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Im Frühjahr des Jahres 2015 ist der Autor mit dem Fahrrad von Gotha nach Rom gefahren. Er hat die Pilgerreise einer inneren Eingebung folgend, allein mit Fahrrad und Zelt unternommen. Dabei folgte er dem mittelalterlichen Pilgerweg des Abts von Stade, den dieser im 13. Jahrhundert von Rom zurück nach Deutschland gepilgert ist. Der vorliegende Bericht über die neuzeitliche Pilgerreise bezieht sich weniger auf die detaillierte Beschreibung des Wegs, als auf die inneren Prozesse, die dieser Weg im Autor auslöst. Er setzt sich intensiv mit der Frage nach seiner wahren Identität auseinander und findet auch in der Begegnung mit dem historischen Franziskus überraschende Antworten. Dabei lässt er uns an dem immer wieder mit seiner Seele geführten Dialog teilhaben, der seinen Weg aus dem Egobewusstsein zum bewussten Sein eines erwachenden Menschen spannend und berührend beschreibt.
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Seitenzahl: 359
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Thilo Gunter Bechstein
Das Leben sein lassen …
… und zweitausend Kilometer mit dem Rad von Gotha nach Rom pilgern
Engelsdorfer Verlag
2017
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor.
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
In diesem Buch setze ich mich mit mir selbst auseinander. Das Besondere an dieser Auseinandersetzung ist dabei das „Selbst“, denn es ist nicht die Person mit ihrem Namen, Geschlecht, Titel und Bankkonto, die ich lange Zeit zu sein glaubte. Es ist etwas tief in mir, das ich als meine Seele oder mein „Höheres Selbst“ bezeichne und das jenseits meines Verstandes angesiedelt sein muss.
Es gab eine Zeit, in der ich von der Existenz dieser Seele nichts wusste und meinen Verstand als das Höchste betrachtete, das mir zur Verfügung stand. Im Zustand dieses meiner Seele unbewussten Daseins habe ich eine lange Zeit meines Lebens verbracht.
Verschiedene schmerzliche und schockierende Ereignisse haben mich ordentlich durchgeschüttelt und mich auf die Notwendigkeit der Veränderung meines unbewusst geführten Lebens hingewiesen. Ich habe diese Geschenke meiner Seele jedoch anfangs nicht als solche erkannt und mich daher hartnäckig geweigert, sie anzunehmen.
Das intensive Leid, das mir aus dieser ablehnenden Haltung entstanden ist, hat mein kleines „Ich“ so geschwächt, dass etwas in mir aufzuscheinen begann, was ich bis dahin nicht für möglich gehalten hatte.
Ich wurde mir meiner Seele bewusst, entdeckte sie in mir als mein Wahres Selbst, und das ist der bedeutendste Fund, den ich je in meinem Leben gemacht habe. Diese Entdeckung hat mich neu die Frage nach dem stellen lassen, der ich wirklich in der Tiefe meines Wesens bin. Die Antwort sehe ich als die kostbare Perle an, von der Jesus sagt, dass für deren Besitz alles andere hingegeben wird.
Eine Episode auf diesem Weg meiner Hingabe beschreibe ich anhand meiner Pilgerreise in diesem Buch und verbinde damit die Absicht, zum Nachspüren über dieses „Selbst“ anzuregen. In dem Maße, wie wir uns von der Vorherrschaft unseres kleinen „Ich“, des Ego, lösen können, erfahren wir uns als Erlöste und werden an der Geburt eines „Neuen Himmels“, eines neuen Bewusstseins, und in dessen Folge einer „Neuen Erde“ als Geburtshelfer mitwirken.1
Er kam ziemlich überraschend für mich an einem Samstagmorgen. Ich saß am Frühstückstisch im Essensraum unserer Gemeinschaft. Die Gemeinschaft, in die ich 2012 eingezogen bin, existiert seit 2001 in einem alten Rittergut in Sachsen.
Es ist nicht immer leise in diesem Gemeinschaftsraum, aber an diesem Morgen schien das Stimmengewirr links von mir auf eine fast unerträgliche Lautstärke anzuschwellen. Eigenartig, dass auf meiner rechten Seite nichts zu hören war, totale Ebbe. Das linke Hörgerät musste ich rausnehmen, weil ich den Lärm nicht aushielt. Ich habe auch das rechte Hörgerät aus dem Ohr genommen und mit einer neuen Batterie versehen. Doch ich konnte beim An- und Abschalten den charakteristischen Signalton nicht mehr hören, der die Funktionsbereitschaft des Geräts anzeigt. Sollte das Gerät defekt sein?
Die Idee lag nahe, das rechte Gerät im linken Ohr zu testen und siehe, dort war das Signal deutlich hörbar. Es bedurfte keines weiteren Beweises, dass sich mein Hörvermögen im rechten Ohr offenbar drastisch verschlechtert hatte. Doch ich wollte es immer noch nicht so recht glauben. Ich schreckte zurück vor der Möglichkeit, rechts nichts mehr zu hören. So gut und so fest ich es vermochte, hielt ich mir das linke Ohr zu und fand mich plötzlich weit entfernt von allem Lärm wieder, in einer unwirklichen Stille.
Die Idee eines Hörsturzes lag zu diesem Zeitpunkt noch außerhalb meines Vorstellungsvermögens. Eine solche Katastrophe sollte mich nicht betreffen. Erst beim nachmittäglichen Kaffeetrinken wurden Vermutungen von Mitbewohnern laut, denen ich mein Missgeschick anvertraut hatte, dass es so etwas sein könne. Andrea wusste auch, dass rasches Handeln notwendig ist, sollte ich die Chance wahrnehmen wollen, mein Hörvermögen durch medizinische Maßnahmen zurückzugewinnen. Also entschied ich mich am späten Nachmittag, das Krankenhaus aufzusuchen und wurde prompt dortbehalten.
Der untersuchende Arzt war sympathisch und offen. Relativ schnell konnte er die Befürchtungen meiner Mitbewohnerinnen bestätigen und stellte die Diagnose „Hörsturz“. Er erläuterte mir die Infusionstherapie und konnte sich auch eine Operation am Innenohr vorstellen. Meine Hoffnung auf Wiedererlangung des Hörvermögens dämpfte er mit der Feststellung, dass es sehr schwer sein würde, die tatsächliche Ursache hinter dem Geschehen herauszufinden. Da könnte eine größere körperliche oder auch seelische Belastung eine Rolle spielen. Als weitere Ursachen kämen Borrelien oder sogar ein Tumor in Betracht. Angesichts meines vor zwei Jahren überstandenen Prostatakarzinoms hat mich diese Möglichkeit sehr erschreckt. Die aufsteigende Angst, einen Rückfall zu erleiden, verschwand erst wieder, als diese Alternative nach einigen Untersuchungen und Blutproben als nahezu ausgeschlossen galt.
Jetzt liege ich den dritten Tag in einem der beiden Krankenbetten dieses Doppelzimmers in der Hals-Nasen-Ohren-Abteilung des örtlichen Krankenhauses. Ich bekomme die Infusionsbehandlung, die wegen der hohen Dosen an Kortison unter ärztlicher Aufsicht stationär erfolgen muss. Mein rechtes Ohr ist unverändert taub. Es schmerzt mich, dass die Behandlung nicht zur erhofften Verbesserung führt. Jetzt habe ich viel Zeit, darüber nachzuspüren, was dieses einschneidende Ereignis für mich bedeutet oder in welcher Hinsicht ich daran beteiligt gewesen sein könnte.
„Dazu kann ich dir als deine Seele nur gratulieren. Vielleicht bist du jetzt bereit, offener und bewusster deine Einstellung zum Leben wahrzunehmen und dein Verhalten zu reflektieren. In dieser Richtung nach dem Anlass für deinen Hörsturz zu forschen, könnte erfolgreicher sein, als die Mühe der Ärzte, körperliche Ursachen dafür zu finden.“
„Ich höre dich und mir wird sehr deutlich bewusst, dass ich mich in den letzten Wochen und Monaten ziemlich von dir entfernt habe. Die äußeren Ereignisse haben mich so stark von mir selber abgelenkt, dass ich den Kontakt zu dir verloren hatte.“
„Du hattest den Kontakt zu dir selbst verloren, wolltest deine innere Stimme in dir nicht hören. Obwohl du mit ihr sehr vertraut bist, schien sie dir lästig. Sie hätte dich daran hindern können, dich vollständig im Außen zu verlieren, wie es dir geschehen ist. Da musste ich eingreifen, um dir die Chance einer Veränderung zu ermöglichen. Du hast einen Rückfall in die Unbewusstheit erlebt, von der du meintest, du hättest sie längst schon hinter dich gebracht. Dein Ego hatte ein leichtes Spiel mit dir. Schau hin und finde selbst die Antwort auf deine Frage nach dem Warum.“
„Wenn mir die Antwort so leicht fallen würde, dann hätte ich erkannt, wo ich im Strom des Lebens quer liege. Ehrlich gesagt weiß ich auch jetzt noch nicht, worauf du hinaus willst. Ich weiß nur, dass ich mich jämmerlich fühle und bitte dich daher, etwas deutlicher zu werden. Vielleicht kannst du mir ja sogar helfen.“
In der Stille fällt es mir leicht, den begonnenen Dialog mit meiner Seele fortzusetzen. Am besten gelingt mir das, indem ich versuche, ihre Botschaft zu fühlen, sodass meinem Verstand lediglich die Aufgabe zufällt, das Gefühlte in Worte zu kleiden. Mir wird jetzt bewusst, dass sich in der letzten Zeit meine positive Einstellung zum Leben, die ich nach meiner Krebserkrankung zurück gewonnen hatte, drastisch ins Negative verändert hat. Sehr deutlich fühle ich jetzt, dass meine exzessive abendliche Suche nach politischen Horrormeldungen im Internet damit zu tun hat. Ich rege mich dann furchtbar auf über bestimmte Ereignisse in der Welt auf. Darüber hinaus muss ich mir eingestehen, dass ich mir aus meiner Meinung zu diesen Vorgängen unbewusst eine Identität erschaffen habe und akzeptiere jetzt, dass es eine Form meines Ego ist, die mich absolut besessen hat.
„Ich erschrecke darüber, dass mir das widerfahren konnte. Sicher ist etwas dran an dem, was du mir jetzt vorwirfst.“
„Du missverstehst mich. Ich werfe dir nichts vor, ich verurteile dich nicht. Ich versuche dich auf eine Entwicklung hinzuweisen, die dich von deinem inneren Ziel abbringt und damit auch von der Aufgabe, die du selbst als Grund für dein Gastspiel in dieser Welt anerkennst.
Vielleicht hilft es dir zu beschreiben, was du in dir erlebst, wenn du begierig Nachrichten aus dem Internet herausfischst, die dich aufregen und dich in einen Zustand versetzen, in dem du außer dir bist, das genaue Gegenteil von Bewusstheit.“
So leicht fällt es mir nicht, tiefer in mir nach den Zusammenhängen zu suchen, auf die mich meine Seele hinweist. Ich erlebe eine tiefe Enttäuschung über diesen Staat, darüber, was er als Demokratie verkauft und über den Machtmissbrauch, den eine allein herrschende Parteienclique betreibt. Ich rege mich auf über die Meinungsmanipulation der sogenannten unabhängigen Medien, ihre Lügen, Verdrehungen von Tatsachen und Halbwahrheiten. Alles das habe ich bereits in der DDR erlebt und glaubte, dass mit Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland alles anders werden würde. Aber im Grund muss ich feststellen, dass sich nichts wirklich geändert hat außer den Farben der Parteien und ihren Sprüchen. Was nützt mir die Freiheit, eine Partei wählen zu können, wenn letztlich alle dasselbe machen. Politiker erlebe ich überwiegend als machtgeil, geldgierig und korrupt. Darüber bin ich sauer, stinkig und zugleich irgendwie ohnmächtig und verzweifelt. Eine erhebliche Negativität macht sich in mir breit und verändert auch meine Ausstrahlung. Ich werde in meinen Betrachtungen gerade unterbrochen:
„Du erlebst das so, weil du dich mit einer bestimmten Meinung zu diesen Ereignissen identifizierst. Du kannst sie nicht neutral und mit Distanz als das betrachten, was sie sind, sonst würdest du sie als Egospiele erkennen, die systemunabhängig sind. Insofern sind auch deine Erwartungen illusionär. Sie mussten zwangsläufig enttäuscht werden. Wirkliche Veränderungen in der Welt geschehen nicht durch Politik. Sie setzen einen Bewusstseinswandel voraus und der beginnt zuerst bei dir selbst.
Doch ich will noch etwas tiefer gehen mit meinen Hinweisen.
Die Gefühle der Ohnmacht und Hilflosigkeit, die dich angesichts der politischen Ereignisse überkommen, haben nicht nur mit diesen Ereignissen zu tun, zumal du nicht einmal direkt von ihnen betroffen bist. Sie berühren vielmehr ein Feld verdrängter Gefühle aus deiner frühen Kindheit, in der du wirklich hilflos und ohnmächtig warst und diese Gefühle deshalb verdrängen musstest. Aus deiner unbewussten Identifikation mit diesen Gefühlen entsteht ein Energiefeld in dir, das du als deinen emotionalen Körper bezeichnen kannst. Er ist ein quasi autonom agierendes Gebilde, das sich selbst dadurch zu erhalten versucht, indem es neuen Schmerz erzeugt.
Wie du selbst beschreibst, veranlasst dich dieser emotionale Körper, nach Ereignissen zu suchen, die geeignet sind, die in dir vorhandenen negativen Erfahrungen der Hilflosigkeit und Ohnmacht immer neu zu aktivieren und auf diese Weise dem alten Schmerz neuen hinzuzufügen. Damit hat dich deine Vergangenheit fest im Griff und du bist nicht im Augenblick präsent. Das ist ein Zustand der Unbewusstheit, in dem du Leid erschaffst, dir selbst und einigen anderen.“
Irgendwie habe ich den Konflikt sogar gespürt, der daraus in mir entstanden war. Einerseits wollte ich mir die Negativität nicht zumuten, die aus meiner zwanghaften Beschäftigung mit diesen Nachrichten in mir entstand. Andererseits war mein emotionaler Drang danach stärker als meine bessere Einsicht. Die war als Gegenkraft zu meinem emotionalen Körper zu schwach, dessen Einwirken mir nicht einmal bewusst war. Die scheinbare Erleichterung, welche die vorübergehende Ruhe meines emotionalen Körpers mit sich brachte, wenn er sich die letzte Meldung des Abends einverleibt hatte und gesättigt schien, tat ein Übriges, meine Abhängigkeit von ihm noch zu stärken. Es war wie das letzte Glas, das ich trinken musste und erst damit aufhören konnte, als nichts mehr da war.
„Solange du in der Überzeugung verharrst, dass du der bist, der den Schmerz und die Identifikation mit Ohnmacht und Hilflosigkeit braucht, um zu wissen, wer er ist, wird sich daran nichts ändern. Du bleibst in dem Teufelskreis der Sucht hängen, den du richtig beschrieben hast und der immer neuen Schmerz produziert. Du lehnst dich damit ab, denn dein Verstand erkennt und verurteilt dich. Du weißt bereits, dass du damit echtes Leiden für dich schaffst.
Die wirkliche Kraft für Veränderung findest du nicht in deinem Verstand, sondern nur in deinem fühlenden Erkennen, mit dem du deine Seele erreichst. Du hattest dich von mir abgeschnitten und ich musste mich dir in Erinnerung bringen. Meine unausgesetzten Versuche, dich mit sanften Hinweisen aufzuwecken, hast du allesamt ignoriert. Dabei habe ich sehr geduldig deine Entwicklung begleitet und deine Entscheidungen kommentiert, aber du hast meine Gegenwart in dir nicht wahrnehmen können, weil du nicht gegenwärtig warst.
Meine Methode, deine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, ist dir ja inzwischen bekannt. Du hast schon ein ganzes Buch2 darüber geschrieben. Aber dir bleibt für deine beabsichtigte Entwicklung nicht mehr so viel Zeit, dass du sie in Monaten oder Jahren vergeuden kannst. Deshalb habe ich das Stopp-Signal setzen müssen.“
„Ich verstehe dich und bin offen für deine Hinweise. Bei meiner Fahrt ins Krankenhaus habe ich schon im Auto deine Stimme in mir erkannt. Deshalb sitze ich jetzt auch am Tisch neben meinem Bett im und bin im Kontakt mit dir, meiner Seele. Du brachtest dich wieder mit einer drastischen Maßnahme in Erinnerung. Ich wünschte mir, unsere Begegnung könnte weniger schmerzlich für mich sein. Aber dafür müsste ich mehr Achtsamkeit in mein Leben bringen. Nur in meiner Präsenz bin ich dem wirklichen Leben verbunden. Andernfalls öffne ich meiner Vergangenheit die Tür, mit der sich mein Verstand nur zu gern gleichsetzt. Besonders mit meinem unerlösten emotionalen Körper, dem unerkannt wirkenden Feld der Verletzungen aus meiner Kindheit, identifiziert sich mein Verstand.“
„Der emotionale Körper ist ein Medium im Prozess deiner Bewusstwerdung. Er gehört, um es mit Faust zu sagen, zu der Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. An dir ist es, die Auseinandersetzung mit deinem emotionalen Körper zu suchen, dir seiner gewahr zu werden als Teil dessen, der du nicht bist. Das exzessive und dir unbewusste Wirken deines emotionalen Körpers erzeugt Leid und körperliche Symptome, die dich letztendlich in die Achtsamkeit zwingen, dem einzig möglichen Heilungsweg. Auf diesem Weg bist du nicht allein. Es ist der Weg, den jeder Mensch auf dieser Erde geht oder noch gehen wird. Er beinhaltet ein fundamentales Prinzip, eine Gesetzmäßigkeit, die für alle wirksam ist und die es anzuerkennen gilt. Ihr unterscheidet euch nur in den Inhalten. Es ist so einfach!“
Meine Seele müsste wahrnehmen, dass ich mich jetzt von ihr nicht verstanden fühle, da ich es alles andere als einfach finde. Ich kann nicht begreifen und noch weniger akzeptieren, dass ich immer wieder auf mein Ego hereinfalle. Meinem emotionalen Körper fühle ich mich ausgeliefert.
„Hereinfallen bedeutet, dass du dich als Opfer der Umstände siehst, wieder einmal, müsste ich hinzufügen. Offenbar suchst du die Wiederholung deiner Erfahrungen und auch das ist in Ordnung. Du machst die Erfahrung des Leidens nunmehr in einer anderen Form. Ich bin sehr kreativ darin, dir diese Möglichkeiten immer wieder auf deiner Körperebene einzuräumen. So wie ich mich darüber freue, dass sie keine vergebliche Mühe sind, da du immer wieder bereit bist, daraus zu lernen. Das Tempo des Prozesses deiner Bewusstwerdung bestimmst du selbst. Du könntest dir natürlich andere Gelegenheiten für deinen Lernprozess schaffen, indem du auch auf deinem äußeren Weg, in der Welt zu sein, deiner Bestimmung folgst. Du musst dazu allerdings mit deiner inneren Stimme in Verbindung bleiben, die ich für dich bin.
Es ist nichts weiter erforderlich, als deine wache Präsenz. Sie lässt dich deinen emotionalen Körper als den erkennen, der deiner Vergangenheit angehört und der mit deinem gegenwärtigen Sein nichts zu tun hat.
Indem du aber die verdrängten Gefühle der Vergangenheit nicht als solche anerkennst und diese unbewusst auf das Geschehen im Außen projizierst, verfällst du dem Irrtum, diese Art von Erleben sei deine aktuelle Realität. Das macht dir Angst und löst deine Abwehr aus, einen inneren Kampf, den du versuchst, auf die äußere Ebene zu übertragen. Das ist das Gegenteil von innerem Frieden, das ist Krieg, der da in dir entsteht und mit ihm stärkst du das Feld, das Menschen veranlasst, ihn auch zu führen.“
Natürlich spüre ich diesen Krieg in mir und ich glaubte bis jetzt, dass ihn die Akteure der von mir inhalierten Nachrichten ausgelöst hätten. Ich konnte nicht erkennen, dass ich meine unerlösten Kindheitsgefühle von Ohnmacht, Hilf- und Lieblosigkeit bereits auf die beobachteten aktuellen Geschehnisse und deren Protagonisten projiziert hatte. Sie begreife ich als die Urheber meines Schmerzes und aus der gefühlten Ohnmachtssituation heraus richte ich gegen sie meine Wut und meinen Hass. Das ist der Krieg, der in mir stattfindet. Mein Hörsturz ist eine Folge dieses Geschehens in mir. Er weist mich auf die Notwendigkeit hin, diesen sinnlosen Kampf zu beenden, sollte ich mich entschließen, nicht länger darunter leiden zu wollen.
Das Symptom tritt auf der rechten, der männlichen Körperseite in Erscheinung. Es setzt die männliche Seite meines Hörens außer Kraft. Ich habe sie überstrapaziert, deshalb wurde sie abgeschaltet. Die Taubheit rechts zwingt mich dazu, mit dem linken Ohr zu hören. Die linke Körperseite ist die weibliche Seite. Ihre Aufnahme und Verarbeitung der Umweltimpulse folgt nicht vordergründig dem Verstand, sondern eher dem Fühlen. Jetzt erkenne ich, dass die Reaktionen meines Verstandes auf die negativen Nachrichten, die ich in mich reingezogen habe, unbewusst und egogesteuert waren. Ich konnte die Informationen nicht als das begreifen, was sie in Wahrheit sind: Hinweise auf die wahnsinnigen Egoreaktionen von Einzelnen und Kollektiven, die noch immer das Leben auf dieser Erde bestimmen. Anstelle sie zu durchschauen, habe ich sie angeschaut und bin in die Unbewusstheit hineingezogen worden, die sie verbreiten. Anstatt Frieden zu schließen, habe ich den Kampf aufgenommen, der mich immer tiefer in die Unbewusstheit hinein geführt hat.
„Jetzt bin ich verständlicherweise sehr an der Lösung meines Problems interessiert. Ich glaube, dass ich mehr Gegenwärtigkeit in meinen Alltag bringen muss, mehr Achtsamkeit. Ich möchte vom Krieg in den Frieden gelangen, doch wie stelle ich das an?“
„Du darfst probieren, was immer du erfahren willst, aber du musst nicht. Müssen ist ein Gedankenkonstrukt deines Ego. Dahinter steht der Zwang, dass du anders sein solltest, als du bist. Deine Wahrheit liegt aber nicht darin, jemand sein zu wollen, den dein Verstand sich gerade ausgedacht hat. Es gibt nur einen Weg in den Frieden, den du dir wünschst: Frieden zu schließen mit dem gegenwärtigen Augenblick und der schließt den ein, als den du dich jetzt erlebst und empfindest.
Die von dir gesuchte Dimension erschließt sich dir im fühlenden Erkennen deiner selbst, der du in der Tiefe deines Wesens bist und in diese Tiefe kann dein Verstand nicht gelangen, weil er an die Formen gebunden ist. Da dein wirkliches Sein formlos ist wie die Lebendigkeit, die du jetzt in dir fühlen, aber nicht erklären kannst, kann dein Sein durch deinen Verstand weder ausgedrückt noch erkannt werden. Daher kannst du auch nicht „wissen“, wer du bist. Du kannst es in deiner Tiefe erfahren, wenn du jeden Versuch zu wissen wer du bist, aufgibst.
Dein Verstand versucht dir immer zu sagen, wer du sein solltest und er findet dieses Wissen häufig aus dem Vergleichen mit Anderen. Das Vergleichen ist eine Lieblingsbeschäftigung deines Ego. Es verlangt für seine Bestätigung immer besser, immer bekannter oder immer mehr von etwas zu sein, mit dem es sich gerade identifiziert. Es ist nie zufrieden, da seine Struktur durch das Verlangen geprägt ist. Die Gier kann jedoch durch das Haben oder Erreichen nur vorübergehend erfüllt werden. Diese Erfüllung verschwindet schnell hinter der Gewohnheit, zu der sie wird und die ruft neues Verlangen auf den Plan. Kannst du das verstehen?“
Ich kann meine Seele sehr gut verstehen. Sie weist mich auf das suchtartige Verhalten hin, dass mit meinen Internetausflügen in den Bereich der politischen Horrornachrichten verbunden ist, mit denen sich mein emotionaler Körper sättigt. Es ist jetzt wichtig für mich, einen Weg zu finden, der mich aus dieser Abhängigkeit heraus führt, den Weg zum Frieden mit mir selbst.
„Du solltest dich nicht unter Druck setzen. Das ist kein Zustand, in dem dir innovative Lösungen zufallen werden. Inspiration und Kreativität kommen nicht aus dem Verstand, sondern aus dem Bereich der Intuition und dahin kommst du nur durch Leichtigkeit, durch Loslassen fester Vorstellungen. Mach etwas, worin du frei und leicht sein kannst, damit du ins Sein eintreten kannst, in das Feld purer Möglichkeiten. Achte auf dein Gefühl bei meinen Worten und lass zu, was aus deinem Bauch kommt.“
„Es sollte irgendetwas Verrücktes sein, das mir Lösungen zeigt. Ich fühle die Notwendigkeit, in das Unbekannte aufzubrechen, in dem ich dem begegnen kann, der ich wirklich bin, jenseits meiner Abhängigkeiten. Dafür könnte ein Wechsel meines Umfelds günstig sein, der mit einer Herausforderung verbunden ist, die meine Präsenz verlangt, mein totales Sein.
Und auch wenn du mich auslachst, sage ich dir, dass ich mich noch einmal auf einen Pilgerweg begeben möchte. Es muss nicht Santiago sein, da bin ich gewesen, doch erinnere ich mich an die Freiheit und an die Leichtigkeit, die sich mir auf diesem Weg erschlossen hatten.“
Mit dem deutlichen Gefühl der Unterstützung durch meine Seele, mein Höheres Selbst, will ich bald als Pilger unterwegs sein. Ich habe beschlossen, mit dem Fahrrad nach Rom zu fahren. Diese Pilgerreise werde ich längs eines Pilgerwegs unternehmen, den der Abt von Stade im 13. Jahrhundert dokumentiert hat.
Mit Blick auf mich selbst stelle ich eine innere Begeisterung fest, die mich auf den Pilgerweg zieht. Ich habe gute Gründe, diese Reise anzutreten. Das überraschende Ereignis meines Hörsturzes und die damit in Zusammenhang stehenden Fragen sind ausreichende Gründe, um mich in Bewegung zu setzen. Die körperliche Bewegung soll die notwendige geistige Bewegung initiieren, die ich mit der Frage verknüpfe nach dem, der ich bin.
Jetzt erinnere ich mich auch der Gründe für meine erste Pilgerreise nach Santiago de Compostela, die ich vor vier Jahren gemacht habe. Der Auslöser für die Idee zu pilgern war das selbstgewählte Ende meiner freiberuflichen Tätigkeit als rechtlicher Betreuer, die mir in den letzten Jahren meines Berufslebens viel Freude und Erfüllung gebracht hat. Mit der Pilgerreise wollte ich mich vom Arbeitsleben verabschieden. Ich stellte mir vor, dass ich mich mit diesem Ritual selbst in den Altersruhestand versetzen wollte.
Natürlich waren auch Neugier und Abenteuerlust an meiner Entscheidung beteiligt.
Sie ist auch jetzt wieder spürbar, meine Sehnsucht nach der Weite, die Herausforderung, über die Grenzen des Alltags und meine eigenen Begrenzungen hinauszugehen. Die erkannte Abhängigkeit und der damit verbundene Wunsch, mein Suchtverhalten zu überwinden, sind dabei Facetten auf meinem Weg. Ich sehne mich nach dem Grenzenlosen, nach einer Tiefe, von der ich noch nicht weiß, wie ich sie erreichen werde. Und dann gibt es noch ein Begehren nach etwas, das ich nicht einmal genau definieren kann. Vielleicht ist es meine tiefe Sehnsucht nach Frieden, nach Annahme, nach wunschlosem Dasein in einer Welt, die mich täglich mit dem Gegenteil davon konfrontiert.
Zu diesem Gegenteil rechnete ich damals auch die Tatsache, dass mich ein Urologe mit dem Verdacht auf Prostatakrebs konfrontiert hatte, einfach auf Grund der Tatsache, dass die Werte meines prostataspezifischen Antigens (PSA) weit über dem Sollwert für den Normalzustand lagen. Eine Erhärtung des Verdachts durch eine Biopsie, eine Gewebeprobeentnahme aus der Prostata, hatte ich allerdings nicht zugelassen.
Das waren zwingende Gründe, um mich auch im achtundsechzigsten Lebensjahr noch auf den Weg zu bringen. Inzwischen hatte sich der Krebsverdacht bestätigt und ich bin operiert worden. Mir war bewusst, dass der Erfolg dieser körperlichen Maßnahme von der Änderung meiner Lebenshaltung abhängt, letztlich davon, ob ich die Botschaft meiner Seele verstanden und umgesetzt habe, die in dieser Erkrankung für mich enthalten war. Ich habe mich intensiv mit ihr auseinandergesetzt und ein Buch2 darüber geschrieben. Die Auseinandersetzung hält noch an, hat aber mit dem Hörsturz einen neuen, dringlichen Aspekt hinzubekommen, der letztlich ausschlaggebend für meine Entscheidung zur erneuten Pilgerreise ist.
Dass ich diesmal mit dem Fahrrad pilgern will, hat seine Ursache in meiner Konstitution. Ich bin bis vor Kurzem noch intensiv gewandert und gelaufen. Aber eben nur so lange, wie meine Lendenwirbelsäule die wachsende Zumutung klaglos hingenommen hat. Den Jakobsweg habe ich zu Fuß über die gesamte Strecke mit einem dreizehn Kilo schweren Rucksack auf dem Rücken problemlos bewältigt. Diese Überzeugung hielt ich allerdings nur solange aufrecht, bis sich die Taubheitsgefühle im rechten Fuß einstellten und ich mich fragte: „Habe ich mir vielleicht doch etwas zu viel zugemutet?“
Seitdem ich diese körperliche Schwachstelle von mir kenne, achte und akzeptiere ich sie. Das ist der Grund für meine Entscheidung, die zweitausend Kilometer nach Rom mit dem Fahrrad zu fahren und mein Gepäck auf dem Pilgerweg vom Fahrrad tragen zu lassen. Ich habe das gute Gefühl, dass die Rechnung aufgehen wird.
„Jetzt fühle ich mich herausgefordert, dich zu fragen, ob du dir auch deiner seelischen Schwachstelle bewusst bist, nämlich nicht zu wissen, wer du wirklich bist. Dein Rückfall in die Abhängigkeit von deinem emotionalen Körper und das dadurch ausgelöste Suchtverhalten weisen dich darauf hin. Würdest du dir seiner sicher sein, wäre deine Reise, ebenso wie dieser Dialog, überflüssig. Es ist dein vorrangiges inneres Ziel, zur Erkenntnis deiner selbst zu gelangen. Diese Frage beschäftigt dich außerdem schon eine ganze Zeit. Nur lässt du dich von weniger wichtigen äußeren Ereignissen in deinem Leben immer wieder von ihr ablenken.
Die volle Entfaltung deines Potentials als Teil der Schöpfung, der du bist, hängt von dieser Einsicht ab. Im Moment geht es dir wie dem Bettler, der auf einem alten Koffer sitzt und die Passanten um einen Euro anbettelt. Er hat noch nicht in den Koffer geschaut und weiß deshalb nicht, dass er bis zum Rand mit Geld gefüllt ist.“
„Deine Metapher ist mir unangenehm und ich fühle mich beschämt. Doch inzwischen weiß ich, dass ich selbst verantwortlich für das Finden meiner Wahrheit bin, auch wenn es das nicht einfacher macht. Der erste Impuls auf meinem Weg zur Einsicht wurde mir geschenkt. Ich konnte ihn nicht durch irgendeine Maßnahme veranlassen. Er ist mir zuteil geworden durch Gnade. Ich hatte bis dahin nicht einmal die leiseste Ahnung davon, dass es so eine Frage überhaupt gibt. Heute ist sie zur wichtigsten Frage meines Lebens geworden. Ich will den Deckel anheben und in den Koffer schauen!“
„Du hast die Bedeutung dieser existentiellen Frage für dich erkannt und bist dir deiner Verantwortung bewusst, die Antwort darauf zu bekommen. Das hilft dir, präsent und bereit dafür zu sein, sie zu empfangen. Auf die bewusste Wahrnehmung dieser Verantwortung weist das Gleichnis von Jesus mit den zwölf Jungfrauen hin. Es demonstriert die Notwendigkeit, das Licht bereitzuhalten für jenen nicht bekannten Augenblick, in dem der Bräutigam kommt. Man könnte auch sagen, du musst für den richtigen Sender auf Empfang eingestellt sein, um die lebensentscheidende Nachricht nicht zu verpassen, von der du nicht weißt, wann sie ausgestrahlt wird.“
„Ich verstehe unter Glauben genau diese innere Haltung, mich für die Möglichkeit des Empfangs der Antwort auf diese wichtigste Frage in meinem Leben offen zu halten, diese Möglichkeit überhaupt zu erkennen und zuzulassen. In meiner Verantwortung liegt es dann, mir die Räume zu schaffen, in denen sich diese Möglichkeiten in Erfahrungen umsetzen lassen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die vor mir liegende Pilgerreise solche Erfahrungsräume eröffnet.“
„Mit etwas Abstand sollte es dir möglich sein zu erkennen, dass dein ganzes Dasein auf dieser Erde einer Pilgerreise gleicht. Das Ganze, was du als dein Leben betrachtest, ist ein Raum, der dir zur Verfügung steht, um dir das Finden der Antwort auf deine Frage durch konkrete Erfahrungen zu ermöglichen. Deutlicher als am Ende deiner ersten Pilgerreise konnte ich es dir nicht zeigen.“
Ich versuche, mich an das Ende dieser Reise zu erinnern, das ich am Kap Finisterre erreichte. Ich musste noch drei Tage dranhängen, um die hundert Kilometer von Santiago aus bis dahin zu bewältigen. Dabei war es nur ein unklares Gefühl, das mich ahnen ließ, etwas Wichtiges könnte mich dort erwarten.
Auf einem Weg durch Ginster, Heidekraut und Latschenkiefern bin ich am oberen Punkt des Kaps angekommen, der mir unvermittelt den atemberaubenden Ausblick auf den Atlantik freigab. Die Weite der Landschaft mit dem Ausblick auf die Berührungslinie zwischen dem tiefen Dunkel des Wassers und dem lichten Blau des Himmels an einem fernen Horizont hat mich tief ergriffen.
Ich bin dann langsam und sehr bewusst den Hang hinabgestiegen. Weit unten lagen ein Haus und eine Wetterstation. Haltgemacht habe ich erst beim Erreichen des aus Beton geformten Steines, der das Ende des Wegs anzeigte. Ich habe diese Steine im Verlaufe meines Pilgerwegs immer wieder angetroffen. Bronzene Täfelchen, die in diesen Steinen eingelassen sind, zeigten mir jeweils die Entfernung an, die noch bis Santiago zurückzulegen war. Manchmal war auch nur noch der Stein da, das Täfelchen war von Souvenirsammlern herausgebrochen worden. Doch hier gab es eine Bronzetafel und sie zeigte mir an: ‚0,0 km‘.
Den Schauer, der mir beim Lesen dieser Zahl den Rücken hinab lief, kann ich noch jetzt spüren. Ich stand vollkommen still und wagte kaum zu atmen, um nicht die Heiligkeit dieses Augenblicks zu zerstören, die ich plötzlich so unmittelbar empfand. Ich fühlte deutlich, dass mir jetzt eine wichtige Erfahrung zuteilwerden würde, dass sich einen Augenblick lang der Schleier heben würde, der mich bisher von der Wahrheit getrennt hatte. Ich setzte langsam den Rucksack ab und blickte auf den Weg zurück, den ich gekommen war. Deutlich konnte ich den gelben Kies sehen, der sich als breites Band den Hang hochschlängelte und sich in der Ferne als dünner Faden verlor.
In diesem Moment vollkommener Klarheit wusste ich, dass sich mir hier mein Lebensweg zeigte, von dem ich das Gefühl hatte, dass er weit hinter mir lag. Jetzt war ich hier, an diesem Stein mit dem Namen Nullkommanull. Er symbolisierte mir das Ende meines Lebenswegs. Die Zeit, die dieser Weg scheinbar eingenommen hatte und die mir immer ewig lang erschienen war, war auf diesen Augenblick zusammengeschmolzen. Ich erkannte ganz plötzlich die Illusion, die mich hinsichtlich der Länge dieser Zeit genarrt hatte. Ich fühlte, dass es nur diesen Augenblick gibt. Es ist immer ‚Jetzt‘.
Über den Stein hinweg sah ich zu der Linie am Horizont, an der sich Himmel und Wasser berührten. Dorthin würde ich gehen und nichts von dem, was mir bisher als unentbehrlich galt, würde ich dorthin mitnehmen können. Selbst meinen Rucksack würde ich dort nicht mehr brauchen. Was von mir sollte überhaupt auf diese andere Seite gelangen, die sich mir jetzt als deutliche Ahnung zeigte?
Das, was ich jetzt von mir als den tiefen Kern spürte, der mich in diesem Augenblicks ausmachte, das, so fühlte ich, würde auf die andere Seite wechseln. Sie lag greifbar vor mir und zog mich unwiderstehlich an. Das Bewusstsein, das ich bin und die Liebe, die ich in mir fühle, würden es sein und nichts anderes.
Mir wurde klar, wie unbedeutend meine bisherigen Werte waren angesichts dieses unmittelbar vor mir liegenden Seitenwechsels. Wieso hatte ich mich nur ständig in die falsche Richtung bewegt? Jetzt erlebte ich in einer bisher nie erlebten Klarheit, was wirklich von Bedeutung war, jetzt, in diesem Augenblick, der zu einem Augenblick tiefster Einsicht für mich wurde.
„Gut. Dass du auf diese Weise zu erkennen beginnst, was als das Wichtigste aus der Zeit deines Lebens verbleibt, wenn sie sich am Ende auf einen Augenblick reduzieren wird. Ich werde dazu beitragen, dass sich diese Erfahrung vertieft und dir immer wieder Situationen kreieren, in denen du dich deines bewussten Seins erinnerst. Doch du selbst bestimmst deinen Weg der Erkenntnis.“
Ja, richtig, da kann ich meiner Seele vorbehaltlos zustimmen. Meinen Weg entscheide ich selbst und übernehme dafür die Verantwortung. In mir ist dieses Gefühl aufgetaucht, nochmals eine Pilgerreise durchzuführen und ich folge meiner Intuition.
Doch auch diese erneute Reise besitzt ihre ganz pragmatischen Seiten. Zur Verfestigung meiner Idee habe ich mir zunächst die erforderliche Literatur beschafft. Das war über das Internet kein zu großes Problem, ich fand zwei Reiseführer, die den jüngst ausgegrabenen Pilgerweg des Abtes von Stade beschreiben3, 4. Auch den Pilgerpass habe ich über das Internet geordert, aus Sicherheitsgründen gleich zweifach.
Auf Karten wollte ich wegen des Gewichts möglichst verzichten und habe mir stattdessen ein Fahrrad-GPS zugelegt, welches gerade im Angebot war. Ich habe sofort angefangen, mich damit zu beschäftigen. Diese elektronischen Dinge empfinde ich als schwierig und ich fühle mich im Umgang mit ihnen gehemmt. Da bewundere ich manchmal meine Enkel, die mit einer Dreistigkeit ausprobieren, was sie nicht wissen. Das muss ich erst noch lernen.
Die benötigten Karten für meinen Rom-Pilgerweg waren aus dem Internet zu laden, was mir zu meinem eigenen Erstaunen mit etwas Probieren sogar gelungen ist. Ich hatte am Ende meiner Versuche alle Tracks auf meinem GPS-Gerät.
Für die geplante Übernachtung auf Campingplätzen und in der freien Natur habe ich nach einem geeigneten Zelt gesucht. Wiederum im Internet wurde ein doppelwandiges Ein-Mann-Zelt mit einem Gewicht von eineinhalb Kilo angeboten, das ich gekauft habe. Es war das leichteste, was es gab.
Als besonderen Gag habe ich mir ein weißes Träger-T-Shirt mit der Aufschrift „Rom-Pilger“ bedrucken lassen. Es sollte nicht nur für mich selbst ständige Erinnerung an das besondere Anliegen meiner Reise sein, sondern auch die dahinter stehende Botschaft sichtbar nach außen bringen. Ich würde mich damit als Sucher oder Finder zu erkennen geben.
Da mein Romführer für den deutschen Teil in Gotha beginnt, habe ich Gotha als Startpunkt festgelegt und rechtzeitig ein Sparticket bei der Bundesbahn geordert.
Nun kommt es in meiner Gemeinschaft nicht jeden Tag vor, dass sich ein Siebziger aufs Fahrrad schwingt, um damit nach Rom zu fahren. Ich habe bekanntgegeben, dass ich heute, am dreizehnten Mai des Jahres 2015, um sieben Uhr das gemeinschaftliche Rittergut verlassen will. Deshalb finden sich ein paar gute Freundinnen und Freunde am Tor ein, um mir ihren Segen für diese Reise mitzugeben, in Form von guten Wünschen und Umarmungen. Moni erinnert mich mit einem kleinen Kärtchen daran, wie wichtig es ist, „das Leben einfach sein zu lassen“, und diese liebevolle Erinnerung nehme ich an. Sie wird mich als Wegweiser begleiten.
Mit geordnet gepackten Fahrradtaschen, zwei kleinere vorn und zwei größere am Gepäckträger, starte ich dann pünktlich in Richtung Bahnhof. Das Zelt, ein leichter, zusammenrollbarer Aluminiumtisch und eine dünne Schaumgummimatte als Unterlage sind in einer Tasche zusammengerollt und wasserdicht längs zwischen den hinteren Packtaschen festgezurrt. Dazwischen habe ich einen Kunststoff-Gewebesack gelegt und für alle Fälle den kurzen Holzknüppel gesteckt. Er sollte mir helfen, die Heringe in trockene und harte Böden zu schlagen. Der Gummihammer ist mir zu schwer.
Mit dem guten Gefühl, perfekt vorbereitet und ausgerüstet zu sein, besteige ich in Riesa den Regionalzug nach Leipzig, um von dort mit dem Intercity nach Gotha zu fahren. Langsam stellt sich in mir jenes Hochgefühl ein, das mit der gespannten inneren Erwartung auf das verbunden ist, was da auf mich zukommen wird. Meine Begeisterung nimmt mit jedem Kilometer Bahnfahrt zu, der mich dem Ausgangspunkt meiner Pilgerreise näher bringt. Jetzt erst freue ich mich unbändig darüber, dass ich mich für diese Reise entschieden habe. Ich zweifle nicht mehr, dass es jetzt und in den kommenden Wochen genauso sein soll: „Ich bin auf dem Weg.“
In Gotha komme ich am Mittag an. Immerhin habe ich noch die gesamte heutige Strecke vor mir, von der ich nur weiß, dass sie mich über den Kamm des Thüringer Waldes, den Rennsteig, führen wird. Dieser mittelalterliche Handels- und Grenzweg zwischen ehemaligen deutschen Fürstentümern ist mir vertraut und bekannt. Mehrfach bin ich auf ihm gewandert, in der DDR, im vereinten Deutschland, im Sommer und auch im Winter. Ich liebe den Rennsteig und freue mich auf die erneute Begegnung mit ihm. Ehe ich mit meinem Fahrrad losfahre, will ich in meinem Pilgerausweis dokumentieren, dass ich hier in Gotha gestartet bin. Das geschieht am schnellsten im Servicepunkt der Deutschen Bahn, in dem mir die Beamtin am Auskunftsschalter bereitwillig den Tagesstempel in den Pilgerpass drückt. Sie fragt mich neugierig, wo ich damit hin will und schaut mich erstaunt, ungläubig und ein wenig ehrfurchtsvoll an, als ich ihr das Ziel meiner Reise nenne.
Schnell bin ich auf der Ausfallstraße Richtung Friedrichroda aus Gotha herausgefahren. Es ist nicht weit bis dahin und ich erreiche über die Landstraße bald den kleinen Kurort am Rande des Thüringer Waldes. Die Fußgängerzone war mir noch von meinem jüngsten Aufenthalt bekannt. Ich hatte für einige Tage in Friedrichroda ein Hotel gebucht, in der Hoffnung, im Januar mit meinen Langlauflatten auf dem verschneiten Kamm des Thüringer Waldes loslegen zu können. Doch der hatte in üppigem Grün geprangt und mich mit meinen Ambitionen komplett abblitzen lassen.
Jetzt sitze ich vorm Wiener Café im Sonnenschein, der mein nagelneues T-Shirt mit der Aufschrift Rom-Pilger leuchten lässt. Ich stärke mich vor der Überquerung des Hauptkamms, gönne mir aber keine zu lange Pause, wohl wissend, dass hier der Ernst des heutigen Tages beginnt.
Der erweist sich dann auch ab dem Waldschlösschen als steil in Richtung Kamm führende Schotterpiste. Sie trägt im unteren Teil den Namen „Rote Straße.“
„Mein Gott, ist das Fahrrad schwer! Wie soll ich das Ding da hochkriegen?“
Ich muss mich mit all meiner Kraft in den Lenker stemmen, damit ich es überhaupt den Berg hoch bewegen kann. Schieben und immer wieder schieben, dazwischen kurze Pausen zum Luftholen, Kräftesammeln, und weiter. Der Start in mein Pilgerabenteuer fällt mir nicht leicht, und die Schotterstraße erscheint endlos. Tatsächlich führt sie lediglich über zweieinhalb Kilometer ständig ansteigend auf den Rennsteig.
Endlich komme ich am Possenröder Kreuz an. Das ist ein markanter und zugleich bekannter Wegpunkt des Rennsteigs, an dem sich eine kleine Schutzhütte für Wanderer befindet. Über das Wiedersehen mit ihm freue ich mich und lege hier eine verdiente Verschnaufpause ein, ehe ich meinen Weg fortsetze. Nach dem anstrengenden Anstieg fühle ich mich doch ziemlich ausgepumpt.
Der Weiterweg wird zur halsbrecherischen Abfahrt auf der anderen Seite, die mir höchste Achtsamkeit abfordert. Aber auch die folgenden Anstiege verlangen mir ein Höchstmaß an körperlichem Einsatz ab. Und immer wieder schieben, schieben ohne Ende bis Knie und Arme zittern. Ich hatte mein Gepäck gewogen und siebenundzwanzig Kilo für alles zusammen schienen mir nicht zu viel. Bereits am ersten Tag erkenne und bereue ich, dass ich mich damit geirrt habe.
Aber ich bewältige die Strecke, für die ich mich während der ausgiebigen Pause auf dem Rennsteig entschieden habe. Ziemlich am Ende meiner Kräfte komme ich gegen halb sechs abends in dem kleinen Hotel in Steinbach-Hallenberg an, das ich ein paar Stunden zuvor per SMS vor meinem Eintreffen gewarnt hatte. Mein noch funktionierendes GPS zeigte mir an:
zurückgelegte Entfernung: 45 km
Steigung: 1055 m
Gefälle: 900 m
Fahrzeit: 5h:15min
Ich habe diese Daten nur dieses eine Mal auswerten und notieren können. Aus ihnen geht hervor, dass ich heute durchschnittlich acht Komma sechs Kilometer pro Stunde zurückgelegt habe.
Zumindest in der Gaststube bin ich an diesem dreizehnten Mai der einzige Gast. Der Spargel, der mir auf der Speisekarte offeriert wird und von dem ich beim Bestellen gutgläubig annahm, er sei frisch, stammt offenbar noch aus der Zeit des Großherzogtums. Da bin ich doch etwas enttäuscht. Aber am nächsten Morgen gibt es ein recht ordentliches Frühstück und ich kann versöhnt in den neuen Fahrradtag starten.
Heute, am Donnerstag, ist Himmelfahrtstag. Nach meinem ursprünglichen Reiseplan wollte ich überhaupt erst heute starten. Im Hinblick auf den besonderen Charakter dieses Tages entschied ich mich aber, einen Tag eher loszufahren. Ich wollte unbehelligt von größeren Gruppen an Männertags-Ausflüglern und Freizeitradlern mein Fahrrad sicher und stressfrei im Zug mitnehmen. Am Rande der Straße, wo ich solche Gruppen dann tatsächlich immer wieder sehen kann, sollten sie mich nicht stören. Fröhlich grüßend fahre ich an ihnen vorbei.
So richtig klar ist mir beim Start allerdings nicht, wie weit ich heute kommen werde. Heute, das ist zunächst ein wunderschöner Morgen mit strahlend blauem Himmel, an dem ich entspannt und beschwingt mit viel Gefälle über Viernau bis Meinigen rolle. Nach Mellrichstadt berühre ich erstmalig den Pilgerweg, der hier als Via Romea gekennzeichnet ist. Der Name verweist mich auf mein Ziel, aber Rom ist für mich derzeit nur ein Begriff, fast eine Fiktion, so weit weg liegt diese Stadt.
Vielmehr freue ich mich über die hübschen Fachwerkhäuser, die Kneipen und Schenken mit fröhlichen Menschen im Freien, zu denen ich mich jetzt setze, um ein kleines Bier zu meinem mitgenommen Frühstücksbrot zu trinken. Ja, er fühlt sich gut an, der Pilgerweg, an mit diesem schönen, warmen Frühlingstag.
Die Kirche in Mellrichstadt lädt mit ihrer offenen Tür ein, mich für das Geschenk zu bedanken, als das ich heute diesen Weg und diesen Tag empfinde. Meine Gegenwärtigkeit im Gefühl des Dankens lässt mich diesen Augenblick sehr intensiv erleben. Dank ist die höchste Form meiner Anerkennung dessen, was ist. Im Danken fühle ich die Intensität meines Daseins besonders deutlich. Ich freue mich, ohne dass ich dafür einen Grund oder ein besonderes Ereignis benennen kann.
Heute Morgen bin ich nicht exakt dem im Pilgerführer beschriebenen Originalweg gefolgt, der über Schmalkalden führt. Von Steinbach-Hallenberg aus habe ich direkt Meiningen angesteuert und bin dabei dem Werra-Radweg gefolgt.
Jetzt fahre ich auf dem Radfernweg Main-Werra nach Bad Neustadt. Dort angekommen, schiebe ich mein Rad durch den historischen Stadtkern und freue mich über den großen Marktplatz mit den gepflegten Bürgerhäusern. In einem schönen Café am Rand des Marktes such ich mir einen Platz unter einem Sonnenschirm und gönne mir ein Stück Erdbeertorte und einen großen Pott Kaffee.
Das ist auch die Gelegenheit, über das Ziel meiner heutigen Etappe nachzudenken. Das gute Wetter fordert mich ja geradezu zum Campen heraus. Ich habe große Lust, im Zelt zu schlafen. Allerdings wünsche ich mir für heute eine Dusche und ein Abendessen und das bekomme ich am einfachsten auf einem Campingplatz. Dafür noch bis Würzburg zu fahren, der nächsten Camping-Möglichkeit an meiner Route, erscheint mir etwas zu weit. Dazwischen gibt es an der Strecke aber keinen Campingplatz, jedenfalls nach den mir verfügbaren Informationen. Der nächste liegt in Bad Kissingen. Kurz entschlossen ändere ich ein wenig meinen Streckenplan und biege kurz hinter Bad Neustadt in das Tal der Fränkischen Saale ein, durch das ein Radweg führt. In großen Windungen schlängelt sich der Fluss durch das liebliche Tal, in dem blühende Wiesen meinen Blick fesseln, unterbrochen durch kleine Felder und Raine.
In Nickersfelden stehe ich an einer Kreuzung und überlege gerade, wo es weitergeht, als eine Frau auf mich zukommt. Sie fragt mich, ob ich ein Handy hätte. Ich zeige ihr mein Smartphone und sie erklärt mir ein wenig umständlich, dass ihr Handy entladen sei und sie eine dringende Mitteilung abschicken müsse. Ob ich ihr nicht mein Smartphone dafür zur Verfügung stellen könne. Mir erscheint ihr Wunsch etwas absonderlich. Außerdem ist mir klar, dass sie damit allein nicht zurechtkommen wird. Ich will ihr aber dennoch helfen und biete ihr an, ihre Botschaft abzusenden. Sie diktiert mir die Nummer der Adressatin und ich nehme ihre Mitteilung auf. Es geht um ein vereinbartes Treffen. Nach dem Absenden zeige ich ihr auf dem Display, dass alles erledigt ist, wie sie es gewünscht hat. Sie strahlt und wünscht mir Gottes Segen auf meinem Pilgerweg, den ich gern annehme.
Nach dieser kleinen Episode erreiche ich am späten Nachmittag Bad Kissingen. Schnell habe ich den großen Campingplatz gefunden. In der Rezeption herrscht Hochbetrieb. Hier ist was los am Himmelfahrtstag. Endlich kann ich mein Anliegen für eine Übernachtung im Zelt vorbringen, als die Chefin des Platzes den Aufdruck auf meinem T-Shirt unter der Weste bemerkt. Sie fragt etwas ungläubig, ob ich wirklich mit dem Fahrrad und allein nach Rom wolle. Als ich es bestätige, ist sie begeistert und schenkt mir die Übernachtung. Sie führt mich persönlich zu der kleinen Wiese hinter den Wohnwagen, auf der ich mein neues Zelt aufschlagen kann.
