem Joch der Fledermausköpfe, auch wenn es ihren Tod bedeutet.«

Carlo wandte sich ab, damit René sein Gesicht nicht sah und bemerkte, wie wütend er war. Dieses Gespräch war ein alter Streitpunkt zwischen ihnen, auf den sie regelmäßig zurückkamen.

»Nicht wieder diese alte Leier, René.«

»Wir sind inzwischen wieder so stark wie schon lange nicht mehr. Carlo. Lestrade hat eine ansehnliche Flotte versammelt und Flynn schindet die neuen Rekruten bis zum Umfallen.« Bei Renés Bemerkung schob sich ungewollt ein Bild vor Carlos inneres Auge. Master Sergeant Angela Flynn, die Ausbildungsoffizierin der Legion, wie sie Hunderte neuer Rekruten bis zum Erbrechen einen Hindernisparcours absolvieren ließ. Das Bild zauberte doch tatsächlich ein Lächeln auf Carlos Gesicht, das er jedoch schnell wieder unterdrückte. Ja, René hatte recht. Sie waren so stark wie lange nicht mehr. Aber waren sie auch stark genug?

»Wir müssen eine Offensive starten«, spann René den Faden weiter. »Es muss nichts Großes sein. Vielleicht ein oder zwei Außenposten, damit die neuen Rekruten etwas Übung kriegen und Erfahrung sammeln – und damit die Fledermausköpfe merken, dass sie noch nicht gewonnen haben.«

»Und die Drizil zu einem Gegenangriff provozieren?«

»Wenn ich mich recht entsinne, hast du als Erster für einen Gegenangriff gestimmt, nachdem die Drizil vertrieben waren.«

»Stimmt und dieser Meinung bin ich nach wie vor. Doch um einen Angriff zu starten, müssten wir Perseus von einem Großteil der Truppen und Schiffe entblößen – und wir würden nicht nur die Bevölkerung schutzlos zurücklassen, sondern nun auch unzählige Flüchtlinge. Das schmeckt mir nicht. Es fühlt sich einfach nicht richtig an.« Als Carlo bemerkte, wie René geschlagen den Blick abwandte, hielt er seinen Freund mit erhobener Hand zurück.

»René, ich wäre der Erste, der nur zu gerne zurückschlagen würde. Aber wo sollten wir zuschlagen? Das ist das erste Problem. Es gibt zu viele Ziele. Wie sollten wir eines auswählen? Und jedes einzelne wimmelt nur so von Drizil.«

»Ich möchte den Kampf einfach nur mal zu den Drizil tragen, ihre Erfolgsbilanz ein wenig schmälern.«

»Keine Sorge, das werden wir, doch vorher müssen wir uns erst mal um unser Perseus kümmern. Wir müssen wiederaufbauen, was zerstört wurde, und vor allem müssen wir die letzten dieser verdammten Drizil loswerden.« Er sah auf. »Apropos. Gibt es in der Hinsicht Neuigkeiten?«

René zuckte die Achseln. »Nicht wirklich. Perseus ist ein großer Planet und viele Gebiete sind schwer zugänglich. Einige Feuertrupps durchkämmen in diesem Moment die Berge. Vielleicht haben sie ja Glück. Ich würde mich auch bedeutend wohler fühlen, wenn wenigstens dieses Problem gelöst wäre.«

Lieutenant Edgar Cutter, Teamführer Feuertrupp Schneller Tod, bedeutete seinen Legionären anzuhalten. Die Höhlen, etwa fünfzig Meter über ihnen, sahen einladend aus. Viel zu einladend für Edgars Geschmack.

Er spielte mit dem Gedanken, seinen Trupp auf der allgemeinen Befehlsfrequenz, die den Mitgliedern von Schneller Tod vorbehalten war, anzufunken. Nach kurzer innerer Zwiesprache verzichtete er jedoch darauf. Die Drizil konnten vereinzelt terranische Funksignale auffangen. Sie verstanden sie natürlich nicht, da sie verschlüsselt waren, doch sie waren in der Lage, sie mit einer gewissen Fehlertoleranz anzupeilen. Edgar wusste nicht, über welche Möglichkeiten die auf Perseus gestrandeten Drizil verfügten, wollte jedoch lieber kein Risiko eingehen.

Edgar entschied, es bei Handzeichen und nonverbalen Kommandos zu belassen.

Er übermittelte Vincent und Becky die Anweisung vorzurücken. Li blieb bei ihm; sie sollte für die nötige Rückendeckung sorgen. Galen hingegen suchte sich für seinen schweren Nadelwerfer eine etwas erhöhte Position knapp dreißig Meter zu Edgars Linker. Der Spezialist für schwere Waffen des Teams würde Feuerunterstützung liefern falls nötig.

Edgar brachte sein Nadelgewehr in Anschlag. Becky und Vincent rückten hakenschlagend auf den Eingang der Höhle vor. Geschickt nutzten sie die spärlich vorhandene Deckung aus. Die letzten zwanzig Meter würden sie allerdings über offenes Gelände zurücklegen müssen. Falls sich in der Höhle Drizil aufhielten, würden sie genau in diesem Moment zuschlagen.

Edgar warf einen schnellen Blick zum Horizont. Die Sonne stand bereits sehr tief. Noch eine Stunde und sie würde unter den Horizont sinken. Die Kampfanzüge der Legionäre verfügten zwar über eine Nachtsichtfunktion, doch die Drizil waren im Dunkeln trotzdem im Vorteil.

Noch diese Höhle kontrollieren und dann ab zur Kaserne, entschied er in Gedanken.

Becky und Vincent hatten sich inzwischen bis auf knapp zehn Meter an die Höhle herangearbeitet. Edgar widerstand dem Drang, sich zu entspannen. Fast glaubte er, die Höhle würde sich als leer herausstellen.

Er irrte sich.

Mit einem Mal schlug den beiden Legionären Beschuss aus dem Höhleninneren entgegen. Becky und Vincent warfen sich flach auf den Boden. Die meisten Schüsse gingen über sie hinweg, doch Vincent wurde am rechten Arm getroffen. Selbst auf diese Entfernung konnte Edgar deutlich sehen, wie die Panzerung Blasen warf und zu kochen anfing. Es würde nicht lange dauern und das verdammte Zeug würde sich durch die Panzerung ätzen.

Wie dem auch sei, zumindest die Funkstille hatte sich dadurch erledigt.

»Galen!«, schrie Edgar in sein Komm. Das war alles, was der Legionär an Aufforderung brauchte. Das stakkatohafte Rattern seines A8-Nadelschnellfeuerwerfers erfüllte die Luft. Innerhalb von Sekunden bestrich die Minikanone den Eingang der Höhle mit Hunderten kleiner, scharfkantiger Projektile.

Edgar sprintete los, Li ließ sich auf ein Knie nieder und feuerte. Edgar achtete peinlich darauf, nicht Lis Schusslinie auf den Höhleneingang zu blockieren, als er sich Beckys und Vincents Position näherte. Zwei Energieprojektile der Drizil schossen über ihn hinweg, doch sie kamen ihm nicht einmal nahe. Er vermutete, dass die Drizil nun blind schossen, um nicht Galens Wut ausgesetzt zu werden.

Edgar feuerte immer wieder aus der Hüfte. Er hatte seine beiden Legionäre beinahe erreicht. Becky hob den Kopf. Sie bemerkte, dass Edgar sich näherte, und zog etwas von ihrem Gürtel ab. Sie drehte den Auslöser und warf die Schallgranate in Richtung des Feindfeuers. Die Granate prallte vor den Höhleneingang auf den Boden und hüpfte mehrmals über den Felsen, bevor sie knapp innerhalb der Höhle detonierte.

Edgar erreichte Vincent, der verzweifelt bemüht war, mit einer Hand das beschädigte Stück Panzerung vom Rest des Anzugs zu lösen.

»Becky! Li! In die Höhle vorrücken, aber seid vorsichtig«, ordnete Edgar an. »Galen, Feuerschutz!«

Er warf sich neben Vincent auf den kargen Felsboden, zog ein Kampfmesser und begann damit, die beschädigte Platte von Vincents Kampfanzug zu lösen, indem er die Klinge zwischen zwei Verbindungen schob und sie langsam und vorsichtig aufhebelte. Er arbeitete präzise und ignorierte sowohl Vincents Schmerzlaute als auch das Zischen der beschädigten Panzerung. Er wusste, es war riskant, Becky und Li allein zum Höhleneingang zu schicken, doch ihm blieb kaum eine Wahl. Wenn er Vincent hier allein ließ, könnte dieser unter Umständen seinen Arm verlieren. Und solange sie nicht zumindest den Höhleneingang besetzten, lagen sie hier praktisch auf dem Präsentierteller. Ob es ihm gefiel oder nicht, aber der Höhleneingang musste gesichert werden, damit er Vincent helfen konnte. Außerdem waren Becky und Li zwei seiner erfahrensten Leute. Er hatte vollstes Vertrauen, dass sie ein paar Minuten allein klarkamen.

Mit einem Auge bekam er mit, wie Galen das Feuer einstellte und seine höher gelegene Position verließ, als Becky und Li den Höhleneingang erreichten.

Schüsse brandeten auf. Erst die Nadelgewehre der Legionäre, schließlich Drizilwaffen und kurz darauf verstummten beide.

Edgar löste den letzten Teil der beschädigten Panzerung und warf ihn beiseite. Vincent seufzte über Funk erleichtert. »Danke, Boss.«

Edgar klopfte dem jungen Legionäre aufmunternd auf die Schulter. »Schon gut. Komm hoch.«

Vincent erhob sich leicht ungelenkig und hielt sich dabei den Arm. Die Wirkung der Drizilwaffe hatte sich bereits fast durch den Panzeranzug geätzt. Die Haut darunter war ungesund rot angelaufen. Edgar sah Vincents Gesicht nicht, doch er konnte sich lebhaft vorstellen, dass dieser gerade vor Schmerz, den er nicht preisgeben wollte, die Zähne zusammenbiss.

»Das soll sich ein Arzt ansehen, sobald wir zurück sind.«

»Verstanden, Boss.«

Edgar klopfte ihm erneut auf die Schulter. »Das wird schon wieder.«

»Boss?«, klinkte sich unvermittelt Becky in die Unterhaltung ein.

»Ja?«

»Das solltest du dir mal ansehen.«

»Wir kommen.«

Gemeinsam machten sich Edgar und Vincent an den kurzen Aufstieg zur Höhle. Bereits am Eingang stießen sie auf die ersten Spuren des kurzen Kampfes. Vier Drizil lagen im eigenen Blut. Dem Zustand ihrer Leichen nach waren sie Galens Dauerfeuer zum Opfer gefallen.