5,99 €
Das Schicksal schlägt zu: Bei der Rettung eines Rudelmitglieds trafen die Zwillinge Mael und Louenn auf den geheimnisvollen Omega Rhyn. Leider verschwand der elfenhafte Mann nach der Rettungsaktion und scheint seitdem wie vom Erdboden verschwunden. Nur eines ist von Rhyn geblieben: Der aufregende Duft nach Wald und Erde, der für Mael und Louenn nur eins bedeutet: Rhyn ist ihr Gefährte. Sie müssen ihn finden, denn der Gefährtenduft lässt beide Brüder nicht mehr los und bringt ihr bisheriges so beschauliches Gauklerleben durcheinander. Ein Omega für zwei? Kann das gut gehen?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2022
Ein Omega für zwei
Shelby March
Die Wölfe von Alavenne III
Inhaltswarnungen zu den Büchern von Shelby March und Tina Alba findest Du auf meiner Homepage: www.tina-alba.de.
Rhyn
Er hatte schon wieder diesen Traum gehabt. Rhyn wusste es in dem Augenblick, in dem er erwacht war. Und wie immer hatte er sich an nichts erinnern können. So, als würden die Bilder mit der Rückkehr in die Wirklichkeit aus seinem Gedächtnis getilgt.
Er fror, seine Ballen schmerzten, als sei er stundenlang gerannt, und obgleich er geschlafen haben musste, fühlte er sich so erschöpft, dass er die Augen wieder schloss und den Kopf auf die Pfoten sinken ließ, während er dem stetigen, sanften Geräusch um ihn herum lauschte: Ein sachtes Rauschen und Knistern, wie Wind in trockenem Laub. Ein Laut, der ihn an Kraft, Leben und Wachstum erinnerte, während er seine eigene Kraft schwinden fühlte, als würde sie unaufhörlich aus ihm hinausrinnen und im Boden unter ihm versickern. Um dem Wuchern um ihn herum Nahrung zu geben.
Leben. Wachstum.
Rhyn riss die Augen auf, als andere Erinnerungen mit einem Schlag zurückkehrten. Nicht die an seinen Traum. Die an den Albtraum, in den sich sein Leben vor so vielen Jahren verwandelt hatte. Und an dessen Ende, das er selbst herbeigeführt hatte.
Nur, dass es nicht wirklich ein Ende gab.
Rhyn hob die Nase und witterte, stemmte sich auf die Pfoten und blickte sich um. Um ihn herum wucherten Winterrosen. Sie hatten ihn eingehüllt wie in einen schützenden Kokon, hatten ihr Wachstum langsam und beharrlich fortgesetzt, während er wie ein Toter geschlafen hatte.
Namen flammten in seinen Gedanken auf. Gesichter erschienen und verblassten wieder. Lian. Syrell. Wynard Drachenwolf und seine Betas.
Zwei Gesichter blieben, zusammen mit der Erinnerung an einen Duft, von dem Rhyn wusste, dass er ihn niemals wieder vergessen würde. Zwei Silberwölfe, schön wie Sterne und stark wie Krieger. Eis und Frost lagen in ihrem Duft, ein Hauch Würze wie Zimt und Nelken. Mael und Louenn.
Rhyn jaulte auf. Ich habe sie weggeschickt. Weltenwolf, bitte lass sie tatsächlich fort sein! Ich ertrage es nicht, ihnen noch einmal zu begegnen. Es kann, es darf nicht sein.
Sie hatten gekämpft. Rhyn erinnerte sich an jede Einzelheit. An alles, was geschehen war, nachdem Wynard Drachenwolf, sein Alpha, mit diesem Gefangenen nach Hause gekommen war. Diesem Mann, den er so lange schon gesucht hatte: Lianfhar Sonnenwolf, Sohn des Erzfeindes, den Wynard doch schon vor so vielen Jahren vernichtet hatte. Noch bevor Rhyn überhaupt zu seinem Rudel gekommen war.
Bei dem Gedanken an Wynard stieg Übelkeit in Rhyn auf und brachte die Erinnerung an gierige Küsse und unbarmherzig zupackende Hände zurück. Er schüttelte sich, doch die Gedanken ließen sich nicht vertreiben. Lassen wir doch einen kleinen Omega auf einen anderen kleinen Omega aufpassen, hatte Wynard gesagt, und seine Betas waren in grölendes Gelächter ausgebrochen.
Natürlich hatten sie Rhyn nicht allein die Verantwortung für den Gefangenen übertragen, er war nur der, der ihm Essen bringen und seinen Notdurfteimer leeren sollte.
Niemand hat damit gerechnet, dass ich versuchen würde, ihn zu befreien. Doch genau das hatte Rhyn getan – den Gefangenen befreit, um Wynards Pläne zu durchkreuzen, um zu verhindern, dass dieser junge Omega ebenso qualvoll starb, wie der Mann, der ihn geboren hatte, nur um Wynards seit Jahren zu tiefem, schwarzem Wahnsinn herangezüchtete Rachegelüste zu befriedigen.
Ich habe Lian befreit und mit ihm und seinem Rudel gekämpft, das nach ihm gesucht hatte und ihm zur Hilfe gekommen war, gerade, als ich es geschafft hatte, uns aus dem Keller herauszubringen. Ich habe mit ihnen Seite an Seite gekämpft. Nachdem ich dazu gezwungen worden war, sie mit Giftpflanzen aufzuhalten. Und dann …
Rhyn jaulte erneut. Noch immer spürte er, was er freigesetzt hatte. Den wilden Zauber, der in ihm wohnte und von dem er immer gedacht hatte, er hätte ihn unter Kontrolle.
Doch die Magie war ihm entglitten, in dem Augenblick, als dieser Duft in seine Nase gedrungen war. Dieser Duft nach Frost und Winter. Nach nahem Schnee in der Luft und einer süßen Mischung aus Zimt und Nelke. Und nach noch etwas anderem, Namenlosen, für das Rhyn keine Worte fand und doch wusste, dass es ein Wort dafür geben musste. Es hatte ihn ins Herz getroffen, dieses Namenlose, und hatte ihm die Macht gegeben, die Pflanzen auf eine Weise wachsen zu lassen wie niemals zuvor.
Rhyn hatte diese Kraft genossen und mit beiden Händen gepackt, hatte sie gegen den gerichtet, der sein Leben in den vergangenen zwölf Jahren zu einem Abbild der Unterwelt gemacht hatte. Bis zu dem Augenblick, in dem er keine Feinde mehr sah, gegen die er die unbändige Macht der wuchernden Winterrosen richten konnte, und sie sich selbst gegen die wandte, die er hatte schützen wollen.
Rhyn erinnerte sich nur noch daran, dass er Lian und seine Freunde geradezu angefleht hatte zu verschwinden. Dann hatte eine weitere, wilde Macht von ihm Besitz ergriffen, ihn in die Wolfsform gewandelt, und er war ebenfalls geflohen, weg von Lian, weg von dessen Freunden – und fort von den beiden Silberwölfen mit dem Duft nach Frost und Würze.
Noch nie in seinem Leben hatte Rhyn sich so verlassen gefühlt wie in diesem Augenblick. Instinktiv ahnte er, dass er fortgeschickt hatte, was ihm Schutz geben konnte. Dass er vor etwas geflohen war, was er eigentlich in die Arme schließen sollte. Nur wie, wenn der Zauber nicht aufhören wollte, aus ihm hinauszuströmen, wenn die Winterrosen immer weiter und weiter wucherten?
Ich muss hier weg. Wenn ich von hier verschwinde, wenn ich meine Verbindung zu diesem Ort durch Entfernung löse, dann hört es ganz sicher auf. Ich muss fort von hier, und ich darf sie nicht wiedersehen, ich muss verhindern, dass sie mich finden! Sie bringen alles durcheinander. Vor allem mich.
Entschlossen berührte Rhyn die Wand aus fahlgrünen Winterrosenranken mit der Schnauze. Sie zogen sich zurück, bildeten einen Spalt und glitten umgehend wieder zu undurchdringlicher Hecke zusammen, nachdem Rhyn seinen schmalen Wolfskörper hindurchgezwängt hatte.
Über ihm wölbte sich sternendurchdrungen und frostklar der Nachthimmel. Vollmondlicht überflutete den Ort, der einmal die Zuflucht des Drachenwolfrudels gewesen war. Ein Hauch frisch gefallenen Schnees ließ alles um Rhyn herum wie verzaubert glitzern. Nichts erinnerte mehr daran, dass es hier einmal ein altes Anwesen gegeben hatte. Winterrosenranken hatten den Bau überwuchert, diese seltsame Mischung aus Burg und Gutshaus. Nur Wynards Banner ragte noch aus dem blassgrünen Gewirr von Blättern und Blüten hervor, bewegte sich träge im Nachtwind und würde schon bald ebenfalls von den Ranken verschlungen sein. Rhyn konnte ihnen dabei zusehen, wie sie frische Blätter bildeten, während an anderer Stelle welche verdorrten. Vor seinen Augen öffneten sich Knospen zu frostig weißen Blüten. Es hörte nicht auf. Es würde niemals aufhören. Er hatte verhindert, dass Lian unter diesem Vollmond zu Tode gequält wurde – aber ebenso hatte er verhindert, dass er selbst, Rhyn, jemals Frieden finden würde.
Er unterdrückte ein neuerliches Aufheulen, hob die Nase in den Wind und witterte. Er zitterte, voller Furcht, den Duft nach Frost und Gewürzen zu finden, doch er roch nichts als das klare, frische Aroma der Winterrosen, den herben Duft des nahen Nadelwaldes und seine eigene Angst. Ganz gleich wohin, er musste fort von hier.
Er klammerte sich an die vage Hoffnung, dass es das Wachstum der Rosen aufhalten würde, wenn er floh. Rhyn ließ ein letztes Mal den Blick über das winterrosenüberwucherte, frostüberzogene Gelände schweifen. Verharrte einen Moment lang, als er die einzige Winterrosenranke mit blutroten Blüten bemerkte. Dort lag unter all dem Blassgrün Wynard Drachenwolfs toter Körper, begraben unter Dornen. Rhyn schauderte, sein Nackenfell sträubte sich, die Haare auf seinem Rücken richteten sich auf. Er wirbelte herum und rannte in den Wald hinein. Er achtete nur darauf, nicht in die Richtung zu laufen, in die Lian und seine Freunde verschwunden waren, Mael und Louenn, deren Duft ihm nicht aus dem Kopf gehen wollte. Nein, er durfte nicht an die beiden denken, denn sonst würde die Sehnsucht in ihm wieder aufflammen, sich an diese Wölfe zu schmiegen und sich in ihrer Nähe einfach fallen zu lassen. Aber es war ihre Nähe gewesen, die seinen Zauber so entfesselt hatte, dass er ihn nicht wieder beruhigen konnte. Nein, er durfte es nicht riskieren, ihnen erneut zu begegnen. Er musste fort.
Rhyn tauchte in das dunkle, schneebepuderte Grün hinein, an dem bereits Winterrosenranken leckten, direkt ins Unterholz, das ihn vor weiterem Schnee und Kälte schützen würde. Laufen, einfach nur laufen, so schnell und so lange er konnte, um möglichst viel Abstand zwischen sich und die ehemalige Zuflucht der Drachenwölfe zu bringen. Die Welt würde sie vergessen, würde nur noch einen überbordenden Winterrosenhain vorfinden und diesen vielleicht für ein Naturwunder halten. Vergessen war gut. Auch Rhyn wollte vergessen, dass es Wynard Drachenwolf gegeben hatte, dass er den Silberwölfen begegnet war und ihren Duft wahrgenommen hatte. Vor allem diesen Duft. Mehr als alles andere wollte Rhyn ihren Duft vergessen.
Er lief die ganze Nacht, bis er im Morgengrauen erschöpft und außer Atem unter den tief hängenden Ästen einer Kiefer zusammenbrach. Er konnte nicht mehr weiter, nicht einen Schritt. Hunger wühlte in seinen Eingeweiden. Er war nur gelaufen, hatte sich keine Zeit genommen zu jagen.Die Versuche hätten ihn nur aufgehalten und am Ende wahrscheinlich nichts gebracht. Viel zu selten hatte er bisher in Wolfsgestalt gejagt, Wynard hatte ihn so gut wie nie mitgenommen auf größere Beutezüge in Wolfsgestalt, und wenn doch, dann war immer einer der Betas an seiner Seite gewesen und hatte die blutige Arbeit erledigt, sobald es ihm gelungen war, irgendein kleines Tier aufzuscheuchen. Herr der Hasen hatten sie ihn voller Spott genannt. Rhyn wusste, dass er alles war, aber kein Hasenjäger. Ohne die Betas wäre ihm sogar ein dreibeiniger Hase mit Leichtigkeit entkommen.
Mit einem leisen Heulen ließ Rhyn den Kopf auf die zitternden Pfoten sinken und schloss die Augen. Schlafen, er wollte nur noch schlafen. Die trockenen Nadeln unter der Kiefer fühlten sich weich und warm an, die Äste des Baums würden ihn schützen. Er war so müde, dass er trotz des nagenden Hungers von einem Moment zum anderen in bleiernen Schlaf fiel.
Im Traum lief er Seite an Seite mit den beiden Silberwölfen und badete in ihrem Duft nach Frost und Würze. Rhyn ließ sich fallen. Die Silberwölfe beschützten ihn, und er wollte nichts anderes, als sich von ihnen beschützen zu lassen.
Rhyn erwachte von seinem eigenen Zittern. Trotz seines dichten Wolfsfells war ihm kalt. Als er die Augen öffnete, sah er seinen eigenen Atem in weißen Wolken von seiner Schnauze aufsteigen. Um seine Kiefer herum war der Boden mit frischem Raureif bedeckt, ein feiner weißer Hauch lag auf jeder einzelnen Nadel und bedeckte sie mit winzigen Kristallschönheiten. Über Nacht hatte der Wald sich in einen verzauberten Garten aus Frost verwandelt. Schnee so fein wie Puderzucker, überall. Wunderschön. Und so verdammt kalt.
Rhyn erhob sich mühsam, streckte die Glieder und schüttelte sich. Vorsichtig blickte er sich um, immer in der Erwartung, Winterrosen zu sehen. Da war nichts als wilder Wald, Tannen, Kiefern, kahle Laubbäume, am Boden reifüberzogen trockenes Laub und Tannennadeln. Keine Winterrosen. Rhyn ließ den angespannt angehaltenen Atem entweichen. Er hatte so einen Hunger, dass sein Magen sich vor lauter Gier selbst aufzufressen schien. Er musste jagen. Musste es wenigstens versuchen.
Rhyn verließ seinen Unterschlupf und witterte. Die Luft roch nach Frost und nach Wald, nach den Spuren kleiner Tiere und letzten in der Kälte verdorrenden Beeren. Und da war noch etwas, ganz schwach nur, aber Rhyn konnte es deutlich wahrnehmen: Rauch. Brennendes Holz. Ein Lagerfeuer vielleicht oder sogar ein Dorf? Rhyn schüttelte sich erneut. Er erinnerte sich nicht, wie weit das nächste Dorf westlich vom Hort der Drachenwölfe entfernt lag. Viel zu selten hatten sie ihn mitgenommen. Rhyn riss sich zusammen und nahm die Spur auf, er folgte dem Rauchgeruch, und zugleich achtete er auf die Fährten kleiner Tiere. Gegen den übelsten Hunger halfen gefrorene, schon beinahe ausgetrocknete Brombeeren, die er behutsam von den stacheligen Ranken zupfte, und der frostüberzogene Rest von etwas, das in der Nacht wohl Opfer eines größeren Räubers geworden war. Viel zu wenig, aber genug, um ihm die Kraft zu geben, weiter zu laufen.
Er wusste, wenn er sich weiter Richtung Nordwesten hielt, würde er auf den Fluss Lorne stoßen, an dessen Ufern mehrere kleine Dörfer und vereinzelte Ansammlungen von Gehöften lagen, aufgereiht wie Perlen auf einer Schnur. Der Gedanke behagte ihm nicht, aber er musste so schnell wie möglich wieder in seine Menschengestalt wechseln – Wynard und seine Betas hatten ihm nie wirklich Gelegenheit gegeben, in seiner Wolfsform Erfahrungen zu sammeln, zu jagen, zu überleben.
Rhyn schnaubte, wenn er daran dachte, worin sie ihn hatten Erfahrungen sammeln lassen. Dem Weltenwolf sei Dank, dass das nie dazu geführt hat, wofür Omegas seiner Meinung nach geschaffen sind. Er schnaubte erneut, hob die Nase in den Wind, sog tief den Rauchduft ein und folgte dem herben Aroma. Er würde stehlen müssen, irgendwie musste er an einfache Kleidung kommen. Vielleicht würde er eine Gelegenheit finden, sich dafür erkenntlich zu zeigen. In den Wintermonden wurden immer Heilkräuter benötigt, und gerade die besonders seltenen, wirkungsvollen konnte sich die oft arme Landbevölkerung nicht immer leisten. Wärme erfüllte Rhyn – ja, er würde stehlen müssen, aber wenn er Lungenkraut bei den Bestohlenen zurückließ, oder Wundwurz, dann war es doch eher ein Tauschhandel als ein Diebstahl. Dumm nur, dass er erst die Kleidung brauchte, bevor er sich wandeln konnte, um seine Kraft zu rufen, um die heilenden Pflanzen wachsen zu lassen. Er musste es wagen, obwohl bei dem Gedanken an seine Gabe die Bilder wild wuchernder Winterrosen wieder vor seinem geistigen Auge erschienen.
Ich darf nicht zulassen, dass meine eigenen Kräfte mir solche Angst machen. Ich hatte sie immer unter Kontrolle, ganz gleich, was Wynard von mir wollte. Sie sind erst mit mir durchgegangen, als die Zwillinge in meiner Nähe waren. Und mir ihr Duft in die Nase gestiegen ist. Verdammt noch mal, warum kann ich diesen Duft nicht vergessen? Rhyn schüttelte sich, wollte die Erinnerung an das Winterwaldaroma der Brüder aus seinen Gedanken schleudern – und konnte es nicht. Tief atmete er den Rauchgeruch ein und trabte weiter über raureifbedeckten Waldboden. Er musste Menschen finden.
Mael
Wir könnten jetzt in einem gemütlichen Kaminzimmer sitzen und Glühwein trinken, uns von Amias beim Würfelspiel abzocken lassen und zu später Stunde mit einem herrlichen Schwips in ein warmes Bett sinken und übereinander herfallen. Und was machen wir? Rumpeln von übellaunigen Pferden gezogen bei einem götterverdammten Dreckwetter durch den Wald und suchen … Mael seufzte. Er strich sich eine feuchte Haarsträhne aus der Stirn, zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und versuchte, im feinen Schneegestöber mehr zu erkennen als die breiten Hinterteile der beiden Zugpferde, die in gemächlichem Trott den Waldweg entlang zockelten. Dampf stieg von ihren Mäulern. Für die Nacht würden sie einen geschützten Unterstand brauchen, oder die Tiere würden krank werden. Dennoch – es war richtig, dass sie den Wagen genommen hatten, so hatten sie immer einen Unterschlupf dabei. Selbst falls ihre Suche nicht lange dauern würde, bei diesem Wetter war ein warmer, geschützter Schlafplatz Gold wert. Mael hoffte inständig – für sich selbst und Louenn –, dass sie Rhyn bald ausfindig machen würden.
Rhyn, den seltsamen Omega mit der geheimnisvollen, unglaublichen Gabe, ohne dessen Hilfe es ihnen vermutlich nicht so einfach gelungen wäre, das Rudel der Drachenwölfe zu besiegen und Syrells Gefährten von seinen Erbfeinden zu befreien.
Was heißt hier eigentlich besiegen?
Mael schauderte, nicht nur wegen der Kälte, die ihm immer mehr in die Glieder kroch, je länger er in kaltem Wind und Schneetreiben auf dem Kutschbock kauerte.
Schließlich haben wir nicht allein gekämpft. Die meiste Arbeit hat der Wald für uns erledigt. Der Wald und eine Unmenge von Winterrosen. Und Rhyn. Verdammt, Rhyn. Wo beim Weltenwolf steckst du nur?
Mael musste nur für einen Moment die Augen schließen, und die Bilder waren wieder da – Winterrosenranken, die wie lebendig geworden und von unsichtbarer Macht gelenkt ihre Gegner umwucherten und wie Würgeschlangen erdrückten, sie festhielten und daran hinderten zu fliehen. Die innerhalb weniger Augenblicke ein ganzes Anwesen unter ihrer wild wachsenden Masse begraben hatten.
Er hat nicht nur Lian gerettet, er hat uns alle gerettet mit seiner Gabe. Und dann sein Duft. Verdammt, dieser Duft!
Ein Duft nach auflebendem Wald im Frühling, wie schwere, fruchtbare Erde. Er hatte Mael nicht mehr losgelassen, seit er ihn zum ersten Mal wahrgenommen hatte in dieser Nacht, in der sie Lian aus den Fängen der Drachenwölfe befreit hatten. Und Louenn auch nicht.
Maels Wolf heulte stumm. Pure Sehnsucht riss an ihm. Er wollte diesen Duft wieder einatmen, wollte Rhyn nicht nur ansehen, sondern ihn endlich berühren. Erfahren, ob sein aschblondes Haar wirklich so seidig war, wie es ausgesehen hatte. Ob seine Augen wirklich dieses wunderbare Waldgrün hatten, das von goldenen Punkten durchsetzt war, als würden Sterne in ihnen scheinen. Alles in ihm wollte Rhyn beschützen. Wollte wissen, warum der Omega vor ihnen geflohen war.
War es wirklich so, wie Lian vermutet hatte? Dass Rhyn es ebenfalls erkannt hat und unser Duft ihn so sehr verwirrt hat, dass er die Kontrolle über seine seltsame Gabe verloren hat? Verdammt.
Das kleine Fenster hinter dem Kutschbock öffnete sich mit leisem Quietschen, und Louenn steckte den Kopf hindurch. »Igitt, was für ein Dreckwetter!«
»Ach«, brummte Mael.
»Soll ich dich ablösen?« Louenn blinzelte. »Wo sind wir eigentlich?«
»Keine Ahnung.« Mael zuckte mit den Schultern. »Wir haben vor einer Weile die Lichtung mit Gavans Grab passiert, und wenn ich nicht vollkommen den Orientierungssinn verloren habe, müssten wir uns jetzt auf dem Weg zum Gutshof der Drachenwölfe befinden.« Er unterdrückte ein Schaudern. Falls Rhyn sich immer noch dort aufhielt und seine Gabe noch länger verrückt gespielt hatte – wie mochte es jetztdort aussehen? Er richtete den Blick auf schneebepuderte Bäume und Büsche, die den Weg säumten. Nur die Tannen und Fichten trugen ihr grünes Kleid noch, die Bäume verloren zusehends ihre bunten Blätter, und das meiste Gestrüpp war kahl. Am ersten Morgen nach ihrem Aufbruch hatte bereits Raureif den Wald überzogen, und es war empfindlich kalt geworden.
»Halt mal an, ich komme raus. Du solltest reingehen und dich aufwärmen.Im Ofen ist noch Glut, und ich habe Tee gekocht.«
Mael zügelte die Pferde. »Ich bin nicht müde. Mir ist nur kalt. Bring mir einfach einen Becher Tee und was zu beißen mit und übernimm eine Weile die Pferde.« Er wartete, bis Louenn sich neben ihm auf den Kutschbock gequetscht hatte, dann tauschte er die Leinen gegen einen heißen Tee und eine dicke Scheibe Hartwurst aus. »Du machst dir Sorgen«, stellte er mit einem Blick auf Louenns übernächtigt wirkendes Gesicht fest.
Zugleich wusste er, dass seine eigenen Augenringe denen seines Bruders Konkurrenz machen konnten – sie hatten beide miserabel geschlafen, seit sie von Lians spektakulärer Befreiung wieder zurückgekehrt waren. Lange hatte es sie beide nicht in Rudelheim gehalten. Sofort, nachdem Lian und Syrell ihr Gefährtenband im heiligen Hain nahe der Burg geschlossen hatten, hatten sie ihre Sachen gepackt und waren aufgebrochen. Für Maels Gefühl bereits viel zu spät. Rhyn konnte inzwischen sonstwo sein.
Louenn grinste selbstironisch. »Du nicht?«
»Und wie.«
Louenn brummte etwas, das wie wusste ich es doch klang und trieb die Pferde an.
Langsam rumpelte der Wagen weiter den sich windenden Weg entlang. Inzwischen wussten sie, dass es Rhyn gewesen war, der diesen Pfad mit Dornenbüschen gesäumt und diese Dornenbüsche auch wieder verschwinden lassen hatte.
Seiner Gabe mussten es die Drachenwölfe zu verdanken gehabt haben, dass niemand ihren Unterschlupf im Wald gefunden hatte.
Die Drachenwölfe.
Mael wollte das Gesicht verziehen bei dem Gedanken an die Feinde von Lians Familie, deren Alpha nicht nur Lians Vater, seinen Da und sein ganzes Rudel auf dem Gewissen hatte, sondern auch ganz sicher nicht sehr sanft mit Rhyn umgegangen war. Mael leerte den Becher und schob ihn unter den Kutschbock. »Lou?«
»Mhm?«
»Woher, glaubst du, kommt Rhyn? Ich meine nicht den Hort der Drachenwölfe, sondern woher er stammt, von welchem Rudel? Ich habe noch nie von einem Wandler mit seinen Fähigkeiten gehört. Und nichts über so eine Gabe stand in Remis Büchersammlung.«
Louenn hob die Schultern. »Lian sagte, Wynard hätte Rhyn gefunden, in sein Rudel geholt, weil er seine Fähigkeiten brauchen konnte. Und er hat ihn gequält. Hat ihn missbraucht und ihn auch seinen Betas als Spielzeug überlassen. Ihn dazu gezwungen, überall diese Dornen zu erschaffen.« Er schauderte, Mael konnte es ganz deutlich spüren.
»Finden wir ihn?«
»Und wenn wir bis ans Ende der Welt ziehen müssen.« Louenn hielt die Zügel mit einer Hand, die andere legte er auf Maels. »Wir finden ihn, Bruder. Wir werden nicht ohne ihn zurückkehren.«
»Was, wenn er nicht mehr dort ist?« Mael hatte sich noch nie so hilflos gefühlt, und es gefiel ihm ganz und gar nicht. »Wo sollen wir suchen?«
Der Griff von Louenns Fingern verstärkte sich. »Dann durchkämmen wir den Wald und drehen jeden Stein um, schauen unter jeder Baumwurzel nach. Folgen seinem Duft. Wenn Lian recht hatte und er wirklich in Hitze geraten ist, weil er gespürt hat, dass unser Duft ihn ebenso ruft wie seiner uns, dann kann er nicht weit sein. Ich denke, er wird sich irgendwo auf dem Anwesen verkrochen haben. Mit seiner Gabe kann er sich doch mühelos einen Unterschlupf wachsen lassen, der in vor Wind und Wetter schützt. Und als Wolf kann er jagen. Er ist ein Omega, aber er ist nicht hilflos. Unterschätze ihn nicht. Denk dran, dass er allein Lian befreit hat. Dass er es war, durch den wir so glimpflich aus dem Kampf gegen Wynards Bande herausgekommen sind.«
»Ich denke an nichts anderes, Lou!« Mael lehnte sich an seinen Bruder und blickte den gewundenen Weg entlang, auf dem der Wagen rumpelnd weiterzuckelte. Bald würde die Nacht hereinbrechen. Er hoffte, dass sie bis dahin das Gelände des ehemaligen Drachenwolfanwesens erreicht hatten. Sofern Rhyn dort nicht alles hatte zuwuchern lassen, würden sie genug Platz zum Lagern finden. Wasser für die Pferde, vielleicht Heu in einem Schuppen. »Was werden wir tun, wenn wir ihn finden?« Wenn. Nicht falls. Falls war keine Option. Sie würden Rhyn finden. Und mit ihm reden. Ihm irgendwie klarmachen, dass …
Louenn stieß den Atem aus, eine Nebelwolke formte sich vor seinen Lippen. »Ihn bitten, nicht wieder abzuhauen. Mit ihm reden. Ihn kennenlernen. Versuchen, ihm irgendwie zu erklären, dass er, wenn er es denn will, zwei Gefährten bekommt.«
»Der Glückspilz.« Mael grinste ironisch. »Das wird hoffentlich nicht zu kompliziert.«
Louenn drückte seine Hand. »Nicht zwischen uns, Bruder.« Fest blickte der Mael in die Augen, und Mael spürte die Liebe, die Verbindung, die seit ihrer Geburt zwischen ihnen herrschte, wie eine warme Umarmung. »Wir sind gerade dabei, unser erstes Problem zu lösen«, fuhr Louenn fort, »Und du bist schon bei Problem einhundertdreiundzwanzig. Der Weltenwolf hat dafür gesorgt, dass unsere Wege sich kreuzen, der Weltenwolf wird auch weiterhin unsere Schritte lenken.«
»Nicht zwischen uns«, wiederholte Mael, hob die Hand seines Zwillingsbruders an seine Lippen und küsste die Fingerspitzen, bevor er sie wieder losließ. »Nichts wird zwischen uns stehen, auch kein Gefährte, nicht wahr? Entweder er will uns beide, oder …«
»Oder gar keinen.« Louenns Augen leuchteten. »Eigentlich war es doch klar, nicht wahr?«
»Was?« Mael lenkte die Pferde um eine weitere enge Kurve auf dem gewundenen Pfad auf dem Weg zum ehemaligen Anwesen der Drachenwölfe.
»Dass der Weltenwolf es so fügt, weil wir Zwillinge sind. Dass wir beide denselben Duft als Gefährtenduft erkennen. Wir müssen ihn nur finden.«
»Und davon überzeugen, in Zukunft sein Leben mit zwei Spinnern wie uns zu teilen.« Mael grinste und erntete einen Unschuld heuchelnden Blick von Louenn. »Wenn hier einer ein Spinner ist, dann mein kleiner Bruder!«
»Nenn mich nicht klein, nur weil du unserem Da als Erster aus dem Bauch gekrochen bist!« Er knuffte Mael liebevoll in die Rippen und erntete eine ebenso liebevolle Kopfnuss. »Wir müssten bald da sein.«
»Willst du wirklich dort unser Lager aufschlagen?« Mael unterdrückte ein Schaudern. Er hielt sich ganz gewiss nicht für feige, doch was auf dem Anwesen der Drachenwölfe geschehen war, jagte ihm noch immer eine Gänsehaut über den ganzen Körper.
»Hast du Angst vor wild wachsenden Pflanzen?« Louenn lachte leise. »Oder denkst du wir, rennen in einen Hinterhalt?«
»Genau.« Mael kaute auf seiner Unterlippe. »Was, falls die doch nicht alle tot sind? Wenn es nur so ausgesehen hat? Wenn im Haus jemand überlebt hat?«
»Ihr Alpha ist tot. Was bindet sie noch an diesen Ort? Nein, ich denke nicht, dass da noch jemand ist. Das heißt, natürlich hoffe ich, dass da noch jemand ist, nämlich Rhyn!«
»Das hoffe ich auch. Ich hätte wirklich nicht länger warten wollen. Am liebsten wäre ich gar nicht erst wieder mit den anderen umgekehrt!«
»Du weißt, dass es Unfug gewesen wäre, umgehend nach ihm zu suchen. Wir waren in Wolfsgestalt, ohne Ausrüstung, ohne Kleider. Und ohne einen Plan für den Fall, dass wir ihn auf dem Anwesen nicht finden.«
»Den haben wir jetzt, wenn ich dich daran erinnern darf, geliebter Zwilling, auch nicht.« Mael verengte die Augen und spähte den schattigen Pfad entlang. Musste dieser sich nicht langsam zum Vorhof des Gutshofes öffnen, auf dem die Drachenwölfe, Lians Erzfeinde, sich eingenistet hatten? Doch voraus erblickte er nichts als helles Silbergrün, durch das sich kaum erkennbar schmale Trampelpfade zu schlängeln schienen. Inmitten des Winterrosengewuchers erhob sich ein kleiner Hügel, ebenfalls zugewachsen mit dem bleich schimmernden Grün. Er zügelte die Pferde. »Nein«, murmelte er, »da lebt ganz sicher niemand mehr … sieh dir das an, Lou – das Haus müsste hier sein, am Ende des Pfades. Aber ich sehe nichts als Winterrosen.«
Louenn kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Der Schneefall hatte inzwischen nachgelassen. Die Winterrosen machten ihrem Namen alle Ehre – Schneekristalle hingen an ihren haarigen Blättern, hier und da lugten weiße Blüten aus dem Dickicht, die selbst wie Schneeflocken aussahen. Wunderschön. Zauberhaft. Beängstigend.
Die Winterrosen waren überall. Mael hatte das Gefühl, seine Gänsehaut müsste durch seine gefütterte Lederkleidung stacheln. Das weiche Haar in seinem Nacken sträubte sich. Deutlich sah er seinen inneren Wolf vor sich, das Rückenhaar zu einem eindrucksvollen Kamm aufgerichtet und leise knurrend. »Hier stimmt was nicht«, murmelte er heiser.
»Natürlich stimmt hier was nicht«, gab Louenn ebenfalls leise zurück. »Rhyn konnte seine Gabe nicht mehr kontrollieren. Ich glaube, wir sehen hier gerade das Wirken dessen, was in den alten Legenden als wilder Zauber bezeichnet wird.« Er atmete tief durch.
Mael zuckte zusammen, als die Gedanken seines Bruders zu seinen eigenen wurden. »Du glaubst, es könnte ihn umgebracht haben.«
Louenn schluckte hart, schwieg aber. Sanft nahm er Mael die Leinen aus den Händen und trieb die Pferde weiter, bis sie an die Stelle kamen, an denen sich die Winterrosenbüsche so weit über den Pfad neigten, dass er für Wagen und Pferde zu schmal wurde.
In Maels Magen nistete sich die Kälte ein. Was, wenn der außer Kontrolle geratene Zauber Rhyn vollkommen ausgelaugt hatte? Er hatte bemerkt, dass es den zarten Omega Kraft gekostet hatte, die Pflanzen wachsen zu lassen, mit deren Hilfe es ihnen gelungen war, Wynard Drachenwolf und seine Männer zu besiegen und damit Lian zu befreien.
Irgendwo in all dem Gewirr lag Wynard Drachenwolfs Leiche begraben unter Winterrosen, blutrote Blüten dort, wo unter all dem Silbergrün und Schnee seine aufgerissene Kehle war. »Jetzt sehe ich, warum er uns geradezu angefleht hat zu fliehen«, murmelte Mael und berührte behutsam eine der Rosenblüten, die unter seinen Fingern frostig knirschte. Er lauschte und glaubte, leises, andauerndes Rascheln und Knistern zu vernehmen, das ihm zuvor unter dem Hufschlag der Pferde nicht aufgefallen war. »Sie wachsen immer noch«, murmelte er.
Louenn blickte sich um und witterte, schließlich fasste er die Zügel fester und begann, den Wagen zu wenden.
»Was machst du denn?«
»Ganz ruhig. Ein kleines Stück zurück weitete sich der Pfad ein wenig. Dort ist Platz für ein Lager. Noch nicht so viele Rosen. Wenn sie tatsächlich immer noch unter Rhyns Zauber stehen, könnte es sein, dass sie schneller als gewöhnlich wachsen. Ich will nicht ebenso von ihnen eingewuchert werden wie die armen Schweine, die es nicht mehr aus dem Gutshaus geschafft haben.«
»Ernsthaft? Du bedauerst den Tod dieser Leute? Das waren Drachenwölfe. Lians Feinde. Und sehr wahrscheinlich auch welche von denen, die Rhyn wehgetan und ihn missbraucht haben.«
Louenn blickte ihm ernst in die Augen. »Trotzdem möchte ich nicht so sterben, wie sie höchstwahrscheinlich gestorben sind. Hass- und Rachegedanken nützen Rhyn nicht und werden uns nicht helfen, ihn schneller zu finden.«
Mael biss die Zähne zusammen und nickte. »Falls wir ihn denn überhaupt finden. Weltenwolf, er darf nicht tot sein.« Allein der Gedanke jagte einen stechenden Schmerz durch Maels Brust. Er wollte Rhyn finden, lebend, wollte in seine wunderschönen laubgrünen Augen blicken und seinen Duft atmen, dieses herrliche Aroma von Wald und Erde, von Natur und Wachsen. Rhyn duftete nach Leben. Mael weigerte sich, die Vorstellung zuzulassen, der wilde Zauber habe ihn umgebracht.
»Wir finden ihn«, sagte Louenn leise. Inzwischen hatten sie den Ort erreicht, an dem der Pfad sich weitete. Nur noch wenige Winterrosen lugten vereinzelt zwischen Tannen und kahlen Laubbäumen hervor. Das Unterholz war hier lichter, sie würden genug Bruchholz für ein Lagerfeuer finden und konnten leicht unter den Bäumen einen Unterstand für die beiden Zugpferde errichten. »Jetzt bleiben wir erst einmal hier. Es dämmert, und ich möchte nicht im Stockfinsteren zwischen den Rosen herumkriechen.«
»Ich habe Trampelpfade gesehen.«
»Wir sehen es uns morgen bei Tageslicht an. Sobald die Sonne aufgegangen ist, sehen wir auch, was wir tun.«
»Sag mir noch einmal, dass wir ihn finden, Bruder.«
Statt sofort zu antworten, legte Louenn seine Arme um Maels Schultern, zog ihn an sich und küsste ihn.
Mael seufzte stumm, ließ die Umarmung zu und erwiderte den Kuss. Er atmete den Duft von Winter und Frost und diesen leichten Hauch von Nelken, den Louenn verströmte. Ein vertrauter Duft, den er seit seiner Geburt kannte und dem es immer gelang, ihn zu beruhigen.
Louenn unterbrach den Kuss. »Wir finden ihn«, murmelte er unter harschen Atemzügen. »Und jetzt lass uns das Lager aufbauen und alles sichern, sonst, das schwöre ich, werde ich hier und jetzt über dich herfallen, um diese trüben Gedanken aus deinem Kopf zu verscheuchen!«
»Ich hätte rein gar nichts dagegen«, murmelte Mael, zog Louenn an sich und küsste ihn erneut, hungrig, tief, er stieß mit der Zungenspitze an Louenns Lippen.
Willig ließ Louenn Maels Zunge ein, ließ sich in den Kuss fallen, gab sich ihm hin.
Fast glaubte Mael schon, Louenn würde seine Drohung wahr machen, doch dann löste er sich schwer atmend wieder und schob Mael von sich. »Lager«, keuchte er. »Jetzt. Alles andere später.«
»Ich will dich. Ich brauche dich, Lou.«
»Ich dich auch. Also beeilen wir uns besser!«
Rhyn
Geschützt vom dichten Buschwerk des Waldrandes drückte Rhyn sich auf den Boden, den Blick auf das Dorf vor ihm gerichtet. Ein Flecken, so klein, dass er sich nicht erinnern konnte, ob dieser Ort schon zu denen gehörte, die einen Namen hatten, oder einfach nur eine Ansammlung von Häuschen und Gehöften rund um einen Tempel oder den Landsitz eines niederen Adeligen darstellte. Für eine Palisade hatte es zumindest nicht gereicht. Rhyn schnüffelte, langsam verließ er seine Deckung und hielt sich in den Schatten, während er sich den Behausungen näherte. Viele Menschen würden nicht mehr unterwegs sein. Den Tag über hatte es dicke Flocken geschneit, und nun hing eine unangenehm feuchte Kälte in der Luft, die Rhyn das Gefühl gab, in seinem Fell würden Eiszapfen wachsen. Trotz des Wolfspelzes war ihm lausig kalt.
Noch dazu fühlte er sich einsam und wusste nicht einmal, warum. Bisher hatte er sich immer glücklich geschätzt, wenn er allein hatte sein können. Er sollte froh darüber sein, dass ihn nie wieder ein Alpha missbrauchen oder als Spielzeug an seine Betas weiterreichen würde. Dennoch spürte er eine tiefe Sehnsucht nach Nähe, nach einer Hand auf der Schulter, nach Wärme. Nach einer Stimme, die ihm zuflüsterte, dass alles gut werden würde. Was auch immer alles war. Und nach … Rhyn unterdrückte mühsam ein Aufjaulen und schob mit aller Macht dieses Gefühl beiseite, das er jeden Winter aufs Neue hassen gelernt hatte. Scheuchte die Bilder weg, die in seinen Erinnerungen aufflammten – Bilder von gehässig lachenden Gesichtern, aus deren Mündern anzügliche Bemerkungen quollen. Über seine Geilheit, die sie so gern lindern würden. Jetzt jaulte Rhyn doch.
Mit angelegten Ohren und zwischen die Hinterläufe geklemmter Rute huschte er nah am Boden auf eines der kleineren Häuser zu, fand im Zaun, der das Gebäude umgab, eine Lücke, und quetschte sich hindurch. Ein Durcheinander verschiedenster Gerüche drang ihm in die Nase – Tiere, Menschen, Schweiß, der Duft von Essen auf dem Feuer, ein Hauch von Seife. Rhyn spitzte die Ohren und konzentrierte sich auf dieses Aroma, das ihn zu einem niedrigen Anbau führte. Die Holztür hing schief in den Angeln, unverschlossen. Rhyn schlüpfte in den dahinter liegenden Raum und konnte sein Glück kaum fassen – ein Waschraum. Leinen waren unter dem Dach gespannt, sauber aufgereiht hingen dort einfache Kleidungsstücke in verschiedenen Größen. Andere dümpelten in einer Wanne voll lauwarmer Waschlauge vor sich hin. In einem Korb, der dezent käsiges Aroma verströmte, fand Rhyn mehrere dicke Paar Wollsocken. Aufmerksam blickte er sich um, dann wandelte er sich und pflückte ein Hemd und eine Hose von der Leine, die in etwa seinem Körperbau entsprachen. Die Sachen waren noch klamm, aber damit musste er leben. Ein Paar Socken dazu, obwohl sie noch ungewaschen waren. Und – Rhyn traute seinen Augen nicht, hing da etwa eine Wolldecke an einem Haken an der Innenseite der Tür?
Die Decke entpuppte sich als mottenzerfressener Umhang. Er war schmutzig und löchrig, doch Rhyn nahm ihn ebenfalls mit. Ein Paar Holzschuhe, die er unter einem der aufgebockten Waschzuber fand, passten mit einem zweiten Paar Socken gerade an seine Füße. Hervorragend. Rhyn schnürte alle Kleidungsstücke mit dem löchrigen Mantel zu einem festen Bündel zusammen, huschte aus dem Waschhaus und warf seine Beute über den Zaun, bevor er sich wandelte und durch das lose Brett hinterherkroch. In seiner schmalen, zierlichen Wolfsgestalt konnte er das Bündel kaum tragen, doch Rhyn wollte in den Wald zurück, wenigstens ein paar Schritte, also zerrte er es von der kleinen Siedlung weg.
Im Unterholz wandelte er sich, schlüpfte bibbernd in die gestohlenen Kleider und schauderte, als die Kälte umgehend unter den fadenscheinigen Umhang und die einfachen, grob gewebten Wollsachen kroch. Er kauerte sich nieder, blies in seine Hände. Seine Finger zitterten – nicht nur, weil er fror. Lungenkraut. Wundwurzel. Er sah die beiden Pflanzen vor sich, die weich behaarten, dunkelgrünen, lappigen Blätter des Lungenkrauts, die in kleinen Rosetten wuchsen. Aus der Mitte erhob sich im späten Frühjahr eine einzige rotgelb gefleckte Blüte. Erst, nachdem es geblüht hatte, entwickelte das Kraut seine Wirkung gegen die gefürchteten Lungenkrankheiten, die so oft gerade im Winter die armen Leute dahinrafften. Wundwurzel besaß lange, dünne Blätter und im Boden eine zwiebelartige Knolle, deren Saft gegen schlecht heilende Verletzungen half. Rhyn schloss die Augen. Er bebte. In seinen Fingerspitzen fühlte er die Gabe prickeln. Er musste nur den Boden berühren, während ihm das Bild der Pflanzen, die er aus der Erde rufen wollte, fest vor Augen stand. Er hatte es so oft getan, auch im Winter, wenn die Erde schneebedeckt war. Heilpflanzen wachsen lassen für Wynard – oder Giftpilze, wenn er es von ihm gefordert hatte. Das Brennkraut, um Lians Freunde aufzuhalten. Die Winterrosen, die Wynard getötet hatten und nicht aufhören wollten zu wachsen. Rhyn biss sich auf die Unterlippe und fluchte stumm. Würden seine Heilpflanzen auch ein wildes, unaufhaltsames Wuchern beginnen? Noch nie hatte Rhyn seine Gabe gefürchtet, doch jetzt … er biss die Zähne zusammen und legte die Hände auf den harten, kalten Waldboden, grub die Fingerspitzen in den Schnee. Er durfte die Angst nicht siegen lassen. Ein Reiter, der stürzte, musste auch umgehend wieder aufs Pferd, damit die Furcht vor einem erneuten Sturz ihn nicht lähmte. Die Gabe war wie ein wildes Tier, das gezähmt werden wollte.
Unter seinen Händen zitterte die Erde. Rhyn stellte sich vor, wie er Samen im Boden mit seinen Kräften erweckte, sie keimen und wachsen ließ. Wärme hüllte ihn ein. Durch die geschlossenen Lider bemerkte er das Licht, den matten Silberschimmer, der seinen Zauber stets begleitete. Seine Kraft strömte aus ihm hinaus, langsam, stetig. Rhyn atmete auf, als er fühlte, dass er dieses Mal jederzeit würde aufhören können. Langsam hob er die Hände, als er Blätter spürte, die aus dem Boden drangen und sacht gegen seine Handflächen stießen. Weich und samtig breiteten sich die grünen Rosetten des Lungenkrautes vor ihm aus, durchsetzt von den langen, schlanken Blättern der Wundwurzel, die wie Speerspitzen aus der Erde brachen. Rhyn öffnete die Augen wieder. Er hatte es immer geliebt, seinen Pflanzen beim Wachsen zuzusehen, selbst, wenn es Brennkrautranken waren oder die giftigen Knollenpilze mit ihren dunklen Hüten und den leuchtend gelben Punkten, die schon aus der Ferne fass mich nicht an riefen.
Er beobachtete, wie aus der Mitte der Lungenkrautrosetten Blütenstände wuchsen, wie die goldroten Blumen sich öffneten und vor seinen Augen wieder verfielen. Innerhalb weniger Atemzüge reiften seine Heilpflanzen, und er musste sie nur noch ernten.
Um die Pflanzen herum war der Boden aufgeweicht, Rhyn konnte mühelos die Zwiebeln der Wundwurzel herausziehen. Das Lungenkraut pflückte er nah am Boden ab und band es mit einem dünnen, biegsamen Zweig zu einem Bündel. Handgriffe, die ihm vertraut waren, die ihm Sicherheit gaben. Sie erinnerten ihn an seine Ausbildung. An die ruhige Stimme seines Vaters, der ihm seine Kräfte immer wieder geduldig erklärt und ihn gelehrt hatte, wie er sie einsetzen und mit ihnen umgehen musste.
