Das gefallene Imperium 4: Schattenlegion - Stefan Burban - E-Book

Das gefallene Imperium 4: Schattenlegion E-Book

Stefan Burban

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Beschreibung

Nach der letztendlich gescheiterten Operation im besetzten Solsystem kehrt trügerischer Friede ein. Zwischen den Drizil auf der einen und dem Bündnis der freien imperialen Welten sowie der Allianz vereinigter Kolonien auf der anderen Seite, herrscht ein brüchiger Waffenstillstand. Beiden Seiten ist klar, dass dieser nur von kurzer Dauer sein wird und sich die Kriegsparteien lediglich auf den letzten Schlagabtausch vorbereiten. Der desillusionierte General Carlo Rix nutzt die erzwungene Ruhepause vor dem nächsten Sturm zur Verfolgung ehrgeiziger Pläne. Diese stoßen jedoch auf unerwartet heftigen Widerstand aus den eigenen Reihen. Als dann auch noch Anschläge auf mehrere Politiker verübt werden, droht das Bündnis zu zerbrechen. Doch Carlo Rix hat noch einen Trumpf in der Hinterhand. Eine frisch ins Leben gerufene Einheit zur Bekämpfung innerer und äußerer Feinde – die Legion der Schatten …

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Inhalt

Was bisher geschah …

Prolog

Teil I. Eine neue Zeit

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Teil II. Misstrauen unter Freunden, Vertrauen unter Feinden

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Teil III. Der Feind im Inneren, der Feind im Äußeren

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Epilog

Weitere Atlantis-Titel

Stefan Burban

Schattenlegion

Eine Veröffentlichung des Atlantis-Verlages, Stolberg Dezember 2017 Druck: Schaltungsdienst Lange, Berlin Titelbild: Allan J. Stark Umschlaggestaltung: Timo Kümmel Lektorat und Satz: André Piotrowski ISBN der Paperback-Ausgabe: 978-3-86402-555-6 ISBN der E-Book-Ausgabe (EPUB): 978-3-86402-564-8 Dieses Paperback/E-Book ist auch als Hardcover-Ausgabe direkt beim Verlag erhältlich. Besuchen Sie uns im Internet:www.atlantis-verlag.de

Was bisher geschah …

Mitte des 29. Jahrhunderts führt die Terranisch-Imperiale Liga einen erbitterten Krieg gegen die Drizil, eine fledermausartige Rasse, die einen Raumsektor an den Grenzen des Imperiums bewohnt. Ansonsten ist über diese rätselhafte Rasse nicht viel bekannt.

Von Anfang an ist das Imperium ist zum Großteil auf Verteidigungsbemühungen und Stellungskrieg konzentriert, da die Position der Drizil-Heimatwelten unbekannt ist. Trotz intensiver Bemühungen konnten diese noch nicht aufgespürt werden.

Als die Drizil in einem letzten logischen Schritt zu einem entscheidenden Schlag ausholen, wird das terranische Militär völlig überrumpelt. Die Drizil fegen in einer gewaltigen Offensive quer durch den imperialen Raum und zerschlagen die Verteidigung mehrerer Schlüsselsektoren des Imperiums – darunter auch das Solsystem. Daraufhin bricht der organisierte Widerstand des Imperiums weitestgehend zusammen.

Nur einer kleinen Flotte imperialer Kriegsschiffe unter dem Kommando von Commodore Horatio Lestrade gelingt es, aus dem belagerten Solsystem zu fliehen, bevor sogar die Erde unter dem Ansturm der Drizil fällt.

Lestrade und seine kleine Schar Überlebender laufen Perseus an, den einzigen Sektor, der von den Drizil bisher weitestgehend verschont worden ist, und das aus einem einfachen Grund: Dieser ist schlicht unbedeutend. Er findet Verbündete in den Soldaten der dort stationierten 18. Legion und General Carlo Rix.

Als dieser vom Fall der Erde hört, entsendet er Aufklärungskommandos in andere Systeme, um die Lage auszukundschaften. Es gelingt ihm, weitere überlebende Truppenteile auf Perseus zu sammeln. Unbeabsichtigt lockt er jedoch auch die Drizil herbei. Es kommt zu einer erbitterten Abwehrschlacht, die die imperialen Truppen auf Perseus knapp für sich entscheiden können.

Nach dem Abwenden der unmittelbaren Gefahr wird Rix und Lestrade jedoch schnell klar, dass ihre Position äußerst verwundbar ist, nun, nachdem die Drizil wissen, wo Perseus zu finden ist. Sie beschließen gegen den ausdrücklichen Willen der zivilen Regierung, in die Offensive zu gehen.

Der Augenblick zum Zuschlagen ist günstig, da die Drizil damit beschäftigt sind, die eroberten imperialen Welten zu befrieden. Es flackert allerorts Widerstand und Unruhe auf. Dies nutzen Rix und Lestrade für mehrere koordinierte Schläge. Als Erstes fällt Barinbau, der Standort mehrerer wichtiger Rohstoffe. Anschließend wird Vector Prime in einer blutigen, tagelangen Schlacht erobert. Um das System einzunehmen und zu halten, greift man auf lange vergessene Technologien wie Minen und Raketenwerfer zurück. Technologien, mit denen die Drizil nicht vertraut sind. Die Überraschung gelingt und die Drizil können aus Vector Prime vertrieben werden, wodurch die imperialen Truppen erstmals wieder Zugang zu einer voll ausgerüsteten Werft besitzen.

Zeitgleich werden sowohl auf Vector Prime selbst als auch auf einem Mond seltsame Anlagen gefunden, die weder dem Imperium noch den Drizil zuzuordnen sind. Es scheinen sich um Kommunikationsanlagen zu handeln. Die imperialen Soldaten aktivieren versehentlich eine, sind sich aber über die Tragweite dessen noch nicht bewusst. Des Weiteren findet Doktor Nicholas Chest – wissenschaftlicher Leiter der Widerstandstruppen unter General Rix – heraus, dass am genetischen Code der Drizil herummanipuliert wurde.

Kurz darauf trifft ein Schiff der Drizil ein, das eine Nachricht des gefangen gehaltenen Kaisers abspielt. Er fordert darin alle verbliebenen imperialen Streitkräfte auf, die Waffen zu strecken.

Doch Rix denkt nicht daran aufzugeben. Er plant, den Kaiser zu befreien. Auf der Suche nach weiteren Verbündeten wendet er sich an die Allianz – einer mit dem Imperium verfeindeten Nation aus Plünderern und Piraten. Dort angekommen, muss er jedoch feststellen, dass seine größte Hoffnung sich in seinen größten Albtraum verwandelt. Die Allianz ist mit den Drizil verbündet. Doch durch ein Missverständnis aufseiten der Drizil und deren rabiates Vorgehen wandelt sich das Bündnis und die Allianz kämpft an der Seite des Imperiums, um eine Drizilinvasion aufzuhalten.

Nachdem es gelingt, die Drizil zu vertreiben, reist Rix mit einer kleinen Truppe Soldaten auf die Erde. Dort dringen sie mithilfe von ehemaligen Prätorianern in den kaiserlichen Palast ein, doch sie werden entdeckt und eingekesselt, bevor sie entkommen können.

Zeitgleich reist Chest auf den Mars, um der Genmanipulation der Drizil auf die Spur zu kommen. Er findet dort eine weitere Anlage. Im Verlauf der Handlung wird aufgedeckt, dass die Drizil in Wirklichkeit eine Sklavenrasse waren, die von ihren Herren – den Nefraltiri – als Soldaten eingesetzt und genetisch auf Unterwerfung gegenüber den Nefraltiri programmiert wurden. Auch am Gencode der Menschen wurde herummanipuliert. Sie wurden als Schlüssel für die Nefraltiri-Anlagen benutzt. Es war nie geplant, dass sich die Menschen so weit entwickelten. Die Nefraltiri verließen vor langer Zeit unsere Galaxis in dem Glauben, dass weder Menschen noch Drizil ohne sie lange überleben könnten. Die versehentlich aktivierte Anlage lockt nun die Nefraltiri zurück.

Währenddessen kämpfen Rix, die Legionäre und die Prätorianer, um ihren Kaiser in Freiheit zu halten. Die kaiserliche Residenz auf Malta wird schwer belagert. Die Lage wird noch durch einen Verräter in den eigenen Reihen verschlimmert. Der Prätorianergeneral spielt ein falsches Spiel. Als er enttarnt und verhaftet wird, kommt heraus, dass Lestrade den ersten Schuss auf die Drizil abgegeben hat, den Schuss, der den Krieg auslöste. Die Drizil versuchten zu verhindern, dass das Imperium die erste gefundene Anlage aktiviert, dabei kam es dann zu diesem folgenschweren Schusswechsel, der das Imperium letztendlich zu Fall brachte.

Die Verteidiger auf Malta stehen kurz davor, überrannt zu werden. Da kommt ihnen die imperiale Flotte zu Hilfe, die aber ebenfalls bald angesichts einer erdrückenden Übermacht in Bedrängnis gerät. Gerade als es so aussieht, als würde es keinen Ausweg mehr geben, kommt den Belagerten eine Flotte der Allianz zu Hilfe, die den Belagerungsring aufbricht.

Angesichts der veränderten Kräfteverhältnisse schließen beide Seiten einen vorübergehenden Waffenstillstand. Man kommt zu der Einigung, dass die imperialen Soldaten die Erde ungehindert verlassen dürfen, doch der Kaiser muss bleiben.

Rix und die überlebenden Legionäre und Prätorianer müssen geschlagen, gedemütigt und desillusioniert aufbrechen, während ihr Kaiser auf der Erde zurückbleibt.

Prolog

Die Hoffnung schwindet Es ist nicht alles Gold, was glänzt (Sprichwort)Terranisch-Imperiale Liga Bewaffnetes Allianzfrachtschiff Schutz der Freiheit Hyperraum Auf dem Rückflug nach Perseus 11. Februar 2851

General Carlo Rix stand allein in der Aussichtslounge des Allianzschiffes Schutz der Freiheit und starrte in Gedanken versunken hinaus ins All. Dabei war der Begriff All ein wenig irreführend. Das Schiff befand sich derzeit im Sprung im Hyperraum mit Kurs auf Perseus. Im Hyperraum gab es nichts wirklich Interessantes, das man sich ansehen konnte. Es handelte sich nur um eine einzige alles erdrückende Schwärze.

Er kratzte sich über das unrasierte Kinn. Für einen Mann, der normalerweise großen Wert auf seine Körperhygiene einschließlich der Enthaarung wichtiger Zonen legte, war es überaus ungewöhnlich, dass sich derartiger Bartwuchs überhaupt entwickeln konnte. Aber verdeckte Missionen hatten es so an sich, die eigenen Pläne über den Haufen zu werfen oder zur Nebensache zu deklarieren.

Verdeckte Missionen.

Dieser Gedanke brachte ihn zurück ins Solsystem, zurück zu seinem Kaiser, zurück zur Schande, die das Imperium auf sich geladen hatte. Sechs Jahre Krieg, Millionen Tote, zahlreiche Welten zerstört oder von den Drizil okkupiert. Einschließlich des Solsystems. Carlo seufzte tief. Und wofür? Damit eine kleine Clique um den Kaiser vertuschen konnte, dass sie etwas besitzen wollten, was ihnen nicht zustand – ja, sie nicht einmal verstanden –, und darüber auch noch einen Krieg vom Zaun brachen. Carlo senkte den Kopf.

Und nun stand er da: allein. Perseus stand da: allein. Und ihre Feinde zogen den Kessel enger. Die Drizil würden nicht ewig damit beschäftigt sein, die Scherben aufzukehren, die einstmals ein Imperium gewesen waren. Irgendwann würden sie ihren Herrschaftsbereich konsolidiert und befriedet haben.

Bereits jetzt war diese Tendenz ersichtlich. Die Menschen verloren die Hoffnung, waren kriegsmüde. Wer sollte es ihnen verdenken? Nach und nach würden sie die Waffen niederlegen und sich in ihr Schicksal fügen. Bis nur noch eine Handvoll Fanatiker übrig blieben, und mit denen würden die Drizil kurzen Prozess machen. Möglicherweise dauerte es noch einige Jahre, aber dieser Augenblick würde kommen. Sobald die Vorgänge auf der Erde die Runde machten – und das würden sie –, würde es den Vorgang sogar noch beschleunigen. Und sobald die Drizil die Zeit fanden – und die Ressourcen –, würden sie sich um Perseus kümmern. Es würde ein harter – ein vernichtender – Schlag werden.

Aber was hieß das für Perseus und die Welten, um die sie gekämpft, um deren Freiheit sie so hart gerungen hatten? Für Vector Prime? Für Barinbau? Carlo fand darauf keine Antwort. Er musste eine finden, bevor sie Perseus erreichten. Die Legion würde eine erwarten, ebenso wie die Zivilgouverneure.

Carlo stieß wütend mit dem Fuß gegen das Metall des Schiffsrumpfs. Alle kamen immer zu ihm, wenn es darum ging, den aktuellen Kurs festzulegen. Als hätte er die Weisheit mit dem Löffel gefressen. Er wünschte, er hätte auch jemanden, zu dem er gehen könnte. Jemanden, den er um Rat fragen könnte.

Leises Schaben von Leder auf Metall lenkte ihn ab und er fuhr auf dem Absatz herum. Hinter ihm stand Bastian Genaro, der offenbar gerade die Lounge hatte verlassen wollen. Der Präsident der Allianz vereinigter Kolonien neigte leicht entschuldigend den Kopf.

»Ich bitte um Verzeihung. Ich wollte Sie nicht stören.«

Carlo winkte ab. »Das haben Sie nicht.« Er drehte sich erneut zu dem großen Fenster um. Die Schwärze schwand schlagartig und machte dem Lichtermeer des Weltraums Platz. Nacheinander materialisierten die Schiffe der Allianz sowie die imperialen Kampfeinheiten – angeführt von der Vengeance – im System. Das Schlusslicht bildeten die Truppentransporter der Legion.

Carlo sah sich das System genauer an. Es war keines, das er schon einmal besucht hatte. Auf ihrem Kurs lagen zwei Planeten, die er sehen konnte. Hinter der hellen Sonne, die gut zwei Stufen heller war als die des Solsystems, lagen bestimmt weitere Planeten. Einer der Planeten war Ödland, das konnte Carlo problemlos selbst aus der Entfernung erkennen. Der andere war von einem Ringsystem umgeben und in seiner Nähe gab es regen Schiffsverkehr. Die vereinigte alliierte Flotte nahm Kurs ins innere System.

»Wo sind wir?« Sein Interesse war geweckt. »Das kann unmöglich bereits die Allianz oder das Neue Protektorat sein. Wir sind erst wenige Tage unterwegs.«

»Das ist Palatino. Wir müssen hier Vorräte aufnehmen und ein paar Reparaturen durchführen, bevor wir weiterfliegen können. Es geht nicht anders.«

»Palatino? Das ist drizilbesetztes Territorium.«

Noch während Carlo seine Erkenntnis laut aussprach und die Flugbahn der alliierten Schiffe verfolgte, bemerkte er, wie weitere Schiffe hinter ihnen materialisierten.

Carlo stutzte. Sie waren mit bloßem Augen kaum auszumachen, eigentlich nur Stecknadelköpfe vor der Schwärze des Alls, doch sie waren – in kosmischen Maßstäben – zu nah materialisiert, als dass es sich um einen Zufall hätte handeln können.

Der General der 18. Legion bemerkte, wie Bastian Genaro leichtfüßig wie eine Katze neben ihn trat und seinem Blick folgte.

»Drizil«, beantwortete er missmutig die unausgesprochene Frage.

»Gab es bisher Probleme?«

Genaro schüttelte den Kopf. »Sie verfolgen uns lediglich und beobachten. Sie scheinen sich an den provisorischen Waffenstillstand zu halten, den wir im Solsystem mit ihnen vereinbart haben. Sie lassen uns anscheinend tatsächlich zurückkehren.«

Carlo erinnerte sich nur mit Schaudern an die Gespräche. Kurz vor ihrer Abreise war Abraham Cole, der Prätorianerverräter, zu ihnen gekommen und hatte eine Botschaft der Drizil übermittelt. Sie gewährten sowohl der Allianz als auch den imperialen Welten, die sich unter der Bezeichnung des Neuen Protektorats vereinigt hatten, einen begrenzten Waffenstillstand, solange die 18. Legion und ihre Verbündeten darauf verzichteten, weitere ehemalige imperiale Welten anzugreifen, einzunehmen oder dortige einheimische Widerstandsnester passiv oder aktiv zu unterstützen.

Carlo war sich nicht ganz sicher, was er von diesem Angebot zu halten hatte, doch eine Einwilligung war unumgänglich, verschaffte sie dem Protektorat und ihren neuen Verbündeten von der Allianz vereinigter Kolonien eine dringend benötigte Atempause. Die letzten Jahre waren hart, entbehrungsreich und voller Leid gewesen. Das Blut war in Strömen geflossen. Männer und Material brauchten dringend eine Pause.

»Vorerst.« Carlo antwortete nur zögerlich. Die Drizil würden den Waffenstillstand brechen. Nicht heute oder morgen, aber ganz sicher irgendwann. Sie würden die Abmachung genau so lange einhalten, wie diese für sie von Vorteil war. Er bemerkte, wie Genaro ihn von der Seite her aufmerksam beobachtete. Schließlich nickte der Präsident der AVK.

»Ja, ich weiß. Der Krieg ist nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Ich vermute, die Drizil werden die Zeit nutzen, um ihre Stellungen im ehemaligen Imperium zu konsolidieren und den Restwiderstand auszuräuchern. Die Drizil wurden in den letzten Jahren mehrmals besiegt, aber die Schlacht im Solsystem kann beim besten Willen nur als Patt bezeichnet werden. Das wird sie mutiger machen. Früher oder später.«

»Patt?« Carlo schüttelte den Kopf. »Sie träumen, Genaro, wenn Sie tatsächlich denken, das wäre ein Patt gewesen. Wir haben verloren – und zwar weit mehr als nur eine Schlacht. Wir haben einen Souverän und eine ganze Nation verloren. Das Imperium, das ich geliebt und dem ich voller Stolz gedient habe – ich frage mich, ob es das je gab.«

Genaro lächelte beinahe mitfühlend. »Das ist eine Erkenntnis, die wir in der Allianz schon lange gewonnen haben. Es ist nicht alles Gold, was glänzt.«

Carlo stieß einen tiefen Seufzer der Frustration aus. »Der Krieg wird weitergehen, eher gestern als morgen.« Er wandte sich erneut an Genaro. »Und diesmal weiß ich nicht, ob wir ihn gewinnen können.« Er senkte den Kopf. »Ehrlich gesagt, bezweifle ich es.« Carlo deutete auf die Drizilschiffe, die inzwischen etwas besser auszumachen waren. Die Feindeinheiten hatten die Entfernung zu der alliierten Flotte deutlich verringert. »Die Fledermausköpfe sind schlau. Sie lassen die Neuigkeiten aus dem Solsystem erst einmal in das Bewusstsein der menschlichen Bevölkerung sickern. Vermutlich werden sie dann gar nicht viel kämpfen müssen. Warum Schiffe und Truppen gefährden, wenn der Feind vor Hoffnungslosigkeit die Waffen streckt?«

»Also jetzt sehen Sie das Ganze möglicherweise ein wenig zu pessimistisch.«

»Meinen Sie?« Carlo bezweifelte es.

»Ja, allerdings. Die AVK wird sich nie ergeben, ganz egal wie die Chancen stehen. Das haben wir in der Vergangenheit nicht getan und wir werden es auch in Zukunft nicht tun.« Er zuckte die Achseln. »Es liegt uns einfach nicht im Blut. Und nach dem, was ich von den Legionären gesehen habe, werden die das ganz ähnlich sehen.«

Carlo warf dem eher schmächtigen Mann einen amüsierten Blick zu. »Bieten Sie mir etwa ein Bündnis an?«

Genaro wandte leicht verlegen den Blick ab, bevor er den General erneut eindringlich musterte. »Warum nicht? Was die Drizil betrifft, so tragen wir jetzt alle riesengroße Zielscheiben auf unserem Rücken. Da können wir uns auch gleich zusammenschließen.«

Carlo dachte ernsthaft über den Vorschlag nach. Schließlich schüttelte er den Kopf. »Wir sind Verbündete – gute Verbündete –, doch für mehr sehe ich zu viele Widerstände.«

Genaro zuckte die Achseln. »Wie Sie wünschen. Es war nur so eine Idee. Die Allianz hat die Ressourcen sowie das Personal und Ihr Protektorat hat die Technik und das Know-how. Ganz zu schweigen von einem immer beeindruckenderen Militär. Es wäre ein Bündnis, vor dem sich selbst die Drizil in Acht nehmen müssten.«

Carlo schwieg. Genaro deutete es fälschlicherweise als weitere Ablehnung und zuckte erneut die Achseln. »War nur so ein Gedanke.«

»Und was wären wir?«

Carlos Frage brachte Genaro für einen Moment aus dem Konzept. »Wie bitte?«

»Was wären wir? Ein Imperium? Eine Monarchie? Welche Gesellschafts- oder Herrschaftsform würden wir hervorbringen? Die Unterschiede sind viel zu groß. Ich befürchte, wenn wir diesen Vorschlag machen, würden Ihre Leute Sie lynchen und ich denke, meine wären auch nicht gerade erfreut.«

Genaro schmunzelte verhalten. »Wen interessiert das?« Der Präsident der Allianz vereinigter Kolonien wurde jedoch schnell wieder ernst. »Ich verstehe aber, was Sie damit andeuten wollen. Ja, die Probleme wären nicht zu verachten.« Er zog eine Augenbraue hoch. »Eines ist mal sicher, ein Imperium werden wir ganz bestimmt nicht. Wir sind eine Demokratie und meine Leute würden das auch mit Sicherheit bleiben wollen.« Er zuckte erneut die Achseln. »Nur mal so hypothetisch.«

Carlo wandte sich ihm halb zu, während seine Gedanken rasten. »Also eine Demokratie … nur mal so hypothetisch.«

Genaro schürzte die Lippen. »Eine Republik also?«

Carlo schüttelte halb amüsiert den Kopf. »Wenn meine Leute mich jetzt reden hören könnten. Die würden mich glatt aus der nächsten Luftschleuse werfen.«

»Und meine erst«, stimmte Genaro zu.

Carlo senkte den Blick und betrachtete in Gedanken versunken seine Fingerspitzen. Wie sein ganzes Äußeres waren sie ungepflegt und mit schwarzen Rändern unter den Nägeln. Das musste er unbedingt bei nächster Gelegenheit ändern. Schließlich sah er auf. »Meine Leute haben wenig Erfahrung mit Demokratien. Die Terranisch-Imperiale Liga hatte für Hunderte von Jahren bestand.«

»Vor dem Aufbruch zu den Sternen gab es eine Menge Demokratien auf der Erde. Warum sollte es nicht wieder funktionieren?«

»Auf der Erde war auch nicht alles Gold, was glänzte. Und nicht jede Republik war auch eine Demokratie.«

Genaro überlegte einen Moment, bevor sich sein Blick aufhellte. »Dann brauchen wir jemanden, der sich darum sorgt, dass bei uns die Macht wirklich beim Volk bleibt und nicht bei einer einzelnen Person oder einer Institution.«

Carlo dachte angestrengt über Genaros Worte nach. »Einen Geheimdienst also?«

»Ja, aber einen, der sich um alles kümmert. Von der inneren Sicherheit bis hin zur Aufklärung gegen Feinde von außen. Es muss aber eine Militäreinheit sein. Ein ziviler Geheimdienst hätte Schwierigkeiten, sich gegen das Militär durchzusetzen. Wir sollten nicht vergessen, dass das Imperium eine lange Militärtradition hat, und dem sollten wir Rechnung tragen.«

»Es werden also Wächter unserer Freiheit sein«, meinte Carlo und ließ jedes einzelnes Wort über seine Zunge gleiten, als müsste er erst dessen Geschmack prüfen. Plötzlich streckte er seine muskulöse Gestalt und seine Augen zuckten. Genaro entging die Änderung in der Haltung des Generals keineswegs.

»Was?«, fragte er.

»Mir ist gerade eingefallen, wie unser neuer Geheimdienst heißen wird: Die Legio Umbra.«

Genaro lachte. »Schattenlegion? Klingt gut. Geradezu furchteinflößend.«

»Es gibt nur noch ein Problem zu lösen.«

»Welches wäre?«

»Wenn unsere Nationen mit der Zeit zusammenwachsen sollen und der Geheimdienst für uns alle eine Stütze sein soll, dann müssen auch Soldaten beider Nationen darin vertreten sein. Und zwar von Anfang an. Und der Befehlshaber sollte jemand sein, der keine Angst hat, seine Meinung zu sagen. Auch nicht vor Ihnen oder mir. Es muss jemand sein, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Jemand, der Schwachstellen unserer neuen Republik erkennt, bevor uns überhaupt klar wird, dass sie da sind.«

Genaro lachte erneut auf, diesmal bei Weitem enthusiastischer. Er klopfte Carlo kameradschaftlich auf die Schulter. »Da habe ich genau den Richtigen.«

Schwer atmend rollte sich Major Finn Delgado zur Seite. Mit zitternden Händen strich er sich eine von Schweiß durchtränkte Haarsträhne aus dem Gesicht.

Er blickte zur Seite und schenkte seiner derzeitigen Gespielin ein wonniges Lächeln. »Das war … wirklich spaßig.«

Christina Jaramago, Kommandantin des bewaffneten Allianzfrachters Sturm über Cosa Tauri, verdrehte in gespieltem Ärger die Augen. Sie zog die Decke etwas höher, um ihre vor Schweiß glänzenden Brüste zu bedecken. »Das will eine Frau nach dem Sex hören … es war wirklich spaßig.«

Finn lachte schallend. »Aber wenn es doch spaßig war?!«

Sie stieß ihm den Ellbogen in die Seite, jedoch stärker als beabsichtigt, sodass er für einen Moment nach Luft schnappte. Trotzdem gelang es ihm, ein abgehacktes Lachen auszustoßen.

»Genauso gut könntest du sagen, ich könnte ruhig noch ein wenig lernen«, setzte sie nach.

Er drehte sich auf die Seite und stützte seinen Kopf auf die rechte Faust, während er mit der linken Hand die Decke erneut herunterzog, um ihren nackten Körper zu betrachten. Sie atmete immer noch schwer und ihr Brustkorb hob und senkte sich im Takt ihres Herzschlags.

»Das habe ich weder gesagt noch gedacht«, erwiderte er, während seine Hand die Kontur ihres Bauchnabels mit dem Finger nachzeichnete und dabei langsam nach oben wanderte. »Das würde ich nicht einmal denken.« Er schürzte die Lippen. »Tatsächlich bin ich der Meinung, dass du sogar noch mir etwas beigebracht hast.«

»Na da bin ich aber froh.« Sie klopfte ihm auf die Finger. »Schluss damit!«, schalt sie ihn.

»Wieso?« Er blickte betont unschuldig.

»Wieso?« Sie warf ihm einen ungläubigen Blick zu. »Wir befinden uns in Feindesland, umringt von Hunderten potenziell tödlichen Drizilschiffen, die nur darauf warten, uns zu erledigen, im Schlepptau eine Flotte des Imperiums – und du fragst, wieso? Echt jetzt?«

»Des untergegangenen Imperiums«, versetzte er ungerührt.

»Du magst sie nicht?«

»Die Imperialen? Wieso sollte ich? Sind wir nicht alle in die Allianz gegangen, weil im Imperium kein Platz für uns war?«

»Ich glaube nicht, dass es ganz so einfach ist. Die meisten von uns sind Kriminelle.« Sie lächelte schelmisch. »Vergiss das nicht.«

»Wie könnte ich? Du hast mir heute meine Kraft gestohlen – drei Mal.« Diese Bemerkung brachte ihm einen weiteren Rippenstoß ein, den er lachend quittierte. Wenn er an die Zeit auf Equuro während der Drizilinvasion und anschließend ihre Intervention zugunsten der Imperialen im Solsystem dachte, lief ihm ein eisiger Schauder über den Rücken. Beide Male hatte er nicht gekämpft, sondern hatte eher auf der Ersatzbank gesessen. Doch er hatte gesehen, was es brachte, wenn man sich mit Imperialen einließ. Die Hauptstadt von Equuro war ein Trümmerfeld und die überlebenden Soldaten erzählten Horrorgeschichten über die Kämpfe.

Bei Equuro war er Teil von Präsident Genaros Entsatzstreitmacht gewesen und war erst auf der belagerten Allianzwelt eingetroffen, als praktisch schon alles vorbei gewesen war. Er diente beim 21. Freien Infanteriekorps, einer Einheit, die praktisch schon seit der Gründung der Allianz existierte.

Im Solsystem hatte es zunächst geheißen, die Allianz würde sich zurückziehen, nur um anschließend umzukehren und die Drizilblockade um die Erde zu durchbrechen.

Zu diesem Zeitpunkt waren Teile seiner Einheit auf einem der Schiffe gewesen, die – zum Glück – nicht dazu auserkoren worden waren, als Projektile in die feindliche Flotte zu krachen.

Sie hatten anschließend Stunden damit zugebracht, die Überlebenden aufzusammeln, doch nicht alle Rettungskapseln hatten die riskante Taktik unbeschädigt überstanden. Es war nicht angenehm, eine Kapsel zu öffnen, deren Insassen dem Vakuum ausgesetzt gewesen waren.

Christina fuhr mit dem Zeigefinger sanft über seine Stirn und kam schließlich auf seiner Nase zum Stehen. »Woran denkst du?«

Er seufzte. »Was wir alles verloren haben, seit wir es mit diesen Bastarden zu tun haben.«

»Du redest nicht von den Drizil.«

Er neigte leicht den Kopf. »Wohl kaum. Wo auch immer die Imperialen hingehen, sie verursachen nur Ärger. Sie bringen Tod und Zerstörung über alles, was sie anfassen.«

Christina schüttelte leicht den Kopf, was bei Finn ein Stirnrunzeln hervorrief. »Was ist?«

»Ich vermisse gerade ein wenig Mitleid in deinen Ausführungen. Die Imperialen haben alles verloren.«

»Hast du es nicht gehört?«

Sie rümpfte die Nase. »Das sind doch nur Gerüchte.«

»Ich habe mit Genaro gesprochen. Es sind mehr als das – es ist wahr. Die Imperialen haben den Krieg begonnen. Sie haben ihr Schicksal selbst heraufbeschworen. Und wenn du mich fragst, sie haben ihr Schicksal verdient.«

»So einfach ist das nicht. Die Drizil haben ganze Welten zerstört, Frauen und Kinder umgebracht. In einem Krieg gibt es nie nur einen Schuldigen.«

Er zuckte die Achseln. »Mag sein, aber das ändert meine Meinung über die Imperialen keine Sekunde lang. Je schneller wir uns von ihnen trennen, desto besser.«

Die Bordsprechanlage in Christinas Quartier piepte einmal unaufdringlich. Sie sah ihren derzeitigen Bettgenossen an und der zuckte lediglich die Achseln, worauf beide in Gelächter ausbrachen und sich tiefer in die Decken kuschelten.

Es dauerte keine zehn Sekunden, da piepte die Bordsprechanlage erneut – und diesmal erheblich aufdringlicher. Um genau zu sein, piepte sie so laut, dass sowohl Christina als auch Finn von einer Sekunde zur nächsten praktisch aufrecht im Bett standen.

»Wenn das jetzt nicht wirklich wichtig ist«, grummelte Christina, arbeitete sich aus dem Gewirr aus Armen, Beinen und der Bettdecke und ging mit elegantem Schritt zur Tür, neben der sich der Anschluss für die Bordsprechanlage befand. Finn nutzte die Zeit, um ihren wogenden Gang und die sanften Rundungen ihres Hinterns zu bewundern, auf dem sich das spärliche Licht ihrer Deckenbeleuchtung spiegelte.

»Und hör gefälligst auf, mir auf den Hintern zu glotzen!«, protestierte die Kommandantin des Frachters auf ihrem Weg zu Tür in gespieltem Ärger.

Finn kicherte. »Ich weiß nicht so recht. Bei dem Anblick hab ich so einige Ideen, was ich die nächsten Stunden mit deinem Hintern so anstellen könnte.«

»Schuft!«, gab sie ebenfalls kichernd zurück.

Christina bestätigte die Verbindung, ließ den kleinen Bildschirm jedoch abgeschaltet. Sie verspürte keinerlei Lust, dass ihre Untergebenen sie nackt sahen. Innerhalb der Allianz war man nicht gerade prüde. Das war nicht weiter verwunderlich in einem Teil des Universums, in dem ein halbes Dutzend Banditenkönigreiche es gern gesehen hätten, wenn die Allianz unterging. Jeder Tag könnte das Ende bedeuten. Infolgedessen lebten die Menschen, als würde es kein Morgen geben. Die Wahrscheinlichkeit hierfür war überaus hoch. Trotzdem sollten manche Grenzen nicht überschritten werden, diese war eine davon.

»Bob? Ich hoffe, Sie haben einen wirklich guten Grund für die Störung. Die dritte Wache dauert noch mindestens vier Stunden und so lange haben Sie die Brücke.«

Von der anderen Seite der Verbindung erklang diskretes Hüsteln, das jedoch entschieden zu amüsiert klang, um wirklich ernst genommen zu werden. Bei Christinas Gesprächspartner handelte es sich um Commander Robert Tyler, den aber jeder an Bord lediglich Bob nannte, ihren Ersten Offizier.

Beim Allianzmilitär wurde vieles gelassener gehandhabt, als es allgemein bei den Streitkräften irgendeiner Sternennation – insbesondere des Imperiums – üblich gewesen wäre. Der Umgangston war lockerer und militärisches Protokoll fehlte oftmals ganz.

Ein Grund für diesen nicht zu leugnenden Umstand lag wohl in der Entstehungsgeschichte der Allianz. Sie war von Banditen, Wegelagerern, Piraten und Schmugglern gegründet worden. Einige Offiziere und Kommandanten gingen dieser Beschäftigung heute noch nebenberuflich nach. Die Obrigkeit ließ sie gewähren, solange deren Aktionen keine Verbündeten der Allianz trafen. Dadurch blieben die Soldaten im Training und potenzielle Gegner wurden geschwächt. Trotzdem – oder vielleicht auch gerade deshalb – war das Militär der Allianz zu erstaunlicher Schlagkraft fähig.

»Tut mir leid, Skipper, aber wir laufen gerade Palatino an. Wir treten etwa in einer Stunde in die Umlaufbahn ein.«

»Und? Kriegen Sie ohne mich kein Brems- und Parkmanöver mehr hin?« Bei ihren Worten zwinkerte sie Finn in ihrem Bett schelmisch zu. Im selben Moment registrierten jedoch beide, dass der amüsierte Tonfall aus Bobs Stimme schwand.

»Ein Dutzend Drizilschiffe sind in Stellung gegangen, in knapp zwei AE Entfernung.«

»Aktivierte Waffen? Führen Sie irgendwelche Manöver aus?« Christinas Stimme war von einem Moment zum anderen in höchstem Maße angespannt. Sie hatten gerade erst eine Schlacht gegen die Drizil hinter sich und die Flotte war in keinem guten Zustand. Auf gar keinen Fall war sie in der Lage, es mit frischen, unbeschädigten Drizileinheiten aufzunehmen, deren Besatzungen nicht unter Erschöpfung litten.

»Nein, nichts dergleichen. Sie beobachten uns lediglich, aber ich wollte Sie trotzdem informieren.« Sein Tonfall verriet, was er von dem ausgerufenen Waffenstillstand hielt – ungefähr dasselbe wie jeder andere an Bord oder in der gesamten Flotte.

»Danke, Bob. Halten Sie mich auf dem Laufenden.« Bevor sie die Verbindung deaktivieren konnte, hielt die Stimme ihres XO sie zurück.

»Das wäre noch etwas, Skipper.«

»Ja?«

»Genaro hat angeordnet, dass Ihr Spielgefährte auf die Schutz der Freiheit übersetzen soll, sobald wir Parkposition erreicht haben.«

Christina warf Finn einen verwirrten Blick zu, den dieser erwiderte.

»Hat er gesagt, warum?«

»Nein, Skipper, tut mir leid. Er hat lediglich gesagt, er hätte eine neue Aufgabe für ihn und – ich zitiere –: ›Es wird ihm auf keinen Fall gefallen!‹ Zitat Ende.«

Finns Stirnrunzeln vertiefte sich, während er die Anweisungen Genaros, übermittelt durch den XO der Sturm über Cosa Tauri, vernahm.

»Sonst noch was?«, fragte Christina ihren XO.

»Nein, das war alles. Viel Spaß noch!« Mit dieser letzten flapsigen Bemerkung deaktivierte der XO des Allianzfrachtschiffs die Verbindung.

»Quatschkopf!«, lachte Christina und schlug ebenfalls auf den entsprechenden Knopf, doch ihr Lächeln verflog, als sie ihren Geliebten musterte.

»Was hältst du davon?«

Finn war besorgt, doch das wollte er Christina auf keinen Fall zeigen. Sie hatte schon genug um die Ohren und sollte sich nicht auch noch Gedanken um ihn machen. Das 21. Freie Infanteriekorps galt innerhalb des Allianzmilitärs als Eliteeinheit und als Problemlöser. Sie wurde mobilisiert, wenn man Flagge zeigen und dem Gegner signalisieren wollte, dass man bereit war, bis zum Äußersten zu gehen.

Genaro und Finn waren seit Langem Freunde. Das hatte Vor- und Nachteile. Einer der Nachteile war, dass Genaro meistens nach ihm schickte, wenn er wirklich einen Höllenjob zu vergeben hatte, den er niemand anders anvertrauen wollte oder konnte. Diese Jobs hatten leider die Tendenz, Finns Gesundheit enorm abträglich zu sein. So wie es sich anhörte, war dies wieder einmal der Fall.

Er warf Christinas nackter Gestalt einen vielsagenden Blick zu und ließ seine Augen ihren Körper entlangwandern. Er klopfte neben sich auf das Bett.

»Was ich davon halte? Dass wir noch gut eine Stunde für uns haben.«

Teil I. Eine neue Zeit

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Tempus fugit (lat. Zitat, »Die Zeit flieht«)Allianz vereinigter Kolonien Zentralwelt Cosa Tauri 15. September 2856

Der brandneue Angriffskreuzer der Ares-Klasse HMS Hope glitt aus dem Konstruktionsdock drei der Werft über Cosa Tauri. Kaum war das Schiff zur Gänze im freien Raum, brachen die Anwesenden in Jubel aus.

Die Aussichtslounge der Werft war bis zum Bersten gefüllt. Es waren nicht nur eine Menge Militärs der Allianz und des Protektorats anwesend, sondern auch zivile Vertreter beider Nationen sowie Hunderte von Pressevertretern. Blitzlichtgewitter brach über dem Raum herein, als jeder Fotograf versuchte, das beste Bild des neu in Dienst gestellten Kriegsschiffes zu erhaschen.

Die Hope nahm weiter Fahrt auf und passierte vier weitere an die Werft angeschlossenen Konstruktionsdocks. Bis vor wenigen Jahren wurden hier Schiffe gebaut, die man in diesem Teil des Weltraums allgemein als Missgeburten bezeichnete – aus Einzelteilen und Wracks zerstörter imperialer Schiffe und Drizileinheiten zusammengestückelte Hybride.

Doch in zwei der Konstruktionsplattformen lag nun jeweils der halb fertige Rumpf eines Begleitkreuzers der Guardian-Klasse, in einem das untere Segment eines Trägers der Fortress-Klasse und in dem vierten das untere Dreieckssegment eines Schlachtkreuzers der Swordmaster-Klasse. Alle drei Schiffe befanden sich in unterschiedlichen Stadien der Fertigstellung und alle drei sahen großartig aus. So fand jedenfalls Carlo Rix, der die Schiffe eingehend musterte.

Seine Aufmerksamkeit wurde auf das große Panoramafenster gelenkt, vor dem ein Podium aufgebaut worden war. Bastian Genaro stand dort und klopfte mit einem kleinen Löffel gegen das Champagnerglas in seinen Händen. Das Glas gab einen sanften Laut von sich, der über den Lärm, den die Presse verursachte, gar nicht zu hören war.

Doch nach und nach bemerkten die Anwesenden Genaros geduldige Gestalt und es kehrte langsam Ruhe ein. Der Präsident der Allianz vereinigter Kolonien lächelte.

»Es ist nun etwa fünf Jahre her, da teilte mir General Carlo Rix von der 18. Legion auf Perseus seinen Traum mit. Den Traum von einem Bündnis zwischen den freien imperialen Welten, die sich nun das Neue Protektorat nennen, und der Allianz. Einen Traum, den ich teile.« Genaro deutete auf das Fenster hinter sich, wo gerade der Angriffskreuzer elegant und anmutig vorüberglitt.

»Und hier sehen wir das Ergebnis dieses Traums.« Spontaner Jubel brandete erneut auf. Genaro wartete, bis dieser sich wieder legte, bevor er fortfuhr.

»In den letzten Jahren sind Allianz und das Neue Protektorat in jeder erdenklichen Hinsicht immer weiter zusammengewachsen.« Genaro wurde zusehends ernst. »Ja, wir haben auch düstere Phasen hinter uns. Die Schlacht bei Equuro, die Schlacht im Solsystem … und ja, es gab Stimmen, die uns beschworen, dieses Experiment aufzugeben – auf beiden Seiten.«

Genaro warf einer Ecke des Raumes einen bedeutungsschwangeren Blick zu. Carlo schielte aus dem Augenwinkel hinüber und hoffte, es würde nicht allzu auffällig wirken. Dort standen James Cavanaugh – der Gouverneur von Perseus – und einige seiner Verbündeten und Speichellecker. Sie wirkten nicht glücklich, weder über den Anlass der Veranstaltung an sich noch über die Erwähnung ihrer Person. Bei Genaros Bemerkung hatten sich ihnen unangenehm viele Augenpaare zugewandt.

Carlo wusste aus eigener Erfahrung, wenn Cavanaugh eines noch mehr hasste, als dass seine Meinung ignoriert wurde, dann war es, damit auch noch im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit zu stehen.

Mit einiger Verwunderung und auch einer gewissen Portion Ärger bemerkte Carlo, dass sich in Cavanaughs Umfeld nun auch Dieter Loos, Marcel Finier und Dominique Vargas tummelten, die anderen drei Gouverneure des Perseus-Sektors. Falls Cavanaugh sie überzeugt hatte, seinem Banner zu folgen, dann war es ihm gelungen, alle zivile Macht des Perseus-Sektors zu vereinen, was dem Gouverneur von Perseus enorme Bedeutung über seinen Rang hinaus verschaffte. Das versprach noch einigen Ärger zu geben.

Zu Beginn von Carlos und Genaros Experiment zur Vereinigung beider Nationen hatte Cavanaugh noch allein dagestanden. Er leistete seit drei Jahren Überzeugungsarbeit gegen Carlos Anstrengungen – und das wohl mit einigem Erfolg.

Bastian Genaro setzte seine Rede fort und Carlo zwang sich, seine Aufmerksamkeit von Cavanaugh und seiner Bande abzuwenden. Die freien ehemals imperialen Welten konnten ohne Verbündete nicht überleben und die Allianz bot einen Ausweg aus diesem Dilemma. Wollten oder konnten es diese weltfremden Narren nicht verstehen?

»Mithilfe der von unseren neuen Freunden modernisierten Werften bauen wir nun Kriegsschiffe für unser gemeinsames Ziel: eine starke Verteidigung gegen all jene, die uns unsere Freiheit streitig machen wollen.«

Genaros volle Stimme drang noch in den hintersten Winkel der Lounge. Carlo gab gerne zu, der Mann war der geborene Redner und schaffte es, die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen.

Genaro senkte den Blick. Für zufällige Beobachter, die den Mann nicht so gut kannten, wirkte es, als würde er sich sammeln. Carlo schmunzelte. Er wusste genau, es handelte sich um eine sorgfältig einstudierte Pause.

Genaro hob den Kopf. In seinen Augen schimmerte es feucht. Ein Raunen ging durch die Menge. Als der Präsident der Allianz weitersprach, zitterte seine Stimme – nur ein ganz klein wenig, aber es reichte, um eine gewisse Wirkung zu erzielen.

Die Frauen in der Menge wirkten mit einem Mal, als wollten sie auf die Bühne stürzen und den traurigen kleinen Mann in die Arme schließen.

»Ich weiß«, fuhr Genaro fort, »es gibt Stimmen, die uns vor einem Bündnis mit dem ehemaligen Restimperium warnen. Stimmen, die Angst verbreiten, sich mit einem Regime einzulassen, das von uns als totalitärer Staat angesehen wird. Wir von der Allianz sind stolz auf unsere Geschichte, stolz auf unsere Kultur und stolz darauf, dass wir uns trotz aller Widrigkeiten und Bedrohungen durch Imperien unsere Freiheit bewahren konnten. Diese Stimmen fragen nun: Müssen wir uns vor einer Fusion mit dem Protektorat fürchten? Und ich sage: nein.«

Bei seinem letzten Satz brachen die Dämme und ein Begeisterungssturm schwappte über den Saal hinweg. Es war schwer, sich der positiven Stimmung zu entziehen. Carlo stellte sein Champagnerglas ab und applaudierte ebenfalls.

Er bemerkte, dass nicht alle mit Genaro übereinstimmten. Cavanaugh und seine Gefolgsleute applaudierten nur halbherzig und auch nur aus Höflichkeit. Es gab jedoch auch Anwesende – überwiegend in Kleidung oder Uniformen der Allianz –, die applaudierten gar nicht und beäugten alle, die es dennoch taten, mit düsteren Blicken. Fünf Jahre waren keine Zeit, um die Animositäten aus Jahrzehnten der Feindschaft abzubauen. Es würde Zeit brauchen, bis alles in geordneten Bahnen verlief.

Genaro verließ unter den Rufen und Glückwünschen der Anwesenden die Bühne und arbeitete sich zu Carlo durch. Es erwies sich als gar nicht so einfach, da sich immer wieder jemand fand, der ihm unbedingt die Hand schütteln wollte. Trotzdem schafften es Genaros Leibwächter endlich, ihm einen Weg zu bahnen.

Schwer atmend, aber mit einem unübersehbaren Funkeln in den Augen stand Genaro endlich Carlo gegenüber.

»Und?«, fragte der Präsident der Allianz der vereinigten Kolonien.

»Beeindruckend.« Carlo hob sein Champagnerglas zum Gruß und prostete seinem Gegenüber zu. »Sie haben unserem Vorhaben heute Abend eine Menge neuer Stimmen eingebracht, möchte ich wetten.«

»Das will ich doch schwer hoffen.« Genaro wischte sich demonstrativ eine imaginäre Träne aus dem Augenwinkel. »Wäre schade, wenn ich das alles ganz umsonst einstudiert hätte.«

Carlo lachte leise und deutete aus dem Fenster auf den Angriffskreuzer, der inzwischen seine Parkposition in der Nähe der Werft eingenommen hatte. »Ein Prachtstück.«

Genaro nickte. »Das will ich meinen. Imperiales Know-how und alliierte Arbeitskraft – was kann da schon schiefgehen?«

»Nicht viel«, stimmte Carlo zu. »Ich habe seit Jahren keinen fabrikneuen Angriffskreuzer mehr gesehen. Ich dachte, ich würde diesen Anblick nie wieder genießen können.« Sein Blick wanderte nach unten zu den noch im Bau befindlichen Schiffen. »Wie steht es mit dem Schlachtkreuzer?«

Genaros Blick verdüsterte sich. »Mindestens sechs weitere Monate. Wir hatten mit einigen Problemen zu kämpfen, die den Bau behinderten.«

Carlo sah sich mit hochgezogener Augenbraue zum Präsidenten um. »Probleme? Etwas, das ich wissen sollte?«

Genaro zuckte die Achseln. »Nicht wirklich. Lieferprobleme jeglicher Art, ein Streik der Dockarbeiter und noch andere Dinge. Das hat uns ziemlich aus dem Zeitplan geworfen, aber nun haben wir wieder alles im Griff.«

»Ein weiterer Schlachtkreuzer würde unsere Kräfte beträchtlich verstärken.«

Genaro sah zu dem Legionsgeneral auf. »Sie denken immer noch, die Drizil würden uns irgendwann angreifen?«

»Sie nicht?«

»Eigentlich versuche ich, diese Frage zu verdrängen.«

»Das kann ich mir nicht leisten.«

Ein hochgewachsener Offizier in einer pechschwarzen, eng anliegenden Rüstung betrat den Raum. Der Anblick war so ungewöhnlich, dass der Mann unwillkürlich die Aufmerksamkeit aller fesselte. Genaro und Carlo warfen sich gleichzeitig einen missmutigen Blick zu und gingen gleichmäßigen Schrittes auf den Offizier zu. Sie gingen absichtlich langsam, um nicht den Eindruck zu erwecken, der Legionär würde schlechte Neuigkeiten bringen. Genaros Leibwächter schirmten sie die ganze Strecke zu dem Offizier ab.

Aus dem Augenwinkel bemerkte Carlo, wie Cavanaughs Blick ihm interessiert folgte. Genaro registrierte es ebenfalls und kicherte leise. »Dem Mann sind Sie immer noch ein Dorn im Auge.«

Carlo nickte. »Durch die Kriegsgesetze hat das Militär im Protektorat in allen militärischen Dingen das Sagen und auch sonst recht viel Macht. Das gefällt Cavanaugh gar nicht. Er sähe es lieber, wenn all die Macht an ihn zurückfallen würde.«

»Ist das nicht unsere Absicht, von wegen Demokratie und so?«

»Schon, aber damit warten wir besser noch zwei Jahre. Dann ist Cavanaughs Amtszeit vorüber und es gibt Neuwahlen. Ich schaudere vor dem Tag, an dem Cavanaugh zu alter Stärke zurückfindet. In diesem Moment ist unser Bündnis nämlich erledigt und das öffnet den Drizil Tür und Tor. Ich bin sicher, dass nur unser Bündnis sie bisher zurückgehalten hat.«

Genaro musterte ihn verstohlen von der Seite. »Ihnen ist aber schon klar, dass Sie die Regeln zu Ihren Gunsten beugen. Das ist nicht gerade ein demokratischer Grundsatz.«

Carlo senkte verlegen und beinahe etwas zerknirscht den Blick. »Zunächst einmal müssen wir dafür sorgen, dass die Demokratie überlebt. Anschließend können wir uns über derartige Feinheiten den Kopf zerbrechen. Ich mache mir viel größere Sorgen, dass Cavanaugh viele der Gouverneure auf seine Seite gezogen hat. Das verspricht noch viel Ärger.«

»Oh ja. Und wenn ich mir einige von Ihren und meinen Militärs so ansehe, dann würde die Hälfte von ihnen liebend gerne aufeinander losgehen. Einige von meinen Leuten meinen, es wäre ein Fehler gewesen, die Drizil gegen uns aufzubringen. Sie würden nur zu gerne zum früheren Status quo mit den Fledermausköpfen zurückkehren. Ihnen Ihren Kopf zu überbringen, wäre da ein ganz guter Anfang.«

Carlo schmunzelte. »Na da bin ich ja richtig froh, dass ich unter Ihrem Schutz stehe.«

»Genießen Sie ihn, solange ich noch Präsident bin. Im Gegensatz zu euch sind wir eine richtige Demokratie und meine Entscheidung, mich mit euch zusammenzuschließen, ist nicht überall so populär. Unsere Neuwahlen sind nächstes Jahr.«

Darauf wusste Carlo keine Antwort und so zog er Schweigen vor. Sie näherten sich dem jungen, adretten Offizier, der salutierte, indem er nach Art der Legionäre seine geballte Faust gegen die linke Brustseite schlug.

Genaro deutete wortlos auf eine Tür. Der Präsident übernahm die Führung, während Carlo ihm folgte. Der Offizier in der schwarzen Rüstung bildete das Schlusslicht.

Genaro öffnete die Tür, trat beiseite und wartete, bis seine zwei Gäste den Raum betreten hatten, folgte ihnen und schloss schließlich die Tür hinter sich. Im Gegensatz zu dem Offizier trug Carlo lediglich Ausgehuniform, was es ihm erlaubte, sich auf eines der erlesenen Möbelstücke zu setzen.

Genaro deutete auf einen kleinen Beistelltisch, auf dem eine Karaffe mit einer klaren Flüssigkeit und einige Gläser standen. »Wer sich bedienen will, ist herzlich eingeladen.«

Carlo lehnte dankend ab und der Offizier ignorierte das Angebot einfach. Der Legionsgeneral nahm sich die Zeit, den Mann eingehend zu mustern. Er hatte Finn Delgado bereits einige Zeit nicht mehr gesehen. Der Mann sah in einer Legionsrüstung immer noch ein wenig fehl am Platz aus. Trotzdem stand sie ihm ohne Zweifel.

Die Legio Umbra – die Schattenlegion – war im Wachsen begriffen und bestand inzwischen aus fünf Kohorten, wobei nicht jede Zenturie jeder Kohorte voll besetzt war. Selbst einige Feuertrupps operierten unterhalb ihrer Sollstärke. Zwei weitere Kohorten befanden sich derzeit auf Perseus noch in der Ausbildungs- und Ausrüstungsphase. Jede Kohorte sollte in ihrer endgültigen Aufstellung über zehn Zenturien verfügen – doppelt so viele wie bei einer normalen Gefechtslegion. Voll ausgerüstet und ausgestattet würde die Schattenlegion über eine Gesamtstärke von fünfzehntausendvierhundert Mann verfügen. Damit wäre sie weit mehr als doppelt so stark wie eine reguläre Kampflegion, hätte allerdings einen deutlich anderen Aufgabenbereich.

Die Schattenlegion war eine Mischung aus Geheimdienst und Feindaufklärung, Spezialeinheit für verdeckte Operationen und nur in Ausnahmefällen Elitefronteinheit zum Einsatz gegen feindliche Primärziele. Die Mitglieder der Einheit bestanden sowohl aus Soldaten der Allianz als auch des ehemaligen Imperiums respektive des jetzigen Neuen Protektorats.

Bei der Schattenlegion handelte es sich um ein Pilotprojekt, das vornehmlich dazu dienen sollte, dass sich das Militär beider Seiten aneinander gewöhnte und auch lernte, gemeinsam zu agieren und zu kämpfen. Es war ein ambitioniertes Projekt, das nicht ohne Problem vonstattenging, wie die letzten Jahre zeigten.

Innerhalb des ersten halben Jahres war die Militärpolizei praktisch Dauergast in den Unterkünften der Schattenlegion gewesen aufgrund einer Vielzahl von Auseinandersetzungen. Selbst Messerstechereien waren an der Tagesordnung gewesen. Inzwischen hatte sich die Lage so weit beruhigt, dass die Schattenlegion in geringem Umfang mit ihrer eigentlichen Arbeit hatte beginnen können.

Carlo schmunzelte. Delgado schien nicht wirklich glücklich damit, eine Rüstung der Legion zu tragen, doch sie saß wie eine zweite Haut.

Die Schattenlegionäre trugen Rüstungen, wie die Aufklärungslegionäre sie bevorzugten – jedoch mit einigen Anpassungen. Die Rüstung war leichter, das Material dünner, was sie flexibler machte. Doch kleine Änderungen in der Legierung machte sie gleichzeitig enorm widerstandsfähig und bei Nachtaktionen war sie mit bloßem Auge kaum auszumachen. Die Legionäre waren dadurch schneller und agiler, was ihrem Aufgabenbereich sehr zupasskam.

Auf der linken Brustseite – direkt unter dem Wappen – trug jede Rüstung stolz das Motto der Legio Umbra.

Defensor Libertatis – Verteidiger der Freiheit.

Als Waffen trugen die Schattenlegionäre eine halb automatische Nadelpistole vom Typ M 5 als Seitenwaffe und ein leichtes Nadelgewehr vom Typ N 11, das man auch wegen der Beweglichkeit quer auf den Rücken schnallen konnte. Als letzte Waffe verfügte jeder Schattenlegionär auf dem Rücken über eine Klinge, die man sozusagen aus alten Archiven ausgegraben hatte: ein speziell gehärtetes Katana, das sogar in der Lage war, in die Rüstungen der Drizil zu schneiden. Carlo nickte zufrieden. Alles in allem boten die Schattenlegionäre einen imposanten Anblick.

»Nun, Colonel?«, begann Carlo das Gespräch. »Was gibt es zu berichten, dass Sie hier auf der Feier in voller Rüstung und bewaffnet erscheinen?« Er genoss das Zucken, das Delgado jedes Mal von sich gab, wenn jemand seinen neuen Rang erwähnte. Insgeheim lächelte Carlo. Delgado hatte noch keine Ahnung, doch sobald die Schattenlegion volle Stärke erreichte, würde ihm der Rang eines Generals verliehen. Es konnte nicht angehen, dass ein Colonel eine Legion kommandierte.

Seit seiner Ernennung hatte Delgado einiges geleistet – und das, obwohl er Imperiale auf den Tod nicht ausstehen konnte. Ja, er teilte Genaros Vision einer gemeinsamen Nation nicht einmal. Und doch tat er alles, damit Alliierte und Imperiale zusammenfanden. Bemerkenswert. Für den Generalsrang war er mit Mitte dreißig eigentlich viel zu jung. Doch in den letzten fünf Jahren hatten sie viel getan, was nicht mit gängigen Konventionen in Einklang stand. Von daher durfte man das nicht so eng sehen.

Delgado räusperte sich. Carlo machte jedoch nicht den Fehler, dies mit Verlegenheit zu verwechseln oder den Mann deswegen zu unterschätzen. Delgado hielt sich nicht gerne in solch illustrer Gesellschaft auf. Das war schon alles. Der Mann verfügte jedoch über einen messerscharfen Verstand und erkannte Zusammenhänge, wo andere lediglich Chaos sahen. Genaros Wahl, den Mann zum Oberhaupt der Schattenlegion zu machen, sprach von großer Weitsicht und noch größerer Menschenkenntnis.

Delgado deutete auf den großen Schirm, der eine ganze Seite des Raumes einnahm, und forderte Genaro damit wortlos auf, eine Karte der Region einzublenden. Der Präsident der Allianz folgte der Aufforderung umgehend. Delgado begab sich neben den Schirm und begann zu sprechen. Dabei vermied er es eher unterbewusst, belehrend zu wirken. Vielmehr gab er seinen Kommandeuren lediglich einen kurzen, klar strukturierten Lagebericht. Delgado deutete mit einem Stock auf zwei Systeme, die sofort farblich hervorgehoben wurden.

»Die Drizil haben die letzten Widerstandsnester auf Doriogo und Par Kavallis ausgeräuchert. Sehr blutig nach dem, was meine Leute in Erfahrung bringen konnten. Auf beiden Welten wird sich in absehbarer Zeit niemand mehr gegen die Drizilherrschaft auflehnen. Als Reaktion auf die Niederschlagung der Aufstände haben die örtlichen Kommandeure beider Systeme Truppen und Schiffe nach Mara Prime verlegt.« Durch einen Wink mit dem Stock wurde auch dieses System farblich hervorgehoben. »Dort spitzen sich die Kämpfe immer weiter zu und meine Leute sind der Meinung, dass sich in den nächsten Wochen eine Entscheidungsschlacht anbahnen wird. Wir errechnen eine knapp siebzigprozentige Chance, dass der Widerstand unterliegen wird. Auch wenn ein Sieg an dieser Front für die Drizil sehr kostspielig sein dürfte. Im Mara-Prime-System sind immer noch einige imperiale Flotteneinheiten aktiv. Sie sind dezimiert und ihre Schiffe in schlechtem Zustand, doch sie werden vermutlich kämpfen wie der Teufel und es den Fledermausköpfen verflucht schwer machen.« Delgado seufzte. »Und da wäre noch etwas.« Ein weiteres System wurde farblich markiert. »Der Restwiderstand auf Tesdor hat kapituliert, vor etwa einer Woche, bedingungslos. Sie haben ihre Waffen an die Drizil abgegeben und ihre Überlebenden sind in Gefangenschaft gegangen.«

»Wie viele?«, wollte Genaro wissen.

»Wir gehen von einer Größenordnung um die fünftausend Mann aus. Aber die Information ist mit Vorsicht zu genießen. Sie ist nicht bestätigt.« Delgado zögerte. »Außerdem …«

»Ja?«, hakte Carlo nach.

Der Kommandant der Schattenlegion seufzte tief, bevor er antwortete. »Die Drizil haben Ragash vollständig befriedet. Vor etwa vier Wochen starteten sie eine Großoffensive gegen die Reste des dortigen Widerstands. Ragash befindet sich unter der Kontrolle eines der größten, einflussreichsten und leider auch brutalsten Drizilclans. Unseren Meldungen zufolge gab es keine Überlebenden unter den Widerstandstruppen.«

Carlo und Genaro warfen sich gegenseitig eindeutige Blicke zu, bevor sich der General der 18. Legion aufrichtete und Delgado vorsichtig musterte.

»Wir hatten Leute vor Ort, nicht wahr?«

Delgado nickte. »Eine vollständige Zenturie der Schattenlegion.«

»Haben Sie es rausgeschafft?«

Delgado schüttelte knapp den Kopf. Carlo fletschte die Zähne zu einer Grimasse der Frustration. Das war überaus besorgniserregend. Die Vereinbarung zwischen dem Restimperium, der Allianz und den Drizil besagte eindeutig, dass der Waffenstillstand nur so lange hielt, solange sich die Menschen aus den Angelegenheiten der Drizil heraushielten – sprich, sie sollten gefälligst stillhalten, während die Drizil ihre Eroberungen konsolidierten. Das Protektorat und die Allianz hielten sich auch daran – offiziell.

Inoffiziell allerdings arbeiteten seit fast vier Jahren verdeckt operierende Einheiten der Schattenlegion daran, die Stellungen der Drizil im besetzten Imperium zu unterminieren. Sie lieferten hochwertige Waffen an Widerstände und Rebellen, bildeten Einheimische sowohl in Dschungel- als auch urbaner Guerillataktik aus, und hin und wieder betätigten sie sich sogar als Saboteure und Attentäter. Letzteres allerdings nur, solange für sie nicht die Gefahr bestand aufzufliegen.

Carlo wählte seine nächsten Worte mit Bedacht und ließ Delgado dabei keine Sekunde aus den Augen. »Besteht die Möglichkeit, dass den Drizil irgendetwas in die Hände fiel, was den Waffenstillstand gefährdet? Wissen Sie vielleicht von der Schattenlegion-Zenturie auf Ragash?«

Delgado dachte über seine Antwort ausgiebig nach. »Es gibt derzeit nichts, was darauf hindeutet.«

Carlo musterte ihn misstrauisch. »Aber?«

Delgado zuckte die Achseln. »Es deutet auch nichts auf das Gegenteil hin. Um ganz ehrlich zu sein, wir wissen es einfach nicht. Und da wären noch weitere Probleme. Die Drizil ziehen ihre Schlinge um ihre Eroberungen enger. Je mehr Welten sie befrieden, desto mehr Schiffe und Truppen werden für Operationen an anderen Fronten freigestellt. Das ist für uns in den letzten Monaten spürbar zum Problem geworden. Wir mussten mehrere Schiffe mit Waffenlieferungen sprengen, die für Widerstandsgruppen bestimmt waren. Es bestand Gefahr, dass sie den Drizil in die Hände fallen.«

Genaro schnalzte abwägend mit der Zunge. »Das ist überaus besorgniserregend. Immerhin können wir davon ausgehen, dass die Drizil nicht wissen, von wem die Waffen kommen oder für wen sie bestimmt waren. Sie haben noch nicht angegriffen. Das ist untypisch für die Fledermausköpfe, falls sie von unseren Aktivitäten Wind bekommen haben.«

»Mag sein«, meinte Carlo wenig überzeugt. »Oder sie haben etwas vor und warten nur auf den richtigen Moment.« Carlo warf Genaro einen missmutigen Blick zu. »Wie dem auch sei, die Drizil machen auf jeden Fall recht beeindruckende Fortschritte.«

»Kann man wohl sagen.« Genaro nickte, obwohl seine Gedanken weit entfernt weilten. Er sah leicht auf und seine Augen funkelten Delgado an. »Gibt es irgendwelche Anzeichen von Driziltruppenbewegungen, die auf uns zielen?«

»Nein. Und genau das bereitet mir Sorgen.«

Carlo neigte leicht den Kopf. »Erklären Sie das.«

»In den letzten Monaten haben die Drizil immer mehr Truppen und Schiffe von der Grenze zum Neuen Protektorat abgezogen. Auch in den Randregionen der Allianz sind Verschiebungen zu beobachten. Die Drizil haben zwei Stützpunkte im Tiefen Schlund aufgelöst.«

Carlo überlegte kurz. Als er schließlich antwortete, wägte er jedes einzelne Wort sorgfältig ab. »Das könnten Anzeichen dafür sein, dass sich die Drizil übernommen haben. Wir vermuten schon lange, dass ihr Militär bei Weitem nicht stark genug ist, um eine Kriegsbeute von der Größe des Imperiums auf Dauer zu halten.«

»Das – wäre – möglich.« Delgado betonte jedes Wort über Gebühr und machte damit deutlich, was er von dieser Möglichkeit hielt. Carlo schnaubte amüsiert.

»Ich halte es jedoch für einen Trick«, spann Delgado den Faden weiter. »Sie verschieben zwar ihre Truppen ohne Zweifel, doch sie tauchen nicht wieder auf. Jedenfalls nicht, soweit wir das beurteilen können.«

»Wie meinen Sie das, sie tauchen nicht wieder auf?« Genaros Körper war gespannt wie eine Sprungfeder.

»Damit meine ich, die feindlichen Truppen fliegen in den Hyperraum mit Ziel – sagen wir zum Beispiel – Doriogo, doch sie erreichen ihren Zielort nicht.«

»Ihre Schlussfolgerung?«

Delgado räusperte sich. Als er bereit war, sich zu erklären, maß er jeden der Anwesenden zuvor mit festem Blick. »Ich glaube, die Drizil sammeln ihre Kräfte für eine Großoffensive – gegen uns. Ihre Hyperraumantriebe waren schon immer leistungsfähiger als unsere. Es wäre für sie ein Leichtes, auf Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen, aber vor ihrem Ziel zurück in den Normalraum zu fallen. Ich denke, sie sammeln einen beträchtlichen Teil ihrer Streitkräfte außerhalb unserer Ortungsmöglichkeiten. An einem geheimen Sammelpunkt. Und falls ich recht habe und die Drizil wirklich Vorbereitungen für einen finalen Schlag treffen, dann sind sie auch der Meinung, bereit dafür zu sein. Die Fledermausköpfe würden das nicht tun, wenn sie nicht der Meinung wären, sie könnten uns schlagen. Und damit meine ich Protektorat und Allianz.«

Carlo und Genaro wechselten untereinander einen langen Blick. Sie hielten stumme Zwiesprache. Delgados Ausführungen ergaben auf furchtbare und logische Weise Sinn.

Carlo holte tief Luft. »Dann ist unser weiteres Vorgehen klar. Wir müssen diesen Sammelpunkt finden, falls es ihn gibt – und neutralisieren. Das wird Ihre Aufgabe sein, Colonel.«

Delgado nickte.

»Und wir müssen militärisch bereit sein, falls die Drizil wirklich losschlagen.« Genaro musterte Carlo eindringlich. »Wie stehen Ihre Bemühungen im Protektorat?«

Carlo schüttelte den Kopf. »Es könnte besser sein. Die Werft auf Worgan wurde inzwischen von reinen Reparaturdiensten auf die Konstruktion leichter Kriegsschiffe umgerüstet. Sie wirft jetzt alle drei Monate fünf neue Torpedoschnellboote aus. Ein Viertel der Schnellboote werden augenblicklich zu Minenlegern umgerüstet, aber das reicht bei Weitem nicht, um den Bedarf zu decken. Vector Prime und Barinbau sind etwa zur Hälfte vermint, aber es bleiben trotzdem zu viele Schwachstellen. Außerdem müssen wir damit rechnen, dass der Gegner in den letzten fünf Jahren nicht untätig geblieben ist und daran arbeitet, unsere Minen ohne Gefahr für seine eigenen Schiffe aufzuspüren und zu zerstören.«

Carlo lächelte leicht. »Die Raumstation über Vector Prime arbeitet jetzt mit achtzigprozentiger Auslastung und wirft alle sechs Monate zwei Begleitkreuzer und einen Angriffskreuzer aus. Wir bilden im Schnellverfahren Besatzungen aus und drillen sie bis zum Umfallen an Bord der neuen Schiffe, doch wie gut sie sich im Kampf mit erfahrenen Drizilbesatzungen erweisen, muss sich erst noch zeigen.«

Genaro nickte. »Ein wenig schlechter sieht es bei uns aus. Wir besitzen jetzt drei umgerüstete Werften und fangen gerade erst mit der Raumschiffsproduktion an. Doch die Ausbildung von Besatzungen läuft bereits auf Hochtouren. Wenn uns doch die Drizil nur ein wenig mehr Zeit ließen, dann könnten wir ihnen wirklich Paroli bieten.«

»Vielleicht ist das das Problem«, mutmaßte Carlo.

»Ich kann Ihnen nicht ganz folgen.«

»Wir müssen davon ausgehen, dass den Drizil nicht verborgen geblieben ist, was wir so treiben. Möglich, dass sie sich zu einem Präventivschlag entschlossen haben, bevor wir uns zu einer ernsthaften Gefahr entwickeln.«

»Das würde bedeuten, sie haben Augen und Ohren bei uns.«

»Wir betreiben Aufklärung, sie betreiben Aufklärung. So läuft das Spiel nun einmal.«

Bevor Genaro oder Delgado antworten konnten, klopfte es dezent an der Tür.

Genaro reckte seine Gestalt. »Herein!«

Die Tür öffnete sich und ein Diener in einem geschmackvollen Anzug trat schüchtern ein. »Verzeihen Sie die Störung, Herr Präsident, doch man wünscht General Rix zu sprechen.«

»Und wer?«, fragte Carlo, obwohl er die Antwort bereits zu wissen glaubte.

»Lord Gouverneur Cavanaugh.«

Carlo stöhnte unterdrückt, während sich Genaro ein Schmunzeln verkniff.

Der Legionsgeneral erhob sich geschmeidig. »Besser, ich lasse den Herrn nicht warten.«

Genaro nickte wortlos, während Delgado zum Abschied salutierte.

Carlo zögerte ein letztes Mal. »Und Sie, Colonel, finden Sie diesen vermaledeiten Sammelpunkt. Ehe es zu spät ist.«

Delgado nickte mit düsterer Miene.

Finn begab sich auf direktem Weg zu seinem Quartier an Bord der Raumstation. Bevor er sich hatte davonstehlen können, hatte Genaro ihn noch einmal zur Seite genommen und ihm erklärt, es wäre sein Wunsch, dass Finn an dem Empfang teilnahm.

In Ausgehuniform, nicht in der Rüstung.

Finn hasste Empfänge. Doch was er noch mehr hasste, waren Ausgehuniformen.

Er hatte sein Quartier beinahe erreicht, als ihm etwas auffiel. Jemand hatte etwas mit roter Farbe an die Wand geschmiert. Es handelte sich um einen roten Kreis, in dessen Inneren die Buchstaben S und A miteinander verschwammen.

Finn fluchte lautstark. Die Söhne der Allianz. Eine Gruppe von Fanatikern, die der Meinung waren, die Allianz würde ihre Identität verlieren, wenn sie sich mit den Imps einließ. Sie verbreiteten allerorts ihre Propaganda und stifteten allerhand Unruhe. Sie waren der Meinung, die Allianz sollte für sich bleiben und lieber einen separaten Frieden mit den Drizil vereinbaren. Was aus dem Rest der Menschheit wurde, interessierte sie nicht.

Finn rümpfte die Nase. Er war kein Freund des ehemaligen Imperiums und auch nicht des sogenannten Neuen Protektorats. Doch sie standen nun einmal notgedrungen auf derselben Seite. Entweder sie rauften sich zusammen oder sie würden untergehen – jeder für sich. Eine Chance hatten sie nur gemeinsam.

Er schürzte die Lippen. Dies war das erste Mal, dass er solche Schmierereien hier auf der Raumstation fand. Unten auf Cosa Tauri gab es Stadtviertel, in denen man keinen Schritt machen konnte, ohne auf diesen Schwachsinn zu stoßen. Aber nicht hier oben. Dass die Söhne der Allianz ihren Einflussbereich ausdehnten, war nichts, was man auf die leichte Schulter nehmen sollte. Er nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit mit Genaro darüber zu reden.

Finn setzte sich erneut in Bewegung und bog um die nächste Ecke. Aufgrund seiner Eile war er bereits im Laufschritt damit beschäftigt, die Verschlüsse seiner Rüstung zu lösen, sodass er den Mann, der vor seinem Quartier wartete, zunächst gar nicht wahrnahm.

Finn blickte auf und kniff die Augen zusammen. Der Mann war etwas nervös, versuchte jedoch vergeblich, es zu verbergen. Er trug die Uniform eines Milizoffiziers von Perseus.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte Finn verwundert.

Der Mann bemühte sich vergeblich, nicht von einem Fuß auf den anderen zu treten, und reichte ihm ein Schreiben. Finn nahm es entgegen, nahm jedoch den Blick nicht von seinem Gegenüber.

»Major Neil Delaware, 1. Perseus-Miliz. Ich wurde mit sofortiger Wirkung zur Schattenlegion versetzt, Colonel.« Der Mann zögerte. »Ich … ich wurde Ihnen als Adjutant zugewiesen.«

Finn riss leicht die Augen auf und kam endlich auf die Idee, den Brief zu öffnen. Es handelte sich um ein Empfehlungsschreiben eines Mannes namens Lecomte – der wohl die Miliz von Perseus befehligte – und einen Marschbefehl.

Finn überflog beides und stopfte die Briefe schließlich wieder zurück in den Umschlag. »Seit wann brauche ich einen Adjutanten? Ich bin bisher auch gut ohne ausgekommen.«

Delaware zögerte erneut. »Nun, jeder Einheitskommandeur benötigt einen.«

»Sagt wer?«

»Das war schon immer so … Sir.«

Finn schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, aber ich kann Sie nicht gebrauchen. Ihre Versetzung zur Legio Umbra geht in Ordnung, aber Sie werden nicht mein Adjutant.« Er streckte seine Hand aus, um den Brief an den Offizier zurückzugeben.

Dieser machte keinerlei Anstalten, den Umschlag anzunehmen. »Sir, es ist General Lecomtes Wunsch – und auch der von General Rix. Sie brauchen einen Adjutanten – und der werde ich sein. Die Herren Generäle waren in dieser Hinsicht sehr deutlich in der Wortwahl.«

Delaware streckte seine Gestalt und machte sich allem Anschein nach darauf gefasst, ein Donnerwetter über sich ergehen zu lassen. Finn hatte jedoch nicht die geringste Lust – und Zeit – für so etwas.

Er mochte die Imps nicht besonders. Seiner Meinung nach waren sie für alle Probleme der Allianz im Speziellen und der Welten des Tiefen Schlunds im Allgemeinen der letzten dreihundert Jahre verantwortlich. Doch wie es schien, hatte er in diesem Punkt kein Mitspracherecht.

Finn drückte sich frustriert an Delaware vorbei und öffnete die Tür zu seinem Quartier. »Melden Sie sich morgen früh um 0600 Stationszeit bei mir. Keine Sekunde später.«

»Sie werden es nicht bereuen, Sir«, beeilte sich Delaware zu sagen, bevor Finn die Tür hinter sich schloss und seinen zukünftigen Adjutanten stehen ließ.

2

Lord Gouverneur James Cavanaugh erwartete Carlo in einem etwas isolierten Teil der Aussichtslounge, wo er sich mit den Würdenträgern der Allianz nicht abgeben musste. Seine Mimik verhieß nichts Gutes.

»James«, begrüßte der Legionsgeneral den Gouverneur.

James Cavanaugh neigte als Begrüßung lediglich leicht den Kopf und deutete stattdessen durch das Fenster, durch das man einen ausgezeichneten Blick auf die Werft und die Hope hatte.

»Der Name Hope ist ein wenig offensichtlich, meinen Sie nicht?!«, begann Cavanaugh das Gespräch ohne Einleitung.

»Finden Sie? Ich halte ihn für passend.«

Cavanaugh drehte sich um und Carlo musterte den Mann eingehend. Der Lord Gouverneur von Perseus machte ständig eine Miene, als würde er auf einer Zitrone herumkauen. Eine für Carlo recht nervige Eigenschaft. Vor allem wusste man nie, wo man bei ihm dran war, weil er bei allem den Eindruck erweckte, es sei unter seiner Würde. Allerdings glaubte der Legionsgeneral dieses Mal, den Grund zu kennen, aus dem Cavanaugh ihn zu sprechen wünschte. Es war dasselbe leidige Thema, das sie seit seiner Rückkehr und der Bekanntgabe seiner Pläne immer wieder durchkauten.

»Ich bin nicht begeistert davon, dass sie imperiales Know-how und imperiale Technik an diese … diese …«

Carlo hob provokant eine Augenbraue. »Na los. Sagen Sie es, James. Brüskieren Sie unsere Gastgeber.«

»Verdammt, Carlo!«, entgegnete Cavanaugh und wählte zum ersten Mal in diesem Gespräch seinen Vornamen. »Das sind Banditen. Verbrecher. Das Imperium hat jahrzehntelang mit dem Versuch zugebracht, sie zur Strecke zu bringen, sie in die Zivilisation heimzuholen.«

Carlo schmunzelte. »Hat ja fabelhaft geklappt.«

»Trotzdem haben wir uns bekämpft – über viele Jahre.«

»Ich weiß nicht, wer es gesagt hat, aber irgendjemand hat einmal den treffenden Spruch von sich gegeben: Wenn wir unsere Feinde zu Freunden machen, ist der Feind vernichtet. So oder so ähnlich ging er, glaube ich. Der Grundgedanke ist jedoch nicht von der Hand zu weisen.«

»Es gefällt mir nicht.«

»Das ist offensichtlich.«