Das Geheimnis des Omega - Shelby March - E-Book

Das Geheimnis des Omega E-Book

Shelby March

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Beschreibung

Sein Name - nur daran erinnert sich Lian noch, als er sich gejagt und gehetzt in einer abgelegenen Burg verkriecht. Die Bewohner des Gemäuers sind allem Anschein nach ausgeflogen, also wähnt Lian sich in Sicherheit - bis mit dem ersten Kälteeinbruch eine bunte Truppe in den Burghof weht und sich häuslich niederlässt. Hin- und hergerissen schwankt Lian zwischen Fliehen und Bleiben. Seine Entscheidung wird ihm abgenommen, als er trotz aller Vorsicht entdeckt wird - ausgerechnet von Syrell, dem engsten Vertrauten des Alphas, der das Burgrudel anführt. Und dessen Duft sich vom ersten Moment an in Lians Nase festkrallt. Lian würde so gern vertrauen. Dem Mann, der so sehr nach Gefährte riecht. Doch Lian ahnt, dass ein dunkles Geheimnis, verborgen im Vergessen, ihn in diese Burg geführt hat und dass er Syrell und seine Freunde ganz sicher in Gefahr bringen wird, wenn er bleibt.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Das Geheimnis des Omega

 

 

 

 

Shelby March

 

 

 

 

 

 

Die Wölfe von Alavenne II

Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27

 

Die Wölfe von Alavenne

Inhaltswarnungen

 

Inhaltswarnungen zu den Büchern von Shelby March und Tina Alba findest Du auf meiner Homepage: www.tina-alba.de.

Kapitel 1

 

Lian

 

Lian, lauf weg! Flieh!

Die Stimme seines Da gellte ihm in den Ohren, während er um sein Leben rannte. Blutgeruch und der Gestank verbrannter Haut füllte seine Nase, sein Herz zerriss wie spröder Leinenstoff mit jedem Schritt, den er weiter durch Unterholz flüchtete. Schmerz, Trauer, Furcht, Todesangst. Lian rannte, seine Pfoten berührten kaum den Boden. Wald unter den weichen Ballen, knisterndes Laub. Schreie, die sich in seinen Verstand gruben, gezackte, hässliche Linien in seine Erinnerung gravierten und die Lian nie wieder vergessen würde. Todesschreie. Sein Da starb, und er rannte, floh feige, während der Mann, der ihn geboren hatte, sein Leben gab, um das seines Sohnes zu retten. So wichtig kann ich nicht sein! Da, lass mich dir helfen! Da, ich liebe dich, ich liebe dich!

Lauf, mein Junge. Ich liebe dich mehr als mein Leben. Du bist der Letzte unserer Linie!

Ein verdammter Name! Was konnte so wichtig sein an einem Namen? Und wie sollte er die Linie weiterführen? Er war ein Omega! Lian hastete weiter, unter den Pfoten raschelndes, trockenes Laub, Gras, Steine, die ihm die Pfotenballen aufrissen, Wasser, eisig kalt. Es würde seine Spuren verwischen, Wasser war gut. Lian trabte durch das klare, kalte Nass, fort von den Schreien, fort von all dem Schmerz.

Vor dem Brennen in seiner linken Schulter konnte er nicht weglaufen, aber die aufspritzenden Wassertropfen kühlten die verbrannte Haut unter dem versengten Fell, und es tat gut.

Durfte er sich freuen über den nachlassenden Schmerz, während sein Da allein seinen letzten Kampf gegen sie kämpfte, die ihren Tod wollten? Lian hielt inne, keuchend, er hechelte, die Zunge hing ihm zum Hals heraus. Harsch rang er nach Atem. Blickte zurück in die Dunkelheit des Waldes, hinter der ihre Winterunterkunft lag. Wo sie sie gefunden hatten.

Lauf, Lian! Ich will, dass du lebst!

Lian presste die Lider zusammen, seine Augen brannten. Auch Wölfe konnten weinen. Ein Schrei gellte durch den Wald, zerriss die nur von den Geräuschen der Nacht durchbrochene Stille. Er ist tot, Weltenwolf, er ist tot! Da! Lian würgte, keuchte, hustete. Raffte zusammen, was an Kraft noch in ihm war, und rannte, fort von dem Schrei, obschon alles in ihm ihn dazu drängte zurückzulaufen, sich dem Bösen, der Gefahr zu stellen. Rache zu nehmen an denen, die den Mann getötet hatten, der Lian das Liebste in seinem Leben war.

Sein Da war tot. Der Mann, der ihn immer verstanden hatte, der nie versucht hatte, ihn zu etwas anderem zu machen als dem, der er war. Da, ich liebe dich. Ich danke dir. Ich werde dich nie vergessen, und ich schwöre beim Weltenwolf und bei meinem Leben, ich werde dich rächen!

Lian kauerte sich zusammen, als er das Tappen von Pfoten im Unterholz vernahm. Verdammt, sie waren ihm auf der Spur! Im Bachbett hetzte er weiter, hoffte, dass er ihnen entkommen konnte, wenn er zwischen den Ufern und dem fließenden Wasser wechselte, mal hier und mal dort lief. Er rannte, schlug Haken, fühlte den heißen Atem der Verfolger im Nacken. Glaubte, ihre höhnischen Stimmen zu hören, die ihm während der vergangenen Tage das Leben in einen Vorgeschmack auf die Unterwelt verwandelt hatten. Weltenwolf, lass mich schneller sein, lass mich ihnen entkommen, gib mir Kraft, zu überleben, Kraft, mich zu rächen!

Sie kamen näher. Schnaufen, Schnüffeln, und dann brach das Rudel aus dem Unterholz, fünf rabenschwarze Wölfe mit blutbefleckten Lefzen.

Lian schrie, als er das Blut seines Da an seinen Verfolgern wahrnahm. Panik erfüllte ihn, Todesangst verlieh seinen Pfoten Flügel.

Lauf, Lian, lauf, mein Junge, lauf um dein Leben!

Er würde diesen Ruf nie vergessen, auch nicht, was dann geschehen war. Fünf gegen einen. Fünf kräftige Betas gegen ihn, einen dürren Omega. Lian verharrte für die Dauer eines bebenden Atemzuges, ein Blick zurück über die brennende Schulter, der Geruch seines versengten Fells überdeckte nur für einen Moment den beißenden Gestank der Verfolger. Seine Beine zitterten. In seinem Herzen ballte sich Schmerz zu einer dunklen schwarzen Kugel zusammen. Er musste fliehen, er durfte nicht versuchen zu kämpfen, durfte nicht jetzt an Rache denken, denn dann würde er sterben, wie sein Da gestorben war. Zerrissen von Klauen und Zähnen der Feinde, bis nichts mehr von ihm übrig war als totes Fleisch und gebrochene Augen, ein Blick wie geborstenes Glas, stummes Flehen auf den stummen Lippen.

Lauf, mein Junge, lauf um dein Leben!

Lian heulte seine Wut, seinen Schmerz heraus, wirbelte erneut herum und rannte. Durch den Bach, dem Wasserlauf folgend, wieder ans Ufer, einen Weg entlang, den Ewigkeiten niemand mehr benutzt haben konnte. Er blickte nicht mehr zurück, konzentrierte sich auf die Kraft, die noch in ihm war, versuchte, seine Furcht auszublenden, den Schmerz in den Pfoten, das Stechen in den Lungen bei jedem Atemzug. Wie der Wind rannte er, als würde seines Vaters Geist ihn tragen, ihn in Schatten hüllen, damit seine Verfolger ihn nicht sahen. Seine Spur mit fremden Gerüchen überdecken, um die Nasen seiner Feinde zu narren.

Lian spürte, wie sein Geist sich von seinem Körper löste, wie er nur noch rannte, als sei er eine Maschine auf einem Jahrmarkt, die keine Erschöpfung und keinen Schmerz kannte. Tiefer in den Wald hinein, immer tiefer. Dieser Wald bot Schutz, warum auch immer, Lian wusste es tief in sich.

Er folgte zugewucherten Pfaden, folgte einem Geruch, der ihm vage vertraut erschien. Es war ein Duft, der Sicherheit verhieß. Dennoch blieb Lian wie versteinert stehen, als er aus dem Dickicht heraus auf eine Anhöhe mit einer Lichtung schlitterte, auf der sich wie ein Schemen im Dämmerlicht die Silhouette einer kleinen Burg erhob.

Kühn ragten die Bergfriede empor, ein buntes Banner flatterte auf der höchsten Turmspitze. Trutzige Mauern umgaben Hof und Wohngebäude, alles an diesem Anblick schien Lian zu rufen. Komm, komm zu mir, hier findest du Ruhe, ich werde dich beschützen. Komm, komm in meine Mauern, mein Kind, komm zu mir, kleiner Wolf, komm nach Hause!

Nach Hause? Lian hatte kein Zuhause mehr. Sein Da war seine Heimat gewesen, solange er denken konnte; er war sein Schirm und Schutz, sein Hort, sein Halt gewesen. Die Schulter, an der er hatte weinen können. Die weise Stimme, die ihn gelehrt, die geschickten Hände, die ihn in so vielen Dingen unterrichtet hatten. Wie sollten diese Steinmauern ihm jemals eine Heimat bieten können, nun, da sein Da fort war und in Lians Seele ein tiefschwarzer Abgrund gähnte?

Und doch, Lian lief auf das Gemäuer zu, auf diese trutzigen Steinwände, die Schutz versprachen. Er war so müde, so unendlich erschöpft, er wollte ausruhen, einen Augenblick nur, bevor er seine rasende Flucht fortsetzte, um einen Platz zu finden, an dem er wirklich ruhen und wachsen konnte, stark werden, um eines Tages Rache zu nehmen für seinen geliebten Da.

Lian blickte sich noch einmal um, vergewisserte sich, dass er die Feinde tatsächlich abgeschüttelt hatte, und eilte auf das Gebäude zu. Das Tor war geschlossen, aber irgendwo musste es doch einen Weg hinein geben für einen dürren kleinen Wolf. Lian erreichte die Mauer, hob witternd die Nase. Ein Gewirr fremder Düfte prasselte auf ihn ein, ließ ihn niesen und den Kopf schütteln. Geduckt folgte Lian der geschwungenen Linie der Mauer, die Nase am Boden, auf der Suche nach einem Loch, einer Ritze, nach irgendeinem Weg hinein. Er lief, scharrte, huschte weiter, und …

Unter seinen Pfoten brach der Boden fort, verwandelte sich in bröselnde Masse aus Erde und Steinen. Lian jaulte auf, als er stürzte, er krallte wild mit den Pfoten um sich, aber da war nichts, woran er sich halten konnte.

Die Welt um ihn herum verwandelte sich in wirbelndes Flirren, während er sich mit wild nach Halt suchenden Pfoten wieder und wieder überschlug. Mit einem Mal hörte die Welt zu existieren auf. Schmerz explodierte in Lians Schädel, als er heftig gegen etwas Hartes prallte. Für die Dauer eines Atemzuges umhüllte greller Funkenregen Lians Sinne. Und dann – nichts als Dunkelheit und Stille.

 

Etwas krachte mit konstanter Hartnäckigkeit auf seinen Kopf. Wieder und wieder, und mit jedem Aufprall raste rotglühender Schmerz durch Lians Schädel. Lian wollte aufjaulen, brachte aber nur ein kratziges Fiepen zustande. Versuchte, sich zusammenzurollen, weg von dem permanenten Klopfen, das nicht nur Schmerz, sondern auch Nässe und in die Knochen kriechende Kälte mit sich brachte. Ein Schauer rann über seinen Rücken, auf dem sich das Fell sträubte.

Wo bin ich? Lian zwang sich, die Augen zu öffnen, erkannte nichts als Finsternis und musste sich zwingen, ruhig zu bleiben und sich auf seine wölfischen Instinkte zu verlassen. Seine Nase, auf die ein wahres Orchester von Düften einstürmte. Lian schloss die Augen wieder, drückte sich an den kalten, feuchten Boden, lauschte und witterte. Erde, Wasser, ein modriger Geruch wie von einem viel zu lange verschlossenen und nicht gelüfteten Keller.

Vorsichtig bewegte er die Ohren, horchte auf das Platschen der Wassertropfen, die nun nicht mehr auf, sondern neben seinem Kopf landeten. Am Klang der Tropfen hörte Lian den Raum um sich herum. Wie Licht, so brach auch der Schall sich, veränderte sich, zeigte ihm, dass er sich in einer kleinen Kaverne befand, von der irgendwo ein Gang abzweigen musste.

Lian wusste, er konnte sich aufrichten, ohne irgendwo anzustoßen. Vorsichtig erhob er sich auf schmerzende Pfoten. Blutgeruch drang in seine Nase, sein eigenes Blut, getrocknet und wieder aufgeweicht vom tropfenden Wasser. Noch einmal witterte er. Frischluft mischte sich mit dem modrigen Kellerbrodem. Sie kam von irgendwo über ihm, strich wie ein Hauch über seinen feuchten Pelz. Lian bebte. Wo, beim Weltenwolf und allen Göttern, deren Namen ich nicht kenne, bin ich?Was ist passiert? Was mache ich hier? Warum bin ich hier? Wie bin ich hierhergekommen?

Die Fragen bildeten eine wirbelnde Spirale in Lians Gedanken. Panik krallte sich wie ein kleines schwarzes Tier in seinen Magen, als ihm klar wurde, dass er all das wirklich nicht in seinen Erinnerungen finden konnte, es tatsächlich nicht wusste. Nicht? Nicht mehr?

Lian atmete tief durch. So, wie sein Kopf schmerzte, musste er ihn sich irgendwo angeschlagen haben. Vielleicht ist das der Grund. Der Stoß. Vielleicht ist mir deswegen auch so übel. Die Erinnerungen kommen bestimmt zurück, wenn ich mich ausruhen kann. Doch was, wenn nicht? Lian versuchte, nach Fetzen seiner zerfaserten Erinnerung zu greifen und fand nichts als Schwärze, so finster wie die Dunkelheit, die ihn umgab.

Was hatte ihn an diesen seltsamen Ort gebracht? Wo war dieser Ort überhaupt? Und warum bei den Fangzähnen des Weltenwolfes bestand sein Körper aus nichts als Pein? Sogar sein Hals schmerzte.

Lian. Mein Name ist Lian. Ich bin Lian. Aber wer war Lian? Das kleine schwarze Paniktierchen krallte fester zu.

Wer bin ich? Was tue ich hier? Die Dunkelheit legte sich auf ihn und begann, ihn zu erdrücken. Lian jaulte, diesmal wirklich, kauerte sich zusammen und drückte die Nase auf die Vorderpfoten.

Wolf. Ich bin ein Wolf. Aber ich bin auch Lian. Sein Verstand klammerte sich an die wenigen Dinge, derer er sich sicher war. Mein Name ist Lian. Ich bin ein Wolf, und ich bin ein Mann. Ich bin ein Wandler. Er schnaufte. Wieder umspülten Düfte seine Nase wie fließendes Wasser. Über seinem Kopf zog noch immer der Hauch frischer Luft hinweg. Lian zwang sich auf die Pfoten, auch wenn die zerschundenen Ballen protestierten, sobald er ihnen sein Gewicht anvertraute. Er spürte den Lufthauch deutlich, konnte ihm folgen. Instinktiv ahnte er, dass er die Kaverne auf dem Weg, auf dem er hineingekommen war, nicht wieder nicht verlassen konnte, also vertraute er seiner Nase und seinen Ohren und ließ sich führen.

Mehrere Male stieß er auf Erde und Stein, doch dann, endlich, fand er den Durchschlupf, den er vermutet hatte, entdeckte tatsächlich einen Gang und folgte ihm. Spürte, wie der niedrige Korridor sich nach einer Weile über ihm weitete, wie die Wände von ihm abzurücken und die Decke sich zu wölben und zu heben schien. Mit der Weite wich die Beklemmung aus Lians Herz. Er hatte einen Weg gefunden, dunkel zwar, doch seine Nase führte ihn, bis er einen dünnen, silbrigen Lichtschein erkannte, der wie ein feiner Strahl in den Gang fiel. Unter seinen Pfoten hatte sich Erde zunächst in rauen Stein, dann in glatte Fliesen verwandelt, der Modergeruch wich frischerer Luft, die einen Hauch von Aromen von Rauch und Feldfrüchten mit sich brachte.

Lian spitzte die Ohren. Auf den Fliesen klang das Tappen seiner Pfoten so ganz anders als auf Erde und Fels. Geduckt näherte er sich dem Lichtschimmer und fand sich in einem kleinen, niedrigen Raum wieder. Das Licht entpuppte sich als Mondschimmer, der durch ein gewölbtes Kellerfenster mit zerbrochenen Scheiben fiel. Frische Nachtluft strömte herein und weckte Lians Lebensgeister. Er sammelte noch einmal seine Kräfte, sprang, landete mit scharrenden Pfoten auf dem Sims und schaffte es, sich durch das zerbrochene Fenster zu quetschen. Scharf ritzte das Glas seine Haut, doch der Schmerz war nur oberflächlich, nicht wichtig.

Bedeutung hatte in diesem Moment nur noch eines – Lian war frei, atmete klare, kühle Nachtluft, die ihm in den Pelz fuhr und ihn schaudern ließ. Er befand sich inmitten hoher Mauern aus grobem Stein, und über ihm wölbte sich dunkel und sternendurchdrungen der Himmel wie eine Kuppel voller Diamanten.

Zitternd drehte er sich um die eigene Achse, seine Blicke flogen, seine Ohren zuckten, als er versuchte, alle Geräusche der Nacht zugleich wahrzunehmen. Ein Käuzchen rief, kleine Tiere huschten durch raschelndes Laub. Heulte da in weiter, ewig weiter Ferne ein Wolf? Lian legte die Ohren zurück, richtete sie dann wieder auf, ließ sich auf die Hinterbacken fallen. Die dicken Mauern umgaben ihn wie ein schützender Wall. In jeder Himmelsrichtung erhob sich ein Turm, auf dem höchsten flatterte ein buntes Banner im Wind. Lang gestreckte Gebäude schmiegten sich an die Mauern, hier und da gähnten leere Fensterhöhlen in ihren Wänden. Der Duft von Heu und Stroh drang Lian in die Nase.

Lian folgte diesem nach einem weichen, warmen Nachtlager riechenden Hauch und fand den Zugang zu einem Gebäude, das Stallungen zu beherbergen schien. Über dem Heuduft schwebte der Geruch nach Pferd, irgendwo gackerte verschlafen ein Huhn.

Wie Blei legte sich die Erschöpfung auf Lians Glieder. Sein Instinkt sagte ihm, dass er hier sicher war, dass er hier ausruhen, schlafen konnte. Er wühlte sich in einen Haufen losen Strohs hinein, nieste, als Staub ihn in der Nase kitzelte. Er war so müde. So unendlich müde, dass er sogar das nagende Gefühl im Magen verdrängen konnte. Er musste schlafen, irgendwie dem Schmerz entkommen, der seinen Körper durchpochte. Wenn er ausgeruht war, konnte er sich um Nahrung kümmern. Sollte er sich das Huhn nicht nur eingebildet hatte, würde es ein hübsches Frühstück abgeben für einen hungrigen Wolf. Und falls er das Huhn nicht packen konnte, dann fand er bestimmt irgendwo ein paar Eier.

Lian wühlte sich ins Stroh und schlief schon, bevor sein Kopf auf seine Pfoten sank.

Kapitel 2

 

Lian

 

Sie waren hinter ihm, so nah, dass er ihren heißen Atem im Nacken spüren konnte. Lian hetzte durchs Dickicht, gellende Schreie in den Ohren und das hässliche Geräusch zuschnappender Kiefer, so dicht an seinen Hinterläufen, dass er fühlen konnte, wie seine Verfolger ihm Fellbüschel ausrissen. Lians Atem ging in schweren, harschen Zügen, jeder einzelne schmerzte in seinen Lungen. Seine Pfoten, seine Beine, sein ganzer Körper stand in Flammen, greller, blutroter Schmerz. Wenn sie ihn erwischten, war er tot, Lian wusste das ganz genau. Er musste weg, fliehen, er musste überleben, er hatte es doch versprochen!

Lian hetzte ins Unterholz, hoffte, die tief hängenden Äste und knorrigen Baumwurzeln würden seine mächtigen, schweren Verfolger mehr behindern als ihn, kleiner dürrer Wolf, der er war. Doch als hätte sich die Natur gegen ihn verschworen, schlangen sich Ranken um seine Pfoten, hoben sich ihm die Baumwurzeln entgegen, Äste und Blattwerk klatschten ihm ins Gesicht, auf die Nase, in die Augen. Lian stürzte, überschlug sich, mit wirbelnden Pfoten versuchte er, auf die Beine zu kommen.

Zu spät.

Sie waren um ihn herum, über ihm. Lian riss die Augen auf, schrie wie von Sinnen, als er die klaffenden Kiefer erblickte, stinkenden, heißen Atem spürte, Zähne, schneeweiß und lang und spitz wie Dolche, die sich in seine ungeschützte Kehle gruben. Lian fühlte nur noch Schmerz.

 

Lian erwachte mit einem Schrei, reißende Pein schoss durch seinen Körper, als er für den Bruchteil eines Herzschlags gefangen war zwischen Wolf und Mensch. Rote Schleier vernebelten seinen Blick, einen Moment lang nahm er die Farben um sich herum mit erschreckender Klarheit wahr, dann versank seine Umgebung in fahlen Grautönen, nur um kurz darauf wieder in kreischender Buntheit zu explodieren. Lian rollte sich auf die Seite, zog die Knie an die Brust, presste eine Hand an die Kehle. Er musste doch das Blut stillen, er dufte nicht sterben, er hatte doch versprochen zu leben! Lian wimmerte, kniff die Augen fest zu, sein Körper nichts als bebender Schmerz, erfüllt von eiskalter Todesangst. Warum war niemand da, um ihn festzuhalten? Warum tröstete ihn keiner? Wo war sein Rudel? Wo seine Familie? Das eigene Keuchen klang fremd in Lians Ohren, als seine Welt einen Wimpernschlag lang zu zerbrechen schien und er sich selbst am Boden liegen sah, zusammengekauert wie ein Welpe, wimmernd, die Wangen tränenverschmiert, die Augen fest zugekniffen.

Steh auf. Du musst leben. Steh auf!

Lian zuckte zusammen. Die Stimme hallte durch seinen geborstenen Verstand wie ein warmer Sommerwind. Immer noch zitternd öffnete er die Augen, tastete über seinen Hals und starrte ungläubig auf seine Fingerspitzen.

Weiße Haut, schmutzig von Erde und Staub, doch kein Blut, nicht ein Tropfen. Lian schluckte, spürte Kratzen im Hals, als hätte er die ganze Nacht geschrien. Der Duft von Stroh stieg ihm in die Nase, vermischt mit dem scharfen Geruch seines eigenen Angstschweißes. Die goldgelben Halme stachen in seine nackte Haut, leichter Windhauch streichelte seinen Rücken und ließ ihn schaudern. Er fror. In der Nacht hatte der Wolfspelz ihn gewärmt, jetzt war er ein Mann und fand nicht die Kraft, sich wieder zu wandeln.

Lian atmete tief durch und zwang sich, sich aufzurichten. Zitternd schlang er die Arme um den Oberkörper und blickte sich um. Ein Stall, Stroh und Heu. Er hatte offensichtlich in einem Unterstand für Pferde geschlafen, ihr warmer Duft hing in der Luft, alt, aber Lian nahm ihn dennoch wahr. Ein Stalltor gab es nicht, fast wirkte es, als könnten die Tiere, wenn sie denn hier wären, ein- und ausgehen, wie sie wollten. So wie die Hühner, die Lian aus den Augenwinkeln bemerkte. Sanft gackernd erschienen sie aus verschiedenen Ecken des Stalls, scharrten auf dem Boden, huschten hinaus, dem Sonnenlicht entgegen.

»Kalt«, murmelte Lian. Seine Stimme klang fremd in seinen Ohren. Er musste auf die Beine kommen. Wo ein Stall und Tiere waren, da mussten auch Menschen sein. Vielleicht konnte er unentdeckt an Kleidung kommen. Dazu wühlte nagender Hunger in Lians Magen, doch bei dem Gedanken an etwas zu essen schoss Lian bittere Galle in den Mund.

Er stöhnte auf, als dunkle Punkte vor seinen Augen zu tanzen begannen. Sein Magen hob sich, Lian konnte sich gerade noch zur Seite beugen, bevor er sich übergeben musste.

Es war nicht viel, was er von sich geben konnte, beinahe nur Galle, und er fühlte sich danach nur noch elender. Zu Übelkeit und Kopfschmerz gesellte sich Schwindel, und die nagende Angst nistete noch immer in seinen Eingeweiden. »Ich bin Lian«, murmelte er. »Mein Name ist Lian, und ich …« Ja, was? »Ich bin ein Mann. Ich bin ein Wolf. Wandler. Ich bin ein Wandler.« Warum beim Weltenwolf … »Ich glaube an den Weltenwolf. Er beschützt alle Wandler.« Kleine Dinge, an denen er sich festhalten konnte wie an dem Stützbalken, an dem er sich langsam hochzog.

Schwankend kam Lian auf die Füße. Mit geschlossenen Augen umklammerte er den Balken und atmete einige Male tief durch, bis der Aufruhr in seinem Magen sich gelegt hatte. Vorsichtig tastete er nach einer schmerzenden Stelle auf seinem linken Schulterblatt, die eklig brannte. Lian sog scharf die Luft ein, als seine Fingerspitzen wunde, nässende Haut fanden. »Verdammt!« Was ist passiert? Wo bin ich, und wie bin ich hergekommen? Er rieb sich den Hinterkopf, an dem sich eine nicht zu verachtende Beule geformt hatte. Ganz sicher die Quelle für Kopfschmerzen und rebellierenden Magen. Stöhnend öffnete er die Augen wieder und blinzelte in das Sonnenlicht, das durch die breite Öffnung in der Wand der Scheune fiel. Feiner Staub tanzte im Licht.

Draußen huschte eine getigerte Katze über den Hof und verschwand im Schatten einer Mauer. Lian lauschte. So, wie das Sonnenlicht in den Stall fiel, musste es bereits später Vormittag sein. Wenn hier Menschen lebten, müsste der Stall dann nicht vor Geschäftigkeit summen? Lian blickte sich um, nahm seine Umgebung genauer in Augenschein. Frisches Stroh und Heu, Hühnerdung die einzige Quelle frischer Tiergerüche. Bis auf die Hühner und die Katze schien hier nichts Lebendiges zu sein, und doch entdeckte Lian im hinteren Teil des Gebäudes mehrere große Kisten, eine geschlossene Holztür und auf einer der Kisten einen Stapel säuberlich zusammengefalteter, staubiger Pferdedecken.

Lian schaffte es, zu den Decken zu tappen, nahm eine und legte sie sich um die Schultern. Die raue Wolle kratzte auf seiner Haut, aber die Decke war besser als nichts. Vorsichtig prüfte er die Holztür, fand sie offen und riskierte einen Blick in den Raum dahinter – eine Sattelkammer, angefüllt mit Trensen und verschiedenen Sätteln, Satteldecken und Führstricken. Lian schob die Tür wieder zu, dann huschte er zur Toröffnung und spähte vorsichtig nach draußen.

Er blickte in einen fast quadratischen Hof, umgeben von vier lang gestreckten Gebäuden, von denen eines sein Stall war. Wo die Gebäude sich trafen, ragten dicke, zinnenbewehrte Türme auf. Einer von ihnen besaß ein Spitzdach, dort flatterte das Banner im Wind. Lian blinzelte, um ein Wappen zu erkennen, doch der Wind spielte so wild mit der Fahne, dass er nur Farben aufblitzen sah – Rot, Blau und schimmerndes Goldgelb.

In der Mitte des Hofs hatten die Bewohner der Burg einen Brunnen angelegt. Leise plätscherte Wasser aus einer erhöht angebrachten Schale in ein ovales Becken, das so groß war, dass ein ausgewachsener Mann sich darin würde ausstrecken können. Wasser! Lian blickte sich noch einmal suchend um und horchte, und als er wirklich kein Anzeichen von Leben bemerkte, wagte er sich aus seiner Deckung, huschte zum Brunnen und tauchte seine Hände in das klare Wasser. Es roch sauber und frisch, so einladend, dass Lian vorsichtig ein paar Schlucke trank, bevor er die Decke von seinen Schultern gleiten ließ und Wasser schöpfte, um sich zu waschen – das hatte er allem Anschein nach nämlich dringend nötig. Ein gräulicher Staubschleier lag auf seiner Haut, sein Spiegelbild im Wasser zeigte ihm ein schmutz- und tränenverschmiertes, bleiches Gesicht mit tiefliegenden Augen und hohlen Wangen. Ich sehe wie ein Gespenst aus. Sollten mich hier Leute finden, werden sie sicher schreiend weglaufen. Besser, als würden sie mich angreifen. Angreifen … was ist nur geschehen? Lian wand sich und versuchte, sich so zu drehen, dass er unter Verrenkungen das Spiegelbild seines oberen Rückens in der Wasseroberfläche erkennen konnte. »Scheiße, was …?« Lian verengte die Augen. Was auf seiner Schulter so brannte, war tatsächlich eine frische Brandwunde. Nicht besonders groß und nicht tief. In der Form eines lang gestreckten Feuer speienden Drachens. »Wo kommt das denn her?«

Sein Spiegelbild antwortete nicht, natürlich nicht. Aber der Anblick des Drachens sorgte dafür, dass das Gefühl von Panik umgehend zurückkehrte. Lian wirbelte so heftig herum, dass ihm erneut schwindlig wurde und er sich am Rand des Brunnenbeckens festhalten musste, um nicht zu stürzen. Der Drache machte ihm Angst. Dass er auf seinem Rücken prangte, gab ihm beinahe das Gefühl, von einem solchen Wesen verfolgt zu werden. »Verdammt, verdammt!« Lian hieb mit einer Faust auf den Brunnenrand und zwang sich zu atmen, einfach nur zu atmen. Mit bebenden Händen griff er nach der Pferdedecke und hüllte sich wieder hinein. Das sanfte Plätschern im Brunnen beruhigte ihn. Er hatte Wasser. Er würde nicht verdursten. Als Wolf konnte er die Hühner jagen. Vielleicht sogar in der Burg Vorräte finden.

Lian ließ den Blick über die Gebäudeteile der kleinen Festung schweifen, die wie Wohnanlagen aussahen. Einer der drei Komplexe blickte ihn aus leeren Fensterhöhlen an, die Mauern rissig, angekohlt und an vielen Stellen im beginnenden Verfall; überwuchert von wildem Wein und Efeuranken auch der Turm, der sich an diesen Trakt schmiegte. Am Fuß des Turms gähnte eine Türöffnung ohne Türblatt, dahinter ahnte Lian die Stufen einer Wendeltreppe. Die anderen beiden Wohngebäude wirkten gepflegter. Ihre Fenster verbargen sich hinter geschlossenen, dunkelblau gestrichenen Läden. Jemand hatte anscheinend das Mauerwerk sorgfältig von wuchernden Pflanzen befreit und mit hellem Putz versehen. Die Türen zum Haupthaus und dem Nebengebäude waren geschlossen, ebenso das Portal im Torhaus, das, wie Lian jetzt feststellte, den Stall in zwei Hälften teilte.

Nur die Geräusche des umliegenden Waldes drangen an Lians Ohren, und das Rauschen des Windes, der eine Ahnung nahenden Winters mit sich trug und bunte Blätter im Burghof einen wilden Reigen tanzen ließ. Die kleine Burg wirkte, als würde sie schlafen.

Lian spürte ein Lächeln an seinen Mundwinkeln zupfen bei dem Gedanken an eine schlafende Burg, die träge die letzten Herbstsonnenstrahlen in sich aufsog. Hier war niemand, dessen war Lian sich inzwischen sicher, dennoch wirkte die Feste nicht verlassen. Eher so, als würde sie auf etwas oder jemanden warten. Noch einmal sah Lian sich um, dann stand er entschlossen auf und trat auf den Turm mit dem offenen Eingang zu. Die einzelnen Gebäudeteile mussten irgendwie miteinander verbunden sein, also würde es eine Möglichkeit geben, in den bewohnbar gemachten Teil hineinzukommen.

Ein seltsames Gefühl, beinahe wie Vertrautheit, umhüllte Lian, als er in das Untergeschoss des Turmes trat. Er berührte die Mauer, warm von der Sonne. Drinnen war es dunkel und merklich kühler, die Luft leicht feucht, ein wenig roch sie nach dem Salpeter, der hier und da in feinen Kristallen aus dem Mauerwerk blühte.

Tatsächlich, eine Wendeltreppe mit ausgetretenen Stufen aus rohem Stein schraubte sich den Turm empor, und ein bogenförmiger Durchgang führte in den überwucherten, schäbigen, ganz sicher leer stehenden Trakt hinein. In der Hoffnung, nicht von irgendwelchen Teilen des ganz sicher baufälligen Gemäuers erschlagen zu werden, blickte Lian in das Gebäude hinein – und blieb überrascht stehen.

Der Gebäudeteil hatte kein Dach mehr, nur das Gebälk war noch da. Und dennoch wirkte er innen weder vernachlässigt noch baufällig. Im Gegenteil. Lian hielt den Atem an und blinzelte, als die Schönheit dieses Ortes ihn mit voller Wucht ins Herz traf. Baumkronen wölbten sich über der Halle, Sonnenlicht ließ die herbstfarbenen Blätter leuchten wie das Mosaik auf dem Boden, das aus abertausenden bunten Glassteinchen zusammengesetzt schien. Wirbelnde Farben, Schillern und Glitzern wie die Schuppen eines Fisches. Vom Dachgebälk herab hingen Efeuranken in die Halle herab und gaben ihr den Anschein eines Feenpalastes voller Grün, Farben und Licht.

»Weltenwolf, das ist wunderschön!« Lian wagte kaum, den wundervollen Boden zu betreten. Was geschah, wenn es schneite, regnete? Erst nach einigen Schritten fielen Lian die ausgeklügelten Vorrichtungen auf, die Regen- oder Schmelzwasser zu den Seitenwänden der Halle ab- und dann nach draußen leiteten. Hölzerne Bänke, in Rot, Blau und Goldgelb gestrichen, säumten die Hallenwände, in der Mitte befand sich eine gemauerte Feuerstelle, um die herum unter gewachsten Zeltbahnen mehrere Bündel Feuerholz aufgeschichtet lagen. Wie erschlagen ließ Lian den Blick durch diese Halle wandern. Welchem Zweck dient dieser Ort? Was tun die Bewohner hier? Sommerbälle feiern? Sonnenwendfeuer entzünden? Vor Lians geistigem Auge formten sich Bilder – hell leuchtende Flammen, Männer, die zu Trommel- und Flötenklängen um das Feuer tanzten, dampfende Kessel mit heißer Suppe und Würzwein, Winterdüfte in der Luft. Im Schein des Feuers schien der Mosaikboden von innen heraus zu leuchten, wie verzaubert. Lian blinzelte und schüttelte den Kopf. Er presste die Hand auf den Bauch, als sein Magen vernehmlich zu knurren begann. Ich sollte wirklich sehen, dass ich etwas zu essen finde. Wenn diese Burg auf ihre Bewohner wartet, dann gibt es hoffentlich irgendwo einen gefüllten Vorratskeller.

Lian spürte, wie es ihn beruhigte, sich erst einmal auf einfache Dinge zu konzentrieren. Sich umzuschauen, sich vorsichtig ein Bild von diesem Ort zu machen, der ihm fremd war und sich doch so vertraut und sicher anfühlte, sich darum zu kümmern, etwas zu essen und etwas zum Anziehen zu finden, das lenkte ihn von der Horde bohrender Fragen ab, sie sich in seinem Geist wie eine Schlange in den Schwanz bissen.

Immer noch staunend und mit einem Gefühl von Ehrfurcht durchquerte er diese wunderbare Halle, mit jedem Schritt glaubte er mehr, den Thronsaal eines Elfenprinzen zu durchschreiten. Herbstlaub raschelte unter seinen Füßen. Er zog die Pferdedecke enger um die Schultern und atmete erleichtert auf, als er den Durchgang zum dem Eingang gegenüberliegenden Turm offen vorfand.

Lian betrat den Turm, in dem sich ebenfalls eine Treppe in höhere Stockwerke schraubte. Unter Stroh, das auf dem Boden ausgebreitet lag, fand er eine Klappe im Boden, eine Holztür führte, wie es aussah, in den nächsten Gebäudeflügel – und natürlich war sie verschlossen. »Verdammt!« Lian ballte die Hände zu Fäusten. Selbstverständlich ließen die abwesenden Bewohner ihr Haus nicht offen stehen für jeden dahergelaufenen Wanderer. Lian nahm die versperrte Tür als deutliches Zeichen, dass dieser Ort hier jemandem gehörte, dennoch hätte er am liebsten frustriert gegen die Tür gehämmert.

Er war so müde, fror so erbärmlich, und sein Magen fühlte sich inzwischen an, als wollte er sich vor lauter Hunger selbst auffressen. Mit einem leisen Stöhnen lehnte Lian sich an die Tür und schloss für einen Moment die Augen. Nach einer Weile beugte er sich vor und zog ohne viel Hoffnung am Ring der Falltür. Sie bewegte sich, ließ sich einen Spalt weit öffnen. Etwas klirrte leise und ließ Lian innehalten. Vorsichtig tastete er mit einem Finger den Spalt ab, fand einen kräftigen Faden, und daran einen Schlüssel. Behutsam zog er ihn hervor. Der Faden entpuppte sich als sehr feine Kette, gerade lang genug, dass er die Holztür aufsperren konnte. Weltenwolf, danke! Lian schloss auf, schob den Schlüssel wieder unter die Falltür und trat leise wie ein Dieb in den Wohntrakt.

Kapitel 3

 

Syrell

 

Wind im Haar, das Klappern der Pferdehufe auf der Straße im Ohr und den Duft von Winter in der Nase, diese leise Andeutung nahenden Frostes und schneeschwerer Wolken – Syrell fand keine Worte dafür, wie sehr er den Herbst liebte und das Kommen des Winters. So gern er auch mit dem Rudel auf der Straße zog und von Dorf zu Dorf reiste, so sehr er die Auftritte mit der bunten Truppe auch genoss, so sehr freute er sich auch jedes Jahr wieder auf das Winterquartier auf der kleinen Waldburg, die Mael irgendwann einmal in glühweinseliger Laune Burg Rudelheim benannt hatte. Es war dabei geblieben. Burg Rudelheim in den Wäldern nahe des kleinen Dörfchens Tarlin am Garanfluss, dieser unglaubliche Zufallsfund von vor ein paar Jahren, als sie nach einem Ort gesucht hatten, der wirklich ihnen gehörte und für den sie nicht gefühlt alles Gold, das sie im Sommer durch ihre Auftritte eingefahren hatten, für Miete wieder ausgeben mussten.

Er war es selbst gewesen, der die Ruine bei einem ihrer Streifzüge entdeckt hatte, vollkommen überwuchert, verwildert und zum Teil schon zerfallen. Syrell musste grinsen, als er sich erinnerte, wie sie gemeinsam die morsche Bruchbude wieder in einen Ort verwandelt hatten, an dem es sich leben ließ. Jeder hatte mit angepackt und nach seinen Talenten mitgearbeitet, bis sie den Stall für ihre Pferde und zwei der Wohntrakte wieder in gemütliche Behausungen für sich selbst verwandelt hatten. Schon jetzt, noch eine knappe Tagesreise von Rudelheim entfernt, freute Syrell sich auf die behagliche Wohnküche mit der offenen Feuerstelle und den Gemeinschaftsraum mit dem großen Kamin, vor dem Schaffelle ausgebreitet lagen. Ganz sicher war Tavren schon da gewesen, hatte das Banner gehisst, um sie willkommen zu heißen, und hatte Feuerholz bereitgelegt und die Vorräte aufgestockt. Ihr dienstbarer Geist aus Tarlin wusste genau, was sie brauchten, und er hatte in der Zeit, in der das Rudel reiste, immer ein Auge auf die unscheinbare Burg, deren Geschichte sich in den Wirren der Revolte verloren hatte.

Syrell warf einen Blick über die Schulter zurück, vergewisserte sich, dass die Wagen seiner Rudelbrüder noch hinter ihm waren, und trieb sein Pferd sanft an. Wie immer ritt er dem Tross voran, wenn sich die Abenddämmerung näherte, um einen Lagerplatz zu suchen.

Noch eine Nacht höchstens, und dann endlich wieder in einem Bett schlafen, das diesen Namen verdient! Syrell hatte ganz und gar nichts gegen die gemütliche Pritsche in seinem Holzplanwagen, aber hin und wieder mochte er auch den Luxus weicher Rosshaarmatratzen und seidenbezogener Daunendecken. Und ah, die Wintersonnenwendfeier in der offenen Halle am Feuer, unter den Sternen, wenn Schnee und Eis auf dem Mosaik glitzern und Frost auf dem Efeu schimmert. Er liebte die offene Halle, diesen Gebäudeteil, von dem nur noch Grundmauern und Dachstuhl standen – und in dem der wunderbare Fußboden aus Abertausenden von Glassteinchen wie durch ein Wunder den Sturm überlebt hatte, der über die Burg gekommen sein musste, als sie noch nicht Rudelheim war.

Syrell wusste wie die anderen nur, dass der Bau einer Adelsfamilie gehört hatte, die in den Wirren der Revolte den Tod gefunden hatte – königstreue Aristokraten, die ihre Bauern ausgebeutet hatten, so hieß es, und denen ihr eigenes Handeln zum Verhängnis geworden war. Nichts deutete mehr darauf hin, wer diese Familie gewesen war, Wandler oder Menschen. Es war, als hätte die Welt sie vergessen wollen – und das war ihr gelungen.

Syrell erinnerte sich noch gut an die Arbeiten an den Wohnbereichen, in denen sie einigen Komfort, aber keinerlei Hinweise auf ein Familienwappen oder Ähnliches gefunden hatten. Und in Tarlin oder Sial wollte sich entweder niemand an die ehemaligen Herren der Burg erinnern – oder sie waren tatsächlich vergessen worden. »Umso besser für uns«, murmelte Syrell mit einem beinahe liebevollen Gedanken an Rudelheims weiß getünchte Wände und die blauroten Fensterläden. Er grinste. Fest nahm er sich vor, sich von Janou, dem neuen Gefährten ihres Anführers Breac, eine Tanzaufführung in der Glassteinhalle zur Wintersonnenwende zu wünschen. Was Janou wohl zu seinem neuen Winterzuhause sagen würde? Syrell fühlte seinen ganzen Körper voller Vorfreude kribbeln. Nach Hause zu kommen, fühlte sich einfach gut an!

Nicht lange, und er hatte auch den Lagerplatz gefunden, an dem sie in dieser Gegend auf ihrem Heimweg ins Winterlager schon so oft gerastet hatten. Syrell preschte auf der Straße zurück, lenkte sein Pferd neben Breacs Wagen und ließ es in gemächlichen Trott fallen.

»Und, hast du den Platz gefunden?« Breac blickte Syrell mit einem Lächeln an, den Arm um seinen zarten, schlanken Gefährten gelegt. Janou hatte sich an Breac gelehnt und hielt locker die Leinen ihres Zugpferdes in den Händen. Syrell konnte immer noch nicht glauben, wie der ehemalige Tempeltänzer sich verändert hatte. Als er und Breac einander beim Sommersonnenwendfest auf so ungewöhnliche und abenteuerliche Weise gefunden hatten, war er blass gewesen, verunsichert und scheu; jetzt war seine Haut braungebrannt, und er wirkte so viel sicherer und selbstbewusster. Und auch Breac hatte sich verändert. Ihr großer, so in sich gekehrter Anführer lächelte öfter, seit er Janou an seiner Seite hatte, und wenn er Janou beim Tanzen zusah, dann wirkte er beinahe wie in eine andere Welt entrückt. Syrell konnte es ihm nicht verdenken – Janous Tanz war so betörend, dass sogar Götter aus dem Schlaf erwachten und auf die Erde stiegen, wenn er tanzte.

»Selbstverständlich, Alpha, was denkst du denn? Es ist alles wie immer, der Bach ist noch da, der alte Winterapfelbaum bricht fast zusammen vor Früchten, und irgendwer hat an der Feuerstelle sehr freundlich ein paar Scheite dagelassen.«

»Wunderbar. Wir werden ordentlich ernten und während des Winters Apfelwein keltern.« Breac drückte seinem Gefährten einen Kuss auf die Wange. »Bist du schon neugierig auf unser Winterquartier?«

Janou grinste. »Und wie! Ich platze fast, weil ihr die ganze Zeit nur Andeutungen macht, dass es mir gefallen würde und ich mich fühlen würde wie ein Fürst!« Er lachte. »Dabei sind wir doch alle bereits Könige. Könige der Straße und die wahren Geliebten des Volkes, denn wir bringen ihnen Freude und versüßen ihnen auch die dunklen Stunden ihres Lebens!«

»Hört, hört!« Syrell erwiderte Janous Grinsen. »Du sprichst wie ein wahrer Gaukler, Janou. Hast gut gelernt!«

»Vielleicht, weil ich tief in meinem Herzen schon immer ein Gaukler war.« Janou küsste Breac noch einmal. »Oder weil dieser wunderbare Alpha mich mit seinem ersten Kuss zu einem gemacht hat!«

 

Lachend und scherzend erreichten sie mit dem Einbruch der Dunkelheit den Lagerplatz und errichteten die Wagenburg. Syrell drückte Amias, dem Sohn ihres Bardenpaares Remi und Farin, die Zügel seines Pferdes in die Hand und holte seinen Bogen. »Ich seh mal zu, dass ich etwas fürs Abendessen finde«, meldete er sich ab, während seine Rudelgefährten unter Breacs wachem Auge ihren Arbeiten im Lager nachgingen. Amias und seine Väter kümmerten sich um die Pferde, Louenn und Mael, die beiden Zwillingsbrüder, um das Kochfeuer. Janou half wie immer bei den Pferden – es hatte sich gezeigt, dass er fast so ein gutes Händchen für die Tiere hatte wie Amias.

Syrell genoss es, noch einen Moment lang mit sich und seinen Gedanken allein zu sein. Er spannte seinen Bogen, legte locker einen Pfeil auf die Sehne und schlich auf leisen Sohlen durchs Unterholz. Kurz hatte er erwogen, in Wolfsgestalt zu jagen, sich aber dann doch für Pfeil, Bogen und Menschengestalt entschieden – wenn er als Wolf jagte, gingen zu oft seine Instinkte mit ihm durch und er verschlang die Beute an Ort und Stelle. Nicht gut, wenn er plante, mit den anderen zu teilen. Manchmal war sein Wolf eben doch ein wenig übereifrig.

Syrell sog tief die Luft ein und schnupperte. Seine menschliche Nase mochte nicht so scharf sein wie die des Wolfes, und doch fiel ihm etwas auf, das ihn stutzig werden ließ. Unter dem Geruch nach Herbstwald, vermoderndem Laub und Pilzen, nach Waldtieren und nahendem Frost, entdeckte er noch etwas anderes, das einen seltsamen Geschmack ganz hinten in seinem Rachen hinterließ. Etwas Fauliges, Metallisches. Syrell runzelte die Stirn. Für einen Moment schloss er die Augen, prüfte noch einmal das Gewirr von Düften und lauschte.

War da nicht auch ein Geräusch? Ein seltsames Geräusch, wie ein sanftes, beständiges Sirren. Syrell fasste den Bogen fester. Vorsichtig trat er aus seiner Deckung, bewegte sich langsam weiter durch den dämmrigen Wald, folgte der Spur des Geruchs und des Geräuschs, das immer mehr danach klang, als sei ein ganzer Mückenschwarm in Aufruhr geraten.

Wieder drang das Sirren an seine Ohren, und jetzt roch er es ganz deutlich: Blut. Syrell hielt erneut inne, lauschte, unterdrückte den Impuls, sich zu wandeln. Er schob sich durch das Gebüsch auf eine kleine Lichtung – und erstarrte, als er die Quelle der ekelerregenden Geräusche entdeckte. Sein Magen hob sich, als der Wind den Geruch in seine Nase wehte und eine Wolke kleiner Insekten aufscheuchte. An einen jungen Baum mitten auf der Wiese hing an den Stamm gefesselt etwas, das einmal ein Mensch gewesen sein mochte. Jetzt war nichts mehr von ihm übrig als ein lebloser, von Wunden entstellter Körper. Striemen und tiefe Krallenspuren zogen sich über helle Haut, strähniges graues Haar hin blutbesudelt in ein zerschlagenes Gesicht, das Syrell aus leeren Augenhöhlen entgegenblickte.

»Weltenwolf«, keuchte er. Was bei allen Göttern ist hier geschehen? Er musste sich zwingen näherzutreten, den Bogen fest in der Hand, auch wenn er sicher war, dass wer auch immer das dem Toten angetan hatte, nicht mehr da war. Fuß- und Pfotenabdrücke, niedergetretenes Gras. So eine Masse unterschiedlicher Fährten, dass Syrell unmöglich ausmachen konnte, wie viele an diesem grauenhaften Mord beteiligt gewesen sein mochten. Syrell trat noch näher, um zu erkennen, was auf der schmalen Brust des Toten prangte – das Bild eines feuerspeienden Drachen. Wieder und wieder mit glühendem Eisen in die Haut gebrannt. Syrell schluckte, obwohl er flach durch die Nase atmete, wurde ihm mehr und mehr übel. Sein Blick huschte über die Lichtung, fiel auf etwas, das an einem tiefhängenden Ast glänzte. Schmuck? Syrell griff danach, pflückte das zerrissene Lederband aus den Zweigen und starrte auf den Anhänger, der sich schwer in seine Hand schmiegte.

Blutbefleckt, doch eindeutig aus purem Gold. Ein unter roten Schlieren schimmerndes Oval, das den Kopf eines Wolfes zeigte, im Hintergrund einen Sonnenkranz, dessen flammende Strahlen durch das Rostrot getrockneten Blutes wie Feuer glühten. Der Duft seines Trägers hing noch immer an dem Lederband – eine sanfte Note von süßem Harz schaffte es, durch den Blutgeruch hervorzustechen.

Eine breite Spur geknickter Äste und plattgetretenen Grases führte von der Stelle weg, an der das Medaillon sich im Baum verfangen hatte, so, als sei ein ganzes Rudel Wölfe dort entlanggeprescht. Syrell machte Pfotenspuren in lockerer Erde aus; zu viele übereinander, noch immer erkannte er nicht, wie viele hier gewütet hatten, aber einer Sache war er sich sicher. Seine Nase konnte ihn nicht trügen – der Tote am Baum war ein Wandler gewesen, und wer auch immer von hier geflohen war, musste auch mehr als menschlich gewesen sein.

So nah an unserer Zuflucht. Syrell riss sich vom Anblick der entsetzlichen Leiche los und hastete den Weg, den er gekommen war, zurück. Breac musste davon erfahren, auch wenn Syrell damit allen den Abend und die Vorfreude auf Rudelheim zerstören würde. Ein Angriff auf einen Wandler, kaum eine Tagesreise fort von ihrer Burg! Mehr als einen Tag oder vielleicht zwei konnte dieser Mord noch nicht her sein.

»Verdammt«, murmelte Syrell mit einem letzten Blick auf den Toten und die Verwüstung. Am liebsten hätte er die Leiche schon vom Baum losgeschnitten, doch Breac sollte alles so sehen, wie Syrell es vorgefunden hatte.

 

»Da ist ja unser Meisterjäger!« Mael kam ihm grinsend entgegen, als Syrell in den Wagenkreis trat, verzog aber umgehend das Gesicht, als er sah, dass der Meisterjäger mit leeren Händen zurückgekommen war.

»Hast du wieder als Wolf gejagt und uns alles weggefressen?«, unkte auch Louenn, der an seinem Bruder vorbei auf Syrells Bogen blickte, den Pfeil, der immer noch locker auf der Sehne lag.

Syrell schob sich an den Zwillingen vorbei. »Ich bin nicht dazu gekommen zu jagen, weil ich etwas gefunden habe.« Er hob das Medaillon hoch, Gold funkelte im Schein des Lagerfeuers.

»Wir müssen Kohldampf schieben, weil du einen schmuddeligen Anhänger gefunden hast?«, nörgelte Amias und empfing umgehend ein kräftiges Wuscheln durch das Haar von seinem Vater. »Nicht meckern, Süßer. Lass Syrell erzählen!«

Breac erhob sich von deinem Platz am Lagerfeuer. »Was hast du gefunden? Ist das Blut?« Der Alpha musterte den Anhänger aus verengten Augen.

Syrell nickte. »Und da, wo der Schmuck lag, ist noch mehr als nur Blut. Ein Toter. So, wie es aussieht, zu Tode gequält. Ich konnte nicht ausmachen, was da genau geschehen ist, dazu waren auf der Lichtung viel zu viele Spuren. Ich weiß nur, der Tote war ein Wandler, es waren Wölfe auf der Lichtung, und einer ist von dort aus weggelaufen. Breac, du solltest dir das ansehen. Wir sollten ihn begraben, bevor die Waldräuber ihn zerreißen.«

Breac nickte knapp und nahm eine der Öllaternen, die an seinem Wagen hingen. »Syrell, Schaufeln. Wie lange, glaubst du, ist er schon tot?«

Syrell hob die Schultern. Mit einem Nicken nahm er die beiden Spaten, die Remi ihm reichte, und gab einen davon an Breac weiter. »Vielleicht zwei Tage, höchstens. Er ist kein schöner Anblick, wirklich nicht.« Er spürte, dass ihm wieder übel wurde, sobald er an den zerschundenen Körper, die Wunden, die Brandmale, die Fliegen und all das Blut dachte.

»Führ mich hin. Ihr anderen bleibt hier. Passt gut auf, falls die Mörder noch in der Nähe sein sollten. Sorgt für etwas zu essen.«

»Schon wieder Trockenfleisch«, murrte Amias. Er warf Syrell einen Blick zu, der etwas anderes sagte als Gemecker über das Essen – Amias war neugierig wie ein junger Welpe, er wollte am liebsten mitkommen. Eine Leiche sehen. Eine grausame Sensation.

»Nicht, wenn du mit mir Pilze suchen kommst«, gab Janou rasch zurück. Breacs Gefährte fasste Remis und Farins Spross bei der Hand und zog ihn sanft vom Lager fort – in die entgegengesetzte Richtung, in die Syrell Breac führte.

Aus den Augenwinkeln sah er, dass Mael sich den Pilzsuchern anschloss. Gut, so hatten sie einen dabei, der notfalls auch gegen mehrere Angreifer bestehen konnte, während Louenn bei Remi und Farin im Lager blieb. Sie würden es schon schaffen, zu zweit ein Grab zu schaufeln.

»Mein Janou«, hörte Syrell Breac murmeln, Stolz in der Stimme. »Was ist das für ein Anhänger?«

Syrell zog ihn mit der freien Hand wieder hervor und ließ die Fingerspitzen über das schmutzverkrustete Gold gleiten. Es war bereits zu dämmrig, um alle feinen Einzelheiten zu erkennen, aber Syrells Finger ertasteten sie ganz genau, den Wolf vor der schimmernden Sonnenscheibe. Syrell spürte deutlich die Edelsteinsplitter, die als Augen in das Wolfsgesicht eingearbeitet waren. »Vielleicht ein Familienwappen. Oder ein Symbol, das für den Träger eine Bedeutung hat. Ein Wolf vor der Sonne, aus purem Gold. Sicherlich wertvoll. Die Augen bestehen aus Edelsteinen.«

»Sagt mir nichts«, brummte Breac. »Meinst du, es hat dem Toten gehört?«

»Ich bin nicht sicher. Zu viel Blutgeruch überall.«

Breac nickte, die Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepresst.

Syrell führte ihn weiter, bog am Rand der Lichtung das Buschwerk auseinander. Im Licht von Breacs Laterne konnte er die Konturen des Toten am Baum ausmachen, seine Erinnerungen ergänzten, was seine Augen nicht sehen konnten. »Hier ist es.« Zusammen mit Breac ging er auf den Baum zu, hörte, wie Breac die Luft einsog. Immerhin hatten die Fliegen inzwischen Ruhe gegeben, und noch war es zu früh für Raubtiere.

Breac hob die Laterne. »Weltenwolf …«

Syrell nickte stumm. Er beobachtete, wie Breac genau wie er zuvor den Toten betrachtete, zu verstehen versuchte, was hier geschehen war. Er legte die Spaten ab. »Hier sind die Spuren, die von der Lichtung wegführen. Ich bin mir fast sicher, dass sie zu zweit waren und einer fliehen konnte.« Was, wenn sie Gefährten waren? Dann irrt da draußen jetzt ein Wandler durch den Wald, der seinen Gefährten verloren hat und vor Trauer halb wahnsinnig sein musste. Syrell wollte gar nicht daran denken.

Noch hatte er seinen Gefährten nicht gefunden, aber seit Breac Janou als den Seinen erkannt hatte, war ihm klar geworden, dass er als Einziger im Rudel nicht mehr als die Bindung zu seinen Rudelbrüdern hatte. Remi und Breac hatten ihre Gefährten, Remi und Farin sogar einen Sohn, und Mael und Louenn hatten als Zwillinge einander, und Syrell war sicher, dass sie einander mehr liebten als nur wie Brüder. Bisher war Breac sein bester Freund gewesen, doch seit der Janou hatte …

Syrell schüttelte unwillig den Kopf. Er hasste diese Gedanken, hasste diese leichten Anflüge von Bitterkeit. Breac war sein Freund, sein Alpha, dem er nur das Allerbeste wünschte. Wie hatte er sich gefreut, als Janou aufgetaucht war wie aus heiterem Himmel, und Breac ihn erkannt hatte. Und doch hatte er seitdem das Gefühl, sich zurückhalten zu müssen.

Er sah auf und blickte zu Breac, der vor dem Toten stand, sein Messer in der Hand. »Hilf mir, ihn loszuschneiden. Hier liegen genug Steine im Unterholz, dass wir nicht tief graben müssen.«

Syrell trat näher, riss sich zusammen und hielt den geschundenen Leichnam bei den Schultern, während Breac ihn losschnitt. So nah bei ihm konnte er einen letzten Hauch vom Duft des Fremden wahrnehmen, eine Harznote ähnlich der, die an dem Schmuckstück haftete, doch nicht so intensiv und von anderen Gerüchen begleitet, als das Lederband sie aufwies. Syrell ließ den Toten zu Boden gleiten.

Im Licht der Laterne, die Breac hochhielt, erkannte er, dass der Tote tatsächlich kein allzu junger Mann mehr gewesen war. Graue Strähnen im Haar und Furchen im wettergegerbten Gesicht sprachen eine deutliche Sprache. Syrell seufzte, griff nach einem Spaten und begann, am Rand der Lichtung, so weit wie möglich weg von dem Todesbaum, den weichen Waldboden auszuheben.

Breac stellte die Laterne auf den Boden und griff ebenfalls nach einem Spaten. Schweigend gruben sie, bis das Grab tief genug war, den Toten darin zu begraben – nicht tief genug, um ihn ausschließlich mit Erde vor den Räubern des Waldes zu schützen, aber das würden die Steine tun.

 

Es dauerte, bis der Tote sicher unter Erde und Steinen lag, doch Syrell spürte, dass Breac ebenso wenig wie er aufhören wollte, bevor sie ihr Werk vollendet hatten. Als Syrell schließlich einen letzten Steinbrocken auf dem flachen Hügel aus Erde und Fels ablegte und sich das schweißnasse Haar aus dem Gesicht strich, stand der Mond bereits in einer hell strahlenden Sichel am Himmel.

Breac legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Gehen wir zurück, bevor die anderen noch einen Suchtrupp losschicken. Vielleicht haben sie uns ja noch was von den Pilzen übriggelassen.«

»Falls sie denn welche gefunden und sich nicht aus Versehen vergiftet haben.« Syrell erhob sich ächzend und rieb sich die erdigen Finger an seiner Lederhose ab. Irritiert runzelte er die Stirn, als er sich dabei ertappte, dass er in die Hosentasche griff und nach dem Medaillon tastete, das er hineingestopft hatte. Es war noch da. Ein eigenartiges Gefühl der Erleichterung überflutete ihn. »Lass uns morgen noch einmal herkommen und nachsehen, ob das wirklich genug Steine sind. Ich möchte nicht, dass die Füchse ihn ausgraben. Er hat genug gelitten.«

Syrell mochte sich nicht vorstellen, was dieser Mann durchgemacht hatte, und zugleich verwirrte es ihn, dass er so für einen vollkommen Fremden empfand. Nur, weil er ihn gefunden und geholfen hatte, sein Grab zu schaufeln? Weil er das dumme Gefühl nicht loswurde, dass es noch einen weiteren Wandler gab, der nun auf der Flucht war, und dessen Medaillon er in der Tasche mit sich herumtrug? Wieder ertappte Syrell sich dabei, dass er das Gold berührte.

---ENDE DER LESEPROBE---