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Den Sinn für Humor zu fördern bereichert das ganze Leben – sogar so sehr, dass er eigentlich nicht ernst genug genommen werden kann. Durch ihn werden wir vielseitiger, freundlicher mit uns und anderen, kreativer und gesünder. Im Alltag und in der medizinischen und psychotherapeutischen Praxis kann das Lachen immer einen Platz finden, aber auch in kritischen Lebenssituationen ist Humor öfters an-gebracht als gedacht! Der Nervenarzt und Psychotherapeut R. D. Hirsch zeigt, wie wir uns und unseren Patienten und Mitmenschen durch Humor ganz neue Perspektiven erschließen können. Erfahren Sie, was Humor auszeichnet, und lernen Sie seine Verwandten Scherz, Satire, Ironie und Sarkasmus kennen. Was hat es mit dem menschlichen Lachen evolutionär auf sich und wie »funktionieren« Humor und Lachen eigentlich?Hirsch geht auf viele verschiedene Bereiche ein, in denen Heiterkeit mehr nützt als schadet: in der Schule, bei der Arbeit, in der Medizin und Psychotherapie sowie in der Pflege. Auch wenn Humor oft eine Gratwanderung ist – er ist das älteste und sicherste Mittel, um Spannungen zu lösen, Streit zu entdramatisieren und Probleme zu relativieren.
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Seitenzahl: 868
Veröffentlichungsjahr: 2019
Rolf Dieter Hirsch
Das Humor-Buch
Die Kunst des Perspektivenwechsels in Theorie und Praxis
Prof. Dr. phil. Dr. med. Dipl.-Psych. Rolf Dieter Hirsch
www.hirsch-bonn.de
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Schattauer
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© 2019 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten
Cover: Jutta Herden, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von © Adobe Stock/olly
Zeichnungen: © Dietmar Bertram – www.dietmarbertram.de
Lektorat: Volker Drüke
Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell
Printausgabe: ISBN 978-3-608-43261-9
E-Book: ISBN 978-3-608-11069-2
PDF-E-Book: ISBN 978-3-608-20383-7
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Einführung – humorvoll oder wie . . .?
1 Ist jedes Lachen Humor?
1.1 Lachen
1.2 Komik
1.3 Witz
1.4 Humor
1.5 Die »Verwandten« des Humors
1.5.1 Scherz und Spiel
1.5.2 Ironie
1.5.3 Satire
1.5.4 Sarkasmus
1.5.5 Zynismus
1.5.6 Schwarzer Humor
1.6 Ausblick
2 Alle Theorie ist grau?
2.1 Psychophysiologische Theorien
2.2 Überlegenheits- und Aggressionstheorien
2.3 Inkongruenztheorien
2.4 Soziologische und sozialpsychologische Theorien
2.5 Neurobiologische Theorien
2.6 Spieltheorie
2.7 Humor und Emotionen
2.8 Modelle von Humor-Konzepten
3 Jedes Alter hat seinen Humor
3.1 Kindheit
3.2 Jugendzeit
3.3 Erwachsenenzeit
3.4 Höheres Lebensalter
4 Requisiten als Humorhelfer: ansteckend?
4.1 Wohnbereich und äußeres Milieu
4.2 Scherzartikel
4.3 Handpuppen und Stofftiere
4.4 Zerrspiegel
4.5 Bekleidung und Stoffbezüge
4.6 Speisen und Getränke
4.7 Humorkoffer
4.8 Humorzimmer
4.9 Pinnwand, Humortagebuch, Humorzeitschrift
4.10 Witze- und Anekdotenbücher
4.11 Humortag
5 Ist Humor ein heiterer Rundumförderer?
5.1 Physiologische Funktionen
5.2 Psychologische Funktionen
5.3 Soziale und soziologische Funktionen
5.4 Kommunikative Funktionen
5.5 Machtinstrument und Waffe
5.6 Beratende und therapeutische Funktion
6 Humor messen: ein Witz?
6.1 Humortests für Kinder und Jugendliche
6.2 Humortests bei Erwachsenen
7 Humor: ein effektives Pharmakon?
7.1 Beeinflussung der Gesundheit
7.1.1 Zahlen vs. Individuum – Einzelfallschilderungen
7.1.2 Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen
7.2 Effekte zur Förderung der Lebenszufriedenheit
7.3 Zusammenfassende Bewertung
8 Nimm’s mit Humor: schlimmstenfalls hilft’s
8.1 Im Alltag
8.2 In der Familie
8.2.1 Kinder
8.2.2 Eltern/Paarbeziehung
8.2.3 Großeltern und andere Verwandte
8.3 In der Schule
8.3.1 Schüler
8.3.2 Lehrer
8.3.3 Unterricht
8.3.4 Schulbehörde und schulpolitische Gremien
8.4 Am Arbeitsplatz
8.4.1 Mitarbeiter
8.4.2 Leitungs- und Führungskräfte
8.4.3 Organisation und Betriebsklima
8.5 Im Krankenhaus
8.5.1 Patienten
8.5.2 Personal
8.5.3 Leitung und Einrichtungsträger
8.6 Im Altenpflegeheim
8.6.1 Bewohner und Angehörige
8.6.2 Pflegepersonal
8.6.3 Leitung und Einrichtungsträger
9 Medizin braucht Humor
9.1 Menschen mit Schmerzen
9.2 Menschen mit Ängsten
9.3 Menschen mit Depression
9.4 Menschen mit Demenz
9.5 Menschen am Lebensende
9.5.1 Der Sterbende
9.5.2 Umgangsweise mit Sterbenden
9.5.3 Angehörige
9.5.4 Gesundheitsberufler
9.5.5 Klinik-Clown
10 Humor: Würze der Psychotherapie
10.1 Wirkfaktor Humor
10.2 Unterschiedliche Ansätze und Zugangsweisen zum Humor
10.3 Therapeutisches »Spielfeld«
10.4 Humor: ein Ziel der Behandlung?
10.5 Psychotherapeut: Nur mit Humor?
10.6 Warnung vor Humor?
11 Humor boykottiert Gewalt
11.1 Gewalt: ein destruktives Phänomen
11.2 Grundsätzliche Aspekte zur Humorintervention
11.3 Chancen für Humor bei Beginn von Gewaltausbrüchen
11.4 Präventive Möglichkeiten und Chancen
12 Humor: ein verantwortungsvoller Balanceakt
12.1 Ernst-heiter und heiter-ernst: Ethik und Humor
12.2 Alltagsethik: leichter mit Humor!
12.3 Humor in der Behandlung: ethisch unentbehrlich!
12.4 Menschen mit Behinderung: Recht auf Humor!
Literatur
Internetadressen
Sachverzeichnis
Anhang
Anhang 1
Ethische Richtlinien von HumorCare e. V.
Anhang 2
Ethik-Codex
Anhang 3
Humortraining – Ethik und Grundsätze
Schon wieder ein Buch über Humor! Gibt es nicht schon genug davon? Und jetzt noch eins? Wozu? Helfen die uns, Humor bewusster zu erleben und humorvoller zu werden? Ist die Welt durch sie humorvoller geworden? Eine wunderschöne Utopie! Mehr Humor in unserer Welt könnte nicht schaden. Viele Konflikte ließen sich leichter oft auch heiter lösen. Allerdings mit gegenseitigem Wohlwollen und Schaffen einer Win-win-Situation! Es gibt schon sehr lesenswerte und hochkarätige theoretische Abhandlungen über den Humor. Deutlich geringer ist die Anzahl der Arbeiten über praxisorientierten Humor. Wie man z. B. selbst mehr Humor im Alltag und im Ernst, auch im Notfall erwerben und einsetzen kann. Ausführungen gibt es auch, wie man den Sinn für Humor bei anderen fördern kann. So könnte man folgern: »Es gibt ja schon alles, nur noch nicht vom Hirsch.« Und? Lassen Sie sich überraschen! Manches Neue ist vielleicht doch dabei! Bei Bekanntem fördert es den Wiedererkennungswert. Mag ein guter Witz, x-mal erzählt, langweilig sein – eine klassische Sonate oder ein Schlager, x-mal gehört, ist selten einschläfernd. Wenn man nun neuere interessante Ausführungen zum Humor liest, kann es gut sein, dass man davon für sich und seine Umgebung profitiert. So hoffe ich, dass mir dies mit meinem Buch gelingt.
Was allgemein unter Humor zu verstehen ist, weiß jeder. Je mehr aber man über ihn nachdenkt und theoretisch fassbar machen möchte, desto schwieriger wird es, ihn zu fassen. Er ist nun mal kein Objekt, welches klar definierbar ist. Viele haben es versucht und kommen doch letztlich dazu, dass Humor kaum greifbar ist und allgemeingültig definiert werden kann. Humor messbar? Welch ein Unsinn, und doch ist es irgendwie notwendig, ihn wenigstens annäherungsweise operationalisieren zu können. Was sich nicht messen und signifikant belegen lässt, ist im wissenschaftlichen Bereich nicht vorhanden. Darüber kann sich der normale Menschenverstand, der sich auch jeder Messung entzieht, nur amüsieren, aber kaum ein Wissenschaftler. Dennoch lassen sich Aspekte von Humor wissenschaftlich untersuchen, und es zeigen sich einige interessante Ergebnisse, die ernst zu nehmen sind.
Wissenschaft und Humor – das ist kein gottgegebener Widerspruch. Einer humorlosen Wissenschaft fehlt etwas Entscheidendes: die Würze und die Einsicht, sich nicht zu ernst zu nehmen. Wissenschaftlicher Humor lässt sich nur mit Anekdoten und der Erkenntnis menschlicher Unvollkommenheit ertragen. Humor zu haben halten dennoch die meisten Menschen für wichtig und erstrebenswert. Es gilt als Beleidigung, jemandem zu sagen, er hätte keinen Humor. Ist auch Quantität mit Qualität nicht zu verwechseln und Lachen seltener ein Zeichen von Humor, als man glaubt, so dürfte jeder Anreiz zum heiteren und fröhlichen Humor das Leben zumindest für einen Augenblick erleichtern. Dieser Augenblick verändert die Perspektive. Um mit Schopenhauer (1852) zu sprechen: »Sollen wir der Heiterkeit, wann immer sie sich einstellt, Tür und Tor öffnen: denn sie kommt nie zur unrechten Zeit.« Dies mag für heitere und humorvolle Romane und Anekdoten gelten, doch auch für nichtbelletristische Humorliteratur? Für wissenschaftliche Arbeiten? Sind sie ein »Tor zum Humor«? Wohl kaum, da sie doch eher theoretisch und häufig realitätsfern sind. Doch einige praxisorientierte Abhandlungen und Erklärungen, wo und wie man Humor einsetzen kann, können zumindest dem Humor etwas Tür und Tor öffnen. Umso mehr, wenn Beispiele aus der Praxis den Inhalt würzen. Allerdings sind »Ratschläge«, wie man Humor einsetzen könnte oder sollte, zweischneidig. Ratschläge haben immer auch etwas mit »Schlägen« und Besserwisserei zu tun. Sie können nur grobe Hinweise und Anregungen geben. Jeder muss diese für sich passend verändern. Man kann seinen persönlichen Humor nur selbst einsetzen.
Wer liest solche Bücher? Vermutlich derjenige, der mehr über Humor wissen will, dem in der Praxis und im Leben Humor abhandengekommen ist oder der seine Beziehung zum Mitmenschen unernster gestalten möchte. Der erfahren hat, dass mit Humor zwar nicht alles, aber vieles bessergeht. Und andere? Sie lesen solche Bücher wohl kaum. Humorvolle Botschaften nur für die, die humorvoll sein wollen oder Humor vermissen? Die den eigenen Sinn für Humor vermehren wollen? Die herausfinden wollen, wie man in Situationen auch komische Aspekte finden und diese dann humorvoll aufgreifen kann? Da Humor ansteckend ist, könnten ernste Menschen von ihm infiziert werden. Vielfältige Fragen, manche Hinweise, Anstöße und Antworten sind in diesem Buch zu finden. Humor als »Lebensfüller und Stresskiller« umfasst nicht nur Humor als Bewältiger schwieriger Situationen, sondern ist auch ein »Lebens-« und »Genussmittel« für den Alltag!
Muss ein Autor eines Humorbuchs Humorist sein? Ich werde manchmal gefragt, ob ich humorvoll bin. Meine Antwort ist: »Das fragen Sie lieber meine Frau und meine Söhne.« Man geht zumindest bei belletristischer Literatur meist davon aus, dass die Schriftsteller humorvoll sind. Wie sieht das bei der Fachliteratur aus? Muss ein Autor einer Abhandlung über Depression auch depressiv sein? Das klingt eher paradox, und doch hofft man, dass der Autor, der über Humor schreibt, auch selbst humorvoll ist. Objektiv über Humor schreiben: Geht das? Natürlich gibt es Untersuchungen über Humor: Zahlen lügen nicht! Deren Interpretation kann aber vom Forscher bewusst oder unbewusst beeinflusst werden. Beispiele beleben und veranschaulichen, wie Humor eingesetzt, gelernt und angewendet werden kann. Natürlich gilt auch hier der alte Lehrsatz »Repetitio est mater studiorum« (Wiederholung ist die Mutter der Studien). Kontinuierlich, wo immer es sich anbietet, Humor einzusetzen fördert die Humorkompetenz und führt zu einem respektvollen und stimmigen Umgang mit ihm in allen Lebenslagen. Zudem: Lernen ist immer möglich. Auch Humor! Hierzu soll dieses Buch motivieren.
Ein Buch über und mit Humor zu schreiben, das auch noch interessant und motivierend für die Leserin und den Leser geschrieben und gestaltet sein soll, ist ein Spagat. Ob der mir gelungen ist, überlasse ich der Leserin und dem Leser. Ich kann nur sagen, dass die Schreiberei nicht nur von Humor getragen war. Es war schon Arbeit, eine Plackerei, die mit Humor nicht immer etwas zu tun hatte. Nur von Spaß bei der Arbeit zu sprechen wäre zu euphemistisch; »ernst-heiter« und »heiter-ernst« wechselten sich ab, und doch bin ich es natürlich selbst, der sich diesem Wechselbad freiwillig unterzogen hat. Allerdings ging es mir bei der Verarbeitung der Literatur und meiner Beispiele so, dass, je intensiver ich mich damit beschäftigte, sich umso mehr neue, interessante und mich verblüffende Türen und Türchen öffneten. Sie machten mich nur noch neugieriger. Über Humor nachzudenken und in Worte zu fassen ist bezirzend und ließ mich die Zeit und Umgebung vergessen. Ihn im Alltag anzuwenden, da fehlt mir manchmal noch die Leichtigkeit und der rasche Perspektivenwechsel. Sich dabei selbst und seine Ausführungen nicht zu ernst zu nehmen ist eine Kunst, die auch ich noch weiter üben muss. Kein Buch ist fertig, wenn es vorliegt. Dies gilt auch für den Humor: Er ist zeitlos und augenblicksbedingt. Man möchte schwärmen: »Verweile doch, du bist so köstlich!«
Sehr herzlich darf ich mich schließlich beim Lektorat Schattauer/Verlag Klett-Cotta für die Geduld mit mir und dem Verständnis der nicht vorgesehenen Ausdehnung meines Beitrags bedanken, insbesondere bei Herrn Dr. Wulf Bertram und bei Frau Dr. Nadja Urbani, die mich nie im Stich gelassen haben und verständnisvoll auf meine Wünsche eingegangen sind. Herrn Volker Drüke gilt mein Dank für sein sehr sorgfältiges Lektorat und seine Ausdauer. Froh bin ich, dass ich Herrn Dietmar Bertram für die tollen Zeichnungen zur Auflockerung des Textes gewinnen konnte. Letztlich gilt allen Personen mein Dank, mit denen ich humorvolle Situationen in den unterschiedlichsten Lebenslagen erleben konnte. Diese Beispiele verdeutlichen am besten, was Humor bewirken kann. Ihn kann man halt nicht nur erlesen. Man muss ihn wagen und erleben: Ein bisschen geht immer!
Bonn im Frühjahr 2019
Rolf Dieter Hirsch
Der Begriff »Humor« wird im Alltag für vieles benutzt, was mit Witz, Komik, Lachen, Spaß, Heiterkeit, Ironie, Spott und Clownerie zu tun hat. Auch Klamauk, Blödelei und Satire werden diesem Begriff manchmal zugeordnet. Sehr hilfreich, um sich in diesem Begriffswirrwarr zurechtzufinden, ist das bekannte Schema von Schmidt-Hidding (1963, S. 48; ▶ Abb. 1-1).
Abb. 1-1 Schlüsselwörter zum Humor und ihre Beziehung (mod. nach Schmidt-Hidding 1963)
Bekanntlich hat man »ihn«, den »Humor«. Die meisten legen darauf Wert. Auch in Kontaktanzeigen wird als eine wichtige Eigenschaft »humorvoll« genannt. Als beleidigend wird empfunden, wenn man zu einem sagt, er hätte keinen Humor. Obwohl es auch frustrierend und wenig humorvoll ist, zu versuchen, zu definieren, was Humor ist, so möchte ich das doch versuchen und auch auf die »Verwandten« des Humors kurz eingehen, um dem Begriff näher zu kommen. Goetz (2010, S. 9) meint:
Es war immer schon eine der ernstesten Fragen, was Humor eigentlich ist.
Da sich Phänomene nicht so einfach beschreiben und definieren lassen (wie etwa ein Gegenstand, z. B. ein Stuhl), ist es nicht verwunderlich, dass es eine Vielzahl von Definitionen gibt, die verdeutlichen sollen, was Humor ist. Alle versuchen, die »Wolke Humor« zu lichten. Es dürfte zumindest »Kernbereiche« geben, die in den meisten Definitionen in unterschiedlicher Weise wiederzufinden sind. Für den Praktiker mag dies nebensächlich scheinen. Er mag sich eher lustig über Theoretiker und Wissenschaftler machen, die aus allem ein Problem machen müssen. Man braucht doch nur die Betroffenen zu fragen. Wenn man aber den Sinn für Humor fördern, ihn als Therapeutikum oder »Lebensmittel« gezielt einsetzen und dann noch etwas über deren Effizienz wissen will, ist schon eine diesbezügliche Grundlage notwendig: eine Definition.
Es ist durchaus hilfreich, zumindest eine Arbeitsdefinition zu beschreiben, um Humor nicht der Beliebigkeit und damit auch der Fehlinterpretation auszusetzen. Ein Beispiel:
In einer Runde schüttet sich jemand aus Ungeschicklichkeit Rotwein auf das weiße Hemd. Die Umstehenden lachen und witzeln. Die betroffene Person wird rot und ist beschämt. Sie kann nicht lachen. Heiter-locker spöttelnd kommt einer aus der Runde auf sie zu und meint: »Du hast wohl keinen Sinn für Humor.«
Aus einem kleinen Missgeschick kann so eine Kränkung werden. Man wird an die Redensart erinnert: »Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.«
Peter Sloterdijk (1983, S. 556) meint:
Erst wo der Witz nach innen geht und das eigene Bewusstsein, zwar aus der Höhe, doch nicht allzu ungnädig, sich über sich selbst beugt, dort entsteht eine Heiterkeit, die kein zynisches Gelächter und kein zynisches Lächeln an den Tag bringt, sondern einen kampflos gewordenen Humor.
Meine Zugangsweise ist nach der Darstellung des Lachens (als ein häufig sichtbares Zeichen von Humor), auf die Bereiche Komik, Witz, Humor und auf deren gute und böse Verwandte einzugehen. Verdeutlicht werden soll die Vielfalt dessen, was mit Humor verbunden wird. Es lohnt sich, in dieses Begriffsgeflecht etwas Ordnung zu bringen, um dann den Fokus im Weiteren auf den heiteren und fröhlichen sowie kreativen Humor zu legen. Er kann unser Leben inhaltsreicher sowie heiterer und entspannter in vielen Lebenssituationen gestalten.
Wir lachen aus vielerlei Gründen, manchmal auch ohne Grund, insbesondere Kinder. Leicht werden wir angesteckt, wenn jemand lacht. Erzählt jemand einen Witz, dann lachen wir manchmal, weil alle lachen oder der Chef lacht, oder man so tut, als hätte man den Witz verstanden.
Der Chef erzählt einen Witz. Alle lachen. Nur einer nicht. Als er gefragt wird, warum er nicht mitlacht, meint er: »Ich brauche das nicht mehr. Ich habe gekündigt.«
Ist Lachen ein Zeichen von Fröhlichkeit, Heiterkeit und positiver Stimmung? Lachen wir, weil wir fröhlich sind, oder sind wir fröhlich, weil wir lachen? Ist Lachen und Lächeln ein Zeichen von »Humor«? Namhafte Sprachwissenschaftler, Schriftsteller, Philosophen, Physiologen, Verhaltensforscher, Psychologen und Psychotherapeuten haben sich bemüht, dies herauszufinden. Regt Folgendes zum Lachen an?
Kommt ein Skelett zum Arzt. Der sieht auf und meint: »Sie kommen aber spät.« – Im Restaurant kippt jemand aus Ungeschicklichkeit ein volles Glas Rotwein um. – Das einzig Positive in seinem Leben war der Aids-Test.
Lachen ist eine der ältesten menschlichen Kommunikationsformen. Ursprünglich diente es als Drohgebärde, da es aus dem Zähnefletschen entstanden ist. Wenn man seine Zähne zeigt, dann heißt das so viel wie »Ich bin stark und ein gleichberechtigter Partner«. Nicht umsonst meint Werner Finck (Harenberg 2001, S. 1416): »Lächeln ist die beste Art, den Leuten die Zähne zu zeigen.« Wer (heiter) lacht, kann nicht gleichzeitig aggressiv sein. Menschen verbindet ein gegenseitiges Anlachen oder -lächeln.
Abb. 1-2 Miteinander lachen
Es heißt, dass die kürzeste Verbindung zwischen Menschen ein Lächeln ist. So können Lächeln und Lachen auch das Gemeinschaftsgefühl(1) in einer Gruppe fördern, die Gruppenkommunikation verbessern, bestätigen und Übereinstimmung schaffen. Lachen ist eine soziale Geste mit unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten. Wenn uns jemand anlächelt, lächeln wir meist zurück. Spannungen und Aggressionen können dadurch verhindert werden. Ein amerikanisches Sprichwort gibt zu bedenken: »Lache, und die Welt lacht mit dir, weine, und du weinst allein.« Man kann auch nicht einfach beschließen, zu lachen. »Man muss lachen. Das Lachen bricht aus – oder ein« (Jurzik 1985, S. 14). Lachen ist meist unwillkürlich sowie unfreiwillig und kann nur mit Mühe unterdrückt werden, wenn z. B. die Situation unpassend ist.
Interessant ist das Experiment von Paul Ekman (vgl. Uber und Steiner 2006, S. 21): Er stellte eine Gruppe von Männern und Frauen in einer Distanz von 100 Metern auf. Eine Gruppe sollte eine Reihe von Emotionen mimen (Weinen, Lächeln und Lachen, grimmiger Blick, Zähne fletschen). Die andere Gruppe sollte bestimmen, welche Emotionen gezeigt wurden. Dies war in dieser Entfernung nicht möglich. So sollten sie schrittweise aufeinander zugehen. Dieser Vorgang wurde mehrmals wiederholt, um eindeutige Aussagen machen zu können. Bereits bei 90 Metern erkannte die Gruppe, dass ihr Gegenüber lachte. Andere Regungen wurden nicht erkannt. Ekman folgerte, dass keine andere Emotion aus so großer Distanz zu erkennen war wie das Lachen.
Lachen und Lächeln sind ein universelles menschliches Phänomen und sind in allen Kulturen anzutreffen. Sie sind eng verwandte spezifische Verhaltensphänomene, die zu physiologischen und emotionalen Reaktionen führen sowie meist in einer zwischenmenschlichen Beziehung geschehen. Vielfältig sind die Gründe, warum wir lachen. Wir tun dies z. B., wenn
eine Situation komisch ist,
eine Anekdote oder ein Witz erzählt wird oder wenn wir sie lesen,
um eine Beschämung oder Kränkung zu vertuschen,
wenn wir jemanden grüßen, uns verabschieden, flirten oder schwatzen,
wenn wir Glück und Freude empfinden, aber auch bei Schmerz, Hilflosigkeit oder Erstaunen,
wenn wir erfolgreich/siegreich waren (»Siegerposition«),
reflexartig, wenn jemand anders lacht (ansteckend),
um uns zu entlasten und Spannungen abzubauen,
wenn ein anderer einen kitzelt.
Auch nach Auflösung eines Missgeschicks lachen wir. Und Kinder können auch ohne Grund lachen (»Wer grundlos lacht, lacht am besten«; Kishon, vgl. Harenberg 2001). Man schätzt, dass ca. 80 % unseres Lachens wenig mit Humor zu tun hat.
Kant (1790/2001, S. 228 ff.) schreibt treffend:
Es muss in allem, was ein lebhaftes, erschütterndes Lachen erregen soll, etwas Widersinniges sein, woran der Verstand an sich kein Wohlgefallen finden kann. Das Lachen ist ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts.
Beim Lachen ist, vereinfacht ausgedrückt, der ganze Körper einbezogen (Schütteln vor Lachen), beim Lächeln nur der Kopf. Lachen wird meist als »eine unwillkürliche Körperreaktion auf eine als angenehm empfundene Emotion« definiert (Rubinstein 1985). Physiologisch sind beim Lachen muskuläre Veränderungen feststellbar (insbesondere an Muskeln, die für die Respiration, Vokalisation, Bewegungen des Kopfes, Rumpfes und der Extremitäten zuständig sind), auch Veränderungen der kardiovaskulären Aktivität (Herzfrequenz, Blutdruck, peripheres Blutvolumen), der Atmung, Vokalisation, Pupillendilatation, exokrinen Sekretion, elektrokortikalen Aktivität und der endokrinen Sekretion (sympathiko-adrenales System(1) und immunologische Reaktionen(1)) (vgl. Ruch 1990). Gerade in den letzten Jahren wurden Untersuchungen bekannt, die belegen sollen, dass eine vermehrte Ausschüttung von Katecholaminen oder Endorphinen während des Lachens auftritt. Beschrieben wird auch ein Zusammenhang mit IgA-Veränderungen. Berk (1989, 2001) konnte experimentell darstellen, dass sich beim intensiven Lachen signifikante neuroendokrinologische Veränderungen ergeben (z. B. Ansteigen von T-Lymphozyten, Erhöhung der Aktivität und Anzahl natürlicher Killer-Zellen sowie Vermehrung der Immunglobulin-A-Antikörper). Zur Erhärtung dieser Ergebnisse sind sicherlich noch weitere Belege erforderlich, doch man kann derzeit davon ausgehen, dass eine Beschäftigung mit dem Lachen keineswegs »lächerlich« ist.
Die meisten Autoren unterscheiden zwischen Lachen und Lächeln. Lachen ist ein ungehemmter körperlicher Ausbruch und signalisiert eine momentane Befreiung von körperlichen, psychischen und sozialen Hemmungen (Neuberger 1988). Das körpernahe unzensierte und unkontrollierte Lachen steht einem eher kontrollierten situativ dosierten Lächeln gegenüber. Rittner (1986, S. 322) bezeichnet das Lächeln »als mimischen Stoßdämpfer« und eine »erfolgreich platzierte Lockerung«. Es enthalte die nötigen »Grade der Vieldeutigkeit« und verhülle die Gefühlsverfassung (»keep smiling«).
Ekman (2010, S. 283) weist darauf hin, dass es Signale in der Stimme (Art und Melodie, Tonlage) und nicht so sehr in der Mimik sind, durch die sich eine positive Emotion von der anderen unterscheidet. Auch die Art der Gestik (Augen, Gesicht, Hände, Arme, Schultern, Körperhaltung etc.) unterstützt die Unterscheidung, ob wirklich freudvoll, heiter oder fröhlich gelacht wird. Deutlich ist, dass die Formen der nonverbalen Kommunikation beim Lachen erheblich entscheidender sind als die Vokalisation (hohoho-hihihi-hahaha). So schreibt Ritter (1989, S. 66):
Das Lachen ist dünn, breit, laut, leise, kichernd, verhalten, frostig, stoßweise, offen, grell, schrill, sanft, warm, still, kalt, schneidend, gemein, müde, ausgelassen, spöttisch, traurig, unheimlich, gemütlich usw. Seine Skala reicht vom schallend ausbrechenden Gelächter bis zum stillen, nach innen gewendeten Lächeln.
Lachen oder Lächeln kann, muss aber nicht sichtbarer Ausdruck von Humor sein. Echtes freudiges (humorvolles) Lächeln (Duchenne-Lächeln(1)) lässt sich von allen anderen Arten des Lächelns unterscheiden. Es zeigt sich im Gesicht durch das Zusammenspiel vom Musculus zygomaticus major und dem Musculus orbicularis oculi. Duchenne schrieb im Jahr 1862 (zit. nach Ekman 2010, S. 285): »Ersterer gehorcht dem Willen, der zweite aber wird allein durch die süßen Emotionen der Seele ins Spiel gebracht; (. . .) falsche Freude und vorgetäuschtes Lachen können die Kontraktion des Letzteren nicht bewirken. (. . .) Seine Unbeweglichkeit bei einem Lächeln entlarvt den falschen Freund.« Ekman (2010) hat diese Beobachtungen durch seine vielfältigen Untersuchungen bestätigt. Ein genau beobachtetes Lächeln (Zeichen: Fältchen unter den Augen, »Krähenfüße«) sagt uns zweifelsfrei, wenn auch in verdeckter Form, ob es genuiner Freude entspringt oder nicht. Chaplin meint nicht ohne Grund: »Ein Tag, an dem du nicht gelächelt hast, ist ein verlorener Tag.«
Für Koestler (1993, S. 133) ist Lachen die »unwillkürliche Kontraktion von 15 Gesichtsmuskeln, die mit gewissen, nicht zu unterdrückenden Geräuschen einhergeht«, »ohne praktischen Sinn«. Das Lachen sei »insofern ein einzigartiger Reflex, als er keinen augenscheinlichen biologischen Nutzen« habe. »Sein einziger Sinn scheint darin zu bestehen, dass er uns vorübergehend vom Stress zielgerichteter Tätigkeiten erlöst.«
Sehr groß ist die Variationsbreite der Arten, wie und warum man lacht. So schreibt Hobbes (1642/1959, S. 33), ein Vertreter der Überlegenheitstheorie:
Bei plötzlicher Freude über ein Wort, eine Tat, einen Gedanken, die das eigene Ansehen erhöhen, das Fremde mindern, werden außerdem die Lebensgeister emporgetrieben, und dies ist die Empfindung des Lachens. (. . .) Allgemein ist das Lachen das plötzliche Gefühl der eigenen Überlegenheit angesichts fremder Fehler. Hierbei ist die Plötzlichkeit wohl erforderlich (. . .). Zur Entstehung des Lachens ist wohl dreierlei erforderlich: dass überhaupt ein Fehler empfunden wird, dieser ein fremder ist und die Empfindung plötzlich eintritt.
Unterscheiden kann man (Hirsch 2001; Neuberger 1988) folgende Formen:
aggressives, obszönes, zynisches, skeptisches Lachen;
ironisches, blasiertes, verlegenes, verzweifeltes Lachen;
rätselhaftes, listiges, sardonisches, gemeines Lachen;
gelangweiltes, verklemmtes, höfliches Lachen;
schallendes, hemmungsloses, impulsives, spontanes Lachen;
entwaffnendes, befreiendes, fröhliches Lachen.
Kontrovers wird der Zusammenhang zwischen Emotion(1) und Gesichtsausdruck diskutiert (Bänninger-Huber 1996). So wird angenommen, dass mimische Verhaltensweisen primär Ausdruck eines inneren affektiven Zustandes sind, also Affektausdruck im engeren Sinne. Dagegen steht die Hypothese, dass mimisches Verhalten vor allem dazu dient, soziale Interaktionen zu regulieren. Da es bewusst eingesetzt werden kann, hätte es weniger mit »echten« Emotionen zu tun. Mimische Verhaltensweisen können als eine Art Schnittstelle zwischen intrapsychischen und interaktiven Regulierungsprozessen aufgefasst werden (ebd.): Sie sind nicht nur Ausdruck eines inneren Zustandes, sondern weisen gleichzeitig eine interaktive Bedeutung auf. Über die expressiv-kommunikative Komponente emotionaler Prozesse wird einem Interaktionspartner signalisiert, was im Sender vorgeht, welches Verhalten von ihm gewünscht und welches eigene Verhalten folgen wird.
Auch Lächeln induziert einen inneren Zustand (z. B. »Ich freue mich«), als interaktives Signal werden verschiedene Botschaften auf der Beziehungsebene gesendet (z. B. »Ich freue mich, dich zu sehen«) und entsprechende Handlungsbereitschaften kommuniziert (»Das, was du erzählst, gefällt mir, ich höre gerne weiter zu«). Ein Lächeln kann also in einer aktuellen Interaktionssituation mehrere Bedeutungen gleichzeitig haben. Welche dieser Botschaften vom Empfänger entschlüsselt wird, ist von seinem aktuellen affektiven Zustand, von der Art der bestehenden Beziehung und der jeweiligen Situation abhängig. So kann ich in gelöster Stimmung ein Lächeln als freundliches Beziehungsangebot interpretieren und selbst mit einem freundlichen Lächeln reagieren. Bin ich selbst unsicher, so kann ich das gleiche Lächeln als ein Belächeln verstehen und meinerseits ein Lächeln vermeiden. »Wer sich selbst nicht gar so ernst nimmt, hat oft Grund zum Lachen«, heißt es bei Wolf und Hörtenhuber (o. J.).
Lachen kann auch eine Waffe sein, die manchen verunsichert und deshalb bekämpft wird. Lorenz (1993, S. 256) schreibt, dass »das Lachen eine grausame Waffe« sei, eine Waffe, »die bösen Schaden anstiften kann, wenn sie unverdientermaßen einen Wehrlosen trifft; ein Kind auszulachen ist ein Verbrechen«. Beispielhaft beschrieben werden die Angst und die mörderische Umgangsweise mit dem Lachen im Roman »Der Name der Rose« (Eco 2016): Es geschehen Morde, um eine philosophische Abhandlung über das Lachen nicht publik werden zu lassen. Dieses Buch scheint sehr gefährlich zu sein.
Abb. 1-3 Aggressives Lachen
Das Lachen ist die Schwäche, die Hinfälligkeit und Verderbtheit unseres Fleisches. (. . .) Hier wird das Lachen zum Thema der Philosophie gemacht, zum Gegenstand einer perfiden Theologie. (. . .) Das Lachen befreit den Bauern vor seiner Angst vor dem Teufel. (. . .) Gewiss ist das Lachen dem Menschen eigentümlich, es ist ein Zeichen unserer Beschränktheit als Sünder. Aus diesem Buch aber könnten verderbte Köpfe wie deiner [sagt Jorge zu William] den äußersten Schluss ziehen, dass im Lachen die höchste Vollendung des Menschen liege! (ebd., S. 621 f.)
Und dass dies nicht sein kann, weil es nicht sein darf und gefährlich ist, wissen wir! Auffallend ist, dass in Staaten, in welchen ein diktatorisches System herrscht, das Lachen zu unterbinden versucht wird. Auch wird Lachen in manchen Organisationen und Institutionen, die hierarchisch geführt und obrigkeitshörig ausgerichtet sind, nicht geduldet. Die Angst, ver- oder ausgelacht und dadurch nicht mehr ernst genommen zu werden oder einen Machtverlust zu erleiden, ist zu groß, um Lachen positiv aufgreifen und kommunikationsfördernd schätzen zu können. Die Waffe der Untergebenen gegen diese Systeme zeigt sich in Form von Witzen – »Flüsterwitze«, die gerade dann aufblühen und hinter verborgener Hand kursieren.
Weiß-Ferdl hat von Hitler ein Bild mit eigenhändiger Unterschrift bekommen. »Das ist mein Freund, der Hitler«, sagt er. »Jetzt weiß ich nur net, soll ich ihn aufhängen oder an die Wand stellen?«
Eine feine Dame findet keinen Platz in der Straßenbahn. Weit und breit kein Kavalier, der aufstehen würde. Nur ein kleines, bescheidenes jüdisches Mädchen bietet seinen Platz an. Aber die Dame wehrt sich entsetzt gegen den »jüdischen« Sitzplatz. Da erhebt sich bedächtig ein älterer Herr mit dem Hinweis, dass es sich dabei um einen rein »arischen« Platz handele.
Ein Mitarbeiter hat auf seinem Schreibtisch ein Schild, auf dem steht: »Gott erhalte unseren Chef«. Seine Kollegen finden das übertrieben. Als der Chef eines Tages stirbt, meinte der Mitarbeiter zu seinen Kollegen: »Jetzt hat er ihn erhalten!«
Liedloff (1998, S. 28) berichtet in ihrem Buch »Auf der Suche nach dem verlorenen Glück« über im Dschungel Venezuelas lebende Yequana-Indianer. Ihr Verhalten bei schwerer Arbeit – z. B. beim Tragen eines schweren Kanus über unwegsames Gelände – ist auffällig:
Sie lachten über die Schwerfälligkeit des Kanus und machten ein Spiel aus dem Kampf, sie entspannten sich zwischen den Stößen, lachten über die eigenen Kratzer und waren besonders erheitert, wenn das Kanu beim Vorwärtsschwenken mal den einen, mal den anderen unter sich festnagelte. Der Betroffene, mit nacktem Rücken gegen den sengenden Granit gepresst, lachte aus Freude über seine Befreiung unweigerlich am lautesten, sobald er wieder atmen konnte.
Es gibt offenbar auch ein pathologisches Lachen. Darunter versteht man »ein unwillkürliches Lachen, das ohne adäquate Auslösung oder entsprechenden Erlebnishintergrund impulsiv beginnt und unvermittelt endet (anfallsartiges Lachen, manchmal Zwangslachen)« (Göbel und Bräunig 1998, S. 93). Es stellt eine Entkoppelung des mimischen Verhaltens von der affektiven Stimmungslage dar und taucht bei manchen neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen auf, z. B. bei Multipler Sklerose, Pseudobulbärparalyse, degenerativen Erkrankungen des ZNS, Intoxikationen, ischämischen Läsionen und Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis. Selten tritt das »Lachen epileptische Natur« (Müller und Müller 1980, S. 85) auf: plötzlich, unerwartet, motivlos, unpassend sowie in sehr variabler Weise (kichernd, schallend, wiehernd etc. und ca. 1–2 Minuten andauernd). Es kann plötzlich in Weinen übergehen und am Anfang oder am Ende fast jeder Anfallsform stehen. Lautes Lachen kann ein hysterisches Symptom sein, pathologisches Lachen wird als Enthemmungsphänomen motorischer Synergismen (Kratz und Wallesch 2001) betrachtet. Die »erschreckende Heiterkeit« kann ein Symptom einer akuten Manie (Kröber 1991) sein.
Vieles im Leben bezeichnen wir als komisch. In der Philosophie unterscheidet man zwischen dem Komischen und der Komik. Das Komische ist eine »ästhetische Kategorie, die den Widerspruch von Ideal und Wirklichkeit sowie den von Schein und Sein wertet und sinnfällig macht (Träge, zit. nach López 2006). Komik dagegen ist »die reale Erscheinungsform der ästhetischen Kategorie des Komischen« (López 2006, S. 91). Im Alltags-Sprachgebrauch werden diese Unterschiede eher vernachlässigt. Was man komisch findet, wird der Komik zugerechnet.
Nicht alles, was der eine als komisch empfindet, findet auch für der andere komisch. Dies ist zudem kulturspezifisch unterschiedlich. Letztlich kann alles komisch sein, wenn irgendetwas nicht dem Stil, der Regel, der Situation, der Kommunikation, der Musik, der Kunst, dem Tanz, der Kleidung oder dem Benehmen so entspricht, wie wir das gelernt haben, gewohnt sind oder erwarten. Der Stoff der Komik ist grenzenlos (Gernhardt 2001, S. 544). Es dürfte kaum eine Situation geben, in der die Komik nicht zumindest ein Teilaspekt ist, auch wenn wir ihn oft nicht erkennen und wahrnehmen können oder abwehren. Selbst in schrecklichsten Situationen oder Schicksalsschlägen steckt immer noch etwas Komisches. Wem gelingt, dies zu erkennen, kann sogar überleben.
Ivanji (2000, S. 74) schreibt in ihrer Schilderung des KZ-Lebens aus Sicht eines Kindes, »dass man auch in den schrecklichsten Dingen immer etwas Komisches finden müsse. Irgendetwas war immer komisch.« Bausinger (1992, S. 22) weist darauf hin, dass Komik »immer ans Desperate« grenzt, »es ist oft die einzige Möglichkeit, das Negative ins Positive hinüberzuschmuggeln; der Lachende spielt eine Null und gewinnt«. Karl Valentin, dem berühmtesten bayerischen Komiker (2009, S. 76), kann man zustimmen, wenn er sagt: »Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische.«
Einige Beispiele zur Komik:
Pirandello (1986, S. 161) beschreibt »eine alte Dame mit gefärbtem Haar, das auch noch vollständig mit einer unbestimmbaren schrecklichen Pomade eingefettet ist; sie hat ihr Gesicht lächerlich zurechtgeschminkt, und dann trägt sie auch noch jugendliche Kleidung«. – Sie wirkt auf uns komisch. Wir erwarten eine wohlsituiert gekleidete alte Dame und sehen genau das Gegenteil.
Ein Sohn klagt gegenüber seiner Mutter: »Die Suppe schmeckt aber komisch.« Die Mutter blickt ihn an, lächelt und meint: »Warum lachst Du dann nicht?«
Auf der Straße geht ein Clown hinter einer vorübergehenden Person her und macht exakt dieselben Bewegungen wie sie.
Komisch finden wir Gegenstände, die anders sind, als sie sein sollten und wir erwarten (z. B. Brille ohne Gläser, Telefon ohne Tastatur, Tür ohne Griff): »Aber auf irgendeine Weise wurde mir klar, dass all diesen Leuten, die auf den umgestülpten sogenannten Betten saßen und mit schmutzigen Fetzen bedeckt waren, die Situation komisch erschien« (Ivanji 2000, S. 43). Alles Schreckliche »automatisch komisch zu finden« ist eine existenzielle Überlebensstrategie.
Komik ist immer da, wo etwas Andersartiges, Fremdwirkendes, Bizarres, Amoralisches, Anormales oder Irreguläres unweigerlich zum Lächeln oder Lachen führt. Koestler (1966, S. 78) fasst es prägnant zusammen: »Es gibt, scheint mir, drei Hauptkriterien für die sachgerechte Methode des Komischen: Originalität, Emphase und Sparsamkeit.« Da bei allen Reizen, die zum Lachen oder Erheiterung führen können, »irgendetwas Komisches« dabei ist, sollen folgende Beschreibungen und Definitionen die Spannweite aufzeigen, was unter Komik verstanden wird.
Eine der ältesten Komik-Definitionen stammt von Aristoteles (1982, S. 16): »Komisch ist irgendeine Abscheulichkeit oder ein Mangel, der weder peinlich noch zerstörerisch ist.« Dies beinhaltet die Grundbausteine aller Theorien des Komischen:
komische Fehler,
Komik und Lachen,
Harmlosigkeit und Abwertung dessen, was als komisch empfunden wird.
Freud (1905c) wagt sich »nur mit Bangen« an das Problem des Komischen. Er schreibt (S. 215): »Das Komische ergibt sich zunächst als ein unbeabsichtigter Fund aus den sozialen Beziehungen der Menschen.« Freud spricht von einem sehr ausgedehnten Ursprungsgebiet und beschreibt vielfältige Möglichkeiten, die zur Komik (z. B. Bewegungen, Handlungen, Charakterzüge, Situationskomik(1)) führen können, sowie Mittel (Verkleidung, Karikatur, Parodie usw.). Es erscheint uns derjenige komisch, schreibt Freud (S. 223), »der für seine körperlichen Leistungen zu viel und für seine seelischen Aufwendungen zu wenig Aufwand im Vergleich mit uns treibt, und es ist nicht abzuweisen, dass unser Lachen in diesen beiden Fällen der Ausdruck der lustvollempfundenen Überlegenheit ist, die wir uns ihm gegenüber zusprechen«. An einer anderen Stelle (S. 248) lesen wir:
Das Komische beruht auf einem Vorstellungskontrast; ja insofern der Kontrast komisch und nicht anders wirkt. Das Gefühl der Komik rührt vom Zergehen einer Erwartung her; ja, wenn diese nicht gerade peinlich ist.
Freud (S. 249) macht auch darauf aufmerksam, dass eine allgemein heitere Stimmung, in welcher man »zum Lachen aufgelegt« ist, und die Erwartung des Komischen, »die Einstellung auf die komische Lust«, günstige Bedingungen für die Entstehung der komischen Lust sind.
Bergson (2011, S. 39) kommt zu folgendem Schluss:
Irgendetwas Angriffiges (und zwar spezifisch Angriffiges) muss in der Ursache der Komik stecken, gewissermaßen der Ansatz zu einem Attentat auf das soziale Leben, wie anders ließe sich erklären, dass die Gesellschaft mit einer Geste antwortet, die mir ganz nach einer Abwehrreaktion aussieht – einer Geste, die ein wenig beängstigt?
Komik ist nach Bergson (S. 14 ff.) etwas Menschliches, das sich an die Intelligenz im Menschen richtet, die sich ihrerseits allerdings an andere Intelligenzen wendet, d. h. ein Echo braucht. Hinzu kommt, dass die Komik auch eine soziale Aufgabe hat: die Menschen zusammenzubringen.
Ritter (1989, S. 78 ff.) verdeutlicht, dass der Stoff des Komischen »zu allen Zeiten, zumal in primitiven Lebensgeschichten, von einer ungewöhnlichen Konstanz«, aber »außerordentlich beschränkt und schmal ist. Weil für sie die den Menschen je bestimmende Lebensordnung entscheidend ist, darum muss das Komische mit der Verschiedenheit der Epochen, der Völker, der sozialen Schichten, der landschaftlichen und individuellen Lebenseigentümlichkeiten variierend mitgehen«. Der komische Gehalt ist daran gebunden, »dass die Ordnung, aus der und mit der der Stoff zum Lächerlichen wird, lebensmäßig wirksam ist« (S. 79).
Wirth (1999, S. 5) meint, dass dem Begriff des Komischen »die Konnotation des Sonderbaren, Überraschenden, Ungewohnten und insofern Unnormalen« anhaftet und Komik heute etwas Belustigendes, welches zugleich sonderbar und eigentümlich erscheint, meint.
Plessner (2003, S. 293) schreibt: »Jede Form, die den Gehalt unterdrückt, jeder Buchstabe, der den Geist schikanieren will, jede Funktion des Lebens, die das Leben tyrannisiert oder zu tyrannisieren scheint, werden komisch.« An einer anderen Stelle (S. 299) bemerkt er, dass das Komische »kein Sozialprodukt und das Lachen, das ihm antwortet, kein Warnungssignal, keine Strafe (zu der es in der Gesellschaft werden kann), sondern eine elementare Reaktion gegen das Bedrängende des komischen Konflikts« ist. Exzentrisch zur Umwelt, im Durchblick auf eine Welt steht der Mensch zwischen Ernst und Unernst, Sinn und Sinnlosigkeit und damit vor der Möglichkeit ihrer unauflösbaren, mehrdeutigen, gegenseitigen Verbindung, mit der er nicht fertig werden kann, von der er sich ablösen muss und die ihn doch zugleich an sich bindet«.
Berger (1998) schreibt, dass das Komische als Inkongruenz »von seinen schlichtesten bis zu den komplexesten Verkörperungen« (S. XI) wahrgenommen wird. »Es beschwört das Komische eine eigene Welt herauf, die sich von der Welt der gewöhnlichen Realität unterscheidet und anderen Regeln folgt.« An einer anderen Stelle (S. 43) schreibt er, dass »die Erfahrung des Komischen die Wahrnehmung von etwas objektiv ›dort draußen‹ in der Welt Vorhandenem ist und nicht einfach eine subjektive Erfahrung (obwohl auch dies), die von geschichtlicher und soziologischer Relativität geprägt ist«.
Es ist der Widerspruch zwischen Ordnung und Unordnung und insofern zwischen dem Menschen, der stets nach Ordnung sucht, und den unordentlichen Realitäten der empirischen Welt. (. . .) Der Mensch befindet sich in einem Zustand des komischen Widerspruchs zur Ordnung des Universums.
Interessant ist noch seine Feststellung (S. 45):
Das Komische lehrt, dass alles, was man im gewöhnlichen Leben als selbstverständlich und eindeutig voraussetzt, tatsächlich diesen Charakter der Doppelbödigkeit hat. Aus diesem Grund ist das Komische immer potentiell gefährlich.
Nach Titze und Eschenröder gibt der Philosoph Groos eine präzise Definition von Komik: »es ist uns ein Objekt gegeben, welches wir erstens für etwas Verkehrtes (Widersprechendes, Widersinniges, Unlogisches) halten und darum zweitens mit einem Gefühl der Überlegenheit betrachten« (zit. nach Titze und Eschenröder 2003, S. 43 f.). Dabei dürften weder Furcht noch Mitleid in den Vordergrund treten, »weil sonst die erheiternde Wirkung notwendig ausbleiben muss«. Insbesondere soll die Ungeschicklichkeit zur heiteren Überlegenheit führen, wie Zerstreutheit, Nervosität, Verlegenheit, Angst, Vergesslichkeit, das Missverständnis, und jene »dauernde geistige Verkehrtheit, die sich in ›närrischen‹ Handlungen äußert« (ebd.).
Gernhardt (2001, S. 543) konstatiert:
Alle Komik entspringt einem gemeinsamen Bedürfnis, dem nach Veränderung, Verunstaltung, Negierung, Aufhebung der Realität, alle Komik hat ein einziges Ziel, das der vollständigen Überwältigung des Gegenüber –: All das kann man grundsätzlich bejahen oder ablehnen im Sinne von: das soll/darf sein oder das soll/darf nicht sein.
»Das weite Land des Komischen wird von einer Vielzahl von Phänomenen bewohnt, die alle irgendwie zum Lachen und Lächeln in Beziehung stehen« (Kirchmayr 2006, S. 181). Um die Vielfältigkeit des Wortfelds der Komik aufzuzeigen, kommt man unweigerlich auf Schmidt-Hiddings (1963, S. 48) sehr anschauliches Schema (Abb. 1-1). Deutlich wird, dass die Komik für die vier Wortfelder Witz(1), Humor, Spott(1) und Spaß(1) von Bedeutung ist, ebenso für die weiteren Unterbegriffe, auf die ich noch eingehen werde.
Als komisch empfunden werden können (nach Bergson 2011 bzw. Freud 1905c, S. 215 ff.):
Komische Physiognomie: »Komisch kann jede Verunstaltung werden, die ein wohlgestalteter Mensch nachzuahmen vermöchte« (Bergson 2011, S. 26), mechanisch wirkende Steifheit, Zerstreutheit
Maschinengewehr im Geigenkasten; Stab, der bei Bewegung unterschiedliche Geräusche macht; verzerrte Gesichter/Gestalten auf Fotos; Gegenstände, die anormal groß oder klein sind; Schwergewicht, welches sehr leicht ist; komische Kleidung
Beispielsweise Pantomime, übermäßig gesteigerte Ausdrucksbewegungen, Grimassen, andere mimische Übertreibungen, leidenschaftliche Bewegungen eines Dirigenten, »Ohrenwackeln« – »Komisch ist jede Anordnung von ineinandergreifenden Handlungen und Geschehnissen, die uns die Illusion von wirklichem Leben und zugleich den deutlichen Eindruck von mechanischer Einwirkung vermittelt« (Bergson 2011, S. 56), z. B. »Schachterl-Teufel(1)« (beim Öffnen einer Kiste oder einer Schachtel springt uns eine Figur entgegen).
Sich ungeschickt, übertrieben, überspitzt oder naiv anstellen
Verzerrung von Bewegungen einer Person oder Handlungsabläufen, Nachsprechen mit anderer Betonung oder Tonlage
Satzbau, Wortwahl: »Man erzielt einen komischen Effekt, wenn man vorgibt, einen Ausdruck im eigentlichen Sinn zu hören, während er im übertragenen Sinn getan wurde« (Bergson 2011, S. 84); Interferenz zweier Gedankensysteme
»Erhabene Personen oder deren Äußerungen durch niedrigere ersetzen« (Freud 1905c, S. 230)
»Würde des einzelnen Menschen herabsetzen, indem man sich auf seine allgemeinmenschliche Gebrechlichkeit, besonders aber auf die Abhängigkeit seiner seelischen Leistungen von körperlichen Bedürfnissen aufmerksam macht.« (ebd., S. 231)
Unsinn eines Witzes erscheint als komischer oder als barer Unsinn, z. B.: Drei Freunde heißen Achim, nur Egon, der heißt Herbert; »der Witz ist sozusagen der Beitrag zur Komik aus dem Bereich des Unbewussten« (ebd., S. 237).
»Komisch ist eine Person, die automatisch ihren Weg geht, ohne sich um den Kontakt mit anderen zu bemühen« (Bergson 2011, S. 98). Steifheit, Automatismus, Zerstreutheit und Ungeselligkeit greifen ineinander über, und aus diesem Gemisch setzt sich die Charakterkomik zusammen, z. B. »zerstreuter Professor«. Molière hat hierzu mit seinen Komödien hervorragende Beispiele gegeben, z. B. »Tartuffe«, »Der Geizige«, »Der Bürger als Edelmann«, »Der eingebildete Kranke« und »Der Menschenfeind«.
Komische Instrumente (z. B. Säge, Mini-Geige), abrupter Wechsel der Tonlage, der Schnelligkeit, Melodieverzerrung, sinnlose und komische Gesangtexte), Opera Buffa, Operetten u. a.
Überbetonung eines komischen Zuges oder Körperteils, Cartoons(1), Bildwitze, Comics(1), Graphik und Malerei (ergänzende Text- oder Zeichnungselemente auf bekannte Gemälde) oder Gemälde, die bewusst den komischen Aspekt einbeziehen. Zu unterscheiden ist dabei unfreiwillige und freiwillige bzw. gesuchte Komik (Ost 2007).
Um etwas komisch zu finden, bedeutet dies also, aufmerksam eine Person, dessen Sprech- (Inhalt und Form) und Handlungsweise sowie seine Gebärden und Bewegungen offen auf sich wirken zu lassen und dabei offen für mögliche Komik zu sein. Dies erfordert Achtsamkeit und Aufmerksamkeit gegenüber Dritten und eine innere Motivation, alles Einwirkende sowie die Gedanken und Einfälle hierzu »schrankenlos« zulassen zu können. Dies gilt auch für Situationen und Gegenstände. Einige Beispiele:
In einer Dorfschule ist der Schulrat angekündigt. Der Lehrer macht die Schulkinder darauf aufmerksam, dass sie den Schulrat immer mit »Sie« ansprechen sollen. Der Schulrat kommt in die Klasse und fragt einen Schüler: »Wie heißt das achte Gebot?« Antwort des Schülers: »Sie sollen nicht stehlen, Herr Schulrat.« (nach Puntsch 1990, S. 313)
Eine ältere Dame mit einer Demenz kommt mir im Altenheim entgegen. Sie hat eine Unterhose auf dem Kopf, ihren BH über den anderen Kleidungsstücken und macht einen vergnügten Eindruck.
Bei einer Veranstaltung stehen zum Abschluss alle Referenten vor den Teilnehmern. Sie sollen zum Abschluss gemeinsam einen kurzen vorgegebenen Absatz vorlesen. Alle sind jünger als ich. Sie setzen ihre Brille auf. Ich als einziger älterer Referent nehme meine Brille, die ich immer aufgesetzt habe, ab (ich kann so besser lesen). Die Teilnehmer reagierten darauf mit einem Heiterkeitsausbruch.
Karl Valentin, der »bayerische Sokrates«, dessen Statur schon als komisch beschrieben wird, hat bereits 1917 einen Vorschlag für eine »Neue Verkehrsordnung« im Münchner Stadtrat gemacht (Bachmaier und Faust 1996, S. 22 ff.). Als »Stadtkämmerer Wstlpnpf« wurde der Vorschlag als ganz neues und »aufsehenerregendes System« angekündigt. »Der Verkehr soll folgender[m]aßen eingeteilt werden: Täglich von 7–8 Uhr Personenautos, 8–9 Uhr Geschäftsautos, 9–10 Uhr Straßenbahnen«, in den folgenden Stunden Omnibusse, Feuerwehr, Radfahrer und Fußgänger. »Sollte diese stundenweise Einteilung nicht möglich s[e]in, wäre eine andere Lösung möglich.« Ausgeführt wird, dass die o. g. Unterteilung tage-, monats- oder jahres- oder jahrhundertweise möglich wäre.
Als eines Tages in meiner ersten Klinik die Parkplätze neu geordnet werden und für Ärzte keine Parkplätze mehr zur Verfügung gestellt werden sollten, übernahm ich den Vorschlag von Karl Valentin, münzte diesen für die Mitarbeiter (Pflegekräfte, Sozialarbeiter, Verwaltung, Küchenpersonal, Ärzte, Notarztwagen u. a.) um und schickte diesen in Filser-Manier an den »geschädtzen Bersonalrad«. Der Erfolg war durchschlagend: Es blieb alles beim Alten . . .
Es ist nicht überraschend, wenn ein so schillerndes »Produkt« wie der Witz (abgeleitet von uuizzi, wizzi, witze) eine wechselvolle Wortgeschichte hat (Neuberger 1988). Bezeichnete er früher die Summe des Erlernten und Erfahrenen, Weisheit, Klugheit sowie menschliches Denken überhaupt, so versteht man heute darunter eher eine »prägnant formulierte kurze Geschichte mit einer unerwarteten Wendung, einem überraschenden Effekt, einer Pointe, die am Ende zum Lachen reizt« (Duden online). Gleichzeitig versteht man unter Witz – seine Verwandtschaft mit dem Wort »Wissen« ist nicht zu übersehen – die Eigenschaft, sich geistreich, witzig auszudrücken. Witze sind sehr unterschiedlicher Natur. Sie sind die »komische Kleinstform des mündlichen oder schriftlichen Erzählens« (Ueding 2009, S. 1396). Zahlreiche Witzebücher verdeutlichen, wie groß die Witze-Spannbreite ist. Sie reicht von platten bis zu geistreichen. Nur ein geringerer Teil von ihnen hat mit Humor zu tun. Der größere Teil hat ihren Ursprung und ihre Auswirkung in den »Verwandten des Humors«.
Beispiele für Witze:
Eine ältere Dame weiß sich nicht mehr zu helfen und geht zum Psychiater. Ohne Umschweife erzählt sie von ihren Ängsten: »Immer wenn ich abends zu Bett gehe, muss ich mich auf den Boden legen und nachsehen, ob unter dem Bett kein Mann liegt. Was soll ich bloß tun?« Der Psychiater rät: »Das ist ganz einfach. Sägen Sie doch die Füße des Bettes ab.«
Ein Arzt wird zu einem Sterbenden gerufen. Dessen Ehefrau empfängt ihn mit den Worten: »Herr Doktor, mein Mann ist eben verstorben. Sie kommen umsonst«, worauf der Arzt trocken antwortet: »Umsonst nicht, höchstens vergeblich.«
Zwei Manta-Fahrer treffen sich. Sagt der eine: »Du, ich habe mir einen neuen Duden gekauft.« »Schon eingebaut?«, fragt der andere.
Den angeblich lustigsten Witz der Welt hat der Psychologie-Professor Richard Wiseman (2008) von der University of Hertfordshire (Großbritannien) in einer Studie ermittelt. Er sammelte mehr als 40 000 Witze, die von mehr als 350 000 Menschen aus 70 Ländern bewertet worden waren. Die Nummer 1, die von 55 % der Teilnehmer als lustig eingestuft worden war, geht so (ebd., S. 33):
Zwei Jäger sind im Wald auf der Jagd. Plötzlich bricht einer von ihnen zusammen. Er scheint nicht mehr zu atmen, und seine Augen glänzen. In Panik wählt der andere mit seinem Handy den Notruf und stottert aufgeregt: »Ich glaube, mein Freund ist tot. Was soll ich denn jetzt bloß machen?« Sagt die Stimme vom Notruf: »Nun beruhigen Sie sich erst einmal, und dann vergewissern Sie sich, ob er tatsächlich tot ist.« Nach einem Moment der Stille ertönt ein Schuss. Wieder zurück am Telefon fragt der Jäger: »Okay, und was jetzt?«
Wiseman ist skeptisch, ob es überhaupt den »witzigsten Witz der Welt« gibt, und resümiert: »Nach meiner Überzeugung haben wir den in vielerlei Hinsicht inhaltsleersten Witz entdeckt.«
Röhrich (1977, S. 1) schreibt:
In der modernen Industriegesellschaft ist der Witz allenthalben die wichtigste und am meisten lebendige Gattung der Volkserzählung, vielleicht die einzig wirklich lebendige, die nicht vom Aussterben bedroht ist, sondern in immer neuen Ansätzen aufblüht.
Für ihn ist der Witz auch ein kulturelles Phänomen. Sein Ziel ist grundsätzlich das Lachen.
Es gibt viele verschiedene Definitionen, doch alle haben gemeinsam, dass sie verschiedene Schwerpunkte setzen und es wohl schon ein Witz für sich ist, eine Definition vorzustellen. Einige davon sollen doch erwähnt werden, um die Zugangswege zu diesem Bereich besser verstehen zu können:
Jean Paul (1812, S. 472) schreibt, dass der Witz eine gesellige Kraft und ein Triumph ist. Und: »Der Witz hat doch den Wert eines Funken, wenn auch keines Lichts; er verschönert doch eine Minute, wenn er auch kein Leben erleuchtet oder erwärmt; und er braucht eben nicht wie Bilder und Systeme erst von der Wahrheit oder auch von Zusammenhang und Nachbarschaft den Gehalt zu holen«. Bildhaft meint er (ebd., S. 173): »(. . .) der Witz im engsten Sinn, der verkleidete Priester, der jedes Paar kopuliert, tut es mit verschiedenen Trauformeln«.
Für Schmidt-Hidding (1963, S. 48) hat der Witz mit Kräften des Verstandes zu tun (▶ Abb. 1-1). Er betont, dass ein Witz auf Kosten eines Gegenübers, der ihn nicht zu verstehen braucht, geht, verletzen und Dritte zum Lachen reizen soll (▶ Tab. 1-1).
Tab. 1-1 Tabellarische Übersicht zum Begriff Witz (mod. nach Schmidt-Hiddling 1963)
Fragestellung
Ausführungsmöglichkeit
Absicht und Ziel
Erhellen wie durch Blitzlicht (Glänzenwollen)
Anerkennung durch die Gesellschaft
Gegenstand
Worte und Gedanken
Haltung des Trägers als Subjekt
Gespannt, eitel, nimmt sich selbst wichtig
Verhalten zum Nächsten
Kaltschnäuzig; maliziös; ohne Sympathie für die »Opfer«
Der jeweils ideale Hörer
Die gebildete Gesellschaft, die den Witz goutiert
Witz hängt vom Zuhörenden ab
Methode
Überraschung der Pointe
»Sensation« durch ungewohnte Zusammenstellung
Sprachliche Eigenart
Kurz, pointiert
Freude am kontrastierenden Stilmittel
Freud (1905) entwickelte als Erster die bisher fundierteste – wenn auch in den Folgejahren nicht unwidersprochen gebliebene – Abhandlung über den Witz. Wie die Fehlleistungen ist der Witz eine wohlbekannte Erscheinung des täglichen Lebens. So beschreibt Freud eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie bei einer Aussage der Witzcharakter zustande kommt: durch Verdichtung, Verwendung des nämlichen Materials (z. B. durch Umordnung), Doppelung (z. B. Zweideutigkeit(1)), Darstellung durch das Gegenteil, Unsinn, Abweichung vom normalen Denken u. Ä. Er unterscheidet bezüglich des Tendenzcharakters des Witzes den harmlosen, der eher dem Selbstzweck dient, von dem tendenziösen. Tendenziöse Witze(1) lassen sich nach ihrer Art und Absicht unterscheiden in:
feindselige, die im Dienste der Aggression, der Satire und der Abwehr stehen,
obszöne im Dienste der Entblößung,
zynische (oder kritische) im Dienste einer Kritik der Auflehnung,
skeptische im Dienste der Relativierung unserer Erkenntnisse.
Ein Witz beginnt mit der Absicht, zu verletzen. Diese Absicht muss aber verdrängt werden. Die hieraus resultierende gehemmte Aggression wird mit bestimmten Techniken wie z. B. Wortspiel oder Verdichtung verknüpft. Hier beginnt die »Witzarbeit«, die der Traumarbeit ähnlich ist. Allerdings dient der Traum »vorwiegend der Unlustersparnis, der Witz dem Lusterwerb« (Freud 1905c, S. 205). Wird die ursprüngliche Aggression kurz dem Primärprozess des Unbewussten überlassen, so wird durch die Witzarbeit, der Wunsch zu verletzen, die Verdrängung der beabsichtigten Aggression, die Verknüpfung dieser Aggression mit der Reaktivierung infantiler Lustempfindungen und die Tarnung der Aggression bewirkt. Je besser dies gelingt, desto besser ist der Witz. Die Lust am Wortspiel und Unsinn dient dazu, Unterdrückung und Verdrängung aufzuheben. Die Befreiungslust und die Spiellust sind neben dem Streben nach Freisetzung von verdrängter Energie die wichtigsten Quellen der Lust am Witz (Grotjahn 1974). Der Witz dient dem Lusterwerb und wird von Freud (1905c, S. 204) als »die sozialste aller auf Lustgewinn zielenden seelischen Leistungen« bezeichnet. An dessen Zustandekommen sind beteiligt:
der Autor des Witzes, der die Witzarbeit vollzieht,
die Person, gegen die der Witz gerichtet ist, und
die Person, welcher den Witz erzählt wird.
Der Zuhörer wird durch die »Lustprämie der Verdrängnisersparnis zum Verbündeten des Witzautors gegen sein Opfer« (Heimann 1966, S. 325). Der Witzautor kann nur dann für seine Arbeit belohnt werden, wenn der Zuhörer lacht und damit beweist, dass er diese Rolle übernommen hat. Dieses Lachen verbindet das Erlebnis der Befreiung mit hoher Lust.
Reik (1939) betont beim Witz besonders den Effekt der Überraschung. »Der Witz bietet eine doppelte Überraschung, wir lachen sowohl darüber, wie er etwas sagt, als auch darüber, was er sagt. Jene zweite Wirkung wird erst durch die erste ermöglicht.« (ebd., S. 101)
Hochfeld (1920, zit. nach Plessner 1941, S. 308 f.) schreibt: »Der Witz ist ein Satz, der auf Grund der Zweideutigkeit eines Wortes zwei Urteile, die nichts als den Wortlaut miteinander gemein haben, zugleich ausspricht, doch so, dass das eine Urteil offen, das zweite verhüllt dargeboten wird. Die Wirkung jedes Witzes beruht auf der überraschenden Entdeckung des verhüllten Sinnes, im letzten Grunde auf der Tatsache, dass unsere dem vorwissenschaftlichen menschlichen Bewusstsein entstammende Sprache in ihren Wörtern und Redewendungen nicht eindeutig ist.«
Auchter (2006) betont, dass der Witz ein »soziales Phänomen« ist (ebd., S. 46), und auch, dass Witze die Möglichkeit geben, »uns von unseren eigenen Schwächen, Fehlern, Dummheiten und Gebrechlichkeiten zu distanzieren, indem wir sie via Projektion(1) anderen zuschreiben«.
Für Plessner (1941, S. 310) ist der Witz eine »Spannung, die sich in Nichts (in ein logisches Nichts) lustvoll auflöst, blitzartige Überraschung, Kürze im temporalen und formalen Sinn, momentaner Anschein sachlicher Zusammengehörigkeit, die unmittelbarer Besinnung auf den wirklichen Sachverhalt nicht standhält«. So beruh »gleichwohl die erheiternde Wirkung auf der witzigen Technik der verschwiegenen Sinnverwandlung und heimlichen Sinnüberschneidung, die eine Hemmung mit denselben Mitteln schafft, mit welchen sie sie überwindet. Darin liegt der Unernst des Witzes.« (ebd., S. 323)
Neuberger (1988, S. 27) ist der Ansicht, dass Witze nicht nur »als mehr oder weniger gelungene Abwehrleistungen oder stellvertretende Krisenwiederholung in Sicherheit gesehen werden« dürfen. »Sie sind eine konstruktive Symbolisierung von Widersprüchen durch fiktive Szenen, die denen aus dem wirklichen Leben nachgestellt sind.« Was normalerweise nichts miteinander zu tun hat, erweist sich als lustig, wenn es zusammentrifft. »Ein Witz«, schreibt er (ebd., S. 406), »ist ein kurzes augenzwinkerndes Verwirrspiel. Seine geschickt inszenierten Verfremdungen sind jedoch nur falsche Fährten, auf die man sich bereitwillig locken lässt, weil man durch die Wiedersehensfreude mit alten Bekannten entschädigt zu werden erhofft. Der Knalleffekt bei der Lösung des Rätsels verschafft Erleichterung, weil man entdeckt, dass man nicht irr ist, sondern bloß irregeführt wurde.« Das tue »gut, weil es für einen Moment Spannung(1)en löst und den Triumph auskosten lässt, den eigenen wie den gesellschaftlichen Zensor überlistet zu haben. Der Genuss wird noch gesteigert, wenn es Anlass zur Schadenfreude gibt.«
In jedem Witz ist ein Problem, ein Anliegen oder ein Wunsch verborgen, welche in versteckter oder verdrehter Form sich direkt oder indirekt ausdrücken. Dies geschieht mehr oder weniger geistreich, anspruchsvoll, aggressiv oder humorvoll. Oft ist es eine spielerische Art des Umgangs mit Worten, Begriffen oder Handlungen. Ein Witz kann kommunikationsfördernd oder zerstörend wirken, Gruppenzusammenhalt(1) fördern oder stören sowie eine vorgegebene Ordnung oder Rolle bloßstellen oder karikieren. Etwas Schadenfreude(1) kann einem Witz kaum schaden.
Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,Er flattert sehr und kann nicht heim.Ein schwarzer Kater schleicht herzu,Die Krallen scharf, die Augen gluh.Am Baum hinauf und immer höherKommt er dem armen Vogel näher.
Der Vogel denkt: Weil das so istUnd weil mich doch der Kater frisst,So will ich keine Zeit verlieren,Will noch ein wenig quinquilierenUnd lustig pfeifen wie zuvor.Der Vogel, scheint mir, hat Humor.
(Wilhelm Busch 1959, S. 801)
Jedes Leben endet mit dem Tod. Entscheidend ist, wie man dieses davor gestaltet. »Quinquilieren« ist sicherlich angenehmer und kreativer als ständig an den Tod zu denken und das Leben vorbeiziehen zu lassen. Es nützt auch wenig, häufig über die »böse« Vergangenheit und die verpassten Gelegenheiten zu sinnieren und an die Zukunft voller Bedenken zu denken. Dabei verpasst man die Gegenwart, die genügend Chancen bietet, zu leben und nicht nur zu überleben.
Wie kann es anders sein: Definitionen und Beschreibungen, was unter Humor zu verstehen ist, sind vielschichtig und komplex. Haben auch namhafte Sprachwissenschaftler, Schriftsteller, Philosophen, Pädagogen, Psychologen, Soziologen und auch Psychotherapeuten versucht, Humor zu beschreiben, zu definieren und zu messen, so gelingt das immer nur in Form einer Annäherung. Je philosophischer, desto abstrakter, je operationalisierter, desto mehr Klarheit vortäuschender, und je umgangssprachlicher, desto weniger tiefgehend. Fast alle rühmen den Humor »als wertvolle, für das Menschsein typische Eigenschaft« (Strotzka 1957, S. 597). Frankl (1983a, S. 186) betont: »Nichts vermöchte die Umstellung gegenüber menschlichen Bedingt- und Gegebenheiten so heilsam zu gestalten, wie der Humor.« Goebel (1930, S. III) verdeutlicht dies: »Der Humor bringt einen Hauch von Freiheit selbst in die tiefste Erniedrigung des Daseins, einen Lichtstrahl auch in die größte Verdunkelung des Lebens.«
Oft wird eine Begriffsdefinition so ernsthaft und akribisch durchgeführt, dass man beim Lesen der Ergüsse der Spezialisten den Humor verlieren kann und sich lieber einem Anekdoten- oder Witzebuch widmet, um dann wieder lustvoll die Fragen nach dem Humor aufzugreifen. Die bekannteste Definition von Humor ist die dem deutschen Schriftsteller Otto J. Bierbaum (1865–1910) zugeschriebene: »Humor ist, wenn man trotzdem lacht.« Steckt in diesem populären Spruch auch ein wichtiges Element des Humors, das »Trotzdem«, ein widerständischer und kämpferischer Aspekt, so ist der Humor weit mehr. »Tatsächlich ist der Humor ein wesentlich menschliches Phänomen und ermöglicht als solcher dem Menschen, sich von allem und jedem und so denn auch von sich selbst zu distanzieren, um sich vollends in die Hand zu bekommen« (Frankl 1985, S. 124). Thielicke (1974, S. 63) spricht sogar davon: »Wenn wir den Humor eines Menschen kennen, dann schauen wir ihm – ins Herz.« Und ist der Ansicht, dass nicht nur der Humor, sondern auch die Humorlosigkeit einen Menschen charakterisieren.
Erst im 18. Jahrhundert wird Humor als eine persönlichkeitspsychologische Determinante angesehen:
Humor, lat. »Feuchtigkeit«, in der antiken Physiologie von den Körpersäften [gemeint: Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle] gebraucht, die die Beschaffenheit des Temperaments bestimmen, dann im 16. Jhd. auf das Seelenleben übertragen zur Bezeichnung solcher Charakteräußerungen, in denen man die Wirkung bestimmter Körpersäfte zu spüren glaubte; zunächst allg. »Stimmung«, Laune, erhielt es erst im 18. Jhd. die Bedeutung einer aus entgegengesetzten Elementen – Scherz und Ernst, Lachen und Weinen – sich bildenden Gesamtstimmung. (Regenbogen und Meyer 2013, S. 298)
Der angelsächsische Bezug zum Humor wurde pragmatisch mit Ad-hoc-Fragebögen zur Erfassung eines noch nicht weiter theoretisch abgeklärten Konstrukts durchgeführt und kam retrospektiv zu einer terminologischen Zuordnung, welche bis heute ohne Bezug zu und Auseinandersetzung mit der europäischen Tradition geblieben ist. In dieser Konzeptionalisierung hat Humor den Begriff der Komik als Oberbegriff ersetzt und wird deutlich pragmatischer (vgl. Abb. 1-1). Gleichzeitig wurden so dem Begriffsfeld Humor neben den Aspekten des »coping humor« auch die des »aggressive humor« (Auslachen – Ironie – Sarkasmus – Zynismus) zugeordnet. Die Millennium Edition des Collins English Dictionary (2018) bietet so eine eindeutig zirkuläre Definition von Humor an:
1) The quality of being funny
2) Also called: sense of humour the ability to appreciate or express that which is humorous
3) situations, speech, or writings that are thought to be humorous
4) a: a state of mind; temper; mood – b: (in combination) »ill humour«, »good humour«
5) temperament or disposition
6) a caprice or whim
7) any of various fluids in the body, esp the aqueous humour and vitreous humour
8) Also called: cardinal humour (archaic) any of the four bodily fluids (blood, phlegm, choler or yellow bile, melancholy or black bile) formerly thought to determine emotional and physical disposition
In der kontinentaleuropäischen Beschäftigung war mit dem Konzept »Humor« Anfang des 20. Jahrhunderts bereits eine differenzierte Begrifflichkeit entwickelt. Er wurde dem Begriff der Komik (▶ Abb. 1-1) untergeordnet, neben weiteren »komischen« Phänomenen, und dieser – neben weiteren wie z. B. »Tragik« und »Schönheit« – dem Oberbegriff »Ästhetik«. Dieser Begriff wurde von G. A. Baumgarten 1750 als begriffliche Neuschöpfung mit Bezug auf das griechische aisthetikòs (»der Wahrnehmung fähig«) in die philosophische Fachsprache eingeführt und beschäftigt sich seit dem 18. Jahrhundert u. a. mit der Frage »nach der spielerisch zweckfreien Einstellung zu Gegenständen der Erfahrung« (so das Wörterbuch der philosophischen Begriffe 1998). In dieser Abhandlung gehe ich von dieser Konzeption aus.
Humor wird als ein Element des Komischen gesehen (Ruch und Zweyer 2001, S. 11):
Das Komische, definiert als die Fakultät, die andere zum Lachen bringt, wurde dabei von anderen ästhetischen Qualitäten wie Schönheit, Harmonie und Tragik unterschieden. Humor war ebenso wie z. B. Ironie(1), Satire(1), Sarkasmus(1), Nonsense(1), Spaß(2) oder Witz(3) ein Teil des Komischen und wurde hauptsächlich als eine lächelnde Einstellung zum Leben und zu seiner Unvollkommenheit verstanden.
Bereits in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts findet sich im Brockhaus von 1937 ein Definitionsversuch über Humor von bemerkenswerter Komplexität. Humor wird bestimmt als »Schalkheit, mit Ernst verbundene Heiterkeit; Frohstimmung, gute Laune; ursprünglich: Stimmung, nach der aus dem Altertum stammenden Ärzteansicht des Mittelalters, dass die Stimmung von der falschen oder richtigen Mischung der Körpersäfte abhängig sei«.
Weiter heißt es im Brockhaus:
Der echte Humor zeigt am Ernsten und Großen das Unbedeutende und Kleine, ohne jenes jedoch aufzuheben; er schildert das Vernunftwidrige des Lebens und erkennt doch zugleich seine Vernunft an. Vom Komischen unterscheidet er sich dadurch, dass er sich mit Gemüt, Liebe, ja mit einer leisen Traurigkeit an die Dinge macht, die beim Komischen im Wesentlichen vom Verstand ergriffen werden.
Während hier Humor noch von Komik unterschieden wird, stellt das Etymologische Wörterbuch des Deutschen (Pfeifer 2004, S. 562) Humor und Komik auf eine Stufe. Humor wird bestimmt als »heitere Gelassenheit als Grundhaltung gegenüber dem Dasein, Sinn für Komik, gute Laune, fröhliche Stimmung. Zugrunde liegt lat. humor, eine volksetymologisch an lat. humus ›Erde‹ angeschlossene Variante von lat. umor Feuchtigkeit, Flüssigkeit, Nass, zu lat. umere feucht sein. In der mittelalterlichen Medizin steht humor für ›Körpersaft‹, bezeichnet also jene vermeintlichen vier Grundsäfte des Körpers, die nach der (besonders durch Galen verbreiteten) hippokratischen Lehre die vier Temperamente bewirken, und gilt im Anschluss daran auch für ›Gemütslage, Gestimmtheit, Laune, Charakter‹.«
Um die Vielfältigkeit und Spannbreite des Humors im deutschsprachigen Raum zu verdeutlichen, sehen wir uns einige Definitionen und Beschreibungen an.
Jean Paul (1812, S. 125) schreibt: »Der Humor, als das umgekehrte Erhabene, vernichtet nicht das Einzelne, sondern das Endliche durch den Kontrast mit der Idee. Es gibt für ihn keine einzelne Torheit, keinen Toren, sondern nur Torheit und eine tolle Welt; er hebt – ungleich dem gemeinen Spaßmacher mit seinen Seitenhieben – keine einzelne Narrheit heraus, sondern er erniedrigt das Große, aber – ungleich der Parodie – um ihm das Kleine, und erhöhet das Kleine, aber – ungleich der Ironie – um ihm das Große an die Seite zu setzen und so beide zu vernichten, weil vor der Unendlichkeit alles gleich ist und nichts.« Zudem bemerkt er an einer anderen Stelle (ebd., S. 469): »Der Humor lässt uns werden wie Kinder.«
Schopenhauer (1818, S. 119) meinte: »Denn näher betrachtet beruht der Humor auf einer subjektiven, aber ernsten und erhabenen Stimmung, welche unwillkürlich in Konflikt gerät mit einer ihr sehr heterogenen, gemeinen Außenwelt, der sie weder ausweichen, noch sich selbst aufgeben kann.«
Kierkegaard (zit. nach Ueding 1998, S. 94) definiert den Humor als Zwiespalt und als Selbstverhältnis: »gelassene Heiterkeit, die den Menschen befähigt (. . .), eigene und fremde Schwächen zu belächeln und den Mit zu bewahren«.
Humor beschreibt Schmidt-Hidding (1963, S. 50) als eine »Kraft des Gemütes«, eine »Herzenskraft« (▶ Tab. 1-2). Seine Absicht ist, Verständnis für die Ungereimtheiten der Welt zu haben sowie auch Mitgefühl für eigene Unzulänglichkeiten und Fehler, über die man lächeln kann, zu wecken.
Tab. 1-2 Tabellarische Übersicht zum Begriff »Humor« (mod. nach Schmidt-Hiddling 1963)
Fragestellung
Ausführungsmöglichkeit
Absicht und Ziel
Verständnis für die Ungereimtheiten der Welt sowie Mitgefühl wecken
Gegenstand
Die Schöpfung bis zum Kleinsten
Das Menschliche und das Reale
Haltung des Trägers als Subjekt
Abstand, bejahend, konziliant, tolerant, Liebe zur individuellen Schöpfung
Verhalten zum Nächsten
Verstehend, gütig sich im Urteil selbst einschließend
Der jeweils ideale Hörer
Gemütlich, gelassen, kontemplativ
Methode
Realistische Beobachtung
Sprachliche Eigenart
Doppelschichtig, ohne Pointe
Ich-Erzählung bevorzugt
Mundarten und Berufssprache
Höffding (1930)
