Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Das Gutshaus - Stürmische Zeiten E-Book

Anne Jacobs  

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E-Book-Beschreibung Das Gutshaus - Stürmische Zeiten - Anne Jacobs

Stürmische Zeiten erfordern Mut, Entschlossenheit und den tiefen Glauben an die Liebe...Auf Gut Dranitz läuten die Hochzeitsglocken. Franziska und Walter sind endlich wieder vereint. Alles könnte so schön sein, wären da nicht die Kinder. Franziska und Walter wollten die Familien vereinen, doch inzwischen herrscht nur Streit. Können Sie das Schicksal beeinflussen, oder ist es wie damals auf der Flucht und während der schrecklichen Zeit des Krieges, als sie Spielbälle der grausamen Umstände waren? Die Erinnerungen lassen sie nicht los, und die Zukunft scheint auf einmal gar nicht mehr so klar ...

Meinungen über das E-Book Das Gutshaus - Stürmische Zeiten - Anne Jacobs

E-Book-Leseprobe Das Gutshaus - Stürmische Zeiten - Anne Jacobs

Buch

Auf Gut Dranitz läuten die Hochzeitsglocken. Franziska und Walter sind endlich wieder vereint. Alles könnte so schön sein, wären da nicht die Kinder. Franziska und Walter wollten die Familien vereinen, doch inzwischen herrscht nur Streit. Können sie das Schicksal beeinflussen, oder ist es wie damals auf der Flucht und während der schrecklichen Zeit des Krieges, als sie Spielbälle der grausamen Umstände waren? Die Erinnerungen lassen sie nicht los, und die Zukunft scheint auf einmal gar nicht mehr so klar …

Autorin

Anne Jacobs begeisterte bereits mit ihrer Trilogie um Die Tuchvilla die Leser und stürmte die Bestsellerlisten. Mit Das Gutshaus knüpft sie an ihre Erfolgstrilogie an und erzählt von einem alten herrschaftlichen Gutshof in Mecklenburg-Vorpommern und vom Schicksal seiner Bewohner in bewegten Zeiten.

Weitere Informationen unter: www.anne-jacobs.net/

Von Anne Jacobs bereits erschienen:

Die Tuchvilla-Saga:

Die Tuchvilla

Die Töchter der Tuchvilla

Das Erbe der Tuchvilla

Die Gutshaus-Saga:

Das Gutshaus. Glanzvolle Zeiten. Band 1

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ANNE JACOBS

Das

GUTSHAUS

Stürmische Zeiten

Band 2

Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden.

Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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1. Auflage

Copyright © 2019 by Blanvalet

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Kristina Lake-Zapp

Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign,

unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com

(Skreidzeleu; Flegere) und Mark Owen/Arcangel Images

NG · Herstellung: sam

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-20830-1V001

www.blanvalet.de

Sonja

Tine Koptschik fuhr mit dem Handsauger so energisch über den Behandlungstisch, als wolle sie den schwarzen Gummibelag abrubbeln. Dabei sollte sie nur die Hundehaare wegsaugen, die wieder mal reichlich auf Tisch und Fußboden gelandet waren. Aber Tine hatte früher in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft einhundertfünfzig Kühe betreut. Jetzt, im Frühjahr 1992, war die LPG in der Auflösung begriffen, dafür hatte die Wiedervereinigung gesorgt. Mit Vieh kannte sich Tine also aus, und deshalb war jede ihrer Bewegungen kraftvoll, wenngleich in einer Kleintierpraxis mitunter etwas ungelenk.

»Sind wir fertig für heute?«, fragte Sonja, während sie Frau Kupke mit Rauhaardackel Whisky in die Liste eintrug.

»Nee, da ist noch ’n Schäferhund im Wartezimmer.«

Sonja schaute kurz auf die Uhr. Gleich elf, die Sprechstunde war eigentlich vorbei. Lief richtig gut heute – drei Katzen, ein Kanarienvogel und zwei Hunde. Wenn das immer so wäre, könnte sich die Praxis tatsächlich lohnen.

»Herein mit dem Kläffer!«

Tine stopfte den Handsauger ins Regal, wo er prompt wieder herausrutschte und auf den Boden fiel. Sonja unterdrückte eine Bemerkung – es hatte keinen Zweck, sich aufzuregen. Tine hatte nun mal ungeschickte Finger, da musste man sich auf Verluste einstellen. Dafür war sie anständig und ehrlich, verlangte nicht mehr, als sie ihr zahlen konnte, und beschwerte sich niemals, wenn es im Winter kalt in der Praxis war. Außerdem war sie äußerst patent und wurde selbst mit einem bissigen Rottweiler fertig.

»Kommen Sie, junge Frau. Ach du Schande – der Falko ist ja ganz nass.«

»Es regnet Bindfäden, ein richtiges Schietwetter heute und saukalt für März.«

Sonja zuckte zusammen, als sie die Stimme der jungen Frau hörte. Die schon wieder. Verdammt – bisher war der Tag richtig gut gelaufen, aber das dicke Ende kam halt immer nach.

»Tag, Frau Doktor Gebauer.« Jenny Kettler reichte ihr die Hand und schenkte ihr ein Lächeln. Einfach nur so, ohne dass etwas dahintersteckte? Wollte sie sie auf die Probe stellen? Oder bildete sie sich das nur ein? Sonja versuchte, unbefangen und freundlich dreinzuschauen, was nicht ganz einfach war.

Jenny Kettler. Hübsch, gertenschlank, aufreizend rotes Haar, bezaubernd mit ihrem süßen Lächeln. Denkt, sie kriegt alles, was sie will, wenn sie nur ihren weiblichen Charme versprüht … Sonja verbot sich weiterzudenken und wandte sich lieber dem Hund zu.

»Na, Falko, bist ja prima in Schuss. Ist gut geheilt, der Riss an der Schnauze. Kaum noch zu sehen …«

Falko ließ sich ohne Widerstand die Schnauze untersuchen, hatte auch nichts gegen ein Kraulen hinterm Ohr, aber er schielte schon verlangend nach der grauen Blechdose, die oben auf dem Regal stand. Tiere waren ehrlich, deshalb liebte Sonja sie auch so sehr.

»Er muss geimpft werden, glaub ich«, sagte Jenny Kettler. »Und dann kratzt er sich dauernd. Meine Großmutter hat Angst, er könne Milben oder so was haben.«

Sonja blätterte im Impfpass und stellte fest, dass der Hund zwei Jahre lang überhaupt nicht geimpft worden war. Schlamperei! Dann zückte sie den Flohkamm und wurde sofort fündig.

»Flöhe hat er«, sagte sie. »Und zwar jede Menge.«

Jenny sah mit schreckensstarren Augen auf den Kamm, über den drei kleine, schwarze Punkte wuselten.

»Igitt!«

»Ich schreib Ihnen ein Pulver auf. Das reiben Sie ihm ins Fell und streuen es außerdem auf seine Decke und in seinen Korb – überall dorthin, wo er gern liegt.«

Es machte Sonja großen Spaß, Jennys entsetzte Reaktion zu beobachten. Tja, bei Flöhen waren die Leute halt empfindlich. Das Dreckzeug, das die Bauern auf die Äcker sprühten oder die Abgase ihrer Autos störten die meisten überhaupt nicht. Aber wehe, es saß ein harmloser kleiner Floh auf ihrem Hund!

»Aber der liegt überall – auf dem Sofa, auf dem Teppich, in Omas Bett …«

»Wenn die schwarzen Kameraden schon mal in der Matratze sind«, mischte sich Tine ein, die trotz mehrfacher Mahnung den Mund nicht halten konnte, »… dann richten sie sich da wohnlich ein. Die legen Eier und ziehen ihre Nachkommen groß.«

Jennys Blick wurde panisch, dann sah sie Falko vorwurfsvoll an. »Wo hast du die nur aufgegabelt, du Stromer?«

Falko war nicht bereit, über diesen Punkt Auskunft zu geben, stattdessen hielt er Sonja den Kopf hin, um sich in der dichten Halskrause so richtig fest kraulen zu lassen. Da, wo es immer so verdammt juckte.

»Meistens holen sie sich die Flöhe von Wildtieren, von Igeln zum Beispiel. Auch Füchse kommen infrage und Rehe. Haben alle jede Menge Untermieter …«

Jenny sah angeekelt zu, wie Sonja die drei Flöhe mit einem Papiertuch zerdrückte.

Gut so, dachte Sonja. Je weniger sie mich leiden kann, desto besser.

»Und dieses Pulver – ist das nicht giftig?«, wollte Jenny besorgt wissen. »Ich habe eine kleine Tochter, die krabbelt und läuft überall herum …«

Richtig. Die Kleine war gerade ein Jahr alt geworden. Julchen hieß sie. Ein süßer Fratz, wie man so hörte. Sonja hörte so manches, auch wenn sie gar nicht neugierig darauf war.

»Es reicht, wenn Sie den Hund damit einreiben und ihn eine Weile von der Kleinen fernhalten, mehr müssen Sie nicht beachten.«

Falko ertrug die Impfung, ohne mit der Wimper zu zucken, und stürzte sich dann auf die Hundekekse, die Sonja ihm anbot. Netter Bursche, der Falko. So einen hätte Sonja auch gern gehabt. Aber vorläufig hatte sie zu wenig Geld. Wenn sie einen Hund hielt, dann sollte der anständiges Futter bekommen und nicht den Dosendreck, der jetzt auch hier im Osten verkauft wurde. Die reine Abfallverwertung: Fell, Haut, Hufe, Knochen – alles fein zermahlen, das nannte sich dann Fleischanteil. Das meiste war Getreide, weil das billig war, dazu noch Duftstoffe, damit die Pampe nach Fleisch roch, und Konservierungsstoffe, die für den menschlichen Verzehr verboten waren. Nee danke!

»Macht vierunddreißig fuffzig. Zahlen Sie bar, oder soll ich eine Rechnung schicken?«

Sie zahlte bar. Immerhin. Ein Wunder, dass die überhaupt noch Geld hatten, die Jenny Kettler und ihre Großmutter. So eine Renovierung, die fraß ordentlich Kohle. Aber vermutlich hatten sie rechtzeitig Fördermittel beantragt, und der Architekt, dieser Kacpar Woronski, würde auch keine Unsummen in Rechnung stellen. Weil der nämlich in die süße Jenny verknallt war. Ja, Sonja hatte in der Tat ihre Informanten und wusste Bescheid. Kalle Pechstein zum Beispiel, der war eine Schwatzdrossel. Eine verliebte Schwatzdrossel, denn der arme Kerl machte sich immer noch Hoffnungen auf Margret Rokowski, Mücke genannt. Tja – das Liebeskarussell drehte sich. Mal nach rechts, dann wieder nach links. Es schwankte und knirschte, aber wer sich mitdrehte, fand es großartig. Stand man allerdings daneben wie Sonja, hatte man eher das Gefühl, es mit einem Haufen Verrückter zu tun zu haben. Aber mit ihren fünfundvierzig Jahren war sie ja auch älter und erfahrener als die jungen Leute, hätte locker Jenny Kettlers Mutter sein können. Nun, das war sie zum Glück nicht.

»Ich wisch dann noch mal durch, bevor ich gehe«, unterbrach Tine ihre Gedanken.

Sonja warf einen prüfenden Blick auf das Regal und schob den Handsauger weiter nach hinten, dann schloss sie den Medikamentenschrank ab, damit nichts herausfallen und zu Bruch gehen konnte. »Prima, Tine. Ich komm nachher runter und sperre ab.«

»Bis morgen in alter Frische!«

»Sowieso!«

Sonja packte den Schreibkram zusammen, um ihn mit nach oben in ihre Wohnung zu nehmen. Das zweigeschossige Haus war ziemlich heruntergekommen, aber ihr fehlte das Geld für eine Renovierung. Sie hatte es von den Eltern einer Freundin gekauft, die gleich nach der Wende in den Westen gegangen waren – eigentlich ein Schnäppchen, denn sie hatte nicht viel dafür bezahlt. Zumindest nach westlichen Maßstäben. Trotzdem hatte sie einen Kredit aufnehmen müssen, weil sie ja auch die Einrichtung für die Tierarztpraxis brauchte. Ohne ihren Vater hätte sie das nicht stemmen können, der schickte ihr immer noch zweihundert Mark pro Monat, was ihm angeblich nichts ausmachte. Sonja wusste, dass das nicht stimmte. Walter Iversen musste sich ganz schön einschränken, um sie unterstützen zu können. Es gefiel ihr nicht, vor allem jetzt sollte er nicht mittellos dastehen, sonst würde er von seiner alten und neuen Flamme gnadenlos untergebuttert werden. Sie kannte die Frauen aus dem Westen, für die zählten nur Geld und Besitz. Wer nichts hatte, der war auch nichts wert. Aber leider brauchte sie Papas Zuschuss, die Praxis warf einfach nicht genug ab. Hier im Osten gab es längst nicht so viele Haustiere wie drüben im Westen. Die meisten Leute gingen hier arbeiten – auch die Frauen –, wer hatte da Zeit, sich um Hund oder Katze zu kümmern? Außerdem kosteten Tiere Geld, da kaufte man sich lieber einen neuen Fernseher. Die LPG, auf die sie gehofft hatte, hatte Kühe, Schweine und Geflügel längst abgegeben. Ab und an wurde sie in eines der umliegenden Dörfer gerufen, wo viele Leute noch Vieh hielten. Eigentlich war dafür ein Kollege zuständig, und sie sprang nur ein, wenn der krank oder sonst wie verhindert war. An den großen Reibach war da nicht zu denken.

»Das kommt schon noch«, hatte Tine gesagt. »Wenn das hier im Osten erst richtig läuft. Dann schaffen sich die Leute auch Schoßtierchen an. Und außerdem hat jemand erzählt, dass auf Gut Dranitz Reitpferde gehalten werden sollen. Für Kutschfahrten mit den Großkapitalisten, die sich im künftigen Wellnesshotel die Bäuche massieren lassen.«

Sonja hielt die Sache mit dem Wellnesshotel für ein Hirngespinst. Wer kam denn schon nach Dranitz, noch dazu, um so einen neumodischen Kram zu machen? In Dranitz sagten sich Fuchs und Hase Gute Nacht, da lohnte sich ein Hotel doch viel eher hier in Waren an der Müritz. In Waren hatte man den See vor der Nase, konnte Boot fahren, baden, spazieren gehen oder einkaufen. Gasthäuser, eine Eisdiele und ein oder zwei Bars gab es auch. In Dranitz war am Abend nichts los. Total tote Hose.

Sie warf einen Blick in den Kühlschrank und widerstand dem verlockenden Anblick des Kuchentellers, den Tine heute früh mitgebracht hatte. Familienfest – da wurde bei den Koptschiks immer ordentlich gegessen und der Rest großzügig in der Nachbarschaft verteilt. Dreimal Sahnetorte und zwei Stücke Nusskuchen hatte sie ihrer Chefin Sonja zugedacht.

»Sie können ruhig noch was vertragen, Frau Doktor Gebauer!«

Wenn man von Tines üppiger Statur ausging, hatte sie sogar recht. Ging man dagegen von Sonjas Vorstellung einer Traumfigur aus, hätte sie für den Rest ihres Lebens auf Sahne, Zucker und ähnliche Dickmacher verzichten müssen. Und auch dann war es fraglich, ob sie den boshaften Spitznamen »Moppelchen« jemals wieder loswurde. Wahrscheinlich nicht. Den hatten ihr damals die Mitschüler verpasst, der haftete an ihren Fersen wie ein klebriger Schatten. Sie war blond und mollig, besaß keine Taille, dafür aber einen üppigen Busen, der ihr als junges Mädel schrecklich peinlich gewesen war. Inzwischen hatte sie sich daran gewöhnt, trug einen festen BH mit breiten Trägern und antwortete auf anzügliche Bemerkungen mit bissigen Sprüchen.

Sie nahm den Rest Soljanka von gestern aus dem Kühlschrank, zündete den Gasherd an und setzte den Topf auf. Das Zeug schmeckte unwiderstehlich gut, und außerdem war kein Zucker drin. Nur Sahne wurde obendrauf gekippt, aber nicht viel. Gerade so, dass man den kühlen, sahnigen Geschmack auf der Rindswurst hatte. Jetzt noch schnell Suppenteller und Löffel auf den Küchentisch, dazu eine Zitronenlimo gleich aus der Flasche. Das musste sein. Zitronenlimo war auch früher immer ihr Seelentröster gewesen.

Während sie die Soljanka im Topf umrührte, schaute sie aus dem Küchenfenster. Dahinter sah sie rote und graue Dächer, eine Reihe Pappeln, die noch ohne Laub waren, und das Graue dahinter, das war die Müritz. Bei Regen hatte der See nur wenig Charme, aber wenn die Sonne schien, dann blitzten kleine Wellen auf, und das Wasser färbte sich blau wie der Himmel. Als Kind hatte sie oft in Dranitz am Seeufer gehockt, Steine ins Wasser geworfen oder Seejungfrauen aus Uferschlick modelliert – jetzt konnte sie von ihrem Küchenfenster aus die Müritz sehen, die weit und endlos war wie ein Meer. Das war das Beste an diesem Haus, vielleicht hatte sie es nur deshalb gekauft.

Sonja kippte gerade die verführerisch duftende Soljanka aus dem Topf auf ihren Teller und streckte schon die Hand nach der Sahneflasche aus, als das Telefon klingelte.

Mist, dachte sie. Immer beim Essen! Aber egal – wenn drüben in Federow der Tierarzt nicht auf Zack ist und ich einspringen kann, ist das auch gut.

Sie ließ die Soljanka stehen und lief ins Wohnzimmer, wo sie sich eine Büroecke eingerichtet hatte. Hoffnungsfroh hob sie den grauen Plastehörer ab.

»Guten Tag, Doktor Gebauer am Apparat.«

»Hallo, Sonja«, drang die Stimme ihres Vaters aus dem Hörer. »Ich störe dich hoffentlich nicht beim Essen?«

»Doch«, knurrte sie leicht unwirsch. »Aber was soll’s? Ich bin sowieso zu dick.«

Sie hörte ihren Vater seufzen und wusste genau, was er jetzt erwidern würde.

Prompt sagte er: »Warum redest du dir das bloß immer ein? Das ist Unsinn, Sonja.«

»Es kommt auf die inneren Werte an, nicht wahr?«, zitierte sie ihn schnippisch.

Er seufzte noch einmal, und sie bekam ein schlechtes Gewissen. Warum spielten sie jedes Mal dieses dumme alte Spiel? Sie jammerte, er wollte sie trösten, sie wies ihn bissig zurück. Anschließend fühlten sie sich beide schlecht und gingen einander aus dem Weg.

»Na schön, Papa. Warum rufst du an?«

Ihr Vater räusperte sich.

»Ich bin hier beim Packen und habe ein paar Sachen gefunden, die dir gehören. Ich dachte, du willst sie vielleicht anschauen, bevor ich sie wegwerfe.«

Ach herrje. Alte Erinnerungen, möglicherweise an ihre Schulzeit oder – was noch schlimmer wäre – an ihre grauenhafte Ehe. Jugendsünden. Das konnte er gern in die Tonne hauen. Obwohl … Vielleicht würde sie das eine oder andere Stück ja doch gern behalten.

»Also gut. Ich setz mich ins Auto und komme vorbei.«

»Fahr vorsichtig, Kind.«

»Mach ich doch immer, Papa!«

Nach Rostock waren es knapp hundert Kilometer – wenn sie flott fuhr, brauchte sie eine gute Stunde. Sonja fuhr immer flott, im Auto fühlte sie sich wie befreit, sie preschte durch die Alleen, flog über die Autobahn, holte alles aus ihrem hellblauen Renault heraus, was er unter der Haube hatte. Vielleicht saß sie so gern im Auto, weil dann dieser lästige Körper, in dem sie sich so unwohl fühlte, nicht länger hinderlich war.

Gedankenverloren löffelte sie ihre lauwarme Soljanka, vergaß sogar, die Sahne zuzufügen, und stellte das benutzte Geschirr anschließend in den Spülstein. Dann gönnte sie sich ein halbes Stück Schoko-Sahne und etwas Eierlikör-Sahne, einfach so, im Stehen unter dem Abdeckpapier aus Stanniol herausgelöffelt. Noch rasch unten die Praxis abschließen, und dann ging es los.

Sie kannte die Strecke in- und auswendig, war sie unzählige Male gefahren, seitdem sie wieder in den Osten übergesiedelt war. Gleich nach der Wende hatte sie sich zur Rückkehr entschlossen, weil sie sich drüben im Westen niemals wirklich wohlgefühlt hatte. Zuerst der Ehekrieg mit Markus, die Scheidung, das ganze Theater mit den Anwälten, die Vorwürfe, Anschuldigungen, Beleidigungen. Frustriert sei sie, abartig, frigide und was ihm noch alles eingefallen war. Tatsache war, dass sie niemals Lust auf Sex mit Markus gehabt hatte, was sich auch im Laufe der kurzen Ehe nicht änderte. Auch wenn er sich redlich bemüht hatte, das musste sie ihm lassen. Leise Musik, Kerzenlicht, Sekt, seidene Bettwäsche. Sie konnte dem nichts abgewinnen, ertrug kaum den schweißigen Geruch seiner Haut, seinen keuchenden, nach Zigarettenrauch stinkenden Atem. Ein- oder zweimal war sie so betrunken gewesen, dass sie alles mit sich machen ließ, danach blockte sie ab. Sie war heilfroh gewesen, als die Scheidung endlich durch war und sie ihn nicht mehr sehen musste. Erleichtert hatte sie sich auf ihr Studium der Veterinärmedizin konzentriert und nebenbei gejobbt, um zu überleben. Sie hatte gute Examensnoten bekommen und nach der Promotion sogar ein Angebot von der Pharmaindustrie – aber das wollte sie auf keinen Fall annehmen. Stattdessen arbeitete sie in einer Praxis, wo sich der Chef mehr und mehr von ihr ersetzen ließ, aber nur einen spärlichen Lohn bezahlte. Immerhin lernte sie eine ganze Menge, und schon bald wurde ihr klar, dass die Arbeit einer Tierärztin nicht besonders befriedigend war. Vor allem dann nicht, wenn einem Tiere wirklich am Herzen lagen. Es gab jede Menge vernachlässigter Tiere, aber noch mehr arme Viecher wurden von ihren Besitzern totgeliebt. Fett gefüttert, mit albernen Mäntelchen und Schuhen gequält, geknutscht, geküsst, mit Grippeviren infiziert, vermenschlicht, entwürdigt. Dr. Sonja Gebauer, die so stolz auf ihre großartigen Examensnoten gewesen war, erwies sich leider nur zu oft als Helfershelferin falscher Tierliebe. Vor allem aus diesem Grund hatte sie die Gelegenheit beim Schopf ergriffen, eine eigene Praxis zu eröffnen, und auch wenn es hart war, hatte sie es nie bereut.

Die Ernst-Reuter-Straße in Rostock hatte sich während der vergangenen Monate wenig verändert. Hie und da war ein Balkon in leuchtender Westfarbe gestrichen, ansonsten herrschte das vornehme Staubgrau aus DDR-Zeiten vor. Nur der Antennenwald auf den Dächern war dichter geworden. Die Häuser gehörten inzwischen der sogenannten »Treuhand«, die das volkseigene Vermögen der DDR verwaltete. Also den Besitz, der früher staatlich gewesen war und der eigentlich allen gehört hatte. Zumindest theoretisch. Sonja hatte lange genug im Westen gelebt, um zu wissen, dass dieses Vermögen in kürzester Zeit in den Taschen von wenigen großen Firmen und Privatleuten verschwinden würde. Markwirtschaft funktionierte nun einmal so. Dafür hatte jeder im goldenen Westen die Chance, durch eigene Kraft Millionär zu werden. Zumindest theoretisch …

Sie parkte den Wagen vor der Hausnummer 77 und stieg aus. Heute würde sie wohl zum letzten Mal diese Treppen hinaufsteigen und dabei den Mief einatmen, der sich aus den verschiedensten Wohnungsgerüchen und dem, was gerade in den Kochtöpfen brodelte, zusammensetzte. Es tat ihr nicht leid, sie hatte die Wohnung, die ihr Vater nach ihrer Flucht in den Westen bezogen hatte, nie gemocht. Dass er jetzt aber ausgerechnet nach Dranitz zurückkehren würde, lag ihr schwer im Magen. Eigentlich hatte sie gehofft, er würde zu ihr ziehen, Platz wäre genug da gewesen. Aber das hatte das Karussell verhindert. Das Liebeskarussell, auf das er noch in seinem Alter aufgesprungen war.

Seine Miene war vorwurfsvoll, als er ihr öffnete. »Du bist wieder viel zu schnell gefahren, Sonja! Ich hatte dich doch gebeten …«

»Wenn ich langsam fahre, werde ich unaufmerksam«, unterbrach sie ihn. »Also drücke ich auf die Tube. Rein aus Sicherheitsgründen.«

Er schüttelte nur den Kopf und trat zur Seite, um sie hereinzulassen.

»Ach du Schreck!«, rief sie, als sie das Chaos im Wohnzimmer sah. »Wo kommt denn all das Zeug her?«

Er schmunzelte nur und suchte in dem Durcheinander nach einer Kaffeetasse. Nach einer Weile förderte er tatsächlich eine zutage, goss ihr Kaffee aus der Thermoskanne ein, rührte Milch hinein und gab ein Stück Würfelzucker dazu.

Sonja zog die Jacke aus und kniete sich neben einen der vielen Kartons. Hatte sie es doch befürchtet. Ihre Schulsachen. Alles fein säuberlich aufgehoben.

»Das kann weg, Papa!«

Er hielt ihr die Tasse hin, und sie nahm sie und trank einen großen Schluck, während er eines ihrer Hefte in die Hand nahm und aufschlug.

»Wenn ich das anschaue, sehe ich dich wieder als kleines Schulmädel vor mir«, sagte er leise. »Mit dem Tornister auf dem Rücken und zwei blonden Zöpfen.«

»Bitte, verschone mich, Papa!«

Ein Heft aus der zweiten Klasse. Wie sauber und gerade sie da geschrieben hatte. Wie gedruckt saßen die Buchstaben zwischen den Hilfslinien. Mit roter Tinte war hier und dort ein Satz daruntergeschrieben, fast immer ein Lob. Sie hatte erst mit vierzehn begonnen, sich Ärger einzuhandeln, dann aber richtig. Zum Abitur wurde sie nicht zugelassen, angeblich war sie zu »unzuverlässig«. Später im Westen, in Hamburg, hatte sie das Abi auf der Abendschule nachgeholt. Sehr zum Ärger ihres damaligen Ehemannes, denn Markus war der Ansicht, sie brauche kein Abi. Im Westen bleibe die Frau daheim und kümmere sich um Haus und Kinder, während der Ehemann das Geld verdiene, behauptete er, aber auf so einen Quatsch hatte sie sich nicht eingelassen. Auch 1967 nicht, wo da drüben noch alles stockkonservativ war.

»Also ich brauche das Zeug auf keinen Fall, Papa«, sagte sie mit Nachdruck und fügte hinzu: »Trotzdem lieb, dass du es all die Jahre über aufgehoben hast.«

Er klappte das Heft zu und legte es wieder in den Karton, wühlte ein wenig darin herum und zog einen Zeichenblock heraus. Darauf hatte sie Tiere gezeichnet, mit Kohlestift und Buntstiften. Hunde, einen Bären, einen Löwen und ein Tier, das wie ein Fuchs aussah. Gar nicht mal schlecht. Sie konnte schon immer gut malen.

»Zeig mal her. Könnte ich vielleicht rahmen und in der Praxis aufhängen.«

Er freute sich und meinte, er habe irgendwo noch zwei Bilderrahmen, die könne sie verwenden.

»Wenn sie nicht zu altmodisch sind …«

»Sie stammen aus Dranitz, ich habe sie damals mitgenommen, als ich dort weggezogen bin.«

»Dann bring sie dorthin zurück! Ich will den Kram nicht haben.«

Sie öffnete einen weiteren Karton. O Gott – ihre Puppen. Die Spielsachen. Ein Harlekin im mottenzerfressenen Samtkleid, arg zerfledderte Bilderbücher, ein Teddybär mit nur einem Auge und kahlen Stellen im Fell. Alles roch fürchterlich nach Moder – wahrscheinlich hatten die Kartons im Keller gestanden.

»Das hast du alles aufgehoben, Papa?«, fragte sie hilflos.

»Ich konnte es nicht wegwerfen.«

Es tat ihr nicht gut, das alte Zeug zu durchwühlen. All die Erinnerungen, die dabei aufstiegen. Der Kindergarten, wo sie immer geheult hatte, wenn er sie am Morgen abgab. Die Abende, wenn sie in Papas Armen einschlief. Die Sonntage mit Limo und Stullen am Seeufer. Da hatte er ihr das Schwimmen beigebracht.

»Wenn du es nicht wegwerfen kannst, dann nehme ich es mit«, erklärte sie. Sie würde den alten Plunder auf einer Deponie entsorgen. Schluss damit. Nur keine Erinnerungen, die einem das Leben vergifteten.

Er nickte. Ganz sicher fühlte auch er sich befreit, wenn sie ihn von dem Zeug erlöste. Schließlich konnte er das nicht nach Dranitz mitnehmen. Das auf keinen Fall. Diese Sachen gingen nur sie und ihren Vater etwas an – die »Frau Baronin« hatte damit nichts zu tun.

Sie trank den Kaffee aus, der inzwischen kalt geworden war, und schaute sich um. »Noch mehr?«

»Nein«, sagte er. »Das war alles.«

»Du hast nicht etwa auch meine alten Klamotten aufgehoben?«, forschte sie grinsend. »Mein Schuhe? Das Radio? Meinen Wecker?«

Er lachte leise und schüttelte den Kopf.

»Du kannst unbesorgt sein. Ich habe zwar noch deinen Wecker, aber den brauche ich selber. Oder willst du ihn mitnehmen?«

»Um Himmels willen – nein!«

Sonja stand erleichtert auf und schob auf dem Sofa einen Stapel Handtücher beiseite, damit sie sich hinsetzen konnte. Ihr Vater ging hinüber in die Küche. Wie lange hatte er hier gewohnt?, überlegte sie.

Im Sommer 1967 war sie mit Markus, ihrem Freund, den sie schon aus dem Kindergarten kannte, in den Westen abgehauen. Später hatte sie erfahren, dass ihr Vater von der Stasi verhört und sogar eine Weile eingesperrt worden war. Wegen Mitwisserschaft. Dass er Verfolgter des Naziregimes gewesen war, hatte die nicht interessiert. Dabei hatte er überhaupt keine Ahnung von ihren Plänen gehabt. Auch Markus’ Familie war es nicht viel besser ergangen. Ja, die Stasi hatte den Hinterbliebenen von sogenannten Republikflüchtlingen das Leben zur Hölle machen können. Ihr Vater jedenfalls bekam nach seiner Haftentlassung eine Arbeit am Rostocker Hafen verpasst und hatte deshalb aus Dranitz wegziehen müssen. Das war Anfang 68 gewesen, rechnete Sonja nun. Er hatte also vierundzwanzig Jahre in dieser Wohnung verbracht. Vermutlich nicht ganz allein, er gefiel den Frauen, bestimmt hatte er die eine oder andere Beziehungen geführt. Aber das ging sie nichts an. Zum Glück.

Ihr Vater kam mit einem Teller Gebäck zurück, setzte sich auf einen Karton und reichte ihr den Teller. Anstandshalber nahm sie sich einen Keks, eigentlich mochte sie das trockene Zeug nicht.

»Ach ja«, sagte er und goss ihr Kaffee nach. »Da ist noch was. Es liegt drüben im Schlafzimmer in der Kommode. Warte mal …«

Er schlängelte sich zwischen mehreren Kartons hindurch und verschwand im Schlafzimmer. Kurz darauf kehrte er mit einem in rote Pappe gebundenen Büchlein zurück. Sonja erkannte es sofort und stöhnte auf.

»Mein Tagebuch! Das ist doch wohl nicht wahr!«

»Doch«, sagte er und legte es ihr in den Schoß. »Schau es dir an, Sonja, aber wirf es bitte nicht weg. Wenn du es wegwerfen möchtest, gib es lieber mir, ich würde es gern aufheben.«

Sie öffnete es nicht. Besah nur den roten Einband, der ihr jetzt recht blass vorkam. Er war mit unzähligen Kritzeleien verziert, Buchstaben, Figürchen, Ornamenten, Blümchen. Der Buchrücken war abgeschabt und an zwei Stellen aufgeplatzt. War ja auch schon ziemlich alt, das Büchlein, fast dreißig Jahre.

»Ich nehme es mit«, entschied sie. »Keine Sorge – ich schmeiß es nicht weg. Ist ja schon so was wie ein historisches Dokument, oder?«

»Das kann man wohl sagen. Vor allem aber ist es ein Teil von dir, Sonja.«

Er sah sie eindringlich an, und sie verstand, was er sagen wollte. Vergiss nicht, was früher war. Unsere gemeinsamen Jahre. Du und ich in der kleinen Dachwohnung im alten Gutshaus Dranitz. So viel Vertrauen, so viel Zärtlichkeit, so viel Liebe war damals zwischen Vater und Tochter gewesen.

Sie fühlte sich auf einmal beengt, der Raum kam ihr stickig vor, am liebsten hätte sie ein Fenster geöffnet. Kurz entschlossen stopfte sie ihr altes Tagebuch in die Handtasche und beschloss, es zu Hause im Schrank verschwinden zu lassen.

»Wo ist eigentlich Mamas Tagebuch?«, wollte sie wissen.

Er hatte es ihr zu lesen gegeben, als sie sechzehn war. Später hatte sie es oft aus seinem Schreibtisch genommen, meist, wenn sie allein war. Dann las sie wieder und wieder die gleichen Stellen, und oft hatte sie dabei weinen müssen. Es war schwer zu verstehen, dass dieses trotzige, eigenwillige junge Mädel, das diese Zeilen geschrieben hatte, ihre Mutter gewesen war. Elfriede von Dranitz hatte schreckliche Dinge erlebt – den Krieg, den Einmarsch der Russen, die Erschießung des Großvaters –, aber sie hatte auch bedingungslos geliebt und schien für eine kurze Zeit sehr, sehr glücklich gewesen zu sein. Sie wurde nur einundzwanzig Jahre alt.

»Ich habe es Franziska gegeben.«

Sonja sah an seinem verlegenen Gesichtsausdruck, dass er sich nicht wohl bei dieser Aussage fühlte. Dazu hatte er auch allen Grund, denn sie war wütend darüber.

»Du hast das Tagebuch meiner Mutter dieser … dieser Frau gegeben? Ohne mich vorher zu fragen?«

»Elfriede war ihre Schwester – vergiss das nicht, Sonja. Und außerdem fände ich es angebracht, wenn du endlich dieses alberne Versteckspiel aufgeben würdest. Du musst nicht glauben, Franziska und Jenny wüssten nicht längst Bescheid.«

»Das ist ja wohl meine Sache, Papa!« Sonja schnaubte wütend. »Diese Frau ist schuld am Tod meiner Mutter«, schleuderte sie ihm entgegen. »Anstatt sie mit in den Westen zu nehmen, hat sie sie in dieser Klinik gelassen.«

»Elfriede hatte Typhus, sie konnte sie nicht mitnehmen.«

»Dann hätte sie eben bei ihr bleiben müssen, bis sie gesund war!«

»Sie wurden gezwungen fortzugehen …«

»Ausreden! Alles nur Ausreden. Sie hat meine Mutter nicht leiden können, das war der Grund. Hätte sie sie mitgenommen, dann wäre Mama vielleicht heute noch am Leben!«

Er lächelte sie an, wie man ein kleines Mädel anlächelte, das Unsinn schwatzte.

»Dann gäbe es dich aber nicht, meine zornige Tochter.«

»Was kein großer Verlust für die Welt wäre«, knurrte sie.

»Da bin ich aber anderer Meinung!«

Sonja atmete tief durch, um ihren Ärger loszuwerden, dann fragte sie, wann die »gewesene Baronesse« das Tagebuch zurückzugeben gedenke.

»Ich werde sie darum bitten, Sonja. Sie ist morgen bei mir, um beim Packen zu helfen. Übermorgen kommt der Möbelwagen.« Er seufzte. »Wenn du dir doch einmal ein Herz fassen würdest, Sonja. Franziska würde dich mit offenen Armen empfangen.«

»Vergiss es!«

Er warf ihr einen resignierten Blick zu.

»Wir haben übrigens vor zu heiraten«, fügte er hinzu. »Im Mai, wenn der Frühling in voller Blüte ist.«

Sonja starrte ihn an und begriff, dass er es ernst meinte. Augenblicklich wurde ihr schlecht. Sie musste hier raus. Sofort. Sonst kotzte sie noch in einen dieser Kartons.

»Ich muss gehen, Papa«, stieß sie angespannt hervor, sprang auf und rannte aus der Wohnung.

Unten auf der Straße holte sie tief Luft und fühlte sich gleich etwas besser. Die Wut stieg wieder hoch und brachte ihren Kreislauf in Schwung. Heiraten! Sie hatte es also geschafft, diese penetrante Person. Sie hatte ihr den Vater weggenommen.

Jenny

»Flöhe hat er!«

Jenny stellte die Dose mit dem Flohpuder auf den Esstisch und sah sich suchend in Omas Wohnzimmer um. Natürlich. Sie hatte das arme Mädel wieder in diesen gruseligen Laufstall gepackt. Da stand Julchen nun, die Händchen umklammerten die hölzernen Gitterstäbe, an den runden Bäckchen klebte Karottenbrei.

»Flöhe?«, fragte Oma ungerührt, ohne von ihrer Schreibarbeit aufzusehen. »Das habe ich mir schon gedacht.«

Jenny ignorierte diese Bemerkung. Oma hatte etwas von Milben oder einem Hautekzem erzählt – aber Schwamm drüber. Sie lief zu ihrer Tochter und hob die zappelnde Jule aus ihrem Gefängnis.

»Dass du sie immer in dieses Teil da sperrst!«, schimpfte sie. »Schaut aus wie im Knast, das arme Kind. Da kann ich gar nicht hinsehen!«

Oma runzelte die Stirn und rückte die Brille zurecht. Aha – schlechte Laune. Dann saß sie wohl an den Rechnungen. Hatte sich einiges angesammelt, aber sie wollte Jenny ja keinen Einblick geben.

»Sie lässt mich nicht in Ruhe arbeiten, Jenny. Und im Laufstall kann ihr wenigstens nichts passieren.«

Seit ein paar Wochen lief Julchen breitbeinig und mit erstaunlicher Geschwindigkeit durch die Gegend, plumpste hin und wieder auf den windelgepolsterten Popo, stieß glucksende Laute aus und liebte es, Regale und Küchenschränke auszuräumen. Omas Tischdecken erwiesen sich als ausgesprochen unpraktisch, weil die wilde Jule sie mit allem, was darauf stand, vom Tisch zog. Da bisher kaum einer der Räume im Gutshaus wirklich fertig war und überall Kabel oder Nägel aus den Wänden ragten, musste man Julchens Aktivitäten mit Argusaugen überwachen.

Falko steckte die Nase durch den Türspalt und drückte die Tür auf, dann tappte er ganz unbefangen herein und ließ sich mit einem lauten Seufzer unter den Tisch plumpsen, den Kopf auf Omas Füße gelegt.

Jenny nahm Julchen hoch, die ihren Spielfreund mit einem begeisterten Aufschrei und einer liebevollen Umarmung begrüßen wollte.

»Neiiiiiiin!«, jammerte die Kleine und ruderte mit Armen und Beinen. Das Wort »nein« hatte sie gleich nach »Maaaa« gelernt.

»Keine Chance, Süße«, erklärte Jenny streng. »Nicht solange er eingepudert ist.«

Julchen stimmte ein ohrenbetäubendes Protestgeheul an. Sie erwies sich immer mehr als eine echte Dranitz: hartnäckig, willensstark und draufgängerisch. Nur die adelige Haltung ließ noch sehr zu wünschen übrig.

Falko schaute misstrauisch zu seiner brüllenden, zappelnden Freundin empor, machte aber keine Anstalten, ihr entgegenzukommen. Vermutlich war er ganz froh, nicht schon wieder an Ohren und Schwanz gezogen zu werden.

»Und was war sonst?«, rief Oma laut, um Julchens Gezeter zu übertönen.

»Gar nichts«, brüllte Jenny zurück. »Sie spielt weiter Theater mit uns, die verrückte Nudel … Schau mal, Julchen, deine Puppe, die Püppi will zu dir, mein Schatz …«

Julchen war keine gute Puppenmutter. Sie riss ihrer Mama die Stofffigur aus der Hand und schleuderte sie in hohem Bogen durch die Luft, sodass sie direkt auf Falkos Vorderpfoten landete. Der beschnüffelte das Flugobjekt und stieß es dann mit der Nase fort.

»Gib ihr einen Keks, dann beruhigt sie sich schon wieder«, riet Oma.

Diese Taktik wirkte auf der Stelle – Julchen griff nach dem Biskuit und stopfte ihn in den Mund. Schlagartig wurde es angenehm still. Jenny zog sich einen Stuhl heran und setzte sich zu ihrer Großmutter an den Tisch, der ihnen gleichzeitig als Esstisch diente. In der Küche hatten sie nur einen kleinen, provisorischen Tisch aufgestellt, an dem man höchstens zu dritt bequem sitzen konnte.

»Lange mache ich das nicht mehr mit, Oma. Beim nächsten Mal sage ich ›Tante‹ zu ihr. Was denkt die sich eigentlich? Dass wir blöd sind? Jeder hier im Dorf weiß Bescheid, da kann sie es sich doch an zehn Fingern ausrechnen, dass es längst zu uns durchgesickert ist.«

Oma legte den Stift auf das beschriebene Papier und sah Jenny streng an.

»Walter hat mich um Zurückhaltung gebeten. Er findet es wichtig, dass Sonja den ersten Schritt tut.«

Das war Jenny bekannt. Aber langsam ging ihr diese Sonja mächtig auf die Nerven. Wie konnte ein Mensch nur so stur sein? Was hatten sie ihr denn getan, dass sie nichts von ihnen wissen wollte? Hatte sie es am Ende etwa auf das Gutshaus abgesehen, und sie waren ihr zuvorgekommen? Oder hatte sie generell etwas gegen Verwandte aus dem Westen? Aber das passte auch nicht – schließlich hatte sie selber lange Jahre im Westen gelebt.

»Weißt du was?«, fragte Oma und schnappte sich rasch ihren Kugelschreiber, bevor Julchen ihn an sich riss. »Ich schicke ihr eine Einladung zu unserer Hochzeit. Schlicht und unverbindlich.«

Woher nahm Oma nur immer ihre verrückten Einfälle? Warum sollte Sonja ausgerechnet zur Hochzeit ihres Vaters kommen, wenn sie schon vorher nichts mit der neuen Verwandtschaft zu tun haben wollte?

»Wenn du meinst«, sagte sie zweifelnd. »Wen willst du überhaupt einladen? Wir feiern doch im kleinen Kreis, oder?«

»Ich habe bis jetzt acht Personen auf der Liste stehen: Mine, Karl-Erich, Mücke und Kacpar, Kalle, Wolf und Anne Junkers. Und Sonja. Ach ja: nicht zu vergessen den Ulli. Dazu kommen dann wir drei. Mit Julchen sind wir vier …«

»Das geht schon mal gar nicht, Oma!«

Irritiert blickte ihre Großmutter sie an und schob die Brille auf die Nasenspitze. »Warum soll das nicht gehen?«

»Weil wir dann insgesamt dreizehn Personen sind. Das bringt Unglück.«

Oma lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. »Du bist doch nicht etwa abergläubisch, oder?«, fragte sie heiter.

»Bei einer Hochzeit kann man nicht vorsichtig genug sein«, behauptete Jenny mit ernster Miene.

Schmunzelnd erwiderte Oma, da habe sie nicht ganz unrecht. Aber sie habe sich diesen Schritt gründlich überlegt, und außerdem sei die Initiative von Walter gekommen. Der sei der Ansicht, nach einer Verlobungszeit von über fünfzig Jahren berge eine Heirat eigentlich kein Risiko mehr.

»Wenn dich die Zahl dreizehn stört – ich hatte eigentlich vor, auch meine Tochter Cornelia einzuladen.«

Jenny nahm Julchen den Kaffeelöffel aus der Hand, mit dem sie nun auf Omas Untertasse hämmerte.

»Du willst Mama einladen? Das ist doch wohl nicht dein Ernst!«

Ein Blick in das Gesicht ihrer Großmutter zeigte ihr, dass diese keinen Scherz machte. Ach du liebe Güte! Jenny wusste, dass sie kaum eine Chance hatte, ihr dieses Vorhaben auszureden. Sie konnte nur hoffen, dass ihre Mutter der Einladung nicht folgen würde. Mama hielt nicht viel von Familienfeiern, zur Beerdigung des Großvaters damals war sie auch nur widerwillig erschienen.

»Ich finde, Cornelia hat ein Recht darauf, Jenny. Zumindest sollte sie erfahren, dass ihre Mutter eine zweite Ehe eingeht. Findest du nicht auch?«

Jenny zuckte die Schultern. Sie kannte doch ihre Mutter. Cornelia verachtete die Ehe als »bürgerliche Zwangsgemeinschaft«, die zwei Menschen zur Monogamie verurteile. Männer und Frauen seien aber polygam veranlagt, daher plädiere sie für die freie Liebe und ein Leben in einer Kleingruppe. So hatte sie zumindest damals geredet, und Jenny konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Mutter sich inzwischen geändert hatte.

»Was hast du nur gegen deine Mutter, Jenny?« Oma seufzte. »Wäre es nicht an der Zeit, einen Schritt aufeinander zuzugehen?«

»Nein!«

»Ich glaube, dass sie dich sehr liebt und sich Gedanken um dich macht.«

»Damit hätte sie früher anfangen sollen«, entfuhr es Jenny.

Auf einmal kamen ihr eine Menge Dinge hoch, die ihr schon immer auf der Seele gelegen hatten. Mamas Herzlosigkeit. Ihre abgefahrenen Theorien. Ihre hysterischen Anfälle. Ohrfeigen hatte sie ausgeteilt – aber dann immer von antiautoritärer Erziehung geschwafelt.

»Einmal bin ich hingefallen und hatte blutige Knie. Glaubst du, sie hätte mich getröstet? Sich um meine Knie gekümmert? Nee – sie musste irgendwelche Flugblätter verteilen, und weg war sie. Der Bernd, das war einer aus der WG, der hat mir Pflaster auf die Knie geklebt. Und als ich Masern hatte, saß die Maria bei mir. Oder die Biggi. Aber niemals Mama, die hatte immer Besseres zu tun, als sich um ihre Tochter zu kümmern. Was hat sie noch gleich gesagt? Wechselnde Bezugspersonen seien für Kinder wichtig. Sie hatte immer einen Spruch auf Lager, um ihren Egoismus und ihre Lieblosigkeit zu tarnen.«

Jenny hatte sich in Rage geredet und Dinge erzählt, die sie noch niemandem offenbart hatte. Es war einfach so aus ihr herausgeplatzt, und vor lauter Empörung waren ihr sogar die Tränen gekommen. Julchen musste die Aufregung ihrer Mutter gespürt haben, denn sie fing an zu quengeln und wollte rüber zu Oma.

»Ach Gott«, sagte Franziska und nahm ihr die Kleine ab. »Das hab ich doch alles nicht gewusst. Armes Mädel. Wenn ich das geahnt hätte …«

»Schon in Ordnung«, schniefte Jenny. »Ist ja lange vorbei. Aber jetzt weißt du, warum ich Mama hier nicht haben will.«

»Vielleicht würde es euch beiden guttun, wenn ihr euch aussprecht«, überlegte Franziska.

»Vergiss es!«

Die alte Dame schwieg bedrückt und gab Julchen noch einen Keks. Falko war unter dem Tisch aufgestanden und legte bettelnd seine feuchte Schnauze auf Jennys Knie. Auf dem Teppich erspähte Jenny mehrere kleine, schwarze Punkte. Pfui! Das Pülverchen schien ausgesprochen schnell zu wirken.

»Das ist wohl alles meine Schuld«, sagte Oma bekümmert. »Ich habe in der Firma mitgearbeitet, und Conny war ein Schlüsselkind. Aber was hätte ich tun sollen? Wir wollten wieder hochkommen, wieder wer sein, nicht mehr als die dahergelaufenen Schmarotzer angesehen werden …«

»Ach, lass doch die alten Geschichten, Oma«, wehrte Jenny ab.

»Der Krieg war schuld. Ohne diesen elenden Krieg wäre unsere Familie jetzt nicht so furchtbar zerstritten. Der Krieg und die Vertreibung aus Dranitz.«

Jenny bereute ihre Geständnisse bereits. Oma machte ihrer Meinung nach viel zu viel Aufhebens um das, was sie Familie nannte. Wozu brauchte sie ihre Mutter hier auf Dranitz? Sie kam ohne Cornelia bestens zurecht.

»Weißt du, Oma«, sagte sie gedehnt. »Ich glaube, die Dranitz’schen Frauen hätten auch ohne Krieg miteinander gestritten.«

»Unsinn«, regte sich Oma auf. »Ich hatte niemals Streit mit meiner Mutter.«

»Und mit deiner kleinen Schwester Elfriede?«

Oma schnaubte und blieb ihr die Antwort schuldig. Stattdessen nahm sie einen Zettel aus Julchens klebrigen Fingern und erklärte Jenny den geplanten Ablauf der Feier. Das wollte gut durchdacht sein, bis Mai war es schließlich gar nicht mehr lange. Um elf würde sie Walter auf dem Standesamt in Waren das Jawort geben. Um ein Uhr mittags sollte das Hochzeitsessen im engeren Kreis im Gutshaus stattfinden. Bis dahin mussten die Restaurierungsarbeiten unten im Saal abgeschlossen sein. Ab achtzehn Uhr war eine offene Feier im Festzelt unten am See mit kaltem Buffet und Getränken, Lampions, Musik und Tanz geplant.

»Und wer soll da kommen?«

»Die Leute aus dem Dorf, Freunde und Bekannte – wer Lust darauf hat.«

Jenny fand die Planung für eine »kleine Hochzeit im engsten Familienkreis« ganz schön aufwendig. Aber das war schon in Ordnung, Oma und ihr Walter hatten es sich verdient.

»Habt ihr schon eine Hochzeitsreise gebucht?«, wollte sie wissen. »Venedig? Antarktis? Karibik?«

»Um Gottes willen – wo denkst du hin, Jenny? Das alles ist viel zu teuer, und außerdem bin ich hier nicht abkömmlich, solange am Gutshaus gebaut wird.«

»Ach, komm schon, Oma. Einmal im Leben muss das doch drin sein. Ich wette, du und Opa, ihr habt euch damals auch die Hochzeitsreise verkniffen, oder?«

»Nun ja, wir sind am Sonntag zusammen auf den Rummelplatz gegangen …«

»Großer Gott! Da habt ihr wohl so richtig einen draufgemacht, wie?«

Oma ärgerte sich über die Ironie.

»Das waren andere Zeiten, Jenny«, sagte sie abweisend. »Da hat man das bisschen Geld, das man besaß, festhalten müssen.«

Jenny gab es auf. Oma Franziska war eine, die immer einen Grund fand, sich ein Vergnügen zu verkneifen. Dabei hatte sie nach Jennys Ansicht einen Urlaub dringend nötig. Es grenzte schon an ein Wunder, dass sie alles, was seit zwei Jahren auf sie einstürmte, bisher einigermaßen verkraftet hatte. Schließlich war sie nicht mehr die Jüngste.

»Soll ich dir noch beim Abwasch helfen, Oma?«

Sie hatte es sich angewöhnt, mit Julchen bei Oma im Gutshaus zu Mittag zu essen. Oma kochte gut und gern, und Julchen mampfte begeistert kleingedrückte Kartoffeln mit Gemüse und Soße, noch lieber aber den Vanillepudding, den Oma mit Himbeersaft zum Nachtisch machte.

»Brauchst du nicht. Das erledige ich später.«

»Na gut. Dann machen wir uns mal auf die Socken, Julchen und ich. Vergiss nicht, Falko heute Abend noch mal einzupudern!«

Oma gab ihrer Urenkelin zum Abschied einen dicken Schmatz, dann zog sie ihr die rosa, wattierte Jacke an, die sie im Katalog bestellt hatte. Anschließend setzte sie Julchen die Wollmütze auf und streifte ihr die winzigen Schuhe über. Jenny verkniff sich die Bemerkung, dass es draußen nicht kalt sei – Oma war der festen Überzeugung, dass Julchen sofort eine Mittelohrentzündung bekam, wenn sie im März ohne Mütze bis zum Auto getragen wurde.

Es regnete schon wieder. Sie musste höllisch aufpassen, dass sie nicht ausrutschte, wenn sie sich mit Julchen auf dem Arm einen Weg durch den ganzen Bauschutt bahnte, der das Gutshaus umgab. Für nächste Woche war eine Containerfirma bestellt, die den Schrott abholen sollte.

Während Jenny ihren Kadett aufschloss, warf sie einen raschen Blick auf das Gutshaus, das bei diesem tristen Wetter keinen einladenden Eindruck machte. Ja – der Dachstuhl war erneuert, das Dach nach mehreren Reklamationen endlich dicht, dafür gingen die Innenarbeiten nur schleppend voran. Vielleicht war sie einfach zu ungeduldig, aber Jenny hatte den Eindruck, dass sie die meiste Zeit mit Warten verbrachten. Klar – sie hatten selber Hand angelegt, tagelang hatten sie gemeinsam mit ihrem Archikten Kacpar Woronski, mit dem Jenny früher in Berlin in einem Architekturbüro zusammengearbeitet hatte, Schutt aus den Räumen nach draußen getragen, damit die Elektriker freie Bahn hatten. Leider gab es immer wieder Handwerkerfirmen, die ihre Arbeit recht vielversprechend begannen, doch dann tagelang wegblieben, weil sie auf eine andere Baustelle gerufen wurden. Wenn sie endlich wieder auftauchten, war es meist Freitag und damit Wochenende. Es hatte fast zwei Monate gedauert, bis die Heizung endlich überall eingebaut war, und noch einmal eine Woche, bis sie auch fehlerfrei arbeitete. Nein, wenn sie ehrlich war, dann hatte sie sich den Umbau sehr viel einfacher und vor allem zügiger vorgestellt.

Jenny dachte an ihre Zeit im Architekturbüro Strassner in der Kantstraße zurück – was sie ausgesprochen ungern tat – und meinte, sich zu erinnern, dass sich ein gewisser Simon Strassner, ihr damaliger Chef und Geliebter, niemals von Handwerkerfirmen auf der Nase herumtanzen ließ. Er hatte da so seine Methoden. Wenngleich er die für sich behielt.

Sie schnallte Julchen im Kindersitz fest und gab ihr den Teddy, damit sie ein Schläfchen hielt. Der Teddy – ein Weihnachtsgeschenk von Mücke – war beim Autofahren unentbehrlich. Sobald die nörgelnde Jule das braune Plüschteil im Arm hatte, steckte sie eines der schon angenuckelten Bärenohren samt Daumen in den Mund, und sofort fielen ihr die Augen zu. Jenny hatte Mühe, den Kadett aus der Pfütze, in der sie sorglos geparkt hatte, wieder herauszumanövrieren, denn der Nieselregen war heimtückisch und hatte den kaum abgetrockneten Boden wieder aufgeweicht. Auf der Straße zum Dorf kam ihr ein wohlbekannter, knallroter Transporter entgegen – der Elektriker, der sich eigentlich für heute früh um sieben angesagt hatte, aber nicht erschienen war. Jetzt war es zehn vor vier – da war der ganz sicher auf dem Heimweg. Vor Ärger fuhr sie am Dorfeingang durch eine der breiten Pfützen, sodass das Dreckwasser hochspritzte. Im Rückspiegel sah sie eine Gestalt, die zornig die Fäuste schwang. Erschrocken trat Jenny auf die Bremse und kurbelte aufgeregt das Fenster herunter.

»Machst du das mit Absicht?«, hörte sie die klatschnasse Gestalt rufen, die sich ihr mit großen Schritten näherte, neben der Fahrertür stehen blieb und die triefende Mütze abnahm.

O Gott – das war ja der Ulli! »Das … das tut mir schrecklich leid«, stotterte sie. »Ich dachte, du bist in Österreich. Nein, ich meine natürlich, ich hab dich nicht gesehen …« Was rede ich denn für einen Stuss?, dachte sie. Jetzt denkt der bestimmt, ich bin nicht ganz bei Trost.

»Mit einem Kind hinten drin sollte man nicht so rasen!«

Am liebsten hätte sie erwidert, dass er Julchen bitte aus dem Spiel lassen solle, aber weil er erstens im Recht war und zweitens wie eine gebadete Maus aussah, verzichtete sie auf Widerspruch.

»Ich zahle die Reinigung. Okay?«

Ulli schlenkerte die nasse Mütze, verzichtete aber darauf, sie wieder aufzusetzen.

»Quatsch«, knurrte er. »Pass halt in Zukunft besser auf. Weißt du, wo Mücke ist?«

Aha – daher wehte der Wind. Frisch aus Schladming zurück – wo er vermutlich die Bedingungen für die Scheidung von seiner Angela ausgehandelt hatte –, wollte er gleich mal schauen, ob Mücke für ihn frei war. Pech gehabt, Junge.

»Mücke? Die ist in Waren. Hat da einen Job als Springerin im Kindergarten. Hier haben sie ja leider zugemacht.«

Hatte er das noch mitbekommen? Sie überlegte, wann er eigentlich nach Schladming gefahren war. Kurz nach Weihnachten. Da hatte er wohl gleich noch einen netten Skiurlaub verbracht. Woher er wohl die Kohle dazu hatte? Soweit Jenny wusste, war der Ulli inzwischen auf Kurzarbeit.

»Wohnt sie noch bei ihren Eltern?«

»Klar. Zusammen mit Kacpar. Den haben die Rokowskis inzwischen bei sich aufgenommen.«

»Soso.«

Ulli drehte die nasse Mütze in den Händen und starrte bekümmert vor sich hin. Als er merkte, dass sie ihn ansah, nahm er sich zusammen und setzte einen gespielt gleichgültigen Gesichtsausdruck auf.

»Warst du noch nicht bei deinen Großeltern?«, wollte Jenny wissen.

»Bin auf dem Weg zu ihnen.«

»Na ja«, sagte Jenny lächelnd. »Da wird Mine dir bestimmt alle Neuigkeiten haarklein berichten.«

Ihr Lächeln war ansteckend, auch Ulli erlaubte sich jetzt ein schwaches Grinsen.

»Geht’s deiner Oma gut?«, erkundigte er sich.

»Prächtig. Sie heiratet im Mai.«

»Ach du lieber Gott!«

Hinter ihr hupte ein Lastwagen, weil sie die schmale Dorfstraße versperrte.

»Bis später dann. Kannst ruhig mal vorbeikommen, Julchen freut sich.«

Er hob die Hand zum Abschied und sprang eilig zur Seite, weil der Laster jetzt ebenfalls durch die Pfütze fuhr. Jenny wartete, bis der große Transporter verschwunden war, dann gab sie Gas. Als sie einen Blick in den Rückspiegel warf, sah sie Ulli eilig in einer Seitengasse verschwinden – ein großer Kerl, breitschultrig, sportlich. Letztes Jahr war er bei Gewitter in Rekordzeit über den Dranitzer See gerudert. Danach hatte er sie geküsst, ganz plötzlich. Sie war so verblüfft gewesen, dass sie ihm eine runtergehauen hatte. Was ihr jetzt etwas leidtat, denn im Grunde hatte es ihr gefallen. Er gefiel ihr überhaupt, der Ulli. Aber irgendwie passten sie nicht zueinander, hatten sich zerstritten, und jetzt stand er anscheinend auf Mücke. Ihre Freundin Mücke war momentan heiß umschwärmt. Nicht nur Ulli bemühte sich um sie, da war auch noch Kalle, der ihr nachstieg. Und natürlich Kacpar, ihr Freund.

Wenn sie ehrlich war, dann musste sich Jenny eingestehen, dass da schon ein wenig Neid aufkam. Die liebe, kleine, pummelige Mücke hatte gleich drei Verehrer um sich geschart, während sie selbst, die sie sich bisher für unwiderstehlich gehalten hatte, keinen einzigen Bewerber in ihrer Nähe wusste. Zumindest keinen, der ihr gefiel.

Dafür habe ich Julchen, dachte sie trotzig. Und Oma. Aber Oma hatte ihren Walter, und Jenny hatte den Eindruck, dass die wiedergefundene Jugendliebe Omas Leidenschaft für das Gutshaus hatte abkühlen lassen. Natürlich gönnte Jenny ihrer Großmutter dieses späte Glück von Herzen, aber manchmal wurde sie das Gefühl nicht los, mit den säumigen Handwerkern, den Mängeln und Reklamationen ganz allein dazustehen. Auch die weiter anstehenden Baumaßnahmen schienen Oma auf einmal nicht mehr so eilig zu sein. Anstatt zügig auf das Ziel »Gutshotel Dranitz – Wellness für Leib und Seele« hinzuarbeiten, redete sie immer häufiger von ihrer Familie, die durch den Krieg in alle Winde zerstreut worden war, und davon, dass man die Familienmitglieder wieder miteinander versöhnen müsse. Jenny war geneigt, das für eine Art Alterserscheinung zu halten. Und überhaupt: Wenn Oma unbedingt in Familie machen wollte, dann war jetzt bestimmt nicht der richtige Zeitpunkt dafür.

Ihr Wohnhaus kam in Sicht. Jenny parkte den Wagen, stieg aus und schleppte bedrückt das schlafende Julchen samt Teddy die Treppe hinauf. Vor ihrer Wohnungstür lag ein dicker, brauner Umschlag. Hurra, die Fernschule hatte geantwortet! Augenblicklich besserte sich ihre Stimmung um ganze hundert Prozent. Ihre Tochter mit dem rechten Arm haltend, bückte sie sich und hob den Umschlag mit der linken Hand vom Boden auf, dann klemmte sie ihn zwischen die Zähne und schloss die Tür auf. Sie hatte die Annonce in der Zeitung gesehen und um Infomaterial gebeten, denn schon seit Längerem spukte in ihrem Kopf die Idee herum, Betriebswirtschaft zu studieren. Damit sie später das Gutshotel Dranitz qualifiziert leiten konnte. Aber dazu musste sie leider erst einmal ihr Abi machen. Was für ein Mist, dass sie damals die Schule geschmissen hatte! Aber egal – Fehler konnte man wiedergutmachen, dazu musste sie nur das blöde Abitur nachholen. Leider würde sie Oma anpumpen müssen, denn der Fernlehrgang kostete vermutlich einiges. Aber es war ja für ihre Zukunft, die auch die Zukunft von Gut Dranitz war. Ein Wellnesshotel mit Sauna und Pool, einem Reitstall, Kutschfahrten, Ruderbooten am See – eine richtige Oase für ausgebrannte Städter, so wie sie in letzter Zeit in Berlin aus dem Boden schossen. Kräuterbäder und Massagen, Sekt und Häppchen, vielleicht auch Vorträge, Konzerte, Kleinkunstabende – Wellness für Leib und Seele eben. Wenn sie sich das alles in ihrer Fantasie ausmalte, fasste sie wieder Mut, und die Durststrecken erschienen ihr nicht ganz so mühselig.

»Maaa!«, quengelte Julchen und zappelte auf ihrem Arm. Sie stellte ihre Tochter auf die Füße, schloss die Haustür hinter sich und sah zu, wie die Kleine durch den Flur ins Kinderzimmer wackelte. An der Türschwelle stolperte sie und fiel vornüber auf den Holzfußboden. Jenny rannte zu ihr, nahm sie tröstend an die Hand und ging mit ihr in die Küche.

»Jetzt geht’s es erst mal in die Badewanne, und dann gibt es lecker Brei. Schau doch mal, der Teddy ist auch schon da.«

Zum Glück heulte Julchen nicht. Wenn sie überdreht war, weinte sie für gewöhnlich bei jeder harmlosen Kleinigkeit, während sie andere Male so richtig feste auf die Nase fiel und lachend wieder aufstand. Ach, sie war schon eine süße Maus, ihre kleine Jule. Je älter sie wurde, desto mehr konnte man mit ihr anfangen. Jetzt verstand sie schon fast alles, man konnte ihr vorlesen, Bilder zeigen, Verstecken spielen. Besonders das Baden war ihre Leidenschaft, da plantschte sie in der hellblauen Kinderwanne und setzte das Badezimmer unter Wasser. Auch dieses Mal bekam Jenny einen ordentlichen Schwall Badewasser ab und saß anschließend mit nasser Hose im Wohnzimmer, um die Kleine mit Grießbrei vollzustopfen. Zum Glück war Julchen eine gute Esserin, und je mehr Brei sie am Abend zu sich nahm, desto besser hielt sie die Nacht über durch.

Nach dem Essen folgte ein kurzes Spielprogramm: kitzeln, den Teddy unter dem Badetuch verstecken, strampeln, Mama den Zeigefinger in den Mund stecken und dabei vor Freude quietschen.

»Jetzt kommt aber gleich der Sandmann …«

Julchen war anderer Meinung, aber ihre Mama trug sie trotzdem in das von den Rokowskis geliehene Gitterbettchen, in dem schon Mücke gelegen hatte. Die schön geschnitzte Wiege, die Mine vom Dachboden des Gutshauses gerettet hatte, war für Jennys Tochter längst zu klein geworden.

Im Bett war Vorlesezeit. Mücke hatte Jenny verschiedene Bilderbücher aus DDR-Kindergartenzeiten gebracht, vor allem Märchen, aber auch Kindergedichte und Reime. Fröschlein Eigensinn war auch darunter, und Julchen liebte das liebevoll gestaltete Buch, vielleicht weil das Fröschlein genauso eigensinnig war wie sie selbst. Doch jetzt gab es Kinderreime. Die Kleine hörte aufmerksam zu und wollte nach kurzer Zeit das Buch an sich reißen, um es in den Mund zu stecken. Besser waren Spiele mit den Fingern, Oma kannte jede Menge, und Jenny hatte sie übernommen.

»Das ist der Daumen, der schüttelt die Pflaumen, der hebt sie auf, der trägt sie nach Haus, und der Kleine, der isst sie alle auf!« Bei der letzten Zeile wurde Julchen gekitzelt, darauf lauerte sie schon gleich zu Anfang. Komisch, dass die einfachsten und ältesten Sachen immer noch am besten ankamen. Jenny sang noch ein Schlaflied und dachte wieder einmal daran, dass ihr niemand ein Kinderlied vorgesungen hatte, als sie klein gewesen war; sie war auf dem Sofa eingeschlafen, während drüben in der Küche zu Beatmusik heiß diskutiert und geraucht wurde. Was hatte sie doch für eine miese Kindheit gehabt! Nein, ihre Tochter sollte es besser haben.

Jenny blieb bei Julchen am Bettchen sitzen, bis sie eingeschlafen war. Erst dann stand sie auf, zog ihr die Decke zurecht und ging auf Zehenspitzen hinüber ins Wohnzimmer, um sich endlich dem Umschlag der Fernschule zu widmen. Jede Menge Prospekte auf Hochglanzpapier fielen ihr entgegen. Ganz schön teuer waren diese Kurse. Hoffentlich konnte sie Oma davon überzeugen, für die Bildung ihrer einzigen Enkelin so viel Kohle anzulegen.

Jenny vertiefte sich in das Lernprogramm und überlegte, wie sie Bauarbeiten, Kind und Abitur unter einen Hut bekommen sollte. Sie war doch jetzt schon todmüde! Eine Weile saß sie einfach nur da, den Kopf in die Hände gestützt, und starrte auf ihre Notizen, dann glitt sie, ohne es zu merken, hinüber in das Land der Träume.

Mine

Sie hätte den Schlüssel mitnehmen sollen, aber Karl-Erich war ja zu Hause und konnte ihr aufmachen. Es dauerte nur ein Weilchen, bis er aufgestanden und zur Tür gehumpelt war. Mine seufzte und stellte die beiden schweren Einkaufstaschen ab.

»Ist alles in Ordnung, Mine?«, rief Tillie Rokowski durchs Treppenhaus nach oben.

»Ja, ja … kannst weiterfahren. Und schönen Dank auch!«

Tillie gab sich noch nicht zufrieden. Eigentlich lieb von ihr, trotzdem war es Mine jetzt lästig.

»Macht der Karl-Erich nicht auf?«, fragte sie besorgt.

»Doch, doch. Er kommt schon.«

»Wenn was ist, kommst du zu uns rüber, Mine. Weißt ja …«

»Ja, ja …«

Unten fiel die Haustür ins Schloss, und Mine dachte, dass es schon ein Elend war mit der neuen Zeit. Früher war sie eben mal rüber zum Konsum gelaufen, das war ein Viertelstündchen zu Fuß, und als sie noch jünger war, schaffte sie es in zehn Minuten. Manchmal war sie dreimal am Tag gegangen, schon weil man im Konsum immer Bekannte traf und einen Schwatz halten konnte. Aber jetzt war der Konsum schon lange geschlossen, und man musste nach Waren zum Einkaufen. Das ging jedoch nur, wenn jemand sie im Auto mitnahm, denn der Bus fuhr nur einmal am Morgen und dann wieder am Abend – so lange konnte sie Karl-Erich nicht allein lassen. Ach, es machte kein Vergnügen, immer von anderen Menschen abhängig zu sein.

Jetzt hörte sie endlich Karl-Erichs unregelmäßige Schritte und sein Keuchen, weil ihm das Gehen Schmerzen bereitete. Seit einiger Zeit waren seine Füße und die Knöchel geschwollen – da machte es keinen Spaß, in der Wohnung herumzulaufen.

»Da bist du ja«, sagte er, als er die Tür öffnete. »Hast aber lange gebraucht. Wohl noch einen Kaffee getrunken, wie?«

Er grinste schief und verzog gleich darauf das Gesicht, weil er mit dem rechten Fuß gegen die offenstehende Tür gestoßen war.

Mine schleppte die Taschen in die Küche und stellte sie auf dem Tisch ab. Früher hatte er ihr immer beim Tragen geholfen. Schwere Kohlensäcke hatte er wie leichte Bündel über die Schulter geworfen, zwei Einkaufstaschen trug er mit einer Hand, schlenkerte sie herum und lachte, wenn sie angstvoll rief, er solle aufpassen, dass die Mehltüte oder die Milchflasche nicht herausfielen. Jetzt hatte er Mühe, seinen eigenen, vom Rheuma verbogenen Körper voranzubringen.

»Ja, Kaffee haben wir schon getrunken«, gab sie zu. »Ich kann der Tillie ja nicht vorschreiben, was sie zu tun hat, wenn die mich schon mitnimmt. Und die Anna Loop war ja auch dabei, die wollte die Schwarzwälder Kirschtorte probieren.«

Karl-Erich setzte sich langsam auf seinen Küchenstuhl, wobei er die Fäuste auf den Tisch stützte und sich das letzte Stück einfach nach hinten auf den Sitz plumpsen ließ. Wenn er es geschafft hatte, seufzte er erleichtert und rückte sich das Kissen im Rücken zurecht.

»Ich sag ja nichts«, beschwichtigte er. »Freu mich doch, wenn du mal rauskommst. Haste auch Kuchen gegessen?«

Mine räumte Zucker, Salz, Puddingpulver und Zitronen aus der Einkaufstasche, dann noch zwei Kilo Mehl und die Trockenhefe, die war praktisch, weil man sie gut aufheben konnte.

»Hab ein Stück Marmorkuchen gegessen«, erzählte sie. »War aber nur süß und klebrig, den backe ich selber viel besser. Mit Ei und guter Butter.«

Er hatte den neuen Fernseher im Wohnzimmer angeschaltet und war auf dem Sessel eingeschlafen. Vom Sessel kam er immer schlecht hoch, deshalb hatte sie auch so lange vor der Tür warten müssen. Nächstes Mal würde sie ganz bestimmt an den Hausschlüssel denken.

Mine setzte Wasser auf und stellte den Porzellanfilter auf die Kanne. Die neumodischen Kaffeemaschinen, die jetzt in jedem Haushalt Einzug hielten, mochte sie nicht – da kam der Kaffee nur lauwarm raus und schmeckte irgendwie nach Plaste. Der Kaffee allerdings, den man jetzt zu kaufen bekam, der war gut. Kein Vergleich zu dem Zeug, das sie früher getrunken hatten.

Anschließend räumte sie auch die zweite Tasche aus, in der vor allem Gemüse und Obst, Kartoffeln und Fleisch in durchsichtiger Folie waren.

»Die Taschen kannste dir sparen, Mine«, hatte die Tillie vorhin gesagt. »Gibt jetzt doch überall Plastiktüten.«

Aber Mine hing an ihren Einkaufstaschen, sie brauchte keine Plastiktüten. Die Tillie hatte schon eine ganze Schublade davon, sie faltete sie immer ordentlich zusammen und meinte, die könne sie bestimmt irgendwann mal brauchen.

»Mach nicht so viel Milch rein«, wehrte sich Karl-Erich, als sie ihm den Kaffee fertigmachte. »Ich bin doch kein Säugling, der sein Fläschchen braucht.«

Er hatte ziemliche Mühe, die Tasse an den Mund zu heben, weil seine Finger schon so krumm waren. Aber Mine gab nicht nach – wenn er essen und trinken wollte, musste er sich anstrengen. Füttern würde sie ihn nicht.

»Ah, das tut gut!«, stöhnte er wohlig nach dem ersten Schluck. »Gibste mir einen Keks?«

Sie hatte seine Lieblingsplätzchen gekauft, die runden mit der Schokoladenschicht dazwischen. Während sie sich noch an der Packung zu schaffen machte, klingelte es an der Wohnungstür.

»Die Kruse«, knurrte Karl-Erich. »Die hat gesehen, dass du eingekauft hast, und jetzt kommt sie schnorren.«

Mine legte die Kekspackung auf den Tisch und stand auf. Sie konnte die Kruse auch nicht leiden, trotzdem tat sie ihr leid.

»Ist doch kein Wunder bei der kleinen Rente«, nahm sie die Nachbarin gutmütig in Schutz.

Als sie die Tür aufmachte, stand doch tatsächlich der Ulli davor. Mine schrie auf vor Freude, und er musste sich herunterbeugen, um sie in den Arm zu nehmen.

»Der Ulli! Nee, dass du mal wieder hereinschaust, Junge! Hab schon gedacht, du wolltest in Österreich bleiben!«

»Nee, das ganz bestimmt nicht«, wehrte er ab. »Bin keiner, der hohe Berge um sich haben muss. Dann lieber das Meer. Oder wenigstens einen See.«

»Richtig!«, rief Karl-Erich aus der Küche. »Die Berge, die verstellen einem nur die Sonne, Ulli. Herein mit dir! Ich weiß schon gar nicht mehr, wie mein Enkel aussieht!«