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Die Hälfte eines baufälligen Hotels! Das ist das Erbe, das Ben Carter aus London in den abgelegenen Ort San Martino bringt. Er ist entsetzt über den Zustand, aber die andere Hälfte gehört Ladina Rossi, und die will nicht verkaufen. Dann ist da auch noch eine Klausel im Testament, die dem Architekten Probleme macht. Aus dem geplanten Verkauf wird überraschend eine Rettungsmission.
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Das Leuchten der Felsen: Bergroman
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Titelseite
Cover
Inhaltsverzeichnis
Buchanfang
von Manfred Plattner
Die Hälfte eines baufälligen Hotels! Das ist das Erbe, das Ben Carter aus London in den abgelegenen Ort San Martino bringt. Er ist entsetzt über den Zustand, aber die andere Hälfte gehört Ladina Rossi, und die will nicht verkaufen. Dann ist da auch noch eine Klausel im Testament, die dem Architekten Probleme macht. Aus dem geplanten Verkauf wird überraschend eine Rettungsmission.
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Alfred Bekker
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Ben Carter: Ein erfolgreicher, aber ausgebrannter Architekt aus London, der unerwartet 50 % eines alten Berghotels in den Dolomiten erbt. Er ist pragmatisch, logisch und verfolgt das klare Ziel, seinen Anteil so schnell wie möglich zu verkaufen, um sich finanziell abzusichern.
Ladina Rossi: Eine leidenschaftliche und talentierte Köchin, die im Hotel „Alpenrose“ aufgewachsen ist und es nach dem Tod ihrer Großeltern mit viel Herzblut weiterführt. Sie ist tief in den Traditionen des Tals verwurzelt und sieht in Ben einen Eindringling, der das Erbe ihrer Familie zerstören will.
Marco Rossi: Ladinas Onkel. Er ist ein pragmatischer Mann aus dem Dorf, der im Gegensatz zu seiner Nichte den Verkauf des Hotels an die große Hotelkette befürwortet, da er darin die einzige Möglichkeit sieht, die finanzielle Not der Familie zu beenden.
Elsbeth Carter (geb. Rossi): Bens verstorbene Großtante und die Schwester von Ladinas Großmutter. Sie hat das Tal vor über 60 Jahren verlassen, um in England ein neues Leben zu beginnen. Ihr Testament ist der Auslöser für die gesamte Handlung.
Matteo Rossi: Ladinas Urgroßvater und der ursprüngliche Erbauer des Hotels „Alpenrose“. Eine historische Figur, die für die Tradition und die Anfänge des Hauses steht.
Hotel „Alpenrose“: Ein majestätisches, aber sichtlich in die Jahre gekommenes Grand Hotel in einem abgelegenen Tal in den Südtiroler Dolomiten. Es ist das Erbe, um das der zentrale Konflikt entbrennt.
Die Dolomiten / San Martino in Badia: Eine weltberühmte Gebirgsgruppe in den Alpen, bekannt für ihre einzigartigen, blassen Felsformationen und die eigenständige ladinische Kultur.
London: Bens Heimat und die Welt, aus der er kommt.
Der Westflügel: Ein alter, seit Jahrzehnten ungenutzter und teilweise verfallener Teil des Hotels. Er gilt als unrentabler Ballast, birgt aber die Geheimnisse der Vergangenheit des Hauses.
Zimmer 12: Das ehemalige Zimmer von Bens Großtante Elsbeth im Hotel „Alpenrose“, das seit ihrer Abreise fast unverändert geblieben ist.
Alpine Lux: Eine große, internationale Hotelkette, die ein sehr lukratives Kaufangebot für das Hotel „Alpenrose“ abgegeben hat. Sie repräsentiert den anonymen, profitorientierten Massentourismus.
Das Testament: Das juristische Dokument von Elsbeth Carter. Es enthält eine entscheidende und unerwartete Klausel, die Ben und Ladina dazu zwingt, das Hotel für eine komplette Wintersaison gemeinsam zu führen, bevor ein Verkauf stattfinden kann.
Enrosadira (Das Leuchten der Felsen): Ein einzigartiges Naturphänomen in den Dolomiten. Bei Sonnenauf- und -untergang beginnen die blassen Felswände in intensiven Rot- und Violetttönen zu leuchten. Es ist ein zentrales, atmosphärisches und symbolisches Motiv des Romans.
Die eiserne Truhe: Eine alte, verschlossene Truhe, die in einem verborgenen Teil des Hotels entdeckt wird. Ihr Inhalt verspricht, Licht in die lange zurückliegende Vergangenheit der Familien Rossi und Carter zu bringen.
Der Bus roch nach nassem Hund, kaltem Diesel und der leisen, süßlichen Verzweiflung von Lufterfrischern, die ihren Kampf längst verloren hatten. Ben Carter spürte jede einzelne Vibration des Motors in seinen Zähnen. Seit über einer Stunde quälte sich das Ungetüm eine schier endlose Serpentinenstraße hinauf, die sich wie ein verängstigtes Band an die schiere Felswand klammerte. Draußen war die Welt in ein wirbelndes, hypnotisches Weiß getaucht. Der Schnee fiel nicht, er griff an, peitschte in horizontalen Böen gegen die Scheiben und versuchte, die Landschaft auszulöschen.
Für jeden anderen wäre es vielleicht ein Abenteuer gewesen, ein malerischer, früher Wintereinbruch in den Dolomiten. Für Ben war es nur eine weitere Verzögerung. Eine weitere Komplikation auf einer Reise, die er nie hatte antreten wollen, zu einem Ort, den er so schnell wie möglich wieder verlassen wollte.
Er lehnte den Kopf gegen die eiskalte Scheibe und schloss die Augen. Das Rattern des Busses ging nahtlos in das Hämmern in seinem Schädel über. Burnout. Das war das modische Wort, das sein Arzt benutzt hatte, bevor er ihn für sechs Wochen krankgeschrieben hatte. Ben hasste das Wort. Es klang so passiv, als wäre er eine durchgebrannte Glühbirne. In Wahrheit fühlte er sich eher wie ein Motor, der zu lange im roten Bereich gelaufen war, bis ein Kolben die Verkleidung durchschlagen hatte. Das Ergebnis war dasselbe: Dunkelheit und eine ohrenbetäubende Stille, wo vorher nur Lärm gewesen war.
Der Lärm von London. Der Lärm seines Architekturbüros, das er mit zwei Partnern aufgebaut hatte. Das unaufhörliche Klingeln von Telefonen, das Pingpong der E-Mails, die anspruchsvollen Kunden, die unmöglichen Fristen, die Nächte, die er über Entwürfen für gläserne Fassaden und minimalistische Lofts verbracht hatte, die alle gleich aussahen und sich alle gleich anfühlten: kalt, teuer und seelenlos. Er hatte Gebäude entworfen, in denen Menschen lebten, aber er hatte vergessen, wie man selbst lebte. Bis zu dem Morgen, an dem er vor einer Präsentation auf dem Badezimmerboden aufgewacht war, das Herz hämmerte wie ein gefangener Vogel und die Welt sich in einem grauen Nebel drehte.
Und dann, mitten in dieser Leere, war der Brief gekommen. Ein Brief von einem Notar aus einem Ort, dessen Namen er kaum aussprechen konnte: San Martino in Badia. Seine Großtante Elsbeth, die Schwester seiner Großmutter, war verstorben. Eine Frau, die er nur als verblichene Fotografie und vage Familiengeschichte kannte. Eine Frau, die vor sechzig Jahren aus dem Tal ausgewandert war und nie zurückgekehrt war. Und diese Frau hatte ihm, ihrem Großneffen, den sie nie getroffen hatte, ihren Anteil an dem Familienerbe vermacht: fünfzig Prozent des Berghotels „Alpenrose“.
Sein erster Impuls war gewesen, zu lachen. Ein Hotel. In den Bergen. Es war absurd. Sein zweiter Impuls war pragmatisch. Verkaufen. Das Erbe war ein unerwarteter Glücksfall, ein goldenes Ticket aus dem finanziellen Loch, das seine lange Auszeit in seine Ersparnisse riss. Ein Anruf bei dem Notar hatte ergeben, dass es bereits einen Interessenten gab, eine große Hotelkette namens „Alpine Lux“, die ein großzügiges Angebot gemacht hatte. Der Haken: Die anderen fünfzig Prozent gehörten einer entfernten Cousine zweiten Grades, einer gewissen Ladina Rossi, und für den Verkauf brauchte es die Zustimmung beider Parteien.
Deshalb saß er jetzt hier, in diesem stinkenden Bus, auf dem Weg zu einem Treffen, das hoffentlich nicht länger als eine Stunde dauern würde. Er würde seine Unterschrift geben, die Hände schütteln und den ersten Bus zurück in die Zivilisation nehmen. Zurück nach Bozen, dann mit dem Zug nach München, mit dem Flugzeug nach London. Zurück in seine stille, graue Wohnung, die er selbst entworfen hatte und die sich nun anfühlte wie ein Mausoleum.
Der Bus stöhnte ein letztes Mal und kam mit einem Ruck zum Stehen. „San Martino! Endstation!“, rief der Fahrer auf Italienisch und Deutsch, der Tonfall machte deutlich, dass er jeden bedauerte, der hier aussteigen musste.
Ben war der einzige Passagier.
Er griff nach seiner teuren Londoner Aktentasche und dem kleinen Rollkoffer, der für einen Wochenendtrip nach Paris, aber nicht für ein verschneites Bergdorf gemacht war. Als er ausstieg, schlug ihm die Kälte wie eine physische Wand entgegen. Die Luft war dünn und so scharf, dass sie in seinen Lungen schmerzte. Der Schnee wirbelte um ihn herum, dämpfte alle Geräusche und hüllte das Dorf in ein Tuch aus Schweigen.
Es war kaum ein Dorf zu nennen. Ein paar Häuser, die sich um einen Zwiebelturm-Kirchturm drängten, ein geschlossener Dorfladen, ein Gasthaus, aus dessen Schornstein kein Rauch aufstieg. Alles wirkte wie ausgestorben, in einem Winterschlaf gefangen, aus dem es vielleicht nie wieder erwachen würde. Die Szenerie bestärkte Ben nur in seinem Vorhaben. Dies war kein Ort zum Leben. Dies war ein Ort, den man verließ.
Er zog den Kragen seines Mantels hoch und blickte den Hang hinauf. Dort, etwas oberhalb des Dorfes, thronte es: das Hotel „Alpenrose“. Es war größer, als er es sich vorgestellt hatte. Ein weitläufiger Holzbau mit mehreren Flügeln, tief heruntergezogenen Dächern und unzähligen Balkonen, die mit filigranen Schnitzereien verziert waren. Es hatte die majestätische, leicht melancholische Ausstrahlung eines Grand Hotels aus einer vergangenen Epoche. Aber selbst aus der Ferne konnte Ben, der Architekt, die Probleme sehen. Das Dach war an mehreren Stellen mit Schneefanggittern geflickt, die Farbe blätterte von den Fensterläden, und ein Teil des Westflügels lag vollständig im Dunkeln, als wäre er verlassen. Ein Geldgrab. Ein wunderschönes, aber dem Untergang geweihtes Geldgrab.
Er zog seinen Koffer hinter sich her, die kleinen Rollen sanken im Neuschnee ein und machten das Vorankommen zur Qual. Der Weg zum Hotel war steil. Als er endlich vor der massiven, doppelflügeligen Eingangstür aus Eichenholz stand, war er außer Atem und durchgeschwitzt, obwohl ihm eiskalt war. Er drückte auf einen großen, eisernen Klingelknopf. Nichts geschah. Er drückte erneut, länger. Immer noch nichts. Ein Anflug von Ärger stieg in ihm auf. Er hatte seine Ankunft per E-Mail angekündigt.
Er rüttelte an der schweren Türklinke. Zu seiner Überraschung war die Tür nicht verschlossen. Sie gab mit einem tiefen Knarren nach, das durch das Innere des Gebäudes zu hallen schien. Er trat ein in eine Welt, die nach einer anderen Zeit roch. Nach Bienenwachs, kaltem Kaminrauch und dem unverkennbaren, leicht modrigen Duft von altem Samt.
Die Lobby war riesig und dunkel. Die Wände waren mit dunklem Zirbenholz getäfelt, von dem verblichene Porträts von bärtigen Männern und streng blickenden Frauen in Trachten auf ihn herabblickten. Eine geschwungene Treppe führte in die oberen Stockwerke, ihr Läufer aus rotem Samt war an den Rändern fadenscheinig. Die Rezeption war ein massiver Holzblock, aber sie war unbesetzt. Ein altes Gästebuch lag aufgeschlagen, die letzte Eintragung schien Wochen zurückzuliegen.
„Hallo?“, rief Ben in die Stille. Seine Stimme klang dünn und unangemessen.
Nur das leise Ticken einer großen Standuhr in der Ecke antwortete ihm.
Er ließ seinen Koffer stehen und ging weiter in das Gebäude hinein. Er passierte eine Bar mit hohen, lederbezogenen Hockern und Reihen von glänzenden Gläsern, die aussahen, als hätten sie seit Jahren auf einen Drink gewartet. Er spähte in einen riesigen Speisesaal. Die Tische waren mit weißen Tischtüchern und poliertem Silber eingedeckt, als würde jeden Moment eine Gesellschaft von hundert Gästen erwartet. Aber die Stühle waren leer, die Luft war kalt und still. Das Hotel fühlte sich an wie die Kulisse eines Geisterfilms, ein Schiff ohne Besatzung, das still auf seinem Kurs durch die Zeit trieb.
Dann hörte er es. Ein leises, rhythmisches Geräusch. Ein dumpfer Schlag, gefolgt von einem leisen Zischen. Es kam aus einer Schwingtür am Ende eines langen Korridors. Er folgte dem Geräusch. Als er die Tür aufstieß, wurde er von einer Welle aus Wärme und Gerüchen getroffen, die in starkem Kontrast zur kalten Stille des restlichen Hauses stand.
Er war in der Küche. Und es war, als hätte er das schlagende Herz des schlafenden Riesen gefunden.
Es war eine riesige, altmodische Hotelküche. Von der Decke hingen Reihen von Kupferpfannen und -töpfen, die im Licht einer einzelnen, tief hängenden Lampe warm leuchteten. Auf den langen Arbeitstischen aus Holz standen Schüsseln mit frischem Gemüse, Kräuterbündel hingen zum Trocknen von den Balken, und eine feine Schicht Mehl bedeckte fast jede Oberfläche. Es roch nach Hefe, nach Knoblauch, der in Olivenöl schwitzte, nach Rosmarin und nach dem sauberen, harzigen Duft von brennendem Zirbenholz, das in einem riesigen, gemauerten Herd knisterte.
Und dort, an einem massiven Holztisch in der Mitte des Raumes, stand sie.
Sie stand mit dem Rücken zu ihm. Sie trug eine einfache weiße Schürze über einem dunklen Wollpullover, ihre dunklen, dicken Haare waren zu einem unordentlichen Knoten im Nacken zusammengesteckt, aus dem sich einzelne Locken lösten. Sie war ganz in ihre Arbeit versunken. Mit einer kraftvollen, rhythmischen Bewegung bearbeitete sie einen großen Teigklumpen, stieß ihn von sich weg, faltete ihn, drehte ihn und stieß ihn wieder von sich weg. Es war eine fast animalische, hypnotische Bewegung. Das war der dumpfe Schlag, den er gehört hatte. Das Zischen kam von einer großen Pfanne auf dem Herd.
Ben blieb einen Moment in der Tür stehen, unsicher, was er tun sollte. Diese Frau, wer auch immer sie war, strahlte eine so intensive Konzentration aus, dass es sich wie ein Sakrileg anfühlte, sie zu stören.
Er räusperte sich.
Die Bewegung hörte abrupt auf. Sie erstarrte, den Rücken noch immer zu ihm gewandt. Langsam, sehr langsam, wischte sie sich die Hände an ihrer Schürze ab und drehte sich um.
Wenn Ben eine schüchterne, ländliche Schönheit erwartet hatte, wurde er enttäuscht. Die Frau, die ihn ansah, hatte ein starkes, ausdrucksvolles Gesicht mit hohen Wangenknochen, einem entschlossenen Mund und dunklen, fast schwarzen Augen, die ihn mit einer unverhohlenen Feindseligkeit musterten. Sie war vielleicht Ende zwanzig, aber in ihrem Blick lag die ernste Autorität einer weitaus älteren Person.
„Sie haben sich verlaufen?“, fragte sie. Ihre Stimme war tief und klar, mit einem melodischen italienischen Akzent, der die deutschen Worte weicher machte. Es war keine freundliche Frage.
„Ich nehme an, Sie sind Ladina Rossi“, sagte Ben und versuchte, seinen professionellsten Ton anzuschlagen.
„Und Sie sind der Engländer“, erwiderte sie, und die Art, wie sie es sagte, klang wie eine Beleidigung. „Der, der kommt, um unser Haus zu verkaufen.“
„ Unser Haus“, wiederholte Ben und betonte das Wort. „Ich bin Ben Carter. Ich glaube, wir sind so etwas wie Geschäftspartner.“
Sie lachte, ein kurzes, humorloses Geräusch. „Geschäftspartner. Sie sind kein Partner. Sie sind ein Aasgeier, der darauf wartet, sich auf den Kadaver zu stürzen.“
Ben war verblüfft von ihrer Direktheit. Er war hitzige Verhandlungen mit knallharten Immobilienhaien in London gewohnt, aber diese Frau übertraf sie alle an unverhohlener Aggressivität.
„Hören Sie, Miss Rossi“, sagte er und versuchte, die Kontrolle über die Situation zurückzugewinnen. „Ich bin hier, um eine geschäftliche Angelegenheit zu klären. Das Angebot von Alpine Lux ist mehr als fair. Es ist die einzige vernünftige Lösung für …“ Er machte eine vage Geste, die die ganze, offensichtliche Baufälligkeit des Hotels umfassen sollte.
„Vernünftig?“, sagte sie und trat einen Schritt auf ihn zu. Ihre Augen funkelten. „Sie kommen hierher, nach einer Stunde, und reden von Vernunft? Was wissen Sie von diesem Haus? Wissen Sie, dass mein Urgroßvater diese Kupferpfannen mit seinen eigenen Händen aus einem einzigen Blech getrieben hat? Wissen Sie, dass meine Großmutter in diesem Ofen Brot für das ganze Dorf gebacken hat, als im Krieg nichts mehr da war? Wissen Sie, dass jeder Kratzer auf diesem Holztisch eine Geschichte erzählt? Das ist kein Geschäft, Mister Carter. Das ist ein Leben. Mein Leben.“
Ben spürte, wie seine Geduld schwand. Er war müde, ihm war kalt, und er hatte keine Lust auf eine sentimentale Geschichtsstunde. „Ich sehe, was vor mir ist“, sagte er kühl. „Ich sehe ein undichtes Dach, eine veraltete Elektrik und eine Heizung, die wahrscheinlich aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stammt.“ Er deutete auf einen Wasserhahn am riesigen Spülbecken, aus dem es unablässig tropfte. Ein Tropfen, dann noch einer, in einem quälend langsamen Rhythmus. „Ich sehe ein Hotel, das Geld verbrennt, anstatt es zu verdienen. Ich sehe eine Ruine.“
Das Wort hing wie eine giftige Wolke in der warmen Küchenluft. Ladinas Gesicht wurde blass, dann stieg eine dunkle Röte ihre Wangen empor.
„Eine Ruine?“, flüsterte sie, ihre Stimme zitterte vor unterdrückter Wut. „Sie sehen nur, was kaputt ist. Weil Sie selbst kaputt sind. Sie haben Augen, aber Sie sehen nichts. Sie haben Ohren, aber Sie hören nicht das Herz dieses Hauses schlagen.“ Sie hob ihre mehlbestäubten Hände. „Sie kommen aus Ihrer Welt aus Glas und Stahl und glauben, Sie könnten den Wert von etwas mit einer Kalkulationstabelle messen. Sie würden die Mona Lisa wahrscheinlich nach dem Quadratmeterpreis der Leinwand bewerten.“
„Das ist lächerlich“, sagte Ben, aber ihre Worte trafen ihn härter, als er zugeben wollte. Weil Sie selbst kaputt sind.
„Was lächerlich ist“, fuhr sie fort, ihre Stimme wurde lauter, „ist, dass ein Fremder, der noch nie einen Fuß in dieses Tal gesetzt hat, glaubt, er hätte das Recht, über das Schicksal von hundert Jahren Arbeit und Liebe zu entscheiden! Dieses Hotel ist alles, was von meiner Familie übrig ist. Und ich werde nicht zulassen, dass ein seelenloser Buchhalter aus London es in ein weiteres anonymes Luxus-Gefängnis mit Minibar und Pay-TV verwandelt!“
„Seien Sie doch realistisch!“, rief Ben nun seinerseits, seine eigene Frustration brach aus ihm hervor. „Dieses Haus fällt auseinander! Es braucht Investitionen, die Sie offensichtlich nicht haben! Der Verkauf ist die einzige Möglichkeit, wenigstens etwas von dem Erbe zu retten, bevor es komplett zusammenbricht!“
„Es braucht kein Geld von Alpine Lux!“, schrie sie zurück. „Es braucht Herz! Es braucht Arbeit! Es braucht jemanden, der es liebt! Dinge, von denen Sie offensichtlich keine Ahnung haben!“
Sie standen sich gegenüber wie zwei Boxer in der Mitte des Rings, unfähig, sich zurückzuziehen, unfähig, den finalen Schlag zu landen. Die Luft knisterte vor Spannung. Das einzige Geräusch war das unablässige, monotone Tropfen des Wasserhahns. Tropf. Tropf. Tropf. Wie eine Uhr, die die letzten Sekunden ihres gemeinsamen Projekts herunterzählte.
In diesem Moment wurde die Schwingtür aufgestoßen, und ein Mann trat ein. Er war in den Fünfzigern, mit einem wettergegerbten Gesicht, einem schütteren Haarkranz und einem kleinen Bauchansatz, der unter seinem Wollpullover spannte. Sein Blick flackerte nervös zwischen Ladina und Ben hin und her.
„Ladina! Ben! Um Himmels willen, man hört euch bis in den Keller!“, sagte er mit einem gequälten Unterton. Er wandte sich an Ben und streckte ihm die Hand entgegen. „Marco Rossi. Ladinas Onkel. Und Ihr Cousin, sozusagen. Willkommen in der Alpenrose.“
Ben schüttelte seine Hand. Marco war der Verbündete, von dem der Notar am Telefon gesprochen hatte. Der vernünftige Teil der Familie.
„Danke“, sagte Ben. „Ich habe gerade versucht, Ihrer Nichte die wirtschaftlichen Realitäten zu erklären.“
„Lass die wirtschaftlichen Realitäten aus dem Spiel, Onkel Marco!“, fuhr Ladina ihn an. „Du bist genauso schlimm. Du willst Großmutters Erbe auch verscherbeln, nur damit du deine Schulden beim Autohändler bezahlen kannst!“
Marcos Gesicht wurde rot. „Das ist unfair, Ladina! Ich denke an die Zukunft! An unsere Zukunft! Das Angebot ist eine einmalige Chance! Wir wären alle unsere Sorgen los!“
„Wir wären unsere Seele los!“, konterte sie.
„Genug!“, rief Marco. Er zog einen offiziell aussehenden Brief aus seiner Jackentasche. „Wir werden das morgen klären. Der Notar hat den Termin für die Testamentseröffnung bestätigt. Morgen um zehn, in seinem Büro im Dorf. Und bis dahin“, er sah von Ladina zu Ben, „versucht ihr bitte, euch nicht gegenseitig umzubringen.“
Er drehte sich um und verließ die Küche so schnell, wie er gekommen war, als könnte er die Spannung nicht länger ertragen.
Ladina wandte sich wortlos von Ben ab und ging zurück zu ihrem Teig. Sie begann wieder, ihn zu kneten, aber die Bewegungen waren nicht mehr rhythmisch und kraftvoll, sondern hart, wütend, abgehackt. Jeder Schlag war eine Anklage.
