Das Licht dieses Sommers - Klara Seewald - E-Book
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Das Licht dieses Sommers E-Book

Klara Seewald

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Beschreibung

Dunkle Tannen und ein altes Geheimnis 

Auf den Hügeln des Schwarzwalds thront das in die Jahre gekommene Jagdschloss Sonnbach. Vergebens hofft Familie Cehringer, das Wirtschaftswunder möge endlich auch ihre Geschäfte beflügeln, denn die Ländereien werfen längst nicht mehr genug ab. Als der erfolgreiche Geschäftsmann Bernhard, der von der jungen Schlossherrin Alexandra einst einen Korb bekam, seinen Besuch ankündigt, wittert ihre Mutter Juliane die Chance, alles noch zum Guten zu wenden … 

Ein Jagdschloss in den 1950er Jahren, eine herrschaftliche Familie und ihre Intrigen,vor der atemberaubenden Kulisse des Schwarzwalds

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Seitenzahl: 246

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über das Buch

Schwarzwald 1958: Das Jagdschloss Sonnbach erhebt sich in den Hügeln des Südschwarzwaldes mit weitem Blick über den Rhein. Doch die Idylle trügt. Längst wirft die Holzwirtschaft für Familie Cheringer nicht mehr genug ab, um den Besitz erhalten zu können. Als sich ein Besucher ankündigt, der trotz seiner Jugend, beflügelt vom Wirtschaftswunder, zu einem enormen Vermögen gekommen ist, wittert Familienoberhaupt Juliane ihre Chance. Bernhard ist nicht nur reich, er scheint sich immer noch für Alexandra, die Tochter des Hauses, zu interessieren. Alexandras Pläne aber führen schon bald zu einem Konflikt, der kaum zu lösen scheint.

Über Klara Seewald

Klara Seewald wurde in Freiburg im Breisgau geboren und arbeitet als Reisejournalistin. Sie liebt es, in alte Familiengeschichten und Legenden einzutauchen, die sich um Landschaften und geheimnisvolle Orte ranken. Wenn sie nicht auf Reisen ist, lebt sie mit Mann und Tochter und ihrem Hund Moritz in Basel.

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Klara Seewald

Das Licht dieses Sommers

Roman

Übersicht

Cover

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Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

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Schloss Sonnbach 1958

1: Ein Sommermorgen

2: Wutzel

3: En garde

4: Dämmerung

5: Zweimal Liebe

Die Ankunft

6: Kaiser Rudolf

7: Hasen-Hüpfen

8: Das Konzert

9: Ohne Badehose

10: Attacke!

Die Nacht auf dem Schloss

11: Entlarvt

12: Marcellos Blick

13: Maracas

14: Fata Morgana

15: Vor drei Jahren

16: Der Biss

17: Für immer

18: Graue Augen

19: Katzen und Hunde

Der Regenbogen

20: Geschützdonner

21: Aus der Großstadt

22: Den höchsten Berg

23: Absolute Ruhe

24: Salbei und Nachtschatten

25: Mit Blaulicht

26: Sonne und Schatten

27: Wolkentürme

28: Feuerblitz

29: Das Glück dieses Sommers

Impressum

Schloss Sonnbach 1958

1

Ein Sommermorgen

Am Ufer des Sees, zwischen Ebereschen, Buchen und blauschwarzen Tannen kaum zu sehen, kam der Wagen der Bäckerei nur langsam voran. Der Fahrer drosselte das Tempo, denn die Straße zum Schloss war nicht asphaltiert. Obwohl der Bäcker foh war, das Schloss beliefern zu dürfen, wollte er seine Reifen nicht ruinieren.

Die Natur schien überall in Wettstreit zu treten. Der Lerchensporn, die Witwenblume, der bittersüße Nachtschatten, der weiß blühende Thymian, das Eisenkraut mit seinen winzigen Blüten, Fuchsschwanz-Klee und Ochsenzunge, Blutweiderich, Salbei, Lattich, Heide-Nelke, sie alle überflügelten einander, bogen sich im Wind der Wiesen auf den Hängen des Südschwarzwaldes, dessen Wasser nur eine Richtung kannte, hinunter zum Rhein. In den Schluchten, die Deutschland von der Schweiz trennten, war der Fluss noch kein Strom, sondern ein jugendlich springendes Wasser, genährt aus den Bergen.

Wie jeden Tag dachte der Bäcker auch heute, dass die Cehringers ihre Zufahrt endlich renovieren lassen sollten. Was gab das denn für ein Bild ab? Wer von Süden kam, entdeckte das Renaissanceschloss schon aus der Ferne, wie es sich aus den Hügeln erhob, doch die Straße dorthin war in einem Zustand, als sollten sich Besucher ihren Weg erst mühsam bahnen.

Vor ihm tauchte das Jagdschloss auf, erbaut in einer Zeit, als Luther die Bibel übersetzt und die Spanier die Azteken besiegt hatten. In fast hundert Jahren hatte die Familie Cehringer das Gemäuer aus Ruinen wieder in ein Schloss zurückverwandelt. Sonnbach galt als Stolz der ganzen Gegend. Dass die Cehringers in Schwierigkeiten waren, durfte man schon mehr als ein Gerücht nennen, aber niemand im Umkreis hätte das hinausposaunt. Auf diese Familie ließ hier keiner etwas kommen.

Der Bäcker überquerte die Brücke, unter der sich der Schlossgraben dahinzog, er führte im Sommer nur wenig Wasser. Der Anblick, der nun folgte, gehörte zum Höhepunkt seines Tages. Was die Menschen vor fünfhundert Jahren erdacht und erbaut hatten! Der Mittelturm von Sonnbach lag in direkter Linie zum Springbrunnen, der die Wiese in vier gleiche Teile gliederte. Die Seitentrakte waren symmetrisch angelegt und wurden von zwei kegelförmigen Türmen bekrönt. Über der höchsten Spitze wehte der Wimpel der Familie, ein Ritter mit einer Rose, der sich über einen besiegten Drachen beuge.

Das knatternde Bäckereiauto durchquerte das Häuschen der Toreinfahrt. Im Stockwerk darüber hatte Marcello, ein Angestellter, sein Zimmer. Täglich wurde er von diesem Geräusch geweckt. Der Bäcker passierte den Wagenpark und den Ziehbrunnen, bevor er auf der Rückseite des Gebäudes ausstieg und den Korb mit den Backwaren, den Semmeln und Wecken vom Wagen hob. Zwei Brötchen fielen zu Boden, er wischte sie an seiner Schürze sauber, bevor er sie in den Korb zurückwarf. Dann trat er mit dem Fuß zweimal gegen die Luke im Fundament, sie öffnete sich, und er stellte den Korb an den obersten Punkt einer Rutsche.

Brot und Brötchen nahmen ihren rasanten Weg abwärts in die Schlossküche, die sich traditionell im Untergeschoss befand. Als der Korb ankam, purzelten neuerlich Semmeln heraus. Der Küchenchef sammelte sie auf und legte sie in einen kleineren Korb, den er auf den Tisch stellte, an dem das Frühstück für die Familie vorbereitet wurde. Jedem Tablett teilte er zwei Brötchen im silbernen Servierkörbchen zu.

Das erste Tablett wanderte zur Anrichte, wo Hände in weißen Handschuhen es entgegennahmen. Die Hände gehörten dem dreizehnjährigen Rudolf, der im Schloss als Kellner angelernt wurde. Rudolf kontrollierte die silberne Tee- und die Milchkanne, die Zuckerdose und stellte eine Vase mit Feldblumen auf das Tablett.

Durch die Halle im Erdgeschoss machte er sich über die Freitreppe auf den Weg ins Obergeschoss, wo er einen Korridor durchqueren musste. Mehrmals war Rudolf schon getadelt worden, weil der Tee die Zimmer nur noch lauwarm erreichte. Die Wege waren einfach zu lang.

Vor der Schlafzimmertür von Juliane Cehringer begegnete ihm Tante Leonie, die Alterslose, wie man sie nannte, weil niemand es wagte, ihr rätselhaft hohes Alter zu erwähnen. Die weiße Dauerwelle saß makellos, die grauen Augen strahlten wie in Jugendtagen. Leonie hatte die Brille über der Brust baumeln, gab sich aber gern den Anschein, als brauche sie sie gar nicht.

»Gib her, sonst verschüttest du nur alles«, sagte die Tante, da ein Lehrling allgemein noch nicht als fertiger Mensch angesehen wurde. »Mach mir die Tür auf.« Leonie übernahm das Tablett und trat ein. Der Raum war leer. Von nebenan hörte man lautes Gurgeln.

»Julie, das Frühstück«, rief die Tante. »Vorhin ist ein Telegramm gekommen. Ich lege es dir dazu.« Sie rückte Julianes Lieblingsstuhl an den Frühstückstisch.

Juliane Cehringer kam fertig angezogen aus dem Bad. »Bist du sicher, dass der Doktor gesagt hat, dass man das Gurgelwasser schlucken soll?«

»Nein, das hast du gesagt. Ich glaube, es ist giftig. Ich kann dir heute nicht Gesellschaft leisten. Unten ist zu viel los.« Leonie wandte sich zum Gehen.

»Warum bist du dann überhaupt heraufgekommen?«

»Um dir das Telegramm zu bringen.«

»Ich komme gleich nach.« Juliane nahm Platz, öffnete das Kuvert und las die wenigen Zeilen. Las sie noch einmal langsam, um sicherzugehen, dass sie alles richtig verstand. »Das kann doch nicht wahr sein!« Sie sprang auf. »Johann soll sofort zu mir, ich brauche …« Sie bemerkte, dass sie bereits wieder allein war. Hastig griff sie zum Haustelefon.

»Ist Johann bei Ihnen? – Wieso nicht? – Dann lassen Sie ihn suchen. Ich muss ihn sprechen. – Haben die Prinzen schon gefrühstückt? Und Alexandra?« Ungeduldig verdrehte sie die Augen. »Sie müssen doch wissen, ob die Tabletts hinaufgeschickt wurden. – Was wissen Sie überhaupt? Beeilen Sie sich! Franz und Michael müssen geweckt werden, Alexandra soll ihre Unterrichtsstunde ausfallen lassen. Aber vor allen Dingen brauche ich Johann!« Sie warf den Hörer auf die Gabel. »Ich bin von Taugenichtsen umgeben.«

Es klopfte.

»Ja!«

Die Tür öffnete sich langsam, ein Ächzen war zu hören.

»Wer ist da?«

»Pardon …« Ein Husten.

»Geben Sie sich zu erkennen.«

»Mir ist der Bleistift hinuntergefallen.« Johann Kober war ein kleiner Mann. Einmal aufgerichtet, stand er kerzengerade da, das Kinn erhoben, um wenigstens ein paar Zentimeter an Augenhöhe zu gewinnen. Mit den Jahren war er kräftiger geworden. Das Gewicht machte seinen Hüftgelenken zu schaffen, weshalb Johann sich einen wiegenden Gang angewöhnt hatte, der verschleierte, dass er hinkte. Was ihm an Größe fehlte, überwand er durch napoleonisches Selbstbewusstsein.

»Johann?« Juliane zeigte auf das Telefon. »Ich habe Sie gerade erst rufen lassen. Wie sind Sie denn …?«

»Ich habe Fräulein Leonie auf der Treppe getroffen, und als sie mir von dem Telegramm erzählt hat, wusste ich, dass Sie mich brauchen, Frau Cehringer.«

»Mein guter Johann. Immer fünf Schritte voraus.« Juliane stutzte. »Wie konnte Leonie denn wissen, was in dem Telegramm …?«

»Der Absender«, fiel ihr Johann ins Wort. »Der Absender ist Frankfurt. In Frankfurt kennen wir im Grunde nur eine Person.«

»Wir?«

»Sie – und Ihre Tochter natürlich.«

»Das haben Sie alles lediglich aus dem Absender geschlossen?«, rief Juliane beeindruckt.

»Was macht einen guten Diener aus, Frau Cehringer?«

»Sie sind kein Diener. Sie sind die Stütze des Hauses, Johann.«

»Es ist die Gabe des Vorausschauens«, fuhr er fort. »In unserem Haus, besonders seit Sie das Hotel eröffnet haben, muss ich voraussehen, wann die Herrschaften hungrig werden, damit das Essen bereitsteht. Ich sehe voraus, wann sie müde sind, schon wird das Bett aufgeschlagen. Ich weiß es, bevor sie selbst es wissen.«

Juliane wies auf den Stuhl gegenüber. »Bitte, Johann, nehmen Sie einen Augenblick Platz.«

»Ich stehe lieber, wenn Sie gestatten, Frau Cehringer.«

»Lassen Sie das Personal kommen, vom Zimmermädchen bis zum Barpianisten. Ich möchte, was ich zu sagen habe, nicht unnötig wiederholen müssen. Wenn alle es hören, kann es kein Missverständnis geben.«

»Ich kümmere mich darum.«

»Vor allem brauche ich den Weinkellner und den Küchenchef. Besonders den Küchenchef. Die Menüs lassen in letzter Zeit zu wünschen übrig.« Sie blickte zu ihm hoch. »Wollen Sie sich nicht ein paar Notizen machen?«

»Das kann ich noch behalten, Frau Cehringer.« Ein sekundenkurzes Lächeln. »Wenn ich mir den Vorschlag erlauben darf, sollten wir auch den Hausgärtner verständigen?«

»Wozu?«

»Ich darf daran erinnern, dass derjenige, den wir erwarten, gern Fußball spielt. Die Wiese hinter dem Haus müsste geschnitten werden.«

»Exzellenter Einfall, Johann.«

»Ich mache mich gleich an die Arbeit.«

Juliane sprang auf. Da sie schneller war als er, ließ Johann ihr den Vortritt. Sie eilte den Flur hinunter und betrat ein abgedunkeltes Zimmer.

»Du schläfst noch?« Mit einer kräftigen Bewegung zog sie die Vorhänge auf.

Ein blonder Haarschopf drehte sich herum. Große blaue Augen öffneten sich. »Mutter, ich habe von einer Atlantiküberquerung im Segelboot geträumt.«

»Wir haben kein Segelboot, und der Atlantik ist weit. Du musst dich anziehen.«

»Was ist los?« Alexandra schlug die Decke zurück.

Das war die junge Sonnbach, hellwach vom ersten Augenblick, eine Flamme, die emporschoss. Ausgestattet mit einer Energie, die Angst machen konnte. Bei Alexandra gab es kein Später. Sie erledigte alles in der Gegenwart. In ihrem türkis karierten Schlafanzug sprang sie aus dem Bett.

»Seit Jahren habe ich das befürchtet.« Juliane begleitete ihre Tochter ins Bad. »Jetzt ist es passiert.«

»Ist jemand gestorben?« Alexandra putzte sich die Zähne.

»Vorhin ist ein Telegramm gekommen.« Juliane las vor. »Herr Bernhard Ginneck beehrt Sie am 23. des Monats mit einem dreitägigen Besuch. Bitte reservieren Sie das gewohnte Turmzimmer im blauen Trakt. Herr Ginneck wird am 23. erst spätnachts eintreffen, hofft aber, die Familie Cehringer am nächsten Tag begrüßen zu dürfen. – Na, was sagst du?«

Alexandra steckte das Haar hoch. »Warum so förmlich? Bernhard könnte doch einfach herkommen. Das Telegramm klingt, als ob ein König sich ankündigt.«

»Das macht mich ja so nervös. Vor allem, dass er nur drei Tage bleibt. Ich bin alarmiert.«

»Weshalb?«

Juliane lief zum Frühstückstisch voraus. »Du musst etwas essen. In letzter Zeit schläfst du zu lange.«

»Es ist Sommer, Mutter. Selbst in unserer Höhe kann man nachts endlich draußen sitzen und …«

»Und ein Glas Wein zu viel trinken«, rügte die Mutter. »Und dann verschläfst du den halben Tag.«

»Ich habe gleich meine Stunde. Die hätte ich bestimmt nicht verschlafen.«

»Deine Trainingsstunde fällt heute aus. Es gibt Wichtigeres.«

»Wegen Bernhard?«

»Wir müssen uns vorbereiten. Der Dreiundzwanzigste ist bereits morgen.«

»Und die Staatsmeisterschaften sind schon im September. Darauf muss ich mich vorbereiten.«

»Dein Fechtturnier kümmert uns im Augenblick nicht. Ich habe Sorge, was der Besuch Ginnecks bedeutet.«

»Warum?« Staunend ließ sich Alexandra von ihrer Mutter Kaffee eingießen.

»Der Bernhard Ginneck, den wir vor drei Jahren kennengelernt haben, ist nicht mehr der Bernhard Ginneck von heute.«

Alexandra machte eine wegwerfende Geste. »Bernie war damals ein Angeber, und er dürfte heute immer noch ein Angeber sein.« Sie ließ drei Stück Zucker in die Tasse fallen.

»Er ist aber ein überaus erfolgreicher Angeber geworden. Die Zeitungen sind voll davon.«

»Jeder ist heutzutage erfolgreich«, lachte Alexandra.

»Was willst du damit sagen?«

»Wir haben Wirtschaftswunder, Mama. Deutschland ist auf dem Weg nach oben. Was die Leute auch anpacken, alles wird zum Erfolg.«

»Ich darf dich daran erinnern, dass uns das Wirtschaftswunder bisher verschont hat. Das Sägewerk schreibt rote Zahlen. Der Borkenkäfer wütet in unseren Wäldern. Viele Bäume können wir nur noch als Brennholz verkaufen.«

»Ich weiß, Mutter. Ich habe dich auf diese Krise ja erst hingewiesen. Und weil unser Kerngeschäft, die Holzverarbeitung, eine Flaute erlebt, haben wir Schloss Sonnbach zusätzlich auf Gastronomie umgestellt.«

Juliane streichelte den Arm der Tochter. »Deine Idee war unsere Rettung, mein Liebling. Das Schlosshotel hat einen wunderbaren Start hingelegt, aber die Kredite, die wir dafür aufnehmen mussten, lasten schwer auf unseren Schultern.«

»Ich habe immer noch nicht verstanden, wie du das mit Bernhards Besuch in Verbindung bringst.«

»Er liebt dich«, sagte Juliane mit plötzlichem Ernst. »Zumindest hat er dich damals geliebt. Vor drei Jahren hat er dir intensiv den Hof gemacht. Und du …«

»Ich habe ihm einen Korb gegeben, weil er mir auf die Nerven gegangen ist mit seinem Getue und der Angeberei, wie schnell er reich werden würde.«

»Aber er hat recht behalten und in nur drei Jahren ein Vermögen gemacht«, seufzte Juliane.

»Was hat das denn mit uns zu tun?« Alexandra warf den Eierlöffel hin.

»Das müssen wir herauskriegen.« Juliane drehte den Pfefferstreuer zwischen den Fingern. »Besser gesagt, du wirst es herauskriegen. Ich habe eine schreckliche Befürchtung, Alexandra.«

»Was denn, Mutter, was?«

»Dass Bernhard nach Sonnbach zurückkommt, um sich an dir zu rächen.«

2

Wutzel

Tante Leonie thronte an ihrem Schreibtisch und wippte in dem Drehsessel aus Kirschholz, in dem angeblich bereits ein Fürst von Metternich gesessen hatte. »Alexandra – und Bernhard Ginneck?« Sie wiegte den Kopf. »Da ist Krieg angesagt. Wenn nur dein Hubert noch am Leben wäre«, sinnierte sie. »Er wüsste mit der Situation umzugehen.«

»Mein seliger Hubert könnte uns in dieser Lage auch nicht helfen.« Juliane lief vor dem Schreibtisch auf und ab. »Aber es gibt Situationen, in denen es unangenehm ist, keinen Mann im Haus zu haben. Manchmal können sie nämlich ganz nützlich sein.«

»Aber nur manchmal.«

»Ich bin froh, dass wir wenigstens Johann haben. Ohne ihn könnte ich mir die Organisation der kommenden Tage schwer vorstellen.«

»Du und dein Johann. Du bindest dich zu sehr an den alten Mann.«

»Wie kannst du so reden? Johann hat mich als Baby auf den Knien geschaukelt – und Alexandra natürlich auch. Die beiden sind bis heute die dicksten Freunde.«

»Er ist zu alt. Seine Pflichten wachsen ihm über den Kopf. Du solltest dich nach einem Jüngeren umsehen.«

Juliane musterte Leonie, die Alterslose. »Soll ich mich für deine Aufgabe etwa auch nach einer Jüngeren umsehen?«

Aus eisblauen Augen sah Leonie ihre Nichte an. »Bei mir ist das etwas anderes. Bei mir schlagen die Jahre nicht zu Buche.«

»Und was war letzten Winter, als du die Kellertreppe hinuntergefallen bist?«

»Sie war vereist.«

»Du hast dir das Handgelenk gebrochen. Seitdem kannst du nicht mehr richtig schreiben.«

»Ich diktiere meine Briefe und lasse sie abtippen. Wir leben im zwanzigsten Jahrhundert.«

Juliane ließ sich auf einen Stuhl sinken. »Ich mag das zwanzigste Jahrhundert nicht.« Sie wies auf die alte Zimmerdecke, die von rauchgeschwärzten Balken getragen wurde. »In der Blütezeit unseres Schlosses hat man Rachefeldzüge mit dem bloßen Schwert ausgetragen. Wenn Ginneck sich wirklich an Alexandra rächen will, genügen ein paar Telefonate, und wir sind erledigt.«

»Ich glaube nicht, dass Rache der Grund für seinen Besuch ist.«

»Alexandra hat den armen Kerl damals wirklich schlecht behandelt, geradezu demütigend.«

»Er liebt sie immer noch«, konstatierte Leonie.

»Woher willst du das wissen?«

»Ich spüre so etwas.«

»Natürlich, du bist ja Expertin in Liebesdingen.« Juliane rollte die Augen.

»Zu meiner Zeit habe ich …«

»Bitte verschon mich. Mir sind die Histörchen über deine Verhältnisse mit dem bayerischen Hochadel bekannt.«

»Das sind keine Histörchen. Ich war berühmt für meine Augen.«

Juliane stand auf. »Ich muss jetzt mit den Jungen sprechen.«

»Was haben die Bengels mit Ginnecks Besuch zu tun?«

»Franz und Michael sind keine kleinen Kinder mehr. Ihr Interesse an den Vorgängen der Natur ist erwacht. Daher haben sie die dumme Angewohnheit, ihre Schwester jedes Mal aufzuziehen, wenn sie sich mit einem Mann verabredet.«

Leonie winkte ab. »Vielleicht will Ginneck auf Sonnbach nur ausspannen und sehen, wie es Alexandra ergangen ist. Sein Besuch könnte in Wahrheit ganz harmloser Natur sein.«

»Du kannst dir diese Sorglosigkeit leisten. Ich will für alles gewappnet sein. Deshalb spreche ich jetzt mit meinen Söhnen.«

Sie ließ Leonie hinter dem Schreibtisch zurück und eilte über den Innenhof, wo die Pferde angespannt wurden. Auch im 20. Jahrhundert gehörte es in Sonnbach zum Service, ankommende Gäste nicht mit dem Auto, sondern mit der Pferdekutsche vom Bahnhof abzuholen.

Juliane lief in den Rittersaal. Wenn die Jungs nicht draußen waren, hielten sie sich in der heißen Jahreszeit am liebsten in der Halle auf, dem Herzstück des Schlosses, wo sie nach Herzenslust schlittern konnten. Beim Eingang, den zwei Geharnischte in blau schimmernden Rüstungen bewachten, blieb Juliane überrascht stehen. Die Jungs knieten auf dem Sternparkett, aber sie waren nicht allein. Wie ein gemütlicher Brummbär saß Johann bei ihnen, was in seinem akkuraten Gehrock seltsam aussah.

»Johann, was geht hier vor?«, fragte Juliane.

»Das Flugzeug ist abgestürzt, Frau Cehringer«, antwortete er wahrheitsgemäß.

»Flugzeug – was – wie?«

Als Beweismittel hielt Franz, der Ältere, der Mutter ein ramponiertes Modellflugzeug hin. »Es ist gegen das Fenster gekracht.«

»Ist das Fenster zerbrochen?« Erschrocken sah sie sich um. Die Butzenscheibengläser im Rittersaal befanden sich im Originalzustand. Sie waren so alt wie das Schloss selbst. Für jeden Bruch musste Juliane einen Glasbläser aus Donaueschingen kommen lassen, was ein Vermögen kostete.

»Es ist nichts passiert«, beeilte sich Johann zu sagen.

»Aber es fliegt nicht mehr«, ließ sich der kleine Michael vernehmen.

»Es wird hier drinnen auch zu keiner Zeit je wieder fliegen«, rief Juliane im Ton eines Generalfeldmarschalls. »Flugzeuge fliegen im Freien. – Johann, warum sitzen Sie auf der Erde?«

»Er hilft uns, das Gummigewinde zu reparieren«, erklärte Franz.

»Johann hat mit meinen Aufträgen genug zu tun«, fuhr sie die Buben an, meinte damit aber den alten Mann. »Nicht wahr, Johann?«

»Gewiss, Frau Cehringer.« Es kostete ihn einige Mühe, erst auf das eine Knie, dann auf das andere zu kommen und schließlich aufzustehen.

»Lassen wir das Flugzeug eben draußen fliegen.« Michael wollte zur Tür.

»Ihr bleibt hier.« Die Mutter trat ihnen in den Weg. »Ich habe mit euch zu sprechen. – Danke, Johann.«

Mit seinem wiegenden Gang verließ der alte Mann den Saal, doch statt auf den Innenhof zu gehen, öffnete er eine Tür an der Schmalseite und trat auf den gekiesten Weg, der hinter dem Haus in den Wald führte. Johann brauchte nur ein Wiesenstück zu überqueren, schon empfingen ihn die Tannen und Kiefern, das Brombeergestrüpp und der geheimnisvolle Schatten, der nirgends geheimnisvoller war als im südlichen Schwarzwald. In diese Welt tauchte Johann fast jeden Tag ein, wenn er während seines Dienstes einmal durchatmen wollte. Wo wäre das Durchatmen schöner gewesen als in seinem Wald?

Dort, wo die Bäume nicht so dicht standen, flutete die Sonne bis auf die Erde und durchwärmte den Boden. Herrlich roch das nach Tannennadeln, morschem Unterholz und winzig blauen Waldblümchen. Nirgends waren die Felsgebilde wie bei ihnen, wie schlafende Ungeheuer sahen sie aus, grauschwarz und mit Moos bewachsen. Fuchshöhlen zogen sich darunter hin, die Ameisen häuften ihre Hügel am liebsten zwischen windgeschützten Felsen auf. Sommer im Schwarzwald bedeutete jene herrlich langen Tage, an denen man sich nicht vorstellen konnte, dass es irgendwann wieder trüb und stürmisch werden sollte.

Johann sog die Luft ein. Das Gras duftete vom letzten Gewitter. Sobald es noch einmal stark regnete, würden auf dieser Lichtung Pfifferlinge sprießen. Dann musste man sich beeilen, denn der Platz war den Pilzsuchern wohlbekannt. Wer als Erster kam, dem winkte die reichste Beute. Johann nahm sich vor, den kleinen Rudolf zum Pilzesuchen in den Wald zu schicken. Auf der Speisekarte würde es tagelang die herrlichsten Gerichte mit Pfifferlingen geben.

Er atmete mehrmals tief durch, aber sein Ärger verflog nicht. Frau Cehringer hätte wissen müssen, dass er ihre Aufträge bereits in die Tat umgesetzt hatte. Die Gärtner holten die Sensen zum Grasschneiden heraus. Der Küchenchef saß über den Rezeptbüchern, um Menüvorschläge zu machen. Der Weinkeller wurde auf fehlende Bestände überprüft. Im blauen Turmzimmer war der Hausmechaniker zugange, um einen tropfenden Wasserhahn zu reparieren und die lose Seidentapete anzukleben.

Das alles hatte Johann angeordnet und das Personal außerdem nachmittags zum Rapport bei Frau Cehringer bestellt. Er hatte sich also durchaus um das verunglückte Spielzeug der Prinzen kümmern dürfen. Lächelnd legte Johann die Arme auf den Rücken. Es brauchte einige Phantasie, um die beiden Fratzen als Prinzen zu titulieren. Alexandra hatte sie einmal so genannt, und die Bezeichnung war ihnen geblieben.

Die Mittagszeit rückte näher. Selbst in dieser Höhe verzogen sich jetzt die meisten in den Schatten. Obwohl Johann durch den Wald spazierte, wurde auch ihm zu heiß. Er erlaubte sich, den Gehrock auszuziehen, und warf ihn über die Schulter. Bis zum alten Holzzaun wollte er noch gehen, der das Schlossgrundstück von den landwirtschaftlichen Flächen abgrenzte. Dann war es Zeit, umzukehren. Er hatte Lust, das Mittagessen in der Gesindeküche einzunehmen und nicht auf seinem Zimmer. Zwar störten ihn Klatsch und Tratsch der Angestellten, aber es sollte Burgunderbraten geben, der schmeckte am besten, wenn er frisch aus dem Ofen kam.

Der verwitterte Zaun war noch nicht in Sichtweite, als Johann hässliche Geräusche hörte. Er stieß einen Seufzer aus: Die Motorrad-Idioten! Halbwüchsige aus der Kleinstadt fanden in der schönen Jahreszeit keine bessere Beschäftigung, als mit ihren Zweirädern die Straßen zu terrorisieren und im Wald Hindernisrennen auszutragen. An dem quälenden Geknatter, dem jaulenden Motorlärm erkannte er, dass hinter dem Zaun so ein Rennen im Gang war. Obwohl der Radau nicht bis zum Schloss drang, stapfte Johann los und zog im Laufen den Gehrock wieder an.

»Halt! Hallo!«

Er winkte, rief noch einmal, aber niemand nahm Notiz von ihm. Während sie mit ihren lärmenden Maschinen kreuz und quer fuhren, lachten und schrien sie einander etwas zu.

»Hallo! Schluss damit!«

Im Näherlaufen erkannte Johann, worüber sich die Rowdies amüsierten. Sie hatten einen Hund auf den Rücksitz eines Mopeds geschnallt und ihm einen Helm aufgesetzt. Das Tier wurde bei jeder Bodenwelle durchgeschüttelt. Es krallte sich fest, so gut es konnte, und bellte in Todesangst.

»Aufhören! Sofort aufhören!« Wie ein Racheengel rannte Johann zwischen die Jugendlichen hinein und stellte sich dem Fahrer mit dem Hund in den Weg. »Bleiben Sie sofort stehen!«

Der Junge in der Lederjacke wich aus, verriss das Lenkrad, kam ins Schlingern und brachte die Maschine zum Sturz. Im selben Moment befreite sich der Hund und sprang zur Erde. Er bellte das Gefährt an, das er als seinen Feind ansah.

Johann näherte sich dem kläffenden Tier, einem struppigen Kerl mit weißem Fell, dunklen Schecken und einem mächtigen Schnauzbart. Ein Scotch Terrier vielleicht, wenngleich die Rasse schwer auszumachen war. Vorsichtig ging Johann auf ihn zu und hielt die Hand vorgestreckt, damit er daran schnuppern konnte.

»So – schau – jetzt ist es wieder gut«, rief er beruhigend und wandte sich zu den Halbstarken, die sich um die Unfallstelle versammelten. »Macht eure Motoren aus! Sofort!«

War es das Alter des Mannes, sein würdiger Gehrock, war es Johanns natürliche Autorität? Einer nach dem anderen schalteten die Jungs ihre Maschinen ab.

Es wurde still am Waldrand. In diesem Augenblick hörte auch der Hund zu bellen auf und setzte sich auf die Hinterpfoten. Alle warteten, was der alte Mann sagen würde.

»So eine Rohheit. Ihr solltet euch schämen. Habt ihr kein Herz im Leib? Wenn ihr euch selbst schon zu Tode fahrt, müsst ihr auch noch das Tier quälen? Schaut ihn an, wie erschöpft er ist.«

Der Junge mit der Lederjacke trat auf Johann zu. »Was geht Sie denn das Vieh da an?«

»Ein Vieh sind Sie«, gab Johann zurück. »Das ist ein Hund.«

»Mischen Sie sich nicht ein.« Er klopfte seine Hose ab.

»Lass doch den alten Mann«, sagte das einzige Mädchen der Gruppe. »Ist das etwa Ihr Hund? Das haben wir ja nicht wissen können.«

»Meiner?«, entgegnete Johann überrascht.

»Wir haben gedacht, der ist vom Schloss weggelaufen. Wenn das Ihr Hund ist, tut es uns leid«, setzte das Fräulein in den knöchellangen Jeans nach. »Nehmen Sie ihn nur mit.«

»Ihn mitnehmen?« Johann strich über das Revers seines Gehrocks. »Bei euch lassen werde ich ihn sicher nicht.« Er trat vor das Tier, das ihn mit schief gelegtem Kopf ansah. »Komm, wir gehen. Komm nur. Das sind ja keine Menschen.« Zum zweiten Mal streckte er ihm die Hand hin, und diesmal schnupperte der Hund daran.

»Geh nur, geh, Wutzel!«, lachte der Rädelsführer.

Johann fuhr herum. »Woher wissen Sie, dass der Hund Wutzel heißt? Gehört er etwa doch Ihnen?«

»Der heißt gar nicht so. Wir haben ihm nur aus Spaß diesen bescheuerten Namen gegeben. Haben Sie schon einen Hund gesehen, der Wutzel heißt?«

»Komm.« Johann trat den Rückweg zum Zaun an.

Der Hund folgte ihm. Erst zögernd, dann immer selbstverständlicher, fiel er in Gleichschritt mit dem alten Mann. Zusammen erreichten sie die Pforte. Zusammen betraten sie den Schlosspark.

3

En garde

Das Hotel- und das Schlosspersonal stand aufgereiht im Rittersaal und erwartete Julianes Befehle. In Khakihosen trat sie den Angestellten gegenüber.

»Was die jeweiligen Menüs anbelangt: Ich möchte von Ihnen genaue Vorschläge für alle Mahlzeiten haben, natürlich auch für die Desserts. Ich verlange nicht nur das Delikateste, es muss auch zum Geschirr passen.«

Der Küchenchef öffnete eine Mappe, doch Juliane unterbrach ihn.

»Nicht jetzt. Besprechen Sie das zunächst mit Johann.« Nervös drehte sie sich um die eigene Achse. »Wo ist er überhaupt? Er hat hier zu sein.« Sie trat zum Obergärtner. »Die Gärten: Ich habe festgestellt, dass die Rosen bereits in der Augustblüte stehen.«

»Ja, die Rosen sind aufgegangen, Frau Cehringer.«

»Ich möchte, dass sie morgen am schönsten blühen. Sie werden mich doch nicht enttäuschen.« Juliane sah Tante Leonie aus dem Verwaltungstrakt kommen. »Hast du eine Ahnung, wo Johann ist?«

»Wahrscheinlich hält der alte Herr sein Mittagsschläfchen.«

»Ich bin für deine Witze wirklich nicht aufgelegt.« Juliane deutete auf das Personal. »Mach hier bitte weiter. Die Arbeiten müssen sofort begonnen werden.«

»Und was tust du so lange?«

»Ich muss ins Sägewerk. Ich hatte gehofft, Alexandra fährt mich. Wo ist sie nur? Wieso verschwindet jeder, den ich brauche, ausgerechnet heute?« Juliane lief durch den Korridor ins Freie, eilte zu ihrem mintgrünen Borgward, griff durch das offene Fenster und drückte auf die Hupe. Als sich niemand zeigte, stieg sie ein und fuhr, eine Staubwolke hinter sich lassend, die Auffahrt hinunter.

Hinter ihrem Fenster beobachtete Alexandra den Aufbruch der Mutter. Sie wollte nicht zum Sägewerk, sie hatte etwas besseres vor. Alexandra trug ihre Trainingsmontur und nahm die Maske unter den Arm. Als der Borgward weit genug entfernt war, verließ sie das Schloss und lief zu den Stallungen. Da sie nur noch drei Pferde unterhielten, stand die frühere Reithalle leer. Alexandra hatte sie zur Trainingshalle umfunktioniert.

Mit schnellen Schritten trat sie ein. Ein Blick auf die Uhr. Er war noch nicht hier? Um keine Zeit zu vertrödeln, begann sie mit Aufwärmübungen, dehnte Gelenke und Sehnen, griff zum Florett, machte Ausfälle und Paraden, kontrollierte die Stoßrichtung, übte den Rückwärtsschritt und ließ das Florett schließlich ärgerlich sinken. »Das verstehe ich nicht.«

Ein Geräusch beim Eingang, sie drehte sich um. Ein junger Mann mit dunkelbraunem Haar und trainierten Armen trat ohne Eile ein.

»Du bist zu spät«, begrüßte ihn Alexandra. »Und du bist nicht umgezogen.«

»Ich dachte, du bist heute zu beschäftigt«, antwortete er überrascht.

»Womit?«

»Wegen der Aufregung im Haus. Alle benehmen sich, als ob der Papst bei uns absteigen würde. Ich dachte, das Training fällt aus.«

Sie musterte den schlanken Kerl, der wie ein Schwarzwälder aussah und in Wirklichkeit aus der Tiefebene stammte. Bei Verona lag sein Heimatdorf. Marcello war der beste Fechter, den sie kannte, aber sonderbarerweise zeigte er keinen Ehrgeiz, bei Turnieren anzutreten. Ganz anders als sie. Alexandra hatte zwei Jugendtitel im Florett- und im Degenfechten errungen. Diesen Herbst wollte sie, endlich einundzwanzig, bei den Erwachsenenmeisterschaften in Stuttgart antreten. Ihr junger Trainer hieß Marcello, abends arbeitete er an der Hotelbar. Marcello sah aus, wie man sich einen Marcello vorstellte, und war genauso frech. Manchmal ärgerte das Alexandra, zum Beispiel jetzt.

»Sollte das Training einmal ausfallen, irgendwann, das könnte sich vielleicht ergeben, wird man dich schon unterrichten.«

Er nickte, zog die weiße gepolsterte Jacke über und nahm ein Florett aus der Wandhalterung. Beide gingen in Grundposition.

»En garde. Reculez un peu.«

Alexandra tat einen Schritt rückwärts.

»Battement tout droit.«

Ein schneller Ausfallschritt, und sie traf mit der Spitze die Mitte seiner Brust.

»Marchez. Attaquez.«

Sie lief vorwärts und stieß zu. Marcello parierte.

»Remper. Attaquez«, befahl er.

Nach zwei Rückwärtsschritten wechselte Alexandra zum Angriff.