Das High Performance Mindset - Kurt Matzler - E-Book

Das High Performance Mindset E-Book

Kurt Matzler

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Beschreibung

Das Race Across America gilt als das härteste und längste Radrennen der Welt und als härtester Sportwettkampf überhaupt. Als Kurt Matzler das erste Mal davon hörte, konnte er sich die gewaltige Dimension dieses Rennens gar nicht vorstellen, die Athleten schienen "übermenschlich". Erst mit der Zeit, als er sich mit dem Ultracycling vertraut gemacht hatte und immer längere Distanzen auf dem Rad zurücklegte, rückte das Race Across America in den Bereich des Möglichen. Irgendwann traf er die Entscheidung, es zu versuchen. Das Unvorstellbare wurde vorstellbar, die Dimensionen erfassbar und eine erfolgreiche Teilnahme realistisch. Matzler lernte, dass Grenzen nur im Kopf existieren. Was vorstellbar wird, wird machbar. Was dazu nötig ist, ist die Begeisterung für dieses große Ziel, die Bereitschaft für eine jahrelange Vorbereitung, enorme Disziplin und mentale Stärke. In diesem Buch geht es um all dies, aber auch um so viel mehr: um all das, was auf einer langen sportlichen Reise für das Leben und den Beruf gelernt werden kann. Mit einem Vorwort von Ultracycling-Legende Christoph Strasser und elf Leadership-Lektionen

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Seitenzahl: 291

Veröffentlichungsjahr: 2025

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IMPRESSUM

2. Auflage, 2023

© egoth Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.

ISBN: 978-3-903376-51-9

eISBN: 978-3-903376-71-7

Lektorat: Dr. Rosemarie Konrad

Fotos: Wenn nicht anders angegeben, Privatarchiv Dr. Kurt Matzler

Coverfotos: Florian Phleps

Graphische Gestaltung: Dipl. Ing. (FH) Ing. Clemens Toscani

Printed in the EU

Gesamtherstellung

egoth verlag GmbH

Untere Weißgerberstr. 63/12

1030 Wien

Österreich

www.egoth.at

Kurt MATZLER

DASHIGHPERFORMANCEMINDSET

RACE ACROSS AMERICA –Was wir vom härtesten Radrennender Welt lernen können

INHALT

VORWORT VON CHRISTOPH STRASSER

EINLEITUNG

DAS RENNEN MEINES LEBENS

MEINE RENNRADKARRIERE

RACE ACROSS AMERICA 2016–2019

RACE ACROSS ITALY

RACE AROUND AUSTRIA 2020

DER GEPLATZTE TRAUM

RACE AROUND AUSTRIA 2021

DIE VORBEREITUNGEN

LEADERSHIP-LEKTION 1:

DISZIPLIN – ES IST LEICHTER, EINEN GRUNDSATZ ZU 100 % EINZUHALTEN ALS ZU 95 %!

LEADERSHIP-LEKTION 2:

NUTZE DIE MACHT DER GEWOHNHEIT

LEADERSHIP-LEKTION 3:

VERSUCHE STETS, IN ALLEN DINGEN DAS ANGENEHME FÜR DICH SELBST MIT DEM NÜTZLICHEN FÜR DIE ANDEREN ZU VERBINDEN

AB IN DIE WÜSTE

RACE ACROSS AMERICA 2022

DER START

TAG 2 – DIE GROSSE HITZE

LEADERSHIP-LEKTION 4:

SEI PENIBEL IN DER PLANUNG, ABER FLEXIBEL IN DER UMSETZUNG

TAG 3 – MONUMENT VALLEY

TAG 4 – DIE ROCKY MOUNTAINS

LEADERSHIP-LEKTION 5:

KENNE DEIN WARUM

LEADERSHIP-LEKTION 6:

VISUALISIERE DEIN ZIEL

TAG 5 – DIE GREAT P(L)AINS

TAG 6 – DIE GROSSEN SCHMERZEN

TAG 7 – SCHLAFENTZUG

LEADERSHIP-LEKTION 7:

FINDE DEINE INDIVIDUELLE STRATEGIE

TAG 8 – SITZPROBLEME

LEADERSHIP-LEKTION 8:

LÖSE PROBLEME, SOLANGE SIE NOCH KLEIN SIND

TAG 9 – MOTIVATION

TAG 10 – DER HÄRTESTE TEIL DES RAAM

DER SCHLUSSSPRINT

LEADERSHIP-LEKTION 9:

MARGINAL GAINS – DIE SUMME KLEINER VERBESSERUNGEN MACHT DEN GROSSEN UNTERSCHIED

LEADERSHIP-LEKTION 10:

HIRE FOR ATTITUDE, TRAIN FOR SKILLS

TEAM ROTARY RAAMS POLIO – DIE CREW

LEADERSHIP-LEKTION 11:

ARBEITE HART, ABER PLANE FÜR AUSREICHEND REGENERATION

1,2 MILLIONEN GEGEN DIE KINDERLÄHMUNG

LINKS

ANHANG

LITERATUR

ANMERKUNGEN

DER AUTOR

KURT MATZLER

Kurt Matzler ist Professor für Strategisches Management an der Universität Innsbruck, Österreich. Laut Brightline Initiative ist er einer der besten strategischen Denker der Welt. Er ist akademischer Leiter des Executive MBA-Programms am MCI in Innsbruck und Partner von IMP, einem internationalen Beratungsunternehmen.

Kurt Matzler ist Autor von mehr als 300 wissenschaftlichen Arbeiten und mehreren Büchern, darunter Co-Autor der deutschen Ausgabe des Innovator’s Dilemma, einem der sechs wichtigsten Managementbücher überhaupt (Economist). Er ist Co-Autor der Bücher „Digital Disruption“ (2016) und „Open Strategy“ (MIT Press, 2021). Mit mehr als 30.000 Zitaten in Google Scholar gehört Kurt zu den Top 20 Strategieforschern in Europa und zu den Top 50 weltweit.

Kurt Matzler ist leidenschaftlicher Radfahrer und Einzel-Finisher des Race Across America 2022. Durch seine Teilnahme an RAAM sammelte sein Rotary-Team mehr als vier Millionen US-Dollar an Spenden für die Ausrottung von Polio.

Kurt Matzler (Foto: Irene Rapp)

VORWORT

VON CHRISTOPH STRASSER

Es ist mir eine große Freude, hier mit ein paar Gedanken zu Wort kommen zu dürfen. Zuerst möchte ich Kurt aus ganzem Herzen gratulieren, er hat sich einen Lebenstraum erfüllt und das RAAM erfolgreich absolviert. Was mich aber am meisten beeindruckt, ist die Art und Weise, wie er das gemeinsam mit seinem Team geschafft hat. Er hat gezeigt, welche Qualitäten nötig sind und wie wichtig eine gute Vorbereitung ist. Aber auch welche Flexibilität es unterwegs braucht, denn sogar der beste Plan hält nur selten und muss auf der Strecke stets angepasst werden.

Was braucht es für ein RAAM, um über 4800 Kilometer und 42.000 Höhenmeter in weniger als zwölf Tagen aus eigener Muskelkraft mit dem Rennrad zu absolvieren und dabei brutale Hitze, klirrende Kälte, peitschende Unwetter und böige Winde auszuhalten? Was ist wichtiger, Körper oder Geist? Auf diese Fragen hat wohl jeder Mensch, der das längste Radrennen der Welt miterlebte, seine eigene Antwort.

Herausragende körperliche Fitness und mentale Stärke bilden definitiv die Basis, dazu übernimmt ein eingespieltes, flexibles und professionelles Team die Logistik, Betreuung, Verpflegung und Pausengestaltung.

Sich von Siegerzeiten oder Rekordfahrten anderer einfach die Strategie abzuschauen und für sich zu übernehmen, ohne seine eigenen Stärken und Schwächen in Betracht zu ziehen, führt oft zum Scheitern – oder zumindest zu unnötigen Leiden.

Bei meinen schnellsten RAAM-Teilnahmen war es tatsächlich so, dass ich erst nach 36 und 48 Stunden jeweils 20-minütige Powernaps einlegte und nach der Überquerung der Rocky Mountains, nach zweieinhalb Tagen Fahrzeit, die erste richtige Schlafpause von einer Stunde absolvierte. Diese Strategie mag riskant erscheinen, war aber das Schritt für Schritt weiterentwickelte Resultat aus den Erfahrungen in den Jahren davor – mein Team und ich hatten uns langfristig herangetastet. Dazu hatten wir bei meinem Streckenrekord 2014 kaum ungünstiges Wetter, ein erfahrenes Team, das insgesamt in Summe bereits 42 RAAMs mitgemacht hatte, und einen idealen Rennverlauf, der mich psychologisch anspornte. Würde ein Rookie das genauso machen, ist die Chance ziemlich groß, dass diese Strategie nicht funktioniert.

Für mich sind wahre Sieger diejenigen, die ihre Fähigkeiten realistisch einschätzen und den Mut haben, eine für sich passende Taktik zu entwickeln, und diese dann mit der nötigen Flexibilität umsetzen. Kurts unübliche Strategie mit anfangs längeren Pausen in Motels statt kurzen Stopps im Wohnmobil, um am Ende mit mehr Reserven als die Konkurrenz noch Boden gutzumachen, ging voll auf. Einfach blauäugig – oder besser gesagt naiv – ins RAAM zu starten, sich dann über sein Limit hinaus zu verausgaben, um schlussendlich unter großen Strapazen und ohne Spaß um das Finish zu kämpfen, macht das RAAM noch viel schwieriger und härter, als es ohnehin ist.

Denn im Endeffekt sollten beim RAAM die positiven Erlebnisse überwiegen: der Teamgeist, die beeindruckenden Landschaften, die Freude am Radfahren, der faire Wettkampf, das Erreichen von scheinbar unmöglichen Zielen.

Kurt Matzler ist für mich eine Inspiration: Er hat sich über Jahre in kleinen Schritten an dieses riesige Projekt herangearbeitet, hat mit Geduld und Hartnäckigkeit diverse Rückschläge hingenommen und daraus gelernt. Kurt hat sich als Teilnehmer in den „Team Rotary RAAMs Polio“-Viererstaffeln schon wertvolle Erfahrung auf der Strecke geholt und eine Crew um sich aufgebaut, die er mit seinem klaren Ziel zu einer eingespielten Truppe geformt hat, in der jeder dem anderen vertraut und sich gegenseitig inspiriert, sein Bestes zu geben.

Die Kunst beim Zusammenstellen des Teams ist es, als Leader voranzugehen, das Ziel zu formulieren und in der Vorbereitung täglich so zu leben, um dem Ziel näher zu kommen, und damit auch das Team mitzureißen und zu motivieren. Im Rennen soll man dann aber die Kontrolle an die Crew abgeben und sich nur auf seinen Job – treten, essen, trinken und wach bleiben – fokussieren und dem Team vertrauen. Der Crew die Entscheidungen zu überlassen, ist nicht einfach und auch ein Lernprozess. Aber dieses Loslassen und Delegieren ist essenziell, um ein Rennen wie das RAAM finishen zu können. Ein übermüdeter Athlet kann keine klaren und sinnvollen Entscheidungen treffen.

Aber auch Kurts Leistung abseits des Radfahrens ist beeindruckend: Es ist großartig, welche Summen er und sein Team für den guten Zweck übergeben haben. Ein starkes Netzwerk, kreative Ideen und Hartnäckigkeit in der Umsetzung ermöglichten es, insgesamt über vier Millionen Dollar zur Ausrottung der Kinderlähmung zu sammeln. Besonders freut es mich, dass ich mit den Erlösen meines Multimedia-Vortrags an der Uni Innsbruck etwas dazu beitragen durfte. Organisiert wurde dieser Tag selbstverständlich von Kurt Matzler persönlich.

Christoph Strasser: Sechsfacher Sieger des Race Across America, Rekordhalter des RAAM und 24h-Weltrekordhalter. (Foto: Lex Karelly)

An dieser Stelle möchte ich mich auch bei Kurt bedanken: für die freundschaftliche Verbundenheit, für die gegenseitige Unterstützung, und auch für das Gespräch, das wir in unserem „Sitzfleisch“-Podcast über sein RAAM geführt haben.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern viel Freude mit diesem Buch und viel Kraft und Spaß beim Arbeiten an den eigenen Zielen! Lassen Sie sich von der cleveren strategischen Herangehensweise inspirieren und genießen Sie die lebendige Erzählung von einem der größten sportlichen Abenteuer, die es gibt!

Herzliche Grüße,

Christoph Strasser,

Extremradsportler

EINLEITUNG

Das Race Across America gilt als das härteste und längste Radrennen der Welt und als härtester Sportwettkampf überhaupt. Als ich das erste Mal davon hörte, konnte ich mir die gewaltige Dimension dieses Rennens gar nicht vorstellen, die Athleten schienen mir „übermenschlich“. Erst mit der Zeit, als ich mich mit dem Ultracycling vertraut gemacht hatte und immer längere Distanzen auf dem Rad zurücklegte, rückte das Race Across America in den Bereich des Möglichen. Irgendwann traf ich die Entscheidung, es zu versuchen. Das Unvorstellbare wurde vorstellbar, die Dimensionen erfassbar und eine erfolgreiche Teilnahme realistisch. Ich lernte, dass Grenzen nur im Kopf existieren. Was vorstellbar wird, wird machbar. Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass jeder gesunde Mensch das Race Across America bestreiten könnte. Was dazu nötig ist, ist die Begeisterung für dieses große Ziel, die Bereitschaft für eine jahrelange Vorbereitung, enorme Disziplin und mentale Stärke. Unverzichtbar dabei ist das richtige Team, das diese Begeisterung teilt und bereit ist, gemeinsam für das Ziel zu kämpfen.

Es haben sich schon viele vor mir Gedanken darüber gemacht, was das Erfolgsrezept ist, um Höchstleistungen zustande zu bringen. Ganz abgesehen von Biografien von Athleten, die es in ihrer Sportart ganz nach oben geschafft haben und unzähligen Ratgebern für mentale Stärke im Leben und im Beruf, scheint es im Bereich der Sport- und Fitnesswissenschaft einen regelrechten Boom in Sachen leistungssteigender Gadgets und Trainingsmethoden zu geben. Nach jahrelanger Vorbereitung kann ich behaupten, dass der Weg ein langer ist und es mehr als Talent braucht, um zur Elite zu zählen. Motivation und Inspiration sind gut und schön, aber groß zu träumen – ohne Plan oder Struktur – hat noch kaum einem Athleten aufs Siegerpodest verholfen.

In diesem Buch erzähle ich die Geschichte über das Rennen meines Lebens. Ich erzähle von meinen jahrelangen Vorbereitungen, von meiner Strategie und meinen Plänen, von den körperlichen und mentalen Herausforderungen, von Höhen und Tiefen.

Als Professor für Strategisches Management beschäftige ich mich beruflich mit der Frage, was Unternehmen besonders erfolgreich macht. In diesem Buch wechsle ich meine Perspektive. Ich versuche Antworten auf die Frage zu finden, was uns als Menschen, als Sportler oder Führungskräfte zu Spitzenleistungen verhilft. Meine Erfahrungen aus dem Race Across America, aber auch meine Reflexionen über meinen beruflichen Weg brachten mich zu der Überzeugung, dass es hauptsächlich das Mindset ist – das High Performance Mindset. Ich bin davon überzeugt, dass wir für unser Leben und für unsere berufliche Karriere viel vom Extremsport lernen können. Neben der Geschichte über das Rennen meines Lebens finden Sie in diesem Buch elf Lektionen, die ich über die Zeit gelernt habe. Elf Lektionen, die uns zu Höchstleistungen bringen können und die unser High Performance Mindset prägen.

Dieses Buch wäre ohne die Unterstützung vieler Menschen nie zustande gekommen. Das Race Across America ist ein 5000-Kilometer-Einzelzeitfahren. Der Solo-Fahrer steht im Vordergrund. Hinter dem Fahrer aber steht ein Team, ohne dessen Unterstützung ein derartiges Projekt niemals möglich wäre. Mein Team Rotary RAAMs Polio gab in der Vorbereitung und während des Rennens alles, um mich zu unterstützen. Ohne meine Frau Ruth Brandstätter, meinem Crew Chief Zoltàn Bogdàn und meine Weltklasse-Crew mit Bill Clark, Martin Ebster, Liane Fendt, Darlene McKenzie, Bob McKenzie, Florian Phleps, Alexandra Podpeskar, Hubert Siller, Balàsz Vargas und Roland Volderauer hätte es das Rennen meines Lebens nie gegeben – ich bin euch unendlich dankbar! Andi Zemann, Irene Rohregger und Julia Kovacs haben mich von Österreich aus unterstützt. Martin Böckle vom TV-Sender K19 stand während des Rennens jeden Tag frühmorgens auf, um das Videomaterial zu schneiden und die TV-Berichte fertigzustellen. Martin Roseneder hat als mein Pressesprecher dafür gesorgt, dass unser Projekt – das ja auch ein großes Spendenprojekt war – entsprechende Breitenwirkung bekam. Ich bedanke mich auch bei meiner Physiotherapeutin Anna Entleitner, die mich über Jahre hinweg immer wieder fit gehalten hat. Markus Waldhart von F7 Training hat als mein Trainer ganze Arbeit geleistet. Ich bedanke mich bei allen, die mich bei der Fertigstellung des Manuskripts unterstützt haben, vor allem bei Ruth, Alex und Liane sowie bei Andrea Mayr, bei Rosemarie Konrad für das sorgfältige Lektorieren, bei Clemens Toscani für eine herausragende graphische Gestaltung und bei Egon Theiner vom Egoth Verlag, der sich von der Idee zu diesem Buch begeistern ließ.

Ich widme dieses Buch meinen zwei Söhnen Maximilian und Felix, die zielstrebig und begeistert ihre Wege gehen und deren Erfolge mich sehr beeindrucken und stolz machen.

Liebe Leserin und lieber Leser – nun wünsche ich viel Spaß beim Lesen dieses Buchs. Ich freue mich, wenn Sie das Rennen meines Lebens inspiriert und Sie die eine oder andere Idee mitnehmen. Grenzen existieren nur im Kopf! Mit dem richtigen Mindset können Sie fast alles schaffen!

Innsbruck, im Februar 2023

DAS RENNEN MEINES LEBENS

Elf Tage, fünf Stunden und 50 Minuten. Elf Tage, fünf Stunden und 50 Minuten, um den amerikanischen Kontinent beim härtesten und längsten Radrennen der Welt zu durchqueren: 4880 Kilometer, 42.300 Höhenmeter, zwölf Staaten, vier Zeitzonen, zwei Wüsten, drei Gebirgszüge. 51 Grad Celsius Höchsttemperatur in der Mojave-Wüste. Regen und eisige Temperaturen auf dem Wolf Creek Pass, dem mit 3300 Meter höchsten Punkt des Rennens. Durch einen Hurricane in Colorado, 1000 Kilometer heftiger Seitenwind in den Great Plains, gefährlicher LKW-Verkehr auf den Highways. Elf Tage lang Schlafentzug bis hin zu Halluzinationen. Entsetzliche Schmerzen, immer wieder technische Pannen. Pro Tag im Schnitt 432 Kilometer, 3800 Höhenmeter, ca. 50.000 Pedalumdrehungen, etwa 13.000 verbrannte Kalorien, ungefähr 14,5 Liter Schweißverlust. Zwischen zwei und drei Stunden Schlaf – pro Tag –, elf Tage lang. Nach jahrelanger Vorbereitung hat sich am 25. Juni 2022 gegen 23 Uhr mein Traum erfüllt – ich bin Solo-Finisher des Race Across America (RAAM), und ich stehe mit dem dritten Platz in meiner Alterskategorie auf dem Podium des längsten und härtesten Radrennens der Welt. Nach jahrelanger Vorbereitung und unbeschreiblichen Strapazen gehöre ich nun zu den weltbesten Langstreckenfahrern.

Race Across America – die Strecke.1

Die 40-jährige Geschichte des Race Across America hat nicht mehr als etwa 400 Finisher dieses brutalen Rennens hervorgebracht. Weniger als 50 Prozent der Solo-Starter erreichen jedes Jahr das Ziel. Von den Rookies, das heißt denjenigen, die es das erste Mal probieren, schaffen es weniger als 30 Prozent. Es gibt insgesamt weniger Finisher des Race Across America, als es in jedem Jahr Bezwinger des Mount Everest gibt.

1953 bestiegen Edmund Hillary und Tenzing Norgay als Erste den höchsten Berg der Erde. Seit Reinhold Messner und Peter Habeler 1978 den Berg ohne Sauerstoff bezwangen, stieg die Zahl der erfolgreichen Besteigungen des Mount Everest kontinuierlich an – bis zu einem Spitzenwert von 878 im Jahr 2019.2 Mehr als 300 Tote hat es bisher gegeben. Etwa 10.000 Menschen standen bisher auf dem höchsten Punkt der Erde – darunter auch der Österreicher Wolfgang Fasching im Jahr 2001. Bekannter ist der Extremsportler aber als achtfacher Finisher des Race Across America und als dreifacher Sieger dieses Rennens. Sein Vergleich des RAAM mit dem Mount Everest: Der Mount Everest ist gefährlicher, das Race Across America aber härter.3

Das RAAM ist der härteste Sportwettkampf überhaupt. Das hat eine Expertenkommission, beauftragt vom Outside Magazin, ermittelt. Als Kriterien für diese Bewertungen berücksichtigte sie: a) die Länge des Wettbewerbs, b) den Schwierigkeitsgrad, c) die mentale Herausforderung und d) das Verhältnis der Kosten zur Ausfallsquote. Das Race Across America erhielt 676,2 Punkte, dahinter lag das Vendée Globe Around the World Sailing Race (675 Punkte), gefolgt vom Iditarod Trail Sled Dog Race (417,5 Punkte). Der Iron-man Hawaii kam auf 67,2 Punkte.4 Das RAAM ist um 30 Prozent länger als die Tour de France, und Finisher absolvieren es in etwa der Hälfte der Zeit. Es ist kein Etappenrennen, sondern ein Einzelzeitfahren. Sobald der Startschuss fällt, läuft die Zeit unaufhörlich – bei jeder kurzen Rast, bei jeder Schlafpause, bei jedem Stopp an jeder Ampel. Windschattenfahren ist verboten, der Radfahrer muss sich mit seinem Team auf der ganzen Strecke selbst versorgen. Das inkludiert Essen und Trinken ebenso wie medizinische Betreuung und das benötigte Material. Die Strecke ist genau vorgegeben. Über GPS-Sender und durch Race Officials werden die Teilnehmer überwacht. Ein detailliertes 60-seitiges Regelwerk lässt keinen Interpretationsspielraum zu. Verstößt man gegen eine der vielen Regeln – bleibt man etwa bei einem Stoppschild nicht stehen –, kassiert man eine Zeitstrafe. Bei fünf Zeitstrafen erfolgt die Disqualifikation. Das Rennen verlangt dem Radfahrer und der Begleitmannschaft alles ab: jahrelange Planung und Vorbereitung, physische Topform, mentale Stärke. Enorme Leidensfähigkeit, Stresstoleranz und logistische Meisterleistungen sind absolute Voraussetzungen, um überhaupt eine Chance zu haben, zu finishen. Nicht unerwähnt sollte auch der finanzielle und organisatorische Aufwand bleiben – mit einem Budget von ca. 50.000 Euro muss man rechnen.

Meine zwölfköpfige Begleitmannschaft und ich haben Außergewöhnliches geleistet. Wir erreichten nicht nur den dritten Platz in der Masterklasse (sechster Platz im Gesamtranking), mit unserer Teilnahme sammelten wir über 1,2 Millionen Euro an Spenden für die Ausrottung der Kinderlähmung. Unfassbar – je länger das Rennen zurückliegt, umso bewusster wird mir, was wir eigentlich geleistet haben.

MEINE RENNRADKARRIERE

Sportlich war ich schon immer. Als Jugendlicher war ich Leichtathlet – vor allem Hochspringer, aber auch Zehnkämpfer. Ich spielte Fußball in meiner Dorfmannschaft, war in der Basketballmannschaft und in der Volleyballmannschaft meiner Schule, und – was sportlich nicht gerade besonders anstrengend war – ich war Eisstockschütze. Sieben bis acht Trainingseinheiten pro Woche waren normal für mich. Meine Leistungen in der Schule glänzten in dieser Zeit nicht besonders, was mir weniger, mehr aber meiner Mutter immer wieder Sorgen bereitete. Unnötig, wie sich herausstellte. Die Matura schaffte ich als Zweitbester meiner Schule. Am Studium der Betriebswirtschaft an der Uni Innsbruck fand ich dann umso mehr Spaß. Ich finanzierte es selbst und arbeitete in den Ferien ganztags und während des Semesters sehr oft an den Wochenenden als Kellner. 70 bis 80 Stunden pro Woche Arbeit und Studium waren keine Seltenheit. Urlaub gab es nie. Ich erinnere mich an einen Sommer, in dem ich drei Monate lang arbeitete – zehn bis zwölf Stunden pro Tag, sieben Tage in der Woche – und mich gleichzeitig für die Diplomprüfung der Volkswirtschaftslehre im Herbst vorbereitete. Die Zeit dafür fand ich in meiner zwei-, dreistündigen Pause am Nachmittag. Ich kam in diesem Sommer leicht auf 100 Stunden pro Woche. Es war anstrengend, aber es lohnte sich. Die Prüfung bestand ich souverän.

Die Arbeit als Kellner hat mich eines gelehrt: Effizienz. Ich hatte die Gäste im Restaurant, in der Bar und auf der Terrasse zu betreuen. Oft konnte ich die Arbeit nur bewältigen, indem ich die Strecke von der Bar bis zur Terrasse rannte! Ich konnte die Arbeit nur schaffen, indem ich mehrere Dinge gleichzeitig erledigte – ich hatte mir angewöhnt, niemals mit leeren Händen zu laufen, jede Sekunde zu nutzen. Diese Einstellung prägte mein ganzes Arbeitsleben und später auch mein Training für das Race Across America. Im Winter spulte ich regelmäßig 5000 Kilometer auf der Rolle ab. Um auch diese Zeit zu nutzen, schaffte ich mir ein Rednerpult an und erledigte meine Lesearbeit auf der Rolle. Ich las pro Jahr etwa 15 bis 20 Fachbücher und unzählige wissenschaftliche Aufsätze während des Trainings, zudem bildete ich mich über Podcasts, Videos und Hörbücher weiter.

Aber zurück zu meiner Studienzeit. Die enorme Zeitbelastung durch Studium und Arbeit ließ keine Minute für Sport. Von den ehemaligen täglichen Trainings war ich weit entfernt und wurde zum regelrechten Sportmuffel. Nach dem Studium bot mir Professor Hans Hinterhuber gleich eine Assistentenstelle am Institut für Unternehmensführung an. Nachdem ich es gewohnt war, sieben Tage in der Woche zu arbeiten, machte ich so gleich weiter. Witha, meine damalige Freundin und später Mutter meiner zwei Söhne, war nicht gerade begeistert und versuchte mich zu überzeugen, dass es neben der Arbeit auch noch etwas anderes im Leben gab. Für mich war es normal, samstags und sonntags zu arbeiten. Neben der Forschung für meine Dissertation und der Lehre an der Uni bekam ich sehr viele Möglichkeiten, an Projekten mitzuarbeiten, Workshops für Unternehmen zu gestalten, Vorträge zu halten usw. Mein erstes Buch veröffentlichte ich zwei Jahre bevor ich meine Dissertation abschloss. Es war keine Seltenheit, dass ich – weil die Arbeit kein Ende nahm – die ganze Nacht lang einen Seminartag vorbereitete, in der Früh schnell unter die Dusche ging, um anschließend, ohne eine Minute geschlafen zu haben, eine Gruppe von Führungskräften den ganzen Tag zu unterrichten.

Obwohl mich dieser Lebensrhythmus nicht belastete, wurde mir klar, dass mir etwas Wichtiges fehlte: Sport. Martin, ein Freund von mir, brachte mich zum Mountainbiken, und etwas später, ich war 28, besorgte er mir ein Rennrad. Es war das Colnago Master Olympic, das Trainingsrad des Weltmeisters Maurizio Fondriest. Sein Mechaniker hatte ein Radgeschäft in Innsbruck. Ein paar Freunde von mir trainierten für den Styrkeprøven – die Kraftprobe –, ein Rennen, das jährlich zur Sonnenwende in Norwegen ausgetragen wird. Die Strecke führt 540 Kilometer lang von Trondheim nach Oslo – nonstop. Etwa 4000 Höhenmeter sind zu absolvieren. Da ich immer wieder mit ihnen trainierte, fragten sie mich schließlich, ob ich das Rennen gemeinsam mit ihnen bestreiten möchte. Ich hatte keine Ahnung vom Rennradfahren, erst ein paar Kilometer trainiert und traute mir dieses Rennen natürlich nicht zu. Hubert, einer meiner Freunde, meinte dann im Scherz: „Das ist ganz leicht, Trondheim liegt im Norden, Oslo im Süden. Das heißt, es geht eh immer nur abwärts!“

Damit war ich überzeugt – mit diesen Jungs musste das schließlich Spaß machen!

Das Rennen startete am 18. Juni 1999. Da man in Tirol im Winter nicht gut auf der Straße trainieren kann, begann ich mit meinem Training erst im Februar, März. Ich hatte bis zum Styrkeprøven gerade einmal etwas mehr als 2000 Kilometer in den Beinen. Martin, Hubert, Markus und Peter nahmen sich die Zeit, um mit dem Wohnmobil nach Trondheim zu fahren. Ich flog knapp vor dem Rennen dorthin. Wir trainierten zwar ein bisschen, aber eigentlich genossen wir so kurz vor dem Rennen mehr die Landschaft. Und weil wir so cool waren, tranken wir abends Rotwein und rauchten Zigarren. Und weil wir nicht nur cool waren, sondern auch schlau, war uns klar, dass wir für das Rennen wohl viel Energie, sprich Kalorien, benötigen würden. Wir gingen essen – Steak mit Pommes, Dessert –, und natürlich wieder Rotwein. Um 23 Uhr waren wir im Hotel. Die Sonne schien noch, und im Zimmer war es hell. Wir konnten es kaum abdunkeln. Den Bauch vollgeschlagen und im hellen Zimmer schlief ich mehr schlecht als recht. Irgendwann war es 6 Uhr. Wir standen auf, gingen zum Start, und es ging los. Das Wetter war anfangs noch gut, aber nach ein paar Stunden begann es zu regnen. Auf dem Dovrefjell, dem höchsten Punkt, schneite es. Das Rennen war unglaublich lang, es wurde unglaublich hart. Aber irgendwie schafften wir es nach über 20 Stunden ins Ziel. So fertig war ich noch nie.

Mit Langstreckenfahren war dann vorerst einmal Schluss. Erst 2007 entschied ich mich wieder dafür, ein Rennen zu bestreiten. Mein Freund Alex brachte mich zum Ötztaler Radmarathon: für viele der Ritterschlag im Radsport, 235 Kilometer und 5500 Höhenmeter. Mit einer Zeit von etwas mehr als zehn Stunden kam ich ins Ziel. Sechs weitere Male nahm ich daran teil – das letzte Mal 2014, als ich mein Ziel erreichte, die Strecke in weniger als neun Stunden zu absolvieren. Damit war für mich das Kapitel Ötztaler abgeschlossen.

Ich begann mich wieder für längere Strecken zu interessieren. Und wie es der Zufall wollte, brachte mich Rotary 2013 zu meinem nächsten Projekt. Meinhard Huber, der Präsident der Fellowship Cycling to Serve Austria, organisierte eine Langstreckenfahrt von Weiz in der Steiermark nach Bregenz in Vorarlberg – von der Distriktkonferenz 1910 zur Distriktkonferenz 1920 (Rotary Österreich ist in zwei Distrikte geteilt). Wir wollten die über 600 Kilometer und etwa 8000 Höhenmeter in 30 Stunden bewältigen und dabei Spenden zur Ausrottung der Kinderlähmung sammeln. Bei dieser Radfernfahrt kam ich das erste Mal in direkten Kontakt mit dem Race Across America. Einer der Teilnehmer war der ungarische RAAM-Solo-Finisher Ferenc Szönyi. Er hatte von unserem Vorhaben gehört und schloss sich uns an. Unterwegs erzählte er mir, dass er vorher bereits von Ungarn nach Weiz geradelt war, uns nun begleitete, am nächsten Tag rund um den Bodensee fahren wollte und dann wieder zurück nach Ungarn – unvorstellbar für mich. Bregenz erreichten wir nach etwa 30 Stunden. Zu Meinhard sagte ich im Ziel, dass ich wieder dabei sei, wenn er noch einmal etwas in dieser Art organisiere. Diese Aussage sollte mich später zum Team Rotary RAAMs Polio bringen, ein Vier-Mann-Team, das 2016 in der Staffel das RAAM fuhr.

Vorher ging es aber noch einmal nach Norwegen zum Styrkeprøven. Ich schloss mich dem deutschen Vitargo-Team an, das das Rennen in 18 Stunden finishen wollte. Ein oder zwei Tage vor dem Start traf ich in Trondheim die Teammitglieder. Wir hatten ein kurzes Teammeeting, in dem die Rennstrategie erklärt wurde. Alle zwei Stunden zwei Minuten Pause, zehn Sekunden vor dem Ende der Pause ertönte eine Trillerpfeife, und jemand zählte zurück. Wer bei null nicht auf dem Rad war, hatte Pech – die Gruppe startete. Verabsäumte man den Startpfiff, verlor man nicht nur den Windschatten der Gruppe, sondern auch das Begleitfahrzeug, in dem Essen, Kleidung und Ersatzmaterial waren. In diesen zwei Minuten Pause musste alles erledigt werden – Pinkelpause, Essen nachfüllen, Flaschen nachfüllen, umziehen. Zwar extrem stressig, aber erfolgreich. Nicht alle kamen ins Ziel, aber gemeinsam mit ein paar Teamkollegen bewältigte ich die 18 Stunden mit einem Schnitt von ca. 30 km/h. In Oslo angekommen, verbrachten wir etwas Zeit im Ziel. Dann musste ich packen und gönnte mir drei, vier Stunden Schlaf im Hotel, bevor ich zum Flughafen aufbrach und weiter nach Oxford reiste, wo ich am nächsten Tag einen Vortrag hielt …

Irgendwann Ende 2015 kontaktierte mich Meinhard Huber, der Präsident der Fellowship Cycling to Serve, der die Radfernfahrt zu Spendenzwecken im Jahr 2013 organisiert hatte. Er erzählte mir, dass Bob McKenzie, ein Rotarier aus Tulsa, Oklahoma, gerade dabei war, ein Team für das Race Across America 2016 zusammenzustellen, um mit einer Viererstaffel an den Start zu gehen. Mit diesem Projekt wollte er Spenden zur Ausrottung der Kinderlähmung sammeln. Ich signalisierte Meinhard sofort, dass ich interessiert war. Ich war gut im Training, und bis zum Start waren ja noch ein paar Monate Zeit. Nico Endres, der Präsident der weltweiten Fellowship Cycling to serve, stellte den Kontakt zu Bob McKenzie her. Ich kontaktierte Bob, zeigte mich sehr interessiert und beschrieb meine bisherigen Rennerfahrungen. Im letzten Satz machte ich klar, dass ich – im Herzen der Alpen lebend – gerne Bergstrecken fuhr und lange Aufstiege liebte. Bob McKenzie antwortete, das treffe sich gut, weil er lange Abfahrten bevorzuge. Wir vereinbarten, in Kontakt zu bleiben, und ein paar Wochen später, am 28. Jänner 2016 um 15:51 Uhr, erhielt ich seine Antwort:

„Hi Kurt, Thanks for being patient with me and my questions. We would like to invite you to join ‚Team Rotary RAAMs Polio‘! Let me know your decision and we will pick up from there.

In the Best Bonds,

Bob McKenzie“

Ich war im Team! Mein erstes Race Across America-Projekt begann. Ich intensivierte mein Training, begann Sponsoren zu suchen, Spenden zu sammeln und setzte mich mit dem Rennen intensiver auseinander. Ich begann Bücher über das RAAM zu lesen, suchte Videos auf YouTube und bereitete mich so auf das Abenteuer vor. Ein YouTube-Video eines Teams aus dem Jahr 2013 beeindruckte mich besonders: Darin wird ein Viererteam beschrieben, das in der Wüste einen Fahrer verliert. In der Hitze hatte er zu viel Wasser getrunken, erlitt eine „Wasservergiftung“ und landete für zwei Tage im Krankenhaus. Danach ließ er sich sofort mit dem Auto zu seinem Team bringen, das in der Zwischenzeit wohl weit über 1500 Kilometer weitergefahren war, und fuhr wieder mit.

Verrückt, dachte ich mir. Später stellte sich heraus, dass dieser Randy Jackson Teil des Team Rotary RAAMs Polio 2016 war.

RACE ACROSS AMERICA 2016–2019

In den Monaten bis zum Start stimmten wir uns über Skype-Meetings ab. Ich war der einzige Europäer im Team, in der Begleitmannschaft war Meinhard Huber. Das übrige Team bestand aus Amerikanern – allesamt Freunde von Bob. Sie organisierten alles vor Ort, meine einzige Aufgabe war es, zu trainieren und Spenden zu sammeln. Meinhard und ich flogen ein paar Tage vor dem Start nach Oceanside in Kalifornien. Wir kamen am Mittwoch an, am Samstag, dem 18. Juni, startete das Rennen. Wir wählten eine Rennstrategie, die für Teams typisch ist: Wir teilten uns in zwei Zweierteams (Randy und Steve, Bob und ich) und planten Acht-Stunden-Intervalle. Während unserem achtstündigen Einsatz wollten wir uns im 30-Minuten-Takt abwechseln, die acht Stunden Pause sollten für Regeneration, Essen und Schlafen genutzt werden. Selbstverständlich alles im fahrenden Wohnmobil, da ja während der Pause das andere Team rund 240 Kilometer zurücklegte und das pausierende Team zum nächsten Wechselpunkt gebracht werden musste. Dafür brauchte es mehrere Begleitfahrzeuge und ein großes Wohnmobil.

Wir starteten alle gemeinsam, danach übernahmen Steve und Randy die erste Etappe. Mein erster Einsatz begann in Borrego Springs in der Wüste, so gegen 18 Uhr. Es war unerträglich heiß: 45 Grad im Schatten. In der Nacht kühlte es auf etwa 30 Grad ab. Nach einem guten Start kamen am nächsten Tag schon die ersten großen Probleme: Rekordhitze in der Wüste mit über 50 Grad, und die Klimaanlage des Wohnmobils gab ihren Geist auf. Schlafen – ohne Klimaanlage und dazu noch in einem fahrenden Wohnmobil – wurde für die Crew und die Rennfahrer somit fast unmöglich. Und sollte man doch einmal eindösen, wurde man schon nach ein paar Minuten unsanft geweckt, wenn das Wohnmobil in ein Schlagloch fuhr, abrupt bremsen oder an engen Stellen vor und zurück manövrieren musste. Überhaupt konnte man schon froh sein, wenn man im weichen Bett einen Platz fand. Aufgrund des Platzmangels mussten wir uns abwechseln und teilweise auch auf dem Boden des Wohnmobils schlafen. Die Bettwäsche wurde natürlich nicht gewechselt. Wer einen Schlafplatz ergatterte, konnte sich in das vom Vorgänger noch warme Bett legen. Zum Putzen blieb keine Zeit, Dusche und WC waren bald in einem entsprechenden Zustand. Entsprechend war auch der Zustand des Teams, wir litten bald alle unter enormem Schlafentzug. Da nützte auch die Strategie von Bob, der sich entschloss, das ganze Rennen – sieben Tage lang – in einem der Begleitfahrzeuge zu schlafen, nicht viel. Aufgrund von Jetlag-Problemen hatte ich persönlich schon in den Nächten vor dem Rennen nur wenig geschlafen.

Wir waren alle so erschöpft, dass wir am dritten Tag ein Hotelzimmer mieteten: ein Zimmer für zwei Stunden für acht Personen im einzigen Hotel weit und breit. Wieder schliefen wir im Turnus – jeder bekam für etwa 30 Minuten ein Bett. Ein Wunder bewirkten wir dadurch freilich nicht. Der Schlafentzug wurde so schlimm, dass ich teilweise halluzinierte. In einer Nacht in den Rocky Mountains sah ich einmal jede Menge Kaninchen am Straßenrand. Mit Powernaps von etwa 15 Minuten retteten wir uns dann doch irgendwie über das Rennen, das ansonsten recht gut lief: kein einziger Regentropfen, keine einzige Radpanne.

Gegen Ende überholten wir immer wieder Solo-Fahrer. Aufgrund der Zeitlimits von zwölf Tagen für Solo-Fahrer und neun Tagen für Teams, starten die Einzelfahrer traditionsgemäß immer an einem Dienstag und die Staffeln am Samstag darauf. Teams sind natürlich deutlich schneller als Solo-Fahrer, und daher überholt man gegen Ende des Rennens immer wieder Einzelfahrer, die mit Schlafentzug, totaler Erschöpfung und allen möglichen gesundheitlichen Problemen kämpfen. Als ich den ersten Solo-Fahrer in den frühen Morgenstunden zwei Tage vor unserer Zielankunft überholte, fuhr dieser in der Ebene mit etwa 15 km/h dahin. Er radelte dabei fast nur im Stehen – sitzen konnte er wohl nicht mehr –, den Kopf gesenkt. Ich sprach ihn an, er reagierte aber erst beim zweiten Mal, grüßte und murmelte mit heiserer Stimme etwas Unverständliches, ohne den Kopf zu mir zu drehen. Ein Zombie, dachte ich mir. Ich war als Teamfahrer schon ziemlich erschöpft, aber eine Solo-Teilnahme an diesem Rennen? Das war für mich unvorstellbar. Wie konnte man sich so etwas nur antun?

Nach sieben Tagen, einer Stunde und 16 Minuten erreichten wir Annapolis und belegten damit den zweiten Platz in unserer Alterskategorie (50 bis 60). Das Spendenergebnis von rund 300.000 Dollar konnte sich ebenfalls sehen lassen. Im Ziel lernte ich den Solo-Finisher Martin Bergmeister aus Südtirol kennen. Er gab mir später einige wertvolle Tipps für meine Solo-Fahrt, und ich lernte viel von seinen Erfahrungen, die er 2016 beim RAAM gemacht hatte.

Kaum vier Wochen nach dem Finish trafen wir die Entscheidung, es 2017 noch einmal zu versuchen. Da Randy Jackson aufgrund von gesundheitlichen Problemen während des Rennens 2016 nicht mehr dabei sein wollte, suchten wir nach einem Ersatz. Ich dachte sofort an Andi Zemann, einen Tiroler Freund und ebenfalls Rotarier, und fragte ihn, ob er sich das RAAM mit uns im Team vorstellen könne. Er sagte sofort zu. Das Spiel begann von Neuem. Wir benötigten etwa 40.000 Euro an Sponsorengeldern, mussten eine Begleitmannschaft zusammenstellen, planen, organisieren, Spenden sammeln und trainieren – etwa 15.000 Kilometer in einem Jahr. Das Jahr verging schnell. Als ich im April 2017 auf einer 300-Kilometer-Trainingsfahrt von Bozen nach Bologna unterwegs war, bekam ich eine Hiobsbotschaft. Aus gesundheitlichen Gründen konnte Andi nicht mitkommen! Weniger als zwei Monate vor dem Start. Alles war bereits organisiert, die Hotels waren reserviert, alle Flüge gebucht. Wie sollten wir so kurzfristig Ersatz finden? Da meine Frau Ruth in der Begleitmannschaft vorgesehen war, fiel unsere Wahl auf sie. Ruth war ebenso begeisterte Rennradfahrerin wie ich. Sie war mehrfach den Ötztaler Radmarathon gefahren und trainierte seit Jahren gemeinsam mit mir. Doch ich wusste auch, dass sie keine Rennen mehr bestreiten wollte. Trotzdem fragte ich sie. Sie schaute mich mit großen Augen an und war sich nicht sicher, ob ich das ernst meinte. Sie war sich auch nicht sicher, ob sie das schaffen würde. Meine Antwort: „Das ist wie jeder Urlaub für uns. Jeden Tag sechs bis sieben Stunden auf dem Rad, eine Woche lang. Unter etwas verschärften Bedingungen halt.“

Das überzeugte sie. Andi wechselte ins Begleitfahrzeug und Ruth auf das Rad. So flogen wir ein paar Wochen später nach Oceanside. Wir änderten unsere Strategie: Kein Wohnmobil, stattdessen Übernachtungen in Hotels und eine bessere Wechseltaktik – das sollte dafür sorgen, dass jeder von uns – Teamfahrer und Crew – pro Tag etwa drei bis vier Stunden Schlaf genießen durfte. Das war deutlich besser als 2016. Dieses Mal waren allerdings die Wetterbedingungen deutlich schlechter. Wieder kletterten die Temperaturen in der Wüste auf bis zu 50 Grad, wir hatten aber viel mehr Wind und gegen Ende des Rennens jede Menge Regen. Wir kämpften uns sogar durch die Ausläufer des Hurricane Cindy. Trotzdem waren wir schneller als 2016 und sammelten über 500.000 Dollar an Spenden. Ruth bewältigte das Rennen souverän, und sie war es, die vorschlug, im Jahr darauf wieder anzutreten.

Noch im Ziel entschieden wir uns, 2018 erneut dabei zu sein. Markus Mayr aus Osttirol ersetzte Steve Schoonover, ein paar neue Crewmitglieder stießen dazu, wir verbesserten unsere Strategie weiter und waren wieder deutlich schneller! Mit sechs Tagen, 18 Stunden und vier Minuten gewannen wir nicht nur unsere Kategorie, sondern setzten einen neuen Streckenrekord. Für die knapp über eine Million Dollar an Spenden, die wir zur Ausrottung der Kinderlähmung gesammelt hatten, bekamen wir den Lon Haldeman Award, der jährlich an jenes Team verliehen wird, das am meisten Spenden für einen wohltätigen Zweck sammelt.