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Seine Taten sind teuflisch. Doch noch weiß niemand, dass er dafür verantwortlich ist. Und Monsignore Tatkammer hat gerade erst so richtig Blut geleckt: Der widerlich schöne Ort ließ Monsignore Tatkammer vor Abscheu und Erregung gleichzeitig frösteln. Vor allem die Kinder gefielen ihm. Sie waren so vertrauensvoll, wenn er sie mit unguten Ideen fütterte und begeisterte. Allein bei dem Gedanken an diese kleinen Wesen spürte er wieder den nagenden Hunger in sich. Er war sich sicher, dass er ihn heute stillen würde. Zumindest mit der Vorspeise würde er jetzt gleich beginnen. Oder mit einem kleinen Amuse-Gueule, das den Gaumen kitzelte und die Vorfreude auf die Hauptspeise erst so richtig entfachte. Er hatte Zeit, der Monsignore Tatkammer. Und Geduld.
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Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
Was bisher geschah
TATKAMMERS VERBRECHEN
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
mystery-press
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Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Coco Zamis ist das jüngste von insgesamt sieben Kindern der Eltern Michael und Thekla Zamis, die in einer Villa im mondänen Wiener Stadtteil Hietzing leben. Schon früh spürt Coco, dass dem Einfluss und der hohen gesellschaftlichen Stellung ihrer Familie ein dunkles Geheimnis zugrundeliegt.
Die Zamis sind Teil der Schwarzen Familie, eines Zusammenschlusses von Vampiren, Werwölfen, Ghoulen und anderen unheimlichen Geschöpfen, die zumeist in Tarngestalt unter den Menschen leben. Die grausamen Rituale der Dämonen verabscheuend, versucht Coco den Menschen, die in die Fänge der Schwarzen Familie geraten, zu helfen. Ihr Vater sieht mit Entsetzen, wie sie den Ruf der Zamis-Sippe zu ruinieren droht. So lernt sie während der Ausbildung auf dem Schloss ihres Patenonkels ihre erste große Liebe Rupert Schwinger kennen. Auf einem Sabbat soll Coco zur echten Hexe geweiht werden. Asmodi, das Oberhaupt der Schwarzen Familie der Dämonen, hält um Cocos Hand an, doch sie lehnt ab. Asmodi kocht vor Wut und verwandelt Rupert Schwinger in ein Ungeheuer.
In den folgenden Jahren lässt das Oberhaupt keine Gelegenheit aus, gegen die Zamis-Sippe zu intrigieren. So verlangt Asmodi von Coco, einen gewissen Dorian Hunter für ihn töten. Es gelingt Coco, Dorian zu becircen – doch anstatt den Auftrag sofort auszuführen, verliebt sie sich in ihn. Zur Strafe verwandelt Asmodi Dorian Hunter in einen seelenlosen Zombie, der zunächst als Hüter des Hauses in der Villa Zamis sein Dasein fristet.
In Wien übernimmt Coco ein geheimnisvolles Café. Sie beschließt, es als neutralen Ort für Menschen und Dämonen zu etablieren. Zugleich stellt sie fest, dass sie von Dorian Hunter schwanger ist. Coco, Michael und Toth bitten Asmodi um Hilfe gegen die Todesboten, müssen dafür jedoch jeweils ein wertvolles Pfand hinterlegen. Coco gelingt es, das Ungeborene im Totenreich zu verstecken.
Indessen ist Michaels Großtante Fürstin Bredica verstorben. Bei der Testamentsvollstreckung trifft Michael seine uneheliche Tochter Juna wieder. Die versammelten Erben bekämpfen sich gegenseitig. Am Schluss überleben außer Skarabäus Toth nur Michael, Thekla, Coco und Juna.
Zurück in Wien, gelingt es den Zamis mit Hilfe der Neiddämonin Invidia, den Dämon Baalthasar Zebub zu vernichten. Michael Zamis übernimmt wieder das Zepter. Die Neiddämonin ist eine der sieben Todsünden aus dem bislang verborgenen Gemälde im Café Zamis. Asmodi verlangt von Michael Zamis, Coco endlich zu einer schwarzen Hexe werden zu lassen. Dies gelingt. Eifersüchtig auf ihre Schwester Juna, versetzt Coco sie mithilfe des Zwerges Ficzkó in die Vergangenheit – in die Dienste der Blutgräfin. Doch Juna taucht in der Gegenwart wieder auf, als Puppe! Georg versteckt sich mit ihr im Haus der Callas. Von dort verschwinden sie zusammen mit Ficzkó durch einen Schrank, der sich als Dimensionstor entpuppt. Unterdessen taucht in Wien ein neuer Gegner auf: der unheimliche Monsignore Tatkammer ...
von Logan Dee
Der widerlich schöne Ort ließ Monsignore Tatkammer vor Abscheu und Erregung gleichzeitig frösteln. Die Menschen nannten diese Wasserfläche den Ozean. In seiner Welt sahen Ozeane gewaltiger aus, aber das machte nichts.
Der Zufall hatte ihn hierhergeführt. All die fröhlichen jungen Leute, die Eltern mit ihren Kindern – sie alle waren voller Erwartung in die Bahn gestiegen, und er war einfach mit aufgesprungen. Nun wusste er auch, warum man sie die Badner Bahn nannte. Weil sie die Leute direkt hierher zum Badesee, den man Ozean nannte, brachte, zum Plantschen und Sonnenbaden. Ein seltsames Volk!
Vor allem die Kinder gefielen ihm. Sie waren so vertrauensvoll, wenn er sie mit unguten Ideen fütterte und begeisterte. Bei dem Gedanken an diese kleinen Wesen spürte er wieder den Hunger in sich. Er war sich sicher, dass er ihn heute stillen würde. Zumindest mit der Vorspeise oder mit einem kleinen Amuse-Gueule, das die Vorfreude auf die Hauptspeise erst so richtig entfachte.
Er hatte Zeit, der Monsignore Tatkammer. Und Geduld.
Das Opfer sofort zu verschlingen, entsprach nicht seiner Natur.
»Ich habe Hunger«, maulte Lasse.
»Ihr habt doch erst vor einer Stunde eure Brote verputzt«, sagte Linda Haidhammer ein wenig genervt. »Ich habe nur noch einen Apfel für jeden, aber den gibt es erst nachher.«
Sie hatte eigentlich geglaubt, genügend Proviant dabeigehabt zu haben, aber die Kinder hatten heute unbändigen Hunger gezeigt. Sie wurden ja auch immer größer. Lasse war seit dem letzten Jahr vier Zentimeter gewachsen, und die Mädchen schossen erst recht in die Höhe.
»Ich hab auch schon wieder Hunger«, erklärte Emma.
Malte seufzte innerlich. Da hatte er sich schon mitten in der Woche einen Nachmittag freigenommen, um mit seiner Familie zum Ozean rauszufahren, und dann dieses Genörgel!
»Wir können ja nachher noch zu McDonald's fahren«, schlug er vor, um seine Ruhe zu haben.
»Au ja, Hamburger mit Pommes!«, jubelte Lasse.
»Oder Pizza bei Luigi!«, sagte Emma.
»Bah, Pizza! Lieber Spaghetti!«, widersprach ihre Zwillingsschwester Michaela.
Die beiden Zwillinge waren eh wie Katz und Maus, und es hätte Malte gewundert, wenn sie mal einer Meinung gewesen wären. Zehnjährige Mädchen sind ziemlich anstrengend. Vor allen Dingen für Väter.
Sie hatten ihre Decken im Schatten des hohen Schilfs aufgeschlagen. Kein Lüftchen wehte. Es war brütend warm. Dennoch verspürte keiner von ihnen Lust, Abkühlung im See zu suchen. Das Wasser wirkte heute seltsam trüb und wenig einladend.
»Ich spendiere ein Eis!«, schlug Malte vor. Schon aus Eigennutz, da ihm der Schweiß den nackten Oberkörper runterlief.
Die Mädchen jubelten, nur Lasse quengelte: »Ich will lieber was Richtiges essen.«
»Und nachher willst du an meinem Eis schlecken, was?«, sagte Emma.
»Dann bringt mir doch eins mit!«, sagte Lasse.
Malte schüttelte nur den Kopf über seinen Querkopf von Sohn, gab den Mädchen Geld, und die beiden liefen zur Bude, vor der eine lange Schlange stand.
»Ich geh zum Wasser«, sagte Lasse. »Da ist es kühler.«
»Das lohnt nicht«, sagte Linda. »Die bringen dir doch gleich dein Eis mit!«
»Ich denke, dagegen ist nichts einzuwenden«, widersprach Malte, und Lasse lief los.
Linda warf ihrem Ehemann einen vorwurfsvollen Blick zu. »Musste das sein?«
»Entschuldige, dass ich auch mal was sage, aber bei der Hitze ist es am Wasser wahrscheinlich wirklich am besten auszuhalten.«
Er war gereizt und Linda auch, wahrscheinlich wegen des schwülen Wetters. Wenn sie Pech hatten, würde es auch noch ein Gewitter geben. Einige Badegäste waren bereits abgezogen. Kaum jemanden drängte es in das trübe Wasser des Sees, der heute so ganz anders war als sonst. Die Haidkammers waren schon öfter mit den Kindern hier rausgefahren. Das Wasser des Sees war immer ein bisschen trüber gewesen als das in den anderen Badeseen. Aber nie so wie heute – geradezu schmutzig.
Während sie sich anschwiegen, behielten sie die Kinder im Auge. Der Ozean galt in jeder Hinsicht als sicher. Nur einmal war es zu einem Taschendiebstahl gekommen. Ertrunken war hier auch noch nie jemand. Aber heutzutage konnte man konnte ja nie wissen.
Die Zwillinge waren schon weiter in der Schlange vorgerückt. Michaela winkte, als sie sah, dass ihre Mutter sie beobachtete.
Malte hatte Lasse im Blick. Der stand auf der Holzbrücke, hatte sich übers Geländer gebeugt und spuckte ins Wasser.
Lasse hatte keine Sorge, ihn allein dort zu lassen. Alle Kinder konnten gut schwimmen, und vor allem Lasse war eine richtige Wasserratte, genau wie die beiden Mädchen.
Ein Ruderboot legte gerade an. Waren Boote überhaupt auf dem See erlaubt? Zudem saß ein Priester darin. In seiner Soutane musste er doch unglaublich schwitzen!
Das Boot mit dem Priester entschwand seinen Blicken. Wahrscheinlich machte er es an der Rückseite der Holzbrücke fest. Dann sah er den Priester die Leiter erklimmen und auf den Steg klettern. Er trug einen schwarzen Eimer in der Hand.
Lasse hatte sich dem Priester zugewandt. Die beiden sprachen miteinander. Selbst auf die Entfernung konnte Malte erkennen, dass der Priester lächelte.
Die Mädchen kamen mit dem Eis herangelaufen.
»Wo ist Lasse? Das Eis schmilzt schon!«, sagte Emma.
Lasse stand immer noch bei dem Priester.
Irgendetwas gefiel Malte an der Situation nicht. Der Geistliche wirkte auf ihn selbst auf die Entfernung wie eine düstere Version von Käpt'n Ahab. Er war groß und hager und ähnelte einem schwarzen Schatten, wie er da über Lasse aufragte.
Malte kannte seinen Jungen, wusste seine Körpersprache zu deuten. Immer wieder zeigte er auf den Eimer. Offensichtlich war er heiß darauf, reinzuschauen, während er gleichzeitig eingeschüchtert wirkte.
»Lasse!«, riefen die beiden Mädchen unisono, aber ihr Bruder hörte nicht.
Nun versuchte auch Malte, ihn mit Winken herbeizuordern, aber der Junge war viel zu fixiert auf den Eimer.
Maltes Sorge wuchs. Er versuchte sich einzureden, dass es nicht Sorge, sondern Ärger war, weil Lasse nicht kam. Andererseits war da noch immer das unbehagliche Gefühl, dass mit dem Priester irgendetwas nicht stimmte. Er bildete sich sogar ein, dass er grinste – auf eine widerlich-höhnische Art und Weise, die seinen Jungen beschmutzte. Ja, das war das richtige Wort dafür. Er beschmutzte ihn – seine Seele.
Du siehst Gespenster!
Natürlich sah er Gespenster, und Gespenster vertrieb man, indem man sich ihnen stellte.
Er stand auf.
»Wo willst du hin?«, fragte Linda. Sie sah ihn an, als wäre auch er ein Gespenst.
»Ihn holen«, erklärte ich.
»Lasse wird schon kommen. So wie du guckst, machst du mir richtig Angst.«
Malte bemühte sich um einen möglichst neutralen Gesichtsausdruck. Vielleicht schätzte er die Situation wirklich falsch ein.
»Hast ja recht«, sagte er und setzte sich wieder auf die Decke. Sie schleckten ihr Eis, während Lasses zusehends zerrann.
Malte hielt erneut nach Lasse Ausschau. Der Priester hatte inzwischen den Deckel des Eimers gelüftet und ließ Lasse in den Eimer blicken. Sein halber Kopf verschwand darin.
Was, wenn der Kopf plötzlich darin stecken bleibt? Für immer?
Wieder so ein absurder Gedanke. Ein Gedanke, der ihm selbst Angst machte.
Er atmete regelrecht auf, als Lasses Kopf wieder zum Vorschein kam. Kurz glaubte er, Ekel auf dem Gesicht des Jungen zu erkennen. Im nächsten Moment wankte Lasse einen Schritt zurück. Ja, er wankte regelrecht. Das Gefühl, ihm beistehen zu müssen, wurde übermächtig.
Malte sprang auf, und drei verwirrte Blicke trafen ihn. Aber da kam Lasse bereits zurückgelaufen.
Endlich!
Der Priester blickte ihm nach, und diesmal war sich Malte sicher, dass er ihm hinterhergrinste.
»Was hat er in dem Eimer gehabt?«, fragte Emma neugierig, als Lasse wieder bei ihnen war.
»Nichts Besonderes«, antwortete Lasse.
Er log.
Lasse hatte, wie viele Kinder in seinem Alter, eine Aversion, Fisch zu essen. Dass er aber auch auf seine geliebten Fischstäbchen verzichtete, war neu. Andererseits war es aber auch nicht tragisch. Dafür wurden seine neue Leibspeise Hähnchen-Nuggets, die Linda aus Bio-Hähnchen und Panko selbst herstellte.
In der Woche nach ihrem Ausflug nach Guntramsdorf, am Montag, bekamen die Haidhammers einen Anruf von Lasses Klassenlehrerin. Malte war zu Hause und nahm den Anruf entgegen.
»Wissen Sie, ob Ihr Sohn eine Krankheit hat, einen Ausschlag vielleicht?«
Frau Stadler gehörte zu den Lehrerinnen, von denen man nicht glaubte, dass sie eine dreißigköpfige Horde Grundschüler unter Kontrolle bringen konnte. Als Malte sie bei Lasses Einschulung das erste Mal sah, nahm er an, sie wäre noch Referendarin. Dabei war sie bereits Mitte dreißig und besaß sehr wohl einige Jahre Erfahrung. Sie hatte die Haidhammers noch nie außer der Reihe angerufen.
»Nicht dass ich wüsste. Wie kommen Sie darauf?«, fragte Malte verblüfft.
»Das ist jetzt schon das zweite Mal, dass er nicht am Schwimmunterricht teilnehmen will«, erklärte Frau Stadler. »Herr Magerl, der Sportlehrer, hat es mir heute erzählt. Beim ersten Mal hat er noch die Augen zugedrückt, aber diesmal verlangt er eine Entschuldigung oder ein Attest.«
»Das verstehe ich nicht. Lasse ist eine richtige Wasserratte, und mir ist nicht bekannt, dass sich daran was geändert hätte.«
Viel mehr konnte ihr Malte dazu nicht sagen, er versprach aber, mit Linda darüber zu sprechen und natürlich auch mit Lasse und sich in den nächsten Tagen bei ihr zu melden.
Auch Linda fiel aus allen Wolken, als ihr Malte von dem Telefonat erzählte. Es war nichts Dramatisches, aber doch eine Sache, die ihnen ein Rätsel aufgab. Daher warteten sie gespannt auf Lasses Ankunft aus der Schule.
Lasse machte nicht nur einen normalen, sondern einen überaus fröhlichen Eindruck.
»Ich bin zum Geburtstag bei Alma eingeladen!«, teilte er ihnen mit.
Alma war sein heimlicher Schwarm und ging in die Parallelklasse.
»Und wann?«, fragte Linda. »Wir müssen ja dann auch ein Geschenk besorgen.«
»Das hat Zeit. Die Party ist erst nächsten Samstag ...«
»Na dann ...« Linda und Malte wechselten einen Blick. Sie wollten ihm die gute Stimmung nicht verderben, also sprachen sie Frau Stadlers Anruf an diesem Tag nicht an.
Mit jedem Tag, der verging, schob sich das Problem von selbst wieder in den Hintergrund.
Am Samstag fand die Party von Lasses Schulkameradin Alma statt. Malte lieferte ihn am Gartentor ab. Wie sein Sohn dort stand, mit seinem riesengroßen Geschenkpaket, in dem ein riesiger Heliumballon in Form eines Einhorns verpackt war, kam er ihm plötzlich ziemlich klein und verloren vor.
»Soll ich nicht noch mit reinkommen?«, fragte er.
Lasse sah seinen Vater empört an. »Ich bin doch schon groß, Papa!«
In dem Moment wurde das Gartentor geöffnet, und Alma und ihre Mutter traten heraus.
»Ich denke, der Kindergeburtstag geht so bis acht«, sagte Almas Mutter. »Dann können Sie Ihren Sohn wieder abholen.«
Alma schaute sie pikiert an: »Das ist kein Kindergeburtstag. Das ist eine Party, Mama!«
»Natürlich, die Party geht bis acht.« Sie zwinkerte Lasse zu, und er zwinkerte zurück.
Dann verabschiedete er sich und fuhr nach Hause.
Für Lasse war die Party viel früher zu Ende. Gegen siebzehn Uhr erreichte Malte der Anruf von Almas Mutter.
»Hier ist Clarissa.«
»Clarissa wer, bitte?«, fragte er irritiert zurück.
»Clarissa Wondraschek, Almas Mutter. Würden Sie bitte Ihren Sohn abholen?« Das klang nicht wie eine Bitte. Eher nach einem Befehl.
»Lasse, was ist mit ihm?«
»Er ist völlig außer sich. Als hätte er einen epileptischen Anfall.«
»Das kann nicht sein. Er hat noch nie ...«
»Bitte holen Sie ihn ab!«
Sie hatte aufgelegt, bevor Malte eine weitere Frage stellen konnte.
»Was ist mit Lasse?« In Lindas Stimme klang Panik, so als hätte sie Angst, ihm könne ernsthaft etwas zugestoßen sein.
»Ich hole ihn ab. Er scheint ...« Ja, was überhaupt? Malte zuckte die Achseln. »Am besten kommst du mit.«
Als sie endlich in die Straße einfuhren, sahen die Haidhammers schon von Weitem, dass Almas Mutter vor dem Gartentor wartete. Daneben stand ein ziemlich bedröppelter Lasse.
Linda sprang aus dem Wagen, lief auf ihn zu und schloss ihn in die Arme. Im Gegensatz zu sonst ließ er es teilnahmslos geschehen.
»Was ist denn los?«, fragte Malte, nachdem auch er ausgestiegen war.
Clarissa Wondraschek sah ihn zornig an. »Ihr Herr Sohn hat die ganze Party geschmissen. Die Kinder sind entsetzt! Er hat rumgeschrien und randaliert.«
»Aber das hat er noch nie gemacht!«
»Dann kennen Sie Ihren Sohn wohl herzlich wenig!«
Sie wollte sich bereits umwenden und ihn stehen lassen, aber Malte hielt sie zurück.
»Einen Moment mal! Was Sie sagen, ist unglaublich! Wann hat er sich so benommen? Vielleicht haben die anderen Kinder ihn ja provoziert!«
Frau Wondraschek lachte fast höhnisch auf, und ihre Augen schossen zornige Blitze ab. »Klar! Provoziert! Ein paar der Kinder, darunter auch Ihr Sohn, haben Angeln gespielt und ...«
»Angeln gespielt?« Malte begriff nicht sofort.
»Sie kennen doch wohl dieses Angelspiel, bei dem man mit Magneten die Holzfische aus dem Papp-Aquarium rausholen muss!«
»Ja, sicher, aber ...«
»Nichts aber! Als ihr Sohn das sah, hat er die anderen Kinder beiseite geschubst und sich wie ein Irrer auf das Spiel gestürzt. Er hat die Angeln zerbrochen, alles zertreten und ließ sich auch dann nicht beruhigen, als ich dazukam ...«
»Entschuldigen Sie«, stammelte Malte. »Ich kann mir den Ausraster nicht erklären, ich ...«
»Vielleicht gehen Sie mal mit ihm zum Psychiater. Das könnte helfen!«
»Vielleicht wäre es gar nicht das Schlechteste«, sagte Malte, als Linda und er abends nebeneinander im Bett lagen und sie beide nicht schlafen konnten.
»Was ist nicht das Schlechteste?«
»Na ja, Lasse einfach mal durchchecken zu lassen.« Er drückte sich vorsichtig aus, denn er wusste, wie empfindlich Linda darauf reagierte, wenn man auch nur andeutete, eines ihrer Kinder könne nicht – nun ja – nicht normal sein.
»Du meinst – oh mein Gott! Du nimmst diese Irre doch wohl nicht ernst?«
»Du meinst Frau Wondraschek?«
»Dir hat sie wohl den Kopf verdreht, was? Die ist doch nicht ganz dicht!« Sie benutzte noch weit schlimmere Worte, was Almas Mutter betraf. Schließlich sagte sie: »Du hast doch gesehen, dass Lasse völlig normal war, als wir ihn abholten. Wahrscheinlich haben die anderen Kids ihn provoziert ...«
