Das Geheimnis meines Meisters - Sandra Henke - E-Book
Beschreibung

Gefangen im Netz der Lust: Erst zaghaft, dann immer leidenschaftlicher, kommen sich Willow und ihr neuer Boss, der attraktive aber zurückgezogen lebende Unternehmer Dale Henderson näher. Doch dann trifft sie nachts in dessen Mansion auf den mysteriösen maskierten Savage. Wie im Rausch lässt Willow sich von dem dominanten Fremden auf die dunkle Seite der Begierde führen. Hin und hergerissen zwischen dem strengen Meister Savage und ihrem einfühlsamen Lover Dale, stößt sie plötzlich auf finstere Abgründe in der Familiengeschichte der Hendersons, die beide Männer in einem neuen Licht erscheinen lassen ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:428


Sandra Henke

Das Geheimnis meines Meisters

Roman

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH, Valentinskamp 24, 20354 Hamburg Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by MIRA Taschenbuch in der HarperCollins Germany GmbH

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Maya Gause

Titelabbildung: Thinkstock/Getty Images, München Autorenfoto: © Sandra Henke

ISBN 978-3-95649-466-6

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden.

1. KAPITEL

Erregend. Berauschend. Grenzen sprengend. Kostbar. Aber auch nervenaufreibend. Beängstigend. Am Rande der Legalität. EXTREM.

Mit Haut und Haaren. Mit Leib und Seele. Das würden bald keine leeren Phrasen mehr sein, sondern Realität. Er konnte es kaum glauben, dass er kurz davor stand, seinen größten Traum wahr werden zu lassen. Innerlich zitterte er vor Erregung und vor Nervosität, doch er versuchte, sich weder das eine noch das andere anmerken zu lassen. Langsam schritt er um sie herum. Seine herablassenden Blicke streichelten ihren nackten Körper.

Eine zerbrechliche Elfe. Eine Göttin auf Knien. Eine Königin in der Gestalt einer Sklavin.

Obwohl sie den Kopf gesenkt hielt, saß sie aufrecht und streckte die Schultern zurück. Demütig und würdevoll. Stolz, ihm dienen zu dürfen, in einer Weise, die nur wenige Frauen erfahren durften und die noch weniger von ihnen ertrugen.

Im Gegensatz zu ihm verbarg sie ihre Gefühle nicht. Ein Schweißtropfen floss ihren Rücken hinab. Die Brustspitzen wurden hart und leuchteten rötlich. Aus den vielen gemeinsamen Sessions, die sie verbanden wie nichts anderes in der Welt es vermochte – kein Schwur, kein Ehering –, wusste er, dass das ihre Art war, um Aufmerksamkeit zu betteln. Streichel mich. Zwick mich. Zwirbel mich. Beiß mich. Doch er würde nichts dergleichen tun, damit sie sich bewusst wurde, dass sie ihn nicht manipulieren konnte.

Dass er die absolute Macht über sie besaß.

Sie selbst verlieh sie ihm. Freiwillig. Ihr Geschenk an ihn war so großzügig, dass seine Augen feucht wurden vor Dankbarkeit. Er blieb so lange hinter ihr stehen, bis er die Tränen weggeblinzelt hatte. Ein Riss in seiner dominanten Fassade hätte sie enttäuscht, sie vielleicht sogar in ihrer Entscheidung, sich ihm ohne Wenn und Aber hinzugeben, zweifeln lassen. Und das wollte er auf keinen Fall. Er diente genauso ihrer Lust wie sie seiner. Er hatte sich ihrer erst würdig erweisen müssen.

Hart hatte er um sie gekämpft.

Hart hatte er sie leiden lassen.

Und ebenso hart hatte er sie gefickt.

Mit seiner Erbarmungslosigkeit hatte er ihre Fantasien wahr werden lassen … hatte er seine wahr werden lassen. Nun würden sie den letzten Schritt wagen. Gemeinsam. Auch wenn es nicht den Anschein haben mochte, weil er über sie regierte.

„Ich werde der Kriegsführer sein und dein Körper das Schlachtfeld, auf dem ich wüte“, sagte er bedrohlich und erregte sich an der Gänsehaut, die sie bekam. „Ich werde dich knechten, dich züchtigen, dich schänden und mit meinem Wappen brandmarken.“

Ihre Wangen bekamen einen rosigen Schimmer. Sie öffnete die Lippen. Ihr Brustkorb wogte auf und ab.

„Du wirst meine Leibeigene sein, Amasone, abhängig von meinen Launen und meiner Willkür ausgesetzt. Kein anderer wird jemals wieder auch nur in deine Nähe kommen, denn du bist mein Eigentum. Mein Besitz!“ Mein Reichtum, fügte er liebevoll in Gedanken hinzu.

„Nur meine Hände wirst du auf dir spüren für den Rest deines Leben. Nur ich werde die Peitsche schwingen, die dich zeichnet. Nur ich werde dich zum Schreien bringen.“ Sinnlich und doch grausam fuhr er fort: „Im Guten wie im Bösen.“

Feuchtigkeit glitzerte auf ihrer Scham. Kein Höschen und kein einziges Schamhaar  – völlig schutzlos bot sie ihm ihren Schoß an, damit er ihn benutzte, wann und wie es ihm beliebte.

Er hätte sie auf der Stelle zwischen den gespreizten Schenkeln schlagen können und sie hätte sich nicht gewehrt. Denn sie war so durch und durch devot, wie er dominant war. So masochistisch wie er sadistisch. Sie stellte für ihn das Gold am Ende des Regenbogens dar. Und er war für sie ein Ritter in strahlender Rüstung, der sie in das Korsett einer Lustsklavin steckte und sie davon befreite, so zu sein, wie die moderne Gesellschaft es von einer Frau erwartete. Sie wollte es so, sie brauchte strenge Regeln und eine starke Hand. Alles andere hätte sie nicht befriedigt.

Nun strebte sie nach wahrhaftiger Glückseligkeit. „Bitte, Herr, schnüren Sie mich noch fester. Ich will nur noch Luft bekommen, wenn Sie es erlauben“, hatte sie voller Inbrunst gefleht, als er Bedenken darüber geäußert hatte, ob die Verantwortung für ein Menschenleben ihn nicht überfordern würde. „Und wenn Sie meiner irgendwann überdrüssig sein sollten, halten Sie meinen Atem für immer an. Ich kann nicht zurück in die normale Welt. Dort gehöre ich nicht hin. Eher möchte ich sterben!“

Er erinnerte sich an die erste Begegnung mit ihr. Eine fast verwelkte Blume. Hübsch, aber unendlich traurig. Schon damals besaß er Erfahrungen als Dominus. Er erkannte die Lustsklavin in ihr, er hatte sie genommen und ihr das gegeben, was sie brauchte. Aufmerksamkeit, Zuneigung, Sicherheit und Geborgenheit, aber auch Schmerz, Erniedrigung und Tränen voller Verzweiflung.

Wie ein Phönix aus der Asche entstieg sie den BDSM-Sessions. Jedes Mal noch strahlender und schöner. Jetzt wollte sie endgültig zur Sonne werden, doch das konnte sie nur, wenn sie ab sofort in seinem Schatten lebte. Dadurch verschmolz sie mit ihm und er mit ihr. Auf ewig. Es würde kein Zurück mehr geben. Zwei Seelen, die miteinander verwachsen waren, konnte man nur mit Gewalt trennen. In dem Fall würde nur Ödland auf beiden Seiten zurückbleiben, denn solch eine Beziehung, wie sie sie eingingen würden, saugte jegliche Energie auf.

Aber man konnte nur den ultimativen Höhepunkt erleben, wenn man das ultimative Risiko einging, dass das Herz am Ende nur noch verbrannte Asche war. Und sie wussten beide, dass sie nie wieder jemanden finden würden, der bereit dazu wäre.

Außerdem liebten sie sich. Eine wahrhaftige Liebe, die ihnen Kraft gab und Mut zusprach. Es ist richtig, was wir tun. Es muss sein. Jetzt oder nie. No regrets.

An einem Tag würde er sie so behutsam anfassen, dass sie glaubte zu vergehen, wenn sie ihn nicht endlich intensiver zu spüren bekäme. Aber am nächsten Tag würde er blutige Striemen auf ihrem Körper hinterlassen und sie würde es genießen, das eine wie das andere. Niemals würde er ihr Vertrauen missbrauchen! Das hatte er ihr durch die Sessions zuvor bereits bewiesen und dieser Beweis stellte die Grundlage dafür dar, dass sie nun diesen radikalen Schritt, eine Session ohne Ende und ohne Kompromisse, mit ihm wagte. Sicherheitsbewusst, mit gesundem Menschenverstand und einvernehmlich galt auch weiterhin. Er war nicht nur ihr Foltermeister, sondern auch ihr Netz, ihre Reißleine, derjenige, der zärtlich ihre Wunden pflegte, der sie in den Arm nahm und die Tränen trocknete, die der Qual und die der Ekstase.

Allerdings würde sie das Recht auf ein Safeword abgeben. Sie ließ sich vollkommen auf seine Führung ein. Tag und Nacht. Vierundzwanzig Stunden. An sieben Tagen die Woche. Sie wünschte sich, seine Marionette zu sein, und er versprach ihr grausam-lustvolle Spiele. Weil sie sich nichts mehr ersehnte. Und er ebenso.

Ying und Yang. Wie könnten zwei Seelen irregeführt sein, die so perfekt zusammenpassten, fragte er sich, während er sich zu ihr hinabbeugte und in ihren Nacken blies. Sie erschauerte und stöhnte leise. Wenn sie geahnt hätte, dass das an diesem Tag alles war, was sie von ihm erfahren würde, das einer Berührung nahe kam, wäre sie entsetzt gewesen. Aber er kannte sie in- und auswendig. Er wusste, wonach sie gierte – und das war genau das, was er ihr verwehren würde. Denn er war der Sadist, der sich aus ihren feuchten Träumen manifestiert hatte.

Während er sich wieder vor sie aufbaute wie ein Kaiser vor seinem niederen Volk, fragte er sich, ob sie sich bewusst war, dass er sich mit Enthaltsamkeit ebenso folterte wie sie. Oder war sie zu sehr gefangen in dem Rausch, den die Achterbahnfahrt der Gefühle in ihr auslöste? Denn das war es, eine Achterbahnfahrt. Seine Geliebte gierte nach Erlösung und wollte gleichzeitig nichts mehr, als weiter gequält zu werden. Ein Zustand, den nur Gleichgesinnte nachvollziehen konnten.

Stunden, Wochen und Monate lang hatten sie sich über das, was in ihnen vorging, unterhalten – den tabulosen Sex, die Unsicherheit, weil sie ihn anders lebten als die meisten Menschen, die Angst, fehlgeleitet zu sein, zu weit zu gehen und abzustürzen. Doch sie waren zu dem Schluss gekommen, dass nichts sie mehr befriedigte, dass die anderen sie nicht interessierten, denn sie hatten ja sich und sie beide wussten, was sie begehrten: BDSM nicht nur zu praktizieren, sondern zu leben.

Nun wollten sie vollkommen darin aufgehen. Zumindest sie würde dieses Privileg haben. Das für sie zu arrangieren war seine Art, Hingabe zu zeigen. Während er weiter arbeiten ging – worauf er sich, seit er sie kannte, schon schlecht konzentrieren konnte, doch von nun an würde es fast unmöglich sein –, durfte sie ganz und gar in einem Kokon aus Ekstase leben.

Ihre schwarzen Augen glichen glühenden Kohlen: feurig leuchtend und gerötet vor Aufregung. Dankbar, bange. Sie flehte ihn an, endlich fortzufahren, es endlich wahr werden zu lassen. Gleich darauf waren sie wieder angsterfüllt. Licht und Schatten wechselten sich sekündlich ab.

„Jede Zelle deines Körpers, jede Regung und jeder Gedanke – alles, was dich ausmacht, gehört jetzt mir.“ Er neigte sich zu ihr hinab und tat, als streichelte er über ihren Kiefer, doch er berührte sie dabei nicht. Sehnsüchtig kam sie seiner Hand entgegen, doch er zog sie zurück. „Du gehörst mir!“

„Auf ewig, Meester“, sprach sie den Eid aus, der für sie beide gewichtiger war als ein Eheschwur.

Dieses letzte Zeichen für ihre Bereitschaft war ihm äußerst wichtig. Für seine große Liebe würde sich ab sofort alles ändern. Sie verabschiedete sich von der Welt und würde sich sogleich in den Mikrokosmos begeben, den er für sie geschaffen hatte. Ein Palast für eine Lustdienerin – karg für andere, für sie jedoch kostbar.

Würdevoll, wie es dem Anlass entsprach, öffnete er die Flügeltüren zu ihrem Gefängnis. „Nun, denn.“

Als sie sich erheben wollte, brüllte er: „Runter mit dir!“

Sie zuckte zusammen. Gehorsam befolgte sie den Befehl. Dann rollte sie die Schultern nach vorne und senkte den Kopf, um sich vor ihm klein zu machen und auf diese Weise um Entschuldigung zu bitten.

Wieder einmal kämpften die zwei Seiten in ihm. Während sein Herz sie in die Arme schließen und klarstellen wollte, dass seine Ungehaltenheit zum Rollenspiel gehörte und er nicht ernsthaft böse auf sie war, wurde sein Schwanz endgültig hart. „Bis auf Weiteres wirst du in meiner Gegenwart nur noch knien. Wenn du dich fortbewegst, dann ausschließlich auf allen vieren. Nur Herren stehen auf zwei Beinen, Haustiere kriechen.“

Ohne zu zögern krabbelte sie an ihm vorbei in ihr neues Heim, das sie so schnell nicht mehr verlassen würde, vielleicht sogar niemals wieder. Ihre Feuchtigkeit rann an den Oberschenkeln hinab. Die Schamlippen waren rot und geschwollen.

Er brauchte sie nicht anzufassen, um sie zu erregen, sondern wusste, welche Worte er wählen musste, damit sie zerfloss.

Mitten in der fensterlosen Zelle aus Beton kniete sie sich hin, das Gesicht ihm zugewandt. Sie spreizte die Schenkel, legte die Hände auf die Oberschenkel, drückte ihren Busen heraus und wartete darauf, von ihm bespielt zu werden. Lächelnd schaute sie auf die Wölbung in seinem Schritt.

Doch er hatte nicht vor, sie in ihrem Domizil mit einer Session willkommen zu heißen, sondern er zeigte ihr die dunkle Seite ihres neuen Status’. Er kannte sie gut, und das, was sie am meisten hasste, waren nicht die Schmerzen, die er ihr zufügte, wenn er ihre Klitoris peitschte, nicht die Demütigung, wenn er ihr erwartungsvoll eine Champagnerflöte mit Natursekt überreichte, nicht die Erkenntnis, dass selbst ein erzwungener Orgasmus nach dem x-ten Mal hintereinander zur Qual wurde – sondern wenn er sie ignorierte.

Als er absichtlich langsam die Tür zwischen ihnen schloss, änderte sich ihr Blick erst in Erschrockenheit. Dann wölbten sich ihre Mundwinkel nach unten, und Tränen flossen über ihr erhitztes Gesicht.

Wie lange würde sie in derselben Position an derselben Stelle verharren und auf ihn warten? Würde sie die Finger von sich lassen können oder ihrer Lust nachgeben? Die Überwachungskameras zeichneten es auf, eine weitere Erniedrigung, allzeit beobachtet zu werden. Aber dies diente auch zu ihrem Schutz und um ihr zu zeigen, dass ihr Herr allzeit bei ihr war.

Wie lange würde er es aushalten, nicht hineinzustürmen und sie zu vögeln?

Zitternd vor Erregung und Sehnsucht nach ihr, ließ er sich hinabgleiten. Er setzte sich auf den Boden und lehnte den Rücken an die Tür, als würde er sich an seine Amasone, seine kleine Kämpferin, schmiegen. Aus dem Raum drang kein Laut und er hoffte, dass sie nicht hörte, wie er leise vor Glück und Dankbarkeit weinte, während er onanierte.

2. KAPITEL

Dale Henderson jagte ihr Angst ein. Mit düsterer Miene musterte er sie, die Augen zusammengekniffen wie ein Wolf, der seine Beute fixierte. Die Kiefer malten. Willow befürchtete, er könnte jede Sekunde über den Schreibtisch springen und die Zähne in ihre Kehle schlagen, weil er ihr falsches Spiel durchschaute.

Doch noch etwas anderes beunruhigte sie. Durch die Furcht bekam sie keineswegs eine Gänsehaut. Vielmehr begann es zwischen ihren Schenkeln zu prickeln. Die Reaktion ihres Körpers auf Henderson überraschte Willow, sie irritierte sie und lenkte sie ab.

Lag es an den Narben, die ihm eine archaische Erscheinung verliehen? Ein Jäger, der Wunden davongetragen hatte, die ihn auf ewig zeichneten. Sie gaben Zeugnis über seinen Mut, seinen Kampfwillen und sein Durchsetzungsvermögen. Ein Krieger, der einen dunklen Fleck auf der Seele hatte, weil er Schlimmes durchgemacht, aber eine Erkenntnis daraus gewonnen hatte: dass er alles überstehen konnte. Die Überlegenheit, die er ausstrahlte, sprach etwas ursprünglich Weibliches in ihr an.

Er würde nicht leicht hinters Licht zu führen sein, aber das vergrößerte für sie nur den Reiz, es zu schaffen. Dale Henderson war ihr Gegenspieler, er saß auf der anderen Seite des Schachbretts – sinnbildlich. Konkret lauerte er auf der anderen Seite des Schreibtischs in seinem Home Office, dem Büro in der Villa Henderson – und wusste nichts davon. Ungewohnt nervös wartete sie auf seinen Zug. Sie hatte ihren gemacht, indem sie zu ihm gekommen war und sich ihm angeboten hatte.

Als er die Nase rümpfte, wirkte er wie ein Hund, der die Zähne fletschte. „Ekeln Sie sich?“

„Wie bitte?“

„Sie starren mein Gesicht an.“

„Entschuldigung.“

„Wussten Sie etwa nicht, dass ich entstellt bin?“ Er gab ein spöttisches Knurren von sich. „Dann wohnen Sie wohl noch nicht lange in der Stadt, denn ich bin für Seattle das, was der Glöckner von Notre-Dame für Paris ist.“

Sie hatte nicht vor, ihm mehr über sich zu erzählen, als unbedingt notwendig war. Schließlich würde sie ohnehin lügen und – das hatte die Erfahrung gezeigt – je mehr Lügen sich anhäuften, desto schwieriger würde es werden, sich an alle zu erinnern. Sie war eine Vagabundin, nicht aus Überzeugung, sondern aus Notwendigkeit, aber das ging ihn nichts an. „Nein, kein Ekel. Sonst wäre ich erst gar nicht zu Ihnen gekommen. Denn man fragte mich schon am Telefon, ob ich ein Problem damit hätte.“

„Hat man?“ Überrascht hob er die Augenbrauen.

„Es tut mir leid, wenn ich Sie verletzt habe.“ Offenbar wusste er nicht, dass man die Kandidatinnen darauf vorbereitete, ein Monster zu treffen. „Ich hätte nicht so ehrlich sein sollen.“

„Im Gegenteil. Das verbuche ich auf der Pro-Seite. Die ist in Ihrem Fall nämlich noch recht leer. Die Kontra-Seite dagegen füllt sich immer weiter, während ich Ihre Bewerbung lese und Sie anschaue.“ Sein Blick glitt über ihren Körper, erzeugte, ohne es zu ahnen, ein Kribbeln, und blieb an ihren nackten Knien hängen.

Willow versuchte vergeblich, den Saum ihres Rockes hinunterzuziehen. Im Stehen besaß er die richtige Länge, aber wenn sie sich setzte, rutschte er zu weit hoch. Das ist so typisch für dich, hatte sie im Wartezimmer mit sich geschimpft. Alle anderen Frauen trugen züchtige Businesskostüme, Nylonstrumpfhosen und strenge Hochsteckfrisuren. Zu allem Übel hatte sie ihre schwarzen Haare hellbraun gefärbt und sie zu schulterlangen Locken aufgedreht, um sich wieder einmal neu zu erfinden, was sich nun als Fehlentscheidung erwies. Die Frisur ließ sie zu rebellisch für diesen Bürojob wirken. Beiläufig schloss sie die obersten Knöpfe ihrer Bluse.

„Öffnen Sie sie wieder, Miss Archer!“

Irritiert verharrte Willow. Ihr fiel das Atmen schwer, weil er sie zwar streng angefahren hatte, doch in seine Augen war ein begieriges Funkeln getreten. Ein Wolf, der Hunger bekam. Sie erkannte die Gefahr! Und fühlte sich von ihr angezogen.

„Ich möchte nicht, dass Sie sich beim Vorstellungsgespräch verstellen und später dann, falls wir zusammenarbeiten sollten, plötzlich ganz anders sind. Das wäre für mich eine Enttäuschung und doppelt Arbeit, weil ich erneut auf die Suche gehen müsste, und Sie würde es den Arbeitsplatz kosten.“ Sein Schmunzeln sollte die Atmosphäre wohl auflockern, aber es führte nur dazu, dass Willows Mund trocken wurde. Sanfter fuhr er fort: „Wir sind hier nicht beim Militär, auch wenn ich manchmal wie ein Feldwebel klinge.“

Eine Weile schien die Zeit stillzustehen. Das offizielle Gespräch war unterbrochen. Wie ferngesteuert befolgte Willow seine Anweisung. Ihr wurde heiß. Die Finger kribbelten. Sie empfand das Öffnen der Knöpfe als sinnlich, weil Dale Henderson ihr den Befehl erteilt hatte und weil er sie dabei beobachtete.

Doch als sie ihn ansah, schaute er rasch auf die aufgeschlagene Mappe in seinen Händen. Sein Lächeln erlosch, dabei war es attraktiv gewesen, geradezu erotisch. Vor ihr saß ein Adonis, zumindest zur Hälfte. Die andere erinnerte eher an Hunter aus „Beastly“.

„Ihre Vorkenntnisse in dem Job sind dürftig. Sie haben keinerlei Erfahrung in der Branche, in der Tangy Inc. tätig ist.“

Willow runzelte die Stirn. Sie hatte gedacht, gut recherchiert und die Vita und Arbeitszeugnisse gekonnt gefälscht zu haben. Mist! „Ich habe bereits in mehreren Firmen in einer ähnlichen Stellung gearbeitet.“

„Kleinen Firmen.“

Sie hatte nicht übertreiben wollen. „Renommierte Unternehmen.“

„Zudem nur als Sekretärin, aber nie als Assistentin der Geschäftsführung.“

„Man wächst mit den Aufgaben.“

Seine Mundwinkel zuckten. „Da draußen sitzt eine Handvoll Bewerberinnen, die weitaus qualifizierter sind als Sie. Warum sollte ich da ausgerechnet Sie einstellen?“

Mit Fachkenntnissen konnte sie nicht aufwarten und mit Freizügigkeiten ließ sich ein Mann wie Henderson nicht ködern, denn er schenkte ihrem Dekolleté keinerlei Beachtung mehr. Willows Zuversicht geriet ins Wanken. Plötzlich fiel ihr eine letzte Möglichkeit ein. Sie musste das Gespräch auf die persönliche Ebene verlagern. In gespieltem Selbstbewusstsein setzte sie sich gerade auf. „Weil ich Ihnen ins Gesicht sehen kann.“

„Was …?“

„Ich wette, die anderen schauen aus dem Fenster, auf die Urkunden an den Wänden, die Buchrücken im Regal, den Seidenteppich … überallhin, nur nicht auf Sie.“

Anscheinend hatte sie ins Schwarze getroffen, denn er schwieg betroffen. Seine harte Schale bröckelte, sein Adamsapfel bewegte sich auf und ab. Für den Bruchteil einer Sekunde gab er den Blick auf sein Innerstes frei, das noch immer eine offene Wunde war.

Willow betrachtete demonstrativ die Brandnarben auf Dale Hendersons linker Wange. Eine Landschaft aus Kratern und Wülsten zog sich bis hinunter zu seinem Hals, aber auch sein Ohr wies Folgen des Überfalls auf.

Wie sie in der Vorbereitungsphase in unzähligen Online-Artikeln gelesen hatte, war er gerade aus dem Dojo gekommen, in dem er dreimal die Woche trainierte, als es passierte. Willow hatte davor noch nie von einer Säureattacke gegen einen Mann gehört. Dale Henderson war der erste und einzige. Ansonsten waren es laut ihrer Recherche immer gekränkte und eifersüchtige Exliebhaber, die die Frau dafür bestrafen wollten, dass sie sie abgewiesen hatten. Bei Dale schien alles anders zu sein.

Vor einem halben Jahr hatte sich ein Schatten aus der Dunkelheit der Februarnacht gelöst. Ein Maskierter war in der Gasse, wo Dale Henderson stets parkte, wie aus dem Nichts aufgetaucht. Er war auf ihn zugestürmt und hatte ihm eine ätzende Lösung entgegengeschüttet. Gegen diese Attacke hatte Henderson auch kein Karate geholfen. Nur seiner schnellen Reaktionsfähigkeit war es zuzuschreiben, dass er sich hatte wegdrehen können, sonst wäre nicht nur seine linke Wange verätzt worden, sondern sein ganzes Gesicht.

„Wenn ich Sie betrachte, sehe ich nicht die Wundmale, sondern den Mann.“

Seine düstere Miene erhellte sich. „Den … Mann?“

„Ich meine“, verzweifelt suchte sie nach den passenden Worten, sie rutschte auf dem Stuhl herum und wischte sich eine Schweißperle von der Schläfe, „den Inhaber von Tangy Inc.“

„Ich bin nur der Geschäftsführer. Die Firma gehört meiner Mutter, Vivian Henderson. Sie haben sich nicht gut genug informiert.“

Er sah älter aus als dreißig. Das lag nicht an den Narben, sondern an seiner verhärmten Miene. Warum kam in ihr der Wunsch auf, ihn zum Lachen zu bringen, richtig herzhaft zum Lachen? Herrgott, du bist keine barmherzige Samariterin! „Ist es nicht ein Familienunternehmen, egal wer im Register als Eigentümer eingetragen steht?“

„Ja, schon, aber …“

„Ja, ja, ich weiß. Genau genommen ist es das nicht, denn Ihr Bruder Gary ist nicht mit im Boot. Er und Ihr Vater Henry sollen wie Feuer und Wasser gewesen sein, daher entschloss er sich, nach dem Betriebswirtschaftsstudium nicht in das Geschäft einzusteigen, sondern sich sein Erbe auszahlen zu lassen und auf dem freien Markt sein Glück zu versuchen“, referierte sie, um ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Mehr schlecht als recht, wie man sagt. Wie eine Heuschrecke hüpft er von Firma zu Firma und bleibt nirgendwo lange. Entschuldigen Sie den Vergleich.“ Sie strich sich unter der Nase entlang und fügte verschnupft hinzu: „So mies habe ich mich also doch nicht über Sie informiert.“

„Gary ist erfolglos?“ Dale wirkte überrascht.

„Wussten Sie das etwa nicht?“

Plötzlich wirkte er wieder verschlossen, die Miene undurchdringlich. Er hatte wieder die Maske des verbitterten Mannes aufgezogen, der tief verletzt worden war, körperlich und see lisch, und sich daraufhin zurückgezogen hatte, in diese Landhausvilla und in sich selbst.

Dale Henderson stützte die Handgelenke auf der Schreibtischunterlage ab und schlang die Finger ineinander. „Woher haben Sie all das?“

Was sollte sie darauf nur antworten? Sie zuckte mit den Achseln. „Stand irgendwo im Internet. Ich weiß nicht mehr, wo. Ich habe so viel über Sie gelesen. Dass Tangy Inc. eine der ersten Firmen in den USA war, die Chilisoßen durch Zugabe von Wasabi, Ingwer und anderen Zutaten noch schärfer machte, was den Nerv vieler Scoville-Junkies trifft und Ihnen Millionengewinne beschwert.“

„Die Goldgräberzeit ist vorüber. Heutzutage regieren nicht mehr kreative Rezepturen, sondern Dumpingpreise. Aber unser guter Name bürgt für Qualität, wir haben eine engagierte Marketingabteilung und ausgezeichnete Kontakte überall auf der Welt, das hilft, uns international zu behaupten.“

Dale Henderson war ein Tiefstapler, denn Tangy Inc. brachte immer noch satte Gewinne ein. Aber dieses Verhalten machte ihn Willow sympathisch. So schroff er sich auch gab, sie glaubte, dass in ihm ein netter Kerl verborgen war. Nur würde sie diesen vermutlich selten zu sehen bekommen, falls sie die Anstellung überhaupt bekam.

Er sah auf die antike Standuhr, die trotz ihres Alters noch funktionierte. Anscheinend war Willows Zeit abgelaufen. Ihre Nervosität stieg.

„Nun gut.“ Er klappte ihre Bewerbungsmappe zu, seine Hände waren kräftiger, als man es bei einem Geschäftsmann vermutet hätte. „Sie sind ehrlich.“

Willow wich seinem Blick aus.

„Sie sagen offen, was Sie denken. Außerdem schätze ich Sie so ein, dass Sie sich immer und überall durchbeißen.“

Eifrig nickte sie, denn er hatte recht. Sie stammte aus ärmlichen Verhältnissen, hatte die Schule früh abgebrochen und keinen Beruf erlernt, aber sie wusste, wie man überlebte. Über Lei chen ging sie dabei nicht, aber sie ließ verbrannte Erde zurück. Allerdings nur in den Gärten der Reichen.

„Ja, ich schätze, Sie werden sich durchbeißen. Auch als meine Assistentin“, er zupfte die Ärmel seines Hemds unter denen der Anzugjacke hervor, „obwohl Sie am Anfang überfordert sein werden.“

Ebenso überrascht wie erfreut riss Willow die Augen auf. „Dann habe ich den Job?“

„Sie werden als Schnittstelle zwischen mir und der Verwaltungszentrale im Central Business District, der Fabrik in Redmond und den Tochterfirmen in Boston und in Illinois tätig sein“, erklärte er, während er die Krawatte lockerte.

Ihr Puls beschleunigte sich. Sie musste untergetaucht sein, bevor er merkte, dass sie den Anforderungen nicht gewachsen war. „Gehört die Stelle mir?“

„Sie müssen bereit dazu sein, das ein oder andere Wochenende durchzuarbeiten und …“, er öffnete das Jackett und nahm eine lässige Haltung ein, „… auch an Wochentagen hin und wieder im Gästehaus zu übernachten, da wir manchmal bis spätnachts die Köpfe zusammenstecken werden.“

Willow nickte. Das kam ihr nur gelegen bei dem, was sie vorhatte. Aber warum stieg ihr dann die Hitze ins Gesicht? Weil ihre Gedanken unabsichtlich in eine ganz andere Richtung gingen. Eine, in der ein Wolf seinen Nadelstreifenanzug abstreifte und sich an sein Opfer heranpirschte, mit den Zähnen an dessen Kehle knabberte, die sich bereitwillig anbot, Augen bedrohlich funkelten, eine Zunge gierig über nackte Knie leckte und langsam höher glitt, während Klauen ein Höschen zerfetzten.

„Soll das heißen“, ihre Stimme klang rau, verlegen räusperte Willow sich, „ich bin eingestellt?“ Nun sag es doch schon!

Er goss sich aus einer Karaffe Wasser in ein Trinkglas. Während er einen Schluck nahm, musterte er sie über den Rand hinweg. Der Wappenring klackerte gegen das Glas. Weißgold, stellte Willow mit einem Kennerblick fest. Dale Henderson ließ sie zappeln.

Sie merkte ihm an, dass er noch nicht restlos von ihr überzeugt war. Ihre Zuversicht geriet ins Wanken. Was sollte sie nur tun, wenn er ihr absagte? Sie war pleite, sie stand alleine da und hatte keinen Plan B.

„Nun gut“, geräuschvoll stellte er das Glas ab, „ich werde Ihnen eine Chance geben, Miss Archer.“

Beinahe hätte sie gejauchzt. „Danke!“

Er schob den Bürostuhl zurück, stand auf und reichte ihr die Hand. Die Berührung elektrisierte Willow. Seine Hand war warm, beschützend, sinnlich und so groß, dass ihre darin völlig verschwand. Dale hielt sie länger fest, als es nötig gewesen wäre.

„Enttäuschen Sie mich nicht“, sagte er keineswegs bedrohlich, sondern sanft, mit einer fast schon flehenden Nuance.

Ihre Zunge klebte am Gaumen. Am liebsten wäre Willow aufgesprungen und hätte die ganze Kanne Wasser in einem Zug leer getrunken. Doch ein schlechtes Gewissen konnte man nicht einfach hinunterspülen, man konnte es nicht verdauen und ausscheiden, um es loszuwerden.

Gewissensbisse waren ihr nicht fremd. Bei den vergangenen Aktionen war sie immer öfter von ihnen gequält worden. Aber dieses Mal waren sie anders – schlimmer! Und von Anfang an da. Das Gefühl war so stark, dass Willow beinahe ins Wanken geraten wäre und Dale Henderson vor sich selbst gewarnt hätte.

3. KAPITEL

Leise, wie es ihre Art war, trat Vivian Henderson in Dales Büro. Seine Mutter war eine unauffällige Person, immer zur Stelle, wenn man sie brauchte, jedoch auf unaufdringliche Art und Weise. Sie hielt mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg, äußerte sie aber stets zurückhaltend, sodass es wie das Wispern des Windes klang. Seit Jahren trug Vivian ihr viel zu früh ergrautes Haar kurz, weil die Frisur pflegeleicht war, wie sie einmal gesagt hatte.

„Warum färbst du dir die Haare nicht?“, sagte Dale nicht das erste Mal zu ihr. „Das Weiß macht dich älter als neunundfünfzig.“

Sie schenkte ihm ein mildes Lächeln. „Weil ich mich so alt fühle, wie ich aussehe.“

Vivian hatte viel durchgemacht in den letzten Jahren. Ihre Ehe hatte gekriselt, ihr Mann war plötzlich verstorben und dann wurde zu allem Übel Dale auch noch mit Salzsäure auf ewig entstellt. Ein Fluch schien über der Familie Henderson zu liegen.

Dale stand auf, ging um den Schreibtisch herum und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Nichts Extravagantes. In einer natürlichen Farbe, vielleicht in deinem blonden Naturton.“

„Du solltest blond sein wie ich, nicht Gary. Dir fühle ich mich viel näher als deinem Bruder.“ Liebevoll wuschelte sie ihm durch die Haare wie damals, als er noch ein Kind gewesen war, sodass sie jetzt vermutlich wirr abstanden, da er sie länger wachsen ließ, um sein vernarbtes Ohr zu verbergen. „Leider kommst du nicht nur mit deinem dunkelblonden Schopf nach deinem Vater.“

„Jetzt habe ich wohl mehr Ähnlichkeit mit Freddy Kruger als mit einem von euch.“

„Solange wir uns haben, ist die Welt in Ordnung. Ich bin so glücklich, dass du wieder bei mir wohnst.“ Sie zog sein Gesicht zu sich herunter und küsste ihn auf die Stirn.

Seine Mutter versuchte immer, etwas Gutes zu finden, selbst in schlechten Dingen. Doch Dale konnte dem Säureanschlag nichts Positives abgewinnen. Was in Vivians Augen eine Familienzusammenführung war, stellte für ihn eine Flucht dar. Er verkroch sich im Haus seiner Eltern, das genau genommen das seiner Mom war, seit sein Dad im letzten November gestorben war.

Ausgerechnet an seinem fünfzigsten Geburtstag hatte Henry Henderson einen tödlichen Herzinfarkt erlitten. Ihm war es schon seit einigen Monaten schlecht gegangen, doch sein Hausarzt hatte keine körperliche Ursache feststellen können. Als es sechs Wochen vor seinem Tod rapide mit ihm bergab ging, dachten alle ein wenig spöttisch, er hätte ein Problem damit, älter zu werden, weil er kurz davor stand zu nullen. Nur Dale hatte an dieser These immer gezweifelt. Sein Vater war ein lebensfroher Mensch gewesen, ein Genießer, der alles auskostete und den Glaubenssatz vertrat: Man ist immer so alt, wie man sich fühlt. Aber etwas hatte die Flamme in ihm schon Wochen vor seinem Tod erstickt. Was war passiert?

Noch heute grübelte Dale manchmal darüber nach. Außerdem hatte er Angst, an derselben mysteriösen Krankheit zu leiden. Auch er hatte sein Lachen verloren, allerdings kannte er den Auslöser. Während sich Vivian über das Ende ihrer Einsamkeit freute, weil ihr Sohn mit ihr unter einem Dach wohnte, grub sich Dale tiefer und tiefer im Gram ein.

Doch heute hatte ihn das Schicksal überrascht. Es hatte ihm einen Lichtblick in der Gestalt eines gelockten Kobolds geschickt. Seit er Sandor Clegane, dem „Bluthund“ aus „Game of Thrones“, ähnelte und Millicent ihn unmittelbar nach dem Anschlag abserviert hatte, hatte er kein Ziehen mehr in der Leistengegend gespürt. Er hatte geglaubt, das Thema Frauen hätte sich für ihn auf ewig erledigt, doch sein Körper signalisierte ihm, dass sein Verstand falschlag. Aber Willow Archer würde sich wohl kaum für einen Mann interessieren, für den sie sich schämen musste. Für einen Mann, der hässlich war, den die Menschen auf der Straße angewidert und entsetzt anstarrten, hinter dessen Rücken getuschelt wurde und der darum nur noch selten das Haus verließ.

Sanft berührte Vivian seine Schulter. „Worüber grübelst du nach?“

„Nichts.“

„Du hast geseufzt.“

„Wirklich?“ Dale fühlte sich ertappt, flüchtete hinter den Schreibtisch und nahm wieder Platz. „Wusstest du, dass es Gary nicht gut geht? Beruflich, meine ich.“ Vermutlich auch finanziell.

Geradezu tänzelnd für eine Frau mit mindestens fünfundzwanzig Kilo Übergewicht drehte Vivian sich weg und ging zur Regalwand. Mit dem Zeigefinger fuhr sie hier und da über die Einlegeböden, Bücher und Aktenordner und prüfte wohl, ob die Hausmädchen ordentlich Staub gewischt hatten. Oder versuchte Zeit zu schinden und abzulenken. Beiläufig ließ sie fallen: „Er bat mich um Unterstützung.“

„Er hat dich um Geld angebettelt?“, fragte Dale empört und richtete den Oberkörper auf.

„Diese Blöße würde er sich niemals geben. Er bat mich lediglich darum, ein gutes Wort für ihn bei einem Bekannten einzulegen. Ihm gehört der Konzern, bei dem Gary sich beworben hat.“

Gereizt hämmerte Dale mit einem Kugelschreiber auf die Schreibtischplatte. „Er könnte bei Tangy Inc. einsteigen.“

„Du weißt doch, dass er sich dazu niemals überwinden könnte.“ Vivian stellte sich ans Fenster und schaute mit unbeweglicher Miene hinaus.

„Weil Sir Henry den Betrieb aufgebaut hat.“ So nannten sie ihren Vater seit Kindertagen. Dale, weil er seinen Dad mit einem stolzen Ritter verglich. Sein Bruder hingehen spielte damit auf Henrys Rolle als Patriarch an und meinte es spöttisch und herablassend.

Sie drehte sich zu ihm und zuckte mit den Achseln. Offenbar hatte sie resigniert, was das Thema betraf. „Gary möchte mit nichts, auf dem der Name eures Vaters steht, etwas zu tun haben, und über Tangy Inc. liegt nun einmal Henrys Schatten.“

„Aber die Geschäftskontakte, die Dad aufgebaut hat, nutzt er gerne.“ Aufbrausend warf Dale den Stift auf die lederne Unterlage. „Du bist ja gut im Bilde. Trefft ihr euch öfters?“

„Er kommt mich ab und zu besuchen.“

„Hier?“

Verlegen schlug Vivian die Augen nieder.

„Warum schaut er dann nicht in meinem Trakt vorbei?“ Denn Dale lebte zwar wieder zu Hause, hatte aber vor dem Einzug darauf bestanden, einen eigenen Flügel zu bewohnen, sodass er sich nicht wie ein kleiner Junge am Rockzipfel der Mutter vorkam. Langsam fühlte er sich sogar stark genug, die Geschäfte wieder zu führen, aber erst einmal nur aus der Entfernung.

„Gary ist unsicher und weiß nicht, wie er sich dir gegenüber verhalten soll“, behutsam strich sie ihm über die vernarbte Haut, sicherlich um zu beweisen, dass sie keinerlei Berührungsängste hatte. „Sieh es ihm nach, er liebt dich.“

„Dafür gibt es eine einfachere Lösung. Er soll die Entstellung ignorieren“, brachte er hitziger als beabsichtigt hervor. „Miss Archer, eine Fremde, schafft das auch. Wieso nicht mein eigener Bruder?“

„Ist das der Grund, weshalb du gerade sie eingestellt hast, oder …“, sie zögerte und fuhr leiser fort: „… ihr kurzer Rock?“

Etwas zu eifrig räumte Dale das Glas neben die Karaffe, legte den Kuli in die Schale mit den Stiften, stellte das Telefon in die Aufladestation, riss beschriftete Notizzettel ab, warf sie weg, schloss den Laptop. Und das alles nur, um dem durchdringenden Blick seiner Mutter zu entgehen. „Alle anderen Bewerberinnen konnten mich nicht einmal anschauen. Wie soll ich mit jemandem zusammenarbeiten, der sich unwohl in meiner Gegenwart fühlt?“

Sie schritt um ihn herum, was ihn nervös machte. „Du hast die meisten weggeschickt, bevor du überhaupt mit ihnen gesprochen hattest.“

Zu dem Zeitpunkt hatte er seine neue Assistentin schon gefunden. Er musste zugeben, dass Willow Archer nachlässig ge kleidet gewesen war. Und zu sexy für den Job. Das Jackett war ihr eine Nummer zu groß gewesen, am Rock hatte eine Handbreit Stoff gefehlt und sie hatte einen gelben BH unter der weißen Bluse getragen, sodass die Unterwäsche leicht durchgeschimmert hatte. Ob mit Absicht oder aus Unbeholfenheit, wusste er nicht. Willow Archer wirkte in einem Moment unsicher, im nächsten kokett, aber in beiden Fällen reizvoll.

Sie kam mehr wie die Karikatur einer Sekretärin daher, erfrischend anders, nicht so steif und ernst. Aber gerade die Tatsache, dass sie nicht perfekt und aalglatt war, weckte seine Neugier. Sie passte nicht in das Outfit, nicht in ein Büro und er wollte aus ihr herauskitzeln, warum sie sich trotzdem dazu entschlossen hatte, diesen Weg zu wählen. Eine rätselhafte Person. Irgendwie süß, die Kleine. Doch er vermutete, dass sie es faustdick hinter den Ohren hatte. Sie würden sich niemals näherkommen, aber wenigstens würde Willow Archer seine Fantasien anregen. Seine Tagträume füttern. Ihn wieder etwas mehr ins Leben locken mit ihrer gleichzeitig unschuldigen und erotischen Ausstrahlung.

„Außerdem kann sie gleich morgen früh anfangen. Sie wird frischen Wind hier reinbringen, das wird uns guttun.“ Das Herrenhaus war zu dunkel, zu still und zu melancholisch. Erstarrt, wie im Winterschlaf.

Vivian lächelte müde. „Oder alles durcheinanderwirbeln und Chaos hinterlassen.“

Seine Mutter war mit seiner Entscheidung nicht einverstanden, sagte das aber nicht direkt. Inzwischen hatte sie sich schon gebessert und gab zu, wenn sie etwas auf dem Herzen hatte. Als sein Vater noch lebte, hatte sie vieles hinuntergeschluckt und mit sich selbst ausgemacht.

So oder so würde es mit Miss Archer nicht langweilig werden, vermutete Dale. Alles war besser, als weiterhin Trübsal zu blasen. Fast zärtlich legte er ihre Bewerbungsmappe in eine Schublade und stapelte die anderen im Postausgang-Fach. Es würde ihre erste Aufgabe sein, die Absagen ihrer Konkurrentinnen zu schreiben. Das sollte ihr Spaß machen. Einen fröhlichen Start in Ihren neuen Job.

Vivian stellte sich neben ihn, das Gesicht zu ihm gewandt, und lehnte sich mit der Hüfte gegen den Tisch. „Du lächelst so verträumt.“

„Freu dich doch, denn so hast du mich seit Februar nicht mehr erlebt.“

„Dein Lächeln wirkt auf mich eher verzweifelt. Es erinnert mich an die letzten Sonnenstrahlen im Herbst, ein letztes Aufbegehren der Wärme, bevor die Kälte kommt und alles Leben zerstört.“ Mit Sorgenfalten auf der Stirn verließ sie sein Büro, aber ihre düsteren Worte hingen weiter im Raum.

Warum war seine Mutter nur so theatralisch und negativ? Zwei weitere Eigenschaften, die immer wieder zutage traten.

Als sich Dale im Bürostuhl zurücklehnte, quietschten die Scharniere. Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf und spähte zur Zimmerdecke, als könnte er durch die Mauern hindurch zum strahlend blauen Augusthimmel aufschauen. Für ihn glich Willow eher den ersten Sonnenstrahlen im Frühsommer, die eine heiße Zeit ankündigten.

Sein Grinsen wurde noch intensiver.

4. KAPITEL

Wie hätte Willow ihrem schlechten Gewissen nachgeben können? Unmöglich! Dafür war Dale Henderson zu interessant. Sie lechzte danach, seine harte Schale aufzubrechen, um zu sehen, was darunter verborgen lag. Einige vom Hauspersonal eilten an ihnen vorüber durchs Foyer der Henderson Mansion und nahmen keine Notiz von Dale und seiner neuen Mitarbeiterin. Ob die Angestellten die Anweisungen erhalten hatten, sein Narbengesicht nicht anzustarren?

„Ihre Bluse steht ja noch weiter offen als beim Vorstellungsgespräch.“ Rügend schaute er sie über den Rand des Porzellanbechers an, aus dem er gerade trank.

Ihre Brustspitzen wurden hart. Sie schob das auf die Klimaanlage und wünschte sich, Dale würde aufhören, ihre Rundungen eingehend zu mustern. „Da täuschen Sie sich.“

„Ganz bestimmt nicht. Gestern konnte ich den kleinen Leberfleck auf Ihrem Dekolleté noch nicht sehen.“

„Das macht nur die Perspektive. Bei dem Vorstellungsgespräch gestern saßen Sie mir gegenüber, am anderen Ende des Schreibtischs.“ Heute Morgen dagegen stand er so dicht vor ihr, dass sie sein erdiges Aftershave riechen konnte. Als wäre er die ganze Nacht in der Gestalt eines Wolfes durch den Wald gerannt. Ein Kichern kitzelte in ihrer Kehle, doch sie presste die Kiefer aufeinander. Dale Henderson überragte sie um mehr als einen halben Kopf und starrte ungeniert auf die Ansätze ihrer Brüste. „Genau so haben Sie mich eingestellt, also beschweren Sie sich nicht.“

„Ihr freches Mundwerk wird Sie noch mal in Schwierigkeiten bringen.“ Sein Blick glitt seitlich ihren Körper entlang zu ihrer Kehrseite und er lächelte unheilvoll, als freute er sich schon darauf, ihr eines Tages den Po zu versohlen.

Meinte er das ernst? War sie zu weit gegangen? Oder zog er sie auf? Seine funkelnden Augen sagten etwas anderes als sein strenger Ton. „Ich wollte nicht …“

„Entschuldigen Sie sich nicht! Ich mag keine buckelnden Menschen.“ Sein Atem roch nach Kaffee. „Aber wenn Sie zur Zentrale oder in die Fabrik fahren, schließen Sie ein oder zwei Knöpfe, verstanden?“

„Sie hatten recht.“ Mühsam unterdrückte sie ein Schnauben.

Seine Stirn krauste sich. „Womit?“

„Sie klingen tatsächlich manchmal wie ein Feldwebel.“ Sie verschränkte die Arme unter ihrem Busen, merkte, dass sie ihn dadurch anhob und noch aufreizender präsentierte, und nahm die Arme wieder herunter. „Erkennen Sie nicht die Doppelmoral in dieser Anweisung?“

„Sie werden meinen Befehl befolgen! Denn seit Sie vor fünf Minuten den Arbeitsvertrag unterzeichnet haben, gehören Sie mit Haut und Haaren mir“, sein Ton klang harsch, doch seine Augen funkelten belustigt, „zumindest während der Arbeitszeit.“

Ging das nicht ein bisschen zu weit? Dale Henderson musste sie foppen, oder etwa doch nicht? Die Signale, die von ihm kamen, konnten nicht widersprüchlicher sein, sie verwirrten Willow. Sie fühlte sich in ein Theaterstück versetzt, eine romantische Posse – ein Rollenspiel. Er spielte den Boss und sie die Assistentin, ähnlich wie in dem Film „Secretary“, bei dem sie jedes Wort mitsprechen konnte, weil sie ihn schon so oft angeschaut hatte. Auf Willow traf das mit dem Schauspielen sogar zu, nur fehlte der erotische Kontext. Oder irre ich mich da nicht?

„Ich werde Sie erst einmal herumführen und Ihnen alles zeigen.“ Lässig, wie es nur jemand sein konnte, der in ein begütertes Elternhaus hineingeboren worden war und darum dem Luxus um sich herum keine Beachtung schenkte, schritt er voraus, durchquerte die Eingangshalle und trat in einen Gang.

Als Willow ihm rasch folgte, spürte sie, wie ihr Slip über die in der Früh frisch rasierten Schamlippen rieb. Das Klackern ihrer Schuhsohlen hallte durch den Korridor, denn im Gegensatz zur Vorhalle lagen hier keine Teppiche, sondern Fliesen. Warum, das erkannte sie bald. In diesem Trakt befanden sich die Räume für die Angestellten. Körbe mit Bett- und Tischwäsche wurden an ihnen vorbeigetragen, man balancierte Geschirr auf Tabletts und schob Putzwagen vorüber.

„Nun ja, nicht alles, nur die Bereiche des Hauses, die Sie nutzen werden, Willow. Ich darf Sie doch so nennen, oder?“, fragte er über die Schulter hinweg und drehte ihr die makellose Gesichtshälfte zu.

„Nur wenn ich Sie mit Dale ansprechen darf.“ Das schoss aus ihr heraus, bevor sie darüber nachdenken konnte. Bist du verrückt?! Was tat sie denn da? Ihr Widerstand gegen die Upperclass regte sich wieder einmal. Die Seidentapeten, handgeknüpften Läufer und goldgerahmten Gemälde im Hauptteil der Villa hatten sie daran erinnert, warum nur die Reichen ihre Opfer waren.

Vor einer Schwingtür blieb er stehen. „Sie scheinen nicht sehr erpicht darauf zu sein, den Job zu behalten.“

Willow biss die Zähne zusammen. Die Antwort war frech von ihr gewesen. Sie hatte sich weit aus dem Fenster gelehnt, und nun drohte sie, aus Hendersons prächtigem Schloss zu fallen. Der Sturz konnte ihr das Genick brechen, denn wenn dieser Auftrag schiefging, würde sie vor dem Nichts stehen.

„Keine andere der Bewerberinnen hätte sich getraut, eine Bedingung zu stellen.“ Er hielt den Kopf so geschickt, dass sie wieder nur die Schokoladenseite von ihm sah. „Sie hätte einen Knicks gemacht und ‚Aber sicher doch, Mr Henderson‘, ‚Sehr gerne, Mr Henderson‘ oder ‚Alles, was Sie möchten, Mr Henderson‘ erwidert.“

Willow merkte, dass er versuchte, sie zu provozieren. Und er hatte sichtlich Spaß dabei. Trotzdem hätte sie ihm am liebsten den edlen Becher aus der Hand geschlagen. „So bin ich nicht! Sie haben sich die falsche Mitarbeiterin ausgesucht.“

„Da bin ich anderer Meinung.“ Die nächsten Worte ließ er sich auf der Zunge zergehen, als wären sie köstlicher Karamell-Fudge, den er so lange wie möglich genießen wollte: „Ich muss Sie nur noch erziehen.“

Sie trat dicht vor ihn, stellte sich auf die Zehenspitzen und zischte in gespielter Empörung: „An mir werden Sie sich die Zähne ausbeißen“, und fügte ein betontes „Dale“ an.

Er warf den Kopf in den Nacken und lachte. „Wollen Sie Kaffee?“

„Danke, nein“, sagte sie trotzig und ärgerte sich über ihre Gefühlsausbrüche, er dagegen hatte sich völlig unter Kontrolle. Damit hatte Dale doch erreicht, was er wollte. Er brachte ihr Blut in Wallung, aber nicht nur weil sie sich über ihn ärgerte. Auch seine feurigen Blicke erregten sie. Sie ließen seine Aussagen in einem völlig anderen Kontext erscheinen.

„Sie werden meinen Befehl befolgen! Denn seit Sie vor fünf Minuten den Arbeitsvertrag unterzeichnet haben, gehören Sie mit Haut und Haaren mir.“

„Ich muss Sie nur noch erziehen.“

Willow wünschte sich auf der Stelle eine kalte Dusche! Wahrscheinlich dachte sich Dale Henderson rein gar nichts dabei. Allein ihre Fantasie setzte seine Anweisungen in einen frivolen Kontext. Du hast zu lange nicht mehr gevögelt. Was daran lag, dass sie nie lange an einem Ort blieb und niemandem traute. Man konnte den wenigsten Menschen vertrauen. Sie war das beste Beispiel dafür.

Er trat voraus in den angrenzenden Raum, der sich als Küche entpuppte. „Das ist Martha, unsere Köchin. Sie arbeitet schon dreißig Jahre für meine Familie.“

„Länger.“ Martha hob die mit Altersflecken übersäte Hand an den Mund und flüsterte verschwörerisch, als könnte Dale sie nicht hören: „Nehmen Sie sich aus dem Kühlschrank, was Sie möchten. Und wenn Sie Appetit auf ein Stück Streuselkuchen zwischen den Mahlzeiten haben, kommen Sie zu mir.“ Als sie zwinkerte, wurden die Lachfalten um ihre Augen noch tiefer.

Zu Willows Überraschung räumte Dale seinen Becher selbst in die Spülmaschine. „Martha hat immer geheime Vorräte. Als Kinder haben Gary und ich alle Küchenschränke durchsucht, sie aber nie gefunden. Wenn wir danach gefragt haben, hat sie uns immer rausgeschickt, und sobald wir wieder hinein durften, stand wie aus Zauberhand eine Dose mit selbst gebackenen Keksen auf dem Tisch.“

„Ihr habt so oft etwas bekommen“, Martha strich über ihre breiten Hüften und schob dann einige wirr abstehende Haare in den Dutt, „ihr hättet eigentlich kugelrund sein müssen.“

„Bestimmt haben eure Eltern euch zum Rudern, Tennis- oder Golfspielen gefahren“, ließ Willow spöttisch fallen.

„Nein, wir sind stundenlang durch den Wald gerannt, der hinter dem Grundstück liegt, haben den Bach gestaut, bis er über die Ufer trat und die Lichtung flutete, und sind dann mit nackten Füßen durch den Schlamm gesprungen.“ Die Erinnerung rief ein sehnsüchtiges Lächeln auf seinem Gesicht hervor.

Willow schämte sich für ihre Vorurteile. „Muss wunderschön gewesen sein.“

Sie selbst war in einer Betonwüste aufgewachsen. Die Freizeitbeschäftigung der Kids in der Nachbarschaft bestand daraus, Steine auf Tonnen zu werfen, in denen die Stadtstreicher nachts Müll anzündeten, um sich warm zu halten. Willow erklomm mit ihren Freunden leer stehende Hochhäuser, baufällige Gebäude, eine Mischung aus Mutprobe und Abenteuer. Mit diebischer Freude nahm sie mit ihrer besten Freundin Miranda die Besucher von Wal-Mart aus. Sie bauten einen maroden Campingtisch, den sie auf einem Schrotthaufen entdeckt hatten, auf dem Supermarktparkplatz auf. Nie bekamen sie Ärger wegen des Hütchenspiels, weil zwei Kinder doch so harmlos wirkten.

„Die wollen doch nur spielen.“

„Lass sie nur. Was sollen sie denn sonst in solch einer Scheißgegend machen?“

„Sind sie nicht niedlich?“

Sie gewannen immer! Natürlich durfte Willow zu Hause nichts von den Einnahmen des illegalen Glücksspiels erzählen. Sie streichelte die Katzenspardose, in der sie die Scheine sammelte – keinen einzigen gab sie aus –, jeden Abend, bevor sie sich schlafen legte. Eines Tages würde sie genug haben, um weglaufen zu können, denn die Situation zu Hause spitzte sich zu. Am Anfang bekamen sie noch oft Besuch. Aber da ihr Vater nicht die Finger bei sich lassen konnte, blieben Freunde und Verwandte bald weg. Ihre Mutter hatte sich trotzdem nicht von ihm getrennt. Stattdessen waren sie wieder mal umgezogen, hatten sich neue Freunde gesucht. Die Dad auch wieder enttäuschte. Ein Teufelskreis.

„Sie sehen plötzlich so traurig aus.“ Marthas Stimme riss Willow aus der Vergangenheit zurück in die Gegenwart. Sie hielt ihr eine Dose unter die Nase. Köstlich süßer Duft stieg daraus empor. „Wie wäre es mit einem Eclair? Die Pistazien-Vanille-Creme darin habe ich selbst kreiert.“

Willow lief das Wasser im Mund zusammen. Sie nahm einen der Liebesknochen, die alle eine mundgerechte Größe besaßen und somit eleganter zu essen waren als die klobigen Brocken, die sie aus den Fertigpackungen kannte. Artig bedankte sie sich und wünschte insgeheim, eine Oma wie Martha gehabt zu haben.

„Eigentlich heißt es: Erst die Arbeit und dann das Vergnügen.“ Dale nahm eine Nektarine aus der Obstschale auf der Anrichte und biss hinein. Saft lief ihm am rechten Mundwinkel hinab.

Gebannt verfolgte Willow, wie er ihn mit dem Zeigefinger auffing und ableckte.

„Ich heiße die junge Dame nur willkommen, damit sie sich wohlfühlt und lange bleibt“, sagte Martha und stellte die Dose zurück auf ein Regal. „Ich mag sie. Seien Sie nett zu ihr.“

Mit den Vorderzähnen löste er den Kern aus dem Fruchtfleisch und warf ihn in den Abfalleimer. „Das bin ich immer.“

„Sie sind ein Schwindler, Dale. Aber ein charmanter.“ Martha lächelte ihn warmherzig an, verabschiedete sich vorerst von Willow und verschwand durch eine Zwischentür in den Vorratsraum.

Noch eine Angestellte, die nicht Ja und Amen sagt, dachte Willow und fühlte sich sogleich mit der Köchin verbunden.

„Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Garten und danach das Gästehaus.“ Er schob den letzten Bissen in den Mund und wusch sich die Hände. Gemächlich schritt er durch den Korridor zurück ins Foyer und von dort durch die beeindruckende Bibliothek. Anscheinend hatte er es nicht eilig, an den Schreibtisch zu kommen.

Willow dagegen hatte mit ihrer Arbeit begonnen, seit sie einen Fuß in das Haus gesetzt hatte. Sie scannte alles haargenau. An den Einrichtungsgegenständen sah sie imaginäre Preisschilder. Sie schätzte aber nicht nur den Wert, sondern auch, wie schwer und sperrig sie waren. Eine Berufskrankheit. Dabei wollte sie gar nichts stehlen, diesmal nicht. Warum musste sie in dem Moment an ein Trüffelschwein denken? Herrje, genau das bin ich doch. Sie kicherte.

Auf der Terrasse blieb Dale stehen. Sie sah, dass er die Stirn gerunzelt hatte. Er hatte sich wieder einmal so gedreht, dass Willow die vernarbte Gesichtshälfte verborgen blieb. Aber tat sie im Grunde nicht genau das Gleiche? Sie verbarg ihr hässliches Gesicht vor ihm.

„Ein Königreich für Ihre Gedanken“, sagte er mit rauer Stimme und spielte damit wohl auf ihr Gekicher an.

„Sie besitzen aber keins, daher …“ Kess lächelnd zuckte sie mit den Achseln.

In der Sonne glitzerten einige Strähnen seines dunklen Haars bernsteinfarben. „Aber ein Chilisoßen-Imperium.“

„Sie würden Tangy Inc. dafür hergeben?“ Überrascht hob sie den Kopf.

„Nein, aber ich habe durchaus eine Waffe, mit der ich Sie zum Sprechen bringen könnte.“ Dale schob die Hände in die Hosentaschen und präsentierte sich in der legeren Pose des siegessicheren Mannes. „Es bräuchte nur ein wenig unserer schärfsten Soße.“

„Auch wenn Sie es nicht glauben, ich kann meinen Mund halten, ich kann ihn sogar richtig fest und lange zusammenpressen. Wussten Sie etwa nicht, dass der Kaumuskel der stärkste Muskel des Menschen ist?“

„Sie sollen sie doch nicht essen, Willow. Sondern ich würde ihren Körper damit eincremen, von oben bis unten, jeden Millimeter, jeden Hügel und jedes Tal. Dann, und das versichere ich Ihnen, würden Sie mir sofort verraten, warum Sie gelacht haben.“

Er wollte sie scharfmachen. Im übertragenen Sinne zumindest. Willow blieb die Spucke weg.

Ihre Haut kribbelte wie elektrisiert. Sofort sprang ihre Fantasie an. Sie stellte sich vor, wie es wäre, wenn er seine Drohung wahr machen würde. Seine großen, kräftigen Hände auf ihr, das Brennen jeder einzelnen Zelle, zuerst sachte und erregend, doch schon bald würde sie das Gefühl haben, in Flammen zu stehen, überall, auch zwischen den Schenkeln.

„Sie kommen ja jetzt schon ins Schwitzen.“ Dale lachte sinnlich, holte ein Papiertaschentuch aus der Gesäßtasche der Jeans und tupfte damit über Willows Stirn.

Verlegen stieß sie seinen Arm fort, denn die Berührung, auch wenn sie indirekt war, machte es nur schlimmer. Um abzulenken, spähte sie zum wolkenlosen Himmel auf. „Es ist jetzt schon heiß.“

„Das kann aber nicht an den Temperaturen liegen, Willow. In Seattle steigt das Thermometer selten über fünfundzwanzig Grad, und es ist gerade mal zehn Uhr.“

Als er das Taschentuch unter den Bund ihres Rocks stopfte, wagte sie kaum zu atmen. Demonstrativ starrte sie an ihm vorbei. Sie musterte ausgiebig den englischen Rasen, der an der untersten Treppenstufe begann. Wo er endete, konnte sie nicht erkennen, stellte sich aber vor, dass er sich bis zu der Mauer erstreckte, die das Gelände umgab. Tannen rahmten das Mittelstück ein. Ein wellenförmiger Pool bildete das Zentrum. Weiße Liegen mit apricotfarbenen Auflagen und Beistelltischen standen am Rand.

Die einzigen Blumen, die Willow dort unten sah, waren gelborangefarbene Wandelröschen, die das Herrenhaus umsäumten. Auf der Terrasse dagegen reihten sich Gartenamphoren und Steinvasen aneinander, antik anmutende Pflanzenkübel aus Steinguss oder Naturstein mit Reliefs und Patina. Sommerastern, Hornveilchen, Fingerhut, Glockenblumen, Lupinen, Margeriten, Lavendel, Elfenspiegel, Engelstrompete, Petunien, Amerikanischer Flieder – ein farbenfrohes Meer aus Blüten.

Willow kannte sie alle. Da sie im Stadtdschungel von Chicago aufgewachsen war, hatte sie ein Faible für Sendungen entwickelt, die sich mit Gärtnern beschäftigten. Stundenlang konnte sie vor dem Fernseher sitzen und sich ins Grüne träumen. Wäre sie nicht so oft im Leben umgezogen, hätte sie längst eine kleine Bibliothek mit Sachbüchern zu den Themen Pflanzen- und Tierkunde, Gestaltung, Teichbau, Obst und Gemüse selber anbauen besessen. Doch wozu Schätze ansammeln, wenn man sie auf der Flucht doch nur wieder zurücklassen musste.

Da der Garten – welch eine maßlose Untertreibung! – schon auf der Terrasse begann, stand Willow mitten im Paradies. „Das ist ja ein Park!“

„Dabei sehen Sie nur einen Teil davon. Hinter den Bäumen geht das Grundstück weiter.“ Dale wechselte auf ihre andere Seite.