Das große Fressen - Hubert Handmann - E-Book

Das große Fressen E-Book

Hubert Handmann

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Beschreibung

Wie unsere heimischen Insekten jagen, ist an Raffinesse kaum zu überbieten. Die einzigarten Fotos in diesem Band geben einen noch nie gesehenen Einblick in die ausgeklügelten Techniken der sechsbeinigen Räuber: wie sie lauern und stöbern und ihre Beute im Schwimmen, Fliegen oder Gleiten überfallen. Spannende Texte erklären die Verhaltensweisen und Jagdstrategien und zeigen die Insektenwelt in einem ganz neuen Licht.

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Seitenzahl: 66

Veröffentlichungsjahr: 2019

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inhalt

Raubtiere – verfemt und verteidigt

KAPITEL 1

Lauernde Räuber

KAPITEL 2

Flugjäger

KAPITEL 3

Gleitjäger

KAPITEL 4

Schwimmjäger

KAPITEL 5

Stöber- und Pirschjäger

KAPITEL 6

Macht und Ohnmacht der Insekten

Autor und Fotograf

Impressum

RAUBTIERE VERFEMT UND VERTEIDIGT

Die Jagd der großen Raubtiere wurde in vielen faszinierenden Bildern dokumentiert. Aber wer hat schon einmal gesehen, wie die kleinen Raubtiere jagen, wie Hornissen und Wespen ihre Beute überwältigen oder wie Libellen ihre Opfer in der Luft hetzen? Was passiert beim Fangschlag der lauernden Libellenlarve, die in 10 Millisekunden ihre Fangmaske auf das Ziel schleudert? Selbst die langsamen Räuber unter den Insekten überraschen mit ihren raffinierten Strategien.

Einerseits sind Insekten so klein, dass sie meist übersehen werden und kaum jemand sie bewundert, andererseits sind sie noch groß genug, dass wir ihre archaisch anmutenden Strukturen und vielfältigen Farben beobachten können.

Es ist unglaublich spannend, in den vielfältigen Mikrokosmos der Insekten einzutauchen und ihr besonderes räuberisches Leben sehen zu können. Was die Faszination angeht, so brauchen sie sich vor den großen Raubtieren nicht zu verstecken.

Was aber treibt Raubtiere an, den »Frieden« anderer Tiere zu stören? Ist es Mordlust, wenn sie über andere herfallen? Zuerst einmal sind die Raubtiere und ihr räuberisches Verhalten ein Ergebnis der Evolution. So wie Pflanzen nicht endlos ihre Körperstoffe mit den Energien im Ökosystem anhäufen und ablagern können, sondern von den Pflanzenfressern als Nahrung verbraucht werden, müssen auch die Stoffe und Energien der Pflanzenfresser weiterfließen. Das gewährleisten die Raubtiere durch ihre Jagd.

Der Blaue Laufkäfer Carabus intrigatus stöbert in warmen Wäldern nach Tieren am Boden und im Altholz und erbeutet auch Schädlinge.

Die räuberischen Insekten haben alle Lebensbereiche erobert und jagen überall, wo es kleinere Beutetiere gibt: auf den Pflanzen, auf und im Boden, im Wasser, auf der Wasseroberfläche und in der Luft. Sie sind dabei so erfolgreich wie keine andere Tiergruppe. Ständig stellen sie den unendlich vielen kleinen Pflanzenfressern nach, fressen sie und sorgen so dafür, dass sie sich nicht massenhaft vermehren können.

Je mehr der Mensch Bedingungen schafft, die die Vermehrung der Pflanzenfresser einseitig begünstigen und die ihrer Gegenspieler massiv beschränken, können die Räuber offensichtlich ihre regulierende Kraft nicht mehr ausreichend einsetzen.

Raubtiere sind also keine zwielichtige Spezies, sondern ein zwingendes Ergebnis der Evolution und eine unabdingbare Stufe im Beziehungsgefüge der Arten. Aber es gibt auch Situationen, in denen die Räuber die Pflanzenfresser nicht unter Kontrolle halten können. Die häufigste Ursache: der Mensch.

Mit 150 Flügelschlägen in der Sekunde nähert sich die Hornisse (Vespa grabro) im schrägen Steigflug dem Jagdgebiet.

Das wurde immer wieder an den Ernteverlusten deutlich. Als Ausweg bot sich Mitte der 1940er Jahre das DDT an, ein Stoff, der kompromisslos Insekten tötet, aber keine akute Toxizität gegenüber Wirbeltieren und Menschen zeigte. Die Schädlingssituation schien gelöst, aber nach wenigen Jahren waren die Schädlinge wieder massenhaft zurück. Auch heute entschärfen die neuen, spezifisch wirkenden Insektizide die Lage nicht dauerhaft. Sie schaffen vielmehr aufs Neue die alten Probleme: Resistenzen der Schädlinge und das Sterben der anderen Insekten. Die Verarmung der Umwelt schreitet erschreckend schnell voran.Inzwischen haben diese Probleme ein so offensichtliches Ausmaß erreicht, dass nicht nur die Fachleute den Artenschwund registrieren. Die Sorge um das Insektensterben treibt viele Menschen um.

In diesem Buch stehen die heimischen räuberischen Insekten in ihren vielfältigen Erscheinungen und mit ihren unglaublichen Leistungen im Mittelpunkt.

Es soll aber nicht nur die faszinierenden Jagdstrategien der kleinen Tiere zeigen, sondern uns beim Lesen fragen lassen, wie wir ihr segensreiches Treiben in Zukunft bewusst in eine moderne Landwirtschaft integrieren können und im eigenen Umfeld einen nachhaltigen Umgang mit der Natur erreichen.

Plötzlich schießt die Fangmaske der Federlibellen-Larve (Platycnemis pennipes, 15 mm) zum Wasserfloh, (Daphnia pulex) und überwindet in 10 Millisekunden die dreifache Länge des Kopfes.

LAUERRÄUBER

Schnelligkeit, Kraft und gute Sinnesleistungen sind typische Merkmale, die wir mit Raubtieren verbinden. Aber es gibt bei den Insekten auch räuberische Arten, die ausgesprochen träge und sinnesarm sind. Diese legen sich häufig gut getarnt in einen Hinterhalt. Insektenaugen bestehen aus vielen Einzelaugen und haben ein sehr gutes zeitliches Auflösungsvermögen. Aber sie sehen nicht scharf. Nur unbeweglich zu sein bedeutet also schon, dass die Beute den Räuber nicht wahrnimmt. Lauerräuber sind mit besonderen Greiforganen gut bewaffnet und fallen überraschend die Beute an. Um den Beutefang abzusichern, injizieren viele von ihnen über die Mundwerkzeuge ein Gift, das die Beute schnell lähmt.

Wenn die Weibchen ihre Eier auch noch an beuteträchtigen Stellen ablegen, ist das Ergebnis – das Verhältnis von Beutetiermenge und dem notwendigen Jagdaufwand – hervorragend.

Einige Arten setzen voll auf diese Fürsorge der Elterntiere und lauern nur an dieser einen Eiablagestelle auf Beute. Ihr »Beutesuchen« ist das Warten. Dann gibt es noch alle Übergänge von der reinen Wartesuche über die Wechsel-Wartesuche bis zu Arten, die wahlweise lauern, aber auch stöbern können.

Der Wasserskorpion Nepa rubra sitzt zwischen verwesenden Pflanzen. Alle Lauerräuber haben besondere Fangorgane als Fangbeine oder Fangkiefer.

Alle Lauerräuber sind gut in ihrer Umgebung versteckt: die Larve des Feld-Sandlaufkäfers Cicindela campestris lauert unbeweglich in ihrer Wohnröhre.

Der Ameisenlöwe liegt am Grund eines Sandtrichters und nur der sandfarbene Kopf mit den geöffneten Fangkiefern ist zu sehen.

EIN RÄUBER MIT RUNDSICHTOPTIK

Die Larven der verschiedenen Sandlaufkäferarten führen ein verstecktes Leben. An sonnigen brachen Stellen hat ein solcher Lauerräuber seine Wohnröhre, oft dort, wo die Käfer selbst jagen. An hellen, warmen Tagen lohnt es sich, einige Minuten still in der Nähe der kreisrunden Öffnung seines Schlupfloches auszuharren.

Die Sandlaufkäferlarve ist an ihre Behausung ideal angepasst und so spezialisiert, dass sie sich außerhalb ihres Baues nur mühsam und unbeholfen bewegen kann. Sie besitzt keine Laufbeine, sondern mit Klauen besetzte Stützbeine. Zusammen mit einem zweihakigen Stemmpolster auf dem Hinterleib und dem spitzen Hinterleibsende verklemmt sie sich in der Röhre.

Nach kurzer Zeit schiebt sich dann ein dunkler Schatten aus der Röhre, bis der schwarze Kopf und das robuste Halsschild das ganze Loch bodengleich abschließen.

Die Larve des Feld-Sandlaufkäfers Cicindela campestris verklemmt sich mit den Beinen und dem Stemmpolster auf dem Hinterleib in der Wohnröhre und lauert auf Beute.

Ein Lauerräuber erkennt seine Beute optisch. Auf seinem Kopf sind sechs Einzelaugen so ausgeklügelt verteilt, dass ein wirkungsvolles Rundsichtgerät entsteht. Bewegt sich ein kleines Bodeninsekt auf den Räuber zu, erkennt er es in einigen Zentimetern Entfernung.

Die Larve räumt alle Gegenstände um den Bau weg und schafft so ein Schlachtfeld, das frei von Hindernissen ist. Dazu katapultiert sie den ganzen Körper mit dem Halm auf dem Kopf nach hinten.

Jetzt bereitet der Räuber den Angriff vor. Dazu krümmt er seine Hinterleibsspitze nach oben und stemmt sie gegen die Röhrenwand, sodass sie im nächsten Augenblick als Schleuder funktioniert und ihn aus seinem sicheren Unterstand bis zu 1,5 Zentimeter hinauskatapultiert.

Die Beine unterstützen den Sprung, aber vor allem sorgen sie dafür, dass er zielsicher gelingt und die geöffneten Kiefer auf die Beute herabsausen können. Schlägt doch einmal ein Angriff fehl, ist die Larve in der Lage, den Ansprung sofort zu wiederholen. Anschließend zerrt der Räuber sein Opfer in die Röhre.

Das ist die akrobatische Variante eines Fangsprunges: ein Sprung über den Rücken und die Landung als Brücke auf der Beute.

Dort drückt er die Beute mit hochgeworfenem Kopf an die Wand, sodass er sie endgültig sicher fassen kann. Unten am Grund, gut geschützt vor Überraschungen, saugt die Larve die Beute aus. Dieser Lauerräuber hat durch seine Wohnröhre und sein Verhalten eine wirksame Schutzstrategie entwickelt. Nur die Trugameise, ein noch besser spezialisierter Raubparasit, stellt diesem Raubtier nach.

Die Trugameise ist eine Schlupfwespenart mit ameisenähnlichem Aussehen. Sie verfolgt eine ganz ungewöhnliche Strategie: Sie profitiert geradezu vom typischen, so erfolgreichen Beutefangverhalten dieser Käferlarve. Wie ihr das gelingt?

Die Käferlarve reißt den Kopf hoch und gibt sich so eine verhängnisvolle Blöße, denn die Trugameise kann dadurch in die Nervenknoten stechen und ein lähmendes Gift injizieren.

Sie legt noch ein Ei ab, und die daraus schlüpfende Larve frisst die Käferlarve auf. Der Raubparasit besiegt das Raubtier.