Das Geheimnis der Tränentrinker - Roland Hilgartner - E-Book

Das Geheimnis der Tränentrinker E-Book

Roland Hilgartner

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Beschreibung

Roland Hilgartner reiste in die weltweit entlegensten Gebiete der Tropen. Auf seinen außergewöhnlichen Expeditionen dokumentierte er Tierarten, die bisher nur wenige Menschen in freier Wildbahn je zu Gesicht bekamen. Ob bei den scheuen Bonobos im Kongobecken, tränentrinkenden Faltern auf Madagaskar oder Paradiesvögeln auf Neuguinea – unvergessliche und manchmal auch gefährliche Abenteuer waren immer inklusive.

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Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2022

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DasGeheimnis derTränentrinker

Für meine Söhne Mijoro Jonas und Miaro Lukasund meinen Vater Reinhard

Hyazinth-Ara Paar an ihrer Bruthöhle im brasilianischen Pantanal. Die Weibchen kümmern sich exklusiv um das Gelege, die Männchen hingegen um die Futtersuche und die Nestverteidigung.

Inhalt

Vorwort

Der Wildnis auf der Spur

Das Kongobecken

Im Reich der grauen Riesen

Heiliger Gral der Primaten

Heimatdorf der Waldelefanten

Garten Eden

Ärzte des Dschungels

Bayaka – Kinder des Waldes

Madagaskar

Insel der Waldgeister

Tropisches Zuhause

Der Tränentrinker

Das große Fressen

Extreme Bedingungen – extreme Anpassungen

Der Pollenträger

Mikea – Überlebenskünstler des Waldes

Mythos Amazonien

Schatzkammer der Artenvielfalt

Rote Glatzköpfe

Fliegende Edelsteine

Tödliche Eleganz

Matsés – Wächter des Waldes

Malaiisher Archipel und Papua

Waldwesen, Kobolde, Paradiestänzer

Waldmenschen & Co.

Das Schlammloch

Waldtänzer

Vom Meer ins Gebirge

Sakkudei – Schamanen des Waldes

Ausblick

Projekte der Hoffnung

Danksagung

Impressum

Mandrillweibchen mit ihrem Nachwuchs. Im dichten Regenwald scheint die Kommunikation über Laute wesentlich für den Zusammenhalt und die Koordination der Gruppe.

Vorwort

Willkommen in deiner wunderbaren, geheimnisvollen und lebensbejahenden Heimat: dem Planeten Erde.

Der unerschrockene Mut und die Ausdauer von Roland Hilgartner brachten ihn an Orte, die gewöhnliche Menschen wie wir niemals besuchen könnten. Wir lernen Menschen, Tiere, Pflanzen und Landschaften kennen, die uns Roland in Wort und Bild mit einer unglaublichen Liebe zum Detail und großer Hingabe vorstellt. Er nimmt uns mit auf seine Expeditionen, in denen er die Urwaldflüsse hinaufpaddelt, sich über schlammige Regenwaldpisten kämpft und auf schwierigem Terrain über rutschige Baumstämme balanciert. Das Ergebnis sind seltene Einblicke in die verstecktesten Winkel unseres Planeten.

Ich weiß, wie anstrengend diese Expeditionen sein können, denn es gab Jahre, in denen ich selbst den gefährdeten Bonobos im Kolkolopori-Schutzgebiet im afrikanischen Regenwald gefolgt bin. Die Gefahren sind groß, aber man wird mit Außergewöhnlichem belohnt. Durch die Bereitschaft, an Orte zu gehen, an denen nur Wenige aus der westlichen Welt jemals waren, gibt uns Roland einen faszinierenden Einblick in das Leben seltener und wunderschöner Tier- und Pflanzenarten. Mit brillanten Fotos und seinen fesselnden, sehr persönlichen Erzählungen enthüllt er für uns das Werk der Evolution in dieser magischen Welt. Er bringt uns wieder zurück an unsere Wurzeln, in die Natur mit ihrer ganzen Vielfalt, und dies in einer Zeit, in der viele von uns den Bezug zur Natur schon verloren haben.

Rolands Erfahrungen machen aber auch bewusst, dass vieles in unserer Welt aus den Fugen geraten ist. Klimawandel, kommerzielle Abholzung der Wälder, illegale Jagd und Raubbau an Bodenschätzen führen dazu, dass unzählige Arten und ganze Lebensräume für immer verschwinden. Auch diese Aspekte benennt er in seinem Buch. Was wir nicht sehen, können wir auch nicht ansprechen. Und was wir nicht ansprechen, wird durch unsere Untätigkeit zum verheerenden Schicksal unseres Planeten.

Mögen wir durch das Geschenk von Rolands Bildern und seinen Geschichten aus erster Hand erfahren, wie heilig das Leben auf unserer Erde ist. Und mag jeder auf seine eigene kraftvolle Weise Verantwortung übernehmen, dieses Leben zu respektieren und zu schützen.

Ashley Judd, im Juni 2022

Ashley Judd ist eine US-amerikanische Schauspielerin, die u. a. in Rollen für »Raumschiff Enterprise«, die TV-Serie »Mission« und die John-Grisham-Buchverfilmung »Die Jury« vor der Kamera stand und mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde. Als UNO-Botschafterin unterstützt sie viele gemeinnützige Organisationen, darunter die Bonobo Conservation Initiative.

Im Großteil des Kongobeckens der Demokratischen Republik Kongo ist der Einbaum oftmals das einzige Fortbewegungsmittel. Diese Familie kehrt gerade von ihrem temporären Fischercamp zurück.

Der Wildnis auf der Spur

Noch heute erzählt mir meine Mutter davon, wie ich als Dreijähriger die Hosentaschen voller Schnecken hatte. Fasziniert von der schleimigen Vielfalt in unserem Garten wollte ich wohl einige der roten und schwarzen Exemplare in meinem Kinderzimmer studieren. Meine Mutter, wenig begeistert von meiner Idee, entsorgte sowohl die Hose als auch die Schnecken. Dieser »Rückschlag« hielt mich in den folgenden Jahren jedoch nicht davon ab, meine Begeisterung für die Natur und deren Vielfalt zu vertiefen. Fünfzehn Jahre später mit Abitur in der Tasche und mit genügend Geld, das ich mir in den Ferien erarbeitet hatte, stand ich dann zum ersten Mal in einem tropischen Regenwald im Norden von Sumatra, umgeben von unbekannten Geräuschen, bizarren Gerüchen und einer Vielfalt an für mich neuartigen Lebensformen. Trotzdem fühlte ich mich angekommen. Es war für mich nicht die »grüne Hölle«, wie der Regenwald häufig reißerisch genannt wird, sondern der Wald war eine große Spielwiese für meine Neugier, für meine Naturbegeisterung, die mich fortan nicht mehr aus ihrem Bann ließ und mich bis heute als Biologe, Forscher und begeisterter Naturfotograf begleitet.

Meine Faszination für die Tropen führte mich in die entlegensten Gebiete der Erde. Auf der Suche nach Pfeilgiftfröschen bereiste ich den Oberlauf des Amazonas in Peru, wanderte durch isolierte Täler Neuguineas, um die Balz der Paradiesvögel zu fotografieren, ich studierte zwei Jahre das nächtliche Leben einer wenig erforschten Lemurenart auf Madagaskar und entdeckte dort einen tränentrinkenden Falter. Ein Buschflieger brachte mich in das Herz Afrikas, um mit den Bonobos – unseren nächsten Verwandten – durch den Wald zu streifen. Ich schlug mich von Yaoundé in Kamerun bis zur Zentralafrikanischen Republik durch, auf der Suche nach Waldelefanten und Flachlandgorillas. Unzählige weitere Reisen nach Brasilien, Vietnam, Gabun, Indonesien, Malaysia folgten. Immer mit dem Ziel, die Vielfalt und Einmaligkeit der Tropenwälder und deren Bewohner zu dokumentieren und Neues zu entdecken.

Das Geheimnis der Tränentrinker zeigt diese Vielfalt, wie ich sie in den letzten mehr als 25 Jahren erleben durfte. Von Jahr zu Jahr wurde es jedoch immer schwieriger, abgelegene unberührte Waldgebiete zu finden. Mir wurde bewusst, dass meine Expeditionen und Fotografien vergangene Zeiten dokumentieren. Der Tieflandregenwald in Sumatra, wo ich 1996 mein erstes Regenwalderlebnis hatte, ist mittlerweile verschwunden – gewichen einer Palmölplantage. Ebenso die Orang-Utans, die ich dort beobachten konnte. Viele der Wälder, in denen die Bilder für dieses Buch entstanden sind, gibt es so nicht mehr, und auch ein Großteil der Tierarten, die in diesem Buch erwähnt sind, werden voraussichtlich bald verschwunden sein. Sie sind unwiederbringlich verloren, geopfert der heiligen Kuh des Wirtschaftswachstums, unserem Hunger nach Rohstoffen, dem Streben nach Wohlstand. Wir erleben gerade eine Zeit, in der wir Menschen ein Artensterben mitverantworten, nicht zuletzt durch die Folgen des Klimawandels. Riesige Amazonasgebiete werden für die Agrarindustrie brandgerodet, Indonesiens Flüsse ersticken in Plastikmüll, Südostasiens Wälder werden durch Palmölplantagen ersetzt, und der Abbau seltener Erden und Rohstoffe im Kongo vernichtet die letzten Rückzugsgebiete von Gorillas und Bonobos.

Entlang der Seitentäler des Poronai-Flusses in West Papua erstrecken sich noch intakte Regenwälder vom Tiefland bis hin zu den Nebelwäldern auf über 3500 Metern (Gebirgsstock im Bildhintergrund).

Dieses Buch wird sicher nicht dazu beitragen, diese Entwicklungen zu stoppen oder gar umzukehren. Aber dieses Buch wird mindestens zu einem Zeitdokument über eine tropische Wildnis, wie sie vor wenigen Jahrzehnten einmal war! Und es wird vielleicht dazu beitragen, dass wir von nachfolgenden Generationen unangenehme Fragen gestellt bekommen. Wenn das Buch dazu führt, dass Sie sich selbst schon hinterfragen, dann würde es mich freuen, denn dann geht es Ihnen so wie mir.

Addiere ich sämtliche Tage, die ich in den unterschiedlichen tropischen Regenwäldern der Erde verbracht habe, so komme ich aktuell auf mehr als 1800 Tage – also ganze fünf Jahre! Das ist eine lange Zeit. Aber wer einen Wald und seine Bewohner richtig kennenlernen möchte, der muss dort viel Zeit verbringen und vor allem geduldig sein. Dies war für mich auch der Schlüssel für eine Vielzahl der sehr exklusiven Fotografien, die in diesem Buch zu sehen sind.

Mehr und mehr Regenwaldgebiete werden gerodet und durch Palmölplantagen ersetzt. Wenige Jahre zuvor stand hier noch ein dichter Tieflandregenwald.

Das Kongobecken

Im Reich der grauen Riesen

Mitten in Afrika befindet sich das zweitgrößte Regenwaldgebiet der Erde, das auch als grünes Herz Afrikas bezeichnet wird. Mit einer Fläche von 1,8 Millionen Quadratkilometer erstreckt sich das Kongo-Oougue-Bassin, eher bekannt als Kongobecken über ganz Zentralafrika von Kamerun, Äquatorialguinea über Gabun, die Zentralafrikanische Republik, Kongo-Brazzaville bis an die Ostgrenzen der Demokratischen Republik Kongo. An den Tieflandregenwald des Kongobeckens schließen sich die Bergregenwälder der ostafrikanischen Länder Uganda, Ruanda und Burundi an. Mit seinen Ausläufern erreicht der Wald des Kongobeckens eine Fläche, die mehr als fünfmal so groß ist wie Deutschland. Charakteristisch für das Kongobecken ist eine Vielzahl an Vegetationstypen wie Küstenregenwälder, Tieflandregenwälder Bergregenwälder und Sumpfgebiete, auch wenn die Artenvielfalt im Vergleich zu den südamerikanischen und asiatischen Regenwäldern geringer ist.

Kein anderer Regenwald hat eine größere Biomasse und Dichte an großen Bäumen. Aber nicht nur die Bäume sind groß, sondern auch einige der Waldbewohner sind Riesen. Die größten sind die Waldelefanten, die »grauen Riesen Afrikas«, die trotz ihrer stattlichen Größe ein verborgenes Leben im Schatten der zentralafrikanischen Regenwälder führen. Zusammen mit den Waldbüffeln sind sie die gewichtigsten Bewohner der Regenwälder Afrikas. Den Lebensraum teilen sich Waldelefanten und Waldbüffel mit weiteren Großsäugern, darunter den scheuen Okapis (Waldgiraffe), Bongos und Riesenwaldschweinen. Perfekt an das Spiel von Licht und Schatten angepasst, durchstreift der Leopard in der untersten Etage des Regenwaldes sein Heimgebiet auf der Suche nach Beute. Die Konturen verschwimmen, und trotz der stattlichen Größe des Jägers, ist er im Dickicht kaum auszumachen. Etwas auffälliger hingegen ist seine Beute, die Rotten der Pinselohrschweine, die sowohl den Wald als auch Lichtungen nach Fressbarem durchpflügen. Die heimlichen Stars der Zentralafrikanischen Wälder sind jedoch unsere nächsten Verwandten, die Gorillas, Schimpansen und Bonobos. Bonobos leben exklusiv südlich des Kongoflusses, während sich Gorillas und Schimpansen den Regenwald nördlich davon teilen.

Die berühmte Dzanga Baie ist eine Waldlichtung im Süden der Zentralafrikanischen Republik. Sie wird auch als Heimatdorf der Waldelefanten bezeichnet.

Heiliger Gral der Primaten

In Afrika haben wir zwei Cousins. Einer davon ist gut bekannt, und es gibt eine Vielzahl an Studien, Aufnahmen und auch Möglichkeiten, ihn in freier Wildbahn zu sehen. Auch wenn es um die Evolution des Menschen geht, ist häufig von ihm die Rede. Jeder kennt unseren nächsten Verwandten – den Schimpansen. Im Gegensatz dazu ist unser südlich des Kongoflusses lebender Familienangehöriger eher ein Mysterium. Obwohl auch er einer unserer nächsten Verwandten ist, kennt ihn kaum jemand. Tatsächlich wurde der Bonobo erst in einem belgischen Museum von Ernst Schwarz entdeckt. 1929 stellte der deutsche Anatom beim Untersuchen der als Schimpansen deklarierten Skelette fest, dass es handfeste anatomische Unterschiede innerhalb der Skelettsammlung gibt. Bonobos sind etwas zierlicher und haben längere Extremitäten, das heißt Arme und Beine, als Schimpansen. Auch das Verhalten der Bonobos unterscheidet sich deutlich von dem ihrer nördlichen Nachbarn. Das fand man jedoch erst Jahre nach der Erstbeschreibung der Bonobos heraus, was wohl vor allem an der sehr bewegten Geschichte ihres Herkunftslandes, des Kongos, liegt.

Bonobos leben ausschließlich in der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Es gibt sie nirgendwo anders, sie sind also endemisch für den Kongo. Das ist auch sicherlich einer der Hauptgründe, warum über die Bonobos bis zum heutigen Tage weitaus weniger bekannt ist als über Schimpansen. Die Historie des Kongos liefert hierfür eine traurige Erklärung. Seit Jahrzehnten werden im Kongo blutige Kriege geführt. Rebellengruppen und Warlords kämpfen in den kaum zugänglichen Gebieten des Kongobeckens um wertvolle Bodenschätze und das begehrte Elfenbein. Aber auch Epidemien und tödliche Krankheiten wie Ebola oder das Marburg-Fieber machen ein Forschungsvorhaben zu einem bestenfalls abenteuerlichen Vorhaben.

Nach der Erstbeschreibung der Bonobos Anfang des 19. Jahrhunderts dauerte es deshalb noch fast ein halbes Jahrhundert, bis die ersten Forscher das Verhalten wilder Bonobos studierten. Die erste Forschungsstation wurde von dem Japaner Takayoshi Kano 1973 in Womba in der Provinz Tsuhapa gegründet. Er beobachtete eine Gruppe wilder Bonobos, die er nahe einem Dorf mit Zuckerrohr angefüttert und vertraut gemacht hatte. Erstaunt stellte er fest, dass nicht die Männchen, sondern die Weibchen die obersten Ränge innehaben und somit in der Hierarchie über den Männchen stehen. Bei den Bonobos haben sozusagen die Weibchen die Hosen an. Weitaus bekannter als die weibliche Dominanz ist jedoch das außergewöhnliche Sexualverhalten. So ist fast immer die erste Assoziation, die Bonobos bei einem Laien auslösen, ungenierter Sex – jeder mit jedem. Kano beobachtete, dass Bonobos oftmals ihre Konflikte durch Sex lösen. Auch in Zoos treibt das freizügige Verhalten der Bonobos nicht selten den Besuchern die Schamesröte ins Gesicht.

In der Hippiezeit der 1960er- und 1970er-Jahre war für unsere nächsten Verwandten deshalb schnell ein Label gefunden: »Peace and Love« und »Make Love not War«. Bonobos wurden in der Öffentlichkeit als gleichberechtigte Pazifisten beschrieben, und dieses romantisierte Bild wird bis heute mit Bonobos in Verbindung gebracht. »Sind das nicht die Affen, die dauernd Sex haben?«, war auch bei meinen Freunden der erste Gedanke über unsere nächsten Verwandten, als ich ihnen von meinem Vorhaben erzählte, wilde Bonobos in der Demokratischen Republik Kongo zu fotografieren. Dieses Image gibt jedoch bestenfalls nur einen kleinen Teil des Verhaltens wild lebender Bonobos wieder. Ich freute mich deshalb auf die einmalige Chance, meinen Verhaltensforscherkollegen Martin Surbeck auf einer Forschungsreise in die Heimat der wilden Bonobos zu begleiten, um mir selbst einen Eindruck über die geheimnisvollen Waldbewohner machen zu können.

Bonobos zählen zu unseren nächsten Verwandten und leben ausschließlich südlich des Kongoflusses in der Demokratischen Republik Kongo.

Martin Surbeck ist ein ausgewiesener Experte, wenn es um wild lebende Bonobos geht. Sie waren auch schon Thema seiner Doktorarbeit, während der er sich unter herausfordernden Bedingungen im Freiland, insbesondere für die Fortpflanzungsstrategien der haarigen Gesellen und Gesellinnen interessierte. Tatsächlich gibt es nur wenige Menschen, die Bonobos jemals in der freien Natur beobachten konnten. Auch unter Primatologen, wie man Affenforscher im Fachjargon nennt, gibt es nur eine Handvoll, die bisher dieses Privileg hatten. Ironisch betrachtet könnte man auch sagen: Es gibt nur wenige, die so verrückt sind und die ganzen Strapazen und das Risiko auf sich nehmen, diese seltenen Menschenaffen im kongolesischen Urwald zu beobachten und zu untersuchen. Mit großer Freude zähle auch ich nun zu diesen Verrückten.

Im Winter 2018 ging es gemeinsam mit Martin auf einen abenteuerlichen Trip tief in den kongolesischen Urwald. Mein Traum, wild lebende Bonobos in ihrem Lebensraum zu beobachten und zu fotografieren, wurde wahr. Martin leitet seit 2015 die Lonoa-Forschungsstation, die sich in einer der nördlichen Provinzen der Demokratischen Republik Kongo befindet. Der kongolesische Staat hat dort in Kooperation mit der Bonobo Conservation Initiative ein Schutzgebiet für Bonobos eingerichtet: das Kolkolopori Reservat. Ein sehr wichtiger Schritt, denn Bonobos sind trotz internationaler Schutzbedingungen insbesondere durch Jagd und Wilderei stark gefährdet. Schätzungen gehen gerade mal von noch 20 000 Individuen unserer nächsten Verwandten aus. Das Kolkolopori-Schutzgebiet ist einer der letzten Rückzugsgebiete der Bonobos. Da die Einheimischen Bondango People ein traditionelles Jagdtabu haben, das es ihnen verbietet, ihre nächsten Verwandten zu jagen und zu essen, sind in den Wäldern entlang des Lonoa-Flusses die Bonobos noch zahlreich anzutreffen.

Der Kolkolopori-Wald befindet sich in einem der am abgelegensten Gebiete, die man als Affenforscher bereisen kann. Entsprechend aufwendig, kostspielig und risikoreich gestaltet sich die Anreise. Schon der Auftakt kurz nach Ankunft in der Hauptstadt Kinshasa war alles andere als problemlos. Da der amtierende Präsident Joseph Kabila schon zum dritten Mal die anstehenden Wahlen verschieben wollte, wohl aus Sorge, die Wahl zu verlieren, kam es in einigen Vierteln der Hauptstadt zu gewalttätigen Ausschreitungen mit Toten und Verletzten. Für uns hieß dies, die Zeit in Kinshasa so kurz wie möglich zu halten und schnell mit einem Charterflieger weiter in den Urwald zu fliegen. Nach vier Stunden Flug über scheinbar endlosen Regenwald landeten wir in Djolu. Dort befindet sich inmitten des Dschungels, neben ein paar Hütten, eine kleine holprige Graslandepiste. Nach einer Nacht in einer traditionellen, mit Palmenblättern gedeckten Lehmhütte ging es dann auf klapprigen Motorrädern der Marke Noname Bastelei, auf engen rutschigen Dschungelpfaden weiter bis in das Stammesgebiet der Bondango. Diese Ethnie lebte früher als Jäger und Sammler von dem, was der Regenwald so hergibt. Mittlerweile sind die Bondango sesshaft und betreiben kleinräumige Landwirtschaft. Sie gehen aber auch weiterhin zum Jagen und Fischen in den Wald, was einen wichtigen Bestandteil ihres täglichen Lebens ausmacht. So decken sie ihren Proteinbedarf.

Forschungsstation Lonoa aus der Vogelperspektive. Das Forschercamp liegt tief im kongolesischen Dschungel im Heimatgebiet der Bonobos.

Die Fahrt mit dem Motorrad zählte sicherlich zum Gefährlichsten, was ich jemals in meinen Leben gemacht habe: engste glitschige Dschungelpfade, Buschschweine, die ohne Vorwarnung die Piste queren, Baumstämme, die in unübersichtlichen Kurven im Weg liegen, und tropische Gewitterschauer, die die Pfade in kleine Bäche verwandeln und einen zu Zwangspausen nötigen. Einen ungeplanten Zwischenstopp mussten wir auch in einem der wenigen Dörfer entlang des Wegs einlegen. Eine Straßenbarrikade verhinderte die Weiterfahrt. Mit Macheten bewaffnet forderte ein aufgebrachter Dorfmob von uns Wegzoll. Nach kurzer Verhandlung und einigen kongolesischen Francs weniger ging es dann mit dem Wohlwollen der Machetenschwinger weiter. Später erfuhr ich von Martin, dass es nicht unüblich ist, dass die Dorfgemeinschaft für den Unterhalt der Piste Geld von den Reisenden einkassiert. Eine Art Mautsystem auf kongolesisch. Preis: abhängig vom Verhandlungsgeschick.

Anreise zum Forschercamp mit dem Buschflieger.

Martin Surbeck überprüft den Zustand der Waldpiste.

Die gesamte Ausrüstung muss mühsam zu Fuß zur Station gebracht werden.

Die Bindung zwischen Mutter und Sohn ist bei Bonobos sehr eng. Sie spielt auch eine wichtige Rolle für den späteren Fortpflanzungserfolg des Sohnes innerhalb der Gruppe.

Mit großer Erleichterung erreichten wir am späten Nachmittag das Dorf Yetee. Hier wurden wir vom Dorfoberhaupt und auch vom Stammesoberhaupt begrüßt. Es handelte sich dabei zu meiner Überraschung um unterschiedliche Personen. Mir wurde erklärt, dass das Dorfoberhaupt gewählt ist und sozusagen als Vertreter des Staates fungiert, wohingegen die Funktion des Stammesoberhaupts innerhalb der Verwandtschaftslinie weitergegeben beziehungsweise bestimmt wird – es praktisch eine Dynastie gibt. Nach den Begrüßungsformalitäten, bei denen auch reichlich gewöhnungsbedürftiger Zuckerrohrschnaps getrunken wurde, war es dann am nächsten Tag endlich so weit. Zu Fuß ging es verkatert weiter in die Forschungsstation Lonoa. Mit viel Gepäck auf den Schultern erreichten wir nach drei Stunden das Ziel unserer langen Anreise – das Forschercamp Lonoa.

Wenn man bedenkt, dass sämtliches Material im Camp die gleiche lange beschwerliche Reise hinter sich hat wie Martin und ich, so ist das Camp äußerst gut ausgerüstet. Dutzende Solarpanels für die Stromversorgung, Satellitentelefon und eine große Antenne, mit der man sogar kurze Textmails in die Außenwelt verschicken und empfangen kann, stehen zur Verfügung. Außerdem gibt es eine Vielzahl an Stirnlampen, GPS-Geräten und einfaches Labormaterial für die Probensammlung wie zum Beispiel Kot oder Urinproben der Bonobos. Alles an technischem Material ist regensicher in einer Lehmhütte untergebracht. Geschlafen wird jeweils im eigenen kleinen Zelt, und gekocht wird an einer offenen Feuerstelle, die durch ein Dach aus Palmenblättern geschützt ist. Luxuriös ist jedoch das Bad der Forschungsstation. Es befindet sich etwa 150 Meter abseits des Camps und ist zu Fuß erreichbar – ein glasklarer Urwaldbach, mit herrlich weißem sandigem Bachbett. Nach den langen Tagen im Regenwald war ein Bad im Bach immer ein Highlight des Tages. Sich mitten im kongolesischen Urwald in einen Bach zu legen und nach einem anstrengenden Tag ein reinigendes und erfrischendes Bad zu nehmen und dabei zuzusehen, wie große farbenprächtige Schmetterlinge am Ufer mit den metallisch glänzenden Nektarvögeln um den Nektar der Blüten konkurrieren. Unvergesslich dabei auch die Geräuschkulisse, verursacht durch die unzähligen Zikaden, die die schnell kommende Nacht ankündigen.

Das Team um Martin hat es geschafft, in jahrelanger, mühsamer Arbeit zwei Bonobo-Gruppen, oder besser gesagt Gemeinschaften, zu habituieren. Das bedeutet, dass man die Tiere behutsam an sich gewöhnt, sodass sie nicht mehr auf die Anwesenheit der Forscher mit Flucht oder Verhaltensänderungen reagieren. Das ist der einzige Weg, um aus nächster Nähe das natürliche Verhalten der Affen zu studieren. Der Forscheralltag beginnt meist sehr früh am Morgen zwischen drei und vier Uhr, denn die Schlafbäume der Bonobos liegen oft mehrere Kilometer vom Camp entfernt. Man weiß, wo sie übernachten, weil man sich am Abend zuvor dort von ihnen verabschiedet hatte. Ein Fußmarsch von ein oder sogar mehreren Stunden durch die Nacht ist deshalb der normale Auftakt eines jeden Beobachtungstages, um rechtzeitig bei den Schlafplätzen zu sein, noch bevor die Tiere sich auf den Weg machen. Zu spät kommen wird gnadenlos bestraft und kann bedeuten, dass man tagelang nach den Bonobos suchen muss, denn ihr Streifgebiet umfasst mehrere Quadratkilometer, und die Schlafplätze liegen oft weit auseinander. Gegen sechs Uhr, in der morgendlichen Dämmerung, verlassen die ersten Bonobos ihre aus Blättern gemachten Schlafnester in den Baumkronen. Einige Langschläfer lassen sich aber auch etwas mehr Zeit.

Treffen benachbarter Bonobo-Gemeinschaften sind meist von großer Toleranz geprägt. Sehr oft lässt sich gegenseitige Fellpflege zwischen den Gruppenmitgliedern beobachten.

Bonobos haben ein sogenanntes Fission-Fusion-System. Das bedeutet, die Gemeinschaft splittet sich am Morgen in mehrere kleine Grüppchen von wenigen Tieren auf und streift so auf der Suche nach Essbarem durch den Wald. Abends treffen sich dann alle wieder an einem gemeinsamen Schlafplatz. Begleitet man eine der Gruppen während der täglichen Futtersuche, so hört man immer wieder aus verschiedensten Richtungen, oft aus großer Entfernung, die hochfrequenten Laute anderer Gruppenmitglieder. Meist werden diese Vokalisationen auch erwidert. Ich vermute, dass es so tagsüber zu einer Art Koordination innerhalb der Gemeinschaft kommt oder zumindest die einzelnen Gruppen die anderen über ihren aktuellen Standort informieren. Wie genau die Koordination jedoch zwischen den einzeln umherstreifenden Grüppchen genau funktioniert, ist nur sehr schwer zu erfassen. Hier gibt es sicherlich noch einiges zu erforschen. Für mich war es aber jedes Mal faszinierend, wie sich am Abend alle Mitglieder der Gemeinschaft wie abgesprochen an einem neuen Schlafplatz trafen.

Bei den meisten gruppenlebenden Säugetieren sind es die Männchen, die ihre Geburtsgruppe verlassen und versuchen, sich einer neuen Gruppe anzuschließen. Dieses Abwandern führt dazu, das Risiko von Inzucht zu vermeiden. Für die abwandernden Männchen ist dies kein einfaches Unterfangen und nicht ohne Risiken. Von den schon anwesenden Männchen der neuen Gruppe werden sie meist als Konkurrenten angesehen, vor allem was Paarungen mit Weibchen angeht. Die Neuankömmlinge sind so oft Streitigkeiten und Aggressionen ausgesetzt, stehen in der Rangordnung der Gruppe meist weit unten und müssen sich mühsam in die neue Gruppe integrieren. Bonobos wie auch Schimpansen nehmen hier eine Sonderstellung ein. In der Regel verlassen nicht die Männchen, sondern die Weibchen die Geburtsgruppe, um in einer neuen Gemeinschaft ihre Heimat zu finden. Es scheint so, also ob bei Bonobos dieser Gruppenwechsel eher harmonisch und ohne großes Aufsehen und Aggression abläuft. Weibchen wandern nicht allzu weit ab und wechseln meist nur in benachbarte Gruppen. Dabei dürften ihnen die neuen Gruppenmitglieder durch vorangegangene, meist friedlich abgelaufene nachbarschaftliche Aufeinandertreffen nicht ganz unbekannt sein. Vielleicht sind diese friedlichen Kontakte zwischen den Gruppen auch einer der Hauptgründe für den ungewöhnlich entspannten Gruppenwechsel bei Bonobos.