Der Tanz des Omega - Shelby March - E-Book

Der Tanz des Omega E-Book

Shelby March

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Beschreibung

Skandal beim Sonnenwende-Fest! Der begnadete Tempeltänzer Janou muss fliehen, um sich vor Clennan, dem aufdringlichen Alpha der Tempelwölfe, zu retten. Zuflucht findet er bei einem Rudel fahrender Gaukler. Schon bald fühlt Janou sich unwiderstehlich zu deren geheimnisvollen Anführer Breac hingezogen. Sein Gefährtenduft kann nicht trügen. Doch warum ist der wunderbare Alpha so zurückhaltend, während Janou nichts mehr ersehnt, als von ihm geliebt zu werden? Während sich eine zarte Romanze entspinnt, hat Janou immer wieder das Gefühl, beobachtet zu werden. Als würde Clennan nur auf den richtigen Augenblick lauern. Welche Gefahr bedeutet das für Janous neue Freunde? Und besonders für Breac?

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Der Tanz des Omega

 

 

 

 

Shelby March

 

 

 

 

 

 

Die Wölfe von Alavenne I

Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Epilog - ein Jahr später

 

Die Wölfe von Alavenne

Inhaltswarnungen

 

Inhaltswarnungen zu den Büchern von Shelby March und Tina Alba findest Du auf meiner Homepage: www.tina-alba.de.

Kapitel 1

 

Janou

 

Er wird mich wählen, und dann gehöre ich ihm.

Janou überlegte für die Dauer eines Atemzugs, ob er seine Vorstellung einfach absichtlich verpatzen sollte. Dann musste Clennan doch einen anderen wählen. Selbst der Hohepriester und Alpha konnte sich nicht so leicht herausreden, falls er einen Stümper für den uralten Sonnenwende-Tanz aussuchen würde.

Aber es würde auch bedeuten, dass Janou immer ein Gruppentänzer unter vielen bleiben würde. Nicht das, was er sich vorgestellt hatte, als sein Vater ihn in den Tempel gegeben hatte, als sich seine Liebe für Musik und Tanz zum ersten Mal gezeigt hatte. Janou zupfte an seinem Kostüm und versuchte, das aufgeregte Geschnatter der anderen vier Tänzer zu ignorieren. Sie waren in die engere Wahl gekommen, fünf, wie in jedem Sommer. Junge Tempeltänzer am Ende ihrer Ausbildung, alle begierig darauf, in diesem Jahr bei der Sonnenwendfeier den Sommerwolf zu tanzen und damit den Wandelbaren zu ehren, den Weltenwolf von Alavenne.

Es gab nichts, was Janou mehr wollte, nichts, was er sich jemals mehr gewünscht hatte. Und es gab seit drei Sommern nichts, vor dem er sich mehr fürchtete. Unauffällig prüfte er seinen Duft. Hatte er lange genug im Zuber gesessen, genug parfümiertes Öl auf seiner Haut verteilt?

Alle hatten sie sich eingeölt, um im Schein der gefühlt tausend Kerzen und Laternen aus buntem Papier und Glas zu glänzen. Jeder Tänzer würde mit nacktem Oberkörper auf die freie Fläche in der Mitte der Tempelhalle treten, an deren Rand sich bereits die Musikanten bereitmachten – Trommler, Flötenspieler, Lautenschläger, hinter ihnen eine Reihe Sänger und Chorknaben. Omegas wie Janou und die anderen vier. Unauffällig blickte Janou sich zu seinen Konkurrenten um und dankte stumm dem Weltenwolf, dass sie alle viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren, um auf ihn zu achten.

Und auf seinen Duft.

Janous ganz persönlichen Fluch.

Leise bebend ordnete er die Falten seines bodenlangen Rockschurzes, der so weit war, dass er wie ein Teller um seine Hüften abstehen würde, wenn er die schnellen Drehungen tanzte. Spätestens dann konnte er nur hoffen, dass er seinen Unterschurz eng genug geschnürt hatte, damit der verbarg, was Janou seit gestern zu verstecken versuchte: die Hitze. Seit es ihn vor drei Jahren das erste Mal mitten im Sommer erwischt hatte, wusste er, dass er zu den wenigen Omegas gehörte, die diese Zeit zweimal im Jahr durchlebten und nicht nur im Winter, wie es bei den meisten üblich war. Von seinen Freunden und Glaubensbrüdern im Tempel kannte er nicht einen, den es mitten im Jahr packte. Janou hatte versucht, es zu verheimlichen, seit er das erste Mal in Hitze geraten war – nicht so heftig wie im Winter, aber doch deutlich genug spürbar für einen Alpha.

Bisher hatte er sich zurückziehen können, hatte Übelkeit vorgetäuscht, manchmal sogar absichtlich etwas Verdorbenes gegessen, damit seine Lehrmeister und Brüder ihm glaubten, und sich in seinem Zimmer verkrochen. Hatte versucht, Hohepriester Clennan aus dem Weg zu gehen. Natürlich ohne Erfolg – vorgetäuschtes Unwohlsein, Duftwasser und parfümierte Öle hatten den Alpha auf Dauer nicht täuschen können. Die Erinnerung an Clennans wissendes Lächeln nistete wie ein kleines, krallenbewehrtes Tier mit scharfen Zähnen in Janous Magen. Die Zunge, die wie in Erwartung eines ganz besonderen Leckerbissens über Clennans Lippen gefahren war.

Janous Magen zog sich zusammen. Konnte der Alpha nicht endlich das Zeichen geben, damit sie tanzen durften?

Da haben wir ja eine besonders wertvolle Frucht geerntet, als wir dich in den Tempel aufnahmen, kleiner Rotwolf. Clennan hatte mit samtener Stimme gesprochen, dann so schnell, dass Janou nicht mehr hatte ausweichen können, seinen Arm gegriffen und ihn an sich gezogen, ihn mit einer Hand fest im Nacken gepackt und seine Nase an Janous Halsbeuge vergraben. Witternd wie der Wolf in ihm hatte Clennan Janous Duft eingesogen und gelächelt. Du bist mein, hatte Clennan geschnurrt. Bei der nächsten Sonnenwendfeier wirst du für den Gott tanzen. Und dann werde ich dich zu meinem Gefährten machen. Was sagst du zu dieser Ehre, kleiner Rotwolf?

Janou hatte nichts gesagt. Er war erstarrt vor Ekel, als Clennans Zunge gierig über seine Kehle gefahren war. Hatte würgen müssen, als er den scharfen Pfefferduft des Alphas wahrgenommen hatte. Clennan hatte ihm einen gierigen Kuss aufgezwungen und ihn dann lachend ziehen lassen, beherrscht wie ein Felsen und doch, Janou hatte es deutlich gerochen: Clennan war erregt gewesen, so heftig, dass es nicht viel gebraucht hätte, und er hätte sich Janou einfach genommen.

Er hatte es nicht getan, nicht im letzten Sommer, nicht im Winter. Janou hatte keine Ahnung, wen Clennan sich im letzten Winter ausgesucht hatte und warum er immer noch zögerte, ihn zu sich zu holen, und er wollte es auch nicht wissen – aber bisher hatte der Hohepriester noch keinen Nachkommen als seinen eigenen vorgestellt. Und es gab nach der Wintersonnenwende wahrlich genug schwangere Omegas im Tempel. Vermutlich, dachte Janou, nicht nur dort.

Bei der nächsten Sonnenwendfeier wirst du für den Gott tanzen, und dann werde ich dich zu meinem Gefährten machen. Was sagst du, kleiner Rotwolf?

Janou biss sich auf die Zunge, als Clennan die Tempelhalle betrat. Sofort verstummten die Gespräche um ihn herum. Die Musiker hielten im Stimmen ihrer Instrumente inne. Als sei es eine ihm eigene magische Gabe, zog der Hohepriester sofort die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich. Im Kerzenlicht schimmerten seine golddurchwirkten Roben, als würden sie von innen heraus glühen. Mit seiner hochgewachsenen Gestalt, den breiten Schultern und seinem selbstbewussten Auftreten füllte er die Halle, die für Janou plötzlich zu schrumpfen schien. Er duckte sich und tat, als würde er den Sitz des Schellenbandes an seinem Knöchel kontrollieren. Doch obwohl er dem Alpha nicht in die Augen sah, wusste er, dass Clennan von allen Tänzern ihn anblickte, nur ihn. Und sich die Lippen leckte, ganz bestimmt tat er das. Janou unterdrückte ein Schaudern.

»Tänzer, ich grüße euch!« Auch Clennans Stimme erfüllte die Halle bis in den letzten Winkel, obwohl er nicht übertrieben laut sprach. Seine tiefer Bass mochte Elin, dem Tänzer neben Janou, wie ein Schnurren erscheinen. Jedenfalls seufzte Elin leise und warf Clennan einen so schmachtenden Blick zu, dass Janou ihm einen Rippenstoß gab. Janou jagte die Stimme Gänsehaut über den ganzen Körper.

»Was denn?«, zischte Elin. »Weltenwolf, Wandelbarer, mach, dass er mich erwählt!«

Oh ja, bitte. Janou schloss sich Elins Gebet in Gedanken an und überlegte zum hundertsten Mal, ob er sich nicht doch bei einem Sprung absichtlich den Fuß verstauchen sollte. Doch was dann? Clennan würde ihn dann vielleicht nicht erwählen, aber er würde zornig sein, und ganz sicher würde er Janou seinen Zorn auch spüren lassen. Und was, wenn er sich bei dem Versuch, sich nur leicht zu verletzen, die Knochen brach und nie wieder würde tanzen können? Janou schluckte, als seine Kehle eng wurde. Der Tanz war sein Leben. Wenn er aufhörte zu tanzen, konnte er ebenso gut aufhören zu atmen. Er richtete sich auf.

Clennan hatte sich vor der Bank aufgebaut, auf der Janou und seine vier Konkurrenten wie die Hühner auf der Stange hockten: der kleine dunkle Elin, neben ihm Vinan, weiß wie Schnee, und Branon und Cion, Zwillinge mit langem blonden Haar und Augen wie frische Birkenblätter. Eindringlich blickte der große Alpha sie an. Janou fühlte sich nackt vor Clennans Augen, trotz seines Rockschurzes. Clennan berührte ihn, ohne seine Hände zu benutzen. Nur mit seinen tastenden Blicken sorgte er dafür, dass Janou sich unbehaglich fühlte. Berührt, gegen seinen Willen. Fast meinte er, die langen Finger des Alphas in seinem Haar zu spüren, in das er passend zu dem brennenden Rot goldene Bänder gewoben hatte. Er schluckte wieder. Sein Mund war trocken.

»Tänzer«, hob Clennan die Stimme, »von allen, deren Ausbildung beinahe beendet ist, seid ihr in die letzte Auswahlrunde gekommen. Dazu gratuliere ich euch, denn das bedeutet, ihr seid auf dem Weg, wahre Meister des Tempeltanzes zu werden. Doch die letzte, endgültige Wahl treffen nicht eure Lehrmeister. Ich bestimme den, der morgen, in der Nacht der Sommersonnenwende, vor dem Weltenwolf tanzen und ihm mit seinem Tanz unseren Dank, unsere Gebete, unser Lob und unsere Bitten darbieten wird und der damit in die Reihen der Meister aufsteigt. Hier und jetzt werdet ihr vor mir tanzen, als sei ich der Gott, dem ihr dient. Ich will, dass ihr eure Seele in diesen Tanz legt, euer Herz. Zeigt mir, wie ernst ihr es mit euren Schritten, Sprüngen, euren schönen Körpern und euren wirbelnden Röcken meint. Tanzt, meine Schönen!« Er klatschte in die Hände.

Die Musiker nahmen ihre Instrumente auf. Wie immer war es die große Trommel, die mit einem einleitenden Schlag das rituelle Tanzlied für die Sommersonnenwende begann. Tief und gleichmäßig. Wie ein Herzschlag.

Janou erhob sich, und mit ihm Elin, Vinan, Branon und Cion. Elin schoss Janou einen Blick zu, unter dem der sich ducken wollte, so viel Kälte lag in Elins sonst so sanften braunen Augen.

Ist er etwa eifersüchtig, weil Clennan mich die ganze Zeit mit den Blicken auszieht? Weltenwolf, wenn es so einfach wäre, dann wäre ich glücklich, wenn er sich unserem Alpha in die Arme werfen würde. Zu dumm nur, dass Clennan ihn nicht will. Sondern mich. Und ich will alles, aber nicht ihn.

Der Herzschlag der Trommel fand seinen Widerhall in Janous eigenem Lebensrhythmus. Wie von selbst fanden seine Füße den Weg in die Mitte der Tempelhalle, die mit bunten Kreidestrichen in fünf gleich große Dreiecke geteilt war – eines für jeden Tänzer. Janou gehörte das Rote. Rot wie sein Haar. Rot wie sein Rock. Wie der Pelz seiner Wolfsgestalt. Rot für den Rotwolf. Er nahm die Anfangspose ein, hoch aufgerichtet, ein Fuß auf die Zehenspitzen gestellt, beide Arme über den Kopf gehoben, den Blick den Schatten unter der Hallendecke zugewandt, mit dem Rücken zu den anderen Tänzern.

»Tanzt«, rief Clennan noch einmal, und ein heller Schellenklang vibrierte durch die Halle.

Die große Trommel beschleunigte ihren Takt.

Janou schloss die Augen. Die Trommel riss seinen Herzschlag mit. Seine Muskeln vibrierten, als sich ein heller Flötentriller in den dumpfen Klang mischte. Der erste Lautenspieler griff in die Saiten seines Instrumentes. Sirrend schwebte der Akkord durch die Halle. Die Schelle fiel wieder ein.

Janou atmete tief durch, schob alle Gedanken an Clennan beiseite und begann seinen Tanz. Wie von selbst fanden seine Füße in die Schritte des Göttertanzes. Jede Bewegung, jeder Tritt, jeder Sprung hatte seinen festen Platz in der Abfolge. Er hatte sie so lange geübt, bis sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen waren und er auch mit geschlossenen Augen seinen Teil der Tanzfläche niemals auch nur um einen Zoll übertreten würde. Der Trommelschlag führte ihn, Schellenklingen und das Zirpen der Lautensaiten ließen seinen Körper vibrieren, als er sich drehte, sprang, wie knochenlos in sich zusammensank, nur um dann wieder aufzuspringen, sich zu wiegen und zu biegen. Schweiß mischte sich mit dem Öl auf seiner Haut, intensivierte seinen Duft. Jetzt mussten es selbst die anderen Omegas riechen, dass Janou in Hitze war. Und die Beule unter seinem Lendentuch sehen, wenn er herumwirbelte und der leichte, weite Seidenrock sich hob. Janou wusste, dass es Wahnsinn war, aber er tanzte sich die Seele aus dem Leib, während der Takt der Musik immer eindringlicher wurde, die Klänge aufpeitschender. Noch immer tanzte Janou mit geschlossenen Augen, hörte sein eigenes Keuchen und das angestrengte Atmen seiner Kontrahenten. Über seinen eigenen Duft nahm seine durch die Hitze sensibilisierte Nase die Aromen der anderen Wandler wahr. Stechend und scharf über allen anderen hing Clennans Pfeffernote in der von Gerüchen überquellenden Luft der Halle. Janou packte den Teil seines Selbst, der vor diesem Duft fliehen wollte, und zwang die Kraft in seinen Tanz. Hohe Sprünge, rasende Drehungen, schnelle Schrittfolgen, die seine Füße vor den Augen der anderen verschwimmen lassen mussten. Er tanzte, auch wenn seine Muskeln vor Anstrengung kreischten.

Mit dem letzten schrillen Flötenklang und Schellenrasseln endete die Musik, endete der Tanz. Janou ließ sich in die letzte Pose fallen – auf beide Knie, den Kopf in den Nacken gelegt, den Rücken gebogen und beide Hände der Hallendecke entgegengestreckt. Er spürte den Schweiß in Bächen über Brust und Flanken rinnen, während er heftig atmend langsam die Augen öffnete. Es war wieder geschehen – Musik und Tanz hatten ihn alles um sich herum vergessen lassen. Wie aus dichtem Nebel heraus erschien die Halle wieder in seinem Blickfeld, nahm er aus den Augenwinkeln die anderen Tänzer wahr, die mit zitternden Muskeln in derselben Pose wie er selbst verharrten und nach Luft schnappten.

Schritte näherten sich und mit ihnen Clennans scharfer Duft. Janou atmete flach durch den Mund, um so wenig wie möglich davon in seine Nase zu ziehen.

Clennan trat in die Mitte des Tanzkreises und drehte sich dort langsam um seine eigene Achse, ließ den Blick eine Weile auf jedem der Tänzer ruhen.

Janou fühlte es, als er an der Reihe war. Spürte, wie Clennan ihn von den Zehenspitzen bis zum Scheitel musterte, und fühlte sich trotz seines Rocks vollkommen nackt. Leise schaudernd versuchte er, nicht daran zu denken, wie seine immer noch schwer arbeitende, schweißnasse und ölglänzende Brust auf den Alpha wirken mochte. Der überstreckte Rücken. Die freiliegende Kehle, dem Weltenwolf dargeboten und von dessen Hohepriester angestarrt.

»Erhebt euch, Tänzer, und hört meine Entscheidung.«

Janou löste sich aus der Endpose, zwang sich dabei zu ruhigen, langsamen Bewegungen. Füße scharrten über den Boden, Stoff raschelte. Dann standen sie alle, den Blick auf Clennan gerichtet. Janou sah sich Elin gegenüber, der ihm aus schmalen Augen einen Blick zuwarf, bevor er dazu überging, Clennan anzuschmachten. Genau wie die anderen.

Janou unterdrückte den Drang, sich zu schütteln. Was fanden die nur alle an diesem Mann mit seinen viel zu gierigen Blicken? Janou schluckte hart. Die anderen würden ihn bis zum Sonnenwendfest mit Gift überschütten, wenn Clennan ihn wirklich …

»Ihr alle seid wunderbar. Aber die Ehre, beim Fest zu tanzen, kann nur einem gebühren. Der Tänzer, der morgen Nacht für den Gott tanzen wird, ist …« Clennan machte eine Pause und blickte lächelnd in die Runde. »Janou!«

Jemand stieß zischen den Atem aus. Janou vermutete, dass es Elin war. Cion und Branon applaudierten zurückhaltend, und Vinan wisperte sanft einen Glückwunsch.

Janou war schwindlig, dennoch blickte er auf und neigte dann, wie Clennan es von ihm erwarten musste, den Kopf. »Es ist mir eine Ehre. Ich werde alles geben, um mich ihrer würdig zu erweisen«, murmelte er die ebenfalls erwartete Antwort.

»Das wirst du ganz sicher.« Clennan klatschte in die Hände. »Ihr könnt gehen. Nein, Janou, du noch nicht.«

Verdammt. Ich will mich dehnen und ein heißes Bad nehmen, sonst habe ich morgen so einen Muskelkater, dass ich mich nicht bewegen kann. Er weiß das. Warum tut er das?

Als hätte Clennan seine Gedanken gehört, trat er auf Janou zu, nahm seinen Umhang ab und hielt ihn ihm hin. »Zieh das an.«

Ich will nicht. Janou nahm den goldgelben Mantel aus leichter, weicher Wolle und legte ihn sich um die Schultern. Abwartend und zum Zerreißen angespannt beobachtete er Clennan.

Der schien zu warten, bis auch der letzte Chorknabe aus der Halle verschwunden war. Erst, als die Verbindungstür zwischen Halle und Wohngebäude ins Schloss fiel, sah er Janou wieder an. »Gut gemacht, mein kleiner Rotwolf.« Clennan atmete tief, kam dabei noch einen Schritt auf Janou zu und schnupperte an dessen Hals.

Janou erstarrte.

»Du duftest genauso wunderbar, wie du tanzt, mein Schöner. Ich habe jeden Augenblick deiner Vorstellung genossen. Wie du springst, herumwirbelst, wie du die Füße setzt … wunderschön.« Er hob eine Hand und legte sie an Janous Wange.

Janou hielt den Atem an. Zwang sich, nicht zurückzuweichen oder gar ergeben die Augen zu schließen. So ruhig er konnte, erwiderte er Clennans Blick.

»Morgen Nacht, wenn die Feierlichkeiten beendet sind, werde ich dich zu meinem Gefährten machen. Ich habe dich gewählt, Janou, vor allen anderen. Du bist der einzige Omega in diesem Tempel, über den die Hitze zweimal im Jahr kommt – zweimal im Jahr die Möglichkeit, Nachkommen zu zeugen. Dir wird die Ehre gehören, meine Welpen zu tragen, mein wunderschöner Rotwolf.« Clennans Hand wanderte von Janous Hals über die Kehle, dann zog ein Finger eine Spur von der Halsbeuge über die Brust bis zu dem dünnen Gürtel, der den Rock hielt.

»Ich will diese Ehre nicht«, stieß Janou gepresst hervor. Er hatte Gänsehaut am ganzen Körper. Übelkeit stieg in ihm auf, Clennans Pfeffergeruch kratzte ihm im Hals. »Ich werde für den Gott tanzen, Hohepriester und Alpha, wie es dein Wunsch ist. Aber ich werde nicht dein Gefährte.«

»Ist das so?« Clennans Finger trat langsam die Rückreise an und verharrte kurz über Janous rasendem Herzen. Dann wanderte er weiter.

Unvermittelt fühlte Janou Clennans Hand an seiner Kehle. Diese große Hand, die seinen Hals fast ganz und gar umspannen konnte. Er riss die Augen auf.

Sanft drückte Clennan zu. »Dann sage ich dir jetzt, dass du keine Wahl hast, kleiner, hitziger Rotwolf.« Clennans freie Hand ruckte zu Janous Schoß.

Janou keuchte erstickt, als die Hand seine eingesperrte Erregung fand und festhielt, während die kräftigen Finger an seiner Kehle langsam fester zudrückten.

»Ich könnte dich hier und jetzt zu dem Meinen machen, Janou. Dir hier und jetzt meine Zähne in den Nacken schlagen und mein Mal auf deiner Haut hinterlassen, sodass es alle sehen können.« In Clennans Stimme grollte das Knurren seines Wolfes.

Janous eigener Wolf rollte sich zusammen und winselte, während Janou nach Luft rang und dem Drang widerstand, den Schoß an Clennans Hand zu drücken.

Clennan lachte und ließ so unvermittelt wieder los, dass Janou taumelte und in die Knie sank.

»Du tanzt morgen für den Gott und für mich. Du tanzt für die Gäste. Du wirst wunderschön sein, und ich werde dich nicht einen Moment lang aus den Augen lassen. Und wenn das Fest endet, dann werde ich dich in meine Kammer führen. Und du wirst mir gehören. In der Nacht mir allein, und wenn die Sonne am Horizont steht, vor Zeugen. Mein.«

Kapitel 2

 

Breac

 

Er konnte Daronne schon riechen, als die Türme der Stadt gerade eben in Sicht kamen. Breac sog die Luft ein, die nach Sommer, fruchtschweren Bäumen, reifenden Getreidefeldern und frisch gerösteten Honigmandeln duftete – und spürte ein Würgen im Hals, als ihm der Rauchgeruch der ersten Sonnenwendfeuer in die Nase stieg. Rasch nahm er einen Schluck aus dem Wasserschlauch, der neben ihm auf dem Kutschbock lag, um das unangenehme Kratzen wegzuspülen. Breac liebte die Sonnenwendfeste, die Auftritte mit seiner bunten Truppe, die Märkte, Tanz und Gesang bis spät in die Nacht hinein, Geschichten an gemütlichen kleinen Lagerfeuern. Alles wäre gut – wenn nur die großen, wilden Freudenfeuer nicht wären, für die rund um die äußeren Stadtmauern Holzstapel aufgeschichtet waren und nur darauf warteten, bei Einbruch der Dunkelheit entzündet zu werden. Während die Gauklerwagen sich Daronne näherten, zählte Breac bereits den vierten mächtigen Haufen aus Bruchholz und aufbewahrten Wintersonnenwende-Bäumen, die in der kommenden Nacht verfeuert werden würden. Jeder Bauernhof auf dem Weg in die Stadt hatte sein eigenes Holz für ein Feuer aufgeschichtet. Wenn es dunkel wurde, würde die Straße von den Zinnen der Stadtmauer aus wie ein brennender Wurm aussehen.

Während die Wagen gemächlich weiterrumpelten, suchte Breac die Umgebung nach einem geeigneten Lagerplatz ab. Nicht zu weit von den Mauern entfernt, damit er und seine Leute nicht ewig lange wandern mussten, um zum Tempel zu kommen. Aber auf keinen Fall zu nah an einem der Feuer.

»Wo bist du mit deinen Gedanken, Breac?«

Syrell, den er als Kundschafter vorausgeschickt hatte, war zurück und riss Breac aus seinem dumpfen Brüten. »Hast du einen Ort für unser Lager gefunden?«

»Ja. Direkt am Ufer des Garan war noch ein wenig Platz, den habe ich mir für uns unter den Nagel gerissen. Nah am Stadttor und weit genug weg von den Feuerstellen und damit vom Rauch.«

»Danke. Sag den anderen Bescheid, und dann führ uns hin. Je schneller wir mit dem Aufbau fertig sind, umso mehr Zeit haben wir für eine letzte Probe.« Er ließ die Zügel auf das runde Hinterteil seines Zugpferdes schnalzen, das daraufhin seinen gemächlichen Trott ein wenig beschleunigte.

Syrell wendete seinen Schimmel und ritt die kleine Kolonne entlang, redete kurz mit den anderen, dann kehrte er zurück und ritt dem Zug voraus, bis sie den See erreichten.

 

Um den Garan herum tobte das Leben. Fahrende Händler hatten sich zu mehreren zusammengeschlossen und Wagenburgen errichtet, ein kleiner Markt war nahe dem Stadttor aus dem Boden gewachsen, überall flatterten bunte Bänder im Wind. Es duftete nach Kochfeuern und frischem Brot.

Syrell hatte eine noch freie Fläche mit einem Stecken markiert, an dem mehrere goldene und blaue Seidentücher im Wind flatterten, dazwischen dünne rote Bänder – die Farben der Fahrenden, Zeichen für Freude, Leben und Lust. Wie von selbst ordneten sich die fünf Planwagen um die Markierung an – später würde dort das gemeinsame Kochfeuer brennen.

Breac rutschte mit einem erleichterten Seufzen vom Kutschbock, rieb dem schweren Schecken im Geschirr den Hals und pfiff auf zwei Fingern. Fast umgehend standen sie vor ihm: seine Gaukler, sein Rudel. Seine Familie ohne Blutsbande. Ein Blick in jedes erwartungsvoll zu ihm aufsehende Augenpaar, und Breac ging das Herz auf. Er fand keine Worte dafür, wie er diesen verrückten, oft so chaotischen Haufen liebte, jeden Einzelnen auf seine Weise. Remi mit der Flöte an seinem Gürtel, den Arm um seinen Gefährten Farin gelegt, neben ihnen ihr Sohn Amias. Mael und Louenn, die beiden ungleichen Brüder, die füreinander durchs Feuer gehen würden. Der kleine flinke Syrell, in dem mehr Kraft steckte, als seine zierliche Figur vermuten ließ.

»Also gut, Herrschaften, da wären wir. Amias, Farin, ihr kümmert euch um die Pferde. Remi – Lagerwache. Louenn und Mael – Feuerholz, und findet raus, wo die Latrinen sind. Syrell, sieh dir den Markt an und finde frisches Brot für uns, ich will endlich wieder mal was anderes essen als Wanderfladen. Ich gehe zum Tempel und sehe mir den Platz an, auf dem wir heute Abend auftreten werden. Wenn ihr mit euren Aufgaben fertig seid, fangt schon mal an zu üben. Ich will, dass wir unser Publikum verzaubern. Seid ihr bereit?«

»Bereit«, klang es vielstimmig zurück, und schon wuselten die Gaukler davon.

Breac wusste, dass er sich auf sie verlassen konnte. Er hatte nie einen Wandler gesehen, der so mit Pferden umgehen konnte wie Amias. Es war schwierig genug, Pferde zu finden, die nicht vor dem inneren Wolf zurückschreckten – Amias entdeckte sie mit einem Blick. Und niemand würde sich dem Lager nähern oder versuchen, sie zu bestehlen, wenn Remi dort Wache hielt. Zufrieden warf Breac einen letzten Blick auf seine Meute, dann nickte er Amias zu, der gerade seinen Schecken abschirrte, und machte sich auf den Weg in die Stadt und zum Tempel.

Wie immer in Daronne würde es Hohepriester Clennan sein, der das Sommersonnenwendfest ausrichtete. Er plante den Markt, die Auftritte der Gaukler und Tänzer, er würde das Zeichen zum Entzünden der Sonnenwendfeuer geben. Er hatte den Überblick über alles, und wie immer würde er sich in der Rolle des Aufsehers viel zu sehr gefallen. Breac spürte ein Grollen in seiner Kehle aufsteigen. Er hasste Clennan wie die Pest.

Mit langen Schritten folgte Breac der Hauptstraße, die vom Stadttor direkt zum Vorplatz der Tempelanlagen führte. Überall am Straßenrand wurden Verkaufsstände aufgebaut oder standen bereits und wurden von Kunden belagert. Kinder wuselten zwischen den Erwachsenen herum, haschten einander und verschmierten sich die Münder mit Süßigkeiten. Daronne war brechend voll, aber niemand rempelte Breac an oder stellte sich ihm in den Weg, auch nicht, als er den Markt erreichte, der den Tempelbezirk wie ein Halbmond umarmte. Düfte prasselten auf Breac ein – gegrilltes Fleisch, gebrannte Mandeln, frisch gebackener Kuchen, honigtriefende Kekse und sahnige Torten. Und über allem ein dezenter Hauch von Pfeffer, der umso intensiver wurde, je näher Breac dem Hauptgebäude kam. Er schnaubte. Der ganze Tempelbezirk roch, als hätte Clennan überall seine Duftmarken verteilt. Vielleicht hat er das sogar. Unwillkürlich musste Breac lachen, als er sich vorstellte, wie Clennan in seiner Wolfsgestalt des Nachts durch den Tempelhain spazierte und an jedem Baum sein Bein hob.

»Breac. Wie schön, dich bei so guter Laune anzutreffen. Ich hatte beinahe schon befürchtet, ihr würdet diesen Sommer in einer anderen Stadt sein – aber welcher vernünftige Gauklerführer würde sich mein Fest entgehen lassen?«

Da stand er, von oben bis unten in Gold gekleidet, das lange dunkelgraue Haar offen über den breiten Schultern, auf dem herben Gesicht die Andeutung eines Lächelns, das die wasserblauen Augen nicht erreichte.

Breac nickte knapp. »Clennan. Welch eine Freude.« Er konnte nicht verhindern, dass Ironie aus jedem seiner Worte troff. »Da du uns erwartet hast, gehe ich davon aus, dass du meine Truppe in die Vorführungen eingeplant hast?«

»Wie könnte ich darauf verzichten wollen? Ihr werdet direkt vor dem Göttertanz auftreten. Zwei Stunden vor Mitternacht. Hier auf der Bühne.« Clennan deutete vage hinter sich.

Wie in jedem Jahr hatten Arbeiter eine mondsichelförmige Bühne vor dem Haupteingang der Tempelhalle aufgebaut. Noch immer wurde daran gearbeitet, gehämmert, gezimmert, wurden bunte Girlanden und Öllaternen aufgehängt. Breac nickte. Alles wie immer, das war gut.

»Ich hoffe doch, dass ihr nicht gleich morgen weiterzieht.«

Breac schnaubte. Was glaubte Clennan? Dass er Lust darauf verspürte, nach einer durchgefeierten Nacht mit einem vollkommen verkaterten Gauklerrudel weiterzuziehen? Wortlos schüttelte er den Kopf.

»Das ist gut, denn ich würde dich und deine Leute gern um einen kleinen Gefallen bitten. Ich habe noch etwas zu feiern.«

Breac zog eine Braue hoch. Etwas an Clennans Gesichtsausdruck gefiel ihm nicht. Vielleicht die Art und Weise, wie der Alpha des Tempels sich die Lippen leckte. Wie ein Wolf mit Aussicht auf Beute.

»Ich werde mir auf dem Sonnenwendfest offiziell einen Gefährten wählen und will es gebührend feiern, wenn ich mich mit dem zukünftigen Vater meiner Welpen verbinde.«

»Oho. Hat sich endlich einer gefunden, der nicht vor dir davonrennt, Hohepriester?«

»Vorsicht, Breac.« In Clennans Stimme schwang ein drohendes Knurren mit. »Der Tempel ist mein. Halte dich fern von meinen Omegas. Und nicht nur du – auch deine Leute. Ich dulde keine Wilderei in meinem Gebiet.«

Breac trat kaum merklich zurück und hob eine Hand. Respekt vor Clennans Regeln – das ja, aber unterwerfen und sich Vorschriften machen lassen würde er nie. »Du kennst mich. Du kennst meine Männer. Wir achten das Hausrecht. Aber ich nehme keine Befehle von dir an.« Jetzt knurrte auch Breacs Wolf.

Clennan nickte knapp. »Ihr tretet heute Nacht auf, umgehend danach erhaltet ihr die volle Bezahlung. Hier, dein Vorschuss.« Er löste einen Lederbeutel von seinem Gürtel und legte ihn in Breacs Hand.

Münzen. Schwere Münzen, sie klirrten leise. Breac verstaute den Beutel unter seiner Tunika. Nur Narren trugen in einer überquellenden Stadt eine Geldkatze am Gürtel. »Damit ist alles geklärt. Wir sehen uns später.«

»Ich erwarte wie immer etwas Außergewöhnliches von euch, meine Lieben. Enttäuscht mich nicht. Und denke über meine Einladung nach. Es wäre mir eine Freude, euch meinem Gefährten zum Verbindungsfest zu schenken.«

»Unsere Darbietungen vielleicht«, brummte Breac. »Aber niemals uns. Viel Spaß noch beim Flöhehüten.« Er nickte in Richtung der Betriebsamkeit an der Bühne, hinter der gerade eine Gruppe Tänzer entlanghuschte, und wollte sich zum Gehen wenden, als ein Duft seine Sinne streifte, der ihn innehalten ließ. Sein Wolf riss die Schnauze auf und flehmte mit bebenden Nasenflügeln. Zimt und Honig, ein Duft, der Breac wie eine Feuerlanze in die Lenden fuhr. Er schüttelte den Kopf. Das kann nicht sein.

»Stimmt etwas nicht, Breac? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.«

Gesehen nicht. Nur gerochen. Er schluckte hart. »Alles gut«, murmelte er harsch und wandte sich ab. Das konnte er sich nur eingebildet haben. »Wir sehen uns, Clennan.«

Sobald Breac den Tempelbezirk hinter sich gelassen hatte, begann er zu rennen. Seine Augen brannten, er musste hier weg, weg von dem Duft, weg von Clennan, hinaus aus der Stadt. Und erst einmal nicht zurück zum Rudel. Sie würden ohnehin beschäftigt sein, Essen kochen, die Vorführung vorbereiten. Es würde niemandem auffallen, wenn er länger fort war. Sicher nicht.

Kurz vor dem Tor bog Breac von der Hauptstraße ab, durchquerte einige enge Gassen und verließ durch eines der kleinen Seitentore die Stadt. Ohne darauf zu achten, dass die beiden Wachleute, zwischen denen er wie eine Naturgewalt hindurchgewalzt war, hinter ihm her fluchten, stürmte er in das kleine Wäldchen, das sich in sanfter Umarmung gegenüber des Garan-Sees um Daronne schmiegte. Tief atmete er das Aroma harziger Tannen und frischer Kräuter ein, in der irrigen Hoffnung, dass es den Duft vertreiben konnte, der sich in seiner Nase festgekrallt hatte. Der Duft, der nicht wahr sein konnte. Nicht wahr sein durfte.

Keuchend hielt Breac inne, lehnte sich auf einen umgestürzten Baumstamm und schnappte nach Luft. »Verdammt noch mal«, stieß er zwischen harschen Atemzügen hervor. Seine Hände zitterten. Bei dem Gedanken, dass er in der Nacht wieder zum Tempel gehen würde, wurde ihm übel. Wie sollte er das machen? Wie sollte er das ertragen? Wie sich beherrschen, wenn alles dort nach ihm duftete? »Verdammt«, wiederholte Breac und wühlte die Hände in seine Haare. Mit bebenden Fingern zog er das Lederband aus den Strähnen, mit dem er seine Mähne zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, und band sie neu zusammen. Er hatte sich das nur eingebildet. Ganz sicher hatte er sich das nur eingebildet. Zimt, Honig, ein Hauch süßester Sahne. Milchweiße Haut unter seinen Händen, ein schlanker, drahtiger Körper, der sich unter ihnen wand, leises Stöhnen und Flehen. Eine Vereinigung wie ein Rausch. Die Hoffnung auf Welpen, und dann …

»Nein!« Breac merkte erst, dass er geschrien hatte, als eine Krähe empört kreischend aus dem Gebüsch neben ihm aufflog und schimpfend davonflatterte. »Nein«, murmelte er. Das ist vorbei, vergangen. Breacs Hand wanderte zu der Stelle an seinem Nacken. Das Mal war verblasst. Die Narben auf seiner Seele und seinem Herzen hatten sich in blutende Wunden zurückverwandelt. Aufgerissen durch einen Duft nach Zimt und Honig. Breac atmete tief durch. Langsam kletterte er über den Baumstamm und stapfte weiter. An einem kleinen Bachlauf schüttete er sich eine Handvoll des eiskalten, klaren Wassers ins Gesicht, dann lenkte er seine Schritte zurück zum Lager.

Trommelschlag und Lautenspiel empfingen Breac, als er in den Planwagen-Kreis trat. In dessen Mitte brannte ein Kochfeuer, an dem Amias und Farin hockten. Remi schlug die Laute, Louenn einen Schellenkranz in einem immer schneller werdenden Rhythmus, zu dem Syrell mit zwei glänzenden Säbeln herumwirbelte.

Einen Augenblick lang blieb Breac stehen und beobachtete Syrell, dessen Bewegungen so schnell waren, dass sie vor Breacs Augen ineinanderzufließen schienen. Wunderschön, elegant, und wenn es sein musste, auch tödlich. Auf der Bühne mochte Syrell ein akrobatischer Schwerttänzer sein, aber Breac kannte ihn auch anders. Mehr als einmal hatte er ihn kämpfen sehen, nicht nur als Wolf, auch als Mann. Mit seinen Klingen konnte er einem Gegner die Kleidung vom Leib schneiden, ohne ihn zu verletzen – oder ihn mit einem einzigen Degenstoß in die ewigen Jagdgründe befördern.

Breac genoss das Blitzen der wirbelnden Klingen, den Klang der aufpeitschenden Musik. Der Anblick seines Rudels schaffte, was Baumharz und Waldduft nicht vermocht hatten – für den Moment traten Zimt und Honig in den Hintergrund.

Breac klatschte in die Hände, als die Musik mit einem Schellenrasseln endete und Syrell mit zum Himmel erhobenen Klingen innehielt. »Genau das will ich heute Nacht auch sehen. Wunderbar. Das war die letzte Nummer, seid ihr mit allem anderen schon fertig?«

»Vollkommen fertig!« Syrell kam schnaufend auf Breac zu und grinste über das ganze sommersprossige Gesicht. »Sie sind alle wunderbar, mach dir keine Sorgen, Alpha.«

»Nenn mich nicht Alpha.« Breac schlug Syrell freundschaftlich auf die Schulter. »Geh dich waschen, iss was und ruh dich aus.« Er trat ans Feuer. »Farin, das riecht wunderbar, was habt ihr da gezaubert?«

»Mael hat auf dem Markt einen Jäger um ein paar Rebhühner erleichtert. Die Kräuter hat Amias gesammelt«, Farin bedachte seinen Sohn mit einem sanften Blick aus dunklen Augen, »ach, und die Latrinen sind da hinten bei den Fahnenmasten.«

»Wunderbar, eine halbe Weltreise.« Breac setzte sich ans Feuer.

»Alles in Ordnung?« Farin musterte ihn prüfend.

Der einzige Omega im Rudel hatte eine verdammt feine Nase für Stimmungen, Breac wusste das nur zu gut. Dennoch schüttelte er den Kopf. »Ich habe Clennan getroffen, reicht das nicht, um sich zu fühlen wie nach sieben Tagen Regenwetter ohne Dach über dem Kopf?« Er grinste schief.

Farin rollte die Augen. »Ihr könnt einander immer noch nicht ausstehen.«

»Wie er über mich denkt, ist mir herzlich egal, aber ich werde ihn nie ausstehen können. Er ist ein arroganter, selbstherrlicher Mistkerl, der denkt, dass ihm die Welt gehört, nur weil er der oberste Diener des Weltenwolfes ist. Ich glaube immer noch, dass der Weltenwolf sich jedes Mal, wenn Clennan das salbungsvoll behauptet, vor Lachen bepisst.«

»Alpha! Nicht vor dem Kind!« Farin zog ein gespielt entsetztes Gesicht und zuckte zurück, als Amias ein Bündel Karottengrün nach ihm warf.

»Ich bin zwölf, Da. Ich bin kein Welpe mehr!«

»Was ist denn hier los?« Remi trat ans Feuer, wuschelte Amias durch die schwarzen Locken, die er eindeutig von Farin geerbt hatte, und plumpste neben seinem Gefährten ins Gras.

»Breac kann sich nicht benehmen«, maulte Farin, »er bringt unserem Sohn unflätige Worte bei.«

»Na endlich kümmert sich mal jemand um seine Erziehung!« Remi grinste breit, zog Farin zu sich heran und drückte ihm einen langen, unanständigen Kuss auf die Lippen. »Gewöhn dich daran, mein geliebter Gefährte – unser Sohn wächst bei genau dem Volk auf, vor dem unsere Väter uns immer gewarnt haben.«

»Ihr seid unmöglich«, grummelte Breac. »Wann ist die Suppe fertig? Ich verhungere!«

»Sobald jemand Schüsseln und Löffel geholt hat. Hopp, Amias, tu was für deinen Schlafplatz!« Farin gab seinem Spross einen liebevollen Klaps in den Nacken, und Amias flüchtete lachend.

 

Wenig später saß das ganze Gauklerrudel schmatzend und schlürfend um das Feuer herum. Nachdem der letzte Rest aus dem Topf gekratzt war und Amias die Schalen gespült hatte, überraschte Mael alle mit einem riesigen Nusskuchen, den er auf dem Markt gekauft hatte. Bis zum Einbruch der Dämmerung unterhielten sie sich mit Würfelspielen und Geschichten. Erst als die Sonnenwendfeuer eines nach dem anderen entzündet wurden, drängte Breac zum Aufbruch.

Eingehüllt in ihre farbenfrohen Kostüme zogen die Fahrenden Wölfe von Alavenne in die Stadt ein, bejubelt von Einwohnern und Marktvolk. Breac fühlte Stolz auf seine bunte Truppe. Er führte sie, er sorgte für sie, schützte sie und gab auf sie acht, kämpfte für sie, wenn es sein musste. Er war kein Gaukler. Er war ihr Leitwolf, der selbst die Bühne niemals betrat – aber immer dabei war, wenn Remi seine Lieder sang und Farin seine Stimme mit der seines Gefährten zu Klängen verwob, die Herzen zum Schmelzen brachten, Syrell mit seinen Klingen tanzte, Mael und Louenn ihre akrobatischen Kunststücke vorführten und alle Zusehenden atemlos staunen ließen. Wenn Amias mit seinem Pony zeigte, wie gut er mit Pferden umzugehen wusste. Sie, sein Rudel, standen im Licht. Breac bewachte sie in den Schatten, selbst ein Schatten in der Dunkelheit, unsichtbar manchmal, doch immer da.

Heute wäre er am liebsten im Lager geblieben und hätte sich in seinem Planwagen unter den Bettdecken verkrochen.

Kapitel 3

 

Janou

 

Nachdem Clennan ihn endlich gehen lassen hatte, hatte Janou sich in sein Zimmer verkrochen, sich von einigen Novizen einen Sitzzuber bringen und füllen lassen und sich eingeschlossen, nachdem das Jungvolk wieder verschwunden war. Mit Wasser, das beinahe zu heiß war und seine Haut krebsrot färbte, und duftender Kräuterseife versuchte er, sich Clennans Berührungen von Brust und Kehle zu schrubben. Der Geruch verschwand nach einer Weile, aber Janou konnte das Echo der tastenden Finger nicht loswerden, so oft er die Stellen auch wusch. Schließlich beugte er sich vor, tauchte den Kopf in Wasser, wusch sich die Haare und spülte sie wieder aus, dann wickelte er sich in das dicke weiche Handtuch, das die Novizen ebenfalls gebracht hatten, und kauerte sich auf sein Bett.

---ENDE DER LESEPROBE---