Schatten über dem Karwendel: Bergroman - Manfred Plattner - E-Book

Schatten über dem Karwendel: Bergroman E-Book

Manfred Plattner

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Beschreibung

Ein wichtiger Auftrag führt die erfolgreiche Wildbiologin Klara Thaler in ihr Heimatdorf im Karwendelgebirge zurück. Nach zehn Jahren! In dieser Zeit ist es ihr gelungen, ihre schlechten Erinnerungen zu verdrängen. Nun brechen sie gewaltsam über sie herein. Hinzu kommt ihre Zerrissenheit, denn sie soll ein Gutachten für den Bau eines Luxushotels erstellen. Die noch übrig gebliebenen Alteingesessenen begegnen ihr, der Klari, die sie schon seit ihrer Kindheit kennen, mit Misstrauen, selbst ihr eigener Vater. Auf der anderen Seite sind da die Bewohner, die ihr Dorf wieder lebendig machen und Gäste anlocken wollen. Zusammen mit Jonas Brandt. Die wachsende Sympathie für ihn macht ihr die Arbeit nicht leichter. Sie gerät in einen Strudel aus Gefühlen, doch behält immer das Wohl der Landschaft im Auge.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Manfred Plattner

Schatten über dem Karwendel: Bergroman

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Inhaltsverzeichnis

Schatten über dem Karwendel: Bergroman

Copyright

Personen

Orte

Begriffe

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Epilog – Zwei Jahre später

Orientierungspunkte

Titelseite

Cover

Inhaltsverzeichnis

Buchanfang

Schatten über dem Karwendel: Bergroman

von Manfred Plattner

Ein wichtiger Auftrag führt die erfolgreiche Wildbiologin Klara Thaler in ihr Heimatdorf im Karwendelgebirge zurück. Nach zehn Jahren! In dieser Zeit ist es ihr gelungen, ihre schlechten Erinnerungen zu verdrängen. Nun brechen sie gewaltsam über sie herein.

Hinzu kommt ihre Zerrissenheit, denn sie soll ein Gutachten für den Bau eines Luxushotels erstellen. Die noch übrig gebliebenen Alteingesessenen begegnen ihr, der Klari, die sie schon seit ihrer Kindheit kennen, mit Misstrauen, selbst ihr eigener Vater. Auf der anderen Seite sind da die Bewohner, die ihr Dorf wieder lebendig machen und Gäste anlocken wollen. Zusammen mit Jonas Brandt. Die wachsende Sympathie für ihn macht ihr die Arbeit nicht leichter. Sie gerät in einen Strudel aus Gefühlen, doch behält immer das Wohl der Landschaft im Auge.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Bathranor Books, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

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Personen

Klara Thaler: Die Protagonistin. Eine anerkannte Wildbiologin, die nach zehn Jahren Abwesenheit in ihr Heimatdorf im Karwendel zurückkehrt. Sie ist professionell, naturverbunden und wird von einem tragischen Ereignis in ihrer Vergangenheit überschattet. Ihre offizielle Aufgabe ist die Erstellung eines entscheidenden Gutachtens.

Jonas Brandt: Der Projektleiter des geplanten „Karwendel-Echo-Resorts“. Er stammt aus der Stadt, ist eloquent, professionell und fest vom Erfolg und der Nachhaltigkeit seines Projekts überzeugt. Er repräsentiert die „moderne“ Welt und die Hoffnung auf wirtschaftlichen Fortschritt für das Tal.

Alois Thaler: Klaras Vater. Ein wortkarger, stolzer Bergführer der „alten Schule“, der im Dorf hoch angesehen ist. Die Beziehung zu seiner Tochter ist seit vielen Jahren schwierig und von Schweigen geprägt. Er ist ein strikter Gegner des Resort-Projekts.

Leo: Klaras verstorbener bester Freund. Er kam vor zehn Jahren bei einem Bergunfall ums Leben. Sein Tod ist der zentrale „Schatten“ aus Klaras Vergangenheit und der Grund für ihre lange Abwesenheit vom Tal.

Orte

Karwendelgebirge: Eine majestätische und raue Gebirgsgruppe der Alpen an der deutsch-österreichischen Grenze. Es ist nicht nur die Kulisse, sondern ein aktiver Charakter der Geschichte, der sowohl Schönheit als auch Gefahr birgt.

Das Dorf: Ein kleines, traditionelles Bergdorf und der zentrale Handlungsort. Es leidet unter Abwanderung und wirtschaftlichen Problemen, was die Dorfgemeinschaft in Befürworter und Gegner des Resort-Projekts spaltet.

Gasthof „Zur Post“: Der zentrale Dorfgasthof und gesellschaftlicher Treffpunkt. Es ist der Ort, an dem Jonas Brandt während seines Aufenthalts wohnt und wo viele wichtige Diskussionen stattfinden.

Holzknecht-Häusl: Eine alte, einfache und verlassene Holzarbeiterhütte am Waldrand oberhalb des Dorfes. Sie ist ein Symbol für die ursprüngliche, einfache Lebensweise im Tal.

Das Baugebiet: Ein unberührter, nach Süden ausgerichteter Hang oberhalb des Dorfes. Aufgrund seiner Schönheit und Lage wurde er als Standort für das geplante „Karwendel-Echo-Resort“ ausgewählt.

Begriffe

Karwendel-Echo-Resort: Der Name des geplanten Fünf-Sterne-Luxusresorts. Es ist das zentrale Konfliktobjekt, das die Hoffnung auf eine wirtschaftliche Zukunft und die Angst vor der Zerstörung der Natur verkörpert.

Das Gutachten: Die offizielle Aufgabe von Klara. Es handelt sich um eine ökologische Verträglichkeitsprüfung, die den Ausschlag darüber geben wird, ob das Resort-Projekt eine Baugenehmigung erhalten kann oder nicht.

„ Die Stodter“: (Bairisch/Österreichisch für „die Städter“). Ein im Dorf oft leicht abfällig gebrauchter Begriff für Außenstehende und Stadtbewohner wie Jonas Brandt. Er unterstreicht den kulturellen Konflikt zwischen dem traditionellen Dorfleben und den modernen Einflüssen von außen.

Der Luchs: Ein extrem scheues und in der Region nahezu ausgestorbenes Raubtier. Der mögliche Nachweis einer so streng geschützten Tierart spielt eine zentrale Rolle in Klaras ökologischer Bewertung und ist ein Symbol für die unberührte Wildnis des Tals.

Kapitel 1

Die Berge hießen sie nicht willkommen; sie richteten über sie.

Schon seit einer Stunde saßen sie da, schweigend, und starrten durch das breite, zerkratzte Fenster des Regionalzugs. Graue, unnahbare Titanen aus Fels und Eis, die sich aus dem sanften Grün des Voralpenlandes erhoben, als wollten sie den Himmel selbst abstützen. Klara kannte ihre Namen, jeden einzelnen. Sie kannte die scharfen Grate, die aussahen wie die Wirbelsäule eines urzeitlichen Tieres, die tiefen Kare, in denen der Schnee des letzten Winters noch immer lag wie vergessener Puderzucker, und die senkrechten Wände, die im späten Nachmittagslicht in tausend Schattierungen von Grau, Ocker und Silber schimmerten. Die Westliche Karwendelspitze. Die Linderspitze. Die Sulzleklammspitze. Namen, die sie einst mit den Fingerspitzen auf einer Landkarte nachgefahren war, die sie mit der Zunge geformt hatte wie Versprechen. Heute schmeckten sie nach Asche.

Der Zug verlangsamte seine Fahrt, ein langes, wehmütiges Quietschen von Metall auf Metall, das von den Felswänden des engen Tals zurückgeworfen wurde. Eine automatisierte Stimme, glatt und ohne Gefühl, verkündete den nächsten Halt. Ihren Halt. Ihr Magen zog sich zu einem kalten, harten Knoten zusammen, der ihr seit München die Luft zum Atmen nahm. Zehn Jahre. Ein ganzes Jahrzehnt hatte sie es geschafft, diesen Ort zu meiden. Sie hatte ihre Karriere darauf aufgebaut, so weit wie möglich von hier entfernt zu sein: Forschungsreisen in die Pyrenäen, ein Semester in den kanadischen Rockies, Projekte in den schwedischen Nationalparks. Sie war zur Expertin für alpine Ökosysteme geworden, eine anerkannte Wildbiologin, deren Gutachten Gewicht hatten. Und genau das, diese verdammte, hart erarbeitete Kompetenz, hatte sie nun zurückgebracht. Wie ein Bumerang, den sie mit aller Kraft weggeworfen hatte und der ihr nun mit voller Wucht an den Hinterkopf schlug.

Gutachten zur ökologischen Verträglichkeitsprüfung des Bauvorhabens „Karwendel-Echo-Resort“. Der Titel des Auftrags war so steril, so unpersönlich. Er verschleierte, was er wirklich bedeutete: die Rückkehr an den Ort, an dem ihr Leben in zwei Teile zerbrochen war. In ein Davor und ein Danach.

Mit einem Ruck kam der Zug zum Stehen. Der Bahnhof war nicht mehr als ein betoniertes Podest mit einem gläsernen Wartehäuschen, das aussah, als hätte es sich vor der gewaltigen Kulisse der Berge geduckt. Klara atmete tief durch, der Geruch von Bremsstaub und kühler, feuchter Luft drang durch die Lüftung. Sie griff nach dem schweren Trekkingrucksack auf dem Sitz neben sich, wuchtete ihn auf die Schulter und spürte das vertraute Gewicht, das heute jedoch nicht nur aus Ausrüstung, sondern aus Erinnerungen zu bestehen schien.

Die Türen zischten auf. Klara trat auf den Bahnsteig und die Welt veränderte sich. Die klimatisierte, gefilterte Luft des Zuges wurde ersetzt durch etwas Echtes, Lebendiges. Es war die Luft, die sie ein Leben lang vergessen wollte und die ihr Körper in der ersten Sekunde wiedererkannte. Sie roch nach feuchter Erde, nach dem Harz der Latschenkiefern, nach kaltem Stein und dem metallischen Versprechen von nahendem Regen. Es war der Duft von Heimat. Und der Duft von Verlust.

Sie war die Einzige, die ausgestiegen war. Der Zug setzte sich mit einem Seufzer wieder in Bewegung und verschwand hinter der nächsten Biegung des Tals, sein Rattern wurde schnell von der Stille verschluckt. Und was für eine Stille das war. Keine absolute Stille, niemals hier oben. Es war ein Gewebe aus feinen Geräuschen: das ferne Rauschen des Flusses, der sich durch das Tal fraß, das Zirpen einer Grille, der scharfe, einsame Ruf eines Vogels, den sie als Turmfalken identifizierte, ohne aufzusehen. Und darunter, wie ein tiefer Grundton, das leise, beständige Murmeln des Windes, der von den Graten herabstrich.

Klara schloss für einen Moment die Augen. Sie hatte sich vorgenommen, professionell zu sein. Eine Aufgabe. Ein Job. Sie war Dr. Klara Thaler, die Biologin. Sie war nicht mehr die siebzehnjährige Klari, die mit zerrissenen Jeans und wilden Haaren jeden Pfad dieses Tals kannte. Diese Klari war vor zehn Jahren gestorben. An einem sonnigen Augusttag, an einem Grat, der so harmlos ausgesehen hatte. Gestorben, zusammen mit Leo.

Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie eine lästige Fliege verscheuchen. Nicht jetzt. Sie zog die Schultergurte ihres Rucksacks fester und begann, den schmalen Schotterweg zu gehen, der vom Bahnhof ins Dorf führte. Es war kein langer Weg, vielleicht zwanzig Minuten, aber er fühlte sich an wie eine Pilgerreise durch ein vermintes Feld aus Erinnerungen.

Zuerst kam die alte Brücke, deren dicke Holzbalken unter ihren Schritten ächzten. Unter ihr stürzte die Isar dahin, kein breiter, träger Fluss wie unten im Flachland, sondern ein reißendes, ungestümes Wesen aus milchig-grünem Schmelzwasser, das an den großen, runden Felsbrocken im Flussbett weiße Gischtkronen aufwarf. Sie und Leo hatten hier Stunden verbracht, hatten flache Steine über das Wasser springen lassen und gewettet, wer mehr Hüpfer schaffte. Leo hatte immer gewonnen. Sein Handgelenk hatte diesen lockeren, eleganten Schwung gehabt, den sie nie hatte nachahmen können.

Sie zwang sich, weiterzugehen, den Blick starr nach vorn gerichtet. Der Weg führte am alten Sägewerk vorbei. Die hohen Stapel von Baumstämmen rochen noch immer nach frischem Harz und Sägemehl, aber das hohe Kreischen der Gattersäge fehlte. Ein Schild hing schief am Zaun: „Betrieb eingestellt“. Das Dorf starb, langsam, aber sicher. Die Jungen zogen weg, die Alten blieben. Wahrscheinlich war das der Grund, warum die Idee eines Luxus-Resorts hier überhaupt auf fruchtbaren Boden fallen konnte. Das Versprechen von Arbeit. Von Zukunft. Ein Pakt mit dem Teufel, dachte Klara bitter. Sie würden ihre Seele verkaufen – diese unberührte, wilde Landschaft – für ein paar saisonale Jobs als Zimmermädchen und Kellner.

Nach einer weiteren Biegung sah sie die ersten Häuser des Dorfes. Sie lagen an den Hang geschmiegt wie schlafende Tiere, die Dächer tief heruntergezogen, die Holzbalkone von der Sonne dunkel gegerbt und im Sommer überladen mit dem kräftigen Rot von Geranien. Jetzt, im beginnenden Herbst, wirkten sie kahl und müde. Der Kirchturm ragte spitz in den Himmel, seine Uhr zeigte Viertel nach fünf. Alles war still. Zu still.

Ihr Ziel war das letzte Haus am oberen Dorfrand. Das Haus ihres Vaters. Sie hatte ihm geschrieben, eine kurze, formelle E-Mail. „Ich komme am Dienstag mit dem 16:48 Uhr Zug. Ich übernehme das Gutachten für das Resort-Projekt. Ich werde mein altes Zimmer benutzen. Gruß, Klara.“ Eine Antwort hatte sie nicht bekommen, aber das hatte sie auch nicht erwartet. Ihr Vater, Alois Thaler, Bergführer der alten Schule, war ein Mann, der mit Felsen und Eis mehr anfangen konnte als mit Worten, und seit dem Unfall hatte er das Sprechen fast vollständig eingestellt. Zumindest mit ihr.

Je näher sie dem Haus kam, desto schwerer wurden ihre Beine. Es hatte sich nicht verändert. Die Steinmauern des Fundaments, die dunklen Holzwände, der schmale Balkon, auf dem kein einziger Blumenkasten stand. Vor dem Haus, an die Wand gelehnt, war ein Arsenal an Bergsteiger-Ausrüstung: Eispickel, Steigeisen, Karabiner, Seile, die ordentlich aufgerollt an Haken hingen. Alles war penibel gepflegt, einsatzbereit. Es war das Heiligtum ihres Vaters, seine Sprache.

Die Haustür war nicht abgeschlossen. Sie war nie abgeschlossen. Klara zögerte, die Hand auf der kalten Eisenklinke. Sie holte noch einmal tief Luft, dann drückte sie die Tür auf.

Das Innere des Hauses roch nach kaltem Rauch, Bohnerwachs und dem schwachen, würzigen Geruch von Enzianschnaps. Die große Stube lag im Dämmerlicht. Der massive Holztisch in der Mitte, die Eckbank mit den karierten Kissen, der riesige Kachelofen, der im Winter das Herz des Hauses war. Alles war exakt so, wie sie es in Erinnerung hatte. Eine Zeitkapsel.

Und dann sah sie ihn. Er saß nicht an der Eckbank, wie sie erwartet hatte. Er stand an der Werkbank in der hintersten Ecke der Stube, den Rücken zu ihr. Er trug ein altes, ausgewaschenes Flanellhemd und seine breiten Schultern waren angespannt. Mit rhythmischen, präzisen Bewegungen zog er eine Feile über die Zacken eines Steigeisens. Das kratzende, metallische Geräusch war das Einzige, was die Stille durchbrach.

Er musste sie gehört haben. Er musste das Öffnen der Tür, ihre Schritte auf den knarrenden Dielen vernommen haben. Aber er drehte sich nicht um.

„Ich bin da“, sagte Klara. Ihre Stimme klang fremd in diesem Raum, zu hoch, zu unsicher.

Das Feilen hörte auf. Eine Sekunde lang geschah nichts. Dann legte er das Werkzeug langsam auf die Bank und drehte sich um.

Alois Thaler sah aus, als wäre er aus dem Fels des Karwendels gehauen. Sein Gesicht war ein Netzwerk aus tiefen Falten, von Sonne und Wind gegerbt. Das Haar war grau, aber noch immer dicht. Seine Augen, ein verwaschenes Blau, das an Gletscherseen erinnerte, musterten sie ohne Ausdruck. Sie waren die Augen eines Mannes, der gelernt hatte, seine Gefühle so tief zu verbergen, dass er sie vielleicht selbst nicht mehr fand.

„Bist da“, sagte er. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Seine Stimme war rau wie Schiefergestein.

„Ja.“

Er nickte kurz. Sein Blick wanderte zu ihrem Rucksack, dann wieder zu ihrem Gesicht. „Dein Zimmer is wia's war“, sagte er. Dann drehte er sich wieder um, nahm die Feile und das kratzende Geräusch begann von neuem.

Das war es. Die Begrüßung. Zehn Jahre, zusammengefasst in zwei kurzen, emotionslosen Sätzen. Ein Teil von Klara hatte gehofft, vielleicht, nur vielleicht, würde die Zeit etwas geändert haben. Eine kleine Geste, ein Wort. Aber die Hoffnung war naiv gewesen. Die Kluft zwischen ihnen war so tief und unüberwindbar wie die Schluchten, in die er seine Kunden führte.

Klara spürte, wie ein alter, bekannter Zorn in ihr aufstieg, heiß und bitter. Aber sie schluckte ihn hinunter. Sie war nicht hier, um zu streiten. Sie war hier, um zu arbeiten. Sie nickte ins Leere, als könnte er es sehen, und ging die knarrende Holztreppe in den ersten Stock hinauf.

Ihr Zimmer. Die Tür klemmte ein wenig, genau wie früher. Sie musste die Schulter dagegenstemmen, um sie zu öffnen. Der Geruch, der ihr entgegenschlug, war der von kaltem Staub und eingeschlossener Zeit. Sie legte die Hand auf den Lichtschalter. Eine schwache Glühbirne flackerte auf und enthüllte ein Heiligtum der Vergangenheit.

Ihr schmales Bett stand unter der Dachschräge, das karierte Federbett lag noch immer so da, als wäre sie nur kurz aufgestanden. An den Wänden hingen vergilbte Poster von Kletterern, deren Namen heute niemand mehr kannte, und daneben detaillierte botanische Zeichnungen von Alpenblumen, die sie selbst angefertigt hatte. Auf dem Schreibtisch aus hellem Fichtenholz stand noch ihr altes Mikroskop neben einem Stapel von Kletterführern und Biologie-Lehrbüchern. Eine seltsame Mischung, die perfekt zusammenfasste, wer sie gewesen war.

Sie ließ den Rucksack mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden fallen und ging zum Fenster. Es blickte nach Westen, direkt auf den Grat, an dem es passiert war. Die Sonne war bereits dahinter verschwunden, aber der Himmel glühte noch in einem tiefen Orange und Violett, das die scharfen, schwarzen Silhouetten der Felsen noch bedrohlicher wirken ließ.

Unwillkürlich hob sie die Hand und berührte die kalte Fensterscheibe. Die Erinnerung kam ungebeten, ein scharfer, blitzartiger Schmerz. Nicht als zusammenhängender Film, sondern in Fragmenten, die sie auch nach all den Jahren noch im Schlaf verfolgten.

Der Klang von Leos Lachen, vom Wind davongetragen. Das Gefühl des warmen Felsens unter ihren Fingerspitzen. Das grelle Blau seiner Jacke gegen den grauen Stein. Das plötzliche, unerklärliche Nachgeben des Seils in ihrer Hand. Ein Ruck. Ein kurzer, erstickter Schrei, der von den Wänden verschluckt wurde. Und dann… Stille. Eine schreckliche, endgültige Stille, nur unterbrochen vom Heulen des Windes, der klang, als würde er sie auslachen.

Klara riss sich vom Fenster los, ihr Atem ging schnell und flach. Sie presste die Hände gegen die Augen. Sie durfte das nicht zulassen. Nicht jetzt. Sie war hier, um ein Gutachten zu schreiben. Fakten. Zahlen. Daten. Lateinische Namen für Moose und Flechten. Die Brutgewohnheiten des Schneehuhns. Die Erosionsanfälligkeit von Dolomitgestein. Das war ihre Rüstung.

Sie begann, mechanisch ihren Rucksack auszupacken. Schlafsack, Isomatte, Funktionskleidung, GPS-Gerät, Fernglas, Notizbücher, Kamera. Sie legte alles ordentlich auf das Bett, schuf eine kleine Insel der professionellen Ordnung in diesem Meer der Vergangenheit. Als sie den Laptop herausnahm, fiel ein dünner Umschlag aus der Seitentasche. Sie hatte ihn in München von ihrem Auftraggeber bekommen.

Sie setzte sich auf die Kante des Bettes, das leise unter ihrem Gewicht protestierte, und öffnete ihn. Darin befand sich kein langes Anschreiben, nur eine Visitenkarte und eine kurze, maschinengeschriebene Notiz.

Jonas Brandt, Projektleitung, Karwendel-Echo-Resort GmbH.

Die Karte war aus dickem, cremefarbenem Papier, der Name in einer eleganten, modernen Schrift gedruckt. Darunter die Notiz: „Frau Dr. Thaler, willkommen zurück im Karwendel. Ich freue mich auf eine konstruktive Zusammenarbeit. Für eine erste Projektvorstellung und Begehung stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung. Sie erreichen mich im Gasthof ‚Zur Post‘. Mit freundlichen Grüßen, Jonas Brandt.“

Klara schnaubte verächtlich. Konstruktive Zusammenarbeit. Sie wusste, was das bedeutete. Er würde versuchen, sie mit Hochglanzbroschüren, 3D-Animationen und dem Versprechen von „sanftem, ökologischem Luxus“ einzuwickeln. Er würde von regionalen Materialien und grünen Dächern sprechen und dabei verschweigen, dass sie eine Schneise für die Zufahrtsstraße in einen Hang sprengen mussten, der seit der letzten Eiszeit unberührt war. Er würde die Arbeitsplätze preisen und ignorieren, dass das erhöhte Verkehrsaufkommen die empfindliche Fauna aus ihrem letzten Rückzugsort vertreiben würde. Sie kannte diese Leute. Sie kamen mit teuren Schuhen und glatten Worten und sahen in den Bergen nichts als eine unerschlossene Ressource, eine Kulisse für ihre profitablen Träume.

Unten in der Stube hörte sie, wie ihr Vater Geschirr auf den Tisch stellte. Ein Teller, ein Glas, ein Besteck. Dann eine Pause. Und dann, nach einem Zögern, das eine Ewigkeit zu dauern schien, das Geräusch eines zweiten Tellers, der neben den ersten gestellt wurde.

Eine Einladung. So wortlos und ungelenk wie die Begrüßung.

Klara legte die Visitenkarte auf den Schreibtisch, das Gesicht nach unten. Sie würde morgen mit ihrer Arbeit beginnen. Sie würde die Hänge kartieren, die Wasserläufe prüfen, die Tierpfade dokumentieren. Sie würde Fakten sammeln, unbestreitbare, harte Fakten. Und mit diesen Fakten würde sie dieses Projekt zu Fall bringen. Sie schuldete es den Bergen. Sie schuldete es ihrem Vater, auch wenn er es nie zugeben würde.

Und sie schuldete es Leo. Es war das Einzige, was sie noch für ihn tun konnte.

Sie stand auf und ging zur Tür. Die Stufen knarrten unter ihren Füßen, als sie hinunter in die dämmrige Stube ging, bereit für ein Abendessen in vollkommenem Schweigen. Draußen legte sich die Nacht über das Karwendel, und die Schatten, die sie warf, waren lang und tief und voller alter Geschichten.

Kapitel 2

Das Abendessen war eine Symphonie des Schweigens. Klara saß auf der harten Holzbank, die ihr seit ihrer Kindheit vertraut war, den Teller mit dampfendem Gulasch vor sich. Es war das Gulasch ihrer Mutter. Sie erkannte es sofort am Duft – die subtile Note von Majoran und Kümmel, das Aroma von langsam geschmortem Rindfleisch, das so zart war, dass es auf der Zunge zerfiel. Ein Geistergericht. Sie wusste, dass ihr Vater es nicht gekocht haben konnte. Seine kulinarischen Fähigkeiten beschränkten sich auf das Braten von Spiegeleiern und das Schneiden von Speck. Das Gulasch musste aus der Tiefkühltruhe stammen, eines der letzten Vermächtnisse der Frau, die einst das warme, schlagende Herz dieses Hauses gewesen war.

Alois saß ihr gegenüber, den Kopf über seinen Teller gebeugt. Er aß mit der gleichen methodischen Präzision, mit der er seine Steigeisen feilte. Gabel zum Mund, kauen, schlucken. Kein Geräusch außer dem leisen Klicken des Bestecks auf dem Keramikteller. Sein Blick war auf das Essen gerichtet, als wäre es eine Aufgabe, die es zu erledigen galt, eine weitere Etappe auf einem langen, anstrengenden Weg.

Klara stocherte mit der Gabel in einem Stück Fleisch. Der Knoten in ihrem Magen hatte sich zu einem Felsbrocken verhärtet. Jeder Bissen fühlte sich an wie ein Verrat. Ein Verrat an ihrer Mutter, deren Essen sie aß, ohne dass sie da war. Ein Verrat an sich selbst, weil sie hier saß, in diesem stillen Mausoleum, und so tat, als wäre alles normal.

Die Erinnerung an frühere Abendessen überflutete sie. Der Tisch war derselbe, aber die Stube war erfüllt gewesen von Leben. Das Lachen ihrer Mutter, das wie das Plätschern eines Gebirgsbachs geklungen hatte. Die hitzigen, fröhlichen Debatten zwischen ihr und Leo, wer am Wochenende die schwierigere Route klettern würde. Die brummigen, aber liebevollen Kommentare ihres Vaters, der sich in ihren Geschichten sonnte, auch wenn er so tat, als würde er sie kaum zur Kenntnis nehmen. Damals war der Raum voller Licht und Wärme gewesen, selbst an den dunkelsten Winterabenden. Jetzt war er nur noch ein Echo.

„Das Sägewerk hat zugemacht“, sagte Klara plötzlich in die Stille hinein. Ihre Stimme klang rau.

Alois hob nicht den Blick. Er kaute, schluckte und nahm dann einen Schluck Wasser aus seinem Glas. „Scho lang“, sagte er. Schon lange.

Die beiden Worte hingen in der Luft, so schwer und endgültig wie Grabsteine. Klara gab auf. Es war sinnlos. Er hatte eine Mauer um sich herum errichtet, so hoch und undurchdringlich wie die Nordwand der Laliderer. Und sie hatte weder die Kraft noch das Recht, zu versuchen, sie einzureißen. Sie war es schließlich gewesen, die den ersten Stein für diese Mauer geliefert hatte.

Sie aß so viel sie konnte, schob den Rest dann aber an den Rand ihres Tellers. Die Stille drückte ihr auf die Brust, machte das Atmen schwer. Als ihr Vater fertig war, stand er auf, nahm seinen Teller und sein Glas und trug sie zur Spüle. Er wusch sie unter fließendem Wasser ab, stellte sie in den Abtropfständer und trocknete seine Hände an einem Geschirrtuch ab. Alles mit der gleichen unheimlichen, mechanischen Ruhe. Dann ging er, ohne ein weiteres Wort, ohne einen Blick zurück, in die Werkstattecke und nahm seine Arbeit wieder auf. Das kratzende, rhythmische Geräusch der Feile füllte wieder den Raum. Es war der Soundtrack ihrer Heimkehr.

Klara blieb allein am Tisch zurück. Sie fühlte sich wie ein Fremdkörper, eine ungebetene Besucherin in ihrem eigenen Elternhaus. Sie räumte ihren Teller weg, spülte ihn ab und stellte ihn neben den ihres Vaters. Die Geste fühlte sich seltsam intim und zugleich unendlich distanziert an. Sie ging leise die Treppe wieder hinauf, schloss die Tür ihres Zimmers und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Das Geräusch der Feile war hier oben leiser, aber immer noch hörbar. Ein beständiges, nagendes Geräusch, das ihr sagte: Du bist hier, aber du gehörst nicht mehr hierher.

Sie schlief schlecht. Die vertrauten Geräusche des alten Holzhauses – das Knarren der Dielen, das leise Pfeifen des Windes unter den Dachziegeln – brachten keinen Trost, sondern schienen sie nur noch wacher zu halten. Immer wieder driftete sie in unruhige Träume, sah das Blau von Leos Jacke, spürte den Ruck des Seils, hörte die Stille. Als sie endlich aufwachte, war der Himmel draußen noch ein tiefes, samtiges Grau, das erst an den Rändern von einem blassen Rosa erhellt wurde. Es war kurz nach fünf.

Sie stand auf, zog sich leise an, schlüpfte in ihre Funktionskleidung wie in eine zweite Haut. Die vertrauten Materialien, das Rascheln des Stoffes, die soliden Schnallen ihres Rucksacks – das war ihre Welt, die Welt, in der sie funktionierte. Sie packte ihre Ausrüstung für den Tag: GPS, Höhenmesser, Notizbücher, Probenbeutel, Kamera. Die Routine beruhigte sie.