Das große Bumsfallera - A. J. Winkler - E-Book

Das große Bumsfallera E-Book

A. J. Winkler

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Beschreibung

Was, wenn man gegen Mitternacht in der eigenen Wohnung von einem Unbekannten überrascht wird, der sich am Türschloss vergeht und aussieht wie Professor Unrat? Was, wenn der Kerl einem anschließend erzählt, er sei mit einer Zeitmaschine aus den Dreißiger Jahren unterwegs? Sollte man mit dem Trinken aufhören oder bloß die Polizei rufen? Aber was, wenn das stimmt? Das macht auch dem Berliner Christian Fink zu schaffen, dem unfreiwilligen Helden des "großen Bumsfallera". Mit dieser Zeitreise ist außerdem zu allem Unglück etwas total schief gelaufen. So schief, dass es sehr bald zu einigen unheilvollen Begegnungen kommen wird, die sogar die uns bekannte Weltgeschichte auf den Kopf stellen könnten...

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Seitenzahl: 658

Veröffentlichungsjahr: 2013

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A. J. Winkler

Das große Bumsfallera

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das große Bumsfallera

1. September

2. September

3. September

4. September

5. September

6. September

7. September

8. September

9. September

10. September

11. September

Impressum neobooks

Das große Bumsfallera

1. September

“Man müsste in die Vergangenheit reisen können!” seufzte Christian Fink, der gerade zu Bett gehen wollte, als sich jemand an seinem Türschloss zu schaffen machte. Er erschrak, denn weder erwartete er Besuch, noch würde sich jemand aus seinem Freundes- oder Bekanntenkreis ausgerechnet um Mitternacht zu solch einem Scherz hinreißen lassen; nicht seine Freundin, die nämlich einen Schlüssel besaß und überdies auf einem Selbstfindungstrip in Indien unterwegs war, und schon gar keiner seiner Berufskollegen und Freunde, die für makabre Späße zu seriös und vielleicht auch ein bisschen zu alt waren: es musste sich also aller Wahrscheinlichkeit nach um einen Einbrecher handeln, und irgend jemand hatte wieder die Haustür offen gelassen; ein Ärgernis, über das es in diesem behäbigen Altbau schon einige Male zum Streit gekommen war –musste doch eine offene mitternächtliche Haustür in dieser guten Wilmersdorfer Gegend geradezu eine Einladung für alle möglichen finsteren Gesellen sein. Und nun hatte sich einer dieser finsteren Gesellen die zwei Stockwerke hoch geschlichen und bearbeitete Christians Türschloss. Fast hatte dieser es erwartet, dass es irgendwann einmal so weit kommen würde.

Er stand auf und überlegte, ob er irgendeine Waffe besäße, um sich gegen den Eindringling zu verteidigen. Die Not lenkte seinen Blick auf einen dolchähnlichen Brieföffner, den er von seinem Designerglastisch aufhob und fest in seine rechte Hand krallte. Er bewegte sich schleichend zur Tür, fest entschlossen, sein Hab und Gut zu verteidigen, und er ärgerte sich darüber, auf solch unsanfte Art und Weise aus seinen Science-Fiction-Träumen gerissen zu werden; noch zwei Minuten zuvor hatte er auf der Couch halb gelegen, halb gesessen, ein Buch zur Hand, von dem seine Gedanken jedoch mit der Zeit mehr und mehr abgeschweift waren in die unschuldigen Welten der reinen Phantasie; und sein Hirn hatte die unbekannten Landschaften der Vergangenheit durchstreift, die zu besuchen nicht nur Christian, sondern auch dem Rest der Menschheit auf Ewigkeit verwehrt bleiben würde. Was er sehr bedauerte. Denn er wäre gerne einmal, und sei es nur für einen Tag, ins alte Rom gereist, oder vielleicht in die Renaissance, oder ins London des Fin-de-siècle, nur als Beispiele für die vielfältigen Interessen des noch jungen Architekten. Doch er war jäh herausgerissen worden aus der Träumerei, und dieser Verbrecher vor der Tür holte ihn abrupt und ungnädig in die Realität zurück. Allerdings muss man sagen, dass der Einbrecher, wenn es denn einer war, sich ziemlich dumm anstellte und von seinem Handwerk wenig zu verstehen schien. Er brachte die Tür nämlich nicht auf und schien von seinem Tun abzulassen. Christian hielt den Atem an, als von der anderen Seite der Tür plötzlich kein Geräusch mehr wahrzunehmen war.

Natürlich wäre es auch denkbar, folgerte Christian bei sich, dass er mich gehört hat und nun ins Stocken geraten ist... ...doch da ging es wieder los, ein Geräusch, ähnlich jenem, das beim Suchen nach dem richtigen Schlüssel an einem viel zu großen Schlüsselbund entsteht. Christian stand in Lauerstellung hinter der Tür und fasste plötzlich den Entschluss, sich diese Gestalt mal näher anzusehen; die Glücklosigkeit des mutmaßlichen Verbrechers ließ sein Selbstbewusstsein in die Höhe schnellen und erweckte in ihm das Verlangen, den Dieb kennenzulernen... Er drehte blitzschnell den von innen steckenden Schlüssel herum und riss die Tür auf –und größer hätte sein Erstaunen nicht sein können, selbst wenn seine tote Großmutter dort gestanden hätte: im trüben Licht erblickte er einen ebenso überraschten, stattlichen Herrn, der so gar nichts von einem Verbrecher an sich zu haben schien, eher schon wie ein Verrückter oder gar ein passionierter Karnevalist aussah: ein markiger Quadratschädel saß auf einem feisten, massigen Körper, der in einem wohlgenährten Spitzbauch zulief; in der einen Hand hielt er tatsächlich einen Schlüsselbund, in der anderen einen Spazierstock und einen rundlichen Hut; über den angewinkelten Arm hatte er einen Mantel geschlagen; mehr war in der schummerigen Beleuchtung auch nicht auszumachen.

“Wer sind Sie?” fragten beide gleichzeitig.

“Was wollen Sie in meiner Wohnung?” ergänzte Christian.

“Es wäre freundlich von Ihnen, das Messer wegzulegen, und mich in meine Wohnung zu lassen,” sagte der andere mit fester, sonorer Stimme.

“Ich hab mich wohl verhört,” hakte Christian nach, ein bisschen verdattert über die Dreistigkeit des anderen.

“Nein, nein, Ihre Ohren sind in Ordnung. Ich schätze mal, Sie wohnen jetzt hier –da liege ich wohl richtig, nicht wahr?” konstatierte der andere, und ohne eine Antwort auf die ohnehin überflüssige Frage abzuwarten, redete er direkt weiter: “ Nun ja, ich hätte wohl kaum erwarten dürfen, dass in dieser Zeit ausgerechnet diese schöne Wohnung nicht vermietet ist. Oder gehört sie Ihnen gar?”

Christian stutzte und zog die Augenbrauen zusammen, was er immer tat, wenn er nur noch Bahnhof verstand. Er wusste nicht genau, wie er nun reagieren sollte, und schwankte unschlüssig zwischen einem lauten Rauswurf und der Kapitulation vor dem Verwunderlichen.

Der andere lächelte durch das Dunkel und schien solche Auftritte zu lieben. Er senkte Christians bewaffneten Arm und schob sich an ihm vorbei in dessen Wohnung. Christian war also einmal mehr die Entscheidung abgenommen worden; und als er dies schließlich vollkommen verdutzt bemerkte, stand der andere Mensch schon mitten in seinem Wohnzimmer. Er war nun besser zu betrachten. Seine schütteren grauen Haare lagen in vollkommener Anarchie auf diesem festen, großen Kopf; das etwas fahle, von einem Kneifer verunzierte Gesicht lief in einen hellgrauen Spitzbart aus, der so wirkte, als habe er schon bessere Zeiten gesehen.

Er trug eine völlig altmodische dunkle Weste, die sich notgedrungen über seine durchaus stattliche Figur spannte, darunter ein kaum zu bemerkendes Hemd, eine seltsame Art Pumphosen –wie sonst könnte man diesem Kleidungsstück gerecht werden –und tiefschwarze, allerdings nicht mehr glänzende Lackschuhe. Die Erscheinung war majestätisch, und er wirkte selbstsicher wie jemand, der gerade eine Großtat vollbracht hat. Seiner Kleidung war anzumerken, dass er entweder ein totaler Exzentriker war oder den Verstand verloren haben musste.

“Also Moment mal,” meinte jetzt der überrumpelte Christian, “wer sind Sie und was soll das hier?”

“Ich nehme an, Sie sind davon ausgegangen, ich sei ein Einbrecher? Das sehe ich natürlich an Ihrem seltsamen Messer. Nun, ich kann Sie beruhigen, ich bin kein Krimineller und habe höchsten Respekt vor dem Eigentum anderer Leute; ich denke also überhaupt nicht daran, Ihre Wohnung auszuräumen, als welche Sie dieses Schmuckstück hier bezeichnen werden... im übrigen wüsste ich ja gar nicht, wieso um alles in der Welt ich in mein eigenes Heim einbrechen sollte, um was es sich hier schließlich auch handelt, nebbich. Beziehungsweise handelte. Nun, ich sehe Ihnen die Überraschung an, daher gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Mein Name ist Professor Julius Gerhard Friedrich Wittmann; ich lehre Physik an der Humboldt-Universität zu Berlin, und ich würde gerne von Ihnen wissen, welches Datum wir haben.”

“Hä?!”

“Sind Sie des Sprechens unkundig, mein lieber junger Freund?” fragte der Eindringling und schien die Verwirrtheit seines Gegenüber weidlich auszukosten. Christian war in der Tat ein bisschen neben sich; zumindest war es diesem Kauz gelungen, ihn völlig zu überraschen. Er wartete darauf, dass sich nun eine ihm unbekannte Lebensform aus dieser Kostümierung schälte, um die Situation komplett an die Wand zu fahren. Er liebte solche Überraschungen nicht; er fühlte sich unsicher, wenn irgendetwas Skurriles sich in seinem Leben ereignete, und zog es stets vor, immer die Kontrolle zu behalten. Nun war zwar wenigstens klar, dass er nicht Opfer eines Einbruches geworden war, aber –was überhaupt war das da, das da stand und ihn frech fixierte?

“Also, Sie, ich weiß nicht, was Sie hier suchen, und ich schätze mal, dass Sie sich gewaltig verlaufen haben, aber wenn Sie das beruhigt: wir haben den ersten –na, inzwischen den zweiten September.”

“Das Jahr, guter Mann, das Jahr!”

“1994.”

“Fein.” Der Fremde warf Hut, Spazierstock und Mantel auf die Couch und rieb sich vergnügt die Hände.

“Dann hat das ja genauso funktioniert, wie ich das wollte. Fein, fein. Sagten Sie, 2. September?”

“Seit fünf Minuten.”

“Oha. Also eine Stunde. Nun gut, auf vierundsechzig Jahre gerechnet ist eine Stunde vernachlässigenswert, finden Sie nicht?”

“Ich finde überhaupt nichts, ich möchte nur wissen, was hier abgeht.”

“? Was ist denn das für ein Wort? Spricht man in Ihrer Zeit so? Na schön. Ich bin ja lernfähig. Ich bin der Ansicht, wir sollten es uns gemütlich machen. Nehmen Sie sich einen Stuhl und fühlen Sie sich wie zuhause.”

“Ich bin hier zuhause,” gab Christian zurück. Außer Rauchern, die beim Abaschen der Zigarette den Fußboden statt des Aschenbechers treffen, schätzte er nichts so wenig wie Menschen, die ihn mit selbstverständlicher Sicherheit ins Unrecht setzten.

“Ach ja,” näselte der andere, “ich vergaß. Übrigens habe ich mich bereits vorgestellt, was man von Ihnen nicht behaupten kann.”

Er nahm eine erwartende Haltung ein.

“Hören Sie, Professor wie immer Sie heißen,” erwiderte Christian kühl, “mein Name steht draußen an der Tür. Und es ist Nacht. Und ich muss morgen früh raus, ich gehöre zur arbeitenden Bevölkerung.”

“Nun mal immer mit der Ruhe, so schnell schießen die Preußen nicht. Ich frage Sie schließlich nur höflich nach Ihrem Namen, den ich auf der Tür keineswegs erkennen konnte, alldieweil ja die Flurbeleuchtung eher kläglich und darüber hinaus in Ihrem Stockwerk auch noch kaputt ist.”

“Mein Name ist Christian Fink,” leierte der Gefragte herunter. “Sagen Sie, was Sie wollen, und dann gehen Sie bitte. Ich habe nicht ewig Zeit.”

“Lieber Herr Fink. Fällt Ihnen an mir etwas auf?”

Christian fixierte die massive Gestalt, die aus einem versunkenen Jahrhundert zu entstammen schien.

“Sie sehen aus wie Professor Unrat.”

“Wer ist das nun wieder?” fragte der Fremde enttäuscht.

“Das ist –das war –ach, ist ja auch schnuppe. Jedenfalls erinnern Sie mich an ihn. Sind Sie Schauspieler oder was? Hat Sie jemand engagiert, um mich zu foppen? Rücken Sie schon raus damit!”

“Ich will nicht unhöflich sein, aber ich hätte geradezu enorme Lust auf ein Gläschen Wein. Was ich Ihnen zu sagen habe, lässt sich besser hören, wenn Sie sitzen und jeder von uns vor sich ein Glas Rotwein stehen hat.”

Christian hätte nicht sagen können, woran es lag, dass er den Kauz nicht schon längst vor die Tür geworfen hatte, und noch weniger konnte er es sich erklären, dass er nun eine Flasche Rotwein öffnete und einschenkte. Währenddessen spazierte der andere lässig durch die Wohnung und musterte sie gründlich, dann und wann beifällig nickend oder halb freundlich, halb nachsichtig grinsend. Irgendetwas hatte dieser Mensch an sich, dass Christian sich beruhigte und bereit war, ihm zuzuhören.

“Nun denn,” meinte Professor Unrat-Wittmann, “ich habe schon bemerkt, dass Sie heutzutage einige Mühe mit gutem Geschmack haben. Es ist mir nicht entgangen, dass der Geräuschpegel dieser Stadt für meine Begriffe um einiges abgenommen hat, woran auch immer das liegen mag. Aber ihr optisches Erscheinungsbild ist doch unter meinen Erwartungen geblieben, das muss ich leider sagen. Mir war klar, dass die Zukunft in einigen Punkten eine derartige Verflachung zeitigen würde, obwohl ich natürlich mein Urteil mit aller gebührenden Vorsicht kundtue, da ich ja noch nicht alle Gesichtspunkte dieser mir unbekannten Zeit zu studieren die Gelegenheit hatte. Aber die Automobile waren schon sehr aufschlussreich. Sie haben wohl keinen mehr in Ihrer Zeit, der sich mit Ästhetik beschäftigen würde, oder? In meiner Zeit war es in Fachkreisen üblich, vonzu sprechen; vielleicht kennt man in Ihrer Zeit dieses Wort nicht mehr... Und die neuen Häuser, die mir bisher auffielen, weisen alle Merkmale eines gigantischen Kinderspielzeugs auf. Und wenn ich mir Ihre Wohnung anschaue –nun ja, Sie können nichts dafür, jeder ist Kind seiner Zeit.”

“Hören Sie,” unterbrach ihn Christian, “sind Sie jetzt hergekommen, um mich zu beschimpfen?”

“I wo,” antwortete Professor Wittmann-Unrat gütlich, “nicht im geringsten, derartige Neigungen sind mir vollkommen fremd. Ich habe ja auch noch viel zu lernen über Ihre Zeit, die ja schließlich wahrscheinlich auch ihre positiven und fortschrittlichen Aspekte hat.”

Er trank befriedigt einen großen Schluck aus seinem Glas und versuchte, die Beine übereinander zu schlagen, was angesichts seiner Leibesfülle im Zusammenspiel mit dem niedrigen Sofa unmöglich war.

“Und in Sachen Wein haben Sie tatsächlich eine gute Nase. Bordeaux, nicht wahr?”

“Kalifornien.”

“Oh!” meinte der Fremde erstaunt, “man bekommt jetzt hierzulande kalifornischen Wein! Gut, das ist mir nicht in den Sinn gekommen.”

“Was zum Geier faseln Sie da?”

Der Professor hatte eine rosige Gesichtsfarbe bekommen und schien gut gelaunt zu sein.

Er musterte seinen neuen Bekannten.

“Ich werde es Ihnen sagen, mein lieber Freund. Zunächst einmal: ich bin kein Verrückter, wie Sie vielleicht jetzt noch denken, geschweige denn ein Krimineller. Ich will nichts von Ihnen und möchte auch nicht, dass Sie sich meinetwegen in Unannehmlichkeiten stürzen. Mein Name ist ganz richtig Julius Gerhard Friedrich Wittmann, ich lehre Physik an der Humboldt, und ich wurde am 30. August 1866 in Prenzlau geboren. Anno 1888 begann ich dann mein Studium...”

“Was?” entfuhr es Christian, “wann sind Sie geboren?”

“Jaja, Sie dürfen noch gratulieren. Am 30. August.”

“Nein, das Jahr!”

“Sechsundsechzig.”

“Achtzehnhundert.”

“In der Tat.”

“Dann wären Sie –Moment: – 128 Jahre alt. Das wollen Sie mir doch nicht im Ernst verklickern?”

“Das Wortist mir nicht geläufig, wobei ich einschränkend hinzufügen muss, dass ich in Gossensprache nie besonders firm gewesen bin.”

“Es bedeutet ungefähr soviel wie überredend erzählen.”

“Oha.”

“Sie haben sich für 128 nicht schlecht gehalten,” spöttelte Christian, “Kompliment, dass Sie noch nicht tot sind!”

“Spotten Sie man ruhig!” meinte der Professor milde, “Tatsache ist, dass ich niemals oder doch nur sehr selten lüge, und 128 haben Sie gesagt, nicht ich.”

Christian machte große, unschuldige Augen und wartete immer noch auf den Außerirdischen, der sich der albernen Aufmachung entledigen würde. Doch es geschah nichts dergleichen; der Fremde hub an zu einer Erklärung:

“Lieber Herr Fink, auch wenn Sie es nicht für möglich halten, Sie werden vielleicht doch noch etwas dazulernen an diesem wunderschönen heutigen Abend. Ich bin Wissenschaftler, bin Physiker, habe mein Leben dem Fortschritt in Forschung und Technik verschrieben. Ich hatte schon lange einen Traum, den ich vielleicht mit vielen anderen Menschen teile, den ich aber im Unterschied zu diesen anderen Menschen verwirklichen wollte. Und konnte. Manchem mag es freilich befremdlich erscheinen, wenn ich sage, dass ich diese Idee zuerst in einem Roman aufgeschnappt habe, nämlich in dervon H. G. Wells, einem auch im übrigen hervorragenden englischen Autor.

Ja, dieser Gedanke faszinierte mich mit jedem Jahr mehr, das ich älter wurde: in der Zeit herum zu spazieren, in die Zukunft oder Vergangenheit zu reisen und über die Zeiten zu lernen.

Und ich wollte der erste sein, der die Fiktion des Romans zur Wirklichkeit erhebt. Lange Jahre Forschung vergingen, lange Jahre des Probierens, des Lernens und Lehrens, und schließlich war ich soweit; ich hatte die Zeitmaschine gebaut. Und raten Sie ruhig: ich bin mit dieser Zeitmaschine exakt vom 1. September 1930 in Ihr wunderschönes Jahr 1994 gefahren. Wobei ich zugebe, dass der Ausdruckfast schon gelogen ist, da die Gangschaltung nicht so funktioniert hat, wie ich wollte, und ich auf diese Weise mehr oder minder mit einem Knall in Ihrer Zeit landete... Jetzt sitze ich hier vor Ihnen, und Sie schauen mich mit großen Kuhaugen an, als käme ich vom Mond.”

“Das würde mich jetzt auch nicht mehr überraschen,” erwiderte Christian, von der Erzählung des Alten etwas geplättet.

“Nun, nun, mein lieber Freund. Ich bin selbstverständlich gespannt auf Ihre Zeit, auf Ihre Epoche, und das ist ja auch der Grund, weswegen ich mich zu meiner –entschuldigen Sie: zu Ihrer Wohnung begeben habe: ich will natürlich zunächst einmal vergleichen und schauen, was ist in diesem Jahr so los, vierundsechzig Lenze nach meiner Zeit...”

“Hören Sie, ich finde Ihre kleine Story ja ganz amüsant, aber...”

“Sie sind im Zweifel, nun, das verstehe ich. Ich erwarte ja auch nicht zu viel. Wir können das morgen besprechen, wenn wir ein bisschen Zeit finden. Vielleicht können wir ein wenig von einander lernen, nicht wahr? So, es ist ohnehin schon spät. Wo kann ich mich hinlegen?”

Christian verschlug es angesichts solcher Dreistigkeit den Atem.

“Was, Sie wollen hier pennen?”

“Ich penne nicht, ich nächtige. Und ich gedenke dies hier zu tun, ja. Ich habe gerade 64 Jahre hinter mir gelassen und fühle mich etwas schlaff von der Reise. Ansonsten wäre ich selbstredend nicht so aufdringlich, junger Freund. Im übrigen stelle ich keinerlei hochtrabende Ansprüche an meine Unterkunft, ich kann spartanisch leben, und mir reicht ein harter Fußboden durchaus. Habe ja schließlich gedient.”

Der Professor streifte Christian unbekannte Kleidungspartikel ab und breitete sich anschließend an einer beliebigen Stelle auf dem Boden aus. Christian, in der Befürchtung, er habe den Alten nun für immer und ewig an der Backe, bemühte sich noch ein paar Minuten, ihn hinaus zu komplimentieren, doch Unrat-Wittmann gab nur noch Grunzlaute von sich.

Christian war konsterniert und wollte das Nachdenken über diesen komischen Vorfall auf morgen verschieben. Allerdings fiel ihm noch ein, dass er den Alten zunächst für einen Einbrecher gehalten hatte, und fragte ihn noch in den Halbschlaf, warum er sich an dem Schloss zu schaffen gemacht hatte.

“Wollte sehen, ob der Schlüssel noch passt...” Die Antwort war kaum noch verständlich, und Wittmann hatte die Augen auch schon fest geschlossen. Christian räumte die Gläser vom Tisch und war sich sicher, demnächst das Gespött der Stadt zu sein. Erstaunlicherweise war ihm das aber irgendwie egal. Sein Bekanntenkreis war eher übersichtlich, außerdem musste ja niemand erfahren, worauf er sich eingelassen hatte.

Er legte sich ins Bett und überlegte, was ihm gerade widerfuhr. Einen Einbrecher hatte er erwartet, einen Verrückten hatte er hereingelassen, und, wer weiß, vielleicht ein echtes Genie ins Haus geholt? Zwar bestand für ihn kein Anlass, den komisch - kosmischen Ausführungen des Alten Wort für Wort zu glauben. Aber irgendwas war dran an diesem seltsamen Kerl, irgendwas hatte dieser Mensch an sich, dass Christian es nicht bereute, ihn bei sich übernachten zu lassen, eine ungewöhnliche natürliche Autorität, selbstsichere Ausstrahlung, und, allem widrigen Anschein zum Trotz, auch eine Glaubwürdigkeit, welche ihn die noch vorhandenen sorgenvollen Gedanken allmählich vergessen und ganz langsam einschlummern ließ, so als handelte es sich um das Normalste von der Welt.

Und er träumte von dicklichen Professoren und Zeitmaschinen.

2. September

Name: Christian Fink

Wohnort: Berlin-Wilmersdorf

geboren: 22. Mai 1960 in Berlin-Köpenick

Größe: 1,79m

Gewicht: 72 kg, Tendenz leicht steigend

Augenfarbe: hellgrau

Haarfarbe: dunkelblond

Beruf: Architekt

Lieblingsspeise: Artischocken

Lieblingsgetränk: Martini bianco (mit Olive)

Lieblingsautor: H. Mann, Tolstoi

Lieblingsmusiker: wechselt zwischen H. v. Veen und Tori Amos

Lieblingskünstler: A. Macke, J. Miró

Lebensstationen: Schule, Studium, Praktikum, Anstellung

Lebenseinstellung: nachdenklich und gewissenhaft, trotzdem Hang zum Chaotischen

Christian erwachte, da sich irgendetwas in seine Nähe gedrängt hatte, das nicht allzu angenehm roch. Er blinzelte mit den Augen und versuchte, seinen Schlaf gegen den unerwünschten Wachzustand zu verteidigen, doch vergebens. Der Fremde beugte sich über ihn.

“Fein, dass Sie auch endlich zu sich kommen.”

Christian begriff, dass der unangenehme Geruch aus dem Mund des Professors strömte, und rümpfte die Nase.

“Wie viel Uhr?” murmelte er.

“Oh, es ist kurz vor sieben.”

“Dann hab ich noch ´n halbes Stündchen.”

Der andere kicherte.

“Na, wer wird denn sein Leben nach der Uhr richten? –Hören Sie, ich trinke Ihnen Ihren Saft weg, das tut mir wirklich leid. Ich werde mich bei Gelegenheit revanchieren, wenn Sie verstehen, was ich meine. Übrigens ein bemerkenswerter Geschmack.”

Er drehte die Flasche Multivitaminsaft in seiner Hand und beäugte sie von allen Seiten.

“Ich habe mir ein paar Mark von Ihnen geborgt, da, wie ich mir gleich schon gedacht hatte, mein Geld in dieser Zeit nichts mehr wert ist. Das ist mir natürlich außerordentlich peinlich, müssen Sie wissen. Sie bekommen selbstverständlich alsbald einen entsprechenden Gegenwert zurück.

Das wollte ich Ihnen nur gesagt haben, damit Sie nicht denken, ich sei ein schäbiger Dieb.”

“Na toll.”

“Ja, Herr Fink, ich kann natürlich nicht beurteilen, ob eine Mark wirklich noch eine Mark ist, wenn Sie verstehen –aber wenn dem so ist, sind die Preise allerdings kräftig gestiegen. Ich war an einem Kiosk, um mir Tabak zu kaufen, was mir aufgrund der unmöglichen Preise verwehrt blieb. Auf dem Rückweg zu Ihrer und meiner Wohnung bin ich sozusagen über Ihre Zeitung gestolpert, die Sie beziehen, wie ich annehme. –Und hier,” fügte er triumphierend hinzu, “ist der Beweis.”

Er hielt dem verschlafenen Christian eine Zeitung unter die Nase, deren Namen wir hier tunlichst verschweigen. Der Angesprochene konnte nichts Besonderes entdecken und fühlte sich etwas genervt, was er durch ein leises Blöken zum Ausdruck brachte.

“Na denn schaunse doch ma jenau hin, Männeken!”

Auf dem Titelblatt stand eine ganze Menge Meldungen.

“Senat beschließt Anhebung der Gewerbesteuer?”

Der Fremde entzog Christian die Zeitung. “Wen interessiert denn noch Politik angesichts der Ewigkeit,” schnauzte er seinen unfreiwilligen Gastgeber an, “wobei ich allerdings zugeben muss, dass auch die Ewigkeit nicht mehr das ist, was sie einmal war. Ich darf Ihnen vorlesen:

<Verhexte Nacht

Berlin, 2. 9. 1994; in der gestrigen Nacht hat es gegen 23.00 h einen Totalausfall des Telekommunikationsnetzes gegeben. Alle Telefonverbindungen, Faxleitungen und überdies das gesamte Stromnetz fiel im Stadtbereich für einige Minuten vollkommen aus. Während die innerstädtischen Telefon- und Faxleitungen zum überwiegenden Teil nach dieser kurzen Zeit wieder funktionstüchtig waren, sind bis Redaktionsschluss keine Mitteilungen darüber eingetroffen, ob die Verbindungen aus der Stadt heraus wiederhergestellt sind. Außerdem haben alle Computersysteme der Stadt einen sog. Totalcrash erlitten; Arbeiten am Rechner, Senden und Empfangen von Emails sowie die Nutzung des Internet sind seit gestern abend unmöglich geworden, während der Strom inzwischen wieder fließt. Zu diesem Vorfall befragte Wissenschaftler, Techniker und Elektriker haben bislang keine Erklärung für die seltsamen Vorkommnisse. Doch damit nicht genug: Ausgerechnet in besagter Stunde nach 23.00 h haben einige Kuriositäten die Aufmerksamkeit der Berliner auf sich gezogen: so fand man z. B. auf dem Ku’damm in Höhe Café Kranzler eine Kuh, deren Herkunft noch nicht geklärt ist. Wie jeder Berliner weiß, befindet sich weit und breit kein Bauernhof in der Nähe, und es ist noch nicht bekannt, ob sich vielleicht ein Spaßvogel einen seltsamen Scherz erlaubt hat, zumal Augenzeugen berichten, das Tier sei plötzlich “wie aus dem Nichts” auf der belebten Straße erschienen. Noch eigenartiger ist die folgende Sache: im Bezirk Wilmersdorf hat sich, und das ist kein Witz, ein Wohnhaus mit einem Kastanienbaum physisch vereinigt. Siehe Foto unter diesem Artikel....>

So weit, so gut, der Artikel geht noch weiter, aber das soll uns jetzt nicht interessieren. Na, was sagen Sie jetzt?”

“Ich habe keine Ahnung.”

“Hören Sie mal zu, junger Mann, und lassen Sie sich ruhig einmal von einem alten Hasen wie mir etwas sagen: es ist streng genommen schlechterdings unmöglich, dass sich Baum und Haus völlig vereinigen. Das Haus ist bewohnt, stellen Sie sich das man vor. Und plötzlich steht um elf Uhr abends eine Kastanie im Schlafzimmer. Was würden Sie da machen, he?”

“Glauben Sie etwa jeden Mist, der in der Zeitung steht?”

Der Vielleicht-Professor schenkte Christians gutem Einwand keinerlei Aufmerksamkeit und ging direkt zur Erklärung über:

“Ich sage Ihnen, was geschehen ist. Als ich mit meiner Zeitmaschine, nun, ich will sagen: operiert habe, sind einige Unregelmäßigkeiten passiert. Ich möchte fast vermuten, dass dies nicht ganz anomal ist, denn es kann Schwankungen in der Raumzeit geben, und überdies ist eine kleine Zeitreise wie meine natürlich ein schwerwiegender Eingriff in das Raum-Zeit-Kontinuum.

Außer mir selbst habe ich offensichtlich noch einen Kastanienbaum aus dem Jahre 1930 mitgebracht. Das Phänomen mit der Kuh ist etwas schwieriger zu erklären, da es auch in meiner Zeit keine Bauern am Kurfürstendamm gibt; ich denke mir, dass das arme Tier einfach aus der Mark Brandenburg hier herüber transportiert wurde. Auch dies ist eine Unregelmäßigkeit, die aus Schwachstellen in der Raumzeit zu erklären sein dürfte.”

“Aha.”

“Sie wissen ja wahrscheinlich, dass Raum und Zeit keine gänzlich voneinander zu trennenden Dinge sind, nicht wahr?”

“Ähm, ja...”

“Nicht? Ich hätte gedacht, dass die Bildung in der Zukunft umfassender sein wird als in meiner Zeit, zumal Sie doch Akademiker sind?”

“Schon gut, ja, ich weiß bescheid. Aber wir Menschen sind einfach nicht –oder noch nicht –in der Lage, so was zu tun.”

“Was? Eine Zeitmaschine zu basteln und durch zu die Zeit reisen? Hach ja. Sie sind wohl ein Skeptiker. Hören Sie, als ich geboren wurde, fuhr man mit Kutschen durch den Schlamm kleiner Provinzstädte. Sechzig Jahre später besaß man Automobile, flog in ein paar Stunden über den Atlantik, hatte beide Pole entdeckt, Atome gespalten und Kommunisten in den Parlamenten. Und hier halte ich eine Boulevardzeitung in den Händen, die eine ganze Reihe Begriffe verwendet, die ich als durchaus gebildeter Mensch noch nie in meinem Leben gehört habe. Und trotzdem wollen Sie die Möglichkeit einer Zeitmaschine einfach abtun?”

“Nicht einfach. Ich hätte nur gern mehr Beweise.”

“Ach so. –Gut, das kann ich verstehen, als Mann der Wissenschaft.”

“Was haben Sie mir denn noch zu bieten?” fragte Christian in spöttischem Tonfall nach, denn er begann sich zu fragen, was er sich dabei gedacht hatte, den alten Wirrkopf bei sich aufzunehmen.

“Na, die Zeitmaschine, was denken Sie denn? Sie ist nicht weit von hier.”

“Echt?”

“Ja sicher ist die echt. Aber zunächst führe ich Ihnen das Haus mit integriertem Kastanienbaum vor; auch das ist wohl mit Leichtigkeit zu Fuß zu erreichen. Und dabei können Sie mir ein bisschen vom Berlin der Zukunft zeigen.”

“Ich habe nicht allzu lange Zeit. Ich muss ins Büro, es ist Freitag.”

“I wo, nehmen Sie sich frei, so etwas erleben Sie nicht alle Tage. Es ist ein schöner Vormittag. Es tut mir nur leid, dass Sie mich einladen müssen, falls wir irgendwo einen Café zu uns nehmen; aber wenigstens scheinen Sie nicht am Hungertuch zu nagen. Kommen Sie, ziehen Sie sich an, wir machen einen kleinen Spaziergang. Arbeiten können Sie noch den Rest Ihres Lebens.”

“Na gut, aber wollen Sie in den Klamotten rumlaufen?”

“Klamotten? Ach Sie meinen, was ich anhabe. Na, wir werden schon klarkommen. Ich habe ja ohnehin sonst nichts dabei, ich weiß, ich hätte etwas vorausschauender sein können. Aber das macht mir nichts aus.”

Christian schmunzelte ein bisschen, denn er hatte natürlich gemeint, dass sein Gegenüber wie ein verkleideter Scherzbold aussah, und nicht etwa, dass er seine Kleidung schon zu lange trüge.

Im gleichen Moment bemerkte er natürlich auch, dass es keinen Sinn haben würde, dem Fremden seine eigenen Klamotten zu leihen; es bestand zwischen den beiden eine gewisse Silhouetten-differenz, um es vorsichtig auszudrücken: Er selber war lang und schmal, während sich die durchaus beträchtliche Leibesfülle des Professor-Unrat-Verschnitts auf eine nur mäßige körperliche Größe verteilte.

Im übrigen war seine Laune sprunghaft gestiegen, denn insgeheim hatte er überhaupt keine Lust, heute zu arbeiten, im Gegenteil; die frisch aufgegangene Sonne zwinkerte ins Zimmer und verhieß einen schönen Tag, und noch dazu verführte ihn irgend etwas in seinem Innern, dem seltsamen Fremden vielleicht doch einfach für ein paar Stunden Glauben zu schenken...

Die beiden durchstreiften den Bezirk und fanden sich schließlich vor dem rätselhaften Haus wieder. Ein paar Dutzend Schaulustige hatten sich bereits davor versammelt und machten ihre Witzchen. Tatsächlich waren die Äste und Zweige sauber in das moderne ansehnliche Mauerwerk eingearbeitet, so als hätte es der Architekt des Gebäudes durchaus beabsichtigt, weswegen Christian schmunzelte und sich im Kopf allerhand absurde Ideen zurechtlegte. Der Stamm des Baumes war nicht zu sehen, er geruhte wohl, sich im Innern des Hauses aufzuhalten; an einigen Stellen lugten kleinere Zweige aus den Wänden und schwangen in der leichten Morgenbrise hin und her.

Eine ältere Frau schaute aus einem der oberen Fenster heraus und brüllte unentwegt Beleidigungen in die Menge.

Als Christian und der Professor auftauchten, begann gerade ein geschäftstüchtiger mittelalter Mann eine Art fahrbaren Imbiss aufzubauen. Cola, Wasser, Bier und Fritten sollten hier zur Belustigung des Publikums feilgeboten werden. Christian kaufte, ohne eine Regung des anderen abzuwarten, zwei Dosen Cola. Der Professor starrte die Dose an, die Dose den Professor, und lächelnd öffnete Christian das dem Fremden unbekannte moderne Behältnis.

“Probieren Sie!”

Der Professor trank einen Schluck und spie sofort aus.

“Pfui Teufel, was ist das für ein Dreck?”

“Das ist doch ein guter Anfang für den Tag, nicht?” meinte Christian, “zwölf Stück Würfelzucker und ein bisschen Farbstoff in Wasser aufgelöst...”

“Ich bin mir sicher, niemals etwas Widerlicheres getrunken zu haben. Bekommen Sie davon nicht Krämpfe?”

“Im Gegenteil,” antwortete Christian, “kommen Sie; ich finde, wir haben genug gegafft.”

“Glauben Sie mir nun,” fragte Professor Unrat-Wittmann, als sie sich Richtung Ku’damm bewegten, “dass sich in der Stadt etwas Ungeheuerliches ereignet hat, etwas derart Seltsames, dass man vielleicht auch das Unmögliche in seine Vorstellung und Erklärungsversuche mit einbeziehen sollte?”

“Na ja.” Christian war zurückhaltender geworden. “Zumindest hat die Zeitung nicht gelogen, was schon schwer erstaunlich ist. Und ich gebe zu, das Ding hier mit dem Hausbaum kann ich überhaupt nicht erklären.”

“Wären Sie endlich bereit, mir wenigstens so weit zu glauben, dass ich kein Vollidiot und kein Spinner bin, vielmehr derjenige, als der ich mich vorgestellt habe –auch wenn Sie noch nicht in der Lage sind, sich die Zeitmaschine vorstellen zu können?”

Auch der Professor hatte zu einer etwas vorsichtigeren Sprache gefunden, denn ihm lag viel daran, es sich mit dem jungen Architekten nicht zu verscherzen; immerhin hatte er bei ihm übernachten dürfen, und ganz unsympathisch fand er seinen ersten Bekannten in der fremden Zeit auch nicht.

“Ich will es Ihnen glauben. Ich denke jetzt mal für ein paar Stunden nicht darüber nach, was stimmt und was nicht. Jedenfalls ist die Kastanie wohl kaum in das Haus hinein gewachsen. Ich muss sagen, mir als Architekt imponiert diese Konstruktion schon...”

“Nein, ich meine, halten Sie mich immer noch für einen Verrückten?”

“Das habe ich nie getan.”

Der andere lächelte laut. “Ach, Herr Fink, Sie beleidigen mich nicht, wenn Sie zugeben, mich anfangs für einen Geistesgestörten gehalten zu haben, das ist ja durchaus normal, zumindest verständlich bei der Geschichte, die ich Ihnen erzählt habe. Sie brauchen mir altem Hasen ja auch nichts vorzumachen; ich bin das nämlich gewöhnt, dass Leute mich für verrückt halten. Aber ich bin doch recht froh darüber, dass Sie wenigstens versuchen wollen, mich ernst zu nehmen; mehr möchte ich auch gar nicht, und im übrigen ist das schon mehr, als selbst die meisten meiner Kollegen für mich getan haben. So, jetzt möchte ich aber ein wenig von Ihrem Berlin sehen.”

Name:Professor Julius Wittmann

Wohnort: Berlin-Wilmersdorf

geb.: 30. August 1866 in Prenzlau

Größe: 1,68 m

Gewicht: ca. 85 kg

Augenfarbe: blau

Haarfarbe: grau, ehemals hellbraun

Beruf: Physiker

Lieblingsgetränk: Cognac, Wasser

Lieblingsautoren: H. G. Wells, J. Verne

Lieblingsmusiker: L. v. Beethoven

Lieblingskünstler: Michelangelo, Ingres

Lebensstationen: Schule, Studium in Berlin, dann Anstellung und Doktorarbeit (1894) an Humboldt-Universität, Professor seit 1900 erst in Berlin, dann Breslau, dann wieder Berlin

Lebenseinstellung: arbeitsam, forschungsversessen, liberal, idealistisch

Je weiter sie ins Zentrum vorstießen, desto fragender wurde die Miene des Professors.

“Ich erkenne die Stadt nicht mehr wieder. Was ist hier bitteschön passiert? Ich habe durchaus erwartet, dass sich Berlin im Laufe der Jahre verändert; allerdings hatte ich darunter bislang eine Veränderung zum Positiven verstanden. Hier sieht’s ja aus, meine Herren! Welcher Idiot war hier am Werk?”

Christian dämmerte es erst im zweiten Augenblick, dass Wittmann, wenn seine kuriose Geschichte wirklich stimmte, ja nicht wissen konnte, was in den vergangenen 64 Jahren geschehen war.

“Das ist eine lange Geschichte,” versetzte er, “sie beginnt genaugenommen in Ihrer Zeit. Ich bin kein Historiker, ich kann nur sagen: die Nazis haben verloren.”

“Die Wahlen? Na, Gott sei Dank.”

“Nein, den Krieg.”

“Wie bitte? Um Himmels willen, welchen Krieg? Und gegen wen?”

“Ach, eigentlich gegen den Rest der Welt.”

“Sind die Nazis also dann... tatsächlich an die Macht gelangt!?”

An dieser Stelle ersparen wir unseren Lesern zunächst den Dialog zwischen den beiden, Christian erläuterte, so gut er konnte, die Historie der vergangenen vierundsechzig Jahre. Als er endete, war der Kaffee bereits kalt, und der Professor betrachtete die Tasse mit einem melancholischen Blick.

“Das ist ziemlich beunruhigend,” sagte er. “Ich meine: sobald ich irgendwann in meine Zeit wieder zurückkehre, mit dem Wissen, welches Sie mir soeben vermittelt haben, mit dem Wissen, dass alles geradewegs in die Katastrophe führt, und zwar in eine kolossale Tragödie solchen Ausmaßes –da kann ich doch keine Nacht mehr ruhig schlafen. Ich bin kein ängstlicher Mensch, das können Sie mir glauben, aber was Sie mir da erzählt haben, sprengt doch meine Vorstellungskraft um einiges und lässt mich vor allem auch um meinen besten Freund zittern. Er ist Jude, daher. Ich habe immer gefunden, dass der nationalistische und antisemitische Pöbel endlich Ruhe geben sollte. Dass diese Schreihälse derart Recht bekommen, dass sie ihren hasserfüllten Stumpfsinn auch noch ausleben dürfen, in einem solchen Maße!! –nein, das hätte ich nicht gedacht; ich hätte eher vermutet, dass doch am Ende die Vernunft siegt. –Sie waren übrigens mit Ihrer Erzählung noch nicht ganz fertig. Der Krieg verloren, Deutschland geteilt, aber hier wirkt doch alles ganz wohlhabend und gesittet?”

Christian als gebürtiger Ossi versuchte sich an einer differenzierten Antwort.

“Schon, das ist ja auch Westen. Aber Sie müssen sich mal Frankfurt oder München anschauen. Auch wenn die meckern, geht’s denen so gut wie nie, weil die sich den ganzen Kommunismus-Quatsch gespart haben. Zwanzig Jahre nach dem Krieg war man wieder Europas Wirtschaftsmacht Nummer Eins. Da konnten wir in der DDR nur groß gucken. – Ein frustrierender Staat. – Es war ohnehin der größte Witz, ausgerechnet diese Republik demokratisch zu nennen... Natürlich war der Name Larifari; denn außerhalb der SED konnte in diesem verrückten System überhaupt niemand irgendetwas werden.”

“Und was ist nun wieder SED?”

“Sozialistische Einheitspartei Deutschlands hieß das und meinte so was wie proletarische Einheitsfront und so weiter.”

“Also SPD und KPD in einem?”

“Na ja, von SPD war nicht viel zu merken, sag ich Ihnen. Jedenfalls gab es Politbüros und Planungsbüros und überhaupt sehr viele Büros. Die größte Scheiße war aber die Staatssicherheit; wir haben sie <Stasi> getauft. Das war so ne Art Gestapo für Arme. Wenn man auch nur irgendwie in der Gefahr eines Verdachts war, Systemgegner zu sein, wurde man bespitzelt, abgehört und irgendwann mal verhört, gegebenenfalls auch eingesperrt, und manch einer verschwand auf Nimmerwiedersehen. Außerdem konnten wir auch nicht raus, schließlich gab's ja die Mauer: und da wurde scharf geschossen... Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele aus‘m Osten rüber wollten, also in die BRD, den Westen. Die alten grauen Herren wussten schon, dass sie knapp das ganze Volk gegen sich hatten. Irgendwann war halt dann der ganze faule Zauber vorbei. Und jetzt ist Deutschland wiedervereinigt, beziehungsweise wir wurden vom Westen so in etwa geschluckt. Russland ist auch nicht mehr kommunistisch, sondern steckt in einer Dauerkrise. Im Prinzip ist wieder alles so wie in Ihrer Zeit.”

“Zu meiner Zeit ist Russland kommunistisch.”

Der Professor sah ihn durchdringend an.

“Hören Sie, lieber Fink, ich würde vorschlagen, wir machen erst einmal Schluss mit der Politik und wenden uns erfreulicheren Dingen zu. Lassen Sie uns ein wenig spazieren gehen; zum Plaudern haben wir sicherlich noch genug Zeit. Ich möchte ein wenig von der Stadt sehen.”

Die beiden zahlten und schlenderten den Ku’damm entlang Richtung Breitscheidplatz.

“O je,” grummelte der Zeitgereiste, “was ist denn das?”

Er zeigte auf den “hohlen Zahn”, jenen markanten Überrest der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

“Berlin war halt auch ein bisschen kaputt,” meinte Christian lakonisch, “aber finden Sie nicht, dass es etwas bunter geworden ist?”

Der andere schaute sich um.

“Nun ja,” erwiderte er achselzuckend, “es sind mehr Neger hier, wenn Sie das meinen.”

“Es heißt Farbige, nicht Neger,” verbesserte Christian.

“Oh, ich wollte nicht abwertend sein.”

“Es sind mehr bunte Leute hier: schauen Sie, manche färben sich die Haare, es sind Menschen aus aller Herren Länder unterwegs, man zieht sich das an, worauf man gerade Bock hat...”

“Bock?”

“Oh, entschuldigen Sie; das ist auch so ein neudeutsches Wort, das nicht mehr totzukriegen ist.

Es bedeutet so viel wie Lust, im ganz neutralen Sinne.”

“Aha. Und woher kennen Sie das Berlin meiner Zeit? Ich frage, weil Sie einfach so geurteilt haben, dass Ihr Berlin bunter ist als meines?”

Christian musste kurz überlegen.

“Stimmt, Sie haben recht; von Filmen und Fotografien, und die sind schwarzweiß.”

Der Professor lachte.

“Ich hätte nie vermutet, dass Sie sich in Ihrem Alter noch Reste solcher Naivität bewahrt haben.

–Übrigens, sagen Sie mal: wie alt sind Sie eigentlich?”

“Ich bin vierunddreißig. Ich könnte Ihr Sohn sein. Oder”, fügte er grinsend hinzu, “Ihr Urenkel. Schließlich sind Sie offiziell hundertachtundzwanzig!”

Der Alte wurde unwirsch. “Also, Sie haben ja einen seltsamen Humor. Ich kann nur hoffen, dass Sie mir irgendwann glauben. –Ach wissen Sie, es ist zum Heulen, wenn niemand das für voll nimmt, was man gerade tut. Und ich rede ja nicht von blindem Vertrauen und naseweisem Glauben, wie man etwa als Kleinkind seinem Vater und später dann seiner Bibel vertraut; sondern ich spreche ja stets von Anerkennung der logischen Deduktion. Selbst mein bester Freund musste an sich halten, um mich nicht auszulachen, als ich ihm von meinem Projekt erzählte; später, als er die Maschine selber gesehen hatte, blieb er reserviert, oder er hielt das Gerät für meine verrückte Altersmarotte. Und das, obwohl er wie ich Physiker ist! Aber fein, Sie sind wenigstens bereit, mir zuzuhören. Sie werden Ihren Lohn noch bekommen, der allerdings vor allem in blankem Erstaunen bestehen wird.”

Professor Wittmann blickte seinen Begleiter gravitätisch an.

“Im übrigen bin ich gespannt, welche technischen und wissenschaftlichen Neuerungen Sie mir noch präsentieren werden.”

“Och, eine ganze Menge, denke ich. Es ist ja nicht so, dass die Zeit vierundsechzig Jahre stehen geblieben wäre.”

“Die Zeit ist wohl das einzige, was nie stehen bleibt,” sprach der Professor belehrend.

“Schon möglich. Wie gesagt, es gibt ziemlich viel, was Sie noch nicht kennen dürften, und zwar in allen Bereichen des Lebens. Ich glaube, noch nie wurden in der Geschichte der Menschheit so viele Erfindungen in so kurzer Zeit gemacht. Zeitmaschinen habe ich allerdings nicht zu bieten.”

Wittmann hielt plötzlich in seiner Bewegung inne und packte seinen Begleiter rüde am Arm.

“Sie sagen das so leicht. Haben Sie sich überlegt, was das bedeutet?”

“Was?”

“Sie sagten: Zeitmaschinen hat Ihre Epoche nicht zu bieten! –Wenn Ihre Welt meine Erfindung aber nicht kennt, dann... dann kann dies nur zwei Ursachen haben.”

Christian runzelte die Stirn und begann allmählich zu begreifen, wovon der Professor sprach.

Wittmann nahm seine Hand von Christians Arm. Die stattliche Erscheinung schien förmlich in sich zusammenzusinken.

“Die erste Möglichkeit ist, dass, nachdem ich zurückgekehrt sein werde, die Maschine zerstört wird, auseinander fällt oder schlichtweg nicht mehr funktioniert –und dass damit mein Wissen und meine Technik mit mir in die Ewigkeit entschwindet. Die andere Möglichkeit aber bestünde darin,” und hier strich er sich den schütteren Spitzbart, “ich bleibe mit meiner Maschine in Ihrer Zeit hängen. Das würde natürlich einwandfrei erklären, warum Sie meine Technologie nicht kennen können, und sie überdies retten. Ich muss allerdings hinzufügen, dass ich davon nicht unbedingt begeistert bin.”

Christian überlegte. “Gibt es nicht noch eine dritte Möglichkeit?”

“Welche denn?”

“Gesetzt den Fall, Sie kehren in Ihre Zeit zurück, und Sie überleben mitsamt Ihrer Maschine. Es bleibt aber kein Geheimnis, was Sie da gebaut haben, zumindest nicht für eingeweihte Kreise. Sie werden, in Ihrer Zukunft und unserer Vergangenheit, von einer Regierung für ein Geheimprojekt verpflichtet...”

“Ich lasse mich nicht von irgendwelchen Regierungen vereinnahmen. Ich arbeite für die gesamte Menschheit.”

“Nach allem, was ich Ihnen bisher über die Geschichte und über die Nazis erzählt habe, entschließen Sie sich nach Ihrer Rückkehr vielleicht anders?!”

“Und arbeite den Amerikanern oder den Russen zu? Das wäre doch Verrat.”

“Vielleicht würden Sie darin die einzige Chance sehen, ein übermächtiges Nazireich zu verhindern...”

Der Professor wurde etwas milder.

“Schön und gut; übrigens halte ich das alles für an den Haaren herbeigezogen. Ich stimme Ihnen soweit zu, dass rein theoretisch diese dritte Möglichkeit bestünde, muss allerdings doch einwenden, dass es ein Kunststück wäre, die Zeitmaschine vierundsechzig Jahre vor der gesamten Weltöffentlichkeit geheim zu halten, was ja erforderlich wäre, damit sich unser hübscher kleiner Kreis schließt.”

“Also den Amis ist es schon gelungen, ganz andere Sachen Jahrzehnte lang geheim zu halten.”

“Ganz andere? Andere als die Zeitmaschine? Da müsste die Geheimhaltungskette über sechzig Jahre fehlerfrei funktionieren! Glauben Sie, es gebe auch nur einen einzigen Journalisten auf der Welt, der sich dieses skandalon entgehen lassen würde –die reale Existenz einer Zeitmaschine?”

Wittmann zog neugierig die Brauen hoch, und Christian wurde stiller.

“Außerdem,” fuhr er fort, “sind wir ja nun Gott sei Dank in der Lage, alle unsere Schritte gut zu überdenken, und ich will nicht verhehlen, dass ich ganz froh bin, in Ihnen einen zumindest halbwegs ebenbürtigen Mitstreiter gefunden zu haben. Der Zufall hätte mir auch ein unwürdigeres und dümmeres Individuum zuspielen können.”

Christian fühlte sich geschmeichelt, ohne genau zu wissen, warum. Vielleicht war es der natürliche Respekt vor dem deutlich Älteren, vielleicht auch eine gewisse durchaus beiderseitige Zuneigung, welcher der alte Herr gerade Ausdruck gegeben hatte.

“Überdies,” ergänzte Wittmann, “hat Ihr Gedanke sozusagen eine gesunde Nebenwirkung.

Wir sollten uns unsere Mitwisser sehr, sehr vorsichtig aussuchen. Am besten, wir behalten unser kleines Geheimnis erst einmal für uns. Sollten später unliebsame Kreise von diesem Gerät erfahren, sind wir selbstredend gehalten, die gesamte Öffentlichkeit einzuweihen, denn nur was keiner weiß oder alle wissen, ist ungefährlich. –Im übrigen soll ohnehin die gesamte Menschheit irgendwann erfahren, was ich ihr da zur Verfügung gestellt habe.”

Sie setzten sich wieder in Gang, einen sehr gemächlichen, welcher Christian, der an schnelleres Laufen gewöhnt war, etwas irritierte.

“Übrigens –würde ich Ihre Maschine allmählich gerne mal sehen. Wo ist sie eigentlich?”

“Sie steht im Haus meines Freundes und Kollegen Markowsky, von dem ich Ihnen schon berichtet habe. Er ist zu einem Kongress an die Ostsee gefahren. Zu meiner Zeit natürlich.”

“Du liebe Güte, aber das Haus wird doch jetzt auch irgend jemandem gehören?”

“Ha, da hatte ich wirklich Glück.”

Wittmanns Laune stieg spürbar wieder, als er erzählen konnte, wie er dem Schicksal, entdeckt zu werden, entglitten war: “Wie es der Zufall so will, sind die jetzigen Bewohner des Hauses, welches sich übrigens in angemessener Nachbarschaft zu Ihrem Domizil befindet, ebenfalls verreist. Ich entnahm es einem Kalender, welcher an der Dielenwand angebracht ist. Bis zum 11. September rot angestrichen mit einem dicken Kommentar <Florida>. Wir haben also neun Tage Zeit füreinander, wenn ich es einmal so formulieren darf. Es hingen außerdem Schlüssel herum, ich habe probiert, welcher wofür passt, und selbstredend den Hausschlüssel mit mir genommen.”

“Wieso haben Sie nicht dort übernachtet, wenn der Zugang frei und die Bewohner im Urlaub sind?”

“Oh, Sie sind mir noch böse, wie? Nun, ich wollte in meine Wohnung –jetzt Ihre– ich bin da ein wenig sentimental, das muss ich zugeben. Natürlich wollte ich sehen, ob das Haus noch steht; hätte man es abgerissen, hätte ich natürlich mit der Wohnstatt meines Freundes vorlieb nehmen müssen.”

“Na gut. Ich will ja nicht so sein. Ich will aber heute noch Ihre tolle Maschine sehen, okay?”

“Okay? Was heißt das?”

“Das hab ich mir auch erst in den letzten paar Jahren...”

“O mein Gott!” unterbrach ihn laut der Professor. “Was ist denn hier passiert?”

–Man erinnere sich: Der Potsdamer Platz war anno 94 eine Großbaustelle; Kräne, Bauschutt, breite Löcher im Boden und Dixiklos stellten eine vom Menschen geschaffene, wirklich überaus hässliche neue Landschaft dar, die in ihrer abnormen Unwürdigkeit das heutige Resultat doch um einiges übertraf. Der Ehrgeiz, dem ehemaligen Lebenszentrum Berlins wieder modernen Chic und eine gewisse hauptstädtisch - repräsentative Eleganz zu verleihen, hatte beängstigende Ausmaße angenommen, welche viele Menschen mit “Restauration” assoziierten. Der Potsdamer Platz war ja ein, wenn nicht das architektonische Opfer der Teilung geworden, lag er doch an der Grenze der Bezirke Mitte und Tiergarten, mitten im Niemandsland zwischen Hauptstadt der DDR und Stadtinsel West-Berlin; von beiden Hälften mehr oder minder als “ehemaliger Platz” und Teil der Vergangenheit betrachtet, verkam er zu der Wüste, als die er nach dem Mauerfall deutlicher denn je erschien. Die Erwähnung des Wortes allein genügte jedoch, um bei den plötzlich historisch sehr interessierten Politikern alle möglichen Erinnerungen wieder wachzurufen –ein wiedervereinigtes Berlin, noch dazu als Bundeshauptstadt, musste natürlich schon aus repräsentativen Zwecken an die glorreichen Zeiten vor 45 –Pardon, vor 33, Entschuldigung, vor 18, nein, 14, Herrgott, 1871!– anknüpfen, und aus der Leiche Potsdamer Platz sollte doch wieder etwas werden!

Denn so, wie man im Verlangen nach bedeutungsschwangeren Bauwerken das Brandenburger Tor besonders gerne als Symbol der Teilung benutzte, war der Potsdamer Platz auf einmal mit Weltläufigkeit, Modernität und Urbanität in Verbindung gebracht worden, was rückblickend einen zuckersüßen Beigeschmack bekommt, schaut man sich das peinliche Ergebnis der Mühen einmal an, welches wir alle bedauern.

Den alten Wissenschaftler, von der Geschichte der letzten 64 Jahre ohnehin ziemlich mitgenommen, konnte erst einmal nichts mehr schrecken; er war nur völlig überrascht, da er natürlich nicht mit einer Mondlandschaft, sondern mit einem quirligen Piccadilly Circus gerechnet hatte. Er nahm die monströse Schuttwüste nach einigen Sekunden verdutzten Nicht-Wieder-Erkennens schließlich recht gelassen zur Kenntnis und schüttelte seinen breiten Schädel.

“Diese Stadt hat immer noch die Neigung, sich zu schnell und zu hastig verändern zu wollen. Das ist mir besonders aufgefallen, als ich den Vergleich zu London ziehen konnte, welches ja einem ähnlichen Prozess unterworfen war; London wuchs in einem noch rascheren Tempo, behielt seine Eigenarten aber stets bei und verwarf nicht seine gute alte Identität; Berlin hingegen musste immer in jeder Generation anders erscheinen, zu meiner Geburt provinziell und protestantisch; dreißig Jahre darauf eine echte Großstadt mit Elendsquartieren, Hinterhöfen und Tschingderassabumm, Sie verstehen, was ich meine. Und in meiner Zeit schließlich wild, grob und schnelllebig, viel Paris in den Straßen, New York in den Herzen und Moskau in den Köpfen.”

“Tja, vor ein paar Jahren gab’s hier ja noch die Mauer, und der Osten war eine Mischung aus altem Berliner Charme und Vorhof von Peking. Inzwischen wächst das ja ganz, ganz langsam wieder zusammen, aber geistig gesehen sind es immer noch zwei halbe Städte, und im Herzen zwei ganze.”

“Das war ein nettes Bonmot,“ grunzte der Professor. „Schade, dass meine Zeit mit diesem Spruch so wenig wird anfangen können. –Nun zu einem schwierigeren Punkt, den wir wie alles ebenfalls am besten im Gehen erörtern sollten. Wir müssen in kurzer Zeit, also nach unwissenschaftlicher Methode, die Frage beantworten, ob eine neue Errungenschaft, eine Technologie, die ganz offensichtlich ihrer Zeit soweit voraus ist, überhaupt zum Heile der Menschheit eingesetzt werden kann.”

“Ja, ich weiß, was Sie meinen. Es ist ein bisschen so, als hätten die Sumerer die Atombombe besessen.”

“Hä?” fuhr es Wittmann heraus, der normalerweise gepflegtere Rückfragen bevorzugte.

“Ach ja, das habe ich ja ganz vergessen. Der Zweite Weltkrieg wurde mit dem Abwurf zweier Atombomben beendet.”

“Hier in Berlin?”

“Nein, Deutschland hatte Glück, dass seine Kriegsführung zu schlecht war und schon vorher kapituliert hatte. Die USA haben die beiden Bomben über Japan abgeworfen; einige hunderttausend Tote und unheilbar Verstrahlte nur durch zwei Bomben; ein bodenloses Kriegsverbrechen.”

“Ach du mein Gott, ja, das hört sich so an. Aber da möchte ich doch hinzufügen, dass schon der Krieg selber im Grund ein Kriegsverbrechen ist! –Wohlan, man stelle sich vor, die Römer etwa hätten das Pulver besessen! Sie hätten den gesamten Erdball überrannt, womit die römische Kultur, die wir heute gerne in höchsten Tönen preisen, hundert Jahre später eine zerfallende Ruine gewesen wäre; ein allzu mächtiges, korruptes, gewaltsüchtiges und dekadentes Weltreich, in welchem man sich am besten jeden Tag besaufen wollte. Alle großen Erfindungen waren Teil eines evolutionären Prozesses; vielleicht ist meine zu früh, zu weit meiner Zeit voraus, und ich bin nur ein alternder, ehrgeiziger Wissenschaftler, der allein und weltvergessen an einem Ding bastelt, an das außer ihm niemand glaubt. Das macht diese neuartige Maschine zwar großartiger und überraschender, aber vielleicht auch eine Idee gefährlicher. Wir haben nicht sehr viel Zeit; es muss uns eine Idee kommen, wie wir weiter vorangehen. Ich will die Maschine retten; sie ist mein Kind. –Aber nicht um jeden Preis.”

“Noch ist ja nicht aller Tage Abend. Vielleicht kehren Sie in zehn Tagen vollkommen unbehelligt in Ihre Zeit zurück und... wer weiß, was Sie dann empfinden?”

“Dann müsste ich mein Werk zerstören,” meinte der Professor, der immer nachdenklicher wurde, im Unterschied zu Christian, der sich recht behaglich fühlte und erwiderte: “Ich meine, dass unter künstlich erhöhtem Druck keine guten Entscheidungen getroffen werden. Manchmal lehnt man sich besser mit einem guten Glas Rotwein zurück...”

“Ich lehne mich nie zurück,” erwiderte Wittmann barsch.

“Du liebe Güte, Sie werden doch ab und an auch mal schlafen, oder?”

“Ja, sicher. Trotzdem möchte ich klarstellen, dass die Zeit uns davonrasen könnte. Wir wissen es nicht. Wer sich nur auf Glück oder Pech verlässt, weist seine höchsten Gaben von sich. Wir Menschen machen unser Schicksal, alles andere sind Zufälle, die in reinster Beliebigkeit aufeinander folgen können. Daher mag ich das Wort zurücklehnen nicht, es klingt stark nach Passivität und nach Kapitulation.”

“Darüber können Sie sich mal mit einem Chaosforscher unterhalten.”

“Was gibt es denn am Chaos zu forschen, du liebe Zeit?”

“Das ist in der Physik der letzte Schrei, das macht inzwischen jeder und ist mittlerweile geradezu zum Totschlagargument in jeder wissenschaftlich angehauchten Debatte mutiert. Na ja, ich verstehe nicht viel davon, geb‘ ich zu. Jedenfalls ist die Zeit seit Ihrem Jahr nicht stehen geblieben.”

“Ach ja, ich vergaß,” höhnte der Professor, “deswegen bin ich ja auch im Jahre des Heils 94 der einzige, der eine Zeitmaschine besitzt, ja?”

Die beiden Männer fixierten sich eine kurze Sekunde mit einem Schatten von Feindseligkeit, dann jedoch brach der Ältere den Streit ab: “Wir wollen uns nicht zanken,” sagte er beschwichtigend, “das ist nicht der Zweck meines Besuches, und ich habe wohl auch gar keinen Grund zur Besserwisserei. Bevor wir uns der Lösung unserer kleinen oder großer Probleme zuwenden, kriegen Sie jetzt erst einmal was zu staunen.”

“Die Zeitmaschine?“

“Die Zeitmaschine. Aber vorher genehmigen wir uns vielleicht einen Imbiss.“

Nicht weit östlich von Berlin liegt Frankfurt an der Oder; die kleine Stadt liegt, wie der Name schon sagt, an der Oder und heißt Frankfurt. Man verwechsle sie nicht mit der hessischen „Metropole“!

Nein, Frankfurt/Oder ist brandenburgisch; von der nicht allzu fernen Hauptstadt ist rein gar nichts zu spüren. Es ist eine beschauliche Kleinstadt; große Anhäufungen von Industrie gibt es hier nicht, und der rauschende, nie abreißende Verkehr Berlins ist hier unbekannt.

In dieser Stadt lebt ein Mann. Er ist Ende Dreißig und Schreinermeister.

Die allgemeine Krise hat ihn an den Rand der Arbeitslosigkeit gebracht. Noch gibt es Nachfrage für seine Dienste, doch er verdient eigentlich nicht mehr genug, um sich seinen bescheidenen Lebensstil finanzieren zu können. Und das, wo doch Handwerk goldenen Boden hat. Einen von zwei Gesellen hat er bereits entlassen müssen, und er denkt nun daran, auch den zweiten hinauszuwerfen. Was ihn allerdings große Überwindung kosten wird; er hat keinen Spaß daran, anderen die Existenzgrundlage zu entziehen, und ist in aller Regel ein sozialer und solidarischer Mann. Er ist verwitwet; seine Frau starb vor anderthalb Jahren an einer Krankheit mit einem schwer auszusprechenden lateinischen Namen, und seitdem ist er insgesamt etwas stiller geworden und vertieft sich stärker in seine Arbeit, wenn er denn welche hat. Insgesamt ein recht unauffälliger, nicht dummer, manchmal sogar liebenswürdiger und tüchtiger Zeitgenosse. –Einen kleinen Wermutstropfen muss ich dem geneigten Leser allerdings doch einschenken: der Mann hat einen kleinen Schönheitsfehler; er ist überzeugter Nazi. Judentum, Demokratie und Ausland sind ihm gleichermaßen verhasst. Für ihn steht fest: sie sind schuld. Diese Ansichten vertritt er schon sein halbes Leben, doch es war ihm nie vergönnt gewesen, sie zu artikulieren; nun, wo eine neue Kraft, eine frische Bewegung wieder durch Deutschland zieht, hat er sich dieser Sache verschrieben.

Natürlich ist er stolz, Deutscher zu sein, und seine Art überschwänglichen und überzogenen Stolzes entsprechen seiner nicht allzu hohen Meinung von sich selbst; denn alleine langweilt er sich meistens, schläft daher viel und ist dem Trunk nicht abgeneigt. Andern Leuten, besonders besser gestellten oder attraktiveren, ist er zurückhaltend und unsicher, bis an den Rand totaler Verklemmtheit. Seine Art, zu hassen und zu verehren –und nämlich besonders Dinge, die er nur von ferne kennt– sind so unüblich nicht, und so begab es sich aber zu der Zeit, dass er einige Kumpanen, “Kameraden”, um sich scharte, welche ihn bewundern, ihm geistig völlig unterlegen und daher bis in Mark und Bein treu ergeben sind.

Die Rede ist von Hermann Paschke.

Und übrigens schreiben wir den 2. September 1930.

Die Zeitmaschine

Dr. Markowskys Haus, ein putziges zweistöckiges Einfamilienhaus in respektabler Wohngegend, war von Platanen und Birken umgeben und sah reich aus. Wie Wittmanns Freund und Kollege, dürften sich die aktuellen Bewohner der Villa vor allem durch die exzellente Lage, ruhig und im Grünen, dennoch quasi mitten in der Stadt, begeistert haben.

Christian hatte mittlerweile in Erfahrung gebracht, dass Markowsky, dessen Söhne bereits eigene Wurzeln zu schlagen begannen, und der mit sechzig Jahren sehr wahrscheinlich nicht etwaigen weiteren Vaterfreuden entgegen fieberte, nicht für alle Räumlichkeiten Verwendung hatte, seinem Kollegen einen Kellerraum für den Bau seiner Zeitmaschine zur Verfügung gestellt hatte.

Zwar hatte auch Markowsky diese Idee belächelt, jedoch war er sein bester Freund und wollte ihm diesen spleenigen Wunsch nicht verwehren.

Nun standen der beste Freund und dessen frisch gebackener Bekannter vor dem Grundstück und schauten sich um wie Verbrecher. Das Haus lag still und heimelig verlassen; die Birken schüttelten sich in einer auffrischenden Brise und ließen bei der Verteidigung gegen den Wind einzelne schon gelbe Blätter.

Das ansehnliche Grundstück wurde von einem hohen, nur schwer überwindbaren Zaun umgeben, der sich auf einem durchgehenden niedrigen Mauersims ausruhte; unterbrochen wurde die Begrenzung durch ein nicht unbedingt einladendes Tor: ein schmuckloses, etwas martialisches Steinportal wölbte sich über eine fürstliche doppelschwingige Metallgittertür, deren Rost allerdings an eine ausgestorbene Familie zu gemahnen schien.

Die beiden schauten sich noch einmal um und betraten das Grundstück; die Gittertür war angelehnt.

“Keine großartige Vorsichtsmaßnahme,” bemerkte Christian.

“I wo,” erwiderte der Professor, “es war auch offen, als ich hier ankam; einen passenden Schlüssel habe ich auch nicht gefunden. So lange die Haustür gut verriegelt ist –und sehen Sie! die Fenster sind vergittert– brauchen sich die neuen Eigentümer doch auch keine Sorgen zu machen.”

“Ich glaube kaum, dass eine verschlossene Tür für einen willigen Einbrecher irgendein Hindernis darstellt. Ich hoffe übrigens, Sie wissen, dass wir uns außerhalb der Legalität bewegen.”

“Na, na, wer wird denn. Ich wohne ja fast hier!”

Wittmann öffnete die Tür, und sie betraten eine halbdunkle bürgerliche, etwas staubig riechende Diele. Christian begann sich umzusehen, wurde aber von Wittmann unterbrochen, der so leise er konnte die Haustür wieder schloss.

“Kommen Sie! Sie wollen doch mein Maschinchen bewundern und nicht in fremder Leute Sachen herumschnüffeln!”

Er ging voran, einen finsteren Flur entlang, bis nach rechts eine Treppe abging, die in den Keller führte.

Christian folgte, etwas langsamer, in den Keller und versuchte, sich im Halblicht zu orientieren..

“Keine Rollläden da oben,“ meinte er, die Treppe hinab steigend, „seltsam, und doch so duster.”

“Diese Fenster gehen nach Nordosten; da ist am späteren Nachmittag nichts zu machen. Kommen Sie!”

Wittmann wartete kurz, bis er des anderen Schritte wieder dicht hinter sich vernahm, und tastete sich weiter durch die Dunkelheit, bis er einen Lichtschalter erfolgreich betätigte.

Der vor ihnen liegende Raum erstrahlte in nun ungewohnt hellem Licht. Und nicht nur der Raum.

Was Christian in dem abgenutzten Zimmerchen erblickte, ließ ihn für einen kurzen Moment vergessen, dass er existierte, und alle letzten leisen Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Professors waren fort gewischt: das musste ohne Frage eine Zeitmaschine sein.

Es war ein Gerät ganz aus Metall, nur ein breiter Ledersitz in der Mitte hob sich davon ab und lud zum Besteigen und Reisen ein. Einige verschieden geformte Schaltknüppel konnten von diesem Sitz aus bedient werden. Einer von ihnen erinnerte an die Gangschaltung eines LKW, ein anderer eher an den Steuerknüppel eines Cockpits, ein dritter, der größte, kam Christian völlig unbekannt vor, und selbstredend hatte er keine Ahnung, welche Bewandtnis es damit hatte. Alle waren miteinander verkabelt; und eine Menge Kabel liefen außerdem am Sitz vorbei in einen schwarzen kubikmetergroßen Würfel, der sich an den Rücken des Sitzes presste und keines seiner womöglich zahlreichen Geheimnisse preisgab.

Das Ganze wurde von einem kräftigen Metallgestänge umschlossen, welches sowohl an den Seiten als auch über und unter der Maschine befestigt war, ihr einen soliden Halt zu geben versprach und wie eine Mischung aus Schlitten und Mini-Hubschrauber aussah.

“Na?” fragte der Professor mit geschwollener Brust.

Der Angesprochene umstreifte sprachlos die Maschine, traute sich aber nicht, sie auch nur anzufassen. Vielleicht glaubte er zu träumen und wollte diesen schönen Traum nicht durch Berührung des Objektes zerstören. Mit respektvoll anerkennendem Lächeln schüttelte er schließlich den Kopf.

“Meine Herren!” meinte er und konnte sich kaum satt sehen, denn ästhetisch gelungene technische Konstruktionen forderten ihm als Architekten einen Heiden Respekt ab, “Junge, Junge! Ich hab zwar keinen blassen Schimmer, wie das Ding funktionieren soll, aber meiner Bewunderung sind Sie sicher, Mann!”

“Das freut mich. Sie sind übrigens der erste, der das sagt.”

“Vielleicht bin ich einfach nur der erste, der das Ding zu Gesicht bekommt?”

“Nein, nein, aber Sie haben das Resultat –mich– vor Augen und sind noch dazu eingeweiht. Das erleichtert die Sache ungemein. –Ich wünschte, Markowsky könnte uns jetzt sehen. Nie hätte er diesen Triumph des Fortschritts für möglich gehalten; immer musste er ironisch beiseite lächeln und konnte mich in diesem Punkt nie für voll nehmen.”

“Wie lange haben Sie dafür gebraucht?”

“Angefangen habe ich im Sommer 1926. Rechnet man Forschungen, Berechnungen und erste Pläne auch noch mit ein, sind elf Jahre ins Land gezogen.”

“Da waren Sie alles in allem doch recht fix!”

“Aber ich musste auch herbe Rückschläge hinnehmen. Oft genug schon hatte ich die Zeitreise versucht; stets vergeblich –bis gestern.” Und wieder legte sich ein zufriedenes Lächeln in sein breites Gesicht.

“Soll ich sie Ihnen erklären?”

“Wenn ich verstehe, wovon Sie reden –klar.”

“Oh, ich spare mir die Wissenschaft und gehe direkt medias in res –sehen Sie das Gerät einfach als eine Art Automobil. Nur dass Sie sich damit nicht von einem Ort zum andern, sondern in der Zeit vor- und zurückbewegen. –Sehen Sie diese Metallstangen?”

“Ja klar.”

“Die sind mit starken magnetischen Leitern gefüllt. Außen herum befindet sich wertvoller Titanstahl. Sie schirmen Insassen und Maschine von der Außenwelt energetisch ab. So reist nur der oder das durch die Zeit, der sich innerhalb des Gestänges befindet.”

“Ist das so?”

“Jaja; doch der andere Effekt ist noch wichtiger. Bei jeder Zeitreise wird eine derartige Energie freigesetzt, dass ohne dies Gestänge weder für die Maschine noch für die Insassen eine Chance besteht, das Abenteuer zu überleben. Als ich das erste Mal die Maschine in Gang gesetzt hatte, existierte das Gestänge in dieser jetzigen Form noch nicht, und obwohl ich nur eine Viertelstunde übersprungen hatte, bekam die Maschine überall Risse, und ich einen höllischen Kater. Seltsam, nicht? Würde man statt nur einiger Minuten Jahre zurücklegen, so sprengte man die Maschine und löste den Insassen in seine chemischen Bestandteile auf. In meinem Fall wäre das wohl viel Wasser, ein großer Fettfleck und ein Häufchen Kohle.”

Er lächelte ironisch.

“Das ist also ziemlich wichtig. Trotzdem kann natürlich Energie austreten, und auch außerhalb des Gestänges werden gewisse Erscheinungen zutage gefördert, die nicht steuerbar sind: so auch in unserem Fall, was uns die Kuh auf dem Ku’damm bescherte –oh, welch sinnreiches Wortspiel!”

“Ja,” ergänzte Christian, “und das Haus mit dem Baum.”

Der Professor grinste in sich hinein.

“Das hat’s Ihnen angetan, nicht wahr? –Ich hoffe nur inständig, es ist niemand zu Schaden gekommen. Man kann Perfektionist sein, wie man will, es gibt immer diese Ungenauigkeiten und Unregelmäßigkeiten. Der Magnetismus ist an einer Stelle schwächer als gefordert, und Sie finden die seltsamsten Erscheinungen in Ihrem Umland vor.”

“Und was ist mit dem Totalabsturz der Computer und mit dem Zusammenbruch der Telekommunikation?” wollte der andere wissen.

“Ich kann dazu nicht so viel sagen, alldieweil ich mich mit den Errungenschaften Ihrer Zeit noch nicht genügend beschäftigt habe, um dieses Problem erörtern zu können. –Ich will mich der Frage so annähern: alle Geräte, die ihrerseits mit relativ hoher Energie betrieben werden, sprich: Elektrizität, bekommen einen Schock, wenn aus meiner Maschine unbeabsichtigt und unregelmäßig Energie austritt –so als hätte ein Blitz eingeschlagen, in etwa. Allerdings hat das, womit ich hier spiele, im Vergleich selbst noch zum heftigsten Blitz geradezu kosmische Dimensionen im wahrsten Sinne des Wortes.”

“Dann ist es beinahe verwunderlich, wie schnell das Stromnetz sicher wieder erholt hat. Ich kann mich entsinnen, nach einer Minute etwa floss er wieder...”

“Ja, warum auch nicht? Wir wissen ja nicht, wo, warum und –haha: wann wie viel Energie hinaus geflossen ist. Es ist ja gut möglich, dass das Leck –lassen Sie es mich mal so nennen– nur winzig klein ist, was die kosmischen Dimensionen, von denen ich just sprach, ganz fix relativieren würde.”

“Und was bitte hat all das mit Telefonen zu tun?”