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Stimmt das oder stimmt das nicht? Kohle macht die Zähne weiß, gegen Karies kann man sich demnächst impfen lassen und an jedem Zahn hängt ein Organ. Wir werden geradezu bombardiert mit Mythen rund um unsere Zähne. Viele davon sind nicht nur blanker Unsinn, sondern sogar sehr gefährlich für die Gesundheit. Was kann man überhaupt noch glauben? Und wie pflegt man seine Zähne so, dass man sie möglichst lange hat? Denn sicher ist nur eins: Unsere Zähne wachsen nicht nach. Dr. Neda Rahimian untersucht gemeinsam mit der Medizin- und Gesundheitsjournalistin Deborah Weinbuch gängige und schräge Zahnpflegemythen und erklärt, was wirklich stimmt und wie man seine Zähne lange schön und gesund halten kann.
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Seitenzahl: 302
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Dr. Neda Rahimian mit Deborah Weinbuch
DAS GROSSE LEXIKON DER ZAHNPFLEGE-IRRTÜMER
Dr. Neda Rahimian mit Deborah Weinbuch
DAS GROSSE LEXIKON DER ZAHNPFLEGE-IRRTÜMER
Halbwahrheiten und fragwürdige Behandlungen im Faktencheck
Originalausgabe
1. Auflage
© Verlag Komplett-Media GmbH
2019, München/Grünwald
www.komplett-media.de
ISBN E-Book: 978-3-8312-7004-0
Lektorat: Redaktionsbüro Julia Feldbaum, Augsburg
Korrektorat: Redaktionsbüro Diana Napolitano, Augsburg
Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München
Illustrationen: Heike Kmiotek, MioMio Design und Brandingstudio, Düsseldorf
Satz und Layout: Daniel Förster, Belgern
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
Dieses Werk sowie alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrecht zugelassen ist, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung.
Inhalt
Einleitung
Mythen rund um die Zahnpflege und den Zahnerhalt
Antibiotika
Empfindlichkeit
Weiße Flecken
Fluorid
Gene
Impfung
Karies
Konsequenz
Kreidezähne (MIH)
Mundgeruch
Mundspülung
Professionelle Zahnreinigung (PZR)
Putzdauer
Putztechnik
Timing
Unterwegs
Verfärbungen
Versiegelung (Fissurenversiegelung)
Weißzahnpasta
Zahnbürste
Zahnfleischentzündung
Zahnfleischrückgang
Zahnpasta
Zahnseide
Zungenschaber
Zwecklos
Zwischenraumbürste
Schöne und gesunde Zähne in jeder Lebenslage
Bottle-Syndrom
Daumennuckeln
Erfolg
Ernährung
Höhenmeter
Hormone
Kinder
Küssen
Leistung
Lippen
Bröckelige (Milch-)Zähne
Milchzahnpflege
Mundatmung
Mundtrockenheit
Schlucken
Schwangerschaft
Herausgeschlagene Zähne
Zähneknirschen
(Feste) Zahnspange
Zahnspange für Erwachsene
Zahnstein
Zahnzusatzversicherung
Alternative und komplementäre Methoden und Sichtweisen
Aktivkohle
Amalgam
Backpulver
Chili
Erdbeeren
Geschichte
Grüner Tee
Gymnastik
Immunsystem
Kokosöl
Kurkuma
Ölziehen
Organ-Zahn-Wechselbeziehung
Rohkost
Sauerstoff
Seelische Gesundheit
Störfelder
Tinnitus
Verspannungen
Rund um den Zahnarztbesuch
Angst
Betäubung
Bleaching
Geldgier
Implantate
Laser
Röntgen
Vollkeramik
Weisheitszähne
Wurzelkanalbehandlung
Zahnlücke
Was erzählt mein Doc? Den Befund verstehen
Danksagung
Register
Anmerkungen
Einleitung
Bei den Zähnen ist es doch so: Jeder hat schon mal was gehört oder gesehen oder meint, etwas zu wissen. Einiges davon ist so konfus, dass es gleich auffällt. Aber was ist bei den Gerüchten, die sich hartnäckig halten? Oder mit Megatrends im Internet und in Frauenzeitschriften? Wenn es viele behaupten, dann wird’s schon stimmen?
Tatsächlich wissen die meisten von uns in unserem sonst so aufgeklärten Land wenig über die eigenen Zähne. So kommt es, dass auch sehr pflegebewusste Menschen unter Umständen ein Leben lang falsch putzen – allein deshalb, weil das Basiswissen so selten verständlich weitergegeben wird.
Wir brauchen für so viele Dinge einen Führerschein, machen einen Segel- oder Angelschein – aber die richtige Zahnpflege wird einfach so vorausgesetzt. Damit soll jetzt Schluss sein! Denn Unwissenheit kann in diesem Bereich großen Schaden anrichten, und sie zieht sich durch alle Schichten, unabhängig von Bildung, Herkunft oder sozialem Status. Oftmals haben sogar diejenigen, die ein etwas größeres Allgemeinwissen als der Durchschnitt haben, so gravierende Wissensmängel bei der Zahnpflege, dass sie ihre Zähne regelrecht kaputt pflegen.
Am meisten unterschätzt werden die Zusammenhänge, die zwischen der Zahngesundheit und der Gesundheit des gesamten Organismus bestehen. Auch wird nicht beachtet, wie eine vernachlässigte Mundgesundheit auf Dauer das gesamte Gesicht entstellen kann. Dass Sie dieses Buch lesen, zeigt, dass Sie zu den Menschen gehören, die es wissen wollen.
In der Praxis wirkt Ihr Doc zu gestresst für alle Ihre Fragen? Kommen Sie mit auf eine kleine Reise zu gesünderen, schöneren Zähnen, einfach und verständlich erklärt – und gehen Sie nie wieder Mythen oder Werbetricks auf den Leim. Dazu ist nämlich nicht nur Ihr Geld, sondern auch Ihre Gesundheit und Schönheit viel zu schade. Nutzen Sie dieses Werk zum Nachschlagen – oder lesen Sie es einmal von vorn bis hinten durch, wenn Sie selbst zur Expertin oder zum Experten für Ihre Zähne werden wollen.
Mythen rund um die Zahnpflege und den Zahnerhalt
»Das Leben ist kurz, lassen Sie uns dabei lächeln.«
DR. NEDA RAHIMIAN
Antibiotika
Stimmt’s oder nicht?Antibiotika schaden dem Zahnschmelz.
Eine bestimmte Gruppe von Antibiotika, sogenannte Tetrazykline, helfen gut gegen vielerlei Krankheiten, da es sich um Breitbandantibiotika handelt. Wenn man nicht genau weiß, welches Bakterium tatsächlich der Feind ist, werden Breitbandantibiotika zum Beispiel bei Infektionen des Magen-Darm-Traktes, der Atemwege, der Harnwege oder der Vagina eingesetzt. Tetrazykline helfen auch bei der Behandlung von Akne und Rosazea. Schwangere oder Kinder unter acht Jahren sollten sie jedoch nicht erhalten, da in dieser Phase die Zähne in ihrer Entwicklung gestört werden und sich ihr Schmelz verfärben könnte. Das ist aber unter Zahnmedizinern allgemein bekannt, sodass sich Patienten keine Sorgen machen brauchen.
Ganz grundsätzlich: Falls Sie schwanger sind und ganz sichergehen möchten, dass ein bestimmtes Medikament für Ihr Baby unbedenklich ist, können Sie bei Embrytox anrufen. Das ist ein Arzneimittelsicherheits- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin, das über sämtliche Erkenntnisse und mögliche Gefahren von Medikamenten während der Schwangerschaft immer auf dem neuesten Stand ist. Auch wir Ärzte rufen dort bei komplexen Fragestellungen an, um zuverlässige Aussagen einzuholen.
Haben Sie aber keine Angst vor Antibiotika, die Ihnen der Zahnarzt gibt! Menschen mit Hüft- oder Knieprothesen und auch Menschen mit Herzoperationen brauchen unbedingt eine antibiotische Abschirmung bei der Behandlung – sogar wenn es sich um eine einfache professionelle Zahnreinigung (siehe Seite 45 ff.) handelt. Denn wenn die im Mund lebenden Bakterien in die Blutbahn geraten, könnte das bei diesen Patienten unter Umständen sogar lebensbedrohliche Komplikationen auslösen. Auch Menschen, die zuvor sogenannte Bisphosphonate oder bisphosphonatähnliche Medikamente, etwa gegen Osteoporose oder im Rahmen der Krebstherapie, eingenommen haben, müssen vor einer Zahnbehandlung antibiotisch abgeschirmt werden. Der antibiotische Schutz verhindert eventuelle Komplikationen, wie das Wegfaulen des Kieferknochens. Das ist in keinster Weise mit einer Parodontitis zu vergleichen, sondern stellt eine sehr schmerzhafte, teilweise entstellende und lebenseinschränkende Nebenwirkung des Medikaments dar, über die leider viel zu wenig aufgeklärt wird. Bevor eine solche Therapie begonnen wird, sollte auf jeden Fall eine vollständige Zahnsanierung mit Entfernung aller Entzündungsherde durchgeführt werden. Denn jede operative Behandlung nach der Einnahme des Medikaments, genauso wie eine unzureichende Mundpflege mit daraus resultierenden Entzündungen, stellt ein Risiko dar.
Auch Patienten, die wegen einer Krebserkrankung im Kopf- und Halsbereich bestrahlt werden müssen, sollten ihre Zähne, Schleimhäute und das Zahnfleisch vor Beginn der Bestrahlung vollständig sanieren lassen. Denn die Strahlentherapie führt zu einer Verstärkung bereits bestehender oraler Erkrankungen. Da die Bestrahlung durch Metall intensiviert wird, sollte bei metallischen Kronen, Stiften etc. eine spezielle Silikonschiene getragen werden, die die Nähe des Metalls zu den Schleimhäuten »abpuffert«. Regelmäßiges Fluoridieren schützt die Zahnoberflächen, die durch die Bestrahlung geschwächt werden.1
Zahnärzte verschreiben Antibiotika mittlerweile zurückhaltender als noch vor einigen Jahren, um die zunehmende Resistenzbildung nicht zu fördern. Wenn aber eine sehr starke Entzündung vorliegt, lassen sich diese hochwirksamen Medikamente nicht vermeiden. In manchen Fällen ist eine Behandlung des Zahns erst Tage nach Beginn einer antibiotischen Therapie überhaupt möglich, denn ein zu stark entzündeter Zahn ist kaum zu betäuben. Das liegt daran, dass der pH-Wert des entzündeten Zahns in einem saureren Bereich liegt als sonst. Die Anästhesie braucht aber einen neutralen pH-Wert, um zu funktionieren. Stimmt der pH-Wert nicht, kann die Betäubungsspritze ihre volle Wirkung nicht entfalten.
Wenn Sie ein Antibiotikum erhalten, dann sollten Sie sehr genau darauf achten, wie dieses Medikament einzunehmen ist. Einmal angefangen, muss es auch vollständig zu Ende genommen werden. Wenn jemand das Antibiotikum sofort nach Besserung der Symptome zur Seite legt, kann es zu zwei sehr negativen Effekten kommen. Zum einen ist es möglich, dass die Symptome dann schnell wiederkehren, aber noch schwerer und unkontrollierbarer sind als zuvor! Der zweite Effekt – und das ist eigentlich noch viel schlimmer – wäre eine mögliche Resistenzbildung auf das Antibiotikum. Das heißt, dass bei Ihnen dann dieses Antibiotikum eventuell nie wieder wirkt. Daher bitte ich Sie, mit der Einnahme des Antibiotikums absolut penibel zu sein und das Medikament genauso, wie vom Arzt verordnet, zu Ende einzunehmen. Auch eine zu lange Einnahme oder Selbsttherapie mit Antibiotika aus der Hausapotheke ist dringend zu vermeiden. So züchten Sie definitiv Resistenzen, weil die Bakterien nicht gern tatenlos zusehen, wie das Antibiotikum ihre »Freunde« tötet. Wenn sich durch Genmutation veränderte Bakterien bilden, die dieses Medikament überleben, dann haben Sie den Kampf verloren und das Antibiotikum kann im Ernstfall bei Ihnen nicht mehr eingesetzt werden. Sie sehen also, dass böse Bakterien lange genug (aber nicht länger, als vom Arzt angeordnet!) mit einem ausreichend starken Antibiotikum »verprügelt« werden müssen, um zu verschwinden. In allen anderen Fällen selektieren Sie nur die Mutanten und sorgen dafür, dass die schwachen Bakterien getötet werden. Die starken übernehmen dann das Kommando – und genau das wollen wir nicht!
Nehmen Sie zwei Stunden vor und zwei Stunden nach der Einnahme keine Milchprodukte zu sich, weil sonst die Aufnahme der meisten Antibiotika im Darm behindert wird. Bitte beachten Sie, dass eine hormonelle Verhütung bei gleichzeitiger Einnahme eines Antibiotikums an Wirksamkeit einbüßt. Je nach Antibiotikum kann entweder die Aufnahme der hormonellen Verhütung behindert oder der Abbau des Wirkstoffhormons beschleunigt werden, sodass eine Schwangerschaft trotz Pille möglich wird (ein häufiger Grund für sogenannte »Tropis« – Kinder trotz Pille). Falls Sie keinen Kinderwunsch haben, sollten Sie bis zum Beginn einer neuen Pillenpackung auf weitere Verhütungsmethoden zurückgreifen.
Empfindlichkeit
Stimmt’s oder nicht?Gegen meine empfindlichen Zähne kann ich nichts machen.
Frei liegende Zahnhälse können durch zweierlei entstehen: entweder durch einen krankhaften Rückgang des Zahnfleischs oder durch die falsche Putztechnik. Exzessives »Schrubben« der Zähne beschädigt neben dem Zahnfleisch auch den angrenzenden Schmelz in diesem Bereich. Dieser ist hier dünner und kann durch unsachgemäßes Putzen regelrecht weggeschrubbt werden.
Im Extremfall kann mit der Zeit die darunterliegende Schicht (siehe Dentin, Seite 23 f.) am Übergang von Zahnkrone zu Zahnwurzel zum Vorschein kommen. Dann werden die Zähne ganz besonders sensibel, denn im Zahn sind ganz viele feine Kanäle, sogenannte Tubuli, die direkt zum Zahnnerv führen und Empfindungen in Sekundenschnelle weiterleiten. Deswegen fühlt sich der Schmerz auch so blitz ähnlich an.
Falls Sie am Rand zum Zahnfleisch Stellen bemerken, die nicht dem Weiß Ihres Schmelzes entsprechen, sondern eher eine hellbeige Farbe haben, dann sollten Sie dringend zu einer weicheren Zahnbürste wechseln und eventuell Ihre Putztechnik (siehe Seite 54 ff.) überdenken!
Das hochgerollte Zahnfleisch ist vergleichbar mit einer Teppichkante, über die Sie immer wieder stolpern, wenn diese erst einmal hochgeklappt ist. Wenn Sie mit einer zu harten Zahnbürste und der falschen Putztechnik – wie bei einem Besen und einer Teppichkante – das Zahnfleisch immer wieder wegschubsen, beschädigen Sie das Zahnfleisch und holen eben auch noch den Bereich des Zahns zum Vorschein, der sich unter dessen Schutz viel wohler gefühlt hat.
Die gute Nachricht: Durch eine spezielle Putztechnik lässt sich dieser Zustand zumindest teilweise wieder ausgleichen. Putzen Sie in diesem Fall von Rot nach Weiß, also vom Zahnfleisch zum Zahn, um das Zahnfleisch wieder in die richtige Richtung auszustreichen. Seien Sie sanft zu Ihrem Zahnfleisch, denn es ist ein sehr empfindliches Gewebe.
Wenn Sie zwar richtig putzen, der Zahnhals aber dennoch frei liegt, kann es sich um einen krankhaften Zahnfleischrückgang handeln. Hier ist nicht das mechanische Wegdrücken die Ursache, sondern eine ernsthafte Erkrankung des Zahnhalteapparates (siehe Zahnfleischentzündung, Seite 70 ff.), die sich nur durch Zwischenraumpflege und Zahnprophylaxe vermeiden und je nach Schweregrad heilen oder zumindest lindern lässt. Durch den krankhaften Rückgang des Zahnfleischs werden auch die Zahnhälse frei und können durch falsche Pflegetechniken und zu harten Bürsten kaputt geputzt werden.
Aufbau eines Zahns, schematisch dargestellt.
Verwenden Sie bei empfindlichen Zähnen speziell dafür ausgewiesene Zahnpasten, um die Schmerzempfindlichkeit Ihrer Zähne zu lindern. Zahnärzte können ein Fluoridkonzentrat auftragen oder die Stelle mit einem lichthärtenden, desensibilisierenden Mittel abdecken, beides hilft jedoch nur temporär. Wenn alles nichts bringt, benötigt man eventuell eine Füllung, die jedoch wegen der Nähe zum Wurzelzement2 und der kaum vorhandenen Schmelzstruktur schlechter am Zahn klebt als üblich. Wichtig ist, dass Sie Ihre Putzroutine ändern und die anderen Zähne davor schützen, ein ähnliches Schicksal zu erleiden.
Weiße Flecken
Stimmt’s oder nicht?Weiße Flecken auf den Zähnen zeigen Kalziummangel.
Kreidig-weiße Flecken kommen von Entkalkung, also von Demineralisierung. Das kann durch Kalziummangel passieren, kann jedoch auch noch andere Gründe haben. Auf jeden Fall sollten Betroffene Rücksprache mit ihrem Zahnarzt halten, denn manche Demineralisierungen, gegen die nichts unternommen wird, können sich sogar gelblich-braun färben, weil sich auf ihrer rauen Oberfläche Partikel und Bakterien leichter festsetzen.
Zunächst einmal eine vorübergehende Variante der weißen Flecken: Träger von festen Zahnspangen können sie unter ihren Brackets entwickeln, weil sich ihre Zähne darunter nicht normal remineralisieren können. Es ist wichtig, dass Zahnspangenträger gründlich um die einzelnen Brackets herumputzen und wöchentlich einmal fluoridieren, ansonsten bleiben möglicherweise zeitlebens unschöne viereckige Spuren auf den Zähnen. Dann hat man endlich gerade Zähne, aber dafür unansehnliche viereckige Flecken auf jedem Zahn. Falls es bereits geschehen ist und nach der Entfernung der Zahnspange solche Flecken zum Vorschein kommen, hilft es immer noch, regelmäßig zu fluoridieren. Das bedeutet, morgens und abends fluoridhaltige Zahnpasta zu benutzen und zusätzlich einmal pro Woche ein konzentriertes Fluoridgelee aus der Drogerie oder Apotheke aufzutragen. Beim Essen sollte gleichzeitig verstärkt auf kalziumreiche Lebensmittel wie Milchprodukte geachtet werden. Werden diese Regeln befolgt, sollten die Flecken je nach Ausprägung nach einigen Wochen oder Monaten verblassen und mit etwas Glück kaum mehr zu sehen sein. Zur Vorbeugung empfiehlt der Kieferorthopäde eine Versiegelung mit Schutzlack, der vor dem Einsetzen der Zahnspangen-Brackets aufgetragen wird. Diesen müssen gesetzlich versicherte Patienten leider selbst bezahlen, weil er von den Krankenkassen nicht übernommen wird. Er ist aber sehr empfehlenswert. Während der Tragezeit der festen Zahnspange hilft fleißiges Putzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta und eine gute Zahnzwischenraumpflege, der Entstehung von weißen Flecken vorzubeugen. Falls all das nichts hilft, kann der Zahnarzt die Schmelzflecken mit einem Diamantkopf abtragen und die Fläche mit einem farblich angepassten Kunststoff ästhetisch abdecken.
Falls Sie bereits seit dem Durchbrechen der zweiten Zähne weiße Flecken haben, kann das auch durch übermäßige Fluorideinlagerung in der Kindheit begründet sein, etwa durch fluoridiertes Kochsalz, bestimmte Mineralwässer oder die Einnahme von Fluoridtabletten. Diese wurden bis vor einigen Jahren Kindern oft zur Kariesprophylaxe verschrieben. Dabei gibt es allerdings ein Problem: Vor dem achten Lebensjahr wachsen die bleibenden Zähne noch unter dem Gaumen. Zu viel Fluorid stört den Kalzium-Phosphat-Stoffwechsel und somit die Entwicklung ihres Zahnschmelzes.
INKOMPATIBLER RHESUSFAKTOR
Flecken auf den Zähnen, die seit Durchbruch des zweiten Gebisses da sind, können ihre Ursache auch in einer Rhesus-Inkompatibilität zwischen Mutter und Kind haben. Hat beispielsweise die Mutter die Blutgruppe A mit dem Rhesusfaktor negativ, das Kind jedoch Blutgruppe A mit dem Rhesusfaktor positiv (vom Vater geerbt), dann kommt es vor allem am Ende der Schwangerschaft und während der Geburt zu einem Übertritt mütterlicher Antikörper gegen die kindlichen Blutzellen. Dabei werden Blutfarbstoffe frei (Bilirubin, Biliverdin), die sich in den noch verborgenen Zähnen des Kindes anlagern. Das kann zu Strukturveränderungen führen, oder sogar zu Grau-, Grün- oder Gelbverfärbungen. Solche Flecken können aber auch durch einen mütterlichen Diabetes während der Schwangerschaft, Sauerstoffmangel während der Geburt, Unfälle mit harten Stößen auf den Mund im Kindesalter oder durch den Einsatz einer speziellen Gruppe von Antibiotika (siehe Seite 12 ff.), den sogenannten Tetrazyklinen, während der Schwangerschaft oder vor dem achten Lebensjahr entstehen.
Brechen die Zähne bereits mit weißen Flecken durch, so ist das irreversibel, also dauerhaft. An diesen Stellen sind die Zähne außerdem weicher, auch wenn sie an sich keinen Krankheitswert haben. Werden die Flecken als optisch sehr störend empfunden, könnte über ein Veneer (eine hauchdünne Verblendschale auf dem Zahn) nachgedacht werden. In manchen Fällen kann bereits die Therapie mit ästhetischen Füllungen das Problem lösen. Dies ist allerdings sehr vom Ausprägungsgrad und vom Geschick des Zahnarztes abhängig.
Wenn die Milchzähne stark von Karies belastet waren, kann auch das bei den bleibenden Zähnen zu weißen Flecken führen. Weitere Ursachen sind schwere Magen-Darm-Infekte oder eine unerkannte Zöliakie, bei denen die Aufnahme von Mineralstoffen im Darm gestört ist. Auch schwere Erkrankungen der Nieren, das Down-Syndrom oder eine Störung der Nebenschilddrüse, deren Parathormon für den Kalziumstoffwechsel gebraucht wird,3 können mit weißen Flecken auf den Zähnen einhergehen, wobei in diesen Fällen aber sicher andere Probleme stärker im Fokus stehen. Entkalkungen können nicht nur zu weißen Flecken, sondern zu regelrechten Dellen im Zahnschmelz führen. Sind diese optisch auffällig oder haben Sie Schmerzen an der Stelle, kann der Zahnarzt eine Füllung anfertigen, die Defekte überdeckt. An den Schneidezähnen kann Demineralisierung dazu führen, dass ein Stück Zahn plötzlich abbricht – ohne besonderen Grund, vielleicht einfach dann, wenn Sie gerade in einen Apfel gebissen haben.
Noch mal: Holen Sie sich in jedem Fall frühzeitig Rat bei Ihrer Zahnärztin oder Ihrem Zahnarzt, um Risiken zu erkennen und möglichen Folgeschäden entgegenzuwirken.
DER UNTERSCHIED ZWISCHEN SYSTEMISCH UND LOKAL WIRKENDEM FLUORID
Fluorid (siehe Seite 21 ff.), von außen beim Zähneputzen aufgetragen, ist etwas anderes als Fluorid, das systemisch, also durch Schlucken, aufgenommen wird. In Kinderzahnpasta ist Fluorid deshalb niedriger dosiert. Fluorid in der Zahnpasta ist Tabletten allein deshalb schon vorzuziehen, weil es insbesondere durch den Direktkontakt mit dem Zahn wirkt und so ein besseres Ergebnis erzielt. Falls der Kinderarzt Fluoridtabletten als sinnvoll erachtet, sollte vor der Verschreibung genau erhoben werden, wie viel Fluorid das Kind durch Essen, Trinken und Zahnpasta bereits erhält. Informieren Sie den betreuenden Arzt Ihres Kindes auch, wenn Sie diese Gewohnheiten maßgeblich ändern.
Fluorid
Stimmt’s oder nicht?Fluorid ist ungesund.
Wo man auch hinschaut: Die meisten Zahnpasten werden mit Fluorid angereichert, weil das die Zähne widerstandsfähig gegen Karies machen soll. Zahnärzte tragen sogar konzentriertes Fluoridgel nach der professionellen Zahnreinigung auf. Allerdings gibt es auch Menschen, die sagen, dass Fluorid schädlich oder gar giftig ist. Was stimmt denn nun?
In gewisser Weise beides, denn bei Fluorid gilt wie bei so ziemlich allem anderen auch: Die Dosis macht das Gift. Grundsätzlich ist Fluorid ein natürlicher Stoff, der in geringen Konzentrationen auch im Trinkwasser und im Erdboden vorkommt. Einfach nur durch die Nahrung nehmen wir deshalb im Schnitt schon 0,5–0,8 Milligramm Fluorid pro Tag zu uns. Grüner Tee und Seefisch liefern eine Extradosis Fluorid.
Die Kariesprophylaxe mit Fluorid gehört zu den Maßnahmen der öffentlichen Gesundheitsvorsorge, die am intensivsten und längsten untersucht wurde. In den 1920er-Jahren fiel auf, dass Kinder, die in Gebieten mit natürlich erhöhtem Fluoridgehalt im Grundwasser lebten, weniger Karies hatten. In manchen Ländern der Welt wird deshalb heutzutage das Trinkwasser fluoridiert. Das wird in Deutschland nicht gemacht, zumal unübersichtlich ist, wer über welche Nahrung und abgefüllte Mineralwässer schon wie viel Fluorid zu sich genommen hat. Denn zu viel des Guten sollte es auch nicht sein. Nimmt man über einen langen Zeitraum via Nahrung und Getränke zu viel Fluorid auf, zeigt sich das an weißen Flecken auf den Zähnen, der sogenannten Fluorose. In diesem Fall sollte man sein Ernährungsverhalten prüfen und anpassen. Eine Überdosierung über einen langen Zeitraum könnte zum Beispiel dazu führen, dass die Bänder und Gelenke in unserem Körper verkalken.
Normalerweise übernehmen unsere Knochen eine Art Pufferfunktion. Nehmen wir Fluorid zu uns, steigt dessen Konzentration in unserem Blut für kurze Zeit an. Nach zwei bis neun Stunden, je nach Stoffwechsel, ist es aber schon wieder zur Hälfte abgebaut und mit dem Urin ausgeschieden. Geringe Mengen gelangen auch durch den Schweiß, den Speichel und den Stuhl wieder nach draußen. Übermäßig viel Fluorid »saugen« die Knochen aus dem Blut, damit der Pegel dort konstant bleibt. Sie geben das überschüssige Fluorid dann wieder ab, wenn der Blutpegel wieder niedrig ist und der Stoff vom Körper problemlos entsorgt werden kann.
Nun müssen wir aber unterscheiden zwischen systemischer und lokaler Anwendung. Überdosierung kann dann entstehen, wenn wir etwas hinunterschlucken. Deshalb sollte man, wenn man beispielsweise fluoridiertes Speisesalz benutzt, es dabei belassen und nicht auch noch gleichzeitig Fluoridtabletten einnehmen. Die Zahnpasta aber schlucken wir in der Regel nicht hinunter, sondern lassen sie nur dort wirken, wo es erwünscht ist: an den Zähnen.
Trotz der rein lokalen Anwendung wird Fluorid in Zahnpasta niedrig dosiert: mit 0,1 Prozent. Bei Kinderzahnpasta ist es sogar nur halb so viel, weil hier öfter mal etwas versehentlich verschluckt wird und die Kleinen weniger Körpermasse haben, auf die sich aufgenommene Stoffe verteilen. Forscher empfehlen, die Milchzähne mit Kinderzahnpasta zu putzen und zu Erwachsenenzahnpasta zu wechseln, wenn im Schulalter die zweiten Zähne durchbrechen.
Fluoridhaltiges Gelee aus der Drogerie oder Apotheke, das einmal pro Woche angewendet werden soll, liefert 1,25 Prozent Fluorid, der Lack beim Zahnarzt 2,3 Prozent. Dieser sollte bei Kindern mit erhöhtem Kariesrisiko zweimal pro Jahr aufgetragen werden, bei Erwachsenen bis zu viermal pro Jahr. Bei all diesen Anwendungen handelt es sich um sogenannte therapeutische Dosen, die unserem Organismus nicht schaden. Sind die Zähne ausreichend mit Fluorid gestärkt, löst sich der Zahnschmelz unter Einfluss von Säuren aus der Nahrung nicht so schnell auf. Das heißt, er wird weniger demineralisiert und besser remineralisiert. Eine erste, ganz leichte Karies kann sich so sogar wieder zurückentwickeln, wobei es allerdings ganz selten ist, dass sie komplett verschwindet. Also am besten gar nicht erst entstehen lassen!
Exkurs: Woraus besteht eigentlich Zahnschmelz?
Der ausgereifte Zahnschmelz ist die festeste Struktur im menschlichen Körper. Er besteht zu 95 Prozent aus anorganischer Substanz und zu etwa vier Prozent aus Wasser.4 Die restlichen Anteile sind organische Substanzen wie Proteine und Lipide.5
Überwiegende Bestandteile der anorganischen Substanz sind Kalzium, Karbonat, Phosphor, Natrium und Magnesium,6 die in Form von Apatitkristallen vorliegen: als Hydroxylapatit, Carbonatapatit und Fluorapatit. Je mehr Fluorapatit der Schmelz hat, desto stärker ist die Widerstandsfähigkeit des Zahns gegen Karies.7 Säuren, die durch die bakterielle Verstoffwechselung unserer Speisen gebildet werden, stören diese Struktur und lösen Minerale aus dem Zahn heraus. Je mehr Fluorid der Zahn jedoch hat, desto länger kann er sich zur Wehr setzen. Die gute Nachricht: Durch die lokale Anwendung von Zahnpasta und Gel kann dieses wertvolle Fluorid wieder in die Schmelzstruktur aufgenommen werden und sich dort nützlich machen.8
Unser Schmelz ist ein wichtiger Schutzpanzer, denn direkt darunter befindet sich das weichere und gelblichere Dentin. Das Dentin ähnelt in der Zusammensetzung mehr unseren Knochen. Es hat Tausende kleine Kanälchen, die zum Zahnnerv ins Innere des Zahns ziehen. Wenn zum Beispiel durch Karies oder einen Defekt im Zahnschmelz Dentin frei liegt, ist das vergleichbar mit einer Wunde, da diese Kanälchen dann ungeschützt sind und den Schmerz direkt zum Nerv leiten.
Außerdem gibt es da noch den Wurzelzement, der die gesamte Wurzel als äußerste Schicht überzieht. Auch hier ist die darunterliegende Schicht das Dentin, das den Nerv beherbergt. Wichtig zu wissen: Wenn Karies es erst einmal geschafft hat, ein kleines Loch in den Schmelz zu graben, dann nimmt sie sich gleich das weichere Dentin vor. Heimlich baut sie unter dem festen Schmelz eine regelrechte Höhle und kann einen sehr großen Teil des Zahns zerstören, bis sie endlich entdeckt wird. Deswegen ist es erstens wichtig, gut zu putzen und zu fluoridieren, sodass der Schmelz die Karies gar nicht erst durchlässt. Zweitens sollten alle zwei Jahre beim Zahnarzt Röntgenbilder gemacht werden, um diese versteckten Löcher früh genug zu finden, bevor sie den Zahnnerv beschädigt haben.
Dentinkanälchen durchziehen das Dentin bis zum Zahnnerv. So kommt es dazu, dass frei liegendes Dentin (sei es durch falsches Putzen, falsche Zahnpasta oder Karies) zu Schmerzen führt.
Gene
Stimmt’s oder nicht?Schlechte Zähne sind erblich.
Das stimmt nur bedingt. Karies kommt von Zucker und von liegen gebliebener Plaque nach dem Putzen. Wo keine Plaque ist, da entsteht auch keine Karies. Eine Mangelernährung, wie man sie in Deutschland früher bei Kriegskindern gesehen hat, kann die Struktur der Zähne anfälliger für Karies machen. Bei wohlgenährten Patienten sind es eher Anomalien der Zahnform oder Fehlstellungen, die das Entstehen von Karies begünstigen.
Stehen Zähne beispielsweise sehr eng, verschachtelt oder gekippt, werden nicht nur die Kiefergelenke eventuell überbelastet, sondern auch einzelne Zähne selbst. Sie nutzen dann schneller ab, oder der Zahnhalteapparat (Zahnfleisch, Knochen und umliegendes Gewebe) wird durch Überbelastung und Entzündung beschädigt. Durch die Fehlstellungen entstehen schwer zu reinigende Nischen, die dann für Karies anfälliger sind. Es ist wie beim Putzen in der Küche: Mit entsprechendem Einsatz erhält man zwar ein scheinbar sauberes Ergebnis, doch schaut man hinter den Herd, entdeckt man oft noch einiges, was sich dort angesammelt hat. So ist es auch im Mund: Dort, wo man nicht rangekommen ist, können Entzündungen am Zahnfleisch entstehen, die unbehandelt zu einer chronischen Zahnfleischentzündung (siehe Parodontitis, Seite 70 ff.) führen.
Oft ist eine frühzeitige kieferorthopädische Maßnahme kostengünstiger als die Konsequenz einer späteren Zahnsanierung. Je nach Umfang der kieferorthopädischen Behandlung kann die Zahnkorrektur mit Schienen oder mit einer festen Zahnspange durchgeführt werden. Eine spätere Zahnsanierung kann je nach Befund und Zeitpunkt von einfachen Kleinreparaturen wie Füllungen bis hin zu umfangreichen Behandlungen wie eine Wurzelkanalbehandlung, Zahnersatz, Kiefergelenkbehandlung und Zahnfleischbehandlung reichen. Es ist wirklich sehr davon abhängig, wann der Patient in die Praxis kommt und wie gut er sich bis dato um seine schwer zu reinigenden Zähne gekümmert hat. Sie sehen schon: Durch das zeitweise Tragen einer festen Zahnspange wird nicht nur das Lächeln verschönert, sondern auch Spätfolgen wie Karies, Parodontitis und Kiefergelenkserkrankungen vorgebeugt.
Generell kann man sagen, dass »normale Zähne« ihre Karies nicht erben, sondern erwerben. Natürlich gibt es auch Anomalien der Schmelzstruktur, die vererbt werden und den Zahn anfälliger für Karies machen als den »normalen« Zahn. Bevor Sie nun zum Spiegel laufen und schauen, ob das bei Ihnen der Fall sein könnte, möchte ich Ihnen den Hinweis geben, dass Ihnen ein solcher Umstand sicherlich nicht erst bei der Karies aufgefallen wäre. Zähne, die eine sogenannte Amelogenesis imperfecta oder eine ähnliche Beeinträchtigung der Zahnstruktur haben, fallen schon in der Kindheit auf. Die Zähne haben von Anfang an eine andere Zahnfarbe. Der Schmelz ist teilweise nicht ausgebildet oder blättert ab, sodass das gelbe Dentin nahezu »nackig« ist. Auch die Form der Zähne ist dann meist fehlgebildet. Die Amelogenesis imperfecta ist eine seltene Krankheit. Ihre Prävalenz schwankt laut dem Portal für seltene Krankheiten Orpha.net je nach untersuchter Bevölkerung zwischen 1:700 und 1:14.000.9 Betroffene leiden von Anfang an, weil die Oberfläche ihrer Zähne – je nach Schweregrad – fleckig, rau und zerklüftet aussehen kann. Diese Zähne sind dann außerdem öfter temperaturempfindlich, schwerer zu betäuben und neigen stärker zu Karies. Eine Amelogenesis imperfecta ist oft mit anderen Erkrankungen und Syndromen verbunden, wie zum Beispiel der tuberösen Sklerose oder dem Albright-Syndrom.10
Übrigens: Bei der Parodontitis gibt es ein Gen, das zur vermehrten Ausschüttung von Entzündungsbotenstoffen führt. Das bedeutet, dass diese Menschen zu besonders starker Parodontitis neigen. Ob Sie ein solches Gen in sich tragen, kann theoretisch mit dem sogenannten Hain-Test (siehe Seite 73) geprüft werden. In der Praxis wird das Feststellen eines solchen Gens allerdings nur dazu führen, dass Sie verstärkt auf die Wichtigkeit der Prophylaxe hingewiesen werden.
Impfung
Stimmt’s oder nicht?Gegen Karies kann man sich impfen lassen.
Bisher noch nicht – Ansätze sind zwar in der Entwicklung, aber (noch) nicht verfügbar. Gemein ist allen, dass die Forscher dem wichtigsten Karieserreger Streptococcus mutans zu Leibe rücken wollen. Dabei gibt es allerdings Versuche sogenannter aktiver Immunisierung – und solche, die einen passiven Impfschutz anstreben. In Boston, USA, fand ein Team um den Zahnmediziner Martin Taubmann vom Forsyth-Institute Schlüsselmoleküle des Karieserregers, mit dem das Immunsystem zur Produktion von Antikörpern stimuliert werden kann.11 Genauer gesagt richten sich die Antikörper nicht gegen die Bakterien selbst, sondern gegen die Enzyme, die sie benutzen, um sich an den Zähnen anzuheften. Diese sogenannten Glucosyltransferasen werden blockiert, sodass sich die Bakterien auf den Zähnen kaum ausbreiten können. Im Versuch mit Ratten schütteten die Tiere Antikörper gegen diese Bakterienenzyme in den Speichel aus. Allerdings gibt es einen Wermutstropfen. Weil es nicht vollkommen auszuschließen ist, dass der Impfstoff das Herzmuskelgewebe angreifen könnte, testete Taubmanns Kollege Daniel Smith eine sogenannte passive Variante der Impfung. Dabei werden einfach die Antikörper selbst verabreicht, in der Hoffnung, dass das schonender für den Körper ist.12
Dabei stützte sich Smith auf die Vorarbeit anderer Forscher von der Universität London.13 Sie hatten die Antikörper, die normalerweise der Körper bildet, nachgebaut und hochkonzentriert mit einer Pipette auf die Zähne aufgetragen. Weil dadurch aber das Immunsystem nicht trainiert wird, muss dieses Verfahren regelmäßig wiederholt werden.
Smith, genau wie seine Kollegen vom chinesischen Wuhan Institute of Virology,14 bevorzugen allerdings die Verabreichung des Impfstoffs via Nasenspray. So könnten schon kleine Kinder ab 18 Monaten sanft geschützt werden. Einen Effekt gab es bisher tatsächlich, wenn auch nicht durchschlagend. 64,2 Prozent der chinesischen Versuchsmäuse, die ohnehin noch keine Karies hatten, bekamen auch keine – selbst bei zuckerreicher Ernährung. Bei 53,9 Prozent der bereits von Karies befallenen Mäuse zeigte das Nasenspray eine therapeutische Wirkung: Die Karies ging zurück.
Allerdings waren auch Nebenwirkungen, wie zum Beispiel Entzündungen des Zahnfleischs, aufgetreten. Aktuell versuchen die Forscher, eine Proteinkombination zu entwickeln, die weniger Nebenwirkungen aufweist. In dieser Hinsicht ist die zweite Generation des Impfstoffs bereits vielversprechend, Langzeitergebnisse stehen jedoch aus.15
Bis zur möglichen Marktreife der Verfahren werden noch Jahre vergehen. Dass es dann nicht mehr nötig wäre, gründlich die Zähne zu putzen, ist aber ein Trugschluss. Der Streptococcus mutans hat verschiedene Spezies. Ob die alle gleichermaßen auf die Impfung ansprechen, bleibt abzuwarten. Eine gute Mundhygiene wird die Impfung ohnehin nie ersetzen können. Aber man hofft, das Kariesrisiko für diejenigen reduzieren zu können, die beispielsweise aufgrund von Erkrankungen oder Behinderungen ihre Zähne nicht ausreichend pflegen können.
Karies
Stimmt’s oder nicht?Hat ein Zahn Karies, sollte ich ihn beim Zähneputzen aussparen, um die Bakterien nicht zu verteilen.
Im Mund befinden sich 10 hoch 12 Keime, das ist eine ganze Menge. Diesen Keimen ist es egal, ob sie auf dem kariösen Zahn sitzen oder auf einem, den sie sich eventuell noch greifen wollen. Kariesbakterien sind einfach dann glücklich, wenn sie ungestört ihr Unwesen treiben können. Widmen Sie deshalb bei der Zahnpflege allen Zähnen die gleiche Aufmerksamkeit. Letztlich geht es darum, die Bakterien und Speisereste mit der Zahnbürste und anderen Hilfsmitteln, wie Zahnseide, Zwischenraumbürsten etc., mechanisch zu entfernen und anschließend zusammen mit der Zahnpasta auszuspucken.
WARUM DER KUCHEN »SCHMERZHAFT SCHMECKT«
Die Karies ist schon hinterhältig. Sie frisst sich immer ein winziges Löchlein in den Schmelz, und wenn sie beim Dentin angekommen ist, höhlt sie den Zahn innerlich aus. Eine kleine Schmelzschädigung durch die Karies kompensiert der Körper meistens – bei den wenigsten tut der Kuchen oder die Schokolade schon zu Beginn der Karies weh.
Doch ist die Schmelzstruktur erst einmal durchgeknabbert, dann lässt die Karies es richtig krachen! Der Nerv schlägt nun Alarm, wenn die Süße des Kuchens den Zahn berührt. Solange die Karies nur die Schmelzoberfläche attackiert hat, kann mit einfachem Fluoridieren und einer Optimierung der Zahnpflege Abhilfe geschafft werden. Der Zahn sollte dann zahnärztlich beobachtet werden, um rechtzeitig eingreifen zu können, falls die sogenannte Initialkaries zu einer behandlungsbedürftigen Karies werden sollte.
Wenn die Karies jedoch schon in tiefere Schmelzbereiche oder bis ins Dentin vorgedrungen ist, kann man mit Fluoridieren allein nichts mehr ausrichten. Dann muss leider eine Füllung gemacht werden, und zwar hoffentlich, bevor die Karies den Nerv angreift.
Wenn Sie eine Karies bekommen haben, geben Sie bitte nicht auf. Was Ihr kariöser Zahn braucht, ist Ihre Aufmerksamkeit – beim Putzen, beim Essen und vor allem bei einem Besuch beim Zahnarzt –, bevor das Loch noch größer wird. Gerade jetzt sollte die Putztechnik so weit wie möglich optimiert werden, da ja offensichtlich noch Verbesserungsbedarf besteht. Bei einer professionellen Zahnreinigung kann Ihre Zahnärztin oder Ihr Zahnarzt herausfinden, an welcher Stelle der Zahnpflege Sie gescheitert sind und wie das in Zukunft anders gemacht werden kann. Denn eines ist klar: Fehler passieren, aber wir müssen aus ihnen lernen. So bewirkt zum Beispiel das Auslassen der Zahnseide oft die sogenannte Zwischenraumkaries. Wenn auf der Kaufläche oder an den Seitenflächen der Zähne unaufmerksam geputzt wurde, kann sich dort ein Loch bilden. Daher wäre es komplett falsch, gerade dann die betroffene Stelle auch noch bei der Zahnpflege auszusparen.
Konsequenz
Stimmt’s oder nicht?Ab und zu das Zähneputzen ausfallen zu lassen ist nicht schlimm.
Einschätzung: Bereits 1965 zeigte die Gingivitis-Studie von Dr. Harold Loe, dass nicht beseitigte bakterielle Plaque Zahnfleischentzündungen auslöst. Wenn Sie ab und zu das Zähneputzen ausfallen lassen, züchten Sie sich also eine Zahnfleischentzündung heran. Die anfangs oberflächliche Entzündung kann unbehandelt in eine sehr tiefe Entzündung übergehen. Fehlt dann auch noch der jährliche Kontrolltermin beim Zahnarzt, bleibt dieser schleichende Prozess lange unentdeckt – bis schließlich eine sehr schwere Erkrankung des Zahnhalteapparates vorliegt, die den Kieferknochen mit angreift. Gerade dieses unauffällige Voranschreiten birgt die Gefahr. Man wiegt sich lange in Sicherheit, nach dem Motto: »Passiert schon nichts, passt schon …« Das geht genau so lange gut, bis plötzlich Schmerzen auftauchen und die Zähne wackeln. Selten handelt es sich dann nur um einen Zahn. Weil sich die Erkrankung ausbreitet, sind gleich mehrere betroffen. Es entsteht starker Mundgeruch, das Risiko eines Schlaganfalls, eines Herzinfarktes und auch von Diabetes ist erhöht.
Hat sich die Erkrankung stark durch den Kieferknochen gefressen, müssen die Zähne gezogen werden. Es folgt der Zahnersatz. Im kaputten Knochen ist das feste Verankern von Implantaten nicht mehr möglich, sodass Knochenmaterial zeit- und kostenintensiv wieder aufgebaut werden muss. Dies kann entweder durch eigenen Knochen gemacht werden, der an einer anderen Stelle des Körpers entnommen werden muss, oder durch Fremdmaterial. Das Fremdmaterial ist dann entweder synthetischer Knochen oder Knochen vom Schwein oder Menschen. Natürlich sind das medizinisch reine Produkte, aber einige Patienten finden es gruselig, Knochenersatzmaterial eines Tieres oder Menschen nutzen zu lassen. Einige lehnen das auch aus religiösen Gründen ab. Körpereigene Knochen zu verwenden hat den Nachteil, dass an einer anderen, gesunden Stelle am Körper eine Wunde erzeugt wird. Bitte bedenken Sie, dass dieselben Bakterien, die schon die Zähne gelockert haben, auch die Implantate lockern können. Nur nennt man das dann nicht mehr Parodontitis, sondern Periimplantitis.
Zu diesen schwerwiegenden Konsequenzen der Nachlässigkeit gesellt sich eine weitere: Nicht entfernte Plaque begünstigt auch Karies – und zwar oft schneller, als man meint. Die Plaque braucht 24 Stunden, um sich zu strukturieren und eine kariesauslösende Wirkung zu erreichen. Theoretisch würde es also ausreichen, wenn wir nur einmal am Tag unsere Zähne optimal putzen. Da aber niemand perfekt ist oder alles gleich perfekt hinbekommt, ist es sicherer, die Zähne öfter zu putzen. So hat man nicht nur öfter einen frischen Atem, sondern auch eine größere Chance, wirklich alle Regionen erreicht zu haben, die mit der häuslichen Zahnpflege zu erreichen sind. Lassen Sie die Plaque hingegen länger als 24 Stunden liegen, dann erlauben Sie ihr, dass sie Ihrem Zahn Karies zufügt – auch wenn sie noch nicht gleich mit bloßem Auge sichtbar wird.
Wenn Sie dagegen schneller putzen, als die Plaque braucht, um sich zu formieren – und nicht über den Tag verteilt naschen, dann hat Karies so gut wie keine Chance.
Auf dem folgenden Bild sehen Sie, welche Stellen an den Zähnen aus anatomischen Gründen am meisten zu Karies neigen. Achten Sie beim nächsten Putzen verstärkt darauf, dass Sie diese Stellen ausreichend gereinigt haben.
Nehmen Sie sich einmal am Tag Zeit, die typischen Plaque-Sammelstellen (hier dunkelgrau) gründlichst zu reinigen.
Kreidezähne (MIH)
Stimmt’s oder nicht?Kinder, deren Zähne mit dunklen Flecken durchbrechen, kommen aus »ungepflegten Familien«.
Schon fast jedes dritte zwölfjährige Kind16 ist betroffen: von porösen Zähnen, die im Extremfall unter Belastung sogar regelrecht auseinanderbröseln können. Diese Zähne haben viel zu wenig Mineralstoffe in der Zahnhartsubstanz eingelagert. Sie enthalten deutlich weniger Kalzium und Phosphat als gesunde Zähne, deshalb konnte sich ihr Zahnschmelz nicht richtig ausprägen.
Im Grundschulalter sorgen diese sogenannten Kreidezähne (fachsprachlich MIH, Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation) für einen großen Schrecken. Die Kinder sind stolz, dass ihre bleibenden Zähne kommen, und freuen sich – und dann brechen sie durch: mit weißen, gelben oder braunen Flecken (siehe Seite 17 ff.), bevorzugt auf einem oder mehreren Backenzähnen, aber manchmal auch an den Schneidezähnen. Je dunkler die Flecken, desto poröser ist dort der Schmelz. MIH-Zähne sehen also nicht nur unschön aus, sie können je nach Ausprägung der Störung zudem schmerzhaft sein. Sehr weiche Zähne sind berührungs- und temperaturempfindlich. Im Sommer ein Eis zu schlecken oder im Winter einen heißen Kakao zu trinken, macht diesen Kindern meist wenig Spaß. Zum Glück ist das Problem bei den meisten Betroffenen nur gering ausgeprägt. Etwa fünf Prozent17 der jungen MIH-Patienten hat es aber so schwer erwischt, dass ihnen vor allem hinten im Mund der Zahnschmelz abplatzt, sobald die Zähne nur durchgebrochen sind.
Mit einem ungepflegten Umfeld haben Kreidezähne also wenig zu tun.
Exkurs: Zahnschmelz – der Schutzpanzer unserer Zähne
Ist er gesund, ist der Zahnschmelz die härteste Substanz unseres Körpers. Er ist etwa 2,5 mm dick und durchzogen von winzigen Schmelzprismen, die aus je etwa 100 annähernd hexagonalen Schmelzkristallen bestehen. Zu 95 Prozent besteht er aus Kalziumphosphat, aber auch Verbindungen mit Magnesium und Natrium sowie Proteine und Fette werden zu seinem Aufbau benötigt. Seine Aufgabe besteht darin, das Innere des Zahns vor Reizen und Schäden abzuschirmen. Weil er selbst nicht durchblutet ist und ihn keine Nerven durchlaufen, ist er schmerzunempfindlich. Allerdings muss er beim Kauen einem großen Druck standhalten. Splittert Zahnschmelz ab, steht der Zahn an dieser Stelle ohne seinen Schutzpanzer da und ist Säuren und Bakterien beinahe hilflos ausgeliefert.
Mittlerweile bereiten MIH-Zähne Kinderzahnärzten in Deutschland mehr Sorgen als Karies, zumal Letztere bei der jungen Generation stark zurückgegangen ist (sie ist trotzdem noch die häufigste chronische Erkrankung im Vorschulalter).18
