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Coco ist stinksauer, glaubte sie doch, Juna für alle Zeit los zu sein:
Ich trat drohend ein paar Schritte auf Tanner zu und blickte auf ihn hinab. In einer Ecke stapelten sich etliche Stoffrollen. Feinste Schurwolle für seine Maßanfertigungen. Lautlos wirkte ich einen Zauberspruch, der Leben in die Rollen brachte. Ehe sich Thanner versah, hatte sich eine Stoffrolle von hinten um ihn gewickelt, sodass er auf seinem Stuhl festsaß - im wahrsten Sinne des Wortes. »Heh, was soll das werden?«, rief er empört. »Dein Tod, wenn du mir nicht augenblicklich erklärst, woher dein Bruder die Junapuppe herhat!« Einige Augenblicke lang sah er mich verständnislos an. »Die Junapuppe?« »Die Puppe, die sich mein Bruderherz geschnappt hat!«
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Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
Was bisher geschah
ES WIRD KOMMEN DIE NACHT
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
mystery-press
Vorschau
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Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Coco Zamis ist das jüngste von insgesamt sieben Kindern der Eltern Michael und Thekla Zamis, die in einer Villa im mondänen Wiener Stadtteil Hietzing leben. Schon früh spürt Coco, dass dem Einfluss und der hohen gesellschaftlichen Stellung ihrer Familie ein dunkles Geheimnis zugrundeliegt.
Die Zamis sind Teil der Schwarzen Familie, eines Zusammenschlusses von Vampiren, Werwölfen, Ghoulen und anderen unheimlichen Geschöpfen, die zumeist in Tarngestalt unter den Menschen leben. Die grausamen Rituale der Dämonen verabscheuend, versucht Coco den Menschen, die in die Fänge der Schwarzen Familie geraten, zu helfen. Ihr Vater sieht mit Entsetzen, wie sie den Ruf der Zamis-Sippe zu ruinieren droht. So lernt sie während der Ausbildung auf dem Schloss ihres Patenonkels ihre erste große Liebe Rupert Schwinger kennen. Auf einem Sabbat soll Coco zur echten Hexe geweiht werden. Asmodi, das Oberhaupt der Schwarzen Familie der Dämonen, hält um Cocos Hand an, doch sie lehnt ab. Asmodi kocht vor Wut und verwandelt Rupert Schwinger in ein Ungeheuer.
In den folgenden Jahren lässt das Oberhaupt keine Gelegenheit aus, gegen die Zamis-Sippe zu intrigieren. So verlangt Asmodi von Coco, einen gewissen Dorian Hunter für ihn töten. Es gelingt Coco, Dorian zu becircen – doch anstatt den Auftrag sofort auszuführen, verliebt sie sich in ihn. Zur Strafe verwandelt Asmodi Dorian Hunter in einen seelenlosen Zombie, der zunächst als Hüter des Hauses in der Villa Zamis sein Dasein fristet.
In Wien übernimmt Coco ein geheimnisvolles Café. Sie beschließt, es als neutralen Ort für Menschen und Dämonen zu etablieren. Zugleich stellt sie fest, dass sie von Dorian Hunter schwanger ist. Coco, Michael und Toth bitten Asmodi um Hilfe gegen die Todesboten, müssen dafür jedoch jeweils ein wertvolles Pfand hinterlegen. Coco gelingt es, das Ungeborene im Totenreich zu verstecken.
Indessen ist Michaels Großtante Fürstin Bredica verstorben. Die Testamentsvollstreckung findet auf ihrer Temeschburg statt. Michael trifft dort seine uneheliche Tochter Juna wieder. Die versammelten Erben bekämpfen sich gegenseitig. Am Schluss überleben außer Skarabäus Toth nur Michael, Thekla, Coco und Juna.
Unterdessen taucht in Wien der Dämon Baalthasar Zebub auf und behauptet, Michael, Thekla und Coco seien tot. Zurück in Wien, übernimmt Michael Zamis wieder das Zepter. Mit vereinten Kräften gelingt es den Zamis mit Hilfe der Neiddämonin Invidia, Zebub zu vernichten. Die Neiddämonin ist eine der sieben Todsünden aus dem bislang verborgenen Gemälde im Café Zamis. Asmodi verlangt daraufhin von Michael Zamis, Coco endlich zu einer schwarzen Hexe werden zu lassen. Dies gelingt. Coco wird unterdessen aufgewiegelt, dass ihre Halbschwester Juna ihr das Café streitig machen wolle. Kurzerhand versetzt Coco sie mithilfe des Zwerges Ficzkó in die Vergangenheit – in die Dienste der berüchtigten Blutgräfin. Doch Juna taucht wieder auf – als Puppe!
von Logan Dee
Vergangenheit
Hieronymus war das Gespött der Klasse. Wieder mal. Vor der Geschichtsstunde hatten Peter und Harald ihn in den Schrank gesperrt und abgeschlossen. Vorher hatten sie ihm noch ein paar harte Schläge in den Bauch gegeben. Sie sahen schon seit Langem davon ab, ihm blaue Augen oder Blutergüsse zu verpassen. Das bestraften die Lehrer drakonisch. Aber Schläge dorthin, wo keine sichtbaren Spuren blieben, wurden auch nicht geahndet. Keine Beweise, keine Bestrafung. Und Hieronymus hatte es schon seit Jahren aufgegeben, die anderen anzuschwärzen. Denn das nahmen sie zum Anlass, ihn hinterher noch härter zu schlagen. Die anderen, das waren nicht nur Peter und Harald, obwohl die beiden die stärksten Jungs in der Klasse waren. Die anderen ... das waren eigentlich alle Jungen in der Klasse. Und selbst manche Mädchen hatten sichtliches Vergnügen, ihn zu quälen.
Hieronymus setzte sich auf den Boden im Innern des Schranks und wartete. Gleich würde Dr. Thiele hereinkommen und ihn befreien. Bis dahin hatte es keinen Zweck, um Hilfe zu rufen. Die anderen hätten nur noch diebischere Freude daran.
Er zuckte zusammen und hätte fast laut aufgeschrien, als jemand gegen den Schrank trat. Dann hörte er Peters Stimme: »Na, Schwuchtel, wie geht's dir darin? Kriegst du noch Luft?«
Bildete er sich das nur ein, oder war die Luft tatsächlich dünner geworden?
Es war nur Einbildung, und das bezweckte Peter wahrscheinlich.
Hieronymus hörte ihn kichern, dann husten. Welche Gemeinheit heckte Peter jetzt wieder aus?
Im nächsten Moment erfuhr er es. Durch das Schlüsselroch drang Qualm. Zigarettenrauch!
Jetzt musste auch Hieronymus husten. Panik kam in ihm auf, als er nun tatsächlich kaum mehr Luft bekam.
»Lasst mich raus!«, schrie er. »Bitte!«
»Du Memme!«, lachte Harald höhnisch. »Hast wohl noch nie gequalmt, was?«
Nein, mit seinen dreizehn Jahren hatte bisher noch nie eine Zigarette geraucht. Allein bei der Vorstellung musste er husten. Harald und Peter standen in jeder Pause mit den Größeren in der Raucherecke und pafften. Wahrscheinlich kamen sie sich ziemlich erwachsen dabei vor.
»Heh, lebst du noch oder bist du schon krepiert da drin?«, fragte Harald nach, weil er nicht gleich antwortete.
»Ich glaube, wir müssen ihn erst wachrütteln!«, rief Peter.
Hieronymus schrie entsetzt auf, als sie den Schrank kippten, sodass ihm das obere Regalbrett auf den Kopf fiel. Dann ließen sie den Schrank seitwärts zu Boden krachen.
Verzweifelt stemmte sich Hieronymus mit Füßen und Händen an den Wänden ab, wurde aber dennoch hin und her geschüttelt.
Aber sie beließen es nicht dabei. Sie stemmten den Schrank noch einmal herum, sodass er schließlich auf dem Kopf stand.
Am Ende presste einer seiner Peiniger noch die glühende Zigarettenkippe durch das Schlüsselloch. Sie landete auf seiner Schulter. Er bemerkte sie erst, als sie sich durch sein Hemd gefressen hatte und seine Haut versengte.
Plötzlich hörte er sie alle davonlaufen, auf ihre Plätze.
Die Tür zum Klassenzimmer wurde aufgeworfen, und Dr. Thiele kam hereinspaziert.
»Was ist hier wieder los?«, brüllte er. »Wer hat hier geraucht? Ich rieche es doch!«
Dr. Thiele war dafür bekannt und berüchtigt, dass er meistens nicht die Geduld hatte, lange auf eine Antwort zu warten.
So auch diesmal. Er schnappte sich Peter und zog ihn schmerzhaft am Ohr.
»Also? Wer war es? Du?«
Peter jammerte vor Schmerz. »Hieronymus!«, schrie er. »Es war Hieronymus!«
»Das stimmt!«, pflichtete ihm Harald bei. »Er wollte uns alle anstiften!«
»Aha, und wo steckt Hieronymus?«
»Wir haben ihn in den Schrank gesperrt«, jaulte Peter. »Zur Strafe!«
»In den Schrank?«
»Ja, es erschien uns das einzig Richtige, ihm seine Respektlosigkeit auszutreiben.«
»Wenn euch jemand etwas austreibt, dann ich!«, sagte Dr. Thiele mit unheilschwangerem Unterton. Mit zwei, drei Schritten war er am Schrank.
»Wer hat den Schlüssel?«, brüllte er.
»Ich, Herr Dr. Thiele«, meldete sich Peter kleinlaut und zog den Schlüssel aus seiner Hosentasche.
Ein paar Sekunden später drang Helligkeit in Balthasars Gefängnis. Er purzelte hinaus, hustend und röchelnd und halb blind. Seine Brille war bei der Aktion kaputtgegangen.
Auch er fühlte sich schmerzhaft am Ohr gepackt.
»Was hast du da drinnen gemacht?«, fragte Dr. Thiele mit drohender Stimme.
»Nichts!«, quiekte Balthasar, »Ich habe nichts gemacht.«
»Und was ist das da?«, schrie Dr. Thiele. Er wies auf die noch immer glühende Zigarettenkippe. Und schon hagelte es Backpfeifen. Keine, die mit der flachen Hand ausgeführt wurden, sondern mit den zu einer Faust geballten Fingern. Auf einem davon steckte der schwere Siegelring, der mehr als alles andere wehtat. Auch er verursachte keine sichtbaren Wunden, darin verstand sich Dr. Thiele so gut wie die Schüler.
Halb ohnmächtig schlich Hieronymus wieder zurück zu seinem Platz.
»Das lass dir eine Lehre sein!«, gab ihm Dr. Thiele noch mit auf den Weg, während Hieronymus dem feixenden Blick Peters begegnete.
In diesem Moment erwachte in ihm der Hass.
Seit seinem zehnten Lebensjahr wusste Hieronymus, dass die Leute, bei denen er aufgewachsen war, nicht seine leiblichen Eltern waren. Sie hatten es ihm an seinem Geburtstag brühwarm erzählt, und in der Tat war es sein einziges Geburtstagsgeschenk gewesen.
»Du bist nicht unser Kind, damit du's endlich weißt,« hatte Jacob Fichtelwald begonnen. »Wir haben dich aufgelesen. Du wurdest ausgesetzt, jawohl. Weil wir mildtätig und gottesfürchtige Leute sind, haben wir uns deiner angenommen.«
Irgendetwas an seinen Worten klang falsch, aber Hieronymus wusste nicht, was.
Die Frau, die er bisher für seine Mutter gehalten hatte, setzte hinzu: »Wir werden dich auch weiter als unser Kind betrachten. Aber du musst dafür auch mehr leisten.«
Mehr leisten. Neben der Schule rackerte er sich schon ab. Er war nicht sehr groß, aber dafür stämmig. Er half, so gut es ging, Holz im Wald zu sammeln. Und auch sonst nahm Jacob Fichtelwald ihn hart ran. Als Bergmann verdiente er nur einen Hungerlohn, daher betrieb er noch ein Zusatzgeschäft. Er war ein begabter Schnitzer, ein Talent, wie er immer wieder betonte, das er von seinem Großvater geerbt hatte. Hieronymus musste das harte Holz so weit zuschneiden, dass sein Ziehvater mit der Feinarbeit beginnen konnte.
Die Holzskulpturen waren seltsam. Es waren Drudenfüße und andere Amulette, die gegen Dämonen und Hexen beschützen sollten. Die verkaufte er in den umliegenden Dörfern. Es lebten dort viele Wanderarbeiter und fliegende Händler, die in den Wintermonaten, wenn die Felder keinen Ertrag mehr brachten, in das Land hinauszogen, um ihre Waren feilzubieten: Küchenutensilien, Ratten- und Mäusefallen – und eben auch Fichtelwalds Amulette.
Aber Fichtelwald stellte auch noch andere Skulpturen her. Die waren außergewöhnlich kunstvoll, und er steckte mehr Arbeit und Sorgfalt hinein als in seine anderen Arbeiten.
Er schnitzte Wölfe.
Im Laufe der Jahre mochten es Hunderte gewesen sein. Auch sie verkauften sich gut, allerdings ausschließlich im eigenen Dorf. In vielen Fenstern standen diese Wölfe, nie nur einer, sondern meistens ein ganzes Rudel.
Irgendwann hatte Hieronymus angefangen, die Wölfe zu zählen, die auf den Fensterbrettern der Nachbarn, den Waldschmidts, standen. In jedem Jahr kam einer hinzu – pünktlich in der Silvesternacht.
So arm konnte sein Ziehvater also nicht sein, wenn alle Dörfler ihm seine Wölfe abkauften. Und dazu kamen noch die Amulette.
Dennoch klagte er tagaus, tagein, wie arm sie doch seien und dann auch noch einen Taugenichts wie ihn durchfüttern mussten.
Es war kurz nach dem Geburtstag, an dem die Fichtelwalds ihm eröffnet hatten, dass er nicht ihr leiblicher Sohn sei, als Hieronymus eine Aversion gegen die Amulette spürte. Selbst das grobe Zuschneiden fiel ihm schwer, mehr aber noch der Anblick der fertigen Amulette. Sein Unwohlsein verstärkte sich von Tag zu Tag. Einmal erbrach er das Abendessen darüber, was ihm eine kräftige Abreibung einbrachte.
Dann kam der Tag, da er stöhnend in der Werkstatt zusammenbrach, als sein Ziehvater ihm ein Bündel Drudenfüße in die Arme drückte, damit er sie zu einem der Wanderarbeiter brachte.
Der Schmerz, der seinen ganzen Leib erfasst hatte, war so stark, dass er glaubte, sterben zu müssen.
Drei Tage lang sperrten ihn seine Eltern in eine dunkle Kammer, allein mit einem Krug Wasser.
Einmal glaubte er, eine fremde Stimme zu hören. Sie hatten so gut wie nie Besuch, daher wunderte er sich umso mehr. Er war sogar so weit zu glauben, dass er sich die Stimme nur einbildete. Zumal er mehrmals seinen Namen hörte.
Die Stimme klang grollend und bestimmend, irgendwie unheimlich, so als spräche da gar kein Mensch, sondern ein anderes Wesen. Einmal hatte Hieronymus von einem sprechenden Baumstamm geträumt, und so stellte er sich denjenigen nun vor, dessen Stimme er hörte: als eine knorrige Eiche, die mit ihren krummen Asthänden seinen Zieheltern den Hals umdrehte.
Bei dem Gedanken musste er vor Erregung zittern. Gleichzeitig hatte er Angst. Wenn sein Wunsch wirklich wahr würde, dann würde sich die Eiche vielleicht ihn als Nächstes vornehmen.
Vor der Tür hörte er ein Tapsen – als etwas anderes konnte er es nicht beschreiben. Dann ein Hecheln und leises Knurren. Jemand – oder etwas – kratzte an der Tür.
Dann war es fort – mitsamt der unheimlichen Stimme.
Eine Stunde später wurde die Tür geöffnet. Jacob Fichtelwald starrte ihn mit grimmiger Miene an. Zunächst befürchtete Hieronymus, er würde ihn schlagen. Aber das tat er nicht. Mit brummiger Stimme befahl er ihm, am Küchentisch Platz zu nehmen. Elsa, seine Frau, hatte eine schmackhafte Suppe zubereitet. Sogar Fleischstückchen schwammen darin. Hieronymus stürzte sich wie ein Verhungernder darauf.
Sein Ziehvater nahm ihm gegenüber Platz.
»Ab sofort werden wir keine Amulette mehr schnitzen«, sagte er. »Du wirst nur noch die Wölfe bearbeiten müssen.«
Elsa sah Hieronymus mit einem tadelnden Blick an. »Es war so ein schönes Geschäft mit den Amuletten. Dir haben wir es zu verdanken, dass wir den Gürtel jetzt noch enger schnallen müssen.«
»Aber wieso das?« Hieronymus hatte den Suppenlöffel beiseitegelegt und schaute sie verwundert an. Insgeheim war er jedoch heilfroh darüber, auch wenn er es sich nicht erklären konnte, woher seine starke Abneigung gegenüber den Amuletten rührte.
»Wieso das? Wieso das?«, äffte Jacob Fichtelwald ihn nach. »Dein Vater hat uns einen Besuch abgestattet.«
»Mein – Vater?« Der Mann mit der unheimlichen Stimme?
»Er will nicht, dass ich die Amulette schnitze. Das hat er mir eindringlich zu verstehen gegeben. Und jetzt kein Wort mehr davon!«
Jacob Fichtelwald schaute so grimmig drein, dass Hieronymus es nicht wagte, ihn weiter zu seinem Vater zu befragen.
Und auch wenn er ihn nicht kannte, so war er ihm dankbar. Er musste ein sehr starker Mann sein, wenn selbst Jacob Fichtelwald vor ihm kuschte.
Fortan behandelten sie ihn ein bisschen besser.
Doch mit jedem Jahr wurde sein Wunsch größer, einfach fortzulaufen.
Wie alle Dorfbewohner hielten auch die Fichtelwalds mehrere Nutztiere. Zu Hieronymus' Aufgaben gehörte es, die vier Schafe, die sie besaßen, zu füttern und zu hegen. Sie hatten ein winziges Areal innerhalb des Gemüsegartens hinter dem Haus.
Sie waren gut in Futter, hatten ordentlich Fleisch angesetzt, aber Hieronymus wusste, dass die Tiere nicht auf dem Küchentisch der Fichtelwalds landen würden.
Pünktlich zu Neujahr waren sie verschwunden, und Jacob Grindelwald kaufte auf dem Markt neue kleine Lämmer, die er im darauffolgenden Jahr aufzog.
Hieronymus hatte nur einmal gefragt, was mit den Tieren geschah, aber keine Antwort erhalten.
Nun war er dreizehn, und seine Neugier wuchs mit jedem Tag, an dem das neue Jahr näher rückte.
Schon in der ersten Raunacht waren Wölfe ums Haus geschlichen. Hieronymus sah deren Pfotenspuren im Schnee, der den Tag zuvor gefallen war. Jacob Fichtelwald schien es nicht sehr zu stören, und auch um die Ziegen sorgte er sich nicht.
Auch in den folgenden Raunächten schlichen die Wölfe ums Haus, und jeden Morgen fand Hieronymus mehr Spuren.
Es war der Silvestermorgen, an dem ihm jedoch der Atem stockte. Zwischen den Wolfsspuren fand er mehrere Stiefelabdrücke. Sie waren riesig und erinnerten aufgrund ihrer Größe nur entfernt an die eines Menschen.
Furchtsam sah er sich um. Es war noch dunkel, und der Unhold, um den es sich zweifellos handelte, mochte noch in der Nähe sein. Vielleicht lauerte er auf ihn, bereit, sich auf ihn zu stürzen und zu zerreißen ...
»Nun geh endlich in den Stall!« Jacob Fichtelwalds Stimme riss ihn aus den Gedanken. Sein Ziehvater hatte sich aus dem Fenster gelehnt und trieb ihn zur Eile an.
Selten war Hieronymus so froh gewesen, ihn zu sehen.
Aber im nächsten Moment schlug der Mann das Fenster wieder zu, und Hieronymus fühlte sich genauso allein und furchtsam wie zuvor.
Doch trotz seines unguten Gefühls gehorchte er. Die Spuren führten alle zum Stall, auch die riesigen Fußabdrücke.
Es war frostig und kalt, aber die Kälte, die Hieronymus mit jedem Schritt mehr durchfuhr, dem er sich dem Stall näherte, kam woanders her.
Sie drang direkt aus dem Stall und griff mit unsichtbaren eisigen Fingern nach seinem Herz. Er konnte fühlen, wie es sich zusammenpresste, während ihm das Atmen immer schwerer fiel.
Lauf fort, schrien seine Gedanken. Sein Instinkt riet ihm, sich umzudrehen und wegzurennen. Aber er konnte nicht. Wie von Marionettenfäden gezogen gab es kein Entrinnen für ihn.
Schließlich hatte er den Stall erreicht. Die Tür stand sperrangelweit offen, dabei konnte er schwören, sie am Abend davor fest verrammelt zu haben.
Ein Schmatzen drang aus dem Stall, das so abscheulich klang, dass ihm zusätzlich noch ein Schauer den Rücken hinunterlief.
Dann überschritt er die Schwelle.
Zunächst mussten sich seine Augen an das Zwielicht gewöhnen, das im Innern herrschte. Ein weiterer Schreck durchfuhr ihn, als er die riesige Gestalt erblickte, die auf einem Holzblock saß und ihm entgegenschaute, während sie gleichzeitig große Fleischbrocken von einer Keule abbiss, die sie in der Hand hielt. Um die Gestalt herum hockten vier Wölfe, die ...
