Das Ich in der Krise - Klaus Sejkora - E-Book

Das Ich in der Krise E-Book

Klaus Sejkora

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Beschreibung

Die Quellen der Resilienz aktivieren In Belastungen, Krisen und Traumata erleben wir uns oft als hilflos. Was geschieht in solchen Situationen mit unserer Psyche? Welche Möglichkeiten haben wir, um darauf Einfluss zu nehmen? Welche Rolle spielt Resilienz dabei und warum lässt sie sich oft so schwer aktivieren? Und warum führt uns unser in der Kindheit erlernter Umgang mit Krisen und Belastungen heute so selten ans gewünschte Ziel? Auf diese Fragen antwortet das Buch, indem es Resilienz mit den Mitteln der Positiven Transaktionsanalyse veranschaulicht: Wenn wir unsere Hilflosigkeit annehmen und uns auf die Angst, die Verletztheit, die Traurigkeit, den Ärger und die Scham einlassen, die damit verbunden sind, können wir die Quellen unserer Resilienz aktivieren. Sie liegen in unserer Identität, Autonomie und unseren Beziehungen. Anhand von zahlreichen Fallbeispielen, persönlichen Impulsen und Übungen zeigen die Autoren so den Weg aus der Krise hin zu Bindung, Sinn und Freude.

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Seitenzahl: 363

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Klaus Sejkora & Henning SchulzeDas Ich in der Krise

Über dieses Buch

Aktivieren Sie die Quellen Ihrer Resilienz 

In Belastungen, Krisen und Traumata erleben wir uns oft als hilflos. Was geschieht in solchen Situationen mit unserer Psyche? Welche Möglichkeiten haben wir, darauf Einfluss zu nehmen? Welche Rolle spielt Resilienz dabei und warum lässt sie sich so schwer aktivieren? Und warum führt unser in der Kindheit erlernter Umgang mit Krisen uns so selten ans gewünschte Ziel? 

Auf diese Fragen antwortet das Buch, indem es Resilienz mit den Mitteln der Positiven Transaktionsanalyse veranschaulicht: Wenn wir unsere Hilflosigkeit annehmen und uns auf unsere Verletztheit, Traurigkeit, Scham und unseren Ärger einlassen, können wir die Quellen unserer Resilienz aktivieren. Sie liegen in unserer Identität, Autonomie und unseren Beziehungen. Anhand von zahlreichen Fallbeispielen, persönlichen Impulsen und Übungen zeigen die Autoren so den Weg aus der Krise hin zu Bindung, Sinn und Freude.

Dr. Klaus Sejkora ist klinischer Psychologe und Psychotherapeut in freier Praxis, Supervisor, Coach und Trainer. Er lebt und arbeitet in Linz (Österreich).

Prof. Dr. Henning Schulze unterrichtet an der Technischen Hochschule Deggendorf und ist Supervisor, Coach und Trainer, Lehrsupervisor und Lehrcoach.

Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2021

Coverfoto: © sophiaa_f – photocase.com

Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Alle Rechte vorbehalten.

Erscheinungsjahr dieser E-Book-Ausgabe: 2021

ISBN der Printausgabe: 978-3-7495-0273-8

ISBN dieses E-Books: 978-3-7495-0274-5 (EPUB), 978-3-7495-0276-9 (PDF), 978-3-7495-0275-2 (EPUB für Kindle).

Für

Miriam und Stefan

Karin und Alex

Kirstin und Alan

Bine

… und für alle Menschen, die ihre Kinder bedingungslos lieben und ihnen so helfen, ihren Platz im Leben zu finden.

Vorwort

Dieses Buch ist das vierte, das wir in den Jahren seit 2014 gemeinsam geschrieben haben, und es ist anders entstanden als die bisherigen. Es ist ein Kind der Covid-19-Pandemie, auch wenn es ganz bewusst kein „Corona-Buch“ geworden ist. Die Grundidee und das Grundkonzept dazu haben wir im Frühjahr 2020 im ersten Lockdown entwickelt. Wir konnten damals nicht annähernd ahnen, was da noch auf die Welt und auf uns alle zukommen würde. Doch anhand unserer eigenen Erfahrung und derer von Menschen aus unserem Umfeld und aus unserer beruflichen Tätigkeit war uns bald klar, dass es in dieser völlig anderen Situation um fünf psychologische Aspekte ging und noch lange gehen würde: um Hilflosigkeit, um Krise, um Traumatisierung, um menschliche Beziehungen – und vor allem um Resilienz.

Die veränderte Situation des gemeinsamen Schreibens forderte auch von uns, die Quellen unserer Resilienz zu aktivieren und unsere freundschaftliche und professionelle Beziehung neu zu definieren. Auch wir erlebten uns streckenweise hilflos und nahmen an uns selbst wahr, wie Resilienz erst über das Annehmen dieser Hilflosigkeit zugänglich wird. Beim Verfassen von Positive Führung, Die Kunst der starken Führung und Vom Lebensplan zum Beziehungsraum trafen wir uns regelmäßig alle zwei bis drei Wochen persönlich (meist im Café Valdés in Linz), um in der Zwischenzeit das Diskutierte zu schreiben. In diesem Jahr 2020 / 21 konnten wir uns nur zwei Mal direkt treffen, alle anderen Besprechungen, insbesondere die zum Entstehen des vorliegenden Buches, wickelten wir per Videocall ab. Auch Stephan Dietrich, den Geschäftsführer des Junfermann Verlags und Betreuer unseres Buches, haben wir in dieser Zeit kein einziges Mal persönlich getroffen – aber am Bildschirm. Danke an dieser Stelle für seine kompetente, konstruktive, wertschätzende und hilfreiche Begleitung.

In diesem seltsamen und schwierigen Jahr machten wir die Erfahrung, wie sehr Menschen bereit sind, Hindernisse zu überwinden, um trotz widriger Umstände in Beziehung zu kommen und zu bleiben. Was hatten wir nicht alles in unseren Berufen für unmöglich gehalten: Psychotherapie und Coaching online durchzuführen; Weiterbildungen für ganze Gruppen über den Bildschirm zu leiten; sogar Abschlussprüfungen zu zertifizierten Transaktionsanalytiker*innen per Video abzuhalten und schließlich Einzel- und Paartherapien zwar in Präsenz, aber mit zwei Metern Abstand und Maske zu ermöglichen. Ja, und auch ein Buch erfolgreich und kreativ gemeinsam zu schreiben. Für all das und die vielen Einschränkungen unseres täglichen sozialen Lebens ist uns die ganze Zeit über ein Halbsatz Leitmotiv gewesen, den der große kanadische Poet und Sänger Leonard Cohen in seinem Konzert 2008 in London zwischen zwei Songs einstreute: „… but cheerfulness kept breaking through“ – die Menschlichkeit bricht immer wieder durch.

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen interessante, hilfreiche, berührende und vor allem menschliche Stunden mit diesem Buch.

Linz / Deggendorf, April 2021

Klaus Sejkora Henning Schulze

Einleitung: Vier Menschen, ihre Geschichten – und ich selbst

Die ganze Welt ist Bühne, Und alle Frau’n und Männer bloße Spieler. Sie treten auf und gehen wieder ab, Sein Leben lang spielt einer manche Rollen, Durch sieben Akte hin.

(William Shakespeare, Wie es euch gefällt, Zweiter Aufzug, Siebente Szene)

William Shakespeare, der vielleicht psychologisch feinfühligste Dramatiker der Literaturgeschichte, umreißt in diesen Zeilen die zentrale Fragestellung unseres Buches: Können wir unseren Belastungen, unseren Krisen, unseren Traumata als die Menschen in unserer Authentizität, unserer Echtheit begegnen, die wir sind, indem wir unsere Resilienz und unsere Autonomie aktivieren und nutzen – oder treten wir in „manchen Rollen“ als „bloße Spieler“ auf, bis sich der Vorhang über dem Stück unseres Lebens senkt? Diese Themen werden wir von mehreren Zugängen her in den beiden Teilen dieses Buches beleuchten.

Der erste Teil trägt den Titel „Die Quellen der Resilienz“. Darin werden wir uns damit auseinandersetzen, wie Menschen mit ihren Grundbedürfnissen nach Beziehungen und nach Autonomie umgehen und wie sie damit Belastungen, Krisen und Traumata erfolgreich oder weniger erfolgreich begegnen. Der „Königsweg“ dabei ist Resilienz. Wir beschäftigen uns mit der Frage, wie wir unsere Resilienz entfalten und ihre Quellen öffnen, zu einem Fluss und schließlich einem mächtigen Strom werden lassen können – oder wie wir uns selbst einschränken und so den mächtigen Fluss unserer Resilienz zu einem vertrockneten Rinnsal verkümmern lassen.

Den psychologischen Hintergrund dazu gestalten wir mithilfe der von uns entwickelten Positiven Transaktionsanalyse. Wir sehen diese als ein Update der Transaktionsanalyse nach Eric Berne für das 21. Jahrhundert. Unser Verständnis davon ist weniger das eines Theoriegebäudes, sondern einer Sammlung von Landkarten, die uns helfen, uns in der Landschaft der menschlichen Seele und menschlicher Beziehungen zurechtzufinden. Einige ausgewählte dieser Landkarten stellen wir Ihnen im Lauf des Textes als Anhaltspunkte zu unseren Inhalten vor. Das ist das Grundgerüst, sozusagen das Skelett, das unseren Gedanken und Erläuterungen Halt gibt.

Damit aus diesem Skelett etwas Lebendiges wird, erzählen wir Ihnen die Geschichten von vier Menschen und den Entwicklungen in ihren Leben, ihren Beziehungen, ihren Krisen und Traumata und schließlich von ihren Wegen zur Schatzkammer ihrer Resilienz. Diese vier Personen haben sich uns und unserer professionellen Unterstützung anvertraut. Natürlich sind ihre Namen, näheren Umstände und Geschichten so beschrieben, dass ihre Anonymität gewahrt bleibt. Sie alle haben sich mit unserer Darstellung einverstanden erklärt.

Wer sind nun diese vier Menschen?

Da gibt es als ersten Severin. Er ist 43 Jahre alt und von Beruf Sozialarbeiter. Seine Frau Amelie und er sind seit zwölf Jahren verheiratet, seit fünfzehn Jahren sind sie ein Paar. Sie haben zwei Töchter, die acht und zehn Jahre alt sind. Ihre Ehe ist in einer ernsten Krise, Amelie will sich von ihrem Mann trennen. Severin ist darüber ratlos und verzweifelt und sucht Hilfe beim Psychotherapeuten.

Die zweite Person, die wir kennenlernen werden, ist Simone. Sie ist 32, hat Betriebswissenschaft studiert und anschließend einen Master-Studiengang für Strategisches und Internationales Management absolviert. Seit vier Jahren arbeitet sie für ein großes Handelsunternehmen und wurde dort als High Potential identifiziert und gefördert. Seit Kurzem hat sie eine Führungsposition inne, die sie als „schwieriger als vorgestellt“ erlebt. Aus diesem Grund nimmt sie ein Coaching in Anspruch. Privat ist sie in einer Partnerbeziehung, allerdings lebt Alexander, ihr Freund, in einer mehrere Stunden entfernten Stadt, worunter Simone sehr leidet.

Madeleine wurde in Frankreich geboren und ist dort aufgewachsen. Sie ist jetzt 47 Jahre alt und lebt seit fast 20 Jahren hier mit Peter, ihrem deutschen Mann. Die beiden haben zwei Kinder, einen Sohn mit 16 und eine Tochter im Alter von 13 Jahren. Die Kinder wachsen zweisprachig auf. Madeleine ist freie Journalistin und arbeitet vor allem für soziale Medien. Sie kommt unter dem Schock eines traumatischen Todesfalles in die Psychotherapie.

Der vierte Mensch in unserem Buch ist der 53-jährige Richard. Er ist von Beruf Techniker, verheiratet und hat drei Kinder in jung erwachsenem Alter. Er leidet seit seinem dreißigsten Lebensjahr an progredienter (fortschreitender) Multipler Sklerose. Vor acht Jahren kam er in die Psychotherapie. Hier hatte er sich über vier Jahre hinweg körperlich und seelisch gut stabilisiert und deshalb die Therapie damals beendet. Unter dem Eindruck eines neuerlichen akuten schweren Schubs seiner Erkrankung nimmt er wieder Kontakt zu seinem Therapeuten auf.

Begleitend zu unseren Darstellungen der Themen Belastung, Krise und Trauma, zu den vier Menschen unterwegs zu den Quellen ihrer Resilienz und zu den Landkarten aus der Positiven Transaktionsanalyse zieht sich ein vierter Strang durch das Buch. Diesen nennen wir „Persönliche Impulse“, und er beinhaltet Übungen und Anregungen zum Fühlen, Denken und Handeln für Sie. Wir laden Sie ein, sich auf diese eingeschobenen Aufgaben so einzulassen, dass es für Sie stimmig ist, tiefer oder auch oberflächlicher. Wenn Sie mögen, legen Sie sich eine Art „Impulstagebuch“ zu, ein Heft oder auch eine Datei auf Ihrem Computer, wo Sie Ihre Gedanken, Gefühle, Kommentare und Ähnliches schriftlich festhalten können.

Im zweiten Teil werden wir – wir als Autoren, die vier Hauptpersonen des Buches und auch Sie, liebe Leserin, lieber Leser – uns mit dem Anwachsen unserer Resilienz von ihren Quellen zu einem breiten Fluss beschäftigen. Wir werden das anhand von drei zentralen Elementen unseres Menschseins entwickeln: Bindung, dem Sinn unseres Lebens und echter Freude. Wir werden sehen, wie Simone, Severin, Richard und Madeleine sich in diesem Fluss ihrer Resilienz zu den Menschen entwickeln, die sie sein und werden können. Auch Sie, liebe Leserin und lieber Leser, laden wir auf diesen Weg ein und geben Ihnen mit dem Kaleidoskop von Geschichten, Landkarten und Persönlichen Impulsen einige Begleiter mit, um Ihren eigenen Fluss dorthin strömen lassen zu können, wohin auch unsere vier Protagonisten sich auf die Reise gemacht haben: in das Meer, in das unsere Resilienz führt – das Meer von Lebenskraft und Lebensfreude.

Beginnen wir nun unsere gemeinsame Reise damit, das psychologische Werkzeug für unseren Umgang mit Belastungen, Krisen und Traumata und für unsere Resilienz zu erkunden: menschliche Persönlichkeit und zwischenmenschliche Beziehung.

TEIL I: UNTERWEGS ZUR RESILIENZ

1. Ich, Du und Wir: Persönlichkeit und Beziehung

Menschen und ihre Geschichten

„Eines habe ich als Kind schon entdeckt: Wenn ich will, dass andere Menschen mich mögen, muss ich freundlich und tüchtig sein.“

Simone im Video-Coaching, 12. Sitzung

„Wie soll denn das jetzt werden, mit mir, mit den Kindern? Wer bin ich denn, wenn Amelie nicht mehr Teil meines Lebens ist?“

Severin, Einzeltherapie, 4. Sitzung

„Ich musste viel zu früh erwachsen werden. Ich habe geglaubt, dass meine Eltern von mir erwartet haben, Verantwortung für die ganze Familie zu übernehmen.“

Madeleine, Einzeltherapie, 23. Sitzung

„Ich verstehe ja, dass du dir wünschst, dass ich dich verstehe. Aber ich bin so mit mir und meiner Krankheit beschäftigt, dass ich zuerst an mich denken muss.“

Richard zu seiner Frau Susanne, Paarberatungssitzung, ergänzend zur Einzeltherapie

Diese knappen Blitzlichter auf die vier Menschen, die Sie bereits kurz kennengelernt haben, auf Aussagen, die sie im Verlauf ihrer Entwicklungsprozesse getroffen haben, beleuchten die Schwerpunkte unseres ersten Kapitels. Alle erzählen sie in diesen wenigen Sätzen sowohl etwas über sich selbst als auch über ihre Beziehungen: „… dass andere Menschen mich mögen …“, „… wer bin ich denn …“, „… ich habe geglaubt, dass meine Eltern von mir erwartet haben …“, „… ich muss zuerst an mich denken …“ Sie sprechen über ein Ich und über ein Du, also über sich selbst und über andere Menschen. Und sie sprechen über ein „Wir“ – darüber, in welcher Verbindung sie sich zu diesen anderen sehen.

Hier treffen sich zwei grundlegende menschliche Bedürfnisse: Wir wollen in Beziehungen sein und in diesen wahrgenommen, verstanden und geliebt werden, und wir wollen eigenständige, autonome Menschen sein. Mehr noch – wir wollen das nicht nur, wir brauchen beides existenziell. In der Überschrift dieses Abschnitts lehnen wir uns an eine Formulierung des österreichisch-israelischen Religionsphilosophen Martin Buber an. Ich und Du lautet der Titel seines wahrscheinlich am meisten gelesenen Buches (erschienen 1923). „Der Mensch wird erst am Du zum Ich“, lautet das wohl bekannteste Zitat daraus. Wir sind keine isolierten Einzelmenschen, sondern wir sind von Natur aus Beziehungswesen. Der Mensch wird am Du zum Ich – und gemeinsam werden wir zum Wir, können wir ergänzen. Wir alle haben ein angeborenes lebenslanges Bedürfnis danach, in Beziehung mit anderen Menschen zu gehen. Wir brauchen diese Beziehungen nicht nur, weil wir sonst als Kinder nicht überlebensfähig wären, wir brauchen sie überhaupt, um ins Leben hineinzukommen und um uns in diesem Leben bewegen und weiterentwickeln zu können. Über die Beziehung zu wichtigen und geliebten Menschen entwickeln wir unsere Identität, unser Ich – ein Bild von uns selbst, davon, wer und wie wir sind, sein sollen oder glauben, sein zu sollen. So finden wir unsere Wege, mit unserer Welt, mit uns selbst und mit anderen Menschen umzugehen, so formen wir unser Fühlen, unser Denken und unser Handeln. Auf diesen Grundlagen gestalten wir unser ganzes Leben und ganz besonders unseren Umgang mit Belastung, Überforderung, Krisen und Traumata. Alle drei, Ich, Du und Wir, unsere Identität und unsere Beziehungen zu anderen Menschen, brauchen wir in ihrer komplexen Verflechtung, um unsere Resilienz, unsere Widerstandsfähigkeit zu entfalten. Daraus, aus Ich, Du und Wir, stammt unsere Resilienz. Daraus kommen aber auch die Steine, die uns bei ihrer Entfaltung im Weg liegen. Genauer gesagt: die uns in den Weg gelegt werden und die wir uns selbst in den Weg legen. Damit, mit Persönlichkeit und Beziehung, werden wir uns im folgenden Kapitel beschäftigen, begleitet von weiteren kurzen Blitzlichtern aus den Geschichten von Madeleine, Simone, Richard und Severin. Landkarten aus der Positiven Transaktionsanalyse und Persönliche Impulse für Sie werden dabei hilfreich sein, Ich, Du und Wir in ihrer Bedeutung und ihrer Tiefe zu verstehen.

1.1 Positive Transaktionsanalyse

 Persönliche Impulse 1

Ich erinnere mich: Meine ersten Beziehungen

In den Persönlichen Impulsen dieses Kapitels wollen wir Sie dazu anregen, einige Bilder aus den frühen Jahren Ihres Lebens entstehen zu lassen. Dabei geht es um das Zusammentragen von Puzzleteilen Ihres jungen Lebens, immer unter einem bestimmten Aspekt. Sie müssen die Teile aber nicht auf einmal sammeln. Wir laden Sie ein, entsprechende Elemente Ihrer Geschichte so, wie sie in Ihnen und aus Ihnen heraus auftauchen, mit entsprechend Gefühltem, Gesehenem, Gehörtem, im Körper Empfundenem zu erinnern und zu notieren. Machen Sie das, wann immer Sie Lust dazu haben, ohne auf die zeitliche Reihenfolge zu achten. Strengen Sie sich nicht an, Erinnerungen hervorzuholen, lassen Sie sie so kommen, wie sie kommen. Bewerten Sie nicht nach scheinbar subjektiver Wichtigkeit, alles, auch die scheinbar kleinste Kleinigkeit hat ihre Bedeutung in diesen persönlichen Bildern Ihrer jungen Lebensjahre.

Mit diesem ersten Impuls schlagen wir Ihnen vor, sich an die wichtigen Personen in Ihrem Leben bis zum Alter von etwa zehn Jahren und an die Beziehungen zu erinnern, wie sie diese zwischen Ihnen und diesen Menschen erlebt haben. Diese Personen können Mutter, Vater, Großeltern, Geschwister, andere Verwandte, aber auch die beste Freundin, der beste Freund sein. Auch Lehrerin oder Lehrer, Kindergartenpädagogin, eine Nachbarin oder ein Nachbar können dazugehören. Notieren Sie Ihre Erinnerungen so, wie sie Ihnen einfallen. Weder muss das systematisch-chronologisch noch der Reihe nach sein: zuerst die Mutter, dann der Vater, dann die ältere Schwester … Damit würden Sie Ihrem Unbewussten, aus dem diese Bilder auftauchen, Fesseln anlegen.

Beginnen Sie jede Notiz mit dem Satz „Ich erinnere mich …“. Eine Fortsetzung könnte dann zum Beispiel lauten: „… an meinen Vater, wenn er abends aus der Arbeit nach Hause kam und mich zur Begrüßung hochhob. Ich war noch sehr klein, und ich kann mich gut daran erinnern, wie er roch und wie ich seine Bartstoppeln spürte, wenn ich mein Gesicht an seine Wange legte.“ Ein, zwei Sätze pro Erinnerung genügen, damit Sie so ganz allmählich das Puzzle der wichtigen Beziehungen zusammensetzen können, in denen Sie Ihre Persönlichkeit, Ihr Menschsein entwickelt haben.

Die Transaktionsanalyse (TA) ist etwas mehr als 60 Jahre alt und wurde von dem kanadisch-US-amerikanischen Sozialpsychiater Eric Berne und seinen Schülerinnen und Schülern begründet. Ursprünglich entstand sie als eine Schule der Psychotherapie mit Wurzeln in der Psychoanalyse, der Tiefen- und der Verhaltenspsychologie, beeinflusst von Gestalttherapie und Personenzentrierter Gesprächspsychotherapie. Dementsprechend lag ihr Fokus vor allem auf dem Verstehen und der Heilung psychischen Leides. Heute wird sie in vielen Bereichen professioneller Hilfestellung eingesetzt: in Beratungsprozessen, in der Paartherapie, in der Unterstützung in Lebenskrisen, im Coaching, in der Team- und Führungskräfteentwicklung, in Change-Prozessen, in der Unternehmensberatung und -entwicklung, in Pädagogik und Erwachsenenbildung.

Seit 2015 haben wir in unseren Publikationen, Vorträgen und Workshops unter dem Titel „Positive Transaktionsanalyse“ unsere spezielle Sichtweise auf die TA entwickelt. Darunter verstehen wir eine Erweiterung und Ergänzung des großen Gebäudes der Transaktionsanalyse, für das wir einige zentrale Landkarten überarbeiten und erweitern und neue hinzufügen.

Die fünf Grundaussagen der Positiven TA sind:

Der Mensch hat ein angeborenes Bedürfnis danach, in

Beziehung

mit anderen Menschen zu gehen und zu bleiben, um ins Leben hineinzukommen und sich darin zu bewegen.

Um in Beziehung zu kommen, treffen wir bewusste und unbewusste

Entscheidungen

über unser Fühlen und Denken sowie über entsprechende Handlungsweisen.

Durch

Coping

(englisch „coping“: bewältigen, überwinden, zurechtkommen) schaffen wir es, uns auf der Basis früher Entscheidungen in der Welt zu orientieren und uns mit ihr zu verbinden.

Dass wir Menschen das schaffen, verdanken wir einer

großen Kreativität

im Umgang mit uns und anderen in unserer Umwelt. Wir erschaffen uns dadurch …

persönliche Kompetenzen

und

Beziehungskompetenzen

, die von nachhaltiger

konstruktiver Wirksamkeit

sind.

Sehen wir uns diese Grundaussagen näher an. Die erste lautet: Wir haben ein lebenslanges Bedürfnis nach Beziehungen mit anderen Menschen.

Menschen und ihre Geschichten: Severin

„Amelie war der einzige Mensch in meinem Leben, von dem ich mich wirklich geliebt gefühlt habe. Und jetzt verlässt sie mich auch.“

„Meine Mutter war nicht besonders warmherzig, aber kaum war ich im Internat, habe ich sie schrecklich vermisst. Jede Minute.“

„Der Vater war nur am Wochenende da, und die Mutter hat Tag und Nacht gearbeitet. Meine wichtigsten Bezugspersonen waren meine Geschwister, vor allem die beiden großen Schwestern.“

Von dem Moment unserer Geburt an versuchen wir, uns mit anderen Menschen in Beziehung zu setzen. Wir schreien, um auf unsere Gefühle und unsere Bedürfnisse aufmerksam zu machen. Wir haben Angst, wir haben Hunger, wir fühlen uns körperlich unwohl, wir haben Schmerzen, wir sind müde, wir sind überreizt, wir erleben uns als einsam – und für all das brauchen wir jemanden, der uns hilft, damit zurechtzukommen, weil wir vollkommen hilflos und abhängig sind. Bereits in den ersten Wochen unseres Lebens lernen wir, unser Weinen und Schreien zu modulieren. Wenn wir das Glück haben, Bezugspersonen zu haben, die uns aufmerksam wahrnehmen, können diese die ersten Formen unserer Kommunikation richtig deuten: „Sie hat wahrscheinlich Hunger“, „Bist du müde, mein Schatz?“, „Ich glaube, ihm tut etwas weh“. Dann kommt der entscheidende Moment, wenn wir zum ersten Mal lächeln. Wenn Sie selbst Kinder haben, dann wissen Sie, wie überwältigend das sein kann: Meine Tochter, mein Sohn zeigt zum ersten Mal seine, ihre Zuneigung zu mir. Dann lernen wir, unsere Sprechwerkzeuge zu benutzen, wir lallen, dann plappern wir und schließlich sagen wir die ersten Worte. All das tun wir, um Reaktionen der Menschen in unserer Umwelt zu erhalten, und diese laden uns wieder zu neuen Reaktionen unsererseits ein. All das, die Entwicklung zwischenmenschlicher Beziehungen, brauchen wir, um unsere Identität, unser Ich zu entwickeln. Je wohlwollender, je liebevoller wir unsere Beziehungs-Gegenüber und je stabiler wir uns selbst dabei erleben, desto beständiger und resilienter kann unser Ich werden. Wenn wir aber mehr Ablehnung als Zuwendung erleben, wenn wir diese ersten Personen unseres Lebens, mit denen wir in Beziehung gehen, als instabil, ambivalent und möglicherweise sogar ablehnend wahrnehmen, müssen wir unseren Weg ins Leben mit schwankender und unsicherer Identität finden. In all den Beziehungen, die wir in unserem weiteren Leben eingehen, spielen diese allerersten Erfahrungen eine wichtige Rolle.

Das können wir an Severins Aussagen erkennen: Die Liebe, die ihm von seinen Eltern als Kleinkind gefehlt hat, sucht er immer wieder. Das tut er als Vorschulkind und als Schulkind, wenn er in seinen älteren Schwestern einen Mutterersatz sucht, und weiter als Junge von zehn oder elf Jahren, der seine Mutter so schmerzlich vermisst, wie das ein Kleinkind tun würde. Schließlich glaubt er, als Erwachsener dieses Beziehungs- und Liebesdefizit endlich in der Ehe mit Amelie ausgleichen zu können, nur um sich schließlich wieder als kindlich verlassen zu erfahren. Es ist so, als ob er sehr früh in seinem Leben beschlossen hätte (mehr unbewusst als bewusst), seine tiefe Sehnsucht niemals aufzugeben und immer und immer wieder nach einem Ersatz zu suchen, um diese Wunde endlich heilen zu können.

Das führt uns zur zweiten Grundaussage der Positiven TA: Wir treffen bewusste und unbewussteEntscheidungen darüber, wie wir fühlen, denken und handeln, um am besten in Beziehung kommen zu können.

Menschen und ihre Geschichten: Richard

„Ich glaube, ich habe schon sehr bald begriffen, dass mein Leben immer schwierig sein wird. Glück, das gibt es nur für die anderen.“

„Ich kann mich gut erinnern, wie ich als vielleicht Vierjähriger gestürzt bin und mir das Knie aufgeschlagen habe. Alles, was ich gedacht habe, war: Ich werde jetzt ganz sicher nicht heulen.“

„Mir kann keiner helfen. Das war immer so und wird immer so bleiben.“

Wir machen vom Beginn unseres Lebens an Beziehungserfahrungen, und wir ziehen unsere Schlussfolgerungen daraus. Natürlich geht das nicht auf der Ebene, auf der wir Erwachsene das tun, also kognitiv, sondern auf einer intuitiv-emotionalen, prä-logischen und körperlichen Ebene. Übersetzt in Sprache könnten solche Schlussfolgerungen etwa lauten: „Wenn ich Mami anlächle, dann lächelt sie so herzlich zurück, dass mir ganz warm und wohlig wird“; „Wenn ich nur lang genug schreie, dann kommt jemand. Dieser Jemand ist zwar sauer und davor habe ich Angst, aber weniger Angst, als wenn ich ganz alleine bleiben würde“; „Was ich auch tue, die begreifen nicht, was ich will. Das fühlt sich schrecklich an, mein Körper wird ganz kalt. Wenn ich ganz ruhig und passiv bin, dann wird mir ein bisschen wärmer und ich kann wieder einschlafen“.

Oft wird alltagssprachlich für solche Erfahrungen der Ausdruck „Das hat mich geprägt“ verwendet. Geprägt werden Münzen, ihnen wird ein unveränderbarer Stempel aufgedrückt. Doch so sind wir Menschen nicht, wir werden nicht passiv „gemacht“. Wir folgern etwas aus dem, was wir erleben, und auf dieser Grundlage treffen wir individuelle Entscheidungen über unser Fühlen, Denken und Handeln. Wenn Richard als kleiner Junge denkt „Ich werde ganz sicher nicht heulen“, dann tut er das auf der Grundlage von Beziehungserfahrungen, in denen er erlebt hat, dass es für körperlichen und seelischen Schmerz für ihn keinen Trost gibt. Das ist seine aktive Entscheidung, ein anderes Kind könnte sich in einer ganz ähnlichen Situation ganz anders entscheiden, beispielsweise „Ich bleibe jetzt hier liegen und weine ganz jämmerlich, bis jemand kommt und sich um mich kümmert“ oder „Ich werde jetzt rasend wütend und zertrümmere meine Spielsachen. Dann wird jemand versuchen, mich zu beruhigen“.

Prägungen wären etwas Unumkehrbares, etwas Irreversibles. Entscheidungen, die wir treffen, können wir verändern und neu entscheiden. Das ist ein Ausdruck unserer Autonomie, unserer Selbstbestimmtheit. Wenn Richard meint, dass ihm keiner helfen könne und dass das immer so bleiben werde, gibt er einer frühen Lebensentscheidung Worte. Ob das so bleibt und er weiterhin nicht bereit ist, Hilfe anzunehmen, oder ob er sich dafür öffnet, liegt in seinem eigenen Ermessen. Dass er sich damals, unter dem Eindruck schmerzlicher Enttäuschungen, so entschieden hat, hat ihm geholfen, ähnliche Frustrationen zu vermeiden. Heute hat Richard grundsätzlich die Möglichkeit, andere Wege zu gehen, um mit schmerzlichen Beziehungserfahrungen umzugehen.

 Persönliche Impulse 2

Meine Entscheidungen in meinen ersten Beziehungen

Gehen Sie noch einmal das Puzzle aus Erinnerungen an die wichtigen Menschen Ihrer Kindheitsjahre durch, das Sie in den ersten Impulsen aufgezeichnet haben. In all diesen Beziehungen haben Sie Entscheidungen darüber getroffen, was Sie über sich, über die andere Person und Ihr Verhältnis zueinander gefühlt und gedacht haben und wie Sie gehandelt haben. Richard könnte beispielsweise über die Beziehung zwischen ihm und seinem Vater sagen: Ich habe schon sehr bald herausgefunden, dass mein Vater zornig wird, wenn ich weine. Daher habe ich beschlossen, Traurigkeit nie wieder zu zeigen, auch nicht mir selbst gegenüber.

Natürlich sind unter den Entscheidungen, die Sie getroffen haben, auch gesunde und konstruktive, zum Beispiel: Meinen Großvater habe ich als die Person erlebt, der ich wirklich vertrauen konnte. Ich habe mit ihm herausgefunden, dass ich mich auf Menschen einlassen kann, die ich wirklich gut kenne.

Es kann sein, dass die Aufgabenstellung dieses Impulses nicht einfach für Sie ist. Vielleicht brauchen Sie Zeit, um das Thema ein wenig ruhen zu lassen, bis Ihnen zu der einen oder anderen Person spontan und unvermutet Ideen kommen. Wenn Sie so weit sind, gehen Sie in Ihrem Impulstagebuch zurück und tragen Sie Ihre Gedanken, Gefühle und Ihre Entscheidungen in den Beziehungen Ihrer Kindheit nach.

Lassen Sie uns diese Erinnerungen an Ihre frühen Beziehungen noch ein Stück weiter vertiefen. Die Entscheidungen, die Sie da getroffen haben, haben Sie in Prozesse Ihres Fühlens, Denkens und Handelns umgesetzt. Richard, der entschieden hat, Traurigkeit nie mehr zu zeigen, findet einen Weg, wie er das bewerkstelligen kann: Er ersetzt Gefühle von Trauer und Schmerz durch Zorn und Wut. Damit erspart er sich Demütigungen, Beschämungen und Bestrafungen – also ein sehr kluger und kreativer Coping-Prozess für den kleinen Jungen, der er damals war.

Wie war das bei Ihnen? Was für kluge und kreative Prozesse haben Sie als das kleine Mädchen, der kleine Junge entwickelt, die oder der Sie damals waren?

Klug und kreativ: Machen Sie sich das bewusst. Vielleicht kommen Ihnen diese Wege des Copings aus heutiger Sicht naiv, unbedacht oder einfach gestrickt vor. Ja, aus heutiger Sicht – doch damals waren Sie vielleicht vier oder fünf oder sieben Jahre alt, und für ein Kind dieses Alters mit entsprechend wenig Lebenserfahrungen war das sehr erfinderisch, schöpferisch, fantasievoll und gut geplant. Wenn Sie möchten, können Sie sich dafür die Anerkennung geben, die dieses Kind verdient.

Wir kommen zur dritten Grundaussage der Positiven TA: Durch Coping schaffen wir es, uns auf der Basis früherEntscheidungen in der Welt zu orientieren und uns mit ihr zu verbinden.

Menschen und ihre Geschichten: Simone

„Eines habe ich als Kind schon entdeckt: Wenn ich will, dass andere Menschen mich mögen, muss ich freundlich und tüchtig sein.“

„Ich habe gehofft, wenn ich endlich in die Schule komme, dann kann ich Mama auch so zum Lächeln bringen, wie das meine Schwester geschafft hat.“

„Ich bemühe mich so sehr, aber ich schaffe das einfach nicht. Vielleicht bin ich einfach nicht gut genug, um eine Führungskraft zu sein.“

Das heranwachsende Kind hat aus seinen Schlussfolgerungen Entscheidungen darüber entwickelt, wie es am besten im Kontakt mit wichtigen Menschen fühlt, denkt und handelt, um diese Beziehungen möglichst erfolgreich zu gestalten. Dazu gehört der Umgang mit Enttäuschungen, Frustrationen, Verletzungen, Ängsten und manchmal auch mit Gefahr bis hin zu Gewalt und Lebensbedrohung. Für diesen Vorgang ist in der Psychologie und der Psychotherapie der Begriff „Schutzmechanismus“ gängig geworden. Wir halten diesen Terminus aus zwei Gründen für unscharf: „Schutz“ impliziert eine defensive, abwehrende und tendenziell passive Haltung. Doch es geht darum, die Beziehung aktiv (mit) zu gestalten. Simone, die mit einer depressiven und in sich zurückgezogenen Mutter aufgewachsen ist, will sich nicht nur vor der Einsamkeit schützen, die so entstanden ist. Sie will aktiv in Beziehung mit ihrer Mutter kommen und wird dazu „freundlich und tüchtig“. Auch die Bezeichnung „Mechanismus“ lässt an etwas Maschinelles, Automatisiertes und in Wirkung und Ursache Eindeutiges denken und nicht an etwas von einem kleinen Menschen Geformtes. Wir verwenden daher den Begriff „Coping-Prozess“. Wie schon erwähnt bedeutet „to cope“ auf Deutsch „mit etwas fertigwerden, zurechtkommen, es bewältigen“. „Schutzmechanismus“ meint einen Vorgang, der eher eine psychische Störung beschreibt, „Coping-Prozess“ ist wertfrei etwas, das wir das ganze Leben lang durchlaufen, wenn wir mit Belastungen, Überforderungen, Stress, Krisen, Traumata zurechtkommen, mit ihnen fertig werden, sie bewältigen wollen. „Ich habe gehofft, dass ich Mama zum Lächeln bringen kann“, sagt Simone. Später werden wir erfahren, was sich das kleine Mädchen alles dafür einfallen ließ: Sie hat Bilder für ihre Mutter gemalt und ihr vorgeturnt und vorgetanzt. Das ist kein „Mechanismus“, den sie da aktiviert, das ist ein komplexer innerer Prozess, mit dem sie sich helfen will, in Beziehung mit ihrer Mutter zu kommen und zu bleiben.

Dieser Coping-Prozess verdient es, anerkannt und wertgeschätzt zu werden. Darüber haben Sie schon in den Persönlichen Impulsen 2 nachgedacht und nachgefühlt.

Unmittelbar an die Würdigung unserer Coping-Prozesse schließt sich die vierte Grundaussage der Positiven TA an: Die Wege, die wir entdecken, um mit schwierigen und schwierigsten Beziehungssituationen umzugehen, verdanken wir unserer ausgeprägten Kreativität im Umgang mit uns selbst und mit anderen.

Menschen und ihre Geschichten: Madeleine

„Unsere Eltern konnten sich schon sehr früh darauf verlassen, dass ich auf meine Schwester achten würde. Ich habe Kinderlieder auswendig gelernt, um sie ihr vorzusingen und sie so zu beruhigen.“

„Papa hätte lieber auch einen Sohn gehabt, nicht zwei Töchter. Daher bin ich mit ihm ins Fußballstadion gegangen, da waren damals noch überhaupt keine Frauen oder Mädchen. Und Montagmorgen habe ich die Ergebnisse der Liga Eins in der Zeitung gelesen, um mit ihm beim Frühstück darüber reden zu können.“

Madeleines Coping-Prozesse beruhen im Wesentlichen auf drei Fundamenten: Sie ist ihrem Alter voraus, was Verantwortlichkeit betrifft, sie entwickelt ihre intellektuellen Fähigkeiten früh und eignet sich Aspekte von (in der damals gesellschaftlich gängigen Sichtweise) männlichem Rollenverhalten an. Natürlich ist all das überfordernd und verlangt von ihr, ihre Identität und ihre Autonomie, ihr eigenes Menschsein, ein Stück weit zu reduzieren. Vielleicht ist Ihnen das nicht fremd – sich an manchen Punkten, in manchen Beziehungen und Situationen, ein wenig zu verbiegen und von sich selbst zu entfernen. Das kommt Ihnen womöglich ganz selbstverständlich vor. Doch sehen wir einmal genau hin, wie viel Ideenreichtum und Kreativität in einem Kind steckt, das sich auf etwas einlässt, was bei genauem Hinsehen ganz wesensfremd ist: Ich werde jetzt nicht mehr so sein, wie ich bin, sondern genauso, wie ich glaube zu verstehen, dass Papa mich haben will. So eine charakteristische fantasievolle Kreativität haben wir alle schon als Kinder, wenn es darum geht, in Beziehung mit wichtigen und geliebten Menschen zu kommen und in diesen Beziehungen bleiben zu können. Natürlich haben wir dieses Potenzial auch als Erwachsene. Es ist Teil unserer Resilienz.

Die fünfte und letzte Grundaussage der Positiven TA ist das Resümee aus den bisherigen vier: Aus unseren kreativ entwickelten Coping-Prozessen schaffen wir uns persönliche Kompetenzen und Beziehungskompetenzen, die nachhaltig und konstruktiv wirksam sind.

Diese fünfte Grundaussage ist die zentrale und bestimmende. Sie erklärt, warum wir unserer Denkrichtung den Namen Positive Transaktionsanalyse gegeben haben. Viele spezielle Psychologien haben ähnliche Denkweisen über die Entwicklung der menschlichen Psyche und insbesondere ihrer Leiden und ihrer Erkrankungen: In der Kindheit müssen Menschen unter dem einengenden, manchmal traumatisierenden Einfluss ihrer Eltern ihre Autonomie einschränken und entwickeln so Neurosen, Depressionen, Ängste, Persönlichkeitsstörungen und narzisstische Krankheitsbilder. Diese Sichtweise finden wir in der klassischen Psychoanalyse und anderen tiefenpsychologischen Denkrichtungen, in humanistischen Ansätzen wie der Gestalttherapie, in integrativen Schulen und auch im herkömmlichen Verständnis der Transaktionsanalyse. Wir denken, dass diese Perspektive zu sehr auf Störung, auf Pathologie, auf Krankheit und deren Heilung fokussiert ist. Sicher, wir setzen die Coping-Prozesse aus unserer Kindheit, die Arten und Weisen, die wir uns erarbeiten, um unter schwierigen Bedingungen zurechtzukommen, oft ins Erwachsenenleben fort. Dort können sie sich destruktiv und lebenseinschränkend auswirken, wie wir an unseren vier Menschen und ihren Geschichten bereits in Ansätzen gesehen haben. Doch diese Coping-Prozesse sind in unseren frühen Lebensjahren sehr funktional, mit ihnen helfen wir uns, in Beziehung zu kommen und bleiben zu können. Wir zahlen oft einen hohen Preis dafür, weil wir dadurch unsere Möglichkeiten und unsere Selbstbestimmtheit einschränken. Doch diese Prozesse sind, wie gesagt, Ergebnis unserer beeindruckenden Kreativität. Die Intention dahinter ist immer eine gesunde und konstruktive: Wir wollen in Beziehung kommen und so unsere Identität entwickeln und umgekehrt. Mit unseren Coping-Prozessen erschließen wir uns Quellen unserer Persönlichkeit, die von unschätzbarem Wert sind. Mit dieser Sichtweise fokussieren wir in der Positiven TA auf das Gesunde statt auf das Krankmachende und damit auf die besonderen Potenziale und die spezifischen Ressourcen des jeweiligen Menschen.

Wenn wir menschliches Fühlen, Denken und Verhalten und menschliche Beziehungen verstehen wollen, können wir dafür zwei unterschiedliche Bezugsrahmen einsetzen: einen negativen, der auf Pathologie, auf Störung hin orientiert ist, und einen positiven, der auf die gesunden und konstruktiven Anteile ausgerichtet ist. So könnten wir störungsorientiert über Severin sagen: Er sucht sein Leben lang nach einer liebenden Mutterfigur, um sein frühes traumatisierendes Beziehungsdefizit nicht loslassen und betrauern zu müssen. Daher gelingt es ihm nicht, eine erwachsene Beziehung zu einer Frau auf Augenhöhe einzugehen. Um diese (fantasierte) Mutterfigur nicht zu verlieren, geht er Konflikten aus dem Weg und verhält sich überangepasst. Lassen Sie uns stattdessen den anderen Bezugsrahmen verwenden und den konstruktiven Kern von Severins Coping-Prozessen untersuchen. Sie waren in seiner Kindheit hoch funktional und haben ihm geholfen, weniger einsam zu sein. Dabei hat er viel Bereitschaft entwickelt, starkes Engagement in Beziehungen einzubringen und die Bedürfnisse anderer Menschen ernst und wichtig zu nehmen. Manches davon ist in seinem Erwachsenenleben dysfunktional geworden: Er nimmt sich und seine Bedürfnisse weniger wichtig als die seiner Frau und er idealisiert sie zu einer übermenschlichen Figur („der einzige Mensch, von dem ich mich wirklich geliebt gefühlt habe“). Doch wir rücken diesen dysfunktionalen Gesichtspunkt nicht ins Zentrum seiner Persönlichkeitsentwicklung. Unter dem Blickwinkel des Defizits können wir nur schwer zu der Schatzkammer der Entfaltung seiner Resilienz gelangen. Viel hilfreicher ist es, die persönlichen Kompetenzen und die Beziehungskompetenzen, die Menschen bereits entwickelt haben, zu fördern. Diese beiden, Severins Bereitschaft zu hohem Engagement und sein starkes Interesse an anderen Menschen, machen den Kern seiner persönlichen Resilienz aus. Von dort aus werden wir mit ihm gemeinsam darangehen, diese zu entfalten, damit er die Trennung von Amelie bewältigen kann.

Welche persönlichen und Beziehungskompetenzen könnten die anderen drei Personen aus ihren kreativen Coping-Prozessen entwickelt haben? Richard hat Durchhaltevermögen und Zielstrebigkeit gelernt, Simone ist sehr einfallsreich und vielseitig, wenn es darum geht, andere Menschen kommunikativ zu erreichen. Madeleine schließlich kann gut Verantwortung für andere übernehmen.

Wir alle haben in unseren Coping-Prozessen Kompetenzen entwickelt, die wir an einem speziellen Ort unseres Ichs bereithalten: Eric Berne, der Begründer der Transaktionsanalyse, verwendet dafür die Bezeichnung „Kleiner Professor“. Dort bilden wir die intuitiven und prä-logischen Prozesse, die zum Ausdruck unserer kindlichenResilienz werden. Diese wiederum ist der Nukleus unserer erwachsenen Resilienz. Im nächsten Abschnitt, wenn es um menschliche Persönlichkeit geht, werden wir den Kleinen Professor und sein Zusammenwirken mit anderen Instanzen des Ichs näher kennenlernen.

Bevor wir Sie zu weiteren Persönlichen Impulsen einladen, zeigen wir Ihnen in einer Zusammenstellung noch einmal die fünf Grundaussagen der Positiven Transaktionsanalyse:

Abb. 1: Die fünf Grundaussagen der Positiven Transaktionsanalyse

1.2 Die Psychologie unseres Ichs

Menschen und ihre Geschichten

„Kommen Sie mir nicht so! Wollen Sie mir vielleicht auch meine Gefühle verbieten?“

Richard zum Therapeuten, Einzeltherapie, 9. Sitzung

„Der Oberarzt hat mich total fertig gemacht, als er gehört hat, dass ich das Interferon abgesetzt habe! Jetzt schlägt er mich, habe ich mir gedacht. Wenn meine Beine mich getragen hätten, wäre ich davongelaufen.“

Richard, Einzeltherapie, 12. Sitzung

„Eines ist mir ganz klar geworden: Das Interferon wird mich begleiten, solange ich lebe. Das ist kein böser fremder Stoff, den ich meinem Körper da zuführe. Es hilft mir, und es ist ein Freund.“

Richard, Einzeltherapie, 21. Sitzung

„Ich habe mir gedacht, jetzt mach’ ich es endlich richtig, und habe Amelie ein teures Schmuckstück gekauft. Danach habe ich mich sehr wohl gefühlt, ich konnte ja nicht wissen, dass es nicht funktionieren würde.“

Severin, Einzeltherapie, 5. Sitzung

„Ich habe einen tiefen Groll auf Amelie. Ich will nie mehr etwas mit ihr zu tun haben. Verzeihen werde ich ihr wohl nie. Wenn ich sie auf der Straße treffen würde, würde ich ohne Gruß an ihr vorbeigehen.“

Severin, Einzeltherapie, 5. Sitzung, zehn Minuten später

„Wenn ich an den Anfang unserer Beziehung denke, werde ich sehr traurig. Ich möchte Ihnen gerne davon erzählen. Damals habe ich mich so lebendig gefühlt wie noch nie. Ich war so neugierig auf dieses gemeinsame Leben, auf alles, was wir noch erleben würden.“

Severin, Einzeltherapie, 19. Sitzung

„In der ersten Zeit nach dem Unfall war ich wie ferngesteuert, ich habe einfach nur funktioniert. Als Muttermaschine, so kommt es mir heute vor.“

Madeleine, Einzeltherapie, 1. Sitzung

„Wie konnte sie mir das antun, einfach zu sterben? Jetzt sitze ich da mit meinen Schuldgefühlen.“

Madeleine, Einzeltherapie, 4. Sitzung

„Was waren wir doch damals für lustige und übermütige Mädchen!“

Madeleine, Einzeltherapie, 14. Sitzung

„Ich weiß jetzt, dass mein Leben weitergeht. Natürlich bin ich für meine Kinder verantwortlich – und auch für mich selbst.“

Madeleine, Einzeltherapie, 32. Sitzung

„Ich bin zwar jetzt als arbeitslos gemeldet, doch ich möchte unsere Gespräche auf jeden Fall fortsetzen. Das Selbstvertrauen, das ich daraus gewinne, brauche ich gerade jetzt sehr.“

Simone im Video-Coaching, 10. Sitzung

„Ich bin so verzweifelt. Ich weiß nicht, ob mir das alles noch was bringt. Solange Covid nicht vorbei ist, wird mein Leben wohl nie gut werden.“

Simone im Video-Coaching, 11. Sitzung

„Ich habe meinen Papa ja nie kennengelernt, aber immer, wenn es mir ganz schlecht gegangen ist, habe ich mir vorgestellt, dass er da ist und mich tröstet.“

Simone, Einzel-Coaching, 20. Sitzung

Wie widersprüchlich Menschen doch sein können, manchmal, wie Severin, auch innerhalb von wenigen Minuten. Sie kennen das sicher von sich selbst und von anderen Personen in Ihrem Umfeld. Doch trifft es das Wort „widersprüchlich“ wirklich? Denn wir nehmen uns ja immer als ein zusammengehöriges „Ich“ wahr, als wir selbst, so unterschiedlich und manchmal paradox wir uns auch im Fühlen, im Denken und im Handeln erleben mögen. „Vielfältig“ und „reichhaltig“ treffen es besser. Wir alle kennen das Wort „ich“ als Personalpronomen, als die individuelle Bezeichnung für mich, für meine Person. Doch was wird unter dem „Ich“ als Substantiv, als Nennwort, verstanden? Sehen wir uns das in der ersten Landkarte dieses Buches näher an.

 Landkarte aus der Positiven Transaktionsanalyse 1: Ichzustände – von Sigmund Freud zu Eric Berne

Sigmund Freud beschrieb die Gesamtheit der menschlichen Persönlichkeit in seinem bekannten Instanzenmodell (1923): Darin stellt das unbewusste Es die Basis der Psyche dar, beherrscht durch Grundbedürfnisse und Triebe. Das Ich, das bewusst und vorbewusst arbeitet, stellt die Beziehung zwischen dem Es und der Außenwelt her, indem es wahrnimmt, erinnert, denkt und fühlt. Freud definiert dieses Ich als „die Vorstellung von einer zusammenhängenden Organisation der seelischen Vorgänge in einer Person“ (S. 243).

Das Über-Ich ist die Instanz, die für Gewissen, Moral, Werte und Normen, Gebote und Verbote zuständig ist. Das menschliche Leben besteht aus einer konstanten Auseinandersetzung zwischen den drei Instanzen, wobei das Ich die Rolle eines Vermittlers einnimmt.

Freuds Schüler Alfred Adler, ein Wiener Arzt und Psychoanalytiker, konzentriert sich hauptsächlich auf die Instanz des Ichs und gerät dadurch in deutlichen Widerspruch zu Freud. In seinem Werk Über den nervösen Charakter (1912) denkt er als Erster in Richtung einer eigenständigen, von anderen inneren Instanzen unabhängigen Psychologie des Ichs, die er „Individualpsychologie“ nennt. In Adlers Sichtweise ist das Ich nicht mehr Vermittler zwischen Trieben und Gewissen, sondern der zentrale innerpsychische Faktor der Persönlichkeit schlechthin. Auch Freuds Tochter Anna richtet ihre Aufmerksamkeit ab den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts auf das Ich und die Abwehrmechanismen zu dessen Schutz. Zwei weitere Freud-Schüler, die beide vor dem Nationalsozialismus in die USA emigrieren müssen, tragen entscheidend zur Weiterentwicklung der Ich-Psychologie bei: Heinz Hartmann und Paul Federn.

Federn (1952) beschreibt genau das Phänomen, das wir oben anhand der Aussagen von Richard, Madeleine, Simone und Severin erörtert haben: Wir können höchst unterschiedlich fühlen, denken, handeln und empfinden und erfahren uns doch konstant als „Ich.“ Dieses unser Ich kann also verschiedene Zustände (Ichzustände, auf Englisch „ego states“) einnehmen.

Eric Berne, der Begründer der Transaktionsanalyse, lernt Paul Federn im Zuge seiner psychoanalytischen Lehranalyse kennen und übernimmt das Konzept der Ichzustände. Zum ersten Mal beschreibt er es 1957 in seinem Artikel „Ego States in Psychotherapy“ und baut es zum Kern seines psychologisch-psychotherapeutischen Denkens aus.

Wir können einen Ichzustand als ein in sich zusammengehöriges System in uns selbst verstehen, in dem wir unsere Persönlichkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt zum Ausdruck bringen. Dieses System besteht aus einer Verknüpfung von Fühlen, Denken und Verhalten. Sehen wir uns das anhand von Severins Beispiel und seinen Aussagen vom Anfang des Abschnitts an. Er sagt: „Ich habe mir gedacht, jetzt mach’ ich es endlich richtig, und habe Amelie ein teures Schmuckstück gekauft. Danach habe ich mich sehr wohl gefühlt.“ Damit beschreibt er alle drei Elemente eines Zustands seines Ichs: Er fühlt sich „sehr wohl“, wenn er denkt, dass er „es endlich richtig machen“ werde, und er kauft ein teures Schmuckstück.

Fünf Minuten später scheint er in einem ganz anderen Zustand seiner Persönlichkeit zu sein: „Ich habe so einen tiefen Groll auf Amelie. Ich will nie mehr etwas mit ihr zu tun haben. Verzeihen werde ich ihr wohl nie. Wenn ich sie auf der Straße treffen würde, würde ich ohne Gruß an ihr vorbeigehen.“ Er fühlt sich sehr verletzt, hegt feindselige Gedanken und plant entsprechendes Handeln.

Einige Monate später erleben wir ihn noch einmal in wieder einem anderen Ichzustand: „Wenn ich an den Anfang unserer Beziehung denke, werde ich sehr traurig. Ich möchte Ihnen gerne davon erzählen.“ Wieder eine Einheit aus Fühlen, Denken und Verhalten: Severin denkt an den Anfang der Beziehung, fühlt sich traurig und erzählt darüber.

Eric Berne definiert drei Ichzustände und nennt sie Kind-Ichzustand (abgekürzt K), Eltern-Ichzustand (EL) und Erwachsenen-Ichzustand (ER). Aus heutiger Sicht, auch aufgrund der Erkenntnisse der Neuropsychologie, können wir bei K und EL von zwei Clustern sprechen, die jeweils eine Vielzahl von thematisch ähnlichen Ichzuständen enthalten: solche, die wir aus unserer Kindheit ins Erwachsenenleben mitnehmen, und andere, die unmittelbar mit den wichtigen Bezugspersonen unserer Kindheit, vor allem mit unseren Eltern, zu tun haben. Wenn wir auf vielfältige Art und Weise fühlen, denken und handeln, wie es uns als erwachsenen Menschen unseres Alters, unseres Geschlechts, unseres Bildungs- und sozialen Hintergrundes und unserer Lebenserfahrung entspricht, können wir selbstbestimmt in einem zusammengehörenden Ichzustand über eine Vielzahl an Optionen verfügen – im Erwachsenen-Ichzustand.

Grafisch werden diese drei Ichzustände (oder Cluster von Ichzuständen) als drei senkrecht übereinander gestellte Kreise dargestellt, die einander berühren.

Abb. 2: Ichzustände: Die Struktur unserer Persönlichkeit

Kind-Ichzustände

Hier beginnen wir die Reise unseres Lebens, hier liegt der Ausgangspunkt, von dem aus wir am Du zu unserem Ich werden. Wir bringen schon einiges an Potenzialen in dieses Leben mit, vor allem natürlich unseren Körper mit der Fähigkeit, zu wachsen, sich zu entwickeln und zu lernen, uns zu bewegen. Auch zwei elementare psychische Bestrebungen sind von Anfang an da: unsere Vitalität, also unsere Energie zu leben und in dieses Leben hineinzuwachsen, und eine unstillbare Neugier. Diese lässt uns unseren Kopf heben und drehen, greifen, uns fortbewegen, vom Krabbeln zum Laufen. Sie lässt uns die Welt entdecken und so zwei Grundbedürfnisse befriedigen – das nach Aufmerksamkeit und Zuwendung und das nach sozialer Beziehung. Diesen innersten Kern nennt Eric Berne das „Kind im Kind“ oder auch „somatisches (körperliches) Kind“.

Von Anfang an machen wir Erfahrungen mit unseren Eltern und anderen wichtigen Bezugspersonen. Noch bevor wir irgendetwas von dem verstehen, was sie uns sagen oder was sie von uns wollen, verinnerlichen wir sie so, wie wir sie erleben, in unserem Ich. Das hilft uns, sie wiederzuerkennen und frühe Formen unserer Beziehung zu ihnen herzustellen. Wir können sie noch nicht als Menschen im umfassenden Sinn wahrnehmen, sondern eher als allmächtige Figuren, die alles können und alles wissen. Berne nennt diese frühe elterliche Instanz im Kind-Ichzustand „magic parent“, die Elternperson, der wir magische Fähigkeiten zuschreiben.