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Mirka blieb alleine mit Holzinger zurück. In diesem Raum, dessen Wände immer näher zu rücken schienen.
»Sie haben einen ganz bestimmten Weg gewählt, Fräulein König«, sagte Holzinger, lehnte sich in seinem thronähnlichen Sessel zurück und verschränkte die Finger beider Hände ineinander. »Einen einsamen Weg mit wenigen Freunden, schlechter Bezahlung und Gefahren, die hinter jeder Ecke lauern. Ich finde das schade. Eine Vergeudung von Talent. Ich könnte Ihnen helfen, die Glut, die in Ihnen lodert, zu schüren ...«
»Wollen Sie mir tatsächlich einen Job im Babylonia anbieten?!«
Georg hat seine Schwester Lydia bei der Polizei als vermisst gemeldet und die Vermutung geäußert, dass sie möglicherweise im Babylonia gefangen gehalten wird. Damit tritt eine Ermittlerin auf den Plan, mit der Christian Holzinger, der dämonische Besitzer des Nachtclubs, zunächst leichtes Spiel zu haben glaubt. Doch an Mirka König, der Neuen, beißt er sich die Zähne aus ...
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Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Inhalt
Was bisher geschah
WER OHNE SÜNDE IST ...
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
mystery-press
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Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Coco Zamis ist das jüngste von insgesamt sieben Kindern der Eltern Michael und Thekla Zamis, die in einer Villa im mondänen Wiener Stadtteil Hietzing leben. Schon früh spürt Coco, dass dem Einfluss und der hohen gesellschaftlichen Stellung ihrer Familie ein dunkles Geheimnis zugrundeliegt.
Die Zamis sind Teil der Schwarzen Familie, eines Zusammenschlusses von Vampiren, Werwölfen, Ghoulen und anderen unheimlichen Geschöpfen, die zumeist in Tarngestalt unter den Menschen leben. Die grausamen Rituale der Dämonen verabscheuend, versucht Coco den Menschen, die in die Fänge der Schwarzen Familie geraten, zu helfen. Ihr Vater sieht mit Entsetzen, wie sie den Ruf der Zamis-Sippe zu ruinieren droht. So lernt sie während der Ausbildung auf dem Schloss ihres Patenonkels ihre erste große Liebe Rupert Schwinger kennen. Auf einem Sabbat soll Coco zur echten Hexe geweiht werden. Asmodi, das Oberhaupt der Schwarzen Familie der Dämonen, hält um Cocos Hand an, doch sie lehnt ab. Asmodi kocht vor Wut und verwandelt Rupert Schwinger in ein Ungeheuer.
In den folgenden Jahren lässt das Oberhaupt keine Gelegenheit aus, gegen die Zamis-Sippe zu intrigieren. So verlangt Asmodi von Coco, einen gewissen Dorian Hunter für ihn töten. Es gelingt Coco, Dorian zu becircen – doch anstatt den Auftrag sofort auszuführen, verliebt sie sich in ihn. Zur Strafe verwandelt Asmodi Dorian Hunter in einen seelenlosen Zombie, der fortan als Hüter des Hauses in der Villa Zamis sein Dasein fristet.
In Wien übernimmt Coco ein geheimnisvolles Café. Sie beschließt, es als neutralen Ort für Menschen und Dämonen zu etablieren. Zugleich stellt sie fest, dass sie von Dorian Hunter schwanger ist. Coco, Michael und Toth bitten Asmodi um Hilfe gegen die Todesboten, müssen dafür jedoch jeweils ein wertvolles Pfand hinterlegen. Coco gelingt es, das Ungeborene im Totenreich zu verstecken.
Indessen ist Michaels Großtante Fürstin Bredica verstorben. Die Testamentsvollstreckung findet auf ihrer Temeschburg statt. Michael trifft dort seine uneheliche Tochter Juna wieder, die er der Fürstin übergeben hatte, um sie zur Hexe ausbilden zu lassen. Nach langem Martyrium gelang Juna die Flucht. In der Gegenwart bekämpfen sich die versammelten Erben gegenseitig. Am Schluss überleben außer Skarabäus Toth nur Michael, Thekla, Coco und Juna. Auf der Rückfahrt nach Wien müssen sie durch den gespenstischen Hoia-Baciu-Wald. Sie werden getrennt und erwachen jeder an einem anderen Ort.
Dahinter steckt der Dämon Baalthasar Zebub, der in Wien behauptet, Michael, Thekla und Coco seien tot und Michael habe seinen Sohn Georg zum Nachfolger erkoren. Georg hat bei den Wiener Sippen keinen leichten Stand – dennoch ist er alles andere als erfreut, als die Totgeglaubten plötzlich vor der Tür stehen! Michael Zamis übernimmt wieder das Zepter, doch die Wiener Sippen schlagen sich größtenteils auf Zebubs Seite. Und dann wird auch noch Lydia Zamis entführt ...
von Michael M. Thurner und Logan Dee
»Ah, die Neue! König. Mikro König, nicht wahr?« Gruber nickte knapp und deutete ihr, auf einem Stuhl vor seinem überladenen Schreibtisch Platz zu nehmen.
»Ich heiße Mirka«, antwortete sie so gelassen wie möglich und setzte sich.
»Verzeihung. Ich dachte, dass sich Ihre Eltern einen Scherz auf Ihre Kosten gemacht hätten. Besonders groß sind Sie ja nicht gerade.« Er blickte auf seine Unterlagen. »Ein Meter einundsechzig ...«
»Groß genug, um aufgenommen zu werden.«
»Ja«, sagte Gruber leise, kaum hörbar. »Weil die Polizei heutzutage jedermann akzeptiert, sobald er den eigenen Namen fehlerfrei schreiben kann.«
Mirka schwieg. Sie war wegen ihrer geringen Körpergröße drei Jahre lang Hohn und Spott an der Sicherheitsakademie in der Marokkaner Kaserne ausgesetzt gewesen. Aber sie hatte sich durchgesetzt. Mit eisernem Willen, mit Fleiß, mit Disziplin.
»Wie auch immer, König. Sie sind uns zur Probe zugeteilt.«
Gruber blätterte durch die Unterlagen, nach vorne und wieder zurück. »Da gibt es einige Empfehlungsschreiben. Vom Oberst Soundso und vom Major Soundso. Sie haben also Beziehungen.«
»Nein«, widersprach Mirka ruhig. »Ich habe meine Ausbildung mit ausgezeichnetem Erfolg bestanden. Meine und Ihre Vorgesetzten sind der Meinung, dass ich nicht im Streifendienst eingesetzt werden sollte, sondern ...«
»Ah. Sie wollen zum BKA.«
»Ja. Zum Bundeskriminalamt.«
»Verstehe. Nun, damit sind die Fronten geklärt, Fräulein König. Für Sie ist die Polizeistation Schillergasse bloß ein Durchlaufposten.«
»Ich verspreche Ihnen, dass ich mein Bestmögliches geben werde und ...«
»Ach, sparen Sie sich diese Litanei, König!« Der Oberst knallte den Akt vor sich auf den Tisch. Staub wirbelte hoch, im Lichtstrahl gut erkennbar, der von rechts durch ein vergittertes Fenster einfiel. »Ich sehe es Ihnen doch an, dass sie sich bloß auf der Durchreise befinden!«
Mirka schwieg, während Gruber einen Vortrag über Enthusiasmus, Verantwortungsgefühl, Kadergehorsam und Verpflichtungen losließ. Sein Gesicht lief dunkelrot an, die Wangen waren gefleckt. Der übergewichtige Mann hatte ganz gewiss überhöhten Blutdruck und vermutlich Zucker.
Und er war ein Arsch.
»Im mittleren Büro ist ein Schreibtisch freigeworden«, sagte Gruber, nachdem er sich wieder beruhigt hatte. »Der alte Doskozil ist in den Vorruhestand geschickt worden. Leider. Machen Sie sich mit seinem Bezirk vertraut, blättern Sie in den Dienstvorschriften, und lackieren Sie meinetwegen Ihre Fingernägel. Besuchen Sie mich nach dem Mittagessen wieder. Wenn bis dahin etwas auf meinem Schreibtisch gelandet ist, das Ihren ... Fähigkeiten entspricht, teile ich Sie ein. Und jetzt machen's die Tür zu. Hinter Ihnen.«
Mirka stand auf, stand stramm und nickte, bevor sie den Raum durch die Glastür verließ.
Sie atmete tief durch. Na also. Das war ja gar nicht mal so schlecht gelaufen.
Der alte Doskozil war wohl aus gutem Grund in den Vorruhestand geschickt worden. In den Laden seines Schreibtischs fanden sich schmuddelige Pornohefte mit allzu jungen Asiatinnen – und jede Menge benützte Taschentücher. Er dürfte wohl öfter mal die Nachtschicht übernommen haben und das Büro, in dem während des Tages acht Polizisten Platz fanden, für sich alleine genutzt haben.
Mirka übte sich in Geduld. Sie wühlte sich durch alte Unterlagen und versuchte, ein Gespräch mit den Kollegen aufzunehmen. Nach einer matten Begrüßung interessierte sich niemand mehr für sie.
Es herrschte ein reges Kommen und Gehen. Der nahe gelegene Burggarten war bei Drogenhändlern sehr beliebt. Mehrmals während des Vormittags wurden eingefangene Kleindealer verhört und nach dem Ausfüllen der üblichen Protokollformulare wieder freigelassen. Dies alles geschah routiniert und unaufgeregt.
Tagesgeschäft halt.
Mirka beschäftigte sich mit einigen älteren Fällen, arbeitete sich in das antiquierte Computersystem des Inspektorats Schillergasse ein und prägte sich die Hot Spots ihres Dienstbezirks ein. Da waren die vielen Parks der Inneren Stadt Wiens, einige zweifelhafte Nachtlokale, die U-Bahn-Station mit der Opernpassage in unmittelbarer Nähe ...
Irgendwann ließen die neuen Kollegen alles stehen und liegen, erhoben sich und verließen wie auf Kommando den Raum.
»Kommst mit, Mikro?«, fragte ein älterer Mann mit gewaltiger Wampe. Er war gut ein Meter neunzig groß. »Man muss schnell sein. Ansonsten wartet man ewig aufs Menü.«
»Ich heiße Mirka«, sagte sie und winkte dann müde ab. Diesen Spitznamen würde sie ihren Lebtag lang nicht mehr loswerden. »Was für ein Menü? Gibt es hier eine Kantine?«
Der Dicke, »der zarte Wolferl« oder nur »Zarter« gerufen, lachte schallend. »Kantine?! Du hast Humor, Mikro! – Neinnein. Das Mittagessen kommt vom Würstelstand hinter der Oper. Das Einser-Menü besteht aus Leberkässemmel und Spritzwein, das Zweier-Menü aus einer Bosna-Wurst mit Bier.«
Mirka erinnerte sich. Der Würstelstand galt als einer der besten in Wien. Selbst die feinsten Besucher der Oper fanden sich nach den Vorstellungen dort ein und aßen in Frack oder Kleid fettige Würste mit Senf oder Ketchup.
»Na schön, ich komme mit«, sagte Mirka und schloss sich dem Zarten an. Sie verließen das Inspektorat und wandten sich nach rechts, gingen am Zaun des angrenzenden Burggartens entlang, passierten die Albertina und reihten sich an der gegenüberliegenden Straßenseite in die lange Schlange ein, die sich vor dem Stand gebildet hatte.
»Wie lange bist du schon hier im Bezirk?«, fragte sie den Zarten.
»Lange.« Er lachte und rieb sich den Bauch. »Wenn man sich zwanzig Jahre lang vom Einser- und Zweiermenü ernährt, bleibt ganz schön was hängen, wie man sieht.«
»Wie ist der Dienst denn so? Anstrengend?«
Der Zarte wehrte einige Fliegen ab, die ihn umkreisten. »Ach, es geht so. Es gibt einige reiche Schnösel, die glauben, sich alles erlauben zu können. Eine Menge Modedrogen sind derzeit im Umlauf. Ab und zu gibt's einen Mord im Milieu.«
Es ging langsam vorwärts in der Reihe. Der Geruch nach gebratener Wurst machte Mirka den Mund wässrig. »Im Milieu? Ich dachte, dies wäre der Bezirk der Vornehmen und Reichen. In der Akademie habe ich gelernt ...«
»Ach, vergiss die Akademie, Mikro!« Der Zarte erschlug eine Fliege und schmierte sich die Hand an der speckigen Hose ab. »Es gibt einige Unterweltgrößen, die im Ersten Bezirk ein Domizil bezogen haben. Ihnen gehören die schmuddeligsten Puffs entlang des Gürtels, aber sie wohnen hier, eingebettet in Luxus. Und für besondere Kundschaft haben sie auch in der Innenstadt den einen oder anderen Laden eingerichtet. Das Babylonia zum Beispiel. Oder das Why Me.«
Mirka notierte die Namen im Geiste. Sie hatte vom Babylonia gehört und auch davon, dass es über Separees verfügte. Dass dort bekannte Unterweltgrößen ihre Finger mit im Spiel hatten, war ihr neu.
Das Why Me war als eines der ersten Schwulenlokale in Wien bekannt geworden. Es existierte seit Jahrzehnten und war als Treffpunkt der sonderbarsten Gestalten berüchtigt.
Sie waren an der Reihe. Mirka gönnte sich eine Käsekrainer, während der Zarte zweimal das Einser-Menü für sich bestellte und heißhungrig zu futtern begann, sobald sie Plätze an einem der Stehtische in unmittelbarer Nähe zum Würstelstand ergattert hatten.
Nachdem der Zarte einige Fliegen aus den Semmeln entfernt hatte, aß er sie mit wenigen Bissen auf. Er spülte mit zwei Dosen Bier nach und rülpste so ausgiebig, dass ihm die Kollegen ringsum Beifall spendeten.
Mirka sehnte sich nach der Akademie zurück.
»Sie haben sich bereits mit dem Zarten, also mit dem Kollegen Werdenyi, angefreundet?«, fragte Gruber.
»Angefreundet wäre ein wenig zu viel gesagt ...«
»Ausgezeichnet. Sie sind ihm zugeteilt, König. Sie werden ihn zukünftig bei seinen Rundgängen begleiten. Ihr Dienstplan hängt bereits aus, eine Kopie bekommen Sie im Laufe des Nachmittags. Einmal pro Woche haben Sie mit Werdenyi einen Vierundzwanziger im Dreier-Dienstwagen.«
Einen Vierundzwanziger ... das bedeutete, dass sie eine ganze Tag- und eine Nachtschicht lang im Fahrzeug mit dem Kennzeichen BP 344 die Innenstadt abfahren würden.
»Und was geschieht heute noch?«, hakte Mirka nach.
»Es ist eine Meldung reingekommen, womit Sie und Werdenyi sich beschäftigen können. Eine abgängige Person. Eine junge Frau, die aus dem Babylonia verschwunden ist.« Gruber warf ihr einen Akt mit schlampig zusammengehefteten Schriftstücken über den Schreibtisch hinweg zu. »Zeigen Sie mal, was Sie draufhaben, Kollegin. Überzeugen Sie mich. Und jetzt lassen's mich alleine, ich hab zu tun.«
Der Kommandant des Inspektorats wandte sich ab, griff nach einer bereitstehenden Thermoskanne und goss sich Kaffee in eine schmutzige Tasse ein. Es roch nach Alkohol, nach Rum.
Mirka kehrte an ihren Schreibtisch zurück, blätterte die Unterlagen durch und gab sie an den Zarten weiter, der sich eben daranmachte, den dritten Pudding seiner Nachspeise aufzuessen.
»Du sollst mich begleiten«, sagte sie.
»Jetzt? In der verlängerten Mittagspause?!«
»Der Chef will's so haben.«
Der Zarte schüttelte den Kopf und fluchte unterdrückt. »Ich hätte es wissen müssen, dass du Probleme machst, Mikro.«
»Ich kann doch nichts dafür ...«
Mirka verstummte. Es hatte keinen Sinn, mit ihrem Kollegen zu streiten. Ganz im Gegenteil. Sie musste zumindest einen von ihnen auf ihre Seite ziehen, wollte sie die nächsten Monate in diesem Inspektorat überleben.
Und wenn ich um eine Versetzung ansuche?
Mirka seufzte. Es würde ihr als Versagen ausgelegt werden, wenn sie bereits am ersten Tag ihres Dienstes das Handtuch warf.
Ich muss mich durchbeißen. Und wenn es mir noch so schwerfällt.
Der Zarte erhob sich von seinem Platz und leckte sich die Finger ab. »Also schön.« Er schnaufte und wischte sich Schweiß von der Stirn. »Dann lass uns mal dem Babylonia einen Besuch abstatten.«
Er stapfte davon, ohne auf sie zu warten. Mirka nahm die Unterlagen an sich und blätterte sie ein weiteres Mal durch, während sie ihrem Kollegen folgte.
Die Anzeige war von unbekannter Seite erfolgt. Vermisst wurde eine gewisse Lydia Zamis. Sie wohnte im dreizehnten Wiener Gemeindebezirk, in einer noblen Villengegend. Sie wurde als ausnehmend hübsch beschrieben. Als Frau Mitte zwanzig, die im Babylonia bei früheren Besuchen durch schlechtes Benehmen aufgefallen war.
Der Zarte führte sie zur U-Bahn-Station Karlsplatz. Sie fuhren eine Station, um unmittelbar am Stephansplatz auszusteigen und die Rotenturmstraße Richtung Handelskai zu gehen.
Mirka genoss die Stimmung rings um sie. Die vielen Touristen mit ihren Handys in der Hand, die schimpfenden Fiakerfahrer, die laut und aufgeregt schnatternden Schüler. All das ergab ein Potpourri an Stimmen in den unterschiedlichsten Sprachen. Ein buntes und internationales Durcheinander, wie Mirka es liebte.
»Diese Scheiß-Fliegen!«, schimpfte der Zarte und erwehrte sich gleich mehrerer der Insekten. »Sie haben's ganz besonders auf mich abgesehen!«
Kein Wunder, bei deinem Körpergeruch, dachte Mirka und sagte laut: »Die Plage hat ihren Höhepunkt schon überschritten. Es waren viel, viel mehr. Die Biologen sagen, dass es mit dem milden Winter und dem heißen Sommer zu tun hat.«
»Die Biologen, die Biologen!«, äffte sie der Zarte nach. »Die sitzen doch bloß in ihren vollklimatisierten Büros und reimen sich irgendetwas zusammen!«
Allmählich ließ die Touristendichte nach. Immer mehr Wiener waren zu sehen, leicht zu erkennen an ihren griesgrämigen Gesichtern. Ein Bettler zog sich in den Schatten eines Hauseingangs zurück. Ihm fehlten beide Beine, sein angsterfüllter Blick galt Mirka und ihrer Uniform.
Sie machte hinter ihm im Halbschatten weitere Verkrüppelte aus. Ängstliche Gestalten, die sich duckten und möglichst klein machten. Ihnen allen fehlten Körperglieder. Einer von ihnen lüpfte kurz seine Augenklappe. Rohes Fleisch kam darunter zum Vorschein.
»Da ist das Babylonia«, sagte der Zarte und deutete auf eine Leuchtschrift zu ihrer Rechten, die trotz der frühen Tageszeit bereits eingeschaltet war.
Verfolgt vom Geklapper zweier Fiakerpferde, betraten sie einen schmalen Gang, der zwischen den Häusern weit nach hinten führte.
Mirka meinte, eine Ratte quietschen zu hören, bevor sie den eigentlichen Eingang zum Babylonia erreichten.
»Willkommen im sündigsten Lokal Wiens«, sagte der Zarte, ohne nach oben zu blicken und die Schrift zu lesen. »Bei uns bekommen Sie, was Sie verdienen.«
»Du scheinst den Schuppen gut zu kennen.«
»Ich war schon ein paar Mal an Razzien hier beteiligt«, sagte er und fügte, ohne mit der Wimper zu zucken, hinzu: »Als Privatperson hab ich mir auch schon ein paar schöne Stunden im Babylonia erlaubt. Ist zwar nicht billig, aber als Kiewerer bekommt man einen Spezialrabatt.« Er lachte schmierig. »Damit bei den Razzien das eine oder andere Auge zugedrückt wird.«
»Manche Leute könnten das als Bestechung interpretieren.«
»Aber geh, Mädel! Letztlich ist es doch zum beiderseitigen Vorteil. Wir sind froh darüber, die jungen Mädchen und ihre Kundschaft hier versammelt zu sehen, und der Holzinger kann sich auf eine gewisse ... Kontinuität verlassen. Außerdem ist das hier nachts ein ganz normaler Club, in dem das Jungvolk abfeiert.«
Sie traten ein. Die Tür war innen mit rosarotem Plüsch ausgeschlagen, gedämpftes Licht warf kaum einen Schatten. Mirka roch abgestandenes Bier, kalten Rauch und Sperma.
Der Zarte steuerte geradewegs auf die Bar zu und reichte einem groß gewachsenen Mann die Hand. Die beiden tuschelten miteinander, anschließend klopfte Mirkas Kollege dem Angestellten des Babylonia gut gelaunt auf die Schulter.
Dessen Miene zeigte keinerlei Freude.
»Was hat denn dir den Tag verhagelt?«, fragte der Zarte.
»Den feigen Mord an zwei meiner Kollegen habt ihr noch immer nicht aufgeklärt, oder?«
Der Zarte verdrehte die Augen. »Das haben wir weitergereicht. Mord ist nicht unser Kaliber, weißt du doch ...«
»Aber dass der Konstantin jetzt die beiden und auch noch die Kleine umgebracht haben soll, ist doch Schwachsinn!«
»Ist nicht mehr unser Bier, wie gesagt.«
Mirka horchte auf. Hier schien einiges nicht ganz koscher zu sein. Während die zwei noch diskutierten, sah sie sich um. Es war wenig los um diese Uhrzeit. Einige Frauen tanzten gelangweilt zu ruhiger Musik auf der runden Spiegelfläche. In einer Ecke am anderen Ende der Bar bekam ein Gast einen privaten Lapdance, unweit davon bediente sich ein Säufer mit zittrigen Händen an einer Flasche Wodka.
Zu ihrer Rechten, vermutete Mirka, lagen die Separees. Über eine breite Treppe war ein weiterer Tanzraum im oberen Stock zu erreichen.
»Das ist der Fredl!«, sagte der Zarte und winkte Mirka näher. »Er hat heute die Tagschicht. Komm, begrüß ihn mal. Keine Angst, er beißt nicht!«
Mirka blickte zu Fredl hoch. Er war um beinahe zwei Köpfe größer als sie – und ein Bild von einem Mann. Dunkelhaarig, glutäugig, Drei-Tage-Bart, dachte sie bei sich. Muskulös, aber nicht überdefiniert. Und dann noch sein Aftershave ... Was würde der Zarte wohl sagen, wenn ich mich gleich hier auf den Fredl werfen würde?
»Du bist also die Neue auf dem Revier«, sagte der Bartender und lächelte, fast schüchtern. »Dann herzlich willkommen im Babylonia. Das erste Getränk geht aufs Haus.«
»Danke, ich trinke nicht im Dienst«, erwiderte Mirka und betrachtete fasziniert Fredls angeschliffene Eckzähne.
»Gefallen sie dir?«, fragte Fredl und grinste nun breiter. »Hat mich eine schöne Stange Geld gekostet. – Aber wenn du's nicht weitersagst, verrate ich dir ein kleines Geheimnis: Die Mädels stehen drauf, gebissen zu werden.«
»Ich nicht«, log Mirka.
»Natürlich nicht.« Fredl lachte.
Mirka war dankbar für das schummrige Licht. So konnte ihr Gegenüber nicht erkennen, dass sie rot anlief.
Sie räusperte sich und konzentrierte sich auf die Arbeit. »Wir sind hier wegen der abgängigen Lydia Zamis, Herr ... Herr Fred. Können Sie mir etwas über sie sagen? Hatten Sie Dienst, als die Frau verschwand?«
»Herr Fred, wie süß!« Er wandte sich dem Zarten zu. »Wo habt ihr die denn her?«
»Frisch gefangen von der Akademie. Sie kennt sich noch nicht aus im Bezirk.«
»Und du musst das Kindermädchen spielen, Zarter?«
