Beschreibung

Im Schatten des Kilimandscharo sucht eine junge Frau gegen alle Widerstände ihr Glück …

Charlotte Harmsen träumt von der großen weiten Welt, von Reisen in exotische Länder – mit dem Heiraten hat sie es nicht eilig. Sie ist 22, als ihr der weitaus ältere Christian Otten einen Antrag macht. Fasziniert von seinem Geschäft, in dem es exotische Gewürze, Tabak und Waren aus Übersee gibt, stimmt sie seinem Werben zu. Und bereut dies bald bitterlich. Denn Christian betrügt sie und steht kurz vor dem finanziellen Ruin. Charlotte weiß, dass sie nur eine Chance auf eine Zukunft haben: indem sie Deutschland verlassen und in der Ferne ein neues Leben beginnen …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 947


Buch

Charlotte Harmsen träumt von der großen weiten Welt, von Reisen in exotische Länder – mit dem Heiraten hat sie es nicht eilig. Sie ist 22, als ihr der weitaus ältere Christian Otten einen Antrag macht. Fasziniert von seinem Geschäft, in dem es exotische Gewürze, Tabak und Waren aus Übersee gibt, stimmt sie seinem Werben zu. Und bereut dies bald bitterlich. Denn Christian betrügt sie und steht bald kurz vor dem finanziellen Ruin. Charlotte weiß, dass sie nur eine Chance auf eine Zukunft haben: indem sie Deutschland verlassen und in der Ferne ein neues Leben beginnen …

Autorin

Leah Bach ist das Pseudonym der Erfolgsautorin Anne Jacobs, die mit ihrer Trilogie um »Die Tuchvilla« und »Das Gutshaus« die Leser begeistert und die Bestsellerlisten stürmt.

Von Anne Jacobs bereits erschienen

Die Tuchvilla · Die Töchter der Tuchvilla · Das Erbe der Tuchvilla

Das Gutshaus: Glanzvolle Zeiten · Das Gutshaus: Stürmische Zeiten

Der Himmel über dem Kilimandscharo · Sanfter Mond über Usambara

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Anne Jacobs

schreibt als

Leah Bach

Der Himmel über

dem Kilimandscharo

Roman

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Copyright © 2012 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Redaktion: Kristina Lake-Zapp Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com (Selenit; Volodymyr Burdiak; Dancestrokes; Andre Nery) Karte: © www.buerosued.de ng · Herstellung: sam/wag

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-24584-9V001

www.blanvalet.de

Teil I

Mai 1880

Jahrelang konnte sich Charlotte an jede Einzelheit dieses Vormittags erinnern: die Gerüche des alten Hauses, die Gespräche und Streitereien, den Kellerstaub auf den Marmeladentöpfen. Auch die Apfelbäume, von deren Ästen es wie weißrosige Schneeflöckchen wehte, blieben ihr im Gedächtnis, ebenso wie das versteinerte Gesicht des Großvaters in der dämmrigen, schweigenden Stube. An jenem Tag geschah etwas Unfassliches, das das Leben der Zehnjährigen von Grund auf veränderte.

Eine Fliege weckte sie auf. Eine dumme Stubenfliege, die sich kitzelnd auf ihre schlafwarme Wange setzte. Sie konnte die kleinen Beinchen auf der Haut spüren und machte voller Ekel eine rasche Handbewegung. Die Fliege flog auf, kreiste zornig brummend über den Betten und prallte zweimal gegen die Tapete, was klang, als ob jemand mit dem Finger fest gegen die Wand tippte. Eigentlich hätte sie davon benommen sein müssen, aber sie surrte einfach weiter und war plötzlich zwischen den grünen Fenstervorhängen verschwunden. Draußen war es schon hell.

Charlotte zog sich einen Zipfel des Federbetts übers Gesicht und kuschelte sich an Klara, die warm und rosig neben ihr schlummerte. Klara war ihre Lieblingscousine, gute zwei Jahre jünger als Charlotte; immer wenn sie bei den Großeltern zu Besuch waren, schlief Charlotte mit in Klaras Bett. Das war das Schönste an diesen Besuchen. Da ging Charlotte sogar freiwillig mit den Hühnern schlafen, nur um mit Klara noch zu flüstern, Geschichten zu erzählen oder alberne Witze. Die beiden anderen Betten in der engen Schlafkammer gehörten der älteren Cousine Ettje und Tante Fanny. Bei denen hätte Charlotte auf keinen Fall liegen wollen. Ettje knirschte im Schlaf mit den Zähnen, und manchmal schlug sie mit Armen und Beinen um sich. Außerdem hatte sie schon ihre Regel und jammerte immer fürchterlich, wenn es so weit war, was einen Angst und Bange machen konnte. Mit Tante Fanny das Bett zu teilen wäre noch schrecklicher gewesen; die legte sich abends steif und gerade auf den Rücken, die Hände über dem Bauch verschränkt, und wachte am Morgen in derselben Stellung wieder auf. Sobald Tante Fanny zu Bett gegangen war, durfte in der Kammer nicht mehr geflüstert werden, Kichern oder gar Lachen war gänzlich verboten. Einmal war die Tante aufgestanden und mit dem Nachtlicht in der Hand wie ein weißes Gespenst zu ihnen hinübergegangen, um Klara eine Ohrfeige zu geben. Die Strafe hätte Charlotte genauso verdient gehabt, aber Tante Fanny traute sich nicht, Charlotte zu schlagen, das hätte Papa nicht geduldet. Also hatte es die arme Klara abbekommen, Tante Fannys eigene Tochter.

Charlotte schloss die Augen und versuchte, Klaras regelmäßigen Atemzügen nachzuspüren, um ihr in den Schlaf zu folgen, doch es wollte nicht gelingen. Wahrscheinlich lag es am Morgenlicht, das durch die Ritzen des Vorhangs quoll und das ausgebleichte Grün mit silbernen Rändern versah. Leise seufzend drehte sie sich wieder auf den Rücken, ganz vorsichtig natürlich, um Klara nicht aufzuwecken. Vielleicht war es ja gut, dass sie jetzt wach war; sie hätte das Segelschiff auf dem unendlich weiten Ozean sowieso nicht wieder gesehen, man träumte einen Traum niemals zum zweiten Mal. Und dann war der Traum zwar schön, aber auch kummervoll gewesen, so dass sie fast geweint hatte. Der stolze Dreimaster, der mit prall gefüllten Segeln die Wellen pflügte, trug Eltern und Bruder immer weiter von ihr fort, jeder Tag, jede Stunde machte die Entfernung zwischen ihnen größer. Sie reisten nach Indien, wo Mamas Eltern wohnten, in das Land voller Sonne und brauner Menschen, wo die Pflanzen geheimnisvoll dufteten und perlmuttfarbige Blüten auf den Teichen schwammen, lächelnd und schön wie Menschengesichter. Wie hatte sie gebettelt und gefleht, dass sie sie doch mitnehmen mögen, doch Mama hatte sich nicht erweichen lassen. Charlotte wurde zu den Großeltern nach Leer gebracht, ein Frachtschiff war kein Ort für eine Zehnjährige, auch wenn ihr Papa der Kapitän war. Ihr siebenjähriger Bruder Jonny aber durfte mitfahren. Weil er eben ein Junge war.

Mama hatte sehr geweint, als der Großvater Charlotte in Emden abholte, auch Jonny hatte beim Abschied geheult; der kleine Dummkopf wäre viel lieber mit nach Leer gefahren, denn dort konnte er mit Paul spielen. Papa hatte Charlotte hochgestemmt und sich mit ihr auf der Stelle gedreht, so dass sie wie ein Vogel in der Luft schwebte, dazu hatte er gelacht. Das nächste Mal dürfe sie mit– das war hoch und heilig versprochen.

Drüben im Bett reckte Ettje die Arme; sie gähnte verschlafen und ballte dabei die Fäuste.

»Schlaft ihr noch?«, krächzte sie morgenheiser. »Denkt nicht, dass ihr faulenzen könnt, bloß weil heute keine Schule ist. Morgen ist Pfingsten, da wird hier alles geputzt.«

Ettjes rundes Gesicht war umrahmt von einer spitzenbesetzten Nachthaube, die aus dem Bestand der Großmutter stammte. Die Cousine war der Meinung, ihr Haar sei dadurch besser geschützt und werde– so ihre große Hoffnung– auch üppiger wachsen. Ettje hatte dunkelblondes, flusiges Haar, das sie für die Nacht zu einem Zopf flocht; wenn sie es tagsüber offen trug, bündelte es sich zu schmalen Strähnen, die sie so oft bürsten konnte, wie sie wollte– sie kamen immer wieder.

»Ich bin schon lange wach! Länger als du!«, prahlte Charlotte, während Klara neben ihr die Decke ein wenig herabschob und leise gähnte. Bei allem, was sie tat, war Klara leise wie ein Mäuschen, sogar wenn sie ging, machte sie kaum ein Geräusch. Das war seltsam, denn Klara hatte ein zu kurzes linkes Bein, auch der Fuß war nicht richtig, er war dick und gar nicht wie ein Fuß geformt.

»Dann hättest du uns längst warmes Waschwasser aus der Küche holen können!«, versetzte Ettje vorwurfsvoll.

»Wieso ich?«

»Wieso nicht? Hast du gedacht, ich mach das jeden Tag für euch? Ich muss schon immer Klara alles beischleppen.«

»Lass bloß Klara in Ruhe!«, versetzte Charlotte wütend.

Sie stand aus dem Bett auf und wickelte sich Mamas blaues Wolltuch um das lange Nachthemd. Um den Waschkrug zu holen, musste sie über die hölzerne Reisekiste klettern. Darin befand sich die eigentliche Ursache für Ettjes schlechte Laune– es waren Charlottes hübsche Kleider, ihre Schuhe und die feine Wäsche, auch ihre Spielsachen, einige Bücher und ihre beiden Puppen. Solch teure Sachen hatte Ettje nie besessen, dazu war kein Geld da im Hause des pensionierten Pfarrers Dirksen, der seine verwitwete Tochter Fanny mit den drei Kindern durchfüttern musste.

»Wenn ich das Wasser hole, darf ich mich als Erste waschen«, verkündete Charlotte fröhlich. »Und dann Klara. Du zuletzt, Ettje!«

»Schlag bloß den Krug nicht an, und verschütte nichts, das gibt Flecken auf der Stiege!«, rief Ettje ihr nach und drehte sich auf die Seite, um die wohlige Schlafwärme ihres Bettes noch ein wenig zu genießen.

Die Stiege war eng und dunkel, es roch nach Bohnerwachs und altem Holz und auch ein bisschen nach Großvaters Pfeifentabak. Charlotte hielt den Krug mit beiden Händen vor dem Bauch und ertastete die Stufen mit den bloßen Füßen, auf keinen Fall wollte sie das kostbare, mit lila Blüten bemalte Gefäß an Wand oder Treppengeländer anschlagen. Kein Wunder, dass Klara für diese Arbeit nichts taugte, sie hatte ja auch so schon Mühe, die Treppe hinunterzugehen.

Unten im Flur war es ein wenig heller. Das kam durch das Oberlicht über der weiß gestrichenen Haustür, dafür zog es ordentlich, und der geflieste Boden war kalt. Auf der Flurkommode standen allerlei irdene Töpfe mit eingekochtem Mus und anderen Sachen. Die hatte die Großmutter wohl aus dem Keller geholt, denn die bunten Stoffe, mit denen sie bedeckt waren, trugen eine graue Staubschicht. Morgen war Pfingsten, da würde die Tante bestimmt einen Kuchen backen, vielleicht gab es sogar einen Braten.

Zum Glück war die Küchentür nur angelehnt, sie öffnete sich knarrend, als das Mädchen mit dem bloßen Fuß dagegendrückte. Wärme und der beißende Geruch des Herdfeuers quollen ihr entgegen, es roch auch ein wenig nach Kaffee und gekochter Milch. Die Großmutter stand vor dem Ofen, hatte die runde Herdplatte abgehoben und stocherte im Feuer herum, dass die Funken aufstoben.

»Dich Spatz haben sie geschickt?«, meinte sie und deckte das Feuer speiende Ungetüm im Ofen wieder mit der Eisenplatte zu. »Pass nur auf, dass du nicht auf der Stiege ins Stolpern kommst und mitsamt dem Krug herunterpurzelst!«

»Ich kann das schon! Ist ganz leicht für mich!«, behauptete Charlotte beleidigt und stellte den Krug neben dem Herd auf den Küchenboden.

»Na, denn man los!«

Großmutter Grete nahm die Kelle und schöpfte heißes Wasser aus dem »Schiff« in den Krug hinein. Das Schiff war ein viereckiger Behälter im Herd, der höchstens einem jämmerlichen Kahn ähnlich sah, mit dem man auf dem Fluss herumrudern konnte. Ein richtiges Schiff wie das, das ihr Vater befehligte, war es auf keinen Fall, dazu war es viel zu plump.

»Ach Gott, das schafft sie doch gar nicht«, ließ sich Tante Fanny vernehmen, die drüben am Küchentisch stand und Möhren schrappte. »Sie wird den Krug fallen lassen, Mutter. Es ist schade um das schöne Stück. Ich ruf mal fix nach Ettje…«

»Lass sie nur«, entgegnete die Großmutter unbeirrt und goss kaltes Wasser nach. »Und werft Paul aus den Federn, ich glaub fast, der schläft bis Pfingstmontag durch, wenn ihn keiner aufweckt.«

Großmutter Grete überragte Charlotte nur um einen halben Kopf, dafür war sie breit, bewegte sich rasch und hatte eine kräftige Stimme. Wenn sie ernst dreinblickte, war ihr Gesicht ganz glatt, nur die Wangen hingen ein wenig herunter. Wenn sie aber lachte– und das tat sie oft–, glich ihre Haut zerknittertem Papier und hatte tausende winzige Fältchen. Obgleich sie so klein war, hatte die Großmutter doch das Sagen im Haus, nicht einmal der Großvater wagte ihr zu widersprechen, dabei war er doch früher Pfarrer gewesen und auch jetzt noch eine Respektsperson für alle guten Lutheraner in Leer.

Charlotte hob den Krug vorsichtig an– er war jetzt elend schwer und noch dazu ziemlich voll.

»Geh langsam, und oben lass Ettje einschütten!«

Die Großmutter drehte sich wieder zum Herd, um einen Topf zurechtzuschieben, und schien sich nicht weiter um Charlottes Kampf mit dem Waschkrug zu kümmern. Dafür folgte Tante Fanny ihrer Nichte mit besorgtem Blick, hielt sogar mit der Arbeit inne, und ihrer Miene war zu entnehmen, dass sie jeden Augenblick eine Katastrophe befürchtete. Aber das war nichts Ungewöhnliches– die dünne, blasse Tante zog immer ein Gesicht, als stünde ihnen schon morgen der Jüngste Tag bevor. Das erste Mal schwappte das warme Wasser im Flur über, aber auch nur deshalb, weil ihr der dumme, graue Kater zwischen die Beine lief. Ein Schwall klatschte ihm auf den Rücken, und er zischte zu Tode erschrocken in Richtung Küche davon. Auf der Treppe musste sie zweimal stehen bleiben, weil sie beinahe Mamas hellblaues Wolltuch verloren hätte. Das Wasser schwappte erneut über, und Charlotte versuchte, die Lachen mit dem nackten Fuß zu verwischen. Oben im halbdunklen Flur stand Paul im kurzen Nachthemd am Geländer und sah gespannt zu, wie die Cousine den Krug balancierte. Als sie mit ihrer Last heil oben ankam, machte er ein enttäuschtes Gesicht.

»Ich hab dich verhext«, feixte er. »Gleich musst du den Krug fallen lassen.«

»Geh weg!«

»Er fällt, er fällt…«

Er hampelte dicht vor ihr herum und zog allerlei Grimassen, aber er wagte doch nicht, sie anzustoßen, denn wenn der Krug tatsächlich zu Bruch gegangen wäre, hätte er großen Ärger bekommen.

»Du hast gelbe Augen wie ein Kater!«, rief er hämisch, als sie schon vor der Tür der Schlafkammer war und er das Spiel aufgeben musste. »Kateraugen, Hexenaugen…«

Es war wirklich schade, dass ihr Bruder Jonny nicht hier war, der hätte Paul jetzt verdroschen, auch wenn er zwei Jahre jünger war als der Cousin. Charlotte hätte Paul auch gern eine gescheuert, aber sie musste den Krug festhalten, außerdem war sie ein Mädchen und durfte sich nicht prügeln.

In der Schlafkammer waren die Vorhänge noch zugezogen, aber durch den Spalt fiel ein Sonnenstrahl in den Raum hinein wie ein schmaler, goldener Schleier. Als Klara sich im Bett aufsetzte, fiel er direkt über ihr Gesicht, und sie musste blinzeln.

»Ettje!«, rief Klara leise zum Bett der Schwester hinüber.

»Psst!«, machte Charlotte und schüttelte den Kopf. »Lass sie ruhig schlafen.«

Charlotte nahm die Waschschüssel von der Kommode und stellte sie auf den Boden, um leichter eingießen zu können. Dann musste sie Klara beim Aufstehen helfen. Das dicke Federbett lag bleischwer auf ihren Beinen, weil in der Nacht wieder alle Federn nach unten gerutscht waren. Ihre Cousine hatte ein wenig Mühe, sich auf den Boden zu knien, aber sie klagte nicht, sondern tauchte genau wie Charlotte den Lappen in die Waschschüssel, um sich den Schlaf aus dem Gesicht zu reiben. Auch Hände und Arme wurden mit warmem Wasser gesäubert, dann die Brust. Dazu musste man das Nachthemd aufknöpfen und herunterziehen, aber nicht bis über den Bauch, das wäre unschicklich gewesen. Alles, was unterhalb der Körpermitte war, durfte man auf keinen Fall mit dem nassen Lappen berühren, man sollte dort überhaupt so wenig wie möglich hinfassen. Nur die Füße mussten gewaschen werden, aber bloß bis zu den Knien hinauf. Einmal in der Woche wurden die Kinder gebadet, zuerst die Mädchen, dann die Knaben, damit das Badewasser gut ausgenutzt war. Doch nur die ganz kleinen Kinder waren dabei nackig, die älteren– auch Charlotte– behielten das Hemd an.

Klaras Haut war hell, ihre Brust und die Arme erschienen Charlotte sehr durchsichtig und mager, aber sie waren ganz normal und nicht verwachsen wie ihr Bein. Ihr Gesicht war schmal, die Nase ein bisschen zu groß, und die blauen Augen hatten Schattenränder– das kam wohl daher, dass Klara früher so oft krank gewesen war. Immerhin hatte sie keine Sommersprossen wie Ettje, die sich schrecklich über die Sprenkel auf Stirn und Nase ärgerte und schon einmal versucht hatte, sich mit weißem Mehl zu pudern. Es hatte nicht viel genutzt, die braunen Tupfer leuchteten durch das Mehl hindurch, und sie hatte von der Großmutter eine saftige Backpfeife bekommen. Im Hause Dirksen verschwendete man keine Lebensmittel, schon gar nicht für die Eitelkeit, die eine schlimme Sünde war.

»Ich wünschte, ich hätte Haare wie du«, flüsterte Klara. »So dicht und solche Locken.«

Sie hatte den Lappen ausgewrungen und über den Rand der Schüssel gelegt, jetzt griff sie nach Charlottes langem Zopf. Man brauchte niemals ein Band oder eine Spange dafür; es genügte, das Ende um den Finger zu schlingen, dann entstand eine Ringellocke, die den Zopf zusammenhielt.

»Wünsch dir das bloß nicht. Es ziept furchtbar beim Kämmen!«

»Es fühlt sich ganz weich an. Und es glänzt blau.«

»Blau?«, fragte Charlotte kichernd.

»Nicht richtig blau. Nur ein klein wenig. Wenn das Licht darauf scheint. Schwarzblau. Silberblau…«

Charlotte besah sich das Zopfende mit kritischen Augen und schüttelte den Kopf. Dann hob sie es in die Höhe, um es in den flimmernden Sonnenstrahl zu halten, der jetzt noch ein wenig heller und breiter geworden war. Dabei stieß sie mit dem Knie gegen die Waschschüssel, und das Wasser schwappte auf den Fußboden. Erschrocken wich Klara zurück, damit ihr Hemd nicht nass wurde.

»Was treibt ihr denn da?«, rief Ettje von ihrem Bett hinüber. »Wisch das auf, Charlotte! Wenn das Wasser durch die Dielen läuft, tropft es in die Wohnstube hinunter.«

»Das bisschen…«

»Mach schon! Und dann zieht euch an. Aber fix!«

Ettje stieg aus dem Bett, warf einen Blick in den leicht erblindeten Wandspiegel und zog sich selbst eine Grimasse. Dann hob sie schimpfend die Waschschüssel auf die Kommode und sah neiderfüllt zu, wie Charlotte den hölzernen Deckel ihrer Kiste aufklappte.

»Schau– das könnte dir passen, Klara!«, flüsterte Charlotte.

»Das ist zu fein für mich.«

»Morgen ist Feiertag, und wir gehen zur Kirche, da ist es genau richtig. Das Kleid hat Mama genäht, der Stoff kommt aus Indien. Fühl doch mal, wie glatt er ist.«

Ettje sah nicht hin, stattdessen rieb sie sich mit dem Lappen fest über das Gesicht und schnaube laut. Sie war vierzehn und hatte schon weibliche Formen, Charlottes Wäsche wäre ihr sowieso zu eng gewesen und die Kleider zu kurz. Trotzdem war es ungerecht.

»Kämmt euch das Haar! Trödelt nicht so herum!«

Charlotte musste unters Bett kriechen, um die hässlichen Holzschuhe hervorzuangeln, die sie im Haus der Großmutter tragen musste. Beim Aufstehen lugte sie neugierig zu Ettje hinüber, die gerade ihr Nachthemd heruntergeschoben hatte. Mama zog sich niemals vor den Kindern aus, daher war es für Charlotte aufregend, Ettjes Busen zu betrachten. Komisch schaute das aus, wie zwei Mückenstiche, die ordentlich angeschwollen waren. Die linke Seite war dicker, rechts musste wohl noch wachsen. Ein richtiger Busen war das nicht, wenn Ettje das Kleid anhatte, sah man nichts davon. Charlotte war froh, dass sie noch ein wenig Zeit hatte. Um nichts in der Welt wollte sie solche komischen Schwellungen an der Brust haben. Weshalb konnte man nicht einfach am Morgen aufwachen, und der Busen war fix und fertig, wie er sein musste?

Klara war schon auf der Treppe, und Charlotte quetschte sich an ihr vorbei, um langsam vor ihr herzugehen.

»Das musst du nicht, Lotte. Lauf hinunter in die Küche, ich komm schon nach«, flüsterte Klara verschämt.

»Ich geh doch bloß langsam, weil ich mir vorhin den Zeh am Bettpfosten gestoßen hab!«

Klara rutschte oft auf der Treppe aus und fiel die Stufen hinab, was niemanden hier im Haus besonders aufregte– man war daran gewöhnt. Aber Charlotte wollte nicht, dass Klara sich wehtat, deshalb lief sie auf der Treppe immer dicht vor ihr her, damit Klara sich an ihr festhalten konnte, falls sie ins Stolpern geriet.

Unten saß Paul am Küchentisch und stopfte ein Butterbrot in sich hinein, dazu trank er warme Milch. Tante Fanny presste den Brotlaib gegen die Brust und schnitt schmale Scheiben ab, dazu gab es Butter und schwarzbraunes Birnenmus, das mit Wasser aufgekocht und verlängert worden war. Die Großmutter bereitete das Frühstück für den Großvater vor, das er wie immer in seinem kleinen Arbeitszimmer einnehmen würde. Auf dem Tablett stand eine große Tasse Milchkaffee, daneben auf dem Teller lagen zwei Brotscheiben, dick mit Butter und Mus bestrichen. Kaffee gab es für die anderen höchstens zu Feiertagen oder wenn Besuch kam.

»Nun mal rasch«, befahl Großmutter Grete. »Ettje soll zum Schlachter und dann noch auf den Markt. Paul kann tragen helfen. Klara bleibt hier zum Sockenwaschen, und Charlotte hilft uns beim Saubermachen.«

Die Großmutter war wie ein Feldherr; wenn sie die Arbeiten einteilte, hatte man zu gehorchen. Morgen war Pfingsten, dann musste das ganze Haus blitzblank sein: Alle Böden mussten gewischt und die Betten geschüttelt werden, auf den Möbeln durfte kein Stäubchen liegen, vor allem nicht in der Wohnstube, für den Fall, dass überraschend Besuch kam.

Saubermachen war keine schöne Arbeit, fand Charlotte. Daheim in Emden gab es dafür ein Mädchen. Auch die Wäsche wurde von einer Frau abgeholt, nur die kleinen Sachen wusch Mama selbst.

»Soll ich nicht besser mit auf den Markt gehen, Großmutter? Du weißt doch, dass ich neulich die Eier billiger bekommen habe und die Butter auch.«

Großmutter Grete schwieg und ging in die Speisekammer, um die Speckseite vom Haken zu nehmen. Sie schwieg auch noch, während sie ein Stück davon herunterschnitt und in kleine Würfel zerteilte.

»Wir haben vier Pfennige gespart, weil ich so gut handeln kann«, beharrte Charlotte und nahm einen tiefen Schluck aus der Milchtasse. »Wenn ich heute wieder handele, sparen wir vielleicht noch mal vier oder fünf Pfennige.«

Ettjes Holzpantinen klapperten im Flur. Sie trat in die Küche und hörte gerade noch, was Charlotte sagte.

»Mit der gehe ich nicht auf den Markt, Großmutter. Man schämt sich ja vor den Leuten, so wie die schachert.«

»Du hast wohl Geld zu verschenken, wie?«, fuhr die Großmutter Ettje an, ohne von ihrer Arbeit hochzuschauen. Es fiel ihr schwer, die Anordnung zurückzunehmen, aber vier Pfennige waren vier Pfennige, und Geld war knapp.

»Weiß der Himmel, woher du dieses Talent hast«, knurrte sie Charlotte an. »Von deinem Vater gewiss nicht. Also geh mit auf den Markt, und versuche dein Glück.«

Ettje kaute verbissen an ihrem Butterbrot. Sie hatte nicht einmal Gelegenheit, ihren Ärger an Charlotte auszulassen, denn nun musste sie sich die Aufträge der Großmutter genau einprägen. Den Braten beim Schlachter abholen, der war vorbestellt, dazu drei Leberwürste und drei kleine Blutwürste. Auf dem Markt ein Pfund Butter, Zwiebeln, Eier, drei frische Brote. Und ein Päckchen Tabak. Dieser Auftrag wurde von einem leisen Seufzer begleitet, da sich der Großvater das Pfeiferauchen einfach nicht abgewöhnen wollte. Das Geld bekam Ettje abgezählt auf die Hand, und sie band es umständlich in ein Schnupftuch, damit sie es auf keinen Fall verlor. Paul hatte blitzschnell den großen Einkaufskorb aus der Speisekammer geholt und stellte sich dienstfertig neben die ältere Schwester, voller Sorge, daheim gelassen zu werden, weil jetzt ja Charlotte tragen helfen konnte. Er wusste, dass dann er an ihrer Stelle hätte ausfegen müssen– eine Arbeit, die er hasste.

Er hatte Glück. Großmutter Grete hatte immer eine kleine Schwäche für flehende Knabenaugen gehabt, und sie befahl ihm, die Jacke zuzuknöpfen und die Socken hochzuziehen. Das war alles.

Helle Maisonne empfing sie draußen und blendete die Augen, in den Hecken grünte es mächtig, neben der Eingangstür glänzte ein großer, weißer Klecks auf dem Boden. Der kam von dem Schwalbennest unterm Dach, in dem jetzt eifrig zwitscherndes Leben war. Drüben auf der anderen Straßenseite blühte das Spalierobst, weiße, rosig geränderte Pracht umhüllte die lange Reihe der ausgespannten Äste. Wenn ein Lüftchen aufkam, wehten die Blütenblätter wie Schnee über den Gartenweg und schwebten sogar bis auf die Straße.

Die Ulrichstraße war ein gutes Stück vom Markt entfernt, und Ettje, die für die Schönheiten des Frühlings völlig blind war, trieb zur Eile an. Nachbarinnen kamen ihnen mit vollen Körben entgegen, manche zogen auch einen Karren oder Bollerwagen hinter sich her, darauf hockten zwischen Bündeln, Flaschen und Körben die Kleinen, die noch nicht so weit laufen konnten. Charlotte hatte längst gelernt, dass man freundlich zu grüßen hatte, denn hier in Leer war es nicht wie in Emden, hier kannte jeder jeden. Pastor Henrich Dirksen war überall hoch angesehen, auch bei den Reformierten, obgleich die ja nicht den richtigen, christlichen Glauben hatten, und so blieb immer wieder eine der Frauen stehen, um einen kleinen Schnack zu halten. Ob das die Enkelin aus Emden sei? Die Tochter vom Ernst. Wo sie denn den kleinen Bruder gelassen habe? Dann erklärte Charlotte, dass ihre Eltern und der Bruder unterwegs nach Indien seien, und spürte voller Unbehagen die aufdringlichen Blicke. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass die Frauen das alles längst wussten, sie wollten sie nur anstarren und ausfragen, vielleicht wollten sie auch wissen, ob sie ordentliches Deutsch reden konnte und nicht etwa Englisch oder Indisch.

»Bis in den Sommer hinein bleibst du bei der Großmutter? Da wird sie sich aber freuen, du bist doch eine ganz fixe Deern!«

Möwen kreisten über der Stadt, weiß gefiederte Diebe mit spitzen Schnäbeln; sie kamen von der Anlegestelle der Fischerboote her, wo manchmal etwas für sie abfiel. Die Maisonne ließ das spärliche Grün in den Straßen und Vorgärten leuchten, trotzdem erschien Charlotte die Stadt grau und irgendwie trostlos. Die Häuser waren niedrig, der Backstein dunkel verfärbt von Wind und Regen, zwischen den Häusern standen halb verfallene Remisen, wacklige Unterstände für Brennholz und allerlei Krempel, auch kaputte Boote, die vor sich hin moderten. Windmühlen drehten ihre Flügel wie kreischende, flatternde Ungetüme, ein Geräusch, das Charlotte heute seltsamerweise Angst machte, obgleich sie es bei früheren Besuchen in Leer immer lustig gefunden hatte. Vielleicht kam ihr die Stadt auch nur so hässlich vor, weil die Rosen noch nicht blühten, die vielerorts die Eingangstüren umrankten, doch vielleicht war der Grund auch einfach der, dass Charlotte so gerne auf dem Schiff bei Jonny und den Eltern gewesen wäre. Bis zum Spätsommer– das war so lang, dass es sich nicht lohnte, die Tage zu zählen, ein ganzes Leben, eine Ewigkeit.

»Wenn du wieder handelst und wir Geld sparen, könnten wir uns Bärendreck kaufen«, schlug Paul vor.

»Nee«, widersprach Ettje energisch. »Das kommt auf.«

Charlotte schwieg entrüstet. Wenn sie schon handelte, dann tat sie es, um die Großmutter zu beeindrucken, um ihr Lob zu hören, wenn sie die gesparten Pfennige auf den Tisch zählte, keinesfalls aber, um für Ettje und Paul heimlich Süßes zu kaufen, denn das war gemeiner Betrug.

Sie bogen von der Osterstraße nach links in die Norderstraße ein, von wo man schon den Lärm des Marktes hören konnte. Auch in den kleinen Läden und Werkstuben war Betrieb, und Paul wäre mit seinem großen Korb fast in ein Pferdefuhrwerk gerannt, das Bierfässer geladen hatte. Im letzten Moment riss Ettje den kleinen Bruder zurück und nahm die Gelegenheit wahr, ihm zwei saftige Ohrfeigen zu verpassen.

»Dummkopf! Die Großmutter wird mich prügeln, wenn du unter die Hufe kommst.«

Charlotte war schon vorgelaufen und hörte Pauls Geheul nur schwach und mit dem Marktlärm vermischt. In der Pfeffergasse, die in den Platz vor dem Rathaus mündete, gab es zwei hohe, schmale Schaufenster, die zu Julius Ohlsens Kolonialwarenladen gehörten. So ein Geschäft gab es nicht einmal in Emden, denn hier konnte man den ausgestopften Kopf eines echten Löwen bewundern. Er hing hinter den Auslagen an einer hölzernen Trennwand, riesig, umwallt von seiner braunschwarzen Mähne und mit aufgerissenem Maul, so dass man seine gelben Reißzähne sah. Das Fell hatte zwar schon einige Mottenlöcher, und auch die Nase war beschädigt, dennoch standen immer wieder zahlreiche Leute vor dem Laden, vor allem die Kinder.

Charlotte hatte zuerst das Gleiche wie alle anderen Betrachter empfunden: ein Grauen, das mit einem seltsam wohligen Gefühl gemischt war, so dass man sich von dem Anblick des toten Raubtieres kaum losreißen konnte. Dann aber hatte sie Mitleid mit dem Löwen bekommen. Was für ein prächtiger Wüstenkönig er gewesen sein musste, als er noch frei in seiner Heimat lebte, und jetzt hing er hier an der Holzwand, die lebendigen Augen durch braune Glaskugeln ersetzt, und alle Leute starrten ihn an. Wie schade, dass es keinen Zauber gab, der ihn wieder lebendig machen konnte. Es wäre lustig gewesen, wenn er plötzlich gebrüllt hätte, so gewaltig, wie nur ein Löwe brüllen konnte. Da wären die dummen Gaffer davongelaufen, manche vielleicht gar in Ohnmacht gefallen, und die Kinder hätten angefangen zu heulen.

»Wenn ich groß bin, werde ich Großwildjäger«, hörte sie Pauls Stimme dicht hinter sich. »Mit einem Gewehr schieße ich alle Löwen tot. Das ist ganz leicht.«

»Dann pass nur auf, dass du nicht gefressen wirst!«

Ettje wartete bei den Marktständen. Sie war mit Paul schon beim Schlachter gewesen und wütend, dass Charlotte davongelaufen war.

»Das sage ich daheim. Ich hab keine Lust, Schelte zu kriegen, wenn wir zu spät nach Hause kommen.«

Charlotte erwiderte nichts, aber sie fand Ettje ziemlich dumm. Weshalb hatte sie es so eilig, wieder heimzukommen? Sie musste dort ja doch nur den ganzen Tag putzen und aufräumen.

»Jetzt macht hinne– wir brauchen noch Butter, Zwiebeln, Eier und Brot.«

Der Markt war wegen der anstehenden Feiertage größer als gewöhnlich. Dicht an dicht standen die Verkaufstische um das dunkelrote Backsteingebäude der Leerer Waage, mussten doch alle verkauften, ein- oder ausgeführten Güter gewogen werden. Bäuerinnen hockten breitbeinig auf Kisten, zählten Eier in Papiertüten, wogen Gemüse und Butter ab, und überall wurde geschnackt, gerufen, gelacht, hier und da auch gestritten. Die Fisch- und Geflügelhändler waren so dicht am Ledaufer, dass man fast Sorge haben musste, die Ware könne ihnen davonschwimmen. Dafür hatten sie es nachher, wenn der Markt vorüber war, am leichtesten: Sie brauchten Kisten und Bretter nur wenige Schritte bis zu ihren Booten zu tragen.

Gefolgt von Ettje und Paul, drängte sich Charlotte zwischen den Menschen hindurch, besah sich die Ware, merkte sich die Preise und stellte fest, dass es heute schwer werden würde, denn die Geschäfte gingen gut. Solange sich die Käufer drängten, würde keiner der Bauern etwas billiger abgeben.

»Wir müssen warten«, verkündete sie. »Jetzt ist nichts zu machen.«

»Worauf sollen wir denn warten?«, nörgelte Ettje. »Bis nichts mehr da ist? Das Brot ist jetzt schon knapp, und ranzige Butter wird die Großmutter nicht haben wollen.«

»Kaufen wir zuerst den Tabak.«

Ettje drehte die Augen zum Himmel und stöhnte. Um zu Dietrich Zachra zu gelangen, bei dem der Großvater immer seinen Tabak kaufte, mussten sie die Pfefferstraße ein ganzes Stück hochlaufen und danach wieder zurück zum Markt. Den Tabak hätte man leicht auf dem Heimweg besorgen können, ganz ohne überflüssige Lauferei.

»Dann gehen wir zu Ohlsen, das ist gleich hier vorn.«

»Da kaufen wir nicht.«

»Wieso denn nicht? Der hat doch auch Tabak.«

Ettje wusste den Grund nicht, aber der Großvater bezog seinen Tabak schon immer bei Zachra. Auf der anderen Seite konnte man einem Päckchen Tabak ja nicht ansehen, aus wessen Laden es stammte, und ausdrücklich gesagt hatte die Großmutter nicht, wo sie den Tabak kaufen sollten.

»Zu Ohlsen!«, quengelte Paul. »Da kann ich den Löwen anfassen. Ich will mal meine Hand in sein Maul stecken. Gehen wir zu Ohlsen, bitte, Ettje!«

»Es muss wohl immer alles nach Charlottes Kopf gehen«, ereiferte sich Ettje. »Ich bin wirklich froh, wenn du wieder in Emden bist!«

»Und ich erst!«, gab Charlotte böse zurück.

Mühsam quetschten sie sich durch das Marktgeschehen. Ettje hielt den Korb mit Fleisch und Würsten fest an sich gepresst aus Sorge, ein Dieb könne unter das Tuch langen und eine Wurst stehlen. Vor Ohlsens Laden blieb sie stehen und erklärte, lieber draußen warten zu wollen.

»Du hast ja bloß Angst!«, meinte Paul verächtlich.

Charlotte durchschaute sie. Falls die Sache herauskam, konnte Ettje immer noch behaupten, nicht mit bei Ohlsen gewesen zu sein.

»Dann gib mir das Geld!«

Das Tuch wurde aufgeknüpft, und Ettje zählte die Münzen in Charlottes Hand. So viel kostete der Tabak bei Zachra, wenn er bei Ohlsen teurer war, dann hatte Charlotte eben Pech gehabt.

Paul war schon die Stufen hinaufgelaufen und hatte die Messingklinke heruntergedrückt; die Ladentür mit den bunten Glaseinsätzen öffnete sich klingelnd. Trotz der Schaufenster war es drinnen dämmrig, was wohl an den hohen Regalen aus dunkelbraunem Holz lag, die ringsum bis zur Decke hinaufreichten und mit allerlei bunten Dosen, Kästchen und seltsamen Dingen vollgestopft waren. Charlotte sog tief die Luft ein. Es roch aufregend nach fremden Gewürzen; ganz sicher waren Muskat, Kurkuma und Pfeffer dabei, damit kochte ihre Mama zu Hause indische Soßen, die scharf und köstlich schmeckten. Zwei Frauen in feinen Kleidern und Hüten standen vor dem Ladentisch: die Witwe Harmsen und ihre Tochter Ella, die bald den Assessor Bientje aus Aurich heiraten würde. Sie prüften die Gewürze, die Kaufmann Ohlsen ihnen in kleinen Blechdöschen hinschob, berieten sich und konnten sich offensichtlich über die zu kaufende Menge nicht einig werden. Staunend sah Charlotte, dass Kaufmann Ohlsen trotz seiner vorgerückten Jahre glänzendes, dunkelbraunes Haar und einen ebensolchen Backenbart besaß, nur wenn er dienstfertig den Kopf neigte, konnte man die rosige Glatze zwischen den langen Haarsträhnen hindurchleuchten sehen. Neben den beiden Frauen wartete ein älterer Herr im dunklen Gehrock, der sich fest auf seinen Stock stützte und feindselig auf die schwatzenden Frauen starrte.

»Christian!«, rief Kaufmann Ohlsen über die Schulter. »Die Herrschaften möchten bedient werden!«

Tatsächlich traten jetzt hinter ihnen schon wieder neue Kunden ein, zwei junge Mädchen und eine füllige Frau im blauen Kleid, die sich gleich zu Frau Harmsen und ihrer Tochter gesellten, um ihr zur Verlobung zu gratulieren.

»Christian!«, rief Kaufmann Ohlsen wieder, dieses Mal energischer. Er lächelte den Damen gewinnend zu und erkundigte sich rasch bei dem älteren Herrn, womit er ihm dienen könne.

»Meinen Tabak!«

»Sofort, lieber Herr Jansson. Das ist ein rechtes Maiwetter heute, das leuchtet ja geradezu, nicht wahr?«

»Wenn’s nur morgen und übermorgen hält…«

Kaufmann Ohlsen nahm, ohne hinzusehen, ein Tabakpäckchen aus dem Regal, offensichtlich wusste er genau, welche Ware wo lag. Gleichzeitig mit dem Klingeln der silbernen Registrierkasse tat sich hinter Ohlsen eine Tür auf. Ein Junge erschien, bekleidet mit einer geknöpften Jacke und einer langen dunklen Hose. Sein Hals war ziemlich dünn, und die Arme ragten ein wenig über die Jackenärmel hinaus.

»Frag, ob ich den Löwen streicheln darf«, flüsterte Paul, der sich eingeschüchtert hinter Charlotte hielt.

»Frag selber.«

Der Junge sah Charlotte an, er hatte grünliche Augen mit dunklen Wimpern, die ihm einen eindringlichen Blick verliehen.

»Was kann ich für euch tun?«, fragte er und wurde rot, weil sich seine Stimme überschlagen hatte.

»Ich würde gern den Löwen streicheln«, verkündete Paul.

Der Junge grinste und sah jetzt etwas netter aus, fand Charlotte. Vermutlich hörte er diese Bitte nicht zum ersten Mal.

»Darf er das, Vater?«

Kaufmann Ohlsen fixierte Paul mit strengem Blick, das Lächeln auf seinem Gesicht verschwand, dafür entstand auf seiner Stirn eine Reihe von Runzeln, gleichmäßig wie die Wellen, die an den Strand rollten.

»Wir wollen Tabak kaufen«, erklärte Charlotte rasch. »Für Pastor Dirksen.«

»Ach, das ist ja die Kleine von Käpten Dirksen«, schaltete sich Frau Harmsen ein. »Seid ihr wieder mal bei den Großeltern auf Besuch?«

»Nur ich«, antwortete Charlotte und sah zu, wie sich die Wellen auf der Stirn des Kaufmanns glätteten. Gleichzeitig hörte sie Ella Harmsen flüstern: »Wie sie aussieht! Nun, ihre Mutter ist ja auch eine Indianerin…«

Der Junge, der wohl Christian hieß, hatte das Flüstern ebenfalls gehört, denn seine Augen irrten zwischen Charlotte und Ella hin und her. Er biss sich auf die Unterlippe.

»Du darfst den Löwen anfassen– aber vorsichtig«, sagte er zu Paul und nickte auffordernd. Dann sah er wieder Charlotte an. »Möchtest du… den Löwen auch mal streicheln?«

Eigentlich hätte sie das liebend gern getan. Einmal über die zottige, braune Mähne fahren und spüren, wie sich das Löwenhaar anfühlte. Ganz vorsichtig mit dem Finger über das sandfarbige Fell an der Stirn gleiten, zärtlich und zugleich mit einem kleinen Angstschauder… Aber sie hatte das Gefühl, der Junge wollte sie damit trösten, weil man so über sie geflüstert hatte, und das passte ihr nicht.

»Nein, danke. Ich möchte ein Päckchen Tabak kaufen.«

»Welche Sorte?«

»Na, Pfeifentabak eben.«

»Wir haben verschiedene Sorten. Wie schaut denn das Päckchen aus, das dein Großvater kauft?«

Sie versuchte sich zu erinnern, was nicht leicht war, da der Großvater den Tabak immer gleich in seinen gestickten Beutel füllte.

»Ein Wappen ist drauf«, fiel ihr ein. »Paul– weißt du, wie das Tabakpäckchen ausschaut?«

»Mit Drachen und Schwertern und so Zeug…«

Er reckte sich auf die Zehenspitzen, um ein Ohr des Löwen zu berühren. Durch das Ladenfenster konnte man Cousine Ettje sehen, die auf der Gasse wartete und Paul erzürnt bedeutete, endlich herauszukommen.

»Ist es eines dieser Päckchen?«, fragte Christian und legte vier braune Tütchen vor sie hin, alle mit einem hübschen Aufdruck.

»Nee, solche nicht. Habt ihr noch andere?«

»Vielleicht im Lager…«

Er warf einen raschen Blick zu seinem Vater hinüber, der gerade Mutter und Tochter Harmsen mit drei angedeuteten Verneigungen verabschiedete und gleichzeitig an der Ladenkasse drehte. Die beiden Mädchen bestaunten die Schnurrbartwichse und die bunten Tiegelchen mit Gesichtscreme, die in einer kleinen Vitrine auf dem Ladentisch ausgestellt waren.

»Magst du mitkommen?«, fragte Christian leise. »Das Lager ist gleich nebenan. Da haben wir auch Kokosnüsse und ein Stück von einem Elefantenzahn.«

Wenn er dachte, sie damit zu beeindrucken, hatte er sich getäuscht, denn solche Sachen hatte ihr Papa von seinen Fahrten mitgebracht, auch große Muscheln und schöne Schnitzereien aus schwarzem Holz.

»Wenn es schneller geht, komme ich halt mit.«

Sie musste hinter den Ladentisch gehen, und er hielt ihr die Tür dahinter auf und schloss sie rasch wieder, nachdem sie beide hindurchgegangen waren. Der Flur war kalt und düster mit grob gekalkten, ziemlich verschrammten Wänden. Wie seltsam, dass es hinter diesem feinen Laden so schmutzig und hässlich war.

Christian schob den Riegel einer schartigen Holztür zurück, und sie blickte in einen schmalen Raum voller Bretterregale. Säcke aus Jute mit schwarzer Aufschrift standen am Boden, einige waren offen, andere noch zugenäht. Viel stärker noch als im Laden vermischten sich hier die verschiedensten Gerüche zu einem aufregenden, betäubenden Duft. Da waren die fremde Süße von Zimt, der matte, schwere Geruch von Tee, auch Veilchen- und Rosenseife roch man heraus, das Aroma von Kaffee und Sandelholz…

»Da ist Reis drin«, erklärte er und zeigte auf einen der Säcke. »Der kommt aus Westindien.«

Sie starrte den Jutesack an, versuchte, die Aufschrift zu lesen, doch es gelang ihr nicht. Die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen. Indien. Der Sack kam daher, wo jetzt ihre Eltern und ihr Bruder waren.

Christian machte keine Anstalten, nach dem Tabak zu suchen. Stattdessen setzte er sich auf den Reissack und räusperte sich. Seine Stimme kippte wieder, als er weiterredete.

»Ich hab dich am Mittwoch gesehen. Du bist aus der Schule gekommen und an der lutherischen Kirche vorbeigelaufen.«

»Wo ist jetzt der Tabak?«

Er schaute suchend über die Regale und dann wieder zu ihr hin, lächelnd, mit geröteten Wangen. Charlotte wurde unbehaglich zumute. Christian wischte sich ungeschickt das glatte braune Haar aus der Stirn, das nun wie ein Kamm von seinem Kopf abstand. »Ist… ist deine Mutter wirklich eine Indianerin?«

Er sah so komisch aus mit dem aufgestellten Haarkamm, dass sie die unfreundliche Antwort, die sie auf der Zunge hatte, wieder hinunterschluckte.

»Meine Mama kommt aus Indien«, stellte sie klar. »Ihr Papa ist ein Engländer, der eine Frau aus Indien geheiratet hat.«

»Ach so…«

»Ich will jetzt den Tabak, sonst gehe ich wieder!«

»Gleich… warte…«

Er sprang auf und durchwühlte ein Regal, dann riss er einen Papiersack auf. Mehrere Päckchen Tabak fielen zu Boden. Als er sie hastig aufsammelte, stützte er ein Knie auf, und das dunkle Hosenbein bekam einen hellen Staubfleck. Er bemerkte es nicht, denn er schaute jetzt wieder hoch zu Charlotte und sagte hastig, als müsse er es unbedingt loswerden, bevor es zu spät war: »Du bist sehr hübsch, Charlotte. Viel hübscher als alle anderen Mädchen hier in Leer. Ich hab dich vorhin gesehen, als du vor der Ladenscheibe gestanden hast. Der Löwe gefällt dir, nicht wahr? Wenn er eines Tages mir gehört, dann schenke ich ihn dir…«

Ungläubig starrte sie ihn an. Was schwatzte der da für ein Zeug? Überhaupt fand sie ihn albern mit seinem Hahnenkamm, dem roten Gesicht und dem dünnen Hals.

»Zeig mal die Päckchen«, befahl sie unfreundlich. »Nee, die sind auch die falschen. Ich geh jetzt.«

Er war kein bisschen verwundert, wahrscheinlich hatte er schon gewusst, dass es nicht der richtige Tabak war, trotzdem sah er ziemlich unglücklich aus.

»Ich schenk dir eins davon.«

»Du spinnst wohl!«

Sie war schon im Flur. Was bildete der sich eigentlich ein? Dass sie Geschenke von ihm annahm? War sie vielleicht eine Armenhäuslerin?

»Das ist ein Werbegeschenk«, beharrte er und lief hinter ihr her. »Das erste Päckchen gibt’s umsonst. Wenn deinem Großvater der Tabak schmeckt, kann er ihn immer bei uns kaufen.«

Das hörte sich zwar merkwürdig an, aber immerhin war es dann kein Geschenk, sondern eine Probe. So wie die Bauern auf dem Markt ihren Kunden ein Stück Apfel oder eine Pflaume zum Probieren anboten.

»Na schön, ich nehm’s mit.«

Hastig schob er ihr das Päckchen in die Hand und öffnete dann die Tür, die in den Laden zurückführte. Dort war es inzwischen rappelvoll, außer Kaufmann Ohlsen bediente nun auch Christians Mutter die Kundschaft, eine schlanke, ältlich ausschauende Frau in einem dunklen Kleid mit weißem Spitzenkragen.

Von Paul war nichts zu sehen, auch Ettje schien nicht mehr draußen zu warten, ganz sicher war sie mit Paul zurück auf den Markt gegangen.

»Wenn wir uns morgen in der Kirche sehen– wirst du mich dann grüßen?«, wollte Christian wissen.

»Tschüss, ich muss los.«

Sie ließ ihn stehen und quetschte sich durch die Käufer hindurch zur Ladentür. Jetzt würde Ettje natürlich ohne sie einkaufen und die vollen Preise zahlen, die dumme Pute. Erst als sie schon halb aus dem Laden war, fiel ihr ein, dass sie ziemlich unhöflich gewesen war, immerhin konnte sie der Großmutter eine hübsche Summe auf den Tisch legen– das Geld für ein ganzes Päckchen Tabak.

»Danke schön!«, rief sie in den Laden hinein.

Ob er es bei dem Stimmengewirr hörte, wusste sie nicht, doch es war ihr gleich– sie hatte sich bedankt, und das war anständig so, schließlich hatte er ihr einen Gefallen erwiesen. Damit war es aber auch gut.

Sie musste eine Weile suchen, dann entdeckte sie Ettje an einem Stand gleich bei der Einmündung der Pfefferstraße. Sie hatte den Korb vor sich auf den Boden gestellt, doch Charlotte sah schon aus der Entfernung, dass er voller geworden war. Ganz sicher hatte sie schon Brot gekauft, vielleicht auch Zwiebeln.

»Dich nehme ich nie wieder mit!«, zischte Ettje. »Denkst du, ich will mir die Beine in den Bauch stehen und mich von den Leuten anglotzen lassen?«

Sie hatte nur die drei Brote eingekauft– was für ein Glück. Es war zwar immer noch reichlich Betrieb auf dem Markt, aber die beste Zeit war vorbei. Die Hausfrauen, die früh einkauften, weil sie für die Feiertage noch viel zu richten hatten, waren schon wieder daheim, jetzt waren die Nachzügler unterwegs, auch junges Volk und Kinder, die nur schauten, aber wenig Geld in den Taschen hatten. Charlotte kannte den Bauern am Gemüsestand, einen stämmigen Mann mit faltigem Gesicht und kleinen hellblauen Augen wie ein Schweinchen, der immer nur so grämlich tat, aber wenn seine Olsche nicht dabei war, konnte man mit ihm handeln.

»Ich geh mal nach Paul schauen«, sagte Ettje, der Charlottes Feilschen peinlich war. »Pass gut auf den Korb auf.«

»Gib mir das Geld!«

Just bevor die Bäuerin von einem Einkauf beim Krämer zurückkehrte, hatte Charlotte den Handel abgeschlossen, und wie ihr das Grinsen des Bauern bewies, war auch er bei dem eifrigen Hin und Her auf seine Kosten gekommen. Sie hatte Butter, Zwiebeln, Kartoffeln und ein Dutzend Eier erstanden und zehn Pfennige übrig behalten, dazu kam das Geld für den Tabak– die gewaltige Summe von einer Mark und zwanzig Pfennigen.

Unter dem missbilligenden Blick der Bäuerin schleppte sie den schweren Korb davon, bis Ettje sich endlich blicken ließ und ihr tragen half. Am Ledaufer, wo die Händler schon ihre Kisten und Bretter in die Kähne luden, mussten sie wieder nach Paul suchen. Schließlich entdeckten sie ihn inmitten einer Gruppe gleichaltriger Knaben, die am Wasser hockten und mit Klöten nach Enten und Möwen warfen.

»Es ist schon Mittag«, jammerte Ettje. »Wegen euch kriege ich Ohrfeigen und darf an Pfingsten nicht aus dem Haus.«

Charlotte hätte es ihr von Herzen gegönnt, aber sie war sicher, dass die Großmutter anders denken würde, wenn sie das ersparte Geld sah. Während des Heimwegs verriet sie ihrer Cousine kein Wort darüber, vor allem die Sache mit dem Tabak würde sie besser nur der Großmutter erzählen. Auf keinen Fall Ettje oder Tante Fanny, die würden dann nur wieder die Augen aufreißen und geräuschvoll die Luft einziehen, wobei sie die Hand vor den Mund schlugen – wie immer, wenn jemand etwas Verbotenes oder Unschickliches getan hatte.

Die Maisonne brannte heiß auf sie herunter, und sie stellten wieder einmal fest, dass der Rückweg irgendwie länger als der Hinweg war, schon deshalb, weil sie die Einkäufe schleppen mussten. Als Paul die Tüte mit den Kartoffeln aufs Straßenpflaster fiel und sie die davonrollenden Knollen auflesen musste, blieb Ettje ungewöhnlich ruhig, seufzte nur und meinte, darauf käme es jetzt auch nicht mehr an. Charlotte hingegen war ärgerlich über die Verzögerung, wollte sie doch so rasch wie möglich ihren Triumph auskosten.

Der Himmel war taubenblau, nur oben im Norden zogen weiße Schleierwölkchen vorüber, faserig wie dicht gesponnene Netze. Der Wind hatte einen Teppich aus welkenden Blütenblättern vor die Eingangstür des großväterlichen Hauses geweht, sie klebten an Charlottes Schuhen fest, als sie eilig darüberlief und die Tür aufriss.

In der Küche war niemand außer dem Kater, der zusammengeringelt in seiner Kiste schlief. Ein großer, eiserner Topf blubberte auf dem Herd und ließ den Deckel hüpfen, darin war Möhreneintopf mit Speck, das konnte man riechen.

»Die haben schon zu Mittag gegessen und sind jetzt am Putzen«, mutmaßte Ettje beklommen.

»Aber der Topf ist doch noch ganz voll«, stellte Paul fachmännisch fest. »Sonst würde es doch nicht spritzen.«

»Dann ist wohl Besuch da!«

Eigentlich kam am Tag vor einem Fest kein Besuch, höchstens mal eine Nachbarin, die Eier oder eine Tasse Mehl borgen wollte und noch ein wenig klönte. Die hätte aber in der Küche bei Tante Fanny gesessen.

Besuch, das war eine gute Nachricht für Ettje und Paul, denn dadurch würde die Strafe fürs Zuspätkommen aufgeschoben werden. Charlotte dagegen, die vor Stolz platzte und es eilig hatte, vor der Großmutter zu glänzen, ärgerte sich.

Die Kinder schlichen auf Zehenspitzen zurück in den Eingangsflur, blieben vor der Stubentür stehen und lauschten. Richtig, dort wurde gesprochen, man vernahm eine tiefe Männerstimme, die Charlotte bekannt vorkam.

»Das ist Superintendent Doden«, flüsterte Ettje. »Was will der denn heute bei uns?«

»Da hat jemand gelacht«, sagte Paul, der das Ohr an die Tür gepresst hielt. »Oder nee. Ich glaub eher, da heult wer.«

»Das ist Mama.«

Alle fuhren zusammen, denn sie hatten Klara auf der dämmrigen Treppe nicht gesehen. Sie hatte unten auf der letzten Stufe gesessen und stand jetzt auf, um zu ihnen zu humpeln.

»Ich durfte nicht mit rein«, sagte sie leise. »Deshalb hab ich hier gesessen und gewartet.«

»Was ist denn los?«, forschte sie Ettje aus. »Mama ist doch nicht krank?«

In diesem Augenblick wurde die Stubentür geöffnet, und Paul, der das Ohr noch am Schlüsselloch hatte, sprang blitzschnell zurück. Nichts erschien ungewöhnlich an Pastor Dirksen, abgesehen von den roten Äderchen in seinen Augen und seinem Bart, der plötzlich zitterte.

»Charlotte«, sagte er, ohne auf die anderen zu achten. »Komm mit mir hinauf ins Arbeitszimmer.«

Scheu sahen die anderen Charlotte an– sie musste etwas ganz besonders Schlimmes ausgefressen haben, dass sich der Großvater persönlich darum kümmerte.

Charlotte warf einen flüchtigen Blick in die Wohnstube, und das Bild, das sich ihr bot, blieb ihr in Erinnerung, als habe es jemand in Stahl gestochen. Das klobige, dunkelbraune Sofa mit den Häkelkissen, auf dem der dürre Superintendent in steifer Haltung saß, den schwarzen Hut in den Händen. Die Großmutter im Sessel neben einem Strauß künstlicher Farnwedel, die aus grauen Federchen gemacht waren. Ihre zusammengekniffenen Augen, die dunkel geäderte Hand, die sie vor den Mund gepresst hielt. Das farbenfrohe Spiel der Maisonne in den kleinen Fensterscheiben, die Nippesfiguren auf der Kommode, zwischen denen das weiße Marmorkreuz aufragte, das Papa einmal aus Südamerika mitgebracht hatte. Ein Stück von Tante Fannys dunkelblauem Kleid, über dem sie noch die weiße Schürze trug– der Rest wurde von der Tür verdeckt.

Der Großvater stieg langsam, Schritt um Schritt, die Treppe hinauf, seine linke Hand glitt über den hölzernen Lauf des Geländers. Charlotte konnte seinen keuchenden Atem hören, doch er blieb nicht stehen, um sich auszuruhen. Oben im engen Arbeitszimmer war Pauls Bett noch nicht gemacht, sein Nachthemd lag auf dem Dielenboden, daneben ein Schuh und zwei Socken.

Der Tag endete in diesem kleinen, dämmrigen Raum, vor dem Schreibtisch aus Eichenholz, denn alles, was danach geschah, sollte für alle Zeiten aus Charlottes Erinnerung gelöscht sein. Nur das erstarrte Gesicht ihres Großvaters blieb ihr im Gedächtnis, die Farbe seiner Haut, die fast ebenso weiß wie Haar und Bart erschien, und seine bläulichen, schmalen Lippen.

»Du wirst von nun an bei uns bleiben, mein Kind.«

»Bis zum Sommer– das weiß ich doch, Großvater.«

»Nein Charlotte. Für immer.«

Sie wollte es nicht glauben. Jonny und ihre Eltern waren auf einem Schiff weit draußen auf dem großen Ozean, da konnte sie doch niemand sehen. Schon gar nicht die Reederei in Bremen, die einen Brief an Superintendent Doden geschrieben hatte. Gar nichts wussten die, nicht einmal die Adresse ihres Großvaters, sonst hätten sie das Schreiben doch gleich an ihn geschickt.

»Der Sturm wütete in Küstennähe, nicht weit von Bombay«, schluchzte Tante Fanny, wenn die schwarz gekleideten Besucher in der guten Stube saßen. »Sie konnten die Küste schon sehen, aber wegen des Sturms ist der Dreimastfrachter wieder aufs offene Meer hinausgesegelt. Tage später wurden Trümmer an Land gespült. Keiner hat überlebt, alle liegen jetzt unten auf dem Meeresgrund…«

Tante Fanny weinte schrecklich viel, vor allem, wenn die Trauergäste ihr zuhörten. Dann erzählte sie auch gern von ihrem verstorbenen Ehemann Peter Budde, der Buchbinder gewesen war. Er hatte eine kleine Werkstatt in der Süderkreuzstraße gehabt und immer zu viel gearbeitet. Von dem Staub und dem Leim habe er husten müssen, daraus sei eine Lungenentzündung geworden und schließlich die Schwindsucht.

»Wen der Herr liebt, den ruft er früh zu sich…«

»Das Meer nimmt sich sein Opfer immer dann, wenn man es am wenigsten erwartet…«

»Nun ist die lütte Deern ganz allein auf der Welt.«

Charlotte musste schwarze Sachen anziehen, und manchmal führte Tante Fanny sie in die gute Stube, wo die Trauergäste mit Milchkaffee und Kuchen bewirtet wurden. Dann redete man tröstend auf sie ein, rief Gott den Herrn als ihren Beschützer an, und– das war das Abscheulichste– einige der Frauen drückten sie mütterlich an die Brust, quetschten sie fast tot und streichelten dabei schluchzend ihr Haar.

»Es ist doch gar nicht wahr«, flüsterte sie Klara abends im Bett zu. »Wenn der Sommer zu Ende ist, dann kommen sie, um mich abzuholen. Und das nächste Mal darf ich mit– das hat Papa mir hoch und heilig versprochen.«

»Du hast recht«, wisperte Klara. »Sie kommen bestimmt. Ich werde sehr traurig sein, wenn du wieder in Emden bist, Charlotte.«

»Du musst nicht traurig sein, Klara. Ich bitte Mama, dass du bei uns wohnen kannst. Dann bleiben wir für immer zusammen.«

»Still jetzt!«, zischte Tante Fanny von ihrem Bett herüber. »Es ist zum Auswachsen mit euch. Den ganzen Tag muss man arbeiten, dazu noch der Herzenskummer, und dann hat man nicht einmal seine Nachtruhe!«

Am Sonntag nach Pfingsten gab es eine Trauerfeier in der Lutherischen Kirche für ihre Eltern und für Jonny, zu der viele Verwandte gekommen waren. Vorn beim Altar war alles bunt von Blumensträußen und Kränzen, und der Kirchenraum, der sonst muffig nach feuchtem Stein und Holz roch, duftete süßlich nach den Maiblüten. Charlotte musste in der ersten Stuhlreihe zwischen den Großeltern sitzen, sie konnte Tante Fanny und Ettje schluchzen hören, auch Tante Edine aus Aurich und ihre beiden Töchter Marie und Menna weinten die ganze Zeit. Die Großeltern saßen mit unbewegten Gesichtern da und weinten nicht, nur an dem Glitzern in den Augen der Großmutter und an ihren ineinander verkrampften Händen konnte man sehen, wie nahe sie den Tränen war.

Als die Orgel zum Ausklang spielte, standen die Großeltern auf, und Charlotte musste mit ihnen durch den Mittelgang zur Kirchentür schreiten, es folgten die beiden Brüder ihres Vaters, Wilhelm und Gerhard, dann Tante Fanny mit Ettje, Klara und Paul, und danach kam Tante Edine mit ihrem Mann Pastor Harm Kramer und den beiden Töchtern. Alle anderen waren in den Bänken sitzen geblieben und starrten sie an, während sie vorüberzogen. Es war beklemmend, dass alle so fest davon überzeugt schienen, dass Charlottes Eltern und Jonny tot waren. Aber wenn jemand starb, dann gab es doch einen Sarg, in den man seinen Leichnam legte. Und ein Grab auf dem Friedhof mit Blumen und einem Kreuz aus Eisen oder einem Stein. Dann erst war jemand tot– nicht, wenn er einfach nur auf dem Ozean verschwunden war. Vielleicht waren sie auf einer Insel gestrandet. In Afrika angelandet. Oder das Schiff schwamm noch irgendwo auf dem Meer herum und würde die Tage in den Hafen von Bombay einlaufen.

Die Lehrer in der Schule strichen ihr übers Haar und nannten sie »arme Kleine«, einige wenige Jungen und Mädchen sagten, dass es ihnen sehr leidtäte, die meisten Mitschüler waren jedoch wie immer. Charlotte mochte die Schule in Leer nicht, sie fand sie düster und hässlich, die Kinder waren dumm, und sie hatte dort keine Freundin. Sie wollte zurück in ihre Schule in Emden, dort konnte sie mit Ernestine und Juliane spielen, die dicke Anna mit den roten Zöpfen saß neben ihr, und die Lehrerin konnte sogar Englisch. Mama sprach meistens Englisch; wenn sie deutsch redete, klang es oft lustig, weil sie so viele Fehler machte.

Der Großvater war jetzt oft in Emden, manchmal nahm er die Großmutter mit, dann blieben die Kinder mit Tante Fanny allein, und wenn sie von der Schule heimkamen, wurde in der Küche gegessen.

»Du bist reich«, sagte Ettje missgünstig. »Du kriegst alles, was deinen Eltern gehört hat.«

Charlotte starrte in ihren Suppenteller und fuhr langsam mit dem Löffel durch die braungelbe Masse. Bohnen, Möhren, Zwiebeln, Stückchen von Kartoffeln, Suppengrün. Warum konnte sie sich nicht die Ohren zustopfen? Warum sagten die anderen immer solche Dinge, die doch nicht wahr sein konnten?

»Ich will nichts!«

»Du kannst es ja mir schenken!«

»Gar nichts bekommst du. Niemand kriegt etwas.«

»Doch! Du! Großmutter hat gesagt, dass sie euer Haus in Emden verkaufen und alle Möbel und was sonst darin ist. Alles! Und dafür bekommen sie viel Geld. Das gehört dann dir.«

Charlotte ließ den Löffel fallen, sprang auf und griff wütend in das flusige Haar ihrer Cousine.

»Das lügst du!«, kreischte sie und zerrte an Ettjes Haaren. »Sie können unser Haus nicht verkaufen, das gehört ihnen nicht! Das gehört Papa!«

Ettje zeterte und versuchte, sich zu befreien. Dabei tauchte sie mit der Nase in den heißen Suppenteller, und hätte Klara nicht rasch zugegriffen, wäre die Suppe samt Teller auf dem Fußboden gelandet. Tante Fanny machte nicht viel Federlesens, packte Charlotte an den Armen und zerrte sie auf ihren Stuhl zurück, dann verabreichte sie ihrer Nichte zwei feste Ohrfeigen. Anschließend beugte sie sich über den Tisch, um der heulenden Ettje ebenfalls eine Backpfeife zu geben.

»Ich hab doch nichts gemacht!«, jammerte Ettje.

»Das ist für dein loses Mundwerk!«

»Ich hab nur die Wahrheit gesagt!«

»Still. Jetzt wird gegessen. Nachher machst du den Abwasch, Ettje. Und Charlotte fegt aus.«

Charlotte weinte nicht. Schweigend saß sie vor ihrem Teller, spürte kaum, dass ihre Wangen von den Schlägen glühten. In ihrem Inneren war ein dunkler Schmerz aufgestiegen, der sich unaufhaltsam in ihrem Körper ausbreitete. Papa und Mama waren nicht mehr da, die Wärme, der Halt, der Schutz, den ihre Eltern ihr gegeben hatten, mit ihnen verschwunden. Ungestraft konnte man ihr Elternhaus verkaufen, Mamas Möbel, Papas Bücher und seine Sammlungen, ihre Spielsachen und auch Jonnys Ritterburg mit den Reitern und Pferden. Ungestraft konnte Tante Fanny jetzt auch sie ohrfeigen, musste sie sich doch keine Sorgen mehr machen, dass Papa sie dafür schelten könnte.

»Ihr werdet schon sehen, wenn sie zurückkommen!«, rief sie trotzig.

Sie weinte erst am Abend, als sie mit Klara im Bett lag und Ettje mit Tante Fanny noch unten in der Küche war. Klara hielt sie mit beiden Armen umfangen, und Charlotte schluchzte in das Nachthemd der Cousine hinein, bis es von ihren Tränen durchweicht war.

»Das macht nichts«, wisperte Klara, als Charlotte sich beruhigt hatte und sie fest aneinandergeschmiegt dalagen, um miteinander in das Land der Träume und des Vergessens zu reisen. »Die Hauptsache ist, du hast dich ausgeheult.«

Der Frühling ging dahin, und der Sommer kam. Über dem Sofa in der Wohnstube hing jetzt ein gerahmtes Foto, das Charlottes Mama kurz vor der Reise in einem Atelier in Emden hatte aufnehmen lassen. Mama saß in einem ihrer schönen Kleider auf dem Stuhl, hinter ihr stand Papa in seiner Kapitänsuniform, aber ohne Mütze, so dass man sein krauses, helles Haar sah. Jonny und Charlotte hatte der Fotograf rechts von Mama aufgestellt, Jonny trug eine Jacke, dazu Knickerbocker und Stiefel. Die Stiefel waren eng gewesen, und Mama hatte lange reden müssen, damit er sie anzog. Papa stützte die rechte Hand auf die Stuhllehne in Mamas Rücken, die linke lag auf Charlottes Schulter. Hin und wieder hatte er sie ein wenig mit den Fingern gezwickt und sie damit zum Kichern gebracht. Es war schrecklich anstrengend gewesen, so lange ruhig zu stehen und in die große, schwarze Öffnung der Kamera zu starren; Jonny war ganz zappelig geworden, und Mama hatte ihm schließlich Süßigkeiten versprochen, damit er endlich stillhielt.

Über das gerahmte Foto hatte man ein schwarzes, durchsichtiges Band drapiert, das ein wenig in das Bild hineinhing. Es gab noch weitere Neuerungen in der Stube. Tante Fanny und die Großmutter hatten die Kommode unters Fenster geschoben, an ihrem Platz stand jetzt Mamas Klavier. Es hatte heftige Wortwechsel darum gegeben, denn weder die Tante noch die Großmutter hatten das Klavier haben wollen, das ihrer Meinung nach die ganze Wohnstube »zukleisterte«. Zu Charlottes größter Überraschung hatte aber dieses Mal der Großvater das letzte Wort gehabt.

»Es ist ein schönes Instrument, und wenn Gerhard einmal in besseren Verhältnissen lebt, kann er es sich abholen.«

Onkel Gerhard war Papas jüngster Bruder. Er wohnte in Hamburg, und man hatte Charlotte erzählt, dass er dort Musik unterrichtete, aber sie war sich nicht sicher, ob das der Wahrheit entsprach, denn die Großmutter seufzte immer, wenn sie von ihm sprach.

»Was aus dem Jung wohl noch werden soll!«

Dabei war Onkel Gerhard schon dreißig Jahre alt– eigentlich hätte schon längst etwas aus ihm geworden sein müssen. Charlotte mochte ihn gern, obgleich sie ihn nur zweimal in ihrem Leben gesehen hatte. Einmal war er in Emden zu Besuch gewesen, da hatte er mit Mama musiziert; sie hatte Klavier gespielt, er die Geige. Das zweite Mal war er bei der Trauerfeier gewesen, da war er erst nach der Kirche angekommen und hatte mit ihnen zu Mittag gegessen, doch in dem verwandschaftlichen Getümmel hatte Charlotte keine Zeit gehabt, mit ihm zu sprechen. Sie hätte ihm das Klavier gern gegeben, zumal sie selbst keine Lust verspürte, darauf zu üben. Aber das Klavier gehörte Mama; worauf sollte sie spielen, wenn sie zurückkehrte?

Die Kirschen reiften, Johannisbeeren und Erdbeeren wurden eingekocht, bald waren auch die Stachelbeeren süß genug. Die Wiesen wurden zum zweiten Mal gemäht und das Korn geschnitten. Auf dem Markt gab es Kohl und frische Möhren, Sellerie, Lauch, auch schon die ersten Kartoffeln und Pflaumen. Kühlere Winde rissen an der Wäsche, die Tante Fanny hinten im Garten zum Trocknen aufhängte, drüben am Spalier des Nachbarn reiften die Äpfel. Der Sommer schickte sich an, in den Herbst überzugehen.