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Das vorliegende Werk in zwei Bänden ist eine Reise zum innersten Wesenskern des Menschen. Es entziffert die Geheimnisse der vier nicht-physischen Teile des Menschseins, die Bewusstsein, Psyche, Seele und Geist genannt werden sowie das rätselhafteste aller Organe, das menschliche Gehirn. Es führt den Leser von den Neuronen-Schaltkreisen des Gehirns im Diesseits zu den Bildern im Jenseits, von denen Nahtoderfahrungen Zeugnis ablegen. In diesen Bildern findet das Werk eine Antwort auf die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält und wie das Leib-Seele-Problem in einer neuen Form aufgeschlüsselt werden kann. Band I führt in das Leib-Seele-Problem ein. Hier wird das Fundament für das Verständnis der Philosophie des Geistes gelegt. Ihre klassischen Positionen werden nacheinander in übersichtlicher Form dargestellt und die jeweiligen Vorzüge und Unwägbarkeiten gegeneinander abgewogen. Weiter führt der Weg zu den nicht-physischen Qualitäten menschlicher Existenz. Dabei stehen zunächst das Bewusstsein und die Psyche auf dem Prüfstand. Sie werden naturwissenschaftlich aufgearbeitet und dadurch verständlich erschlossen.
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Seitenzahl: 1211
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Schwester Romana in Liebe und Dankbarkeit gewidmet
Vorwort
Einleitung
Das Leib-Seele-Problem
Einführung
Geschichtlicher Abriss, von der Antike bis Descartes
Das Mentale
Das Physische
Die kausale Verbindung
Das Bieri-Trilemma
Die wichtigsten Positionen in der Philosophie des Geistes
1.
Dualistische Lösungsansätze
1.1 Theorien des Dualismus
1.1.1 Substanzdualismus
1.1.1.1 Interaktionistischer Substanzdualismus
Schwierigkeiten des interaktionistischen Substanzdualismus
1.1.1.2 Nichtinteraktionistischer Substanzdualismus
Variante A: Psychophysischer Parallelismus
Variante B: Okkasionalismus
Schwierigkeiten des nichtinteraktionistischen Dualismus
2.
Monistische Lösungsansätze
2.1 Theorien des Idealismus
2.1.1 Solipsismus
Schwierigkeiten des Solipsismus
2.2 Theorien des Physikalismus
2.2.1 Eliminativer Physikalismus
Schwierigkeiten des eliminativen Physikalismus
2.2.2 Reduktiver Physikalismus
Variante A: Logischer Behaviorismus
Schwierigkeiten des logischen Behaviorismus
Variante B: Identitätstheorie
Schwierigkeiten der Identitätstheorie
Widerlegung des reduktiven Physikalismus
2.2.3 Nichtreduktiver Physikalismus
Variante A: Funktionalismus
Schwierigkeiten des Funktionalismus
Variante B: Emergenztheorie
Schwierigkeiten der Emergenztheorie
Variante C: Supervenienztheorie
Schwierigkeiten der Supervenienztheorie
Variante D: Epiphänomenalismus
Schwierigkeiten des Epiphänomenalismus
Widerlegung des Epiphänomenalismus
Variante E: Anomaler Monismus
Schwierigkeiten des anomalen Monismus
Scheitern des nichtreduktiven Physikalismus
Scheitern des reduktiven Physikalismus
3.
Lösungsansätze im Grenzbereich
3.1 Eigenschaftsdualismus
Schwierigkeiten des Eigenschaftsdualismus
3.2 Klassischer und extremer Panpsychismus
Schwierigkeiten des klassischen und extremen Panpsychismus
3.3 Gradueller Panpsychismus
Schwierigkeiten des graduellen Panpsychismus
Neutrale Lösungsansätze
4.1 Neutraler Monismus
Schwierigkeiten des neutralen Monismus
Fazit
Was ist Bewusstsein?
Wachheit und Vigilanz
Traum und Schlaf
Luzide Träume
Außergewöhnliche Bewusstseinszustände
Hypnose
Trance
Rausch
Euphorie
Ekstase
Mystische Erfahrungen
Visionen
Emotionale Verschränkung
Lebensgefahr-Erfahrung (Fear-Death-Experience)
Nahtoderfahrung (Near-Death-Experience)
Empathische Nahtoderfahrungen
Perimortale Erfahrungen
Terminale Geistesklarheit
Sterbebettvisionen
Nachtoderfahrungen
Bewusstseinszustände und Bewusstseinsebenen
Bewusstseinsarten
Phänomenales Bewusstsein
Kognitives Bewusstsein
Beobachtungsbewusstsein
Selbstbewusstsein oder Ichbewusstsein
Transzendenzbewusstsein
Aufmerksamkeit und Achtsamkeit
Bewusstseinsschwelle
Grenzmethode
Herstellungsmethode
Konstanzmethode
Die Gesetze der Psychophysik
Das Webersche Gesetz
Das Fechnersche Gesetz
Stevenssches Gesetz
Wahrnehmung und Bewusstsein
Wahrnehmungsbewusstsein und Gedächtnisbewusstsein
Inhaltsbewusstsein
Mittelbare und unmittelbare Wahrnehmungen
Das Bauchhirn
Funktionen und Dimensionen des Bewusstseins
Binding
Die Verarbeitungskapazität des Bewusstseins
Unterschwellige Wahrnehmungen
Priming
Konzept der automatisierten Reiz-Reaktions-Verbindungen
Konzept der elaborierten Verarbeitung
Konzept der zwangsläufigen semantischen Verarbeitung
Konzept der handlungsdeterminierenden Reizerwartungen
Nichtbewusste kognitive Prozesse
Nichtbewusste Gedächtnisprozesse
Nichtbewusste Emotionen
Nichtbewusstes Lernen
Nichtbewusstes Wissen
Merkmale bewusster und nichtbewusster Prozesse
Was ist Psyche?
Entwicklung von Bewusstsein
Entwicklung der Spiritualität
Entwicklung der Psyche
Der innere Arzt
Stressmodell nach Hans Selye
Imagination nach Dr. Simonton
Coping und Resilienz
Psyche, Persönlichkeit, Persönlichkeitsstruktur und Persönlichkeitsfunktionen
Gesunde und kranke Psyche
Diagnostik und Klassifikation psychischer Störungen
Modellvorstellungen zur Entstehung von psychischen Störungen
Arten psychischer Störungen
Epidemiologie psychischer Störungen
Psyche und Ernährung
Ursachen psychischer Erkrankungen
Behandlung psychischer Erkrankungen
Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schließen, und es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.
SLAWISCHES SPRICHWORT
Wen der Weg einmal in das wunderschöne oberbayrische Dorf Benediktbeuern führt, findet dort nicht nur Ruhe, Erholung und Kultur. Er trifft dort auch auf eine außergewöhnliche Natur- und Sinneswelt. Schnell wird verständlich, warum Benediktbeuern geistiger und kultureller Mittelpunkt im Tölzer Land ist. Ein wahrlich gesegneter Ort, dazu noch mit einer denkwürdigen Geschichte. Eigentlich sollte Benediktbeuern ursprünglich als rein weltliche Station dienen, doch die Geschichte wollte es anders. Und so wurde aus dem im Jahre 725 gegründeten Stützpunkt „Buron“, der am Fuße der Bergwelt liegt und den Weg über den Kesselberg sowie das obere Loisachtal bis hin zum Brennerpass nach Italien militärisch kontrollieren sollte, noch etwas völlig anderes. Mönche kamen hinzu und als der heilige Bonifatius, der die Germanen missionierte, im Jahre 738 die Bistümer in Bayern neu ordnete, gab er den entscheidenden Anstoß zur Gründung eines Benediktinerklosters in Buron. Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Bereits ein Jahr später, im Jahre 739, weihte der heilige Bonifatius die neue Kirche ein und so wurde aus dem Kloster Buron „Benedictoburanum“, das heutige Benediktbeuern. Ein Pilger- und Wallfahrtsort zum heiligen Benedikt. Nach Montecassino und Saint-Benoît-sur-Loire sogar der drittwichtigste weltweit. Aber warum erzähle ich Ihnen das alles? Unter anderem wegen der malerischen Bergwelt. Wer sich nämlich auf eine der derzeit 166 paradiesischen Wandertouren begibt, kann ein äußerst interessantes Phänomen beobachten. Vorausgesetzt, man lässt seinen Blick über die weitläufigen Bergkämme der Gegend schweifen. Den Blick in die Ferne gerichtet, fest auf jenen Punkt, wo die Wolken die Berge berühren und umgekehrt. Fürwahr ein magischer Punkt, denn an demselben wird das Auge des Betrachters nicht mehr unterscheiden können zwischen Wolken und Bergen. Es erweckt den Eindruck, als würden die Berge sich in Wolken auflösen und andererseits die Wolken zu Bergen kondensieren. Die Wolken stehen dabei für das leichte und luftige Prinzip, für die Welt des Geistigen. Und die Berge stehen für das schwere und feste Prinzip, für die Welt des Materiellen. Aber kann das sein? Kann sich Materie wirklich einfach so in Geistiges auflösen? Oder andersherum, kann das Geistige einfach so zu fester Materie werden? Was ist überhaupt das Geistige und was ist Materie? Gibt es nur Geist oder existiert ausschließlich die Materie? Und was ist mit dem menschlichen Geist? Ist er ein Ausfluss neuronaler Aktivität oder eine eigenständige Entität, die bestehen bleibt, wenn man das Gehirn ausschaltet? Ehe man es sich versieht, ist es vorbei mit der Wanderung in den Bergen und man steht mitten in einem Themenkomplex, den die Menschheit schon seit Angedenken zu beantworten versucht, dem Leib-Seele-Problem. Dafür beginnt aber eine geistige Wanderung. Es ist eine anspruchsvolle Wegstrecke mit hohem Schwierigkeitsgrad. Dafür aber eine, die sich wirklich lohnt. Sie beginnt mit der Frage, was genau überhaupt das Leib-Seele-Problem umfasst, führt dann weiter in die Richtung philosophischer Lösungsvorschläge, um dann selbst einzelne Begriffe wie Bewusstsein, Psyche, Seele und Geist zu beleuchten. Schließlich führt die geistige Wanderroute zur Anatomie, genauer gesagt in die Neuroanatomie und zur Gehirnforschung, mit der Frage, ob wir so etwas wie Bewusstsein, Psyche, Seele und Geist im Gehirn wiederfinden können. Und sie führt zu der Welt der Toten bzw. zu den Menschen, die den Tod kennengelernt haben, bevor sie wieder ins Leben zurückkehrten. Mit der Quantenphysik wird es dann Zeit für ein Resümee. Damit auch Zeit für die Frage, ob man das Leib-Seele-Problem wirklich lösen kann? Und wenn ja, bis zu welchem Grad? Dort endet unsere geistige Reise. Wie jede, mit vielen Bildern und neuen Eindrücken. Wenn Sie mögen, folgen Sie mir also bis zum Gipfelkreuz. Bis an das Ziel unserer Reise, weit hinauf zu neuen geistigen Höhen.
Dr. med. Sascha Plackov
Berlin, im Winter 2020
Leben, Geburt und Tod sind Begriffe, die unsere menschliche Existenz kennzeichnen. Geburt und Tod sind dabei die Wegmarken, Anfang und Ende einer irdischen Existenz. Alles, was sich zwischen diesen beiden Wegmarken abspielt, nennen wir Leben. Menschliches Leben beginnt mit der Verschmelzung von Ei und Samenzelle. Es entsteht aus zwei Lebewesen. Danach ist es gekennzeichnet durch Wachstum, Fortpflanzung, Altern und Sterben. Das ist der zeitliche Verlauf. Chemisch gesehen besteht das Leben in unserer Dimension vorwiegend aus Wasser und Kohlenstoff. Man könnte deshalb auch sagen, dass das Leben auf der Kohlenstoffchemie basiert, wobei das Wasser als Lösungsmittel dient. Es finden sich aber auch noch weitere Elemente wie Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Natrium, Kalium, Calcium, Chlor, Phosphor, Schwefel, Jod, Eisen, Kupfer, Selen und andere. Eine weitere Auffälligkeit besteht darin, dass das Leben auf unserem Planeten aus Zellen besteht. Zu unterscheiden sind dabei einzellige von mehrzelligen Lebensformen. Auf zellulärer Ebene ist das Leben ein halboffenes dynamisches System. Das heißt, dass einerseits der intrazelluläre Raum durch die Zellmembran vom extrazellulären Raum abgegrenzt wird, andererseits aber über diese Abgrenzung ein geregelter Austausch mit der Umwelt stattfindet. Dieser Austausch wird so geregelt, dass sich in der Zelle ein dynamisches Gleichgewicht, auch Homöostase genannt, einstellt. Wir dürfen deshalb ganz allgemein festhalten, dass sich das Leben entweder in einzelliger oder in vielzelliger Form gegenüber der Umwelt abgrenzt. Es nimmt ständig Energie oder energiehaltige chemische Verbindungen auf, gibt Wärmeenergie an seine Umwelt ab und versucht sich an diese Umwelt möglichst gut anzupassen und sie möglichst im eigenen Interesse zu verändern. Jede biologische Leistung des Lebens wird dabei möglichst nach dem Minimaxprinzip ausgeführt. Das bedeutet, dass sie mit möglichst geringem Energie- und Stoffaufwand ausgeführt wird. Das Leben in unserer Dimension spricht auch eine Sprache. Es ist eine universelle Sprache, die im Erbgut steckt. Das Alphabet dieser Sprache kennt nur vier Buchstaben, die von den vier organischen Basen Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin gebildet werden. Die Grammatik dieser Sprache nennt man Desoxyribonukleinsäure. Sie ist Träger der Erbinformation, sprich der Gene. Leben besteht somit aus Materie und diese hat Eigenschaften. Zu diesen Eigenschaften gehören beispielsweise der Stoffwechsel, Regulation, Reizempfinden, Bewegung, Fortpflanzung sowie Vererbung und Fortentwicklung. Daneben gibt es noch eine Eigenschaft des Lebens. Es ist eine Eigenschaft der ganz besonderen Art, das Bewusstsein. Es ist deshalb von ganz besonderer Art, weil es sich als Kriterium des Lebens von allen anderen Phänomenen unterscheidet, die sich physikalisch-kausal erklären lassen. Selbst die Quantenphysik ist nicht in der Lage, es zu erklären. Rein stammesgeschichtlich gesehen lässt sich sagen, dass alle Lebewesen einen Zustand haben, den wir als Bewusstsein bezeichnen. Das Bewusstsein ist somit allem Lebendigen zugehörig. Offensichtlich kann ein Körper also nicht ohne Bewusstsein existieren. Damit bedeutet Leben folglich eine Kombination aus Materie und Bewusstsein. Und genau das ist das Einzigartige am Leben, diese Dualität. Es geht im Grunde um die Dualität von Körper und Bewusstsein. Was aber ist Bewusstsein und woher kommt es? Wie entsteht Bewusstsein aus der Materie und wie entwickelt es sich in einem Lebewesen? Mit Bewusstsein wird im Allgemeinen der wachbewusste Zustand von Lebewesen bezeichnet. Oder anders ausgedrückt, Bewusstsein heißt Wahrnehmung. Dabei gibt es verschiedene Stufen des Bewusstseins, der Wahrnehmung, niedrigere und höhere. Kann beispielsweise ein Lebewesen nicht nur Reize aufnehmen, sondern diese auch bewusst erleben, dann verfügt es über ein sogenanntes phänomenales Bewusstsein. Es verfügt dann über ein individuelles Erleben. Kann also ein Lebewesen Hitze und Kälte wahrnehmen, kann es Schmerzen wahrnehmen und seiner Freude oder Enttäuschung Ausdruck verleihen, dann verfügt es zweifelsohne über ein phänomenales Bewusstsein. Wir dürfen deshalb festhalten, dass die allermeisten Tiere über ein phänomenales Bewusstsein verfügen. Von einem gedanklichen Bewusstsein spricht man, wenn Lebewesen sich erinnern, denken, planen und etwas erwarten können. Dieses Bewusstsein finden wir zum Beispiel bei Katzen und Hunden. Kommt zum phänomenalen und gedanklichen Bewusstsein noch das Selbstbewusstsein hinzu, also das Wissen, über ein Bewusstsein zu verfügen, dann geht es noch eine Stufe höher. Das Selbstbewusstsein ist demnach Bewusstsein des Selbst und ein Wissen um seine eigenen mentalen Zustände. Es ermöglicht somit ein Bewusstsein von sich selbst als Individuum. Forscher der Universität Buffalo haben herausgefunden, dass neben dem Menschen auch manche Tiere ihre mentalen Vorgänge bewusst reflektieren, überwachen und beeinflussen können. Zu diesen Tieren gehören Delfine und Makakenaffen. Selbstreflexion bedeutet aber nicht automatisch auch das Bewusstsein über ein denkendes „Ich“. Das Selbstbewusstsein geht vielmehr dem Ichbewusstsein voraus. Damit wären wir dann bei der vorletzten Stufe des Bewusstseins angekommen, dem Ichbewusstsein, auch Individualitätsbewusstsein genannt. Individualitätsbewusstsein besitzt, wer sich seiner selbst und darüber hinaus seiner Einzigartigkeit als Lebewesen bewusst ist und die Andersartigkeit anderer Lebewesen wahrnimmt. So weit, so gut, aber wie bekommt man das heraus, ob ein Lebewesen über ein derartiges Ichbewusstsein verfügt? Die Antwort lautet, mit dem Spiegeltest. Er wurde 1970 von dem amerikanischen Psychologen Gordon G. Gallup erfunden. Bei dem einfachen Spiegeltest wird einem Lebewesen ein Spiegel in das Sichtfeld gehalten und dessen Reaktion beobachtet. Damit wird im Allgemeinen untersucht, ob ein Lebewesen ein Bewusstsein für die eigene Existenz hat. Wird das Spiegelbild als ein fremdes Individuum begrüßt, bedroht, attackiert oder ignoriert, so gilt der Test als nicht bestanden. Erkennen Lebewesen hingegen im Spiegelbild keinen Artgenossen, sondern sich selbst, gilt der Test als bestanden. Und so ein bestandener Test spricht für ein Ichbewusstsein und somit als Beweis für die Fähigkeit, komplizierte und abstrakte Gedankengänge zu verfolgen. Eine Abwandlung des Spiegeltests ist der Rouge-Test. Bei diesem Test wird dem Lebewesen ein farbiger Punkt auf eine Körperstelle gemalt, die ohne Spiegel nicht sichtbar wäre. Versucht das Lebewesen nach einem Blick in den Spiegel diesen Fleck zu berühren oder zu entfernen, dann hat es sich erkannt und der Test gilt als bestanden. Löst der Anblick im Spiegel jedoch keine Verwunderung aus, kein Verlangen, den Fleck zu berühren oder wegzuwischen, wird er also nicht bemerkt oder wahrgenommen, hat sich das Lebewesen nicht erkannt und der Rouge-Test gilt als nicht bestanden. Menschenkinder meistern den Spiegeltest meistens ab einem Alter von etwa eineinhalb Jahren, also zwischen dem 18. und 24. Lebensmonat, um genau zu sein. Aber auch Schimpansen, Orang-Utans, Delfine, Elefanten und Elstern bestehen diesen Test. Makaken hingegen tun sich bei diesem Test schwer. Denn bei ihnen führt erst eine tiefgreifende Veränderung des Äußeren dazu, ihr Erscheinungsbild im Spiegel genauer zu prüfen. Hunde und Katzen hingegen bestehen den Spiegeltest nicht. Unabhängig vom Spiegeltest muss jedoch eines ganz deutlich betont werden. Was auch immer in einem Tier wirklich vorgeht und ob dies dem ähnelt, was der Mensch empfindet, bleibt letztendlich ein Mysterium. Denn niemand vermag diese Frage wirklich zu beantworten. Eines ist jedoch völlig unstrittig. Nur der Mensch ist ein kulturelles, geschichtliches und religiöses Wesen. Kein einziges Tier philosophiert, reflektiert über Metaphysik, betet zu Gott, schreibt Psalmen, komponiert Kantaten, modelliert Skulpturen, malt Gemälde, baut Tempel oder beerdigt seine Toten. Denn Tiere haben keinen Sinn für höhere Wesen, Spiritualität und Religiosität. Und das aus gutem Grund. Denn was ihnen fehlt, ist ein Transzendenzbewusstsein. Damit wären wir bei der höchsten Stufe des Bewusstseins angekommen. Weil eben nur der Mensch über ein Transzendenzbewusstsein verfügt, fragt auch nur er nach dem „Mehr im Leben“ bzw. dem „Leben danach“. Und so denkt auch nur der Mensch über sein Dasein und über den Sinn des Lebens nach. Deshalb entwickelt nur der Mensch religiöse Vorstellungen. Kein Tier wird jemals einen verstorbenen Artgenossen beerdigen. Um ihn trauern ja, aber nicht beerdigen. Kein Tier wird jemals für ein anderes beten oder für sich selbst von einer höheren Macht Beistand erflehen. Beim Menschen ist das völlig anders. Wenn Menschen, wo auch immer sie leben, auf unserer Erde gestorben sind, werden sie von anderen Menschen beerdigt. Damit verbunden wird häufig die Hoffnung auf ein ewiges Leben. Besonders anschaulich wird dies in der Paläontologie, also der Wissenschaft von den Lebewesen der Urzeit. Wenn ein Paläoanthropologe zum Beispiel irgendwo im Erdreich Knochen findet, dann stellt sich für ihn die Frage, ob er es hier mit den Knochen eines Tieres oder mit denen eines Menschen zu tun hat. Findet er bei den Knochen auch Artefakte, also von Menschen erzeugte Gegenstände, beispielsweise als Grabbeigaben für das „Leben danach“, dann kann er ganz sicher sein, dass er es mit den Knochen eines Menschen zu tun hat. Damit stellt sich auch die spannende Frage, wann das Transzendenzbewusstsein überhaupt eingesetzt hat. Oder anders gefragt, wann erwachte das menschliche Transzendenzbewusstsein in der Entwicklungsgeschichte? Wir wissen nicht völlig sicher, wann und wo der Homo sapiens entstand, aber was wir sagen können, ist, dass er aufgrund von Fossilienfunden am ehesten afrikanischen Ursprungs ist und vor etwa 150 000 bis 200 000 Jahren auftauchte. Vor circa 100 000 Jahren betrat dann Homo sapiens sapiens, also der moderne Mensch oder Jetztmensch, die Bühne des Geschehens. Er war eine Unterart des Homo sapiens. Mit ihm setzten das Zeitalter der Kulturentwicklung sowie moderne Verhaltensmuster ein, was schließlich zu unserer hochtechnisierten Gesellschaft führte. Aber noch etwas zeichnete den modernen Menschen aus. Es war etwas Entscheidendes. Etwas, das ihn von allen anderen Lebewesen deutlich unterschied, nämlich sein seelisch-geistiges Empfinden. Es war dieser moderne Mensch, der als einziger kleine Skulpturen schnitzte, Höhlenwände bemalte, auf Knochen und Steinplättchen Wichtiges verzeichnete, Flöten baute, persönliche Schmuckstücke anfertigte, eine extreme Sprachenvielfalt entwickelte und seine Toten als einziger mit Gegenständen aus dem Alltag wie Werkzeugen, Geräten, Schmuck und Nahrung bestattete. Grabbeigaben in dieser Form fand man nur bei dem modernen Homo sapiens sapiens. Das ist ein eindeutiger und eindrucksvoller Beleg dafür, dass hier bereits ein transzendentes Denken vorlag. Und dies bedeutet, dass sich der moderne Mensch bereits zu dieser Zeit mit Leben und Tod auseinandersetzte. Dieser moderne Mensch muss sich also gefragt haben, was geschieht mit dem Verstorbenen? Wo geht er hin? Kommt er wieder, vielleicht in einer anderen Gestalt? Homo sapiens sapiens machte sich also klare Gedanken und Vorstellungen über den Tod. Und aus diesen Gedanken und Vorstellungen entstanden dann auch die entsprechenden Bräuche. Doch was bedeutet eigentlich Transzendenz? Es bedeutet so viel wie jenseits der Erfahrung des Gegenständlichen liegend. Der Begriff bezeichnet somit das Überschreiten der Grenzen des Diesseits. Als transzendent gilt, was außerhalb des Bereiches der normalen Sinneswahrnehmung liegt und nicht von ihr abhängig ist. Man darf allerdings den Begriff der Transzendenz nicht verwechseln mit dem Begriff transzendental. Denn transzendental ist eine vom deutschen Philosophen Immanuel Kant verwendete Bezeichnung und ist gleichbedeutend mit dem Wort „erkenntniskritisch“. Während also der Begriff Transzendenz diejenigen Bereiche menschlicher Existenz umfasst, welche die Wahrnehmung und das Vorstellungsvermögen überschreiten, konzentriert sich der Ausdruck transzendental primär auf die Untersuchung der Erfahrungsmöglichkeiten des Menschen und betrachtet dabei vor allem sein Erkenntnisvermögen. Die Begriffe Transzendenz und transzendental sind folglich nicht deckungsgleich, sondern streng voneinander zu unterscheiden. Eine transzendentale Erkenntnis beinhaltet die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit dieser Erfahrung und befasst sich demnach mit den Voraussetzungen ihrer Möglichkeit. Kant selbst definierte den Begriff transzendental wie folgt:
„Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich nicht sowohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnis von Gegenständen, sofern diese a priori möglich sein soll, beschäftigt.“
Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft
Damit bleiben zwei Dinge festzuhalten. Erstens, Transzendenz und transzendental kommen beide von dem lateinischen Begriff transcendo, was so viel wie „ich überschreite“ bedeutet. Beide sind Bezeichnungen für zwei sehr verwandte, aber gleichzeitig doch sehr verschiedene Begriffe. Und zweitens, wir stoßen bei der Frage nach dem Menschsein unumgänglich auf das Phänomen Transzendenz und somit auf das Thema Religion. Der Mensch ist offensichtlich von da an Mensch, wo zum Ichbewusstsein in Form von Selbstbezug zusätzlich noch ein Transzendenzbewusstsein hinzukommt und damit die Erkenntnis reift, dass es außer einem selbst auch noch etwas Größeres gibt als das eigene „Ich“. Etwas, das einen umfängt, zu der eigenen Existenz hinzutritt. Und dies möglicherweise in der Ausgestaltung eines Gottesbezugs. Transzendenz in der Religion bedeutet deshalb konkret das Jenseitige. Das, was die Grenzen des menschlichen Verstandes und seines Bewusstseins überschreitet und sprachlich nur in Ansätzen zu vermitteln ist. Die Transzendenz mit dem Bezug auf das Jenseits ist deshalb auch ein wesentlicher Unterschied zwischen Religion und Philosophie. Denn Philosophie ist im Allgemeinen auf das Diesseits beschränkt. Wenn es also etwas gibt, das den Menschen vom Tier eindeutig unterscheidet, dann sind es Kunst, Kultur und Glaube. Der Mensch kann an etwas glauben. Es ist ganz offensichtlich dieses Transzendenzbewusstsein, das ihn dazu antreibt, die großen Menschheitsfragen zu stellen. Wer bin ich? Was bin ich? Von wo komme ich her? Wohin werde ich gehen? Warum bin ich hier? Was ist der Sinn des Lebens? Welche Bedeutung hat der Tod? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Gibt es das ewige Leben? Das ewige Leben ist ein Begriff, der aus der Theologie und Metaphysik stammt. Dahinter steht die Vorstellung, dass mit dem biologischen Tod das Leben nicht enden wird und dass ein Lebewesen somit nie wird sterben müssen. Die meisten Religionen propagieren diesen Glauben an das ewige Leben. Die Vorstellung geht davon aus, dass ein nichtmaterieller Teil des Menschen, die Seele, der Geist oder das Bewusstsein, unsterblich ist und deshalb nach dem Tod weiterlebt. Die Vorstellungen der einzelnen Religionen, wie die Seele im Einzelnen beschaffen ist und wie oder wo sie nach dem Tode des Individuums weiter bestehen wird, gehen allerdings zum Teil weit auseinander. Die Auffassungen reichen dabei von der Wiedergeburt der Seelen bis hin zu speziellen Aufenthaltsorten, wie Paradies, Fegefeuer oder Hölle. Dagegen sehen die Vertreter der Naturwissenschaften das Leben als ein kompliziertes materielles und energetisches Phänomen an, von dem die geistigen und seelischen Funktionen immer abhängig bleiben werden. Alle Vorgänge des Geistes, welche von den Religionen als Manifestationen der Seele interpretiert werden, gelten ihnen als letztendlich auf elektro-chemische Prozesse zurückführbar. Daher widerspricht die Vorstellung von ewigem Leben dem aktuellen naturwissenschaftlichen Weltbild. Für die Naturwissenschaften, insbesondere die Neurobiologie, ist ein jedes Lebewesen endlich. In diesem Sinne ist auch der Begriff des ewigen Lebens für die Naturwissenschaften ein Widerspruch in sich. Es verwundert daher nicht, dass die Mehrheit der Wissenschaftler den Glauben an ein Weiterleben der Seele oder des Geistes nach dem Tode ablehnt. Denn, so die einhellige Überzeugung, mit dem Tod des Gehirnes stellen auch der Geist und die Seele ihre aktiven Funktionen ein. Aber ewiges Leben hin oder her, worum geht es eigentlich im Kern bei der Auseinandersetzung zwischen den Religionen und den Naturwissenschaften? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, müssen wir unseren Blick auf den Philosophen Immanuel Kant richten. Denn er formulierte im 18. Jahrhundert die großen Fragen der Menschheit in folgenden drei Grundfragen:
Was kann ich wissen?
Was soll ich tun?
Was darf ich hoffen?
Die erste Frage berührt die Themenbereiche Wissen und Erkenntnis. Die Frage richtet daher ihr Augenmerk auf die Epistemologie, also die Erkenntnislehre oder auch Erkenntnistheorie. Sie ist ein Teilgebiet der Philosophie, welches sich mit der Frage nach den Bedingungen von begründetem Wissen befasst. Es geht also um die Frage, was Wissen ist, ob wir es besitzen und wie wir unsere Wissensansprüche legitimieren können. Die zweite Frage, nach dem Handeln, berührt Fragen der Ethik und Moral. Als Moral wird dabei die Gesamtheit aller verinnerlichten Verhaltensregeln verstanden. Sie gibt beschreibend an, welche Verhaltensweisen gelebt werden und welche Erwartungen über ein gutes Handeln vorhanden sind. Dabei umfasst die Moral die vorhandenen Einstellungen, wie etwas sein soll. Sie besteht aus genauen Vorschriften darüber, wie gehandelt werden soll. Das heißt, dass Moral etwas billigt oder aber missbilligt, wobei sie dann auch gleichzeitig eine Verhaltensänderung fordert. Kurz und in einem Satz gesagt, Moral ist die Praxis des Sollens. Und die Ethik? Die Ethik ist die Theorie der Moral. Sie bietet deshalb eine wissenschaftliche Betrachtung. Als Teilgebiet der Philosophie enthält sie ein Nachsinnen über das gute Leben und das sittlich richtige Handeln. Dabei systematisiert die Ethik, sucht nach Begründungen und entwickelt entsprechende Kriterien. Auch wenn, besonders im alltäglichen Sprachgebrauch, die beiden Begriffe oft als Synonyme verwendet werden, so muss man sie doch klar und deutlich auseinanderhalten. Denn Ethik ist die Theorie und Moral ist die Praxis. Die dritte kantische Frage, was gehofft werden darf, berührt die Religionsphilosophie wie auch die Metaphysik. Beide bilden das systematische Grenzgebiet zwischen Philosophie und Theologie. Dabei geht es aus der Sicht der Philosophie um die argumentative und rational verantwortbare Entwicklung einer Konzeption des Absoluten, welche die Wirklichkeit des endlichen Lebens und Denkens übersteigt und zugleich begründet. Der Theologie hingegen geht es in erster Linie um die argumentative Durchdringung zentraler Glaubensinhalte, um sie mit dem rationalen Vernunftanspruch zu vermitteln und dadurch in ihrer spezifischen Rationalität zu erschließen. Und was dürfen wir dabei unter Metaphysik verstehen? Die Metaphysik muss in diesem Zusammenhang als Versuch verstanden werden, die letzten Fragen mithilfe der Vernunft zu beantworten. Derartige Fragen betreffen dementsprechend die Welt als Ganzes, den Grund der Welt und die Stellung des Menschen in der Welt. Und damit wären wir schließlich auch beim Kern der Auseinandersetzung zwischen Religion und Wissenschaft angekommen. Denn es zeichnet den Menschen aus, dass er, anders als das Tier, über das Vermögen verfügt, sich all die genannten Fragen stellen zu können. Er kann sich selbst Zielvorstellungen setzen und auf diese mittels der Vernunft reflektieren. Das alles lässt eine vierte Frage erkennen, welche auf den Antworten der drei vorangegangenen Fragen basiert. Denn für Kant enthält die Frage nach dem Menschen alle drei anderen vorausgegangenen Fragen in sich. Der Mensch ist nach Kant das Wesen, das nach Wissen strebt, das hoffen und glauben kann und das Gut und Böse unterscheidet und sich moralisch verhalten kann. Kant fasst daher seine drei philosophischen Grundfragen zu einer einzigen zusammen und fragt nach dem Wesen des Menschen. Er stellt somit die Frage aller Fragen: Was ist der Mensch? Diese Frage, was der Mensch überhaupt ist, ist die Frage nach seinem Wesenskern. Es ist die Frage nach dem Menschenbild. Das Menschenbild ist die Vorstellung davon, was den Menschen ausmacht. Es beschreibt das Wesen des Menschen. Es beinhaltet das, was den Menschen von der unbelebten Natur sowie den Pflanzen und Tieren unterscheidet. Dabei ist das Menschenbild eingebunden in das Weltbild. Jetzt wird auch endlich klar, worum es in dem Streit zwischen Religion und Wissenschaft im Kern geht. Es geht um das Fundament, auf dem unser Weltbild steht. Denn insoweit der Mensch Teil der Welt ist, ist das Menschenbild auch Teil des Weltbildes. Und Menschenbild wie Weltbild sind dann Teil einer umfassenden Überzeugung oder Lehre. Entweder als Theologie und damit als Lehre vom Inhalt eines spezifischen religiösen Glaubens und seinen Glaubensdokumenten im Besonderen oder als ein begründetes, geordnetes und für gesichert erachtetes Wissen in einem bestimmten Bereich in Gestalt der Wissenschaft. Entsprechend unterschiedlich fällt auch die Antwort darauf aus, was der menschliche Wesenskern ist, und in der Folge dessen natürlich auch das vertretene Weltbild. Was aber kann der Mensch in seinem Wesenskern überhaupt sein? Die Wissenschaften betrachten den Menschen aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln und infolgedessen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Daraus ergeben sich große Unterschiede im Menschenbild der einzelnen Wissenschaften. Dies verwundert insofern auch nicht weiter, weil sich jede Einzelwissenschaft nur mit den Teilaspekten des Menschen beschäftigt und auseinandersetzt. Das naturwissenschaftliche Menschenbild lässt sich dagegen sehr einfach zusammenfassen, und zwar in einem Satz. Der Mensch ist eine seelenlose biologische Maschine. Wesentlich ist dabei das Prinzip von Ursache und Wirkung, also die Kausalität. Sowohl der menschliche Körper als auch seine Handlungen werden dadurch erklärbar und demzufolge beeinflussbar. Je genauer man den menschlichen Körper erforscht und versteht, desto eher versteht man das Wesen des Menschen und desto besser lässt sich dieses Wesen dann beeinflussen. In dem Weltbild der Naturwissenschaft ist Gesundheit deshalb auch nichts anderes als Funktionstüchtigkeit. Je funktionsfähiger die Maschine Mensch ist, desto gesünder ist sie. Verständlich, dass die technisch hoch aufgerüstete Industriegesellschaft den Menschen daher als Leistungswesen betrachtet. Wenn zu einem gesunden Körper noch ein funktionsfähiges Gehirn vorhanden ist, dann ist das menschliche Wesen zu einem Bewusstsein und auch dem Menschsein fähig. Das bedeutet, dass der Mensch durch sein Gehirn eine besondere Stellung hat. Deshalb wird menschliches Leben auch nach der Gehirntätigkeit beurteilt. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber, wenn ein Wesen diesen Kriterien nicht entspricht, dann ist es mit einem Tier gleichzusetzen und darf folglich auch als solches behandelt werden. Es ist ein mechanistisches Weltbild, das die Naturwissenschaft zeichnet und in dem der Mensch als lebendige Maschine seinen Platz hat. Genauer gesagt ist es ein mechanistisch-materialistisches Weltbild, nach dem der Mensch in seinem Wesenskern nichts weiter als Materie ist. Anders ausgedrückt, der Mensch ist in den Augen der Naturwissenschaft sein Körper, oder noch präziser formuliert sein Gehirn. Es versteht sich von selbst, dass in diesem naturwissenschaftlichen Menschenbild und dem daraus resultierenden Weltbild für einen Gott oder Schöpfer kein Platz ist. Nicht anders ergeht es dem freien Willen des Menschen. Dabei ist unter Willensfreiheit die Möglichkeit des Menschen zu verstehen, sowohl den Inhalt wie auch das Ziel seines Wollens festzulegen, und zwar unabhängig von Fremdbestimmung oder innerem Zwang. Aber diese Idee ist leider mit naturwissenschaftlichen Überlegungen prinzipiell nicht zu vereinbaren. Denn alles in dieser materiellen Welt geschieht nach physikalischen Gesetzen und gehorcht so dem Prinzip von Ursache und Wirkung. Damit ist alles vorhersehbar, wenn man nur weiß, welchen Naturgesetzen es gehorcht. Auch unser Gehirn besitzt eine deterministische Grundverschaltung. Das heißt, unsere Gehirne funktionieren nach deterministischen Naturgesetzen. Als materielle Wesen mit einem materiellen Körper und einem materiellen Gehirn sind wir folglich determiniert. Wir sind deshalb als Wesen dieser Welt ebenfalls dem Prinzip von Ursache und Wirkung vollkommen unterworfen. Infolgedessen gibt es also auch keinen freien Willen. Je mehr das naturwissenschaftliche Denken daher dominiert, desto weniger Bedeutung hat der freie Wille des Menschen. Warum sollten Maschinen letzten Endes auch einen freien Willen besitzen? Aber können Menschen wirklich nur willenlose Maschinen sein oder als solche dargestellt werden? Schließlich lehrt uns doch die Alltagserfahrung, dass wir als bewusste Personen über unsere Handlungen entscheiden und unser Verhalten steuern können. Oder sollte das nur eine Illusion sein? Aber der Mensch ohne freien Willen wäre nur ein Spielzeug des Schicksals und nicht für sein Tun verantwortlich. Wer die Willensfreiheit aufgibt, der gibt damit auch die Verantwortlichkeit auf. Doch dieses Bild vom unfreien Menschen ließe sich nicht mit der traditionellen Vorstellung von Verantwortlichkeit, Schuld und Strafe vereinbaren. Denn die Gemeinschaft könnte ihn dann nicht dazu ermahnen, die Gesetze zu achten, und sie könnte ihn auch nicht verurteilen. Jedwedes Strafrecht wäre dann ad absurdum geführt. Kurzum, wenn der freie Wille eine Illusion ist, dann ist auch das Strafrecht eine Illusion, denn es fußt auf einer solchen. Müssen wir also das Strafrecht ändern oder sollten wir es gar abschaffen? Und wenn wir es tatsächlich täten, wie sollten wir dann noch zusammenleben? Jeder könnte morden, vergewaltigen und brandschatzen, ohne eine Strafverfolgung zu befürchten. Jeder könnte sich darauf berufen, schließlich keinen freien Willen zu haben und ein Opfer des Determinismus zu sein. Wer aber würde dann noch in einer solchen Gesellschaft leben wollen? Wahrscheinlich niemand. Wie es scheint, kann der freie Wille nicht hinweggedacht werden. Ist dann wenigstens die Vorstellung des Menschen als Maschine denkbar? Das Leben ist rhythmisch und zyklisch. Der Mensch schläft und wacht. Sein Herz beschleunigt bei der Einatmung, um bei der Ausatmung wieder abzubremsen. Seine Verdauung arbeitet verstärkt, wenn er ruht, und wenn der Mensch aktiv ist, dann ruht die Verdauung. Es gehört deshalb zu den grundlegenden Erkenntnissen, dass die zeitliche Ordnung der Lebensvorgänge in Form von Rhythmen abläuft. Erst wird Energie eingesetzt, um anschließend wieder Energie aufzutanken. Das ist der natürliche Rhythmus. Lebt der Mensch gegen diese natürlichen Rhythmen, erschöpfen sich seine Ressourcen schnell, weil er die Kraft der Erholung verkennt. Der Körper reagiert dann mit verschiedenen negativen Emotionen. All das zeigt ganz deutlich, dass Menschen als lebendige Individuen rhythmische Wesen sind. Bei Maschinen ist das völlig anders. Um bei ihnen den Output zu erhöhen, muss man sie nur länger laufen lassen. Das bedeutet, dass man die Laufzeit linear erhöhen muss. Maschinen sind also lineare Wesen. Versucht man hingegen beim Menschen auf diese Weise das Arbeitspensum linear zu erhöhen, wird er krank und geht im schlimmsten Fall zugrunde. Dieses Beispiel führt sehr eindringlich vor Augen, dass der Vergleich des Menschen mit Maschinen völlig unpassend ist. Auch rein sprachlich ergeben sich bei der Vorstellung des Menschen als Maschine und der damit verbundenen Reduktion auf sein Gehirn zahlreiche Probleme. So würde nie ein Mensch von sich aus sagen, ich bin ein Gehirn. Sondern jeder würde anmerken, ich habe ein Gehirn. Niemand würde zu einem geliebten Menschen sagen, mein Gehirn liebt dich. Stattdessen würde jeder Mensch natürlicherweise sagen, ich liebe dich. Es stellt sich deshalb die Frage, ob ein Körper wirklich sich selbst gehören kann. Oder muss nicht doch vielmehr jemand in diesem Körper stecken, der von sich aus sagt, das ist mein Körper. Es nimmt daher nicht wunder, dass die Religion in dieser Hinsicht der naturwissenschaftlichen Sichtweise sowohl in Bezug auf das von ihr vertretene Menschenbild wie auch das dazugehörige Weltbild widerspricht. Denn für die Religion ist der Kern des Menschen nicht Materie, sondern Geist. Der Mensch ist eine Einheit aus Körper und Seele, sprich Materie und Geist. Die innerste Wesensart des Menschen ist aber geistig. Man könnte auch sagen, dass die innerste Persönlichkeit im Geistigen wurzelt. Der Geist ist somit der unsterbliche Kern des Menschen. Er ist die wirkliche Person. Die Aufgabe des Geistes ist es, sich zu entwickeln. Das heißt, seine Anlagen und Fähigkeiten, welche in ihm ruhen, zur Entfaltung zu bringen. Dabei soll er sein gesamtes Potenzial ausschöpfen, um ein reifer und vollbewusster Mensch zu werden. Diese Entwicklung ist der Sinn seines Lebens. Damit sich diese Entwicklung auch wirklich vollziehen kann, umhüllt sich der Geist mit Materie in Form eines Körpers. Auf diese Art und Weise verankert sich der Geist im Körper, so wie sich auch der Samen im Erdreich verankern muss, damit er sich von hier aus frei entfalten kann. Das bedeutet, dass der Mensch mit seinem Körper im Sinne der Biologie, der Chemie und Physik einen Teil der Natur darstellt und als solcher mit allen anderen Lebewesen eng verbunden sowie mit den anderen Geschöpfen auch verwandt ist. Es bedeutet aber auch, dass der Mensch im Wesenskern als Geist ein Geschöpf Gottes und somit dessen Ebenbild darstellt. Das verleiht dem Menschen Würde und Recht. Als Geschöpf vertritt er deshalb den unsichtbaren Gott in der Welt, weshalb er auch eine weitreichende Verantwortung für sein Handeln in all seinen Lebensbeziehungen trägt. Der Mensch ist in der Lage, zwischen dem Guten und dem Bösen zu unterscheiden, und soll den Weg des Guten wählen. Er soll sich Wissen aneignen und lernen zu lieben. Auf diese Weise soll er die Schöpfung, die in sich vollkommen ist, durch sein Wirken vollenden. In seiner Wahl ist der Mensch jedoch völlig frei. Er besitzt in dieser Hinsicht völlige Willensfreiheit. In dieser Freiheit ist er nur seinem eigenen Gewissen und seinem Schöpfer unterworfen. Aus dieser Perspektive ist der Mensch allerdings in einer Beziehung und Verantwortung, welche weit über den weltlichen Zusammenhang hinausreichen. Daher ist der Tod nicht als endgültige Grenze zu betrachten. Als Mischwesen aus einem tierischen Körper und einem göttlichen Geist wird der Mensch seiner umfassenden Verantwortung nie völlig gerecht. Denn in seiner Entwicklung ist er nicht vollkommen und verfügt nur über ein begrenztes Potenzial an Macht. Darüber hinaus besitzt er auch nur ein begrenztes Vermögen an Erkenntnis. Der Mensch wird deshalb, ob willentlich oder nicht, schuldig vor seinem Schöpfer und stirbt letztlich in dieser anhaltenden Verstrickung von Versagen und Schuld. Endgültige Vergebung und Erlösung liegen daher nicht in seiner Hand, sondern können nur in der Gottesbeziehung erhofft werden. Der Mensch ist aus diesem Grunde dazu angehalten, Gottes Vergebung und Erlösung zu suchen. Wie man sieht, könnten das Menschen- und Weltbild der Naturwissenschaft und der Religion nicht weiter auseinanderliegen. Was sowohl für das Menschenbild wie auch das Weltbild gilt, das gilt natürlich gleichfalls auch für die Konsequenzen, die sich aus diesen verschiedenen Menschen- und Weltbildern ergeben. Die Konsequenzen des naturwissenschaftlichen Menschen- und Weltbildes sind zum einen, dass nur dasjenige, was naturwissenschaftlich nachgewiesen werden kann, als Wirklichkeit akzeptiert wird. Liebe und Schmerz sind demnach keine Wirklichkeit. Sie können nicht naturwissenschaftlich, sprich experimentell, nachgewiesen werden. Sie gehören deshalb nicht der objektiven Wirklichkeit an und sind damit nur eine Illusion. Das ist auch der Grund, weshalb man niemals eine wissenschaftliche Abhandlung über die Liebe lesen wird. Sie existiert für die Naturwissenschaft einfach nicht. Zum anderen, wenn man der Naturwissenschaft folgt, ist der Mensch das Produkt einer biologischen Evolution. Und bei diesem Produkt stand der Zufall Pate. Dieses Produkt besteht im Grunde nur aus Materie. Es besitzt keinen Geist und auch keine Seele. Es verfügt über keinen freien Willen. Es ist eine Maschine oder, wenn man so möchte, eine Puppe. Diese Puppe ist ein Gehirnwesen, dessen Existenz keinen Sinn hat. Es sei denn, dass diese Puppe ihrer Existenz einen Sinn gibt, welchen auch immer. Zu hoffen und zu erwarten hat diese Puppenmaschine nichts, denn mit dem Ausfall der Gehirntätigkeit ist ihre Existenz unwiederbringlich verloren. Sie ist für immer ausgelöscht. Folgt man dagegen dem Menschen- und Weltbild der Religion, so ergeben sich ganz andere Konsequenzen. Der Mensch als Geschöpf ist ein Geistwesen und als solches Teil der Schöpfung. Als Geschöpf steht der Mensch in enger Beziehung zu seinem Schöpfer. Der Mensch hat in dieser Schöpfung eine Aufgabe. Denn alles folgt einem übergeordneten Plan und steuert auf ein vorgegebenes Ziel zu. Alles hat eine Ordnung und hat Sinn, auch wenn dieser für den Menschen nicht immer klar erkennbar ist. In seinem Welt- und Selbstbild ist der Mensch frei. Er verfügt über einen freien Willen und kann auf diese Weise selbstbestimmt handeln. Er kann Gut und Böse unterscheiden und eigenständig entscheiden, welchen Weg er gehen will. Dafür trägt er die volle Verantwortung vor sich und vor Gott als seinem Schöpfer. Als Geist und Ebenbild seines Schöpfers ist der Mensch unsterblich. Seine körperliche Hülle stirbt, aber seine wirkliche Persönlichkeit als Geist existiert weiter, jedoch in einer anderen Dimension. Gerade die Konsequenzen, die sich aus den verschiedenen Menschen- und Weltbildern ergeben, machen zwei Sachverhalte ganz deutlich. Erstens, es ist dem Menschen unmöglich, nicht zu glauben. Es gibt infolgedessen keinen Unglauben. Jeder Mensch glaubt an etwas. Er glaubt an Gott oder er glaubt an die Materie. Er glaubt an den Geist oder an das Nichts in Form eines Vakuums. Selbst wenn er glaubt, dass er nichts glaubt, glaubt er etwas. Und als Zweites wird deutlich, dass der Streit um das Menschen- und Weltbild ganz klar einen religiösen Hintergrund hat, denn mit der Frage nach Gott ist auch die Frage nach dem Menschen selbst eng verbunden. Genau dieser Hintergrund des Problems wird heute jedoch in der Regel aus der erfahrungswissenschaftlichen Diskussion als Metaphysik ausgeklammert. Diese Frage kann und darf aber nicht ausgeklammert werden, denn das Menschen- und Weltbild hat enorme Auswirkungen auf die Gesellschaft mit unabsehbaren Folgen. Davon können insbesondere die Irrwege der Politik des 20. Jahrhunderts Zeugnis ablegen. Jeder Mensch hat eine einmalige Würde. Die Geschichte sollte den Menschen daher lehren, dass das Menschenbild der Maßstab für Humanität auf diesem Planeten Erde sowie für die Bewertung schlimmster Formen von Menschenverachtung ist. Nehmen wir zum Beispiel die Ideologie des Kommunismus. Sie unterteilt Menschen und Gesellschaft in Klassen, die wertend abgegrenzt werden. Diesem Prinzip opferten sowohl die Sowjetunion wie auch ihre Satellitenstaaten Millionen von Menschenleben und Familienschicksalen. Oder nehmen wir eine andere Ideologie, die des Nationalsozialismus. Sie stellte die Rasse über den Menschen und verfolgte mit diesem Irrsinn ganze Völker, insbesondere das jüdische Volk, bis zur physischen Vernichtung. Der Hass sollte die Kraft verleihen, den Feind überall mit aller Unnachgiebigkeit und Unerbittlichkeit zu bekämpfen, und zwar bis zum letzten Atemzug. Dabei, und das sollte nicht übersehen werden, verachtete die nationalsozialistische Ideologie auch den Menschen des eigenen Volkes, getreu dem Motto „Du bist nichts, dein Volk ist alles“. Wer erinnert sich in diesem Zusammenhang nicht an den Ausspruch Hitlers am 19. März 1945 gegenüber seinem Rüstungsminister Albert Speer: „Was nach diesem Kampf übrig bleibt, sind ohnehin nur die Minderwertigen, denn die Guten sind gefallen.“ Ein weiteres Zeugnis der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus liefert der Ausspruch Hitlers gegenüber einem hohen SS-Offizier: „Unterliegt das deutsche Volk, dann soll es krepieren und dem biologisch Stärkeren Platz machen.“ Es waren diese fanatischen Parolen, diese Denkmuster, diese Menschenbilder, mit denen die nationalsozialistische Führung das eigene Volk, Europa und die Welt in den Untergang steuerten, mit der Folge der Zerstörung großer Teile der Existenzgrundlagen im Zweiten Weltkrieg. Beide Ideologien, die des Kommunismus und die des Nationalsozialismus, hatten auch ihre eigenen Definitionen für sogenanntes „lebensunwertes Leben“ und zogen daraus ihre „Berechtigung“ für dessen Vernichtung. Beide verursachten die größten Fluchtbewegungen und Vertreibungsverbrechen der Menschheitsgeschichte, die zugleich die verheerendsten kulturellen Verluste in Europa zur Folge hatten. Daraus können wir die Bedeutung des Menschenbildes mit seiner Auswirkung auf die Gesellschaft, inklusive seiner Folgen, direkt herauslesen. Wir dürfen deshalb das Menschenbild nicht dem Zufall überlassen oder jemandem, der unbedingt Zufall spielen will. Doch welches Menschenbild ist das richtige? Und wie bekommt man das heraus? Dazu gibt es nur einen Weg. Wir müssen eine Antwort finden auf das Leib-Seele-Problem. Nur aus dieser Antwort können wir das richtige Menschenbild ableiten. Wir werden deshalb nach einer Antwort suchen müssen. Dazu werden wir erst die Philosophie des Geistes befragen und schauen, welche Antwort und Lösung sie uns geben kann. Wir werden uns aber auch der Hirnforschung zuwenden und uns ansehen, inwieweit die Neurobiologie zum Aufschluss des Leib-Seele-Problems beitragen kann. Als Letztes werden wir dann unseren Blick auf die Medizin richten. Genauer gesagt werden wir uns in das Grenzgebiet der Medizin, die Nahtoderfahrungen, wagen. Es ist das Gebiet, an dem sich Medizin, Philosophie und Theologie berühren. Wir werden dabei herauszufinden versuchen, was es mit diesem Phänomen auf sich hat, und dabei betrachten, was uns die Menschen, die dem Tod tief in die Augen geschaut haben, zu sagen haben. Mit welcher Botschaft kehren diese Menschen von der Grenze des Todes in das Leben wieder zurück? Welche Antwort können sie uns in Bezug auf das Leib-Seele-Problem und das Menschenbild geben? Vielleicht wird es uns dabei nicht ganz gelingen, eine endgültige Lösung für das Leib-Seele-Problem zu finden. Aber es sollte doch möglich sein, bei allem Bestreben, die beste Annährung an eine Lösung zu erreichen. Eine Annäherung, welche in der Lage ist, uns eine befriedigende Antwort auf die drängendste aller Fragen zu geben. Die Frage, was der Mensch im Grunde seines Wesens ist?
Jeder gesunde Mensch besitzt 656 Muskeln, wobei diese beim Mann etwa 40 %, bei der Frau etwa 23 % der Gesamtkörpermasse ausmachen. Das menschliche Skelett besteht aus etwa 206 Knochen, deren Gesamtgewicht etwa 10 kg beträgt. Neben Sauerstoff und Licht ist das Wasser für den Menschen die wohl kostbarste Lebensgrundlage, denn Wasser macht etwa 50–80 % des Gesamtgewichts des Körpers aus. Betrachtet man die Zusammensetzung des menschlichen Körpers, dann ergibt sich für eine 70 kg schwere Durchschnittsperson folgendes Zahlenverhältnis:
60,0 %
Wasser
16,0 %
Eiweiß
14,0 %
Fett
6,0 %
Mineralstoffe
1,2 %
Kohlenhydrate
1,0 %
Nukleinsäuren
0,4 %
Vitamine
1,4 %
übrige Bestandteile
Betrachtet man die Zusammensetzung des menschlichen Körpers unter chemischen Gesichtspunkten, sehen die Zahlen so aus:
63,0 %
Sauerstoff
20,0 %
Kohlenstoff
10,0 %
Wasserstoff
3,0 %
Stickstoff
1,9 %
Eisen, Magnesium, Natrium, Kalium, Calcium, Phosphor, Schwefel, Chlor, Kupfer und Jod
0,1 %
andere Elemente
Der Mensch besteht also aus einem Haufen toter Masse. Wie aber kommt das Denken, Fühlen, Wollen, Handeln, sprich, wie kommt der Geist in diese tote Materie? Die Beantwortung dieser Frage ist ein echtes Problem. Es wird Leib-Seele-Problem genannt. Man kann nur staunen. Aber das Staunen ist der Anfang jedweder Philosophie. Daher nimmt es nicht wunder, dass sich gerade die Philosophie dieser Problematik als Erste angenommen hat. In der Philosophie geht es generell um das Verstehen. Sie selbst ist eine Begriffswissenschaft, die sich mit grundlagentheoretischen Fragen befasst. Es geht darum, durch die Analyse von Begriffen und begrifflichen Zusammenhängen zur Beantwortung von Fragen beizutragen. In der Philosophie geht es deshalb darum, neue begriffliche Instrumente zu entwickeln, um alte philosophische Probleme möglicherweise noch genauer zu formulieren, um sie dann auszudifferenzieren und schließlich einer Lösung näherzubringen. Ihre Aufgabe ist es deshalb zu präzisieren, worin genau das Problem besteht, und auf argumentative Weise Lösungsvorschläge zu erarbeiten und zu bewerten. Die Philosophie des Geistes ist ein Teilgebiet der Philosophie. Sie umfasst neben der philosophischen Psychologie und der Philosophie der Psychologie auch den Teil der Metaphysik, in dem es um die Frage nach der ontologischen Natur des Geistigen geht. Ist das Geistige etwas Eigenständiges, das vom Physischen grundsätzlich verschieden ist? Oder ist das Geistige selbst nur eine Spielart des Physischen? Das Leib-Seele-Problem ist ein klassisches Problem der abendländischen Philosophie. Der Philosophie des Geistes geht es dabei um Fragen nach der Beschaffenheit unseres Bewusstseins, um Fragen nach dem Verhältnis von Körper und Geist, um Fragen nach der Willensfreiheit und um Fragen personaler Identität. Es geht somit um die Frage alle Fragen: Was ist der Mensch? Es ist also die Frage nach dem Menschenbild, die sich einem hier stellt. Und das ist ein weiteres Charakteristikum der Philosophie. Es geht ihr gar nicht so sehr darum, die richtigen Antworten zu finden. Viel wichtiger für die Philosophie ist es hingegen, die richtigen Fragen zu stellen.
Die Wurzeln des Leib-Seele-Problems reichen bis in die Antike zurück. Hier setzte ein erstes Nachdenken über die Zusammenhänge zwischen Körper und Seele ein. Die Ersten, die sich an einer systematischen Seelentheorie versuchten, waren zum einen Platon (ca. 427–347 v. Chr.), ein Schüler des Philosophen Sokrates (ca. 470–399 v. Chr.), und zum anderen Aristoteles (ca. 384–322 v. Chr.), dessen Lehrer wiederum Platon war. Zu den vorrangigsten Themen Platons gehörte das Anliegen, die Unsterblichkeit der Seele zu beweisen. In seiner Vorstellung war die Seele nicht nur das Prinzip des Lebens. Sie war das eigentliche Selbst des Menschen und von ganz anderer Art als der Körper. Körper und Seele waren für Platon zwei völlig verschiedene Wesen. Denn die Seele, die sich nach dem Tod vom Körper löste, konnte nach Platons Überzeugung auch ohne den Körper selbstständig weiterexistieren. Für ihn war deshalb die Möglichkeit eines Lebens nach dem Tode kein Problem. Der Mensch müsse deshalb auch keinerlei Angst vor dem Tod haben. Eine genaue Vorstellung darüber, was die Seele sei, hatte Platon nicht. Seine Seelenvorstellung war deshalb eher mythologischer Natur. So verwundert es nicht weiter, dass sich Platon über das Schicksal der Seele im Jenseits meist in mythischer Form geäußert hat. Dennoch wird aus seinen Überlegungen ersichtlich, dass die Seele für ihn ein eigenständiges immaterielles Ding war. Etwas völlig Andersartiges als der menschliche Körper. Platons Überzeugung war somit ein expliziter Dualismus. Besonders deutlich wird diese Haltung im Phaidon. Der Phaidon ist ein in Dialogform verfasstes Werk. Wiedergegeben wird darin ein literarisch gestaltetes Gespräch, welches in eine Rahmenhandlung eingebettet wird. Das Hauptthema des Phaidon ist die Seele. Es geht dabei nicht nur um ihre Beschaffenheit und ihr Verhältnis zum Körper, den sie beseelt, sondern auch um ihr mutmaßliches Schicksal nach dem Tod. Der Philosoph Phaidon von Elis, ein Schüler des Sokrates, tritt in der Rahmenhandlung als Erzähler auf. Nach ihm wurde auch das Werk benannt. Die Gesprächspartner des Sokrates sind neben Phaidon selbst zwei weitere seiner Schüler, nämlich Kebes und Simmias von Theben. Sokrates, so die Handlung, wurde dabei vor Kurzem in Athen wegen Religionsfrevel und Verführung der Jugend zum Tode verurteilt. Phaidon schildert nun als Augenzeuge einer Gruppe von Zuhörern die Ereignisse des Todestags, den Sokrates im Kreise von Freunden eingekerkert verbrachte. Von besonderer Bedeutung ist vor allem das Ende des Dialoges. Denn in der Schlussszene versucht Sokrates den bei ihm ausharrenden Freunden noch einmal deutlich zu machen, dass nicht er selbst es sein wird, der stirbt, sondern nur sein Körper. Hier der Dialog im Original, in dem sich Kriton an Sokrates fragend wendet:
Kriton: Wie aber sollen wir dich begraben?
Sokrates: Wie ihr wollt, wenn ihr mich nur wirklich noch haben werdet und ich euch nicht etwa entwischt bin.
Phaidon: Bei diesen Worten lächelte er ganz ruhig und sah uns an.
Sokrates: Diesen Kriton, ihr Männer, überzeuge ich nicht, dass ich der Sokrates bin, der jetzt mit euch redet und euch die Gedanken darlegt. Er glaubt vielmehr, ich sei jener, den er nun bald tot sehen wird, und fragt mich deshalb, wie er mich begraben soll. Ich habe euch aber doch ganz ausführlich dargelegt, dass ich dann nicht länger bei euch bleibe, wenn ich den Trank genommen habe, und dass ich dann fortgehen werde zu irgendwelchen Wonnen der Seligen. Er aber meint anscheinend, das sage ich alles nur so, um euch zu beruhigen und mich selbst auch. So legt bitte ihr denn eine Bürgschaft für mich bei Kriton ein, und zwar eine ganz entgegengesetzte zu der, wie er sie bei den Richtern eingelegt hat. Denn er hat sich denen gegenüber verbürgt, ich würde nach meiner Verurteilung ganz gewiss bleiben. Ihr aber verbürgt euch bitte dafür, dass ich ganz gewiss nicht bleiben werde, wenn ich tot bin, sondern mich entfernen und fort sein, damit Kriton es leichter ertragen kann. Wenn er meinen Leib verbrennen oder begraben sieht, soll er sich nicht meinetwegen ereifern, als ob mir Arges begegne. Und er soll beim Begräbnis nicht sagen, er bahre den Sokrates auf oder trage ihn heraus oder er begrabe ihn. Denn wisse nur, bester Kriton, sich unrichtig ausdrücken ist nicht nur eben an sich ungut, sondern es prägt auch etwas Böses in die Seele ein. Du musst also mutig sagen, dass du nur meinen Körper begräbst. Und diesen begrabe so, wie es dir eben recht ist und wie du es am meisten für schicklich hältst.
Phaidon, 115c–116a
Für Platon ist darüber hinaus das Leben nach dem Tod ein äußerst erstrebenswerter Zustand, weil nach seiner Überzeugung der Mensch dann nicht mehr durch seinen Körper an der Erkenntnis des wahrhaften Seins gehindert wird. Denn, so Platon im Phaidon: „Die Seele ist an ihren Körper gefesselt und mit ihm verwachsen, gezwungen die Wirklichkeit durch den Körper zu sehen wie durch Gitterstäbe, anstatt durch ihre eigene ungehinderte Sicht“ (82e). Für Platon ist der Körper eine Art Gefäß bzw. Wohnstätte der Seele oder negativ ausgedrückt ihr Grab bzw. ihr Gefängnis. Die Seele hingegen begreift Platon als ein immaterielles Prinzip des Lebens. Nur durch eine Seele kann Leben entstehen. Deshalb hat alles, was lebt, eine Seele, ist somit beseelt. Im Phaidon drückt es Platon so aus, indem er Sokrates fragen lässt:
Sokrates: Beantworte analog, was muss dem Körper eigen sein, wenn er lebendig ist?
Kebes: Gewiss eine Seele!
Sokrates: Und verhält sich dies auch immer so?
Kebes: Wie sollte es nicht?
Sokrates: Die Seele also bringt immer demjenigen, in dem sie Wohnung nimmt, das Leben mit?
Kebes: Genau das tut sie.
Sokrates: Gibt es nun etwas dem Leben Entgegengesetztes oder nicht?
Kebes: Ja.
Sokrates: Und was?
Kebes: Den Tod.
Sokrates: Nach unseren voraufgegangenen Überlegungen wird die Seele das Gegenteil dessen, was sie immer mitbringt, nie annehmen, nicht wahr?
Kebes: Ganz bestimmt.
Phaidon, 105c–105e
Platons dualistische Haltung lässt sich somit anhand des Dialoges in vier Kernthesen festhalten:
Der Mensch besteht nicht nur aus einem Körper, sondern daneben auch aus einer immateriellen Seele.
Diese Seele ist der Kern des Menschen und macht das eigentliche Selbst aus.
Im Tod löst sich die Seele vom Körper und existiert unabhängig von diesem weiter.
Der Körper ist vergänglich, während die Seele unsterblich ist.
Demgegenüber postulierte sein Schüler Aristoteles ein sogenanntes Pneuma und damit ein System, das allen Lebewesen eigen ist, der materiellen und körperlichen Welt aber nicht entgegengesetzt wird. Seine Gedanken zum Thema Seele hat Aristoteles in einer Schrift mit dem Titel De anima (Über die Seele) niedergelegt. Die Schrift besteht im Einzelnen aus drei Büchern. Im ersten Buch formuliert er Fragen, die er klären will. Im zweiten und dritten Buch erläutert Aristoteles dann seine eigene Theorie über die Seele. Er definiert darin die Seele als ousia, also Substanz. Dabei kann der Begriff Substanz dreierlei Bedeutung haben. Erstens könnte der Stoff als Materie gemeint sein, zweitens könnte die Form angesprochen werden und als Drittes könnte das Produkt aus diesen beiden gemeint sein. Aristoteles schreibt hierzu:
„Wir reden von der Substanz [ousia] als von einer bestimmten Gattung dessen, was es gibt, und meinen damit (i) den Stoff, das, was nicht an sich ein ‚Dies‘ ist; und (ii) die Gestalt oder Form, das, kraft dessen etwas ein ‚Dies‘ genannt wird; und drittens (iii) das aus diesen Zusammengesetzte.“
De anima II.1.412a3
Und weiter schreibt er:
„Aber weil [der Körper eines Lebewesens] ein Körper einer bestimmten Art ist – nämlich einer, der Leben hat –, kann der Körper nicht schon selbst Seele [d. h. Leben] sein, denn der Körper wird nicht einem Subjekt zugeschrieben, sondern viel eher dient er selbst als Subjekt und Stoff [,Der Körper hat Leben‘ ist wie ,Das Bauholz hat Gestalt‘]. Die Seele muss also Substanz sein, und zwar als die Form eines natürlichen Körpers, der potenziell Leben hat.“
De anima II.1.412a11
Aristoteles verwarf das dualistische Leib-Seele-Verständnis seines Lehrers Platon. Denn für ihn war die Seele mit dem Körper als Einheit untrennbar verbunden. Die Seele ist das Lebensprinzip, das, was den Körper lebendig macht und ihm Form verleiht. Sie ist nach seinem Verständnis kein Ding. Die Seele ist Ursache des Lebens. Sie ist es, welche die bloße Materie vervollkommnet. Nach seiner Ansicht bestehen die endlichen Substanzen aus zwei verschiedenen Prinzipien, nämlich dem Stoff oder der Materie und der Form. Diese Lehre wird auch Hylemorphismus genannt. So besteht beispielsweise ein Tisch aus der Materie Holz. Aber erst, wenn dieses Holz eine bestimmte Form erhält, wird es zu einem Tisch. Als Form des Lebewesens ist die Seele dafür verantwortlich, dass dieses Wesen lebendig ist. Diese Sichtweise hat zum einen die Konsequenz, dass die Seele kein Teil des Körpers ist. Und weil sie kein Teil des Körpers ist, kann sie auch nicht unabhängig vom Körper existieren. Das ist die zweite Konsequenz. Damit widerspricht Aristoteles der Auffassung Platons, wonach der Seele ein eigenständiges Dasein zukommt. Dieses Seelenverständnis gilt nach Aristoteles für alle Pflanzen, welche aus Samen entstehen, für alle Tiere und Menschen. In Bezug auf Lebewesen primitiverer Art orientierte sich Aristoteles an der Lehre des berühmten griechischen Arztes und Begründers der wissenschaftlichen Medizin Hippokrates von Kos (ca. 460–370 v. Chr.). So gilt für Maden und Würmer beispielsweise, dass sie auf natürliche Weise durch Urzeugung aus faulender Materie entstehen. Aristoteles schreibt den Pflanzen eine vegetative Seele zu, die für Selbsternährung, Wachstum, Fortpflanzung, Reife und Verfall verantwortlich ist. Tiere hingegen würden über eine animalische Seele verfügen. Sie ermöglicht ihnen Bewegung, Schlafen, Lust, Schmerz sowie Sinnesempfindungen. Der Mensch schließlich verfügt über eine rationale Seele, welche die vegetative und animalische Seele mit einschließt. Es ist diese Seele, so Aristoteles, welche die Vernunft und den Verstand trägt und den Menschen zum Denken, Erkennen, Handeln, zu Wissensaneignung und Tugendhaftigkeit befähigt und ihm so seine Würde verleiht. Die Seele ist bei Aristoteles folglich ein System mit drei Seelenteilen. Die drei Seelenteile sind nach Aristoteles mit fünf Grundvermögen verbunden, als da wären:
Nährvermögen
Strebevermögen
Bewegungsvermögen
Sinnesvermögen
Denkvermögen
Dabei besteht eine strenge hierarchische Struktur mit einer kausalen Bedingungshierarchie. Es ist eine eher naturwissenschaftlich orientierte Seelenlehre. Und so stellt sich die Frage, ob die Seele nach der Ansicht von Aristoteles unabhängig vom Körper existieren kann und ob ihr ewiges Leben beschert ist. Wenn überhaupt, so wäre für Aristoteles eine Existenz ohne Körper für die Geistseele als Träger der Vernunft und des Verstandes denkbar. Denn bei der rationalen Seele unterscheidet Aristoteles zwei Anteile. So ist nach seiner Ansicht der passive Anteil manipulierbar und vergänglich. Der aktive Anteil jedoch, der zum abstrakten Denken befähigende Verstand, ist die höchste Kraft der Seele. Dieser Anteil ist unzerstörbar und somit ewiglich. Demgegenüber vertraten die antiken Atomisten eine ganz andere Ansicht. Ihrer Meinung nach bestand das ganze Universum aus kleinsten, nicht teilbaren Elementen. Diese kleinsten Partikel nannten sie Atome. Dabei wurden diese Atome als unveränderlich und ewig gedacht, das heißt, sie entstehen und vergehen nicht. Der antike Atomismus kam im fünften Jahrhundert vor Christus in Griechenland auf und wurde vor allem durch die Philosophen Leukipp (um 450 v. Chr.) und seinen Schüler Demokrit (ca. 460–370 v. Chr.) vertreten. So lautet beispielsweise eine zentrale Aussage Demokrits:
„Nur scheinbar hat ein Ding eine Farbe, nur scheinbar ist es süß oder bitter; in Wirklichkeit gibt es nur Atome und leeren Raum.“
Nach der Vorstellung von Demokrit gab es unendlich viele verschiedenartig geformte Atome. Auch unterschieden sich diese durch ihre Größe und ihr Gewicht voneinander. Je nach Zusammensetzung ergaben sich so verschiedene Stoffe mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften. Damit sich aber in der Welt auch etwas bewegen kann, durfte die Materie den Raum in der Vorstellung der antiken Atomisten nicht vollständig ausfüllen. Die Materie muss folglich ausweichen können. Das funktioniert aber nur, wenn zwischen den einzelnen Atomen ein leerer Raum ist. Und so bestand die Welt aus Sicht der antiken Atomisten nur aus zwei Dingen, den Atomen und der Leere. Daraus schlossen sie, dass auch sämtliche Veränderungen auf der makroskopischen Ebene letzten Endes nur auf entsprechende Veränderungen in der Anordnung der Atome zurückgehen können. Aber nicht nur der menschliche Körper war nach Ansicht der antiken Atomisten etwas Materielles, sondern auch die Seele selbst. Sie war in ihren Augen ein Ding und ihrer Natur nach materiell. Dabei sollte sie allerdings aus einer besonderen Art von Atomen bestehen. Die Lehre der frühen antiken Atomisten, die eine rein materialistisch-mechanistische Ansicht vertraten, basiert somit auf folgenden Sätzen:
Prinzip: Es gibt nur Atome und leeren Raum.
Prinzip: Alles Werden beruht auf mechanischer Bewegung.
Prinzip: Nichts geschieht ohne zwingenden Grund.
Im vierten Jahrhundert vor Christus entwickelte der griechische Philosoph Epikur (ca. 341–270 v. Chr.) die Lehre dann weiter. Eine gute zusammenhängende Darstellung dieser materialistischen Weltsicht gibt uns der römische Philosoph und Dichter Lukrez (ca. 99–55 v. Chr.) in seinem Werk De rerum natura (Über die Natur der Dinge), einem Lehrgedicht, das in lateinischer Sprache abgefasst wurde und im Gegensatz zu den Werken anderer antiker Atomisten vollständig erhalten geblieben ist. Im dritten Buch seines Werkes De rerum natura beschäftigt sich Lukrez mit dem Geist und der Seele sowie deren Verhältnis zum Körper. Geist und Seele sind dabei, wie alles andere Seiende der Welt, aus Atomen aufgebaut und damit rein materieller Natur. Sie bilden eine Einheit und sind physische Teile des Körpers. Der Geist ist für Lukrez die treibende Kraft. Ihm werden die intellektuellen Fähigkeiten zugeschrieben, während die Seele die ausführende Kraft darstellt, welche die Befehle des Geistes in körperliche Bewegung umsetzt. Der Geist wird dabei im Herzen lokalisiert, während sich die Seele über den ganzen Körper verteilt. Mit den Worten von Lukrez klingt das so:
„Geist und Seele, behaupt’ ich nun weiter, sind innig verbunden untereinander und bilden aus sich nur ein einziges Wesen. Doch ist von beiden der Herrscher und gleichsam das Haupt in dem ganzen Körper die denkende Kraft, die Geist und Verstand wir benennen und die nur in der Mitte der Brust den beständigen Sitz hat. Hier rast Schrecken und Angst, hier quillt auch beruhigend nieder fröhlicher Heiterkeit Born. So sitzt auch Geist und Verstand hier. Über den ganzen Körper jedoch ist die übrige Seele ausgebreitet. Sie regt sich gehorsam dem Winke des Geistes. Dieser allein denkt frei, nur er fühlt eigene Freuden, während zur selben Zeit in Körper und Seele sich nichts regt.“
De rerum natura, Buch III, 136–146
Wie mechanistisch-materialistisch das Denken war, zeigt sich auch an einer anderen Stelle seines Werkes. Hier erläutert Lukrez den Aufbau der Welt aus Atomen und wie sich diese durch Anstoß in Bewegung setzen. Lukrez schreibt hierzu:
„Welcherlei Körper der Geist nun besitzt und aus welchen Atomen dieser besteht, soll weiter mein Vers dir näher erläutern. Erstlich behaupt’ ich, er sei aus den allerfeinsten und kleinsten Urelementen gebildet. Dass dieses sich also verhalte, magst du aus dem Folgenden lernen, sodass es dir völlig gewiss wird. Nichts in der Welt scheint wohl an Geschwindigkeit irgend zu gleichen unserem Geist, der im selben Moment, was er denkt, auch schon anfängt. Also bewegt sich der Geist viel schneller als irgendwas andres aus dem Bereich der Dinge, die unserem Auge sind sichtbar. Aber nun kann doch ein Ding, das so leicht sich bewegt, nur bestehen aus ganz kugelig runden und allerkleinsten Atomen, die beim leichtesten Stoß sofort in Bewegung sich setzen.“
De rerum natura, Buch III, 177–188
Die mechanistisch-materialistischen Vorstellungen gelten natürlich auch völlig uneingeschränkt für den Geist und die Seele. So stößt der Geist die Seele an und diese gibt dann den Stoß an die Glieder des Körpers weiter. Und weil man nur etwas in Bewegung setzen kann, wenn man es denn berührt, und Berührung nur bei materiellen Dingen möglich erscheint, folgert Lukrez daraus, dass auch Geist und Seele materieller Natur sein müssen. Dazu seine Ausführungen:
