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Während in Westeuropa weibliche Herrscherinnen stets eine Ausnahmeerscheinung geblieben sind, führten im 18. Jahrhundert vier russische Kaiserinnen die Reformen Peters des Großen fort. Eva Daniela Seibel legt mit diesem Buch die erste zusammenhängende Studie vor, die den zeitgenössischen Meinungsspiegel im Alten Reich zur russischen Frauenherrschaft im 18. Jahrhundert untersucht. Vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Diskurse zu Herrschaft, dem Russischen Reich und den Geschlechterkonzepten analysiert die Autorin, wie die russischen Kaiserinnen zu einer Projektionsfläche der eigenen Vorstellungen, Hoffnungen und Ängste wurden. Die Entwicklung von der Euphorie und dem Eurozentrismus der Aufklärung, die Russland als gelehrigen Schüler des Westens betrachtete, über die mehrdeutige Rolle Russlands einerseits als Feind, andererseits als Bündnispartner deutscher Reichsterritorien im Siebenjährigen Krieg bis zur gefürchteten europäischen Großmacht unter Katharina der Großen dauerte nur wenige Jahrzehnte. Die zahlreichen im Buch präsentierten pointierten Quellenzitate zeigen eindrücklich, dass sich Russland- sowie weibliche Geschlechterstereotypen wechselseitig verstärkten und ebenso unreflektiert wie widersprüchlich verwendet wurden. Seibels Studie leistet einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis darüber, wie sich das ambivalente deutsche Russlandbild in seinen Polarisierungen entwickelt hat und warum dominierende Diskurse mächtigen Frauen bis in die Gegenwart immer wieder mit Abwehr, Geringschätzung und Spott begegnen.
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Seitenzahl: 967
Veröffentlichungsjahr: 2019
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ibidem-Verlag, Stuttgart
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„Die Pferde der Hoffnung galoppieren, doch die Esel der Erfahrung schreiten langsam voran.“
(Russisches Sprichwort)
Diese Arbeit ist mit großem Dank gewidmet:
Meinem ersten, großartigen akademischen Lehrer
Prof. Dr. Rainer A. Müller (1944-2004)
Meinem Papa Heinz-Peter Seibel (1952-2014)
Sammy (2004-2018) und Minnimaus (2004-2013)
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Vorwort
Die vorliegende Studie wurde im Sommer 2013 von dem Promotionsausschuss der Geschichts- und Gesellschafts-wissenschaftlichen Fakultät der Universität Eichstätt-Ingolstadt angenommen. Mein besonderer Dank gilt meinem Doktorvater Prof. Dr. Leonid Luks, der mich nach dem plötzlichen Tod von Prof. Dr. Rainer Müller übernahm und es mir ermöglichte, mein Forschungsfeld, die Frühe Neuzeit, beizubehalten. Er machte mich auf dieses Forschungsdesiderat aufmerksam und ließ mir bei der Bearbeitung des Themas große Freiheiten, wobei er mir zugleich für hilfreiche Kritik und Anmerkungen jederzeit zur Seite stand. Meiner Zweitkorrektorin, Frau Prof. Dr. Ullmann, danke ich herzlich für ihre hilfreichen Anregungen und ihre Unterstützung in Methodenfragen. Ebenfalls großen Dank schulde ich Prof. Dr. Kramer, der mich in ausführlichen Gesprächen auf wichtige, fehlende Aspekte aufmerksam machte. Für die konstruktiven Hinweise bei wichtigen Fragen der Strukturierung bedanke ich mich bei Prof. Dr. Thomas Pittrof ebenso wie bei Dr. Michael Schippan von der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel für ergiebige Literaturhinweise.
Während der Recherche nach meinem Quellenmaterial habe ich vielfältige Unterstützung erfahren. Die Maximilian-Bickhoff-Stiftung und die Eichstätter Universitätsstiftung ermöglichten mir Forschungsreisen innerhalb Deutschlands. Dr. Susanne Luber half mir bei der Suche in den umfangreichen Beständen der Eutiner Landesbibliothek und erlaubte mir einen großzügigen Zugang zu den Bücherschätzen. Fündig bin ich außerdem in der Ingolstädter Armeebibliothek geworden, auf die mich der Museumsdirektor Dr. Ernst Aichner aufmerksam machte und mir die Türen öffnete. An Herrn Bernhard Matschulla von der Universitätsbibliothek Eichstätt durfte ich mich dankenswerterweise jederzeit bei der Spurensuche nach vermeintlich verschollen geglaubten Quellen wenden. Ich danke ferner allen Kollegen und Kolleginnen in den Bibliotheken und Archiven in Deutschland und Österreich, die mir vor Ort oder per Fernleihe Zugang zu Werken aus dem 18. Jahrhundert ermöglichten.
Außerdem möchte ich dem Deutschen Akademischen Auslandsdienst für das Stipendium danken, das es mir ermöglichte, meine Russischkenntnisse auszubauen und Land und Leute kennenzulernen. Dem Russisch-Deutschen-Zentrum der Polytechnischen Universität Tomsk sowie der Peoplesʼ Friendship University of Russia in Moskau danke ich für die herzliche Aufnahme.
Dem Alfons-Fleischmann-Verein e.V. gilt ferner mein großer Dank, da er meine Dissertation mit einem Preis auszeichnete. An dieser Stelle möchte ich mich herzlich für die überaus freundlichen Worte meines Laudators Prof. Dr. Dr. Reinhard Heydenreuter bedanken. Ohne die Unterstützung der Professor Sutor-Stiftung wäre die Veröffentlichung meiner Dissertation nicht möglich gewesen. Für die Übernahme der Druckkosten bedanke ich mich sehr.
Meinen fleißigen Korrekturlesern Dr. Isabel Seifert und Dr. Michael Kitzing sage ich an dieser Stelle vielen Dank. Für die geduldige Hilfe bei allen Fragen rund um die Formatierung und sonstigen PC-Problemen bedanke ich mich herzlich bei Thomas Becker. Mein großer Dank gilt ferner Joachim Truschina, der kurz vor meiner Disputation meinen PC von einem Trojaner befreite. Meinen Kollegen von der Logistik-Abteilung der Firma RECA NORM Ingolstadt sage ich vielen Dank für die schöne Zusammenarbeit während meiner Promotion und für das Verständnis sowie die Flexibilität, wenn Termine und Verpflichtungen für mein Projekt anstanden.
Für die mentale Unterstützung bedanke ich mich ganz herzlich bei Sabrina Eles-Zöpfl, Dr. Britta Kägler, Jennifer Lerch M. A., Christine Lerch, Dr. Rita Madler, Dr. Anne Müller, Dr. Alexandra Siemen-Butz und Petra van Meter M. A.
Meinen Eltern, Gabi und Heinz-Peter Seibel, und meiner Schwester Stephanie danke ich für die Jahre der Unterstützung und Geduld.
Schwäbisch Hall, Frühjahr 2018 Eva Daniela Seibel
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Inhalt
A) Einleitung
I. Einführung in die Themenstellung
II. Forschungsstand
III. Methodische Grundlagen und Vorgehensweise
B) Politischer und geistesgeschichtlicher Kontext
I. Nichtperiodische Publikationen im Alten Reich
1. Öffentlichkeit und Buchdruck im 18. Jahrhundert
2. Nachrichten über Russland: Merkmale des Informationsflusses
3. Eine Typologie der verwendeten Quellen
a) Reisebeschreibungen und Erfahrungsberichte
b) Nachschlagewerke und Informationsmedien
c) Historiographische Werke
d) Biographische Darstellungen
e) Unterhaltende Werke
f) Formen aktueller Russlandpublikationen
g) Bildquellen
h) Historische Lieder
i) Panegyrik
II. Das westeuropäische Russlandbild in der Frühen Neuzeit
1. Einführung in die stereotypen Systeme
2. Wahrnehmungs- und Deutungsmuster im 18. Jahrhundert
3. Die Entstehung der negativen Russlandstereotypen im 16. und 17. Jahrhundert
4. Die Petrophilie der Aufklärung
III. Herrscherbilder im Zeitalter der Aufklärung und Französischen Revolution
1. Legitimation, Repräsentation und Imagination absolutistischer Herrschaft
2. Das Image aufgeklärter Herrscher
3. Themen und Formen der Herrscherkritik
IV. Die Frau als Herrscherin
1. Das Frauenbild in den Geschlechterdiskursen der Frühen Neuzeit
2. Weibliche Herrschaft im Spannungsfeld der frühneuzeitlichen Geschlechterordnung
3. Neue Handlungsspielräume für Frauen am Hofe Peters des Großen
C) Die russischen Kaiserinnen im Spiegel zeitgenössischer Publikationen im Alten Reich
I. Katharina I. (1725-1727)
1. Eine nichtstandesgemäße Ehe
2. Die erste russische Kaiserin
3. Katharina als Nachfolgerin Peters des Großen
II. Anna (1730-1740)
1. Die Krise der Autokratie
2. Peter der Große als Beurteilungsmaßstab
3. Außenpolitische Konflikte
a) Der Polnische Thronfolgekrieg
b) Der Russisch-Türkische Krieg
c) Weibliche Herrschaft und militärischer Ruhm
III. Elisabeth (1741-1761)
1. Der Putsch Elisabeths
2. Elisabeth als Tochter Peters des Großen
a) Ein Strafgericht zu Regierungsbeginn
b) Kontroverse Herrscherbilder zu Elisabeth
3. Elisabeths Eingreifen in den Siebenjährigen Krieg
IV. Katharina die Große (1762-1796)
1. Zwei ungeklärte Todesfälle
2. Katharina als Wunder der Welt
3. Die Polarität Katharinas in ihren späten Jahren
D) Die russischen Kaiserinnen in den zeitgenössischen Geschlechterdiskursen
I. Erklärungsmuster für die russische Frauenherrschaft
II. Weibliche Herrschaft im Kontext tradierter und aufgeklärter Wahrnehmungs- und Deutungsmuster
1. Das Geschlecht – inwieweit ein Thema?
2. Weibliche Herrschaft – friedliebend und gütig?
III. Die russischen Kaiserinnen in den deutschen Querelles des femmes des späten 18. Jahrhunderts
E) Resümee
F) Abbildungsverzeichnis
G) Quellen- und Literaturverzeichnis
I. Unveröffentlichte Quellen
II. Gedruckte Quellen
III. Sekundärliteratur
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„Rossijskij XVIII vek nekotorye istoriki nazyvajut vekom ženščin“1, wie Evgenij Anisimov in seiner Einleitung anmerkte, war doch das russische Zepter im 18. Jahrhundert überwiegend in weiblicher Hand. Nach dem Tod Peters des Großen 1725 bestieg seine zweite Ehefrau Katharina I. mit Hilfe der führenden Hofpartei als erste Frau den russischen Thron, wobei dieser Traditionsbruch durch ihre niedere sowie ausländische Herkunft noch verschärft wurde.2 Die Herrschaft Katharinas dauerte nur zwei Jahre, dann folgte ihr Peter II., der minderjährige Enkelsohn Peters des Großen, nach. Als der letzte männliche Romanov keine drei Jahren später plötzlich an den Pocken gestorben war, kam es 1730 zu einem einmonatigen Interregnum. Schließlich konnte Anna, die verwitwete Herzogin von Kurland und Tochter Ivans V., dem geisteskranken Halbbruder Peters des Großen, als Selbstherrscherin den Thron besteigen. Da die Kaiserin Anna kinderlos war, erklärte sie schließlich den Säugling ihrer Nichte als Ivan VI. zum Erben. Seine nur dreizehn Monate dauernde, formale Herrschaft wurde durch den Putsch Elisabeths 1741 beendet. Die Tochter Peters des Großen war bei den bisherigen Thronerhebungen stets übergangen worden. Auch Elisabeth hatte keine eigenen Nachkommen, sondern bestimmte schon frühzeitig ihren Neffen Karl Peter Ulrich von Holstein-Gottorp zu ihrem Nachfolger. Seine Herrschaft als Peter III. währte jedoch nur ein halbes Jahr, bis er 1762 von seiner Gemahlin, der späteren Katharina der Großen, in einem Staatsstreich gestürzt wurde.
Die Zeit vom Tode Peters des Großen bis zum Regierungsantritt Katharinas der Großen ist in der Geschichtsforschung lange Zeit lediglich als eine „Epoche der Palastrevolutionen“3 abgehandelt worden, in der „jeder Thronbesteigung (…) höfische Umtriebe voraus[gingen], heimliche Intrigen oder ein offener Staatsstreich“4,wie es Vasilij Ključevskij formulierte. Gerade die Herrscherinnen zwischen den beiden Großen des 18. Jahrhunderts – Peter I. und Katharina II. – sind bis heute in der Forschung nur wenig beachtet worden. In der Regel wurde ihre Ära mit dem Fazit zusammengefasst, dass die „Kontinuität des Regierens (…) vor allem auf dem Nichtregieren der Herrschenden [beruhte], die es der Bürokratie überließen, den Apparat in Gang zu halten.“5 Eine Untersuchung des zeitgenössischen Meinungsspiegels im Alten Reich zu den vier russischen Kaiserinnen des 18. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung der Diskurse zu weiblicher Herrschaft stellt daher ein ertragreiches Forschungsfeld dar. Aspekte der Geschlechtergeschichte haben in den letzten beiden Jahrzehnten zunehmend Eingang in die Osteuropaforschung gefunden. Dabei beschränkte man sich allerdings vornehmlich auf Katharina die Große. Die berühmteste Frau auf dem russischen Kaiserthron bildete allerdings nur das letzte Glied einer Kette, welche in der hier vorliegenden Studie unter dem oben genannten Blickwinkel komparativ untersucht wird.
Sowohl bei den Zeitgenossen als auch bei der Nachwelt haben Herrscherpersönlichkeiten stets ein großes Interesse hervorgerufen. Das Bedürfnis, die brennende Neugierde nach Staats=Begebenheiten und wunderbaren Verhängnißen der Großen dieser Erde (...) zu befriedigen6, wie ein anonymer Autor im Jahre 1764 schrieb, schlug sich in einer Vielzahl von Publikationen nieder. Aufgrund ihrer zentralen Position erschienen Herrschergestalten als Verkörperung des politisch-gesellschaftlichen Systems sowie als „Abbild“7 ihrer Zeit. Nicht wenige wurden sogar zu „Schlüsselfiguren der Imaginationen“8, „indem sie Verstand, Phantasie und Emotion sehr vieler Menschen einer bestimmten Region oder sogar einer ganzen Epoche in Bewegung setzt[en].“9
Die hier vorliegende Forschungsarbeit versteht sich als eine imagologische Studie, welche sich auf die Untersuchung imaginärer Bilder konzentriert, die sich in der menschlichen Vorstellung entwickelten. Konkret handelt es sich hierbei um die Herrscherbilder im Alten Reich zu den russischen Kaiserinnen, also die Wahrnehmungen und Meinungen, die sich in der Öffentlichkeit zu den Herrscherinnen ausmachen ließen sowie Eigenschaften und Aussagen, die man ihnen zuschrieb.10 Dem Großteil der Zeitgenossen waren die Herrscherinnen nicht aus eigener Beobachtung oder direktem Kontakt, sondern lediglich in Form eines Abbildes bekannt, das aus Mitteilungen anderer über verschiedene Medien vermittelt wurde.11 Folglich waren die Herrscherinnen schon zu Lebzeiten unterschiedlichen wie auch gegensätzlichen Interpretationen ausgesetzt, da sich ihre zentrale Position „am besten dazu [eignete], Ideale, Anschauungen, Bilder, Urteile, Hoffnungen und Befürchtungen, Identifikationen, Absichten und Interessen zu personifizieren, ihnen (...) Namen und (...) Gestalt zu leihen und sie damit widerzuspiegeln.“12 Auf die Tendenz zu Polarisierungen und Übertreibungen wiesen bereits auch einige der später vorgestellten zeitgenössischen Autoren hin. So schrieb Johann Gottfried Seume in seiner Katharina-Biographie von 1797, dass Herrscher in den zeitgenössischen Imaginationen im Gegensatz zu den übrigen Menschen mit gewöhnlichen Tugenden Wohltäter und Schutzgeister, und mit gewöhnlichen Lastern Harpyen und Geiseln der Nationen[werden].13 Bei Werturteilen zu gekrönten Häuptern gab Christian Friedrich Schwan 1764 ebenfalls zu bedenken, dass man nicht genau sagen könne, welche Entscheidungen aus eigenem Antrieb, dem Rat eines Ministers oder aus politischen Zwängen getroffen und welche Handlungen aus eigenem Entschluss stammten oder nur unter dem Namen des Herrschers ausgeführt wurden.14 Der Historiker August Ludwig von Schlözer kritisierte schließlich 1771, dass der Pöbel alter und neuer Biographen (…) beständig den Menschen mit dem Monarchen [vermenget], und beschreibt den ersten, wenn er uns letzern zeichnen sollte.15 Sein Vorschlag von einer Trennung zwischen dem Herrscher und dem Menschen hatte auf die zeitgenössischen Darstellungen allerdings keinen Einfluss. Erst im 19. Jahrhundert konnte der Herrscher auch als Privatperson wahrgenommen werden, als Herrschaft nicht länger allein an die Person des Monarchen gebunden war, sondern auch in Institutionen unter dem Namen Staat sichtbar wurde.16 Das Wesen der absolutistischen Herrschaftsform, das den Monarchen in das Zentrum der Aufmerksamkeit erhob, machte diesen zu einer hervorragenden Projektionsfläche. Besonders stark war dies im autokratischen Russland ausgeprägt. Schließlich war in der russischen Selbstherrschaft die Stellung des Herrschers „vollkommen personalisiert“17. Überspitzt brachte dies Detlev Jena auf die Formel: „Die Geschichte Russlands – das ist die Geschichte der herrschenden Dynastien, die Geschichte der Zaren.“18 Im frühneuzeitlichen Westeuropa nahm man die russischen Herrscher daher als Repräsentant des als so anders empfundenen Russland wahr, denn ihre Figur erschien „als Ausdruck all dieser Differenzerfahrungen mit dem System der (…) Autokratie besonders imaginationsfähig“19.
Hatte schon Stephan Skalweit20 erkannt, dass das Herrscherbild „in den Kern des politischen Selbstverständnisses der zeitgenössischen Bildungs- und Führungsschichten führt“21, so lässt sich der Ertrag bei der hier vorliegenden Untersuchung noch erweitern. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts kam es zu einem folgenreichen Wandel des Geschlechterkonzepts, der die Geschlechterbilder neu ausrichtete. Eine Untersuchung des zeitgenössischen Meinungsspiegels im Alten Reich zur russischen Frauenherrschaft im 18. Jahrhundert gibt somit auch wichtige Einblicke in die divergierenden Geschlechterdiskurse sowie in die Kontroversen um weibliche Herrschaft.
Die Entscheidung, dass Herrscherbild zu den russischen Kaiserinnen speziell im Alten Reich zu untersuchen, stützt sich auf die im Verlauf des 18. Jahrhunderts stark zunehmende Anzahl von Publikationen, die sich mit Russland und explizit mit den russischen Kaiserinnen beschäftigten.22 Diese Auswahl erfolgt selbstverständlich in dem Bewusstsein, dass sich die politischen und geistesgeschichtlichen Strömungen der Zeit fortwährend in einem länderübergreifenden Austausch befanden und sich somit ein genuin deutsches Bild der russischen Herrscherinnen nicht isolieren lässt. Die Einschränkung des Quellenmaterials auf die zeitgenössische Publizistik innerhalb des Alten Reiches dient somit als geographisch-politische Klammer des Untersuchungsraumes. Ein typologischer Vergleich zwischen einzelnen Reichsteilen ist nicht Gegenstand der Untersuchung.
Im 18. Jahrhundert verdichteten sich die Berührungspunkte zwischen den beiden, in ihren politischen und gesellschaftlichen Strukturen so gegensätzlichen Staaten, dem Alten Reich und Russland.23 Als Bündnispartner und Rivalen für den Raum Ostmittel- und Südosteuropa gelangt sowohl Österreich, Preußen als auch Russland der Sprung in den Kreis der Großmächte, zu dem Österreich bereits seit geraumer Zeit gehörte.24 Die im Jahre 1726 geschlossene Allianz des Römischen Kaisers mit Russland, der zwei Jahre später der „‘Dreibund’ Österreich, Preußen und Rußland“25 folgte, bildete „für das ganze 18. Jahrhundert die wichtigste Konstante der russischen Außenpolitik (...).“26 Die Einführung des Kaisertitels in Russland durch Peter den Großen 1721 führte allerdings immer wieder zu diplomatischen Schwierigkeiten zwischen Petersburg und Wien. Auch wenn die Position des Römisches Kaisers als Oberhaupt eines Wahlreiches im Gegensatz zum russischen Selbstherrscher eher der eines „primus inter pares“27 glich – schließlich war er im Alten Reich mehr „Koordinator und Schiedsrichter denn Herrscher“28 –, so begründete das Erbe der römischen Kaiserwürde doch die wichtige zeremonielle Vorrangstellung in der Hierarchie der europäischen Mächte.29 Diese sahen die Habsburger durch die Ansprüche Russlands in Gefahr, weshalb die Anerkennung des russischen Kaisertitels eine lange Auseinandersetzung bildete. Nach dem Frieden von Teschen 1779 war das Russische Reich „auch in eine reichspolitische Schlüsselrolle hineingewachsen“30, wobei der Dualismus zwischen Österreich und Preußen der russischen Politik zusätzlichen Spielraum gab, ihren Einfluss im Alten Reich und Europa auszudehnen.31 Sorgte Russland zunächst noch für Aufmerksamkeit und Neugierde, weil es als weitgehend unbekannter Randstaat Schweden als Hegemonialmacht im Ostseeraum abgelöst hatte, so wurde es im Verlauf des 18. Jahrhunderts Teil des europäischen Mächtesystem, das aufgrund seiner großen Expansionen auch für eine wachsende Beunruhigung sorgte. Ferner hatte die mit Peter dem Großen im ausgehenden 17. Jahrhundert begonnene Übernahme westlicher Ideen und Institutionen ein atemberaubendes Tempo erreicht, die nachhaltig das staatliche und kulturelle Leben in Russland veränderte. Durch die Europäisierung – wie der Prozess dieser gewaltigen Umwälzung überschrieben wird – war Russland der erste Staat, der sich von innen heraus nach der damals dominierenden westeuropäischen Kultur umgestaltete, so die Anerkennung durch die europäischen Mächte suchte und durch diesen Zusammenprall der Kulturen im Inneren schwer erschüttert wurde.32 An dieser Umwälzung waren zahlreiche westeuropäische Fachkräfte beteiligt, darunter auch viele Deutsche, die seit Peter dem Großen nach Russland gezogen waren und dort u.a. beim Militär und bei Hofe eine teilweise steile Karriere gemacht hatten. Die Persönlichkeit und das Wirken des ersten russischen Kaisers hatten in der Öffentlichkeit ferner für eine regelrechte Petrophilie gesorgt, weshalb die Aufklärung mit besonderem Interesse auf die russischen Herrscherinnen blickte. Auch auf dynastischer Ebene wuchsen die Verbindungen mit Teilen des Alten Reiches. Seit Peter dem Großen wählte das Haus Romanov bei Eheschließungen Kandidaten und Kandidatinnen aus deutschen Territorialfürstentümern aus, wobei mit Katharina II. schließlich eine deutsche Fürstentochter den Kaiserthron bestieg.33 Darüber hinaus kam es zwischen beiden Reichen zu einer interessanten Parallele. Sowohl die Romanovs als auch die Habsburger waren im 18. Jahrhundert mit einer schweren dynastischen Krise konfrontiert, welche schließlich mit der weiblichen Nachfolge gelöst wurde. Nur unter erheblichen Schwierigkeiten gelang es Maria Theresia, ihren Anspruch auf den Thron durchzusetzen, während es hingegen in Russland zu einer lang anhaltenden Phase der Frauenherrschaft kam.
Das Quellenmaterial wurde aus einer Vielzahl unterschiedlicher Formen zeitgenössischer nichtperiodischer Publikationen zusammengesetzt. Der große Umfang sowie die Verschiedenartigkeit des Quellenmaterials soll den unterschiedlichen Vorstellungswelten und Wahrnehmungsmustern der historischen Wirklichkeit gerecht werden und so gewährleisten, dominante und gegenläufige Diskurse der Zeit herausarbeiten zu können. Ferner verdeutlichte diese Bandbreite das wachsende Interesse im Alten Reich zu den Vorgängen in Russland. Daran zeigte sich zudem ein tiefgreifender Wandel im Umgang mit dem Russische Reich. Im 18. Jahrhundert war Russland nicht länger nur mehr Gegenstand von Reise- und Gesandtschaftsberichten, sondern fand allmählich Eingang in die gängigen publizistischen Medien. Das Russische Kaiserreich verlor somit seinen Exotenstatus, der es im 16. und 17. Jahrhundert so gekennzeichnet hatte, und wurde nun in die gesellschaftlichen wie politischen Kontroversen der Zeit miteinbezogen.34 Folglich wandelten sich im 18. Jahrhundert auch die Themen bei der Auseinandersetzung mit dem Russischen Reich. Hatten in den beiden Jahrhunderten zuvor die russischen Sitten und Bräuche, die Religion sowie die Geographie des Landes im Zentrum der Aufmerksamkeit gestanden, so wurden diese jetzt durch die russischen Innen- und Außenpolitik wie auch die Person des Kaisers abgelöst.35 Biographien zu den russischen Herrschern, die mit Peter dem Großen einsetzten, waren daher ein „neues und spezifisches Medium für die Vermittlung dieser Einzelheiten (…), die unter den Rußlandpublikationen einen erheblichen Teil ausmachten.“36 Darüber hinaus wurden die russischen Kaiserinnen in Lebensbeschreibungen, Anekdotensammlungen, Romanen sowie Rührstücken zu einem Stoff der Unterhaltungsliteratur. Lyrische Werke, Universitätsreden, Flugschriften, Nachschlagewerke und staatenkundliche Schriften sowie historiographische Werke waren ferner bei der Auseinandersetzung mit den russischen Kaiserinnen häufig ausgewählte publizistische Medien, die allerdings in ihrer Intention von emphatischer Panegyrik bis hin zu scharfer Polemik ein breites Spektrum aufwiesen. Um sich nicht allein auf die gebildete Öffentlichkeit zu beschränken, wurden zusätzlich illustrierte Flugblätter sowie Soldaten- und Volkslieder herangezogen, die durch ihre große Emotionalität und Anschaulichkeit sehr aufschlussreich waren. In der Heterogenität des ausgewählten Quellenmaterials soll ein wichtiger Impuls der Forschungsreihe der „West-östlichen Spiegelungen“ aufgenommen werden, in welcher eine große Zahl verschiedenartiger publizistischer Medien zur Erforschung des deutschen Russlandbildes ausgewertet wurde. Bei keiner der vier Kaiserinnen sind alle Quellengattungen, die herangezogen wurden, vorhanden. Vielmehr ließen sich Schwerpunkte feststellen, die abhängig waren von publizistisch-literarischen Strömungen wie auch den jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Kontexten. Die Auswahl der einzelnen Quellen richtete sich zum einen danach, populären Werken der Zeit bisher von der Forschung kaum oder nicht beachtete gegenüberzustellen und zum anderen, inwieweit sie Aussagen zu den jeweiligen russischen Kaiserinnen oder der russischen Frauenherrschaft enthielten und ob es sich um häufig verbreitete oder gegenläufige Werturteile handelte.
Das Quellenmaterial zu den russischen Kaiserinnen wurde aus einer Reihe von Archiven und Bibliotheken in Deutschland und Österreich zusammengetragen. Neben den Beständen der Universitätsbibliothek Eichstätt-Ingolstadt und der Staatsbibliothek München ist an erster Stelle die Eutiner Landesbibliothek zu nennen. Diese verfügt über eine ausgezeichnete und umfangreiche Sammlung an Publikation über Russland aus dem 18. Jahrhundert. Die Wienbibliothek am Rathaus bietet ebenfalls beeindruckende Bestände zu Flugschriften aus dem Siebenjährigen Krieg wie auch zu unterschiedlichen Formen der Russlandpublizistik, die in erster Linie in Wien erschienen waren. Gerade für Quellen zu den ersten drei russischen Kaiserinnen waren die Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel sowie die Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt in Halle unerlässlich. Publikationen zu Kriegen mit russischer Beteiligung ließen sich vor allem in der Bayerischen Armeebibliothek Ingolstadt ermitteln. Wichtige Flugschriften und Bildquellen konnten in den Beständen der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg nachgewiesen werden. Einzelne, wichtige Quellen ließen sich zudem in der Rubrik der Konfiszierten Bücher des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz Berlin, ferner im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden, dem Österreichischen Staatsarchiv sowie der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien aufspüren.
Seit vielen Jahrzehnten beschäftigt sich die Geschichtsforschung mit den Wahrnehmungen, Vorstellungen und Kenntnissen zu Russland im deutschsprachigen Raum.37 Die Erforschung von Stereotypen, Vorurteilen sowie die Konstruktion von Fremd- und Selbstbildern bilden dabei seit langem einen beliebten Forschungszweig.38 Beschränkte sich dieser zunächst auf die Reiseliteratur39, so liegt mittlerweile eine große Zahl von Studien vor, die das Russlandbild einzelner Personen40, ausgewählter Quellengattungen41 oder innerhalb bestimmter Zeiträume42 untersuchten. Wichtige Impulse erhielt die Forschung durch die Studie „Perverses Abendland – barbarisches Rußland“ von Gabriele Scheidegger.43 Sie verfolgte in einem kulturgeschichtlichen Ansatz die gegenseitige deutsche sowie russische Wahrnehmung im 16. und 17. Jahrhundert und suchte nach den Ursachen für die Entstehung von Stereotypen und Missverständnissen. Dabei kritisierte sie den deskriptiven Charakter vieler bisheriger Forschungsarbeiten und hob die Bedeutung der jeweiligen eigenen kulturellen Wahrnehmungsmuster bei der Konstruktion von Fremdenbildern heraus. Die Ausweitung des Quellenmaterials ist die große Leistung der „West-östlichen Spiegelungen“44, die 1985 von Lew Kopelew ins Leben gerufen wurden. Die mehrbändige Reihe untersucht das deutsche Russlandbild sowie das russische Deutschlandbild ab dem 9. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert und verwendete neben den klassischen Russlandquellen – Reise- und Gesandtschaftsberichten – auch viele weitere zeitgenössische Formen der Publizistik und Literatur. Lange Zeit hatte die Wahrnehmung Russlands in der periodischen Publizistik kaum Beachtung von der Forschung gefunden. 1976 nahm sich Martin Welke dieses Desiderats in seiner grundlegenden Studie über „Rußland in der deutschen Publizistik des 17. Jahrhunderts“45 an. Die pressehistorische Forschung hat seitdem ein wachsendes Interesse erfahren und gerade in den letzten beiden Jahrzehnten ist eine Reihe von Untersuchungen zum Russlandbild in der periodischen Publizistik verschiedener Epochen entstanden.46
Es bleibt ein großes Manko der bisherigen Forschung zum Russlandbild des 18. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum, dass es zwar eine Vielzahl von Einzelstudien gibt, aber keine allgemein fundierten Gesamtdarstellungen. Auch die Aufsatzsammlung der „West-östlichen Spiegelungen“ beschränkte sich auf die Analyse einzelner Mosaiksteine, die leider nicht zu einem abschließenden Ganzen zusammengesetzt wurden. Dabei ist das Quellenmaterial sowohl in Umfang als auch Vielfalt ausreichend vorhanden, wobei Dittmar Dahlmann die Vermutung aufstellte, dass gerade diese „Überfülle“47 ein Hindernis für umfassendere Darstellungen bilde.48 Ein weiteres Problem ist ferner, dass sich die Forschung auf die Zeit Peters des Großen und Katharinas der Großen konzentriert hat, während die übrige Geschichte Russlands im 18. Jahrhundert bisher ein nur geringes und sehr selektives Interesse erfahren hat. Seit Mitte der 1960er Jahre ist die Herrschaft Katharinas der Großen in der westeuropäischen und amerikanischen Geschichtsforschung49 zu einem bevorzugten Untersuchungsgegenstand geworden, die eine wahre Fülle an wissenschaftlichen Publikationen hervorgebracht haben.50 Ihre Vorgängerinnen Katharina I., Anna und Elisabeth führen hingegen bis heute ein Schattendasein. Noch immer liegen zu diesen drei russischen Kaiserinnen keine modernen, wissenschaftlich fundierten Biographien vor, so dass man sich mit allgemeinen Nachschlagewerken, Sammelbänden und Überblickdarstellungen behelfen muss.51
Die Ursache hierfür liegt in der abschätzigen Haltung, welche die Geschichtsforschung den russischen Herrschern aus dem Zeitraum von 1725 und 1762 lange entgegen gebracht hat. Schwache Herrscherpersönlichkeiten galten als signifikant für diese Ära. So resümierte Detlev Jena beispielsweise süffisant über Katharina I., dass „[n]ur wenige russische Herrscher (…) sich rühmen [konnten], eine derart unbedeutende Rolle (…) gespielt zu haben“52, während Anna von Michael Florinsky als „an unprepossessing woman and a sinister political figure“53 charakterisiert wurde. Daneben hatten sich eine Reihe von weiteren „historiographical stereotypes“54 etabliert, die gerade die Regierungszeiten von Katharina I. und Anna „als ‘dunkle Ära’“55 bezeichneten. Stagnation und zum Teil eine Zerstörung des Reformwerks Peters des Großen sowie eine „durch Korruption, Gewalt und Terror gekennzeichnete Deutschenherrschaft“56 seien die prägenden Merkmale der Zeit gewesen. Der russische Historiker V. Beljavskij verwendete daher bei der Charakterisierung dieser Epoche folgendes Bild: „V pervoe vremja posle ego končiny Rossija pogružalasʼ v poluzabytʼe: budto by vse zasnulo, zamerlo...“57. Allerdings war diese Bewertung der nachpetrinischen Ära „im Wesentlichen ein Erzeugnis der russischen Historiographie des 19. Jahrhunderts“58. Die Herrschaft Annas wurde dabei sogar mit dem Namen ihres Günstlings Biron – ein Deutscher, der wie einige andere Ausländer auch einen großen sozialen Aufstieg erreicht hatte – als „bironovščina“59 überschrieben. Demzufolge wurde die Regierung Elisabeths in der russischen Geschichtsschreibung auch lange als eine „Epoche der Gesundung des russischen Reiches von der jahrelangen ‘Fremdherrschaft’“60 gewürdigt.
Inzwischen hat die Osteuropaforschung begonnen, „mit den zählebigen Traditionen verzerrender nationalistischer Geschichtsbilder zu brechen“61 und das Bild der Ära zwischen Peter dem Großen und Katharina der Großen zu modifizieren.62 Dabei verwies man zum einen auf die vielfältigen Probleme, vor denen die nachpetrinischen Herrscher standen.63 Hatten doch der zwei Jahrzehnte umfassende radikale Reformkurs Peters des Großen und seine langen Kriege das Land völlig erschöpft und die Elite tief gespalten in Reformgegner und Befürworter. Der drohende Staatsbankrott konnte nur durch einen drastischen Steuerdruck auf die Bauern abgewendet werden, was wiederum eine große Zahl von Steuerpflichtigen in Nachbarländer oder in die Kosakengebiete flüchten ließ. Gleichzeitig musste der neu erworbene Status als Hegemonialmacht an der Ostsee und das neue Ansehen des Russischen Reiches gegenüber den anderen europäischen Mächten verteidigt werden. Hinzu kamen die dynastische Krise der Romanovs und die problematische Thronfolgeregelung Peter des Großen. Die nachpetrinische Epoche wird daher nun als notwendige „breathing space“64 interpretiert, in der die Reformen Peters des Großen anliefen und sich weiterentwickelten. Nicht nur auf ökonomischen, militärischen und administrativem Gebiet, sondern gerade im kulturellen Bereich schritt die Europäisierung weiter voran. Gleichzeitig wurde darauf aufmerksam gemacht, dass zahlreiche Entwicklungen, die den nachpetrinischen Herrschern angekreidet wurden, ihren Ursprung in der Politik Peters des Großen hatten. Die brutale Eintreibung der Steuern durch Armeetrupps war beispielsweise schon Usus unter Peter dem Großen. Die Geheimkanzlei, die 1731 unter Anna ins Leben gerufen wurde und streng gegen jede Opposition und Kritik vorging, hatte ebenfalls ihren Vorläufer in der petrinischen Zeit und gehörte zudem zur Praxis absolutistischer Herrschaft.65 Darüber hinaus wurde die vermeintliche Deutschenherrschaft ebenfalls als Stereotyp entlarvt, denn schließlich waren verschiedene Nationalitäten in Hof, Verwaltung und Militär eine typische Erscheinung im Europa des 18. Jahrhunderts, wo der Adel international agierte und die nationale Identität noch nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stand.
Die neuere Geschichtsforschung zeichnet also ein positiveres Bild der nachpetrinischen Epoche. So widerlegte Michael Schippan das oben zitierte Urteil Detlev Jenas zu der ersten russischen Kaiserin, indem er überzeugend nachweisen konnte, dass „sich Katharina als Herrscherin in der historischen Alternativsituation nach dem Tode des Reformzaren für den ʻStandortʼ St. Petersburg, für die Verwirklichung wichtiger Vorhaben ihres Gemahls auf den Gebieten der Wissenschaftsförderung und Landeserschließung entschied.“66 Nun werden die Kontinuitäten zu Peter dem Großen betont und die Tatsache, dass Russland seine neue Machtpostion im europäischen Mächtegefüge halten konnte, so dass diese Zeit vielmehr als eine „period that the transition from the old Russia to the new was completed“67 bewertet wird.
Dieser Wandel in der Bewertung schlägt sich jedoch nur zögerlich in neuen Forschungsarbeiten zur Wahrnehmung der nachpetrinischen Epoche nieder. Einzelstudien aus jüngerer Zeit widmeten sich wiederum den beiden herausragenden russischen Herrschergestalten des 18. Jahrhunderts. Anhand der deutschen Tagespublizistik untersuchte Astrid Blome68 fundiert das Rußlandbild unter Peter dem Großen sowie die petrinische Pressepolitik. Ebenfalls einen mediengeschichtlichen Ansatz verfolgte Heike Andree69, die das zeitgenössische Bild Katharinas II. in den wichtigsten deutschen Zeitschriften ermittelte und die Medienstrategien der Kaiserin sowie die Resonanz ihrer Selbstdarstellung analysierte. Das Bild Katharinas der Großen in der deutschen und französischen Historiographie vom späten 18. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert war Gegenstand der Untersuchung bei Ekkehard W. Bornträger70. Aufschlussreich und nachhaltig zeigte sich ferner das Werk von Claus Scharf71, der die Beziehungen Katharinas der Großen zum Alten Reich sowie die öffentlichen Auseinandersetzungen mit der russischen Herrscherin im Reich analysierte. Eine frühe Untersuchung von Ulrich Preuss72 aus dem Jahre 1929 zur Wahrnehmung und Bewertung der Außenpolitik Katharinas der Großen in der zeitgenössischen Publizistik ist in vielen Beobachtungen noch gültig. Die Studie von Eckhard Matthes73 zum deutschen Rußlandbild von 1725 bis 1762 hat so weiterhin ein Alleinstellungsmerkmal. Anhand vier ausgewählter Fallbeispiele der zeitgenössischen Publizistik stellte er die Bedeutung Peters des Großen als zentralen Faktor für die Russlandvorstellungen der Zeit heraus und untersuchte zudem Wirkung und Wandel der alten Russlandstereotypen im 18. Jahrhundert. Eine ausführliche Analyse der Nachfolger Peters des Großen fand jedoch nicht statt. Die Impulse von Astrid Blome74 und Michael Schippan75 zum zeitgenössischen Urteil über Katharina I. in der deutschsprachigen Publizistik ist daher ein wichtiger Vorstoß zu einem kaum bearbeiteten Forschungsfeld.
Der Trugschluss, dass erst das 20. Jahrhundert Frauen die Teilnahme an Politik ermöglichte, hatte zu einer „selektiven Wahrnehmung der frühneuzeitlichen Herrschaftsverfassung“76 geführt, wodurch das Themenfeld Frauen und Herrschaft von der Frühneuzeitforschung lange Zeit außer Acht gelassen worden war. Erst in den 1990er Jahren begann sich die Sichtweise dahin zu wandeln, „daß Frauen aller Stände und die Frage ihrer Partizipation an Herrschaft thematisiert werden können.“77 Seitdem sind eine Reihe von Studien entstanden, die sich mit weiblicher formeller und informeller Herrschaft78 sowie den Handlungsspielräumen von Frauen in der Auseinandersetzung mit den frühneuzeitlichen Geschlechterdiskursen79 beschäftigt haben. Der Vorschlag von Natalie Zemon Davis, die sich in ihrem Aufsatz unter anderem mit den Herrschaftsstrategien von Elisabeth I. von England und Anne von England beschäftigte, „diese Analyse der politischen Rolle, der politischen Rhetorik (…) [zu] vertiefen und aus[zu]weiten auf andere Länder und Königinnen“80, führte bisher allerdings nur zu vereinzelten Untersuchungen zur Legitimation und Repräsentation frühneuzeitlicher Herrscherinnen.81
In der westeuropäischen und amerikanischen Geschichtsforschung gehört die Geschlechtergeschichte zu einem der am stärksten wachsenden Forschungszweige.82 Eine große inhaltliche Bandbreite, viele Debatten und eine methodische Vielfalt gehören zu ihren Merkmalen. Aktuelle Diskussionen kritisieren die sex/gender-Kategorien und betonen, dass das Geschlecht die Identität nicht allein bestimme, sondern zusammen mit einer Reihe von anderen Faktoren wie Rasse, Stand oder Klasse, Religion und weiteren individuellen Faktoren.83 Neue Ansätze bringt daher das Konzept des doing gender ein, wonach „Individuen (…) in den alltäglichen Aktionen gender immer neu hervor[bringen]“84. Dies mündet auch zu einer Debatte, ob Frauen überhaupt eine einheitliche Identität zugeschrieben werden könne und ob Geschlechterrollen auf eine andere Weise als auf dem Gegensatzprinzip beruhend konstruiert werden könnten.85 Die Forderung, die Geschlechtergeschichte zu einer Männergeschichte auszuweiten, läuft gerade in Deutschland bis auf einige Bemühungen eher schleppend. Die gängige Praxis, Männer und männliche Geschlechterrollen unreflektiert als Kontrastfolie für Weiblichkeit zu verwenden, stößt inzwischen jedoch immer mehr auf Kritik.86
In den letzten beiden Jahrzehnten haben Themen und Fragestellungen der Geschlechtergeschichte auch verstärkt Eingang in die Osteuropaforschung gefunden.87 Dabei handelt es sich vornehmlich um Überblickdarstellungen sowie Studien, welche die Geschlechterbeziehungen im 19. Jahrhundert oder während der Sowjetzeit untersuchten.88 Eine umfassende Auseinandersetzung mit den russischen Kaiserinnen des 18. Jahrhunderts aus der Perspektive der Geschlechtergeschichte fehlt bisher. Einzelstudien zu unterschiedlichen, punktuellen Gesichtspunkten sind in erster Linie zu Katharina der Großen entstanden. Wichtige Erkenntnisse zu den Einstellungen der Zeitgenossen wie auch der Nachwelt zu Weiblichkeit und Macht am Beispiel Katharinas der Großen lieferten die Aufsätze von Claus Scharf89 und Ruth Dawson90. Auf den unterschiedlichen Umgang mit weiblicher Herrschaft in Westeuropa und Russland machte Brenda Meehan-Waters91 aufmerksam. Ein Alleinstellungsmerkmal hat die kurze, aber sehr fundierte Untersuchung Michael Hadleys.92 Anhand einiger ausgewählter, deutschsprachiger Biographien des späten 18. Jahrhunderts zeigte er, dass neben dem kritischen und diffamierenden Bild der russischen Kaiserin auch eine Darstellung verbreitet war, welche Katharina II. als tugendhafte Hausfrau idealisierte. Einer Quellengattung, die noch immmer stiefmütterlich behandeltet wird, widmete sich Susan Tipton93, indem sie das Bild Katharinas der Großen in den zeitgenössischen, westeuropäischen Karikaturen untersuchte. Schon zu Lebzeiten der russischen Herrscherin waren Gerüchte zu Katharinas angeblich ungezügeltem Sexualleben entstanden. Mit diesen erotischen und pornographischen Legenden der Zeit setzten sich John Alexander94 und Larry Wolf95 auseinander. Die Entwicklung des Katharinabildes im Kontext der zeitgenössischen Diskurse zu Sexualität und Pornographie untersuchte Oliver Gajda96 anhand fiktiver und unterhaltender Werke aus späten 18. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert. Den Vorwurf der Günstlingsherrschaft als ein typisches Stereotyp, welcher der Herrschaft der vier russischen Kaiserinnen gerne umgehängt wurde, beleuchtet John Alexander in einem Aufsatz.97 Einige Studien untersuchten zudem die veränderte Rolle der Frau am Hofe Peters des Großen am Beispiel Katharinas I.98 sowie die Bedeutung der Amazonen in der höfischen Repräsentation der vier russischen Herrscherinnen.99 Die Wirkungsgeschichte der gestürzten Regentin Sofʼja – der Halbschwester Peters des Großen – unter anderem bei Katharina der Großen, bildete den Untersuchungsgegenstand bei Miriam Finkelstein.100
Die Geschlechtergeschichte steckt in der russischen Geschichtswissenschaft noch in den Anfängen101 und wird hauptsächlich von Natalʼja Puškareva102 vertreten. Die Ära der Frauenherrschaft im 18. Jahrhundert wurde erst nach dem Zusammenbruch der UdSSR als Untersuchungsgegenstand entdeckt. Mittlerweile sind einige Überblickdarstellungen und Biographien zu den russischen Kaiserinnen erschienen.103 Dabei handelt es sich jedoch hauptsächlich um unterhaltende Lebensbilder. Wie bereits Lindsey Hughes anmerkte, bedienten diese Veröffentlichungen mehr kommerzielle als wissenschaftliche Interessen, denn „new market forces mean that there is more money to be made by catering to post-Soviet readersʼ taste for sex and scandal than by pursuing serious scholarship.“104 In den letzten Jahren sind jedoch Anfänge unternommen worden, Einzelaspekte zu den jeweiligen Kaiserinnen wissenschaftlich zu untersuchen.105
Bei der Untersuchung der Vorstellungen und Werturteile im Alten Reich hinsichtlich der russischen Kaiserinnen werden methodische Grundsätze der Neuen Kulturgeschichte verwendet, wobei hier wahrnehmungsgeschichtliche Ansätze und Fragestellungen der Geschlechtergeschichte im Vordergrund stehen. Die Neue Kulturgeschichte ist eine Sammelbezeichnung für neue kulturwissenschaftliche Entwicklungen seit den 1980er Jahren, die dabei sowohl von Strömungen innerhalb der Geschichtswissenschaft – v. a. der Mentalitäten-, Mikro-, Alltags- und Geschlechtergeschichte – beeinflusst worden sind als auch von Fragestellungen und Methoden der Nachbardisziplinen wie Sozialpsychologie, Ethnologie, Sprach- und Literaturwissenschaften.106 Sie hat die Gesellschaftsgeschichte als bisher vorherrschende Strömung in der Geschichtswissenschaft abgelöst.
Die Neue Kulturgeschichte geht von einem „wechselseitigen, dialektischen Verhältnis von Struktur und Individuum“107 aus. Politische, gesellschaftliche und institutionelle Strukturen prägen und schränken beispielsweise die menschlichen Vorstellungswelten sowie ihren Handlungsspielraum ein, wobei jedes Individuum mit diesen Vorgaben unterschiedlich umgeht und sie modifizieren kann. Zugleich sind diese Strukturen aber auch stets aktiv von Menschen, sozialen Gruppen oder Gesellschaften gemacht. Dass „historische Phänomene gleich welcher Art (…) niemals unabhängig von den Wahrnehmungsmustern und Bedeutungszuschreibungen der historischen Akteure erfasst werden“108 können, ist daher das wesentliche Prinzip der Neuen Kulturgeschichte und macht deutlich, welch große Bedeutung der Untersuchung der jeweiligen historischen Kontexte zukommt. Um die Vielfalt der menschlichen Erfahrungswelt erforschen zu können, wurden die traditionellen Quellengattungen um Formen erweitert, die bisher kaum im Blickpunkt der historischen Forschung gestanden hatten.109 Literarische Gattungen, Bildpublizistik sowie Massenmedien zeigen sich dabei als aufschlussreiche Gebiete, die verstärkt erschlossen werden.
In einem ersten Schritt dieser Untersuchung werden daher die politischen und geistesgeschichtlichen Kontexte herausgearbeitet, um den Meinungsspiegel zu den russischen Kaiserinnen historisch verorten zu können. Zugleich soll der Blick auf die Quellen möglichst wenig durch die heutigen Perspektiven getrübt werden, sondern vielmehr auf die vergangenen Wahrnehmungsmuster gelenkt werden. Nach einer Einführung in die zeitgenössische Entwicklung von Öffentlichkeit und Publizistik im Hinblick auf das Quellenmaterial richtet sich der Blick konkret auf die Informationen zu Russland, die den Zeitgenossen zur Verfügung standen. Anschließend werden die verwendeten Quellengattungen vorgestellt und in die einzelnen Quellen eingeführt. Der nächste Abschnitt widmet sich den kollektiven Wahrnehmungs- und Deutungsmustern, welche die Fremdbeschreibungen des 18. Jahrhunderts kennzeichneten und die im Zusammenhang mit den russischen Kaiserinnen immer wieder auftauchen. Nach dieser Vorbereitung schließt sich eine ausführliche Darstellung des traditionellen Russlandbildes des Westens in der Frühen Neuzeit und sein Wandel mit der Person Peters des Großen an, da diese Russlandstereotypen auch für die Einstellungen und Denkformen zu den vier russischen Herrscherinnen prägend waren. Als nächstes folgt eine Beschreibung des Herrscherbildes im 18. Jahrhundert. Hierbei liegt das Hauptaugenmerk auf drei Bereichen, die für die Untersuchung evident sind. Neben der Frage der Legitimität eines Herrschers, d. h. welche Anforderungen er nach den staatstheoretischen Diskursen der Zeit erfüllen musste, handelt es sich ferner um die Herrscherbilder der Aufklärung und des revolutionären Zeitalters sowie die Entwicklung der sich verschärfenden Herrscherkritik im Laufe des 18. Jahrhunderts. Dem folgt als letztes ein Komplex zu weiblicher Herrschaft. Dabei werden zunächst die Frauenbilder in den Geschlechterdiskursen des 18. Jahrhunderts erörtert. Nach einer Untersuchung der frühneuzeitlichen Kontroversen um weibliche Herrscherinnen richtet sich der Blick auf den Wandel der Frauenrolle am Hofe durch die Reformen Peters des Großen, welcher Frauen den Zugang in die Politik ermöglichte.
Der nächste Teil besteht aus einer wahrnehmungs-geschichtlichen Untersuchung des Meinungsspiegels zu den russischen Kaiserinnen, wobei die Herrscherinnen in chronologischer Reihenfolge einzeln in den Blick gerückt werden. Einen gemeinsamen Untersuchungsgegenstand bilden bei allen vier Herrscherinnen die Umstände ihrer Thronbesteigung sowie ihre Legitimation. Schließlich war die weibliche Thronfolge kein regulärer Vorfall, sondern das Ergebnis einer dynastischen wie auch politischen Krise und ging daher selten ohne Schwierigkeiten vonstatten. Ferner standen die Äußerungen zu Person und Geschlecht der Kaiserinnen, zur Europäisierung Russlands und zur russischen Großmachtentwicklung im Fokus. Die Fragen, inwieweit bedeutende Ereignisse während der Regierung der jeweiligen Kaiserin bekannt waren und wie diese bewertet werden konnten, setzen einen weiteren inhaltlichen Schwerpunkt. Ziel der Untersuchung ist es zu zeigen, welche Herrscherbilder zu den russischen Kaiserinnen im Alten Reich im 18. Jahrhundert konstruiert wurden und welche Werthaltungen, Erklärungs- und Deutungsmuster diesen zugrunde lagen.
Als letztes schließt sich eine diachrone Untersuchung an, die die Entwicklung der Diskurse zu der russischen Frauenherrschaft im 18. Jahrhundert analysiert. Im Mittelpunkt stehen dabei die Fragen, inwieweit das Geschlecht thematisiert wird und in welchen Kontexten, welche Geschlechterbilder herangezogen werden, ferner welche Vorurteile und Stereotypen auftreten, wie diese eingesetzt und modifiziert werden und ob sich in den Diskursen Widersprüche festmachen lassen. Da es in dem Untersuchungszeitraum zu einem tiefgreifenden Wandel der Geschlechterbilder kam, was sich in einem erneuten Aufflammen der Querelles des femmes im Alten Reich im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts niederschlug, richtet sich das Augenmerk abschließend auf die Frage, inwieweit die russische Frauenherrschaft in diese Kontroverse miteinbezogen wurde.
In diesem letzten Abschnitt wird die Historische Diskursanalyse verwendet. Der Diskursbegriff ist ein Schlagwort der Neuen Kulturgeschichte, dessen Definition jedoch oft unscharf bleibt.110 Im Folgenden werden Diskurse als „Systeme des Sprechens, Denkens und Handeln“111 verstanden, wobei Diskurs also „somit Form und Inhalt von Äußerungen [meint].“112 Bildlich gesprochen lassen sie sich auch „mit einem Fluss von ‘Wissen’ bzw. sozialen Wissensvorräten durch die Zeit“113 vergleichen. Allerdings formen Diskurse nicht nur die Wirklichkeit mit aus, sondern sie sind auch selbst von Regeln bestimmt. Hier setzt die Historische Diskursanalyse114 an. Sie untersucht die Entstehung, Entwicklung und Funktion von Diskursen, um zu verstehen, warum sich zu bestimmten Sachverhalten zu einer gewissen Zeit gerade diese Ausprägung von Wissen und Wirklichkeit finden lassen. Ihr Ziel ist also, die Denk- und Handlungsmöglichkeiten von Menschen nachzuvollziehen und „darauf aufmerksam [zu] machen, dass es zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Gesellschaften recht klar abgegrenzte Bereiche des Machbaren, Denkbaren und Sagbaren gibt.“115 Dabei interessiert nicht, ob die Aussagen mit der historischen Wirklichkeit übereinstimmen oder nicht, sondern die „Diskursanalyse fragt danach, was die diskursiven Äußerungen bewirken.“116
Gerade für den Bereich der Wahrnehmungsgeschichte ist eine Verknüpfung mit der Diskursgeschichte sinnvoll.117 Schließlich besteht die große Gefahr, dass eigene Vorurteile, Anschauungen und Thesen den Blick auf die historische Wirklichkeit stark verzerren. Die Historische Diskursanalyse bietet daher eine Chance, einen Zugang zu vergangenen Wirklichkeiten zu erhalten und dadurch Aufschluss über historische Vorstellungswelten zu geben. Zugleich bewahrt sie vor dem häufigen Fehler, Gesellschaften feste, einheitliche Erklärungs- und Deutungsmuster zuzuschreiben, die so niemals existiert haben. In den historischen Realitäten lässt sich stets eine Vielfalt von unterschiedlichen wie auch gegensätzlichen Strömungen nachweisen. Diese sichtbar zu machen, ist eine Chance der Historischen Diskursanalyse.118
1 Einige Historiker haben das russische 18. Jahrhundert als das Jahrhundert der Frauen bezeichnet (Übersetzung d. Verf.), ANISIMOV, Evgenij: Ženščiny na rossijskom prestole. St. Petersburg 1997. S. 5.
2 Zur nachpetrinischen Epoche vgl. in Auswahl STÖKL, Günther: Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 6. erweiterte Auflage. Stuttgart 1997. S. 383-414, KLJUTSCHEWSKIJ, Vasilij: Russische Geschichte. Bd. 2. Zürich 1945, FLORINSKY, Michael: Russia: A Short History. New York 1964. S. 191-233, DONNERT, Erich: Rußland (860-1917). Von den Anfängen bis zum Ende der Zarenzeit. Regensburg 1998. S. 99-153, MÜLLER, Michael: Zum Epochencharakter des nachpetrinischen 18. Jahrhunderts in der Geschichte Rußlands. In: Hellmann, Manfred/Klaus Zernack/Günter Schramm (Hg.): Handbuch der Geschichte Rußlands. Bd. II., 1. Stuttgart 1976. S. 372-377, KAMENSKII, Aleksandr: The Russian Empire in the Eighteenth Century. Searching for a Place in the World. New York 1997. S. 122-263.
3KLJUTSCHEWSKIJ: Russische Geschichte. S. 10.
4KLJUTSCHEWSKIJ: Russische Geschichte. S. 10.
5STÖKL: Russische Geschichte. S. 390.
6ANONYM: Zuverläßige Nachrichten von den traurigen Schicksalen zweener unglücklichen Prinzen, Peter des Dritten und Iwan des Dritten, sehr kurzen Beherrscher aller Reussen. Nebst einem Gespräch im Reich der Todten. o. O. 1764. S. 6.
7HECKER, Hans: Der Herrscher – Leitbild und Abbild. Eine Einführung. In: Ders. (Hg.): Der Herrscher. Leitbild und Abbild in Mittelalter und Renaissance (Studia humaniora. Düsseldorfer Studien zu Mittelalter und Renaissance, Bd. 13). Düsseldorf 1990. S. 7.
8NEUMANN, Michael: Einleitung. In: Ders. (Hg.): Mythen Europas. Schlüsselfiguren der Imaginationen. Bd. 1. Regensburg 2004. S. 8.
9NEUMANN: Einleitung. S. 10.
10 Vgl. DUCHHARDT, Heinz: Das protestantische Herrscherbild des 17. Jahrhunderts. In: Repgen, Konrad (Hg.): Das Herrscherbild im 17. Jahrhundert (Schriftenreihe der Vereinigung zur Erforschung der Neueren Geschichte, Bd. 19). Münster 1991. S. 27, KRAUS, Andreas: Das katholische Herrscherbild im Reich. In: Repgen, Konrad (Hg.): Das Herrscherbild im 17. Jahrhundert (Schriftenreihe der Vereinigung zur Erforschung der Neueren Geschichte, Bd. 19). Münster 1991. S. 1-6.
11 Vgl. WIERLACHER, Alois: Ausgangslage, Leitbegriffe und Problemfelder. In: Ders. (Hg.): Kulturthema Fremdheit: Leitbegriffe und Problemfelder kulturwissenschaftlicher Fremdheitsforschung (Kulturthemen, Bd. 1). München 1993. S. 93.
12HECKER: Der Herrscher. S. 8.
13ANONYM (Seume, Johann Gottfried): Über das Leben und den Karakter der Kaiserin von Russland Katharina II. Mit Freymüthigkeit und Unpartheilichkeit. Altona 1797. S. 6.
14 Vgl. LA MARCHE, C. F. S. (Schwan, Christian Friedrich): Rußische Anekdoten von der Regierung und Tod Peters des Dritten, imgleichen von der Erhebung und Regierung Catharinen der Andern. Ferner von dem Tode des Kaysers Iwan, welchen zum Anhange beygefüget die Lebens-Geschichte Catharinen der Ersten. St. Petersburg [i. e. Frankfurt] 1764. S. 263-264.
15HAIGOLD, Johann Joseph (Schlözer, August Ludwig von): Neuverändertes Rußland oder Leben Catharinae der Zweyten Kaiserinn von Rußland Aus authentischen Nachrichten beschrieben. Theil 1. Dritte Auflage. Riga/Mietau 1771. *2.
16 Vgl. KÖRBER, Esther-Beate: Vormoderne Öffentlichkeiten. Versuch einer Begriffs- und Strukturgeschichte. In: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte 10 (2008). S. 12, 21.
17STADELMANN, Matthias: Die Romanovs (Kohlhammer Urban Taschenbücher, Bd. 620). Stuttgart 2008. S. 11.
18JENA, Detlev: Die russischen Zaren in Lebensbildern. Graz/Wien/Köln 2003. S. 8.
19KUSBER, Jan: Demetrius, der falsche Zar. In: Neumann, Michael/Christine Strobl (Hg.): Mythen Europas. Schlüsselfiguren der Imaginationen. Bd. 4. Regensburg 2006. S. 176.
20 Vgl. SKALWEIT, Stephan: Das Herrscherbild des 17. Jahrhunderts. In: Historische Zeitschrift 184 (1957). S. 65-80.
21REPGEN, Konrad: Vorwort. In: Ders. (Hg.): Der Herrscher. Leitbild und Abbild in Mittelalter und Renaissance (Studia humaniora. Düsseldorfer Studien zu Mittelalter und Renaissance, Bd. 13). Düsseldorf 1990. S. VI.
22 Vgl. MATTHES, Eckhard: Das veränderte Russland. Studien zum deutschen Rußlandverständnis im 18. Jahrhundert zwischen 1725 und 1762. (Europäische Hochschulschriften: Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Bd. 135). Frankfurt/Main 1981. S. 13-14.
23 Zu den Beziehungen zwischen dem Alten Reich und Russland vgl. in Auswahl BEYER-THOMA, Hermann: Bayern, Franken und Schwaben und Osteuropa im 18. Jahrhundert. In: Ders. (Hg.): Bayern und Osteuropa: aus der Geschichte der Beziehungen Bayerns, Frankens und Schwabens mit Rußland, der Ukraine und Weißrußland (Veröffentlichungen des Osteuropa-Instituts München, Reihe Geschichte, Bd. 66). Wiesbaden 2000. S. 179-220, BOETTICHER, Manfred von/Svetlana DOLGOVA (Hg.): Rußland und der Westen. Beziehungen durch drei Jahrhunderte. Das Beispiel Niedersachsen 1493-1796. Ausstellungskatalog. Hannover 1993, HEXELSCHNEIDER, Erhard: Kulturelle Begegnungen zwischen Sachsen und Russland 1790-1849 (Geschichte und Politik in Sachsen, Bd. 13). Köln 2000, KOPELEW, Lew/Karl-Heinz KORN/Rainer SPRUNG (Hg.): Deutsch-russische Beziehungen im Zeitalter der Aufklärung. Ausstellungskatalog. Köln 1997, SCHIPPAN, Michael: Zu einigen Problemen einer „Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen im 18. Jahrhundert“. In: Thomas, Ludmilla/Dietmar Wulff (Hg.): Deutsch-russische Beziehungen: ihre welthistorische Dimension vom 18. Jahrhundert bis 1917. Berlin 1992. S. 54-67.
24 Zur Außenpolitk Russlands im 18. Jahrhundert vgl. in Auswahl LEITSCH, Walter: Der Wandel der österreichischen Rußlandpolitik in den Jahren 1724 bis 1726. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 6 (1958). S. 33-41, DUCHHARDT, Heinz: Balance of Power und Pentarchie: internationale Beziehungen 1700-1785. (Handbuch der Geschichte der internationalen Beziehungen, Bd. 4). Paderborn u.a. 1997. S. 237-258, 285-296, 363-391, 397-410, STÖKl: Russische Geschichte. S. 410-423, MÜLLER, Michael: Das „Petrinische Erbe“. Russische Großmachtpolitik bis 1762. In: Hellmann, Manfred/KlausZernack/Günter Schramm (Hg.): Handbuch der Geschichte Rußlands. Bd. II., 1. Stuttgart 1976.S. 402-443.
25DUCHHARDT, Heinz: Altes Reich und europäische Staatenwelt 1648-1806 (Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Bd. 4). München 1990. S. 29.
26MÜLLER: Das „Petrinische Erbe“. S. 416.
27PRESS, Volker: Die kaiserliche Stellung im Reich zwischen 1648 und 1740. Versuch einer Neubewertung. In: Kunisch, Johannes (Hg.): Das alte Reich: ausgewählte Aufsätze von Volker Press (Historische Forschungen, Bd. 59). Berlin 1997. S. 195.
28GOTTHARD, Axel: Das Alte Reich. 1495-1806 (Geschichte kompakt). 4. ergänzte Auflage. Darmstadt 2009. S. 13.
29 Zum Stellung des Römischen Kaisers im 18. Jahrhundert vgl. NEUHAUS, Helmut: Das Reich in der Frühen Neuzeit (Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Bd. 42). München 22003. S. 6-17, PRESS: Die kaiserliche Stellung. S. 189-222, SCHINDLING, Anton/Walter ZIEGLER: Das deutsche Kaisertum in der Neuzeit. Gedanken zu Wesen und Wandlung. In: Dies. (Hg.): Die Kaiser der Neuzeit: 1519-1918; Heiliges Römisches Reich, Österreich, Deutschland. München 1990. S. 11-27, SCHMIDT, Georg: Das frühneuzeitlich Reich – Sonderweg und Modell für Europa oder Staat der Deutschen Nation?. In: Schnettger, Matthias (Hg.): Imperium Romanum - Irregulare Corpus - Teutscher Reichs-Staat: das Alte Reich im Verständnis der Zeitgenossen und der Historiographie (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Beiheft 57). Mainz 2002. S. 247-278, BURKHARDT, Johannes: Europäischer Nachzügler oder institutioneller Vorreiter? Plädoyer für einen neuen Entwicklungsdiskurs zur konstruktiven Doppelstaatlichkeit des frühmodernen Reiches. In: Schnettger, Matthias (Hg.): Imperium Romanum - Irregulare Corpus - Teutscher Reichs-Staat: das Alte Reich im Verständnis der Zeitgenossen und der Historiographie (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Beiheft 57). Mainz 2002. S. 297-316.
30DUCHHARDT: Balance of Power. S. 134.
31 Zum österreichisch-preußischen Dualismus und seinen Folgen für das Reich vgl. GOTTHARD: Das Alte Reich. S. 119-152, HINRICHS, Ernst: Fürsten und Mächte: zum Problem des europäischen Absolutismus. Göttingen 2000. S. 77-86, SCHULZE, Hagen: Staat und Nation in der europäischen Geschichte. München 1994. S. 78-81, REINALTER, Helmut: Absolutismus, Aufgeklärter (Österreich). In: Ders. (Hg.): Lexikon zum Aufgeklärten Absolutismus in Europa. Wien/Köln/Weimar 2005. S. 62-65, BAUMGART, Peter: Absolutismus, Aufgeklärter (Preußen). In: Reinalter, Helmut (Hg.): Lexikon zum Aufgeklärten Absolutismus in Europa. Wien/Köln/Weimar 2005. S. 75-83, NEUHAUS, Helmut: Reich, Reichsverfassung. In: Reinalter, Helmut (Hg.): Lexikon zum Aufgeklärten Absolutismus in Europa. Wien/Köln/Weimar 2005. S. 520-525.
32 Im 19. Jahrhundert erlebten Japan und im 20. Jahrhundert die Türkei einen ähnlich folgenreichen Umwälzungsprozess.
33 So hatte das Haus Romanov im Verlauf des 18. Jahrhunderts in folgende Fürstenhäuser eingeheiratet: Braunschweig-Wolfenbüttel, Holstein-Gottorp, Braunschweig-Bevern, Anhalt-Zerbst, Hessen-Darmstadt und Württemberg-Mömpelgard. Vgl. ROLL, Christine: Dynastie und dynastische Politik im Zarenreich. Befunde und Überlegungen zur Heiratspolitik der Romanovs im 17. und 18. Jahrhundert. In: Historische Zeitschrift 245 (1987). S. 77-102.
34 Vgl. MATTHES: Das veränderte Rußland. S. 415-417.
35 Vgl. MATTHES: Das veränderte Rußland. S. 425-430.
36MATTHES: Das veränderte Rußland. S. 446.
37 Einen Überblick zur Rußlandbildforschung geben ROBEL, Gert: Alieni de Russia. Bericht über ein Forschungsprojekt. In: Griep, Wolfgang (Hg.): Sehen und Beschreiben. Europäische Reisen im 18. und frühen 19. Jahrhundert (Eutiner Forschungen, Bd. 1). Heide 1990. S. 10-11, BLOME, Astrid: Das deutsche Rußlandbild im frühen 18. Jahrhundert. Untersuchungen zur zeitgenössischen Presseberichterstattung über Russland unter Peter I. (Forschung zur osteuropäischen Geschichte, Bd. 57). Wiesbaden 2000. S. 13-15.
38 Vgl. in Auswahl HAHN, Hans Henning (Hg.): Stereotyp, Identität und Geschichte: die Funktion von Stereotypen in gesellschaftlichen Diskursen. Frankfurt/Main u. a. 2002, HAHN, Hans Henning/Elena MANNOVá (Hg.): Nationale Wahrnehmungen und ihre Stereotypisierung. Beiträge zur Historischen Stereotypenforschung (Mitteleuropa-Osteuropa. Oldenburger Beiträge zur Kultur und Geschichte Ostmitteleuropas, Bd. 9). Frankfurt/Main 2007, EISMANN, Wolfgang: Der barbarische wilde Moskowit. Kontinuität und Wandel eines Stereotyps. In: Stanzel, Franz K. (Hg.): Europäischer Völkerspiegel. Imagologisch-ethnographische Studien zu den Völkertafeln des frühen 18. Jahrhunderts. Heidelberg 1991. S. 283-297, REUTHER, Frank: Das Rußlandbild der „Historisch-politischen Blätter für das katholische Deutschland“ im Vormärz. Ein Beitrag zur Stereotypenforschung. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 39 (1991). S. 177-198.
39 Vgl. in Auswahl LEITSCH, Walter: Das erste Rußlandhandbuch im Westen – Sigismund Freiherr von Herbertstein. In: Keller, Mechthild (Hg.): Russen und Rußland aus deutscher Sicht (West-östliche Spiegelungen, Bd. 1). München 1985. S. 118-149, LISZKOWSKI, Uwe: Adam Olearius´ Beschreibung des Moskauer Reiches. In: Keller, Mechthild (Hrsg.): Russen und Rußland aus deutscher Sicht (West-östliche Spiegelungen, Bd. 1). München 1985. S. 223-246, LOHMEIER, Dieter: Adam Olearius. Leben und Werk. In: Olearius, Adam: Vermehrte newe Beschreibung Der Muscowitischen vnd Persischen Reyse. Schleswig 1656. Hrsg. von Dieter Lohmeier (Deutsche Neudrucke, Reihe: Barock). Tübingen 1971. S. 3*-62*, ROBEL, Gert: Bemerkungen zu deutschen Reisebeschreibungen über das Rußland der Epoche Katharinas II. In: Jäger, Hans-Wolf (Hg.): Europäisches Reisen im Zeitalter der Aufklärung (Neue Bremer Beiträge, Bd. 7). Heidelberg 1992. S. 223-241, MUMENTHALER, Rudolf: Der Blick von außen. Das Russland Katharinas II. in Reiseberichten. In: Staatliche Museen Kassel (Hg.): Katharina die Große. Museum Fridericianum Kassel 13. Dezember 1997 – 8. März 1998. Kassel 1997. S. 25-32.
40 Vgl. in Auswahl SCHELTING, Alexander von: Russland und Europa im russischen Geschichtsdenken. Bern 1948, WINTER, Eduard: Halle als Ausgangspunkt der deutschen Rußlandkunde im 18. Jahrhundert. Berlin 1953, Ders. (Hg.): Die deutsch-russischen Beziehungen und Leonhard Euler. Ein Beitrag zu den Beziehungen zwischen der deutschen und der russischen Wissenschaft und Kultur im 18. Jahrhundert (Quellen und Studien zur Geschichte Osteuropas, Bd. 1). Berlin 1958, KELLER, Mechthild: Wegbereiter der Aufklärung: Gottfried Wilhelm Leibniz` Wirken für Peter den Großen und sein Reich. In: Dies. (Hg.): Russen und Rußland aus deutscher Sicht (West-östliche Spiegelungen, Bd. 1.). München 1985. S. 391-413, KELLER, Mechthild: „Politische Seeträume“: Herder und Russland. In: Dies. (Hg.): Russen und Russland aus deutscher Sicht (West-östliche Spiegelungen, Bd. 2.). München 1987. S. 357-395, MEDIGER, Walther: Friedrich der Große und Russland. In: Hauser, Oswald (Hg.): Friedrich der Große in seiner Zeit (Neue Forschungen zur brandenburgisch-preussischen Geschichte, Bd. 8). Köln/Wien 1987. S. 109-136, WENDLAND, Folkwart: Peter Simon Pallas` Rußlandschriften und ihre Rezeption in Deutschland. In: Dahlmann, Dittmar (Hg.): Die Kenntnis Russlands im deutschsprachigen Raum im 18. Jahrhundert. Wissenschaft und Publizistik über das Russische Reich. Arbeitsgespräch vom 24. bis 25. Februar 2004 in der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel (Internationale Beziehungen – Theorie und Geschichte, Bd. 2). Göttingen 2006. S. 139-178.
41Vgl. in Auswahl KAPPELER, Andreas: Ivan Groznyj im Spiegel der ausländischen Druckschriften seiner Zeit. Zürich 1972, KAPPELER, Andreas: Die deutschen Flugschriften über Moskowiter und Iwan den Schrecklichen im Rahmen der Rußlandliteratur des 16. Jahrhunderts. In: Keller, Mechthild (Hg.): Russen und Russland aus deutscher Sicht (West-östliche Spiegelungen, Bd. 1). München 1985. S. 150-182, FISCHEN, Birgit: Faszination und Erschrecken: Die Russlandberichterstattung der „Europäischen Fama“ in der nachpetrinischen Ära. In: Keller, Mechthild (Hg.): Russen und Russland aus deutscher Sicht (West-östliche Spiegelungen, Bd. 2). München 1987. S. 136-152, KELLER, Mechthild: Geschichte in Reimen: Russland in Zeitgedichten und Kriegsliedern. In: Dies. (Hg): Russen und Russland aus deutscher Sicht (West-östliche Spiegelungen, Bd. 2). München 1987. S. 298-335, SCHOLZ, Birgit: Von der Chronistik zur modernen Geschichtswissenschaft. Die Warägerfrage in der russischen, deutschen und schwedischen Historiographie. Wiesbaden 2000, MENDE, Ursula: Westeuropäische Bildzeugnisse zu Russland und Polen bis 1700. Ein Beitrag zur historischen Bildkunde. Köln 1968, GOLTZ, Hermann (Hg.): Alles von Zarin und Teufel. Europäische Rußlandbilder aus vier Jahrhunderten. Die gesamten Rovinskij-Materialien für eine russische Ikonographie. 2 Bde. Köln 2006.
42 Vgl. in Auswahl KOPELEW, Lew/Karl-Heinz KORN/Rainer SPRUNG (Hg.): Deutsch-russische Beziehungen im Zeitalter der Aufklärung. Ausstellungskatalog. Köln 1997, JAHN, Peter: Russophilie und Konservatismus der russophilen Literatur in der deutschen Öffentlichkeit 1831-1852 (Geschichte und Theorie der Politik: Unterreihe A, Geschichte, Bd. 2). Stuttgart 1980, BLOME, Astrid/Volker DEPKAT: Von der „Civilisierung“ Russlands und dem „Aufblühen“ Nordamerikas im 18. Jahrhundert. Leitmotive der Aufklärung am Beispiel deutscher Russland- und Amerikabilder (Presse und Geschichte – Neue Beiträge, Bd. 2). Bremen 2002, GROH, Dieter: Russland und das Selbstverständnis Europas. Ein Beitrag zur europäischen Geschichte. Neuwied 1961, LOCHER, Theodor: Das abendländische Rußlandbild seit dem 16. Jahrhundert. Wiesbaden 1965, RAUCH, Georg von: Wandlungen des deutschen Rußlandbildes. In: Arbeitskreis für Ostfragen (Hg.): Deutsch-russische Nachbarschaft? Referate des vierten Barsinghausener Gespräches vom 6. bis 8. März 1959. Leer 1961. S. 17-30, DEUTSCH-RUSSISCHES MUSEUM BERLIN-KARLSHORST E.V. (Hg.): Unsere Russen – unsere Deutschen. Bilder vom Anderen 1800-2000. Berlin Schloss Charlottenburg vom 8. Dezember 2007 bis 2. März 2008. Berlin 2007, LOBKOWICZ, Nikolaus/Leonid LUKS/Alexej RYBAKOV (Hg.): Russische Deutschlandbilder und deutsche Russlandbilder im 20. und 21. Jahrhundert. Internationale und interdisziplinäre Konferenz: Eichstätt 12.-14. Juli 2007. Köln/Wien/Weimar 2008, POE, Marshall: „A people born to slavery“. Russia in Early Modern European Ethnography 1476-1748. Ithaca 2000.
43 Vgl. SCHEIDEGGER, Gabriele: Perverses Abendland – barbarisches Russland. Begegnungen des 16. und 17. Jahrhunderts im Schatten kultureller Missverständnisse. Zürich 1993, SCHEIDEGGER, Gabriele: Das Eigene im Bild vom Anderen. Quellenkritische Überlegungen zur russisch-abendländischen Begegnung im 16. und 17. Jahrhundert. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 35 (1984). S. 339-355.
44 Vgl. KOPELEW, Lew (Hg.): West-östliche Spiegelungen. Russen und Russland aus deutscher Sicht und Deutsche und Deutschland aus russischer Sicht von den Anfängen bis zum 20. Jahrhundert. Reihe A. 5 Bde. München 1985-2000.
45 Vgl. WELKE, Martin: Rußland in der deutschen Publizistik des 17. Jahrhunderts (1613-1689). In: Forschungen zur europäischen Geschichte 23 (1976). S. 105-276. Siehe ebenfalls WELKE, Martin: Höfische Repräsentation und Propaganda – Voraussetzung eines positiven Fürstenbildes? Hof und Herrschaft der ersten Romanovs in der zeitgenössischen Presse. In: Daphnis 11 (1982) S. 377-397, WELKE, Martin: Rußland vor Peter dem Großen im Spiegel der deutschen Presse des 17. Jahrhunderts. In: Schriften zur Wittheit zu Bremen 13 (1969) S. 105-131.
46 Vgl. MARINELLI-KÖNIG, Gertraud: Russland in den Wiener Zeitschriften und Almanachen des Vormärz (1805-1848). Ein Beitrag zur Geschichte der österreichisch-russischen Kultur- und Literaturbeziehungen (Österreichische Akademie der Wissenschaften). Wien 1998, GAVRILOVA, Stella: Die Darstellung der UdSSR und Russland in der Bildzeitung 1985-1999. Eine Untersuchung zu Kontinuität und Wandel deutscher Russlandbilder unter Berücksichtigung der Zeitungen „Die Welt“, „Süddeutsche Zeitung“ und „Frankfurter Rundschau“ (Europäische Hochschulschriften: Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Bd. 1019). Frankfurt/Main 2005, MURATOVA, Gyuzel: „Warum haben wir aufeinander geschossen?“ Studien zum Russlandbild in der deutschen Prosaliteratur von Stalingrad bis zur neuen Ostpolitik der BRD (1943-1975) 2005. Elektronische Veröffentlichung unter:http://duepublico.uniduisburg-essen.de/servlets/DocumentServlet?id=15263, DANILJUK: Natalija.: Fremdbilder in der Sprache. Konstruktion – Konnotation – Evolution. Das Russlandbild der Jahre 1961, 1989, 2003 in den ausgewählten deutschen Printmedien. Münster 2006, ESAU, Eugen: Das postsowjetische Russlandbild in den deutschen Printmedien. Eine qualitative Zeitungsanalyse. VdM Verlag Dr. Müller 2007, WRIEDT, Jana: Kälte, Krieg und Korruption? Das Russlandbild der Sankt Petersburger Zeitung zwischen 1991 und 2005. VdM Verlag Dr. Müller 2008.
47DAHLMANN, Dittmar: Einleitung. In: Ders. (Hg.): Die Kenntnis Russlands im deutschsprachigen Raum im 18. Jahrhundert. Wissenschaft und Publizistik über das Russische Reich. Arbeitsgespräch vom 24. bis 25. Februar 2004 in der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel (Internationale Beziehungen – Theorie und Geschichte, Bd. 2). Göttingen 2006. S. 8.
48 Ein zu begrüßendes Forschungsprojekt ist daher die geplante 20bändige Wieser Enzyklopädie des europäischen Ostens. Die Enzyklopädie bietet neben einer alphabetischen Lexikonabteilung (Bd.1-10) sowie einem Lexikon zu den östlichen Sprachen auch eine kulturgeschichtliche Darstellung in den Themenbänden (Bd. 11-17) und schließt mit einer Quellenabteilung (Bd. 18-20) zur Selbst- und Fremdwahrnehmung der östlichen Länder. Dieses Forschungsprojekt initiierten und geben seit 1999 heraus das Institut für Geschichte der Universität Klagenfurt, die Abteilung Südosteuropäische Geschichte des Instituts für Geschichte der Karl-Frantzens-Universität Graz sowie der Klagenfurter Wieser Verlag. Bisher erschienen sind ein Vorausband sowie die Bände 10, 11 und 18.
49 Zur Entwicklung der Forschung zu Katharina der Großen vgl. SCHARF, Claus: Katharina II., Deutschland und die Deutschen. Mainz 1995. S. 1-19, KAMENSKIJ, Aleksandr: Die Archivmaterialien Katharinas der Großen und die Perspektiven ihrer Erforschung. In: Scharf, Claus (Hg.): Katharina II., Russland und Europa. Beiträge zur internationalen Forschung. Mainz 2001. S. 565-571.
50 Eine Auswahl der wichtigsten Erscheinungen der letzten beiden Jahrzehnte: DONNERT, Erich: Katharina II. die Große. Kaiserin des Russischen Reiches. Regensburg 1998, DONNERT, Erich: Katharina II. als aufgeklärte Reformerin und Rußlands Aufstieg zur europäischen Großmacht. In: Ders. (Hg.): Europa in der Frühen Neuzeit. Festschrift für Günter Mühlpfordt. Bd. 5. Köln/Weimar/Wien 1999. S. 559-574; ALEXANDER, John: Catherine the Great. Life and Legend. New York 1989, HÜBNER, Eckhard/Jan KUSBER/Peter NITSCHE (Hg.): Russland zur Zeit Katharinas II. Absolutismus – Aufklärung - Pragmatismus. Köln 1998, SCHARF, Claus (Hg.): Katharina II., Russland und Europa. Beiträge zur internationalen Forschung. Mainz 2001, SCHARF, Claus: Katharina II., Deutschland und die Deutschen. Mainz 1995, MADARIAGA, Isabel de: Katharina die Große. Das Leben der russischen Kaiserin (Focus-Edition Biographien). München 2006, MADARIAGA, Isabel de: Russia in the Age of Catherine the Great. New Haven 1981, DIXON, Simon: Catherine the Great. London 2001, DONNERT, Erich: Katharina II. als aufgeklärte Reformerin und Rußlands Aufstieg zur europäischen Großmacht. In: Ders. (Hg.): Europa in der Frühen Neuzeit. Festschrift für Günter Mühlpfordt. Bd. 5. Köln/Weimar/Wien 1999. S. 559-574.
51 Vgl. in Auswahl LONGWORTH, Philipp: The Three Empresses: Catherine I, Anne and Elizabeth of Russia. London 1972, STADELMANN, Matthias: Die Romanovs (Kohlhammer Urban Taschenbücher, Bd. 620). Stuttgart 2008, OSWALT, Julia: Die Nachfolger Peters des Großen von 1725 bis 1730. In: Hellmann, Manfred/Klaus Zernack/Günter Schramm (Hg.): Handbuch der Geschichte Rußlands. Bd. II., 1. Stuttgart 1976. S. 444-460, RALEIGH, Donald/Achmed ISKENDEROV (Hg.): The Emperors and Empresses of Romanovs. Rediscovering the Romanovs. New York 1996, TORKE, Hans-Joachim (Hg.): Die russischen Zaren 1547-1917. München 1995, BRENNAN, James: Enlightened Despotism. The Reign of Elisabeth 1741-1762. New York 1987, RICE, Talbot: Elisabeth von Rußland. Die letzte Romanov auf dem Zarenthron. München 1970, LIPSKI, Alexander: A Re-examination of the „Dark Era“of Anna Ivanovna. In: American Slavic and East European Review 15 (1956). S. 477-488, MEEHAN-Waters, Brenda: Autocracy and Aristocracy. The Russian Service Elite of 1730. New Brunswick 1982.
52JENA: Die russischen Zaren. S. 224.
53FLORINSKY: Russia: A Short History. S. 195.
54KAMENSKII: The Russian Empire. S. 145.
55FENSTER, Aristide: Staat, Gesellschaft und Kultur von 1730 bis 1762. In: Hellmann, Manfred/Klaus Zernack/Günter Schramm (Hg.): Handbuch der Geschichte Rußlands. Bd. II., 1. Stuttgart 1976. S. 466.
56FENSTER: Staat, Gesellschaft und Kultur. S. 466.
57 Russland sank zu einem halbvergessenen Land herab: Es war, als wäre alles eingeschlafen, erstarrt (Überstezung d. Verf.), BELJAVSKIJ, V.: Na rossijskom prestole 1725-1796. Monarchi Rossijskie posle Petra Velikogo. Moskva 1993. S. 7.
58FENSTER, Aristide: Anna 1730-1740. In: Torke, Hans-Joachim (Hg.): Die russischen Zaren 1547-1917. München 1995. S. 191.
59FENSTER: Anna. S. 191.
60STADELMANN: Die Romanovs. S. 106.
61FENSTER: Anna. S. 207.
62 Zur nachpetrinischen Epoche in der russischen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts vgl. FENSTER: Anna. S. 191, FENSTER: Staat, Gesellschaft und Kultur. S. 465-466.
63 Zur Neubewertung der nachpetetrinischen Epoche in der neueren Forschung vgl. STADELMANN: Die Romanovs. S. 98-102, 106-113, KAMENSKII: The Russian Empire. S. 128-129, 145-152, FENSTER: Staat, Gesellschaft und Kultur. S. 466-475.
64KAMENSKII: The Russian Empire. S. 129.
65 Vgl. FENSTER: Staat, Gesellschaft und Kultur. S. 467-471.
66SCHIPPAN, Michael: Ernst Glück und Katharina I. In: Schiller, Christiane/Māra Grudule (Hg.): „Mach dich auf und werde licht ̵ Celies nu, topi gaišs“. Zu Leben und Werk Ernst Glücks (1654-1705). Akten zur Tagung anlässlich seines 300. Todestages vom 10. bis 13. Mai 2005 in Halle (Saale). (Fremdsprachen in Geschichte und Gegenwart, Bd. 4). Wiesbaden 2010. S. 111-142.
67KAMENSKII: The Russian Empire. S. 145.
68 Vgl. BLOME, Astrid: Das deutsche Rußlandbild im frühen 18. Jahrhundert. Untersuchungen zur zeitgenössischen Presseberichterstattung über Russland unter Peter I. (Forschung zur osteuropäischen Geschichte, Bd. 57). Wiesbaden 2000.
69 Vgl. ANDREE, Heike: Katharina II. im Spiegel der deutschen Zeitschriftenpublizistik des 18. Jahrhunderts (Studien zur Geschichtsforschung der Neuzeit, Bd. 35). Hamburg 2003.
70 Vgl. BORNTRÄGER, Ekkehard: Katharina II. Die „Selbstherrscherin aller Reussen“. Das Bild der Zarin und ihrer Aussenpolitik in der westlichen Geschichtsschreibung (Historische Schriften der Universität Freiburg Schweiz, Bd. 13). Freiburg/Schweiz 1991.
71 Vgl. SCHARF, Claus: Katharina II., Deutschland und die Deutschen. Mainz 1995.
72 Vgl. PREUSS, Ulrich: Katharina II. von Russland und ihre auswärtige Politik im Urteile der deutschen Zeitgenossen. In: Jahrbücher für Kultur und Geschichte der Slaven. 5 (1929). S. 156, 169-227.
73 Vgl. MATTHES, Eckhard: Das veränderte Russland. Studien zum deutschen Rußlandverständnis im 18. Jahrhundert zwischen 1725 und 1762. (Europäische Hochschulschriften: Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Bd. 135). Frankfurt/Main 1981. Siehe ebenfalls MATTHES, Eckhard: Das veränderte Russland und die unveränderten Züge des Russenbildes. In: Keller, Mechthild (Hg.): Russen und Russland aus deutscher Sicht (West-östliche Spiegelungen, Bd. 2.). München 1987. S. 109-135.
74 Vgl. BLOME, Astrid: Schön und weise, klug und löblich. Katharina I. – eine Dienstmagd auf dem Zarenthron. In: Brüggemann, Karsten/Thomas M. Bohn/Konrad Maier (Hg.): Kollektivität und Individualität. Der Mensch im östlichen Europa. Festschrift für Prof. Dr. Norbert Angermann zum 65. Geburtstag (Studien der Geschichtsforschung der Neuzeit, Bd. 23). Hamburg 2001. S. 184-211.
75Vgl. SCHIPPAN: Ernst Glück und Katharina I.
76WUNDER, Heike: Herrschaft und öffentliches Handeln von Frauen in der Gesellschaft der Frühen Neuzeit. In: Gerhard, Ute (Hg.): Frauen in der Geschichte des Rechts. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. München 1997. S. 27.
77WUNDER: Herrschaft. S. 29.
78 Vgl. in Auswahl WUNDER
