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Bestseller-Autorin Michaela Seul über Hunde und was sie uns fürs Leben beibringen Die Hundefreundin Michaela Seul ist auf der Fährte eines glücklichen Lebens, wenn sie mit ihren besten Freunden unterwegs ist – weil sie bei ihnen immer wieder viel Lebensklugheit entdeckt. In kleinen Geschichten erzählt sie, was wir aus dem Verhalten unserer Hunde herauslesen und für unser Leben nutzen können: Wenn sie beharrlich über Stunden hinweg einen Knochen bearbeiten, selbstvergessen und voller Hingabe im Garten buddeln oder völlig entspannt vor sich hindösen. Das Glück hat vier Pfoten ist eine charmante Hundeschule für Zweibeiner, in der wir lernen, für uns selbst zu sorgen, auch in schwierigen Situationen Haltung zu bewahren, Grenzen zu setzen, Ziele zu verfolgen und dabei immer im Jetzt zu leben. Und nebenbei erfahren, an welche Leinen wir uns selbst angebunden haben. Michaela Seul öffnet die Augen für das, was wirklich zählt im Leben – nicht nur für unsere vierbeinigen Begleiter! Michaela Seul ist eine erfolgreiche Belletristik- und Sachbuchautorin. Sie lebt im Fünfseenland bei München. Mit Luna, Seelengefährtin wurde sie als Autorin von Hundebüchern bekannt.
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Seitenzahl: 171
Veröffentlichungsjahr: 2020
Michaela Seul
Lebensweisheiten unserer Hunde
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Wenn die Hundefreundin Michaela Seul mit ihren besten Freunden unterwegs ist, entdeckt sie immer wieder, wie viel Lebensklugheit in ihnen steckt: Sie machen einen Bogen um unliebsame Zeitgenossen, schütteln Ärger und Verdruss einfach ab und verlieren sich selbstvergessen im Hier und Jetzt.
»Das Glück hat vier Pfoten« erzählt, was wir aus dem Verhalten unserer Hunde herauslesen und für unser Leben nutzen können - etwa für uns selbst zu sorgen, auch in schwierigen Situationen Haltung zu bewahren, Grenzen zu setzen, Ziele zu verfolgen und nicht immer drei Dinge auf einmal zu tun, sondern sich einer Sache mit voller Aufmerksamkeit hinzugeben.
Michaela Seuls Geschichten und Beobachtungen aus dem Alltag mit Hunden öffnen die Augen für das, was ein gutes Leben ausmacht – nicht nur für unsere vierbeinigen Begleiter!
Wer ist hier eigentlich der Chef?
Der Mensch denkt, der Hund lebt
Hund … und …
Bogen statt Schlagen
Wo die Liebe hinfällt
Achtsam wachsam
Der Knochenjob
Täuschungsmanöver
Andoggen
Hier wache ich!
Der Schweinehund
Der Menschen-TÜV
Auf der Couch
Das Adressbuch
Rabenfrauchen
Häkchenrausch
Im Auge des Sturms
Die Sofafrage
Immer der Nase nach
Schütteln macht frei
Aus!
Gassi gehen
Wenn der Postmann dreimal kneift
Rutenplaner
Haltung zeigen
Dosenöffner
Spieglein, Spieglein an der Wand, jeder ist der schönste Hund im Land
Ich folge meinem Hund
Dösen in Dosen
Eingedoggt
Ein Hund ist ein Herz auf vier Beinen
Zum Weiterlesen
»Auf kleinen Pfoten
läuft ein Stück von Leben
mit uns durch die Zeit.«
Günter Kunert
… und führt uns in die Spur zu uns selbst.
Wie unsere Hunde das anstellen und warum uns das so guttut, erfahren Sie auf den folgenden Seiten …
Hunde machen glücklich.
Aber das ist noch längst nicht alles!
Eines Morgens erkannte ich, dass mehr in meinem Hund steckt, als ich ahnte – und das war bereits eine Menge. Doch diesmal ging es nicht um Intelligenz und Fähigkeiten oder Treue und andere altbekannte hundliche Eigenschaften. Geistesblitz! Sondern um seine Führungsqualitäten. Es kann gut sein, dass mein Hund jahrelang für diese Leitung gebuddelt hat, bis das Lämpchen in meinem Kopf endlich leuchtete. Menschen sind zuweilen ein wenig schwer von Begriff. Ich nehme an, dass ich kein Einzelfall bin.
Am Abend vor dieser Erkenntnis war ich mit einer ellenlangen Liste ins Bett gegangen, was ich am nächsten Tag alles erledigen sollte. Beim Aufstehen arbeitete ich weiter an der Liste, überlegte mir im Bad eine Reihenfolge, zwischendurch fiel mir der Hund ein, und ich fragte mich, wann ich Gassi gehen sollte. Spazierengehen, schon das Wort machte mich nervös. Es passte überhaupt nicht zu dem bevorstehenden Tag, den ich nur im Dauerlauf bewältigen würde. Am besten, ich begann gleich beim Zähneputzen mit Aufwärmgymnastik … wie funktioniert diese Turnübung gleich noch mal, mit der man hundert Jahre alt wird?
Mein Hund ist Langschläfer. Er genießt jede Sekunde, die er morgens auf seinem Schaffell döst. Falls ich vor sechs Uhr aufstehe, kneift er die Augen besonders fest zu. Selbst wenn etwas zu Boden fällt, rührt er sich nicht. Ich habe gehört, dass andere Hunde, egal zu welcher Uhrzeit, ihre Rudelmitglieder begeistert begrüßen. Meiner hält sich an die Geschäftszeiten. An seine, wohlgemerkt. Doch es war bereits sieben, was mich noch nervöser machte, da ich schon eine Stunde verschlafen hatte. Warum? Weil ich am Vorabend nicht in den Schlaf gefunden hatte – dauernd musste ich an die Liste denken, die ich in der Nacht schon abzuarbeiten begann. Leider erfolglos. Hätte ich mich mal besser an die Geschäftszeiten gehalten!
Der Hund lag auf dem Schaffell unter dem Küchentisch, wie meistens am Morgen. Ich habe ein Bett, er drei. Zähle ich das Sofa mit, vier. Aber das nur am Rande. Der Hund hatte mich natürlich längst auf dem Radar. Aber nein, er war nicht aufgesprungen, als er meinen in Richtung Wachwerden veränderten Atem aus dem Schlafzimmer hörte und später die Zahnbürste im Badezimmer. Er suchte auch nicht nach meinen verlorenen sechzig Minuten. Such, such, wo ist die Stunde, bring sie!
Er erhob sich erst jetzt. Langsam. Streckte sich behaglich, machte sich, die Pfoten weit nach vorne, lang, verließ gemächlich, fast möchte ich behaupten: aufreizend langsam, sein Bett, dehnte weiter, nun auch die Hinterbeine. Schüttelte sich. Sah ich da Traumfetzen aus seinem Fell spritzen, oder war das mein blinkendes Coffein-Rotlicht? Schwanzwedelnd, aber nicht übertrieben eilig, kam der Hund zu mir. Sein Tag war nigelnagelneu. Von Stress keine Spur, woher auch. War doch alles prima, und »Liste« kannte er nur ohne »e«.
Wie ein frisch gegrabener Fuchsbau lag dieser Tag vor meinem Hund. Verlockend duftend, wunderbar. Was würde heute alles Tolles geschehen? Ein Höhepunkt stand unmittelbar bevor: der Napf. Mein Hund leckte sich übers Maul. Grunzte vorfreudig. Rieb seinen Kopf an meinem Bein, die Katzennummer. Meine Liste ging in die Knie und ich sowieso. Ich sagte all diese Sachen, die man vor Zeugen nicht wiederholen möchte. Jeder Hundefreund hat seine Geheimsprache.
Das war jetzt keine neue Erfahrung, dass der Hund mich beruhigt. Das ist auch wissenschaftlich erwiesen: der Blutdruck sinkt, der Herzschlag verlangsamt sich. Man braucht keine Tabletten, muss bloß den Hund streicheln. Wir schmusten ein bisschen, dann fiel mir meine Liste ein, und ich stand auf, um die Kaffeemaschine anzuschalten. Da ich für den Tag, der vor mir lag, besonders viel Schwung benötigte, dosierte ich das Pulver großzügig. Das war sozusagen mein Napf: die Tasse Kaffee am Morgen.
Der Hund streckte sich noch mal. Aus seiner Yogastellung heraus schaute er mich an. Offen, freundlich, aufmerksam. Warme braune Augen, tiefer Blick. Du Hund, ich Mensch. Wieso sollte ich mich beeilen? Was konnte ich verpassen außer diesem Augenblick? Was würde eines Tages im Album meines Lebens zählen? Wie schnell ich das Haus an diesem Morgen verlassen habe oder die innige Begegnung mit meinem lieben Hund? Was war mir wichtig? Und wenn ich es wusste, warum machte ich es nicht einfach? Ich ließ mich zu Boden gleiten, nahm den Vierfüßlerstand ein und ahmte nach, was mein Hund vorgeturnt hatte. Ich dehnte und reckte und streckte mich. Der Hund beobachtete meine Verrenkungen, ich würde behaupten: wohlwollend. Meine Liste rutschte in kleinen Fetzen von meinem Leib.
Der Hund wedelte. »Weißt du, dass es eine Yogaübung gibt, die Hund heißt?«, fragte ich ihn. Blöde Frage. Er schien zuzustimmen. Ja, es ist herrlich, sich morgens zu dehnen und sich ohne lästige Listengedanken auf seinen Napf zu freuen. Mein lieber Hund schaute mich an, neugierig, so schien es mir. Vermutlich dachte er nicht: Na, endlich hast du es begriffen. Aber genau so sah er in diesem Moment aus. Ja, jetzt hatte ich es begriffen. Fünfundzwanzig schlappe Jahre und mehrere Gesandte aus dem Hundehimmel hatte es gedauert. Ich bin eben nur ein Mensch.
Der frühe Hund fängt die Wurst.
Mein lieber Hund ist eine Hündin. Sie heißt Miss Lomax, und wie sie zu diesem Namen kam, ist eine lange Geschichte. Vielleicht erzähle ich sie irgendwann mal. Aber in diesem Buch geht es gar nicht um diesen einen Hund. Natürlich ist er der schönste und liebste der Welt. Und weil jeder geliebte Hund der schönste und beste ist – wie auch jeder geliebte Mensch, weil sich im Blick der Liebe Schönheit offenbart –, gilt dieses Buch für alle. Wenn wir Zweibeiner manches von dem, was für Vierbeiner wichtig ist, beherzigen würden, wäre unser Leben oft einfacher. Deshalb schreibe ich der Hund und meine alle. Groß, klein, weiblich, männlich, Rasse oder Mix, bunt gemischt. Sie alle miteinander zeigen uns Tag für Tag, worauf es im Leben ankommt. Sie schütteln und putzen sich, sie buddeln und jagen, sie wedeln und bellen – Frauchen! Herrchen! Hör doch mal! Schau doch mal! Kapier doch endlich!
»Alles Wissen, alle Fragen und Antworten finden sich im Wesen des Hundes.«
Franz Kafka
Selbstverständlich buddle ich nicht nach Mäusen oder knurre. Aber hin und wieder schadet es nicht, meiner Umgebung ein »Stopp!« zu signalisieren, indem ich die Zähne zeige. Oder eine Pause einzulegen, wenn mir die Zunge raushängt. Vielleicht einen Bogen um Unangenehmes zu schlagen oder Abstand zu halten, sobald sich mir das Fell sträubt. Die Ohren zu spitzen – was ist jetzt wichtig? Kurz: Das Verhalten des Hundes animiert mich seit jener morgendlichen Sternstunde, die gute, die gesunde Mitte in meinem Leben aufzuspüren.
Seither beginne ich meine Tage wie ein Hund. Manchmal nur eine Minute, manchmal sind es zehn oder zwanzig. Ich dehne mich in den Tag hinein in genau der Choreografie, die mir jetzt guttut. Manchmal mit meinem Menschenspielzeug Faszienrolle, manchmal ohne. Der Hund streckt seine Fühler aus in den neuen Tag, und dann ist er fit. Sollte er jetzt gleich einen spontanen Einsatz als Bodenreiniger haben und losspringen, weil mir der Joghurtbecher aus der Hand gerutscht ist, wird er sich nicht verletzen. Er hat sich aufgewärmt, er ist bereit, innerlich und äußerlich. Und ich nun auch. Mein Körper ist warm, mein Herz ist weit. Es macht einen Riesenunterschied, wie ich in den Tag starte. Jede Minute, die ich in die Ruhe investiere, zahlt sich im Verlauf des Tages mit einem Pfund an Gelassenheit aus. Mit Hektik am Morgen beschleunige ich nichts, ich werde eher nervös, schludrig und außerdem schlecht gelaunt, was sich nicht mit der vorbehaltlos begeisterten Begrüßung des Hundes verträgt. Wie sollte ein neuer Morgen Missgefühle wecken? Gar nicht, eben.
Die bloße Anwesenheit eines Hundes hat in Versuchen den Stress der Probanden gesenkt – sie fühlten sich gelassener, besser gelaunt. Hunde führen bei ihren Besitzern zu einer Freisetzung von Endorphinen, bekannt auch als Glückshormone. Außerdem werden die Hormone Oxytocin und Prolactin freigesetzt, die bei sozialen Bindungen eine wichtige Rolle spielen. Interessanterweise profitieren auch Hunde vom Kontakt mit dem Menschen. Bereits ein freundlicher Blickwechsel zwischen Hund und Mensch führt bei beiden zu einer vermehrten Oxytocinausschüttung. Man fühlt sich wohl miteinander.
Ich muss sicher nicht erwähnen, dass ich meine ellenlange Liste an diesem Tag schwungvoll und bestens gelaunt erledigt habe. Wir mögen unseren Hunden Gehorsam und Tricks beibringen, doch wir können auch eine Menge von ihnen lernen, wenn wir den Spieß einmal umdrehen. Und dann ist das Leben mit Hund genauso schön, wie es sich viele von uns vorgestellt haben, als sie sich in ihrer Kindheit eine Lassie, einen Struppi oder Snoopy wünschten. Seit an Seit mit einem Freund durch dick und dünn, über Stock und Stein. Meine erste Lektion habe ich seit diesem Morgen verinnerlicht und auch noch einiges mehr, das ich auf unseren gemeinsamen Streifzügen durch die Seiten für Sie apportieren werde.
Wenn ich meinem Hund beim Über-die-Wiese-Rennen zusehe, werde ich fast neidisch. Die Schlappohren fliegen, Grasbrocken schleudern durch die Luft, er scheint zu grinsen. Es muss ein tolles Gefühl sein, so zu fetzen. Genauso beneidenswert, wenn er gemütlich auf seinem Schaffell liegt, hin und wieder vor Behagen grunzt oder im Garten unter halb geöffneten Lidern Welten wahrnimmt, die mir verborgen bleiben. Ja, da habe ich schon manches Mal gedacht: Hund sein wär kein schlechtes Los. Man muss sich um nichts kümmern. Das Leben ist eine Fressnapf-Filiale, und der ganze Stress, der mich oft davon abhält, das zu tun, was ich eigentlich tun will, entfällt. Für Mahlzeiten und ein Dach über dem Kopf ist gesorgt. Und das ist gar nicht so wenig, wie es uns manchmal erscheinen mag. Weil wir längst nicht so viel brauchen, wie wir meinen, damit es uns gut geht. Aber seltsamerweise geht es uns dann doch nicht so gut, wie wir geglaubt haben, und am Ende bleibt nur noch die Sehnsucht nach »endlich Zeit für mich«. Hund möchte ich sein! Ja, Hunde haben Zeit, sogar so viel Zeit, dass sie sich netterweise um das kümmern, was der Mensch sträflich vernachlässigt.
Viele Menschen fühlen sich von unserer Leistungsgesellschaft überfordert. Die Freizeit wird abgearbeitet wie Arbeitszeit, auch Schönes oft nur noch erledigt. Wir wollen immer mehr erleben und verpassen deshalb immer mehr. In uns wächst die Sehnsucht nach Selbstbestimmung, gelebten Werten, Verbundenheit, Natur, Spontaneität, Leichtigkeit, Lebensfreude und der Erfahrung, im Jetzt zu sein. Manchmal ist sie der Grund für die Anschaffung eines Hundes. Der Vierbeiner soll dem Zweibeiner helfen, sich zu erden. Das kann gut gehen; der Hund, der uns Zeit schenken soll, kann aber auch zu einem Stressfaktor werden. Gassigehen ist dann manchmal keine Freude mehr, sondern eine lästige Pflicht. Davon zeugen auch die vielen Hundesitter und Hutas (Hunde-Tagesstätten), vor allem in Großstädten. Vor lauter Alltag übersehen wir die Perlen schöner Momente.
Doch wenn wir uns auf das Wesen unserer vierbeinigen Freunde einschwingen, erkennen wir, dass sie uns Schlupflöcher aus dem Alltag anbieten. Folgen wir ihnen?
Warum sollten Sie mir folgen?
Weil ich seit vielen Jahren mit Hunden lebe, zahlreiche Bücher rund um das Thema Hund geschrieben habe, auch gemeinsam mit einer bekannten Hundetrainerin, weil ich außerdem Menschen-Coaching gelernt habe und einen beliebten Hundeblog führe? Es geht auch einfacher, ich bin immer für einfach. Wie wäre es mit einem hundlichen Kriterium: Weil diese Buchstabenfährte interessant riecht?
Das Glück winkt mir mit vier Pfoten …
… wenn ich den Tag beginne, indem ich mich räkle und dehne, wie es mir guttut. Guten Morgen, schön dass du da bist, lass uns gemeinsam einen wunderbaren Tag erleben.
Hunde haben Flöhe, das behaupten viele, die ohne Hunde leben. Gewiss, freilebende Hunde werden von zahlreichen Parasiten angezapft. Unsere Haushunde eher selten, und außerdem gibt es dafür Prophylaxe.
Leider haben wir Menschen keine solche Prophylaxe und bräuchten sie doch dringendst. Unsere Quälgeister und Blutsauger und Um-den-Schlaf-Bringer sind mindestens genauso lästig wie ein Sack Flöhe. Wir haben sie allerdings säckeweise. Gedanken nämlich. Und es gibt kein Gedankenspray oder -pulver, kein Antigedankenhalsband, keine Tropfen auf den Nacken, die sie bannen. Dabei sind sie wirklich schlimme Parasiten, die uns das Leben mehr als vermiesen können. Aber das merken wir manchmal gar nicht. Wir haben uns schon so daran gewöhnt, uns permanent aus unserem Leben herauszudenken, aus der Gegenwart herauszudenken, dass es uns gar nicht mehr auffällt, wenn wir nur körperlich anwesend sind. Was unseren Hunden sehr wohl auffällt.
Aber leben wir auch deswegen mit Hunden, damit sie uns die Fährte ins Jetzt zeigen? Damit wir in ihrer Anwesenheit so manchen Verdruss vergessen? Auf langen Spaziergängen zum Beispiel. Ja, das wäre schön, wenn ich mit meinem Hund Gassi gehen würde. Leider führe ich manchmal nur meine Gedankenflöhe aus. Ich verlasse das Haus, ich komme zurück und bin nicht durch den Wald gelaufen, sondern habe ihn gar nicht gesehen vor lauter Bäumen sprich Brettern vor meinem Kopf. Oder Bohrern darin.
Es ist nämlich so, dass ich einen Zahnarzttermin habe. Also nicht heute, sondern in zwei Wochen. Weil es wirklich eine große Sache ist, haben sich ganze Heerscharen von Flöhen und Zecken darauf gestürzt, die an dem Termin hängen und ihn immer größer machen. So dick, dass ich den Hund kaum mehr sehen kann, der locker vor mir läuft. Er schnuppert mal unter einer Buche, dann an eine Birke, dreht sich immer wieder zu mir, sommeliert an einem Holunder und im Moos, und dann gibt er auf. Kein Wunder, schließlich ist er allein unterwegs. Frauchen befindet sich auf dem Zahnarztstuhl. Dort habe ich mich selbst festgeschnallt, und was außen rum noch so passiert, keine Ahnung, ich kann mich nicht auf alles gleichzeitig konzentrieren. Ja, mag sein, dass es ziemlich gut riecht nach dem Regen heute Nacht, aber ich bin in einer eitrigen Nelkenwolke und höre nicht den dicken Hummelbrummer, der um meinen Kopf kreist, sondern den dünnen Hochleistungsbohrer. Den in zwei Wochen, wohlgemerkt.
Ich will das nicht. Es passiert. Ich kann es nicht kontrollieren, immer wieder rutsche ich zurück auf den Zahnarztstuhl, was heißt hier rutsche, ich schnalze zurück, als wäre ich an ein Gummiseil getackert. Es ist einfach nur ätzend und lächerlich. Ich bin nicht jetzt beim Zahnarzt, sondern in zwei Wochen, und bis dahin könnte ich schon gar nicht mehr da sein, also insgesamt, und dann hätte ich meine letzten Tage auf Erden in einem Zahnarztstuhl zugebracht! Den es gar nicht gibt. Nein, das ist nicht lustig. Aber wie krieg ich diese Gedankenflöhe los? Heute ist es der Zahnarzt, und was ist es morgen? Immer ist irgendwas, das mich aus der Gegenwart kickt. Wenn es jucken würde, hätte ich mir längst das Fell vom Leib gekratzt.
Der Hund kommt zurück, als hätte ich ihn angesprochen. Legt den Kopf schräg und schaut mich an. Prüfend kommt es mir vor, und ich fühle mich ertappt.
»Hey, das ist nicht so einfach!«, sage ich.
»Ja, du, du hast leicht reden!«, fahre ich albernerweise fort. »Du weißt ja nicht, dass du nächste Woche zum Impfen musst. Wenn ich das nicht wissen würde mit dem Zahnarzt, dann, ja dann …«
Der Hund hebt den Kopf und schnuppert. Dann lauscht er, seine feuchte Nase zuckt. Er geht ein paar Schritte in die Wiese, verharrt, lauscht und wittert.
»Impfen ist gar nicht schlimm«, sage ich. »Nur die Nadel an dem Ort, wohin du bestimmt nicht willst. Du weißt schon, dieses Zimmer, in dem es so grässlich nach Angst riecht.«
Ich bin gemein, so gemein!
Der Hund fängt an zu buddeln. Er hat eine Maus gerochen. Die ist ihm wichtiger als die Impfung. Der Hund lebt im Jetzt. Er macht sich keine Gedanken über ungelegte Eier. Er kümmert sich um das, was jetzt ist. Und da schlüpft weit und breit keine Spritze aus dem ungelegten Ei. Einen Teufel wird er tun, sich die herbeizufantasieren, da würde er ja all das andere, was da ist, verpassen. Zumal das so schön ist. Wenn er sich während des Impfens auf einer Wiese wähnen würde … tja, das wäre sinnvoll. Aber doch nicht umgekehrt! Nur ist das eben die Regel beim Menschen. Vermutlich liegt es daran, dass er als Zweibeiner unausgereift in Serie gegangen ist. Seine Sinne sind defizitär ausgeprägt, aber, was noch entscheidender ist: Er vertraut ihnen nicht.
Ich rieche, ich höre, ich sehe, ich fühle, ich schmecke … wenn auch anders als der Hund. Manches besser als er, manches schlechter, aber ich nutze schon auch ein paar Sinne. Bloß interessieren mich Mäuse eben nicht. Also solche. Immerhin habe ich jetzt vor lauter Nachdenken die Zahnarztpraxis verlassen.
Wahrscheinlich würde mein Hund mich bedauern, wenn er wüsste, welcher Juckreiz mich quält. Für den Hund zählt, was jetzt ist. Was davor war, ist vorbei, was danach kommt, ist noch nicht da. Alles, was Bedeutung hat, ist dieser Augenblick: jetzt. Und der nächste. Jetzt buddelt er nach einer Maus. Jetzt läuft er am Wiesenrand. Jetzt liegt er unter dem Tisch. Jetzt beobachtet er die Spatzen im Baum. Jetzt spielt er mit dem Ball. Natürlich kann er sich erinnern, und er hat auch in die Zukunft gerichtete Pläne. Aber das, was jetzt gerade ist, erfüllt sein Leben.
Aus die Maus, ich übertrage es mal auf mein Leben. Wenn ich esse, soll ich nicht Zeitung lesen. Wenn ich Gassi gehe, soll ich nicht telefonieren. Ich soll das, was ich tue, mit allen meinen Sinnen erleben. Sonst merke ich ja gar nicht, was ich mache. Und esse zu viel und weiß später nicht mehr, wie es geschmeckt hat. Genauso wenig weiß ich später noch, was ich gelesen habe. Denn alles auf einmal bedeutet ja nicht, dass ich mehr aufnehme, sondern immer nur die Hälfte. Und wenn ich nebenbei noch mehr mache, dann bleibt immer weniger, bis gar nichts mehr da ist. Nur der Zahnarzt.
Wo dein Hund ist, spielt die Musik.
Es ist Anfang Juni, und wir laufen über einen schmalen Feldweg an einem Rapsfeld entlang. In zwei Wochen um die Zeit habe ich den Zahnarzt hinter mir, denke ich.
Knallblau der Himmel, knallgelb der Raps. Und ich: Knall im Kopf. Wieso denke ich in dieser wundervollen Umgebung so einen Blödsinn? Wieso denke ich fast immer, glaub ich zumindest, irgendwas?
Manchmal denke ich tatsächlich mit mehr oder weniger Sinn. Was ich nachher einkaufen werde. Ob ich es heute noch zum Sport schaffe. Dass ich Ulrike zum Geburtstag gratulieren will.
»Das ist, weil du viel kleiner bist als ich«, sage ich zu meinem Hund. »Du bist näher dran am Boden. Bei mir ist der Kopf zu weit oben, verstehst du? Das ist nicht so einfach mit so einem Kopf. Außerdem hast du ja viel bessere Sinne als ich. Was du alles riechst und hörst und so. Ja, mit so einer Ausstattung würde ich auch keinen solchen Quatsch denken.«
Tatsächlich?
