Das Joch - Vicki Baum - E-Book

Das Joch E-Book

Vicki Baum

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Beschreibung

Kein Grand Hotel, aber ein Gasthof auf der Passhöhe mit Blick auf die Berge und Gletscher – das ist der Schauplatz von Vicki Baums früher Novelle. Die Damen Geheim- und Kommerzienrat sind hier in der Sommerfrische, übers Wochenende kommen die Herren aus der Stadt. Just als der Margarinefabrikant Giesinger sich von seiner Gemahlin am Bahnhof verabschiedet, tritt Florentin auf den Plan, ein tatkräftiger junger Mann, auch Baron genannt, der endlich die Erstbesteigung der Roten Nadel wagen will. Schon auf dem Weg zum Gasthof staunt er über diese ins Spiel am Bach versunkene Frau. Als die beiden am selben Abend auf dem Balkon, Wand an Wand, einander atmen hören, nimmt eine zärtlich-übermütige Liebesgeschichte ihren Anfang, die in höchste Lüfte entführt, wo, man ahnt es, auch der Abgrund lauert. Mit Das Joch, erstmals 1922 erschienen, erweist die passionierte Bergwanderin und kritische Bergtouristin Vicki Baum ihren geliebten Alpen alle Ehre. Dazu sticht in diesem Frühwerk, das schon im Titel auch die Mühen der Ehe andeutet, bereits die Wahrnehmungsschärfe, Ironie und das Lebensthema der späteren Schriftstellerin von Weltrang hervor: die Dringlichkeit zu einem anderen Leben.

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Seitenzahl: 92

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Vicki Baum

Das Joch

Novelle

Atlantis

Thomas Mann in Verehrung zugeeignet

Als Florentin auf der Passhöhe den Zug verließ, griff Bergluft stark in sein Gesicht. Gleich sah er nach dem Zwölferkopf, sein Auge war schon bereit, die vertraute Kontur in sich aufzunehmen. Die Häupter standen da wie Freunde, in goldenen Nachmittagsnebel hintereinander geschichtet. Auf alten Tarockkarten sehen Berge so aus, so naiv an Perspektive, so klein und blau ins Ferne wandernd. Das Joch zwischen Zwölferkopf und der Roten Nadel war von einer tiefen, einzeln schwebenden Wolke verdeckt, auch die Rote Nadel streckte ihr spitzes Dolomitgezacke nur da und dort zwischen Dunst und Glast hervor. Man wird bis zum Vollmond warten müssen, der trinkt die Nebel, dachte Florentin, aber es war ein wenig Ungeduld in seinem Herzen.

Unter seinem Fuß knirschte heimatlich der rote Kies, wie er nach vorne ging, auf sein Gepäck zu warten. Die Maschine ruhte vom Anstieg aus und trank durstig das kalte, berghergeleitete Wasser. Die Luft war wie eine starke Hand, auch schmecken konnte Florentin sie nun, sie war bitter, er liebte diesen Geschmack über alles. Schafgarben, dachte er und erinnerte sich. Sie wuchsen am kleinen Stationsgärtchen entlang und waren nicht weiß wie im Tal, sondern so, als spiegle rote Sonne in ihnen. Es waren keine roten Blumen, es waren Blumen, die erröteten. Im Gärtchen grüßte eine blaue Vorstandsmütze militärisch. »Auch wieder im Land, Herr Baron?« fragte der Stationschef und freute sich augenscheinlich. »Viel Fremde hier?« fragte Florentin. »Es geht. Wenn wir mit zwei Maschinen fahren, können wir die Ehemänner grad noch schleppen.«

Florentin lachte kurz durch die Nase und schaute am Zug entlang.

Da waren die Ehemänner und nahmen langwierigen Abschied. Am Sonnabend kommen sie an, bringen ihre abgehetzten Kontorgesichter, ihre Erwerberhände, ihre Besitzermienen zu ihren Frauen. Aus braunen Ledertaschen ziehen sie Aufmerksamkeiten, sie berichten von Streit mit Köchinnen, vertauschter Putzwäsche, Ärger im Geschäft. Sie stoßen biedere beschlagene Stöcke in Spazierwege, spucken Rauch teurer Zigarren in die herbe Bergluft, im Gasthof verlangen sie Wein und bringen die Gattinnen, die Wirtstöchter, die Kinder zum Lachen. Nach dem Abendessen werden sie schweigsam, nehmen die Frau am Arm zu einem kleinen Verdauungsspaziergang. Durch Tannen hin und bis zum Tafele hinauf wandern rotglimmende Zigarrenspitzen. Nachher gesellen sie sich zu Skat und Tarock. Gattinnen gähnen vorwurfsvoll, die Ehemänner werden wieder schweigsam; über knarrende Holztreppen zieht man langsam ab. Vor zuklappende Türen werden verheiratete Stiefelpaare gestellt …

Am Sonntag stehen Gatten und Gattinnen spät auf, die Männer sind alle frisch rasiert, die Frauen tragen weiße Batistblusen, die mit echten Spitzeneinsätzen sich nicht den Lodenröcken gesellen wollen. Das Mittagessen enthält einen Extragang. Nachmittag kegelt man, liegt gähnend in Arnikawiesen, schaut die Berge an und sieht sie nicht. Es wird ein wenig langweilig. Langkofler, der Wirt, klappert mit Ketten hinter dem Haus und schirrt den Omnibus an. Die braunen Ledertaschen werden gepackt, die biederen Stöcke wandeln ihres Weges. Liesele rumpelt mit dem Omnibus zur Bahn. Und da stehen die Braven nun und nehmen Abschied bis zum nächsten Sonnabend. Moze, der Dorftrottel, präsentiert seinen Kropf und spielt traurige Dinge auf einer zahnlosen Mundharmonika dazu.

Zugentlang wurde umarmt und geküsst. Florentin sah mit einem etwas abgestoßenen Lächeln daran vorbei und dachte: Ob diese Frauen eigentlich in einer Fabrik hergestellt werden? Sie sehen aus, als wären sie immer zum Dutzend gepackt in Schachteln gelegen. Oben schob ihnen die gleiche Modefrisur eine gewellte Strähne in die Stirne; unten bewegten sie sich auf den gleichen gelben Bergschuhen, die etwas zu klein waren und etwas zu hohe Absätze hatten. Dazwischen lag auch nichts Wesentliches.

»Möchte wissen, wieviel Kilometer die Weiber in solchen Stiefeln machen können?« fragte er den Stationschef. »Die bleiben ja doch unten, weiter als bis zum Tafele geht keine«, sagte der und pfiff ein Signal; die Ehemänner verschwanden in ihre Coupés, um gleich darauf Fenster herabzulassen, echauffierte Köpfe und zärtlich tätschelnde Hände herauszustecken. »Hübsches Mädchen«, sagte Florentin und wies mit dem Kinn auf eine, die vor der ersten Klasse stand.

»Frau Giesinger aus München. Die große Margarinefabrik«, sagte der Stationsvorstand; er war Reserveoffizier, das fiel ihm immer ein, wenn er mit Florentin sprach, und verpflichtete ihn zu elegant verkürztem Tonfall. »Frau? Aber jung. Sehr hübsch«, wiederholte Florentin nicht ohne Anerkennung.

Frau Giesinger stand vor dem Wagen, und was sie von den anderen Frauen unterschied, war nur eine Nuance. Ihr Haar sah man nicht, es war unter einen blauen Schleier gebunden, aber es ließ die Stirne frei; die Hand- und Fußfesseln waren sehr schmal, fast kränklich zart. Und während die anderen Frauen ein leeres Lächeln ihren Männern entgegenhielten, hörte sie mit einem kindlich ernsthaften Ausdruck zu, was Herr Giesinger am Fenster ihr mitzuteilen hatte. »Hauptsächlich darf Fraule keine nassen Füße bekommen«, sagte er; »lieber einmal Galoschen anziehen –« Da hustete die Lokomotive; Taschentücher nahmen Abschied. Florentin bekam etwas auf den Fuß geworfen, es war sein Gepäck. Er hatte vergessen, sich darum zu bekümmern. Aus dem ersten Klasseabteil flatterte eine Kusshand, eine Glatze fuhr wie eine Signalscheibe neben dem fortlaufenden Zug zu Tal.

Was für ein Scheusal von Mann, dachte Florentin, und tat damit dem guten Herrn Giesinger schweres Unrecht. Und schade, dass sie zu viel Ringe trägt …

Langkofler hielt ihm große Willkommenspranken entgegen, er hatte nackte Knie und Fußgelenke und sah ganz aus, als wäre er aus unzerreißbaren, ungebleichten Seilen gedreht. Liesele klingelte einladend mit Glöckchen an ihrem roten Netz und spitzte lange Maultierohren.

»Sollst auch Zucker haben, Liesele. Grüß Gott, Liesele«, sagte Florentin; die weichen Tierlippen liebkosten so freundlich seine Hand. Die junge Frau mit dem blauen Schleier stand etwas abseits und schaute aufmerksam zu wie ein artiges kleines Mädchen; sie hatte braune Augen, mit Gold gesprenkelt, die schauten ernsthaft und staunend und erwartungsvoll zu. Langkofler frachtete Ehefrauen in den Omnibus, es war überraschend, wie viele von der dicken Sorte darin Platz hatten. »Ich gehe zu Fuß«, sagte Florentin entsetzt; »ich bin in einer Stunde oben, Langkofler; die Frau soll mir einen ordentlichen Sterz kochen.« Langkofler wies erfreute Zähne, Florentin hob mit einem Schwung seine beiden Koffer auf das Omnibusdach. Auch dies besah Frau Giesinger aufmerksam, ernst und verwundert. Aber als Liesele davonklingelte und Florentin sich zum Gehen wandte, war der blaue Schleier unsichtbar geworden.

Die Stille war mit einmal so tief, nun, da Zug und Wägelchen verschwunden waren. Man konnte einen Vogel rufen hören, und am Wiesenrain hin gluckste heimlich ein kleines Wasser. Die zwölf Bergköpfe waren noch ganz Helle und Sonnenschein und vergoldeter Dunst, bis zum Joch herab, auch die dicke weiße Wolke leuchtete; aber am Jochgrund stand schon der Abend, schattete über den Pass, packte das Tal ein, wie Kinder vor dem Schlafengehen ihr Spielzeug verpacken.

Erst faltete er die Bergwiesen zusammen, dass sie blau und ohne Bug wurden, strich die Hänge glatt, stellte eine, nur eine einzelne Föhre abseits, mit schwarzen Zweigen an den Himmel gelehnt. Dann kamen die einsamen Höfe dran, die winzigen, mit den flachen Dächern, vom Flickwerk kleinster Felder umgeben: Der Abend nahm sie, steckte sie in seine Manteltaschen; sie waren fort. Eine Dorfglocke betete so fromm zum Feierabend, auch der Wald wollte nun schlafen gehen. Der Abend stieg ein wenig höher die Berge hinauf, er stand nun da oben, schaute zu Tal und atmete zufrieden. Davon kam Kälte bergabwärts, ein kleiner Schauer, der nach Gletschereis schmeckte und auch nach besonntem Holz –, wie liebte ihn Florentin, diesen Hauch des Abends –, die Gräser beugten sich, Zweige regten sich schon träumend, der Vogel verstummte im Irgendwo: Dann war es noch stiller.

Im Stationsgärtchen wurde eine friedliche Gießkanne beiseitegestellt, unintelligente Sonnenblumen begaben sich zur Ruhe, und der Vorstand fragte über den Zaun hin: »Und wollen Sie denn heuer Ernst machen mit der Roten Nadel?«

»Ja«, sagte Florentin und war gleich ganz wach. »Heuer muss sie dran glauben; es hat es doch niemand versucht inzwischen, was?«

»Versucht, gewissermaßen, Herr Baron; es war ein Herr aus Berlin da, bis zu der zweiten Wand ist er gekommen – man kann sie nicht sehen jetzt, es ist zu vernebelt –, aber Sie kennen sie ja, was? Der Jochhauser hat ihn dann heruntergebracht, er war auf Gemsen hinaufgestiegen.«

»War denn was passiert?«

»Ach nein, nicht der Rede wert; den Arm gebrochen und den Hosenboden zerrissen.«

»Ja, ja, die Berliner Hosenböden«, sagte Florentin und lachte wieder ein kurzes, belustigtes Lachen. »Wenn man Erstbesteigungen mit dem Mund machen könnte –«

»Die Rote Nadel ist schon ein Luder. Hinaufgelassen hat sie noch keinen; aber heruntergefallen sind schon mehr – sie haben hier einen Aberglauben – ja – Courage gehört schon dazu –«

»Ach was! Nur der Wetterwinkel gefällt mir nicht. Da heißt’s warten.«

»Ja, um die Stella murrt es schon die ganze Woche; da hinnen ist Wetterleuchten jede Nacht. Aber es ist ja bald Vollmond –«

»Nun, ich muss gehen, sonst brennt der Langkoflerin mein Sterz an; ich geh den Richtsteig; gute Nacht.«

Die Mütze grüßte wieder militärisch. Hm, hm, hm, dachte der Stationsvorstand und schaute hinter Florentin drein, der schnell im Abend kleiner wurde, bis Wald ihn eingeschluckt hatte. Solche wie den mochte der Stationsvorstand, feine Männer, die immer freundlich waren und lustig, die Sterz aßen, generationenalte Lederhosen trugen und loszogen mit dem echten, ruhigen, langen, kniefedernden Berggängerschritt.

Florentin zieht dahin und hat sein Waldgesicht, er spürt es selbst, es ist sein Gesicht, sein eigenes. In der Stadt hängt ein anderer Florentin im Schrank, ein nachgemachter, einer für die Welt und die Frauen, ein etwas satter, etwas zu kennerhafter, ziemlich berüchtigter Florentin, er hängt da neben sehr gutgeschnittenen Fräcken und hat ein paar Wochen Ruhe. In Gedanken sieht Florentin ihn da hängen, mit gestreckten Hosenbeinen und leerbaumelnden Ärmeln, so genau, dass er lachen muss. Hülsen fallen ihm vom Herzen. Es riecht herrlich nach blühenden Kronsbeeren, vielleicht sogar nach Speik. Aber das ist Einbildung. Speik wächst höher. Wie liebe ich den Bergwald, denkt Florentin, wie liebe ich ihn. Immer ist es wie Heimkommen, immer ist es, als trete man in ein Tor ein, nach dem große Sehnsucht aus war. Vielleicht dass Klostertore so sind wie die ersten Bäume im Bergwald. Lieber Bach, lieber Geselle, wie wipfelt wilder Hopfen dich so grün in den Moosgrund ein; die Forellen schlafen schon, ganz still und reglos an die Steine gelehnt; ein kleiner Himmel von roten Sternen wächst ihnen an den Flanken; sie trinken Gletschersilber den ganzen langen Tag. Die Föhren sind so weitgespannt, sie schweigen wie nichts auf der Welt. Dann rauscht ein Milan mit großen, leisen, gelben Schwingen auf. Die Hände werden nass von Tau, man breitet die Handflächen der Luft hin, sie empfangen Tau, man lässt sie durch Farne streifen, tausend nasse, verliebte, goldbraune Samen rieseln auf die Finger. Man trinkt den Tau ein, man kann ihn schmecken, bitter, herb und wie Südwind schmeckt. Erde küsst die Sohlen, ja wie ein Küssen ist dies Gehen über nachgebendes, duftendes Moos. Am Schlag liegt noch etwas Helle, da riecht es wie Tag: Erdbeeren und harziges Holz. Im Tal sind die Erdbeeren längst vorbei. Die letzten aß man beim Gartenrout der kleinen Gräfin Arkis. Unsinn. Lieber Wald, lieber Abend, liebes, liebes Vergessen.