Das Mädchen mit den Teufelsaugen - Ines Thorn - E-Book

Das Mädchen mit den Teufelsaugen E-Book

Ines Thorn

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Beschreibung

Rosamund wird seit ihrer Kindheit aufgrund ihrer außergewöhnlichen Augenfarbe - ein blaues und ein braunes Auge - gefürchtet und gemieden. Als "das Mädchen mit den Teufelsaugen" verbringt sie ihre Tage eingesperrt im Haus, nur bei Dunkelheit darf sie hinaus. Doch in der Malerwerkstatt ihres Vaters findet Rosamund eine Zuflucht und entdeckt ihre Leidenschaft für die Kunst der Malerei. Ein tragisches Unglück in der Werkstatt zwingt Rosamund, ihr Zuhause zu verlassen. Sie findet Unterschlupf in einem Kloster, doch ein verheerendes Feuer zerstört auch diesen Zufluchtsort. Verzweifelt und mittellos scheint alles verloren - bis Rosamund erkennt, dass die Malerei nicht nur ihre Passion, sondern auch ihre Rettung sein könnte. Das Mädchen mit den Teufelsaugen von Bestseller-Autorin Ines Thorn ist ein ergreifender historischer Roman, der das Schicksal einer außergewöhnlichen jungen Frau im Frankfurt des 16. Jahrhunderts beschreibt. Eine Geschichte von Ausgrenzung, Verfolgung und der erlösenden Kraft der Kunst, die Leserinnen in ihren Bann ziehen wird.

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Seitenzahl: 401

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Ines Thorn

Das Mädchen mit den Teufelsaugen

Roman

Erstes Kapitel

Frankfurt im Jahre 1530

«Hast du nicht gehört? Es hat geklopft!» Lisbeth sah ihren Mann so vorwurfsvoll an, als wäre er der Störenfried.

Sie legte die Hände auf ihren hochschwangeren Bauch und die Füße auf einen Schemel: «Na, los doch.»

Ruppert erhob sich seufzend, ging die Treppe hinunter zur Haustür.

«Lass bloß keinen rein, hörst du?», rief seine Frau von oben. «Um diese Zeit klopfen nur noch Lügner und Betrüger.»

«Ja, ja.»

Er öffnete die Tür. Vor ihm stand eine junge Frau und sah ihn mit großen, dunklen Augen an. Sie trug ein verschlissenes grellbuntes Kleid, an ihren Handgelenken klapperten Armreifen aus billigem Holz. «Bitte!», sagte sie, sonst nichts.

Regenwasser rann aus den langen Haaren, färbte ihr viel zu dünnes Kleid dunkel. Sie zitterte am ganzen Leib. Ruppert trat einen Schritt zur Seite, ließ die junge Frau ein, ging vor ihr her in die Küche.

«Wer ist es?», rief seine Frau von oben.

Ruppert legte den Zeigefinger quer über den Mund und sah die junge Frau an. Sie nickte.

«Es ist nichts, Liebes. Nur ein Versehen», rief er nach oben.

Dann machte er Milch warm, schob dem Mädchen einen Becher hin.

«Was führt Euch her?», fragte er dann.

Das Mädchen trank, wischte sich mit dem Handrücken die Milch von der Oberlippe. «Ich bin eine Zigeunerin, das seht Ihr ja an meiner Kleidung. Heute auf dem Markt hat man mich erwischt, als ich einer Frau den Geldbeutel vom Gürtel geschnitten habe. Man hat mich ausgepeitscht, aber erst nach Toresschluss gehen lassen. Meine Leute sind weitergezogen, haben mein Neugeborenes mitgenommen. Und ich sitze hier fest, darf nicht aus der Stadt hinaus, darf auch nicht drinnen bleiben.»

«Warum habt Ihr ausgerechnet bei mir geklopft?»

Das Mädchen zuckte mit den Schultern. «Die Blumentöpfe vor den Fenstern, das Kerzenlicht. Es sah so warm und gemütlich aus. Ich dachte, wer so lebt, kann kein schlechter Mensch sein.» Sie hob den Arm, um das nasse Haar zu lockern, und stöhnte dabei zum Gotterbarmen. «Die Wunden von der Peitsche», erklärte sie und drehte sich ein wenig.

Erst jetzt sah Ruppert, dass ihr Kleid am Rücken von Blut durchtränkt war.

«Wo bleibst du denn, Ruppert?», gellte eine Stimme durch das Haus.

«Ich komme, Liebes.»

Dann schnitt er eine dicke Scheibe Brot von einem Kanten, schob eine Schüssel mit ausgelassenem Schweinefett zu dem Mädchen. «Esst, Ihr habt sicher Hunger. Wenn Ihr fertig seid, gebe ich Euch ein bisschen Leinenstoff für die Wunden. Ihr könnt in der Werkstatt schlafen. Dort ist es warm und trocken. Eine Decke gebe ich Euch auch.»

«Vergelt’s Euch Gott.» Das Mädchen biss in das Brot, als hätte sie seit Tagen nichts gegessen.

«Was ist hier los?» Lisbeth stand in der Küchentür, die Hände auf dem Bauch. «Wer ist das? Was will die hier?»

Ruppert seufzte. «Eine Zigeunerin. Sie weiß nicht wohin heute Nacht. In der Werkstatt wird sie schlafen.»

«Und was zahlt sie dafür?» Lisbeth rieb den Daumen gegen den Zeigefinger.

«Ich habe kein Geld», sagte das Mädchen.

Lisbeth trat einen Schritt vor, riss ihr das Brot aus der Hand, schob den Schmalztopf zur hintersten Tischkante. «Wer nicht zahlt, kriegt nichts.»

Das Mädchen sah dem Brot nach, schluckte, erhob sich und stöhnte dabei.

«Sie hat große Schmerzen», erklärte Ruppert. «Als Christenmenschen sollten wir sie lassen. Es ist kalt draußen, Sturm kommt auf. In der Werkstatt stört sie niemanden.»

Lisbeth schürzte die Lippen. «Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. So steht es in der Schrift. Sie kann bleiben, wenn sie dafür arbeitet.»

Lisbeth wandte sich an das Mädchen. «Was kannst du?»

«Singen und tanzen.»

«Pah! Das kann ich selbst. Den ganzen Tag kann ich um den gedeckten Tisch tanzen, wenn mir danach ist. Arbeit sieht anders aus. Also?»

Das Mädchen starrte auf die Tischplatte, dann auf Ruppert, der mit hängenden Schultern neben der Kochstelle stand.

«Ich kann Euch die Zukunft aus der Hand lesen.»

Die Worte kamen leise.

Lisbeth legte eine Hand hinters Ohr. «Was hast du gesagt?»

«Ich kann Euch die Zukunft aus der Hand lesen, auch einiges über das Kind sagen, das Ihr erwartet.»

Lisbeth setzte sich. «Das ist Ketzerei, was du sagst. Weißt du das?»

Das Mädchen sah stumm auf den gefliesten Küchenboden.

«Ich kann dich anzeigen», drohte Lisbeth. «Du weißt, was mit Frauen wie dir geschieht? Man darf dem Herrgott nicht ins Handwerk pfuschen.»

Sie drückte das Mädchen zurück auf die Bank, rückte nahe an sie heran, sodass ihre Schultern sich beinahe berührten.

«Jetzt lass sie doch», warf Ruppert ein.

Lisbeth fuhr herum, zeigte mit dem Finger auf ihren Mann: «Du sei still. Hast uns ja das hier alles eingebrockt.»

Sie schob ihren Ärmel hoch, streckte dem Mädchen ihre rechte Hand hin. «Da, lies, was drinnen steht. Aber ganz genau, ich will alles wissen.»

Das Mädchen schüttelte den Kopf. «Die linke Hand muss es sein. Man liest aus der linken Hand, weil sie vom Herzen kommt.»

«So man ein Herz hat!» Rupperts Mundwinkel krochen nach oben.

«Halt den Mund!», zischte sein Weib und stieß ihre linke Hand wie einen Vogelschnabel in die Richtung des Mädchens. «Also? Was steht da?»

Das Mädchen betrachtete die Hand der Frau. Vorsichtig griff sie danach, zog sie zu sich heran.

«Ihr habt einen starken Willen», sagte sie. «Hier, das obere Daumenglied ist sehr ausgeprägt.»

Sie hatte vorhin gesehen, wie die Frau ihre Hand zur Faust geballt hatte. Der Daumen lag dabei über Zeige- und Ringfinger, als wolle er sie an einem Ausbruch hindern. Sie setzt ihren Willen durch, wo immer sie kann, hatte das Mädchen gedacht. Sie ist eine Despotin. Wäre sie ein Mann, so würde sie viel zu oft von ihren Fäusten Gebrauch machen.

«Und weiter?» Lisbeth wackelte mit der Hand vor dem Gesicht der Zigeunerin herum. «Was ist mit Geld und Ruhm? Wie lange lebe ich?»

Noch während sie ihre Hand bewegte, stellte das Mädchen fest, dass die Haut einen Stich ins Gelbe aufwies. Trotz, dachte die Zigeunerin. Gelbe Hände stehen für Trotz, Leidenschaft, gieriges Wesen und galliges Temperament. Ich muss vorsichtig sein. Das zweite Glied des Daumens ist ziemlich kurz. So kurz wie ihr Verstand. Ich muss nicht nur vorsichtig, ich muss geradezu auf der Hut sein. Ein falsches Wort von mir, und sie übergibt mich der Inquisition.

Sie zog die Hand der Schwangeren näher zu sich, fuhr mit dem Zeigefinger eine Linie nach, die sich als Halbkreis vom Handgelenk neben dem Daumenballen nach oben bis zum Zeigefinger zog. «Seht her, das ist Eure Lebenslinie. Sie ist ziemlich lang.»

«Was heißt das? So lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen.»

«Ihr werdet Eure Freunde überleben, aber vor Euren Feinden sterben.»

Lisbeth sah die Zigeunerin mit zusammengekniffenen Augen an. «Und wer steht dann an meinem Grab?», fragte sie.

Die Zigeunerin zögerte. «Vielleicht könntet Ihr Eure Feinde zu Euern Freunden machen? Aber bis dahin vergeht noch viel Zeit.»

«Meine Feinde können mir den Buckel runterrutschen.» Lisbeth fuhr unruhig auf der Bank hin und her. «Was ist mit Geld und Ruhm?»

Das Mädchen zog die Hand noch dichter vor ihr Gesicht. Die Ruhmlinie, dachte sie. Wo ist bei dieser Frau die Ruhmlinie? Normalerweise befindet sie sich am Zeigefinger, geht direkt vom unteren Fingerglied in den Venusberg, den Daumenballen, aber hier ist nichts, rein gar nichts.

Das Mädchen wusste, was dies zu bedeuten hatte. Und sie wusste auch, dass die Handleserehre es verbot zu lügen. Sie war ein Mädchen mit Ehre und stahl nur, wenn es sich nicht umgehen ließ. Aber sie hatte noch nie gelogen.

«Der Ruhm, ja», sagte sie und drückte die Hand der Schwangeren ein wenig zusammen, in der Hoffnung, dass auf diese Art doch noch eine Linie sichtbar wurde. Doch da war nichts. «Der Ruhm», sagte sie schließlich und seufzte dabei, «muss hart erarbeitet werden.»

«Wie? Willst du etwa sagen, dass ich nicht hart arbeite?» Lisbeth zog mit einem Ruck ihre Hand zurück und funkelte das Mädchen zornig an.

«Nein, ich wollte gar nichts sagen. Ich lese nur, was in der Hand steht. Aber was wäre denn ein Ruhm wert, der nicht selbst erarbeitet ist?»

Lisbeth sah zu Ruppert. Der nickte. «Sie hat recht, Liebes.»

Lisbeth schob die Unterlippe schmollend vor, dann stieß sie ihre Hand wieder in Richtung des Mädchens. «Geld. Du hast nichts über Reichtum gesagt. Was ist damit?»

Das Mädchen zögerte.

«Was ist? Kannst du auf einmal nicht mehr lesen?»

Die Zigeunerin sah, wie sich der Kopf der Schwangeren plötzlich rot färbte. Ihre Lippen waren zusammengepresst, als ob sie Schmerzen leide.

«Geht es Euch gut?», fragte sie besorgt.

«Ja, ja. Es ist nichts, hat Zeit, bis du mir gesagt hast, wie viel Geld ich haben werde.»

Das Mädchen sah nur noch flüchtig in die Hand. «In Eurer Geldbörse wird immer das Nötige vorhanden sein.»

«Reichtum. Ich habe von Reichtum gesprochen. Guck genau hin.»

Mit dem Finger fuhr das Mädchen eine Linie entlang, stieß dabei auf eine zweite, die sie zusammenzucken ließ. Gütiger Gott, dachte sie. In ihrer Hand ist ein Ort des Todes und der Verdammnis eingezeichnet. Genau dort, wo sonst die Geldlinie liegt. Und die Saturnlinie wird an einer bestimmten Stelle vom Venusgürtel begrenzt. Das ist der Ort der Feinde.

Ohne es zu bemerken, presste das Mädchen die Hand der Schwangeren fest zusammen, schaute noch einmal genau hin – und ließ die Hand dann fahren, als wäre sie glühend heiß.

«Was ist?», schrillte Lisbeth. Auch Ruppert war hinzugetreten, sah auf die Hand seiner Frau, in die aufgerissenen Augen des Mädchens.

«Nichts», stammelte die Zigeunerin. «Nichts, ich habe nichts gesehen. Es ist dunkel, vielleicht sollte ich morgen noch einmal schauen.»

«Das Mädchen hat recht. Es ist spät, Lisbeth, wir sollten alle zu Bett gehen.»

Ruppert legte seiner Frau eine Hand auf die Schulter, doch Lisbeth rührte sich nicht. Sie saß wie angenäht, den Blick starr auf das flackernde Licht der Kerze. «Mir wird… mir wird so komisch», keuchte sie. Schweiß trat auf ihre Oberlippe, ihre Augen bekamen einen fiebrigen Glanz.

Sofort sprang das Mädchen auf, legte beide Hände auf den dicken Bauch, stieß dann Luft zwischen den Zähnen hervor.

«Jemand sollte die Hebamme holen», sagte sie leise, aber so bestimmt, dass Ruppert wortlos nach der Öllampe griff und das Haus verließ.

Lisbeth war unterdessen kreidebleich geworden. Ihre Finger hatten sich in den Rand der Tischplatte gekrallt, sodass die Knöchel weiß hervortraten. Ihre Augen quollen beinahe aus den Höhlen, fixierten das Mädchen. «Hast du mich verhext?», fragte sie.

Das Mädchen schüttelte den Kopf. «Ich bin keine Hexe, ich bin Zigeunerin. Nur aus der Hand lesen kann ich, sonst nichts.»

«Hilf mir hoch!» Lisbeth hatte eine Hand vom Tisch gelöst und griff nach dem Mädchen. «Ich will aufstehen, will weg von dir.»

Das Mädchen fasste den Oberarm der Frau und zog daran so fest sie konnte. Langsam kam Lisbeth nach oben, das Gesicht schmerzverzerrt. Stoßweise kam der Atem aus ihrem offenen Mund. Die Kleider klebten ihr am Leib.

Da schrie sie plötzlich auf, und eine grüne Flüssigkeit schoss aus dem Leib der Frau.

Vorsichtig und unter Aufbietung aller Kräfte bettete die Zigeunerin die Frau auf die Küchenbank, schob ein Kissen unter ihren Kopf. Die Frau starrte sie an, doch das Mädchen wusste nicht, ob die Schwangere überhaupt etwas wahrnahm.

Dann entfachte sie das Feuer in der Kochstelle und stellte den gefüllten Wasserkessel darauf. Dabei blickte sie immer wieder zu Lisbeth, deren Gesicht in Schweiß gebadet war. Ihr Mund war halb geöffnet, wimmernde Laute waren zu hören, der hohe Bauch bewegte sich von Zeit zu Zeit in Wellen.

Das Mädchen füllte einen Becher mit Wasser, gab der Frau zu trinken, saß bei ihr, hielt ihre Hand und betete halblaut zu Gott, dass die Hebamme kommen möge. Dabei hielt sie den Blick fest auf die linke Hand der Schwangeren gerichtet, als könnten ihre Blicke auslöschen, was sie darin gelesen hatte.

Als das Wasser im Kessel zu kochen begann, stürzte Ruppert in die Küche, eine dürre ältere Frau mit harten Augen im Schlepptau.

«Was ist passiert?» Die laute Stimme der Hebamme hallte durch den Raum.

«Da.» Das Mädchen wies auf die grünliche Pfütze am Boden. «Ihr ist Wasser abgegangen.»

Die Hebamme tunkte einen Finger in die Nässe, roch daran, verzog das Gesicht ein wenig und leckte den Finger dann ab.

«Es wird höchste Zeit. Sie hat das Kind schon viel zu lange im Bauch.» Dann krempelte sie sich die Ärmel hoch und fuhr der Hausfrau unter den Rock, ohne sich vorher die Hände zu waschen.

Das Mädchen stand dabei, bereit, auf jeden Zuruf zu reagieren.

«Los, bring ein Handtuch.»

«Hole Wasser.»

«Eine Schere, rasch.»

Als das Kind endlich auf die Welt gebracht war, Lisbeth ohne Bewusstsein lag und die Hebamme sich eine blutbeschmierte Schürze vom Leib riss, war das Mädchen so erschöpft, als hätte sie selbst gerade geboren.

Sie hielt ein angewärmtes, weiches Leinentuch bereit, hüllte das Kind darin ein, wiegte es in den Armen, klopfte sanft auf seinen Po. «Mein Guterle, mein Herzensschönchen», sagte sie und lachte auf, als es zu schreien begann.

Die Hebamme warf ihr einen Blick zu. «Kümmere dich um das Kind, ich habe mit der hier zu tun. Lass den Vater zum Pfarrer gehen, besser ist besser.»

In diesem Augenblick schlug das Kind die Äuglein auf. Das Mädchen erstarrte, schaute wie gebannt auf das winzige Kind, auf sein Gesicht, auf seine Augen, von denen eines blau und das andere braun war.

Zweites Kapitel

Rosamund schlich an Tonias Hand die Straße entlang, blieb stehen, um einem Kätzchen beim Spielen zuzuschauen. Es war noch früh am Morgen, und das gerade fünf Jahre alte Mädchen war noch müde.

«Warum müssen wir immer so früh aus dem Haus?», fragte sie.

Tonia, angetan in ein Kleid aus blauem Tuch, seufzte. «Das weißt du doch, Schönchen. Ich habe es dir so oft schon erklärt.»

«Sag es noch einmal.»

«Deine Mutter hat es angeordnet. Sie möchte nicht, dass dich viele Leute sehen.»

Das kleine Mädchen nickte. «Weil ich Teufelsaugen habe, stimmt es?» Sie lachte, stieß mit dem Fuß einen Kiesel vor sich her. «Deshalb muss ich auch die Augenbinde tragen. Damit die Leute keine Angst vor mir bekommen.»

Sie deutete mit dem Finger auf das schmale Tuch, welches ihr linkes Auge bedeckte, zupfte ihre Kinderfrau am Ärmel. «Warum wäre es denn so schlimm, wenn andere Leute vor mir Angst haben?»

«Die Menschen verstehen nicht, weshalb du ein braunes und ein blaues Auge hast. Das ist so ungewöhnlich, dass sie denken, der Teufel hatte dabei seine Hand im Spiel. Dazu kommt, dass deine Mutter nach deiner Geburt sehr krank war, dem Tode nahe, und keiner erklären konnte, warum. Na ja, und was die Menschen nicht verstehen können, das bekämpfen sie. Sie denken, deine Augen bringen Unglück.»

«Und deshalb musst du auch das komische Kleid tragen und deine Ohrringe und Armbänder ablegen, nicht wahr?»

«Ja. Die Menschen mögen keine Teufelsaugen und sie mögen auch keine Zigeunerinnen. Von uns heißt es, wir würden stehlen und manche von uns könnten zaubern. Ich hatte ein Neugeborenes und deshalb Milch, als du auf die Welt gekommen bist. Deine Mutter konnte dich nicht nähren, also blieb ich bei euch.»

«Und dein Kind?»

«Rosamund, ich habe dir das alles schon so oft erzählt. Du weißt doch, dass die anderen Zigeuner meiner Familie es mitgenommen haben. Es wächst bei ihnen auf, und ich bin sicher, dass es ihm gutgeht. Und jetzt lass uns unser altes Spiel spielen. Sieh dir die Hände der Leute an, denen wir begegnen, und sage mir, was du aus ihnen gelesen hast.»

Inzwischen waren sie auf dem Markt angelangt. Stand reihte sich an Stand, Bude an Bude. Am Rande des Marktes saß ein Junge und bewachte zwei fette Ferkel, die im Abfall herumwühlten, daneben lagen mehrere Hühner, die an den Beinen zusammengebunden waren.

Von den Fleischbänken her drang ein süßlich schwerer Geruch. Fliegen schwirrten umher, setzten sich auf blaue Hammelbeine, gelbe Schweinsköpfe, graue Rinderzungen. Blutige Klumpen waren über die Bänke verteilt, Hirn lag neben Rinderlungen, Kalbsnieren und dunkelroten Schweinslebern.

Das Mädchen betrachtete den Schlachter. Er hatte rote Hände, seine Fingernägel waren blutverkrustet. Sie sah genau hin, als er einen augenlosen Lämmerkopf vom Haken riss, sah, wie er in den Eimer mit den Ochsenaugen griff und so fest zupackte, dass eines der Augen zwischen seinen Fingern zerquetscht wurde.

«Na, Mädelchen, was ist denn mit deinem Äuglein passiert», wurde sie von einer Frau mit Henkelkorb und grünem Halstuch gefragt. Rosamund starte auf ihre Haube, die aus blauem Stoff war und sich mit dem Grün des Halstuchs biss.

Mit dem Finger wies die Frau auf Rosamunds Augenbinde. Das Mädchen schluckte, zog die Unterlippe zwischen die Zähne und sah sich nach Tonia um. Die aber feilschte mit dem Schlachter um ein Kuheuter, das an manchen Stellen bereits grünlich schimmerte.

«Kannst du nicht antworten, Kind?» Die Stimme der Frau war streng geworden. «Ich habe dich etwas gefragt. Hast du nicht gelernt zu gehorchen?»

Rosamund schluckte, sah zu dem Eimer mit den Ochsenaugen, duckte sich vor der Stimme der Frau. Die streckte ihre Hand so weit aus, dass ihr Finger fast die Binde berührte. Rosamund wich zurück. Die Frau machte ihr Angst. «Ich… ich…», stammelte sie, während die Hand der Frau vor ihrem unbedeckten Auge hin und her schwirrte.

Da trat die Frau noch einen Schritt vor, riss Rosamund die Binde vom Kopf. Mit aufgerissenem Mund stand sie da. «Teufelsaugen», flüsterte sie und bekreuzigte sich. Dann packte sie ihren Korb fester, lief eilig davon, blieb zwei Stände weiter stehen, zeigte mit dem Finger auf das Kind und rief etwas lauter: «Teufelsaugen. Die da hat Teufelsaugen.»

Rosamund kehrte ihr den Rücken. Sie beobachtete den Schlachter, und als der nicht hinsah, nahm sie ein Ochsenauge aus dem Eimer, schob es sich unter die Binde und richtete sie so, wie sie sie sonst immer trug.

Tonia hatte von all dem nichts bemerkt. Sie legte das Kuheuter in ihren Korb, nahm Rosamunde bei der Hand und zog sie weiter. Das Mädchen machte sich steif, stemmte die Fersen in den Boden. «Nicht dort entlang», rief sie.

Tonia blieb stehen. «Was hast du nur? Wir gehen immer dort entlang. Und wenn du brav bist, bekommst du bestimmt wieder einen süßen Kringel von der Bäckersfrau.»

«Nicht da entlang», beharrte das Mädchen und machte sich noch steifer.

Tonia schüttelte den Kopf, gab ihr einen Klaps auf den Rücken und zerrte sie hinter sich her.

«Da ist sie», rief auf einmal direkt vor ihr die Frau mit dem grünen Halstuch. «Das Mädchen mit den Teufelsaugen.»

Eine Haubenmacherin beugte sich über ihren Ladentisch, betrachtete Rosamund und ihre Kinderfrau. Zwei Mägde blieben stehen, stellten die Körbe zu Boden und verschränkten die Arme vor der Brust. Am Ende des Ganges schlenderte ein Marktaufseher, den Knüppel fest in der Hand.

«Da ist das Teufelsbalg. Ich habe die Augen gesehen. Ein Zauberkind. Seht zu, dass es nichts anpackt mit seinen Teufelspfoten, auf dass euch die Ware nicht verderbe.»

«Ach was», widersprach die Haubenmacherin. «Das ist die kleine Rosamund vom Weißbinder Hoffmann. Sie kommt oft hierher. Ein liebes Kind, bisschen maulfaul vielleicht und schüchtern. Die tut niemandem was, hat mehr Angst vor Euch.»

«Wollt Ihr sagen, ich lüge?», zeterte die Frau mit dem grünen Halstuch. «Gleich beweise ich es Euch.»

Sie trat zu Rosamund und riss ihr wieder die Binde ab und gleichzeitig den Mund auf zum Schrei. Auch die beiden Mägde kreischten los, die Haubenmacherin rang nach Luft und musste sich am Ladentisch halten. Das Ochsenauge aber fiel zu Boden, rollte ein paar Meter und blieb direkt vor den Füßen der Halstuchfrau liegen.

Alle starrten auf das Auge, dann zu dem Kind, welches den Kopf senkte und mit dem Fuß ein Kreuz in den Wegstaub malte.

Tonia fasste sich zuerst, zerstörte das Kreuz, richtete Rosamunde die Binde, bückte sich sodann nach dem Ochsenauge, warf es in den Weidenkorb. «Oh, das muss mir aus dem Korb gefallen sein. Mein Herr, der Weißbinder, liebt es, wenn Ochsenaugen in seiner Suppe schwimmen.»

Die Frau mit dem grünen Halstuch verzog angewidert den Mund, trat einige Schritte zurück und bekreuzigte sich. «Das magst du erzählen, wem du willst. Ich habe gesehen, wie das Auge aus dem Kopf des Mädchens gefallen ist.»

Sie wandte sich an die Haubenmacherin: «Ihr habt es doch auch gesehen, oder?», und dann an die beiden Mägde. Aber die schüttelten nur den Kopf und stiebten davon, dass die Röcke flogen, während die Haubenmacherin mit bleichem Gesicht auf den Boden stierte, als könnte sie das Kreuz noch immer dort sehen.

Tonia blieb ganz ruhig. Sie schaffte es sogar zu lächeln. «Ich weiß nicht, was Ihr gesehen habt, gute Frau. Die Sonne steht noch tief, vielleicht hat das Licht Euch getrogen. Das Auge ist mir aus dem Korb gerollt. Und meine Rosamund hier hat ein Gerstenkorn, deshalb trägt sie die Binde. Seit Geburt hat sie es. Es juckt und kribbelt. Ihr wisst ja, wie Kinder sind. Hätte sie die Binde nicht, weiß der Himmel, was sie sich ins Auge schmieren würde, damit das Jucken aufhört. Verwachsen wird es sich mit der Zeit. Wie so vieles, was Kinder an sich haben.»

Sie nickte der Frau mit dem grünen Halstuch zu, grüßte die Haubenmacherin, die noch immer Halt an ihrem Stand suchte, und ging mit Rosamund davon.

Sobald sie den Markt hinter sich gelassen hatten, begann Rosamund an Tonias Hand zu ziehen. «Du hast gesagt, ich soll mir die Hände anschauen. Willst du wissen, was ich gesehen habe? Der Schlachter hatte rote Hände. Also ist er gesund und gutmütig. Vielleicht sogar ein bisschen dumm. Die Fingernägel sahen aus wie Spatel. Das bedeutet, er arbeitet viel und ist manchmal rücksichtslos. Ist es so, Tonia? Habe ich richtig gelesen?»

«Ja, das hast du gut gemacht. Genau so stand es in seiner Hand.»

«Ja, aber die Frau mit dem grünen Halstuch, deren Hände waren ganz anders. Grau waren sie, als wären sie mit Asche überzogen. Das heißt, dass sie krank ist, nicht wahr? Als sie mit der Hand vor meinem guten Auge gewedelt hat, habe ich in ihrer Handfläche Punkte gesehen, daneben ein Kreuz. Was heißt das, Tonia? Was steht da in der Hand?»

«Was?» Die Kinderfrau wirkte aufgeschreckt. «Du hast ein Kreuz gesehen? Beschreibe es mir.»

Rosamund blieb stehen, verschränkte die Arme. «Ich habe keine Lust mehr. Ich mag nicht mehr beschreiben. Ich möchte einen Kringel.»

Tonia hockte sich vor das Kind, legte ihm beide Hände auf die Schultern. «Du musst, mein Schönchen, es ist wichtig. Mach die Augen zu, denke gut nach und dann sage mir, was du gesehen hast.»

«Und dann kriege ich einen Kringel?»

«Ja, aber jetzt sage mir, was du gesehen hast.»

Tonias Stimme war so eindringlich, dass das Mädchen auf der Stelle die Augen schloss. «Das Kreuz stand auf einer gebogenen Linie. Und es befand sich unter der Daumenwurzel im oberen Teil des Venusberges. So, jetzt weißt du es.»

Rosamund riss die Augen auf. Tonia aber war erstarrt. «Das stehende Kreuz», flüsterte sie. «Plötzlicher Tod und Verlust der Seele.» Sie packte das Kind bei der Hand und zog es so schnell hinter sich her, dass Rosamund kaum folgen konnte.

«Hast du alles besorgt?», gellte Lisbeths Stimme durch das Weißbinderhaus.

«Ja, Herrin», rief Tonia die Treppe hinauf und packte in der Küche die Einkäufe aus dem Korb auf den Tisch, während Rosamund auf der Bank saß und mit den Beinen schlenkerte.

«Ist das Kuheuter auch frisch?» Die Stimme war auf einmal direkt hinter ihr.

Tonia fuhr herum, schrie auf und ließ dabei zwei Eier zu Boden fallen.

Sofort schlug Lisbeth nach ihr, doch sie traf nicht. «Tölpel, dreckiger. Mach das weg, aber rasch!»

Dann inspizierte sie das Euter, drückte ihre Finger in das weiche Fleisch, bohrte ein wenig darin herum. «Der Schlachter hat dich übers Ohr gehauen. Das Kuheuter war vielleicht mal frisch, aber das ist schon eine Weile her.»

Tonia schluckte. «Er war günstig, Herrin.»

Sie legte das Wechselgeld vor Lisbeth auf den Tisch und nahm einen Lappen zur Hand. Lisbeths Miene erhellte sich, als sie die vielen Weißpfennige sah.

«Hmm, na gut. War sonst noch was?»

Tonia wischte auf Knien den Boden, schüttelte den Kopf, ohne aufzusehen.

Rosamund, die bisher von ihrer Mutter keines Blickes gewürdigt worden war, begann zu sprechen. «Eine Frau mit einem Halstuch hat bemerkt, dass ich Teufelsaugen habe. Sie hat mir die Binde einfach vom Kopf gerissen und angefangen zu schreien. Und außerdem hatte sie ein Todeskreuz in der Handfläche und graue Aschehände.»

Tonia auf dem Boden hielt inne. Lisbeth stürzte die Arme in die Hüften. Ihre Stimme war nur noch ein Zischen. «Stimmt das?»

Tonia rührte sich nicht. Sie kniete auf dem Boden, den Lappen halb erhoben.

«Ob das stimmt, will ich wissen.» Lisbeth versetzte der Magd einen Tritt in den Hintern. «Sieh mich an, wenn ich mit dir rede!»

Tonia ließ den Lappen sinken, wandte den Kopf zu ihrer Herrin und nickte.

Lisbeth beugte sich zu ihr herunter, die Hände noch immer in die Seiten gestützt. «Du weißt, was das bedeutet, Zigeunerschlampe?»

Tonia nickte, und Rosamund sah, dass sie am ganzen Leib zitterte.

Drittes Kapitel

Am nächsten Vormittag, Tonia schrubbte auf dem Hof die Wäsche und Rosamund spielte zu ihren Füßen, begann unvermutet die Totenglocke der nahen Kirche zu läuten.

Tonia fuhr hoch, streckte den Rücken, trocknete die Hände an ihrer Schürze ab und sah zu Rosamund, die unverdrossen weiterspielte. «Ich komme gleich zurück. Sei brav, ja?»

Rosamund nickte.

In der Küche traf Tonia auf Lisbeth. «Habt Ihr es auch gehört, Herrin?»

Lisbeth nickte mit verkniffenen Lippen. Sie war schmal geworden nach ihrer schweren Krankheit, hielt den Rücken leicht gebeugt. Ein mürrischer Zug hatte sich von den Nasenflügeln bis hinab zu den Mundwinkeln gegraben. Zwischen ihren Brauen stand eine steile Falte.

Tonia trat von einem Bein auf das andere. Obwohl sie nur drei Jahre jünger war als Lisbeth, wirkte sie neben ihr wie ein Mädchen. «Was ist, wenn die Totenglocke…»

Sie brach ab, starrte ihre Herrin an.

«Was soll dann sein?», fragte Lisbeth zurück. «Meine Familie hat sich nichts vorzuwerfen. Wir waren immer anständige Leute. Und gutherzig. Gott weiß es, viel zu gutherzig, sonst hätten wir dich nicht schon seit Jahren hier im Haus.»

Tonia wollte aufbegehren, wollte sagen, dass sie nur Rosamunds wegen hiergeblieben war, dass sie es war, die sie an ihrem Busen genährt hatte, und dass auch sie es gewesen war, die die kranke Lisbeth gepflegt hatte. Einen Säugling und eine kranke Frau. Tag und Nacht. Woche für Woche. Keine leichte Arbeit.

«Habt Ihr dem Herrn davon erzählt?», fragte Tonia noch leiser.

«Dass du uns alle in Gefahr gebracht hast? Natürlich habe ich es ihm erzählt. Damit er endlich begreift, welche Schlange wir da an unserem Busen nähren.»

Lisbeth schob den Kopf nach vorn, zischte jetzt: «Oder denkst du, ich habe nicht bemerkt, dass dein Mieder nur halb geschnürt ist, sobald Ruppert zur Tür hereinkommt? Meinst du, mir ist entgangen, wie du ihm um den Bart streichst? «Mag der Herr noch ein Stück vom Braten?», «Soll ich eine Kanne Wein für den Herrn holen?», «Ist dem Herrn die Bettdecke weich genug?», äffte sie Tonia nach. «Hast du je nach mir gefragt? Ob mir die Decke weich genug ist?»

Tonia sah zu Boden. Natürlich hatte sie gefragt, das wusste sie genau. Aber Ruppert, der Herr, er war freundlich zu ihr. Immer. Nie hatte er sie dreckig genannt, nie Zauberweib oder Schlimmeres, wie die Herrin so oft.

«Was hat der Herr gesagt?», fragte sie mit zitternder Stimme nach.

«Der Herr, der Herr. Siehst du jetzt, wie undankbar du bist? Ich biete dir ein Dach über dem Kopf, sorge für dich wie für meine eigene Schwester, aber du fragst nur nach dem Herrn. Was soll er schon gesagt haben? Gehe lieber rüber zur Kirche und frage, für wen da geläutet wird, dann weißt du es. Aber beeile dich, die Wäsche macht sich nicht von allein.»

Tonia nickte, eilte aus dem Haus, hastete die Michelsgasse entlang bis auf den Römerberg, auf dem die Nikolaikirche stand. Es war die Kirche der einfachen Leute, die Gemeinde derer, die in den Vierteln nahe der Vorstadt wohnten, sich von ihrem Handwerk ernährten.

Eine kleine Menschenmenge hatte sich bereits eingefunden. Auch die Haubenmacherin war unter ihnen. Schüchtern trat Tonia zu ihr. «Wer ist es?», fragte sie leise. «Für wen wird hier geläutet?»

Die Haubenmacherin schrak zurück, spuckte Tonia vor die Füße, bekreuzigte sich dann mit verdrehten Augen und rannte beinahe davon. Tonia wandte sich an einen älteren Mann im gestopften Wams, der einen Eimer mit Fischen in der Hand hielt.

«Die Frau eines Tuchmachergesellen hat es getroffen. Gestern Morgen war sie noch quietschgesund, am Abend ging’s ihr schon übel, und heute Morgen war sie tot. Man sagt, sie sei verhext worden. Und das grüne Halstuch, das sie getragen hatte am Abend, war heute Morgen ganz verblichen.»

Tonia dankte, dann fasste sie sich an die Kehle, als könne sie das Schwert des Scharfrichters bereits spüren. Ihr wurde übel, der Boden unter ihr schwankte, schwarze Wolken zogen vor ihren Augen vorüber, wurden dichter und dunkler. Dann sah sie gar nichts mehr, spürte nur, wie sie fiel, doch den Aufprall fühlte sie nicht.

Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf einer Bank in der Weißbinderwerkstatt. Ruppert stand vor ihr: «Gott sei Dank, ich hatte Sorge um dich.»

Behutsam legte er ihr einen kühlen Lappen auf die Stirn, während sie sich aufrichtete und ein paar Schlucke Wasser aus einem Becher trank.

Neben Ruppert stand der Mann vom Römerberg. «Ja, die Weiber», sagte er und kratzte sich am Kopf. «Sie nehmen sich alles so zu Herzen und fallen bei jedem bisschen gleich in Ohnmacht. Und jetzt im Frühling, wenn alles wieder erwacht, da sind sie wohl noch schwach vom Winter.»

Ruppert gab ihm einen Viertelgulden, bedankte sich. «Ich denke, wir kommen jetzt allein klar. Sie braucht ein wenig Ruhe, dann wird es schon wieder.»

Der Mann biss auf den Gulden, nickte zufrieden, dann hob er die Hand zum Gruß und verließ die Werkstatt.

Ruppert setzte sich neben Tonia auf die Bank und nahm ihre Hand. «Du musst weg», sagte er. «Ein Wunder war’s, dass es so lange gutging.»

Er hatte die Stirn in Falten gelegt, seinen Augen fehlte der Glanz. Müde sah er aus und einsam, fand Tonia. Sie schüttelte den Kopf. «Ich kann nicht weg. Ich muss bleiben. Ob ich will oder nicht.»

Jetzt nahm Ruppert beide Hände der jungen Zigeunerin in seine. «Du musst. Es ist keine Frage des Wollens. Du musst, wenn du dein Leben retten willst.»

Sie sah ihn mit großen Augen an. «Und was wird dann aus Rosamund?», fragte sie.

Ruppert antwortete nicht, sondern blickte zu Boden. «Ich weiß nicht, wie ich je an dir gutmachen kann, was du für uns getan hast», sagte er leise. Und Tonia antwortete: «Es ist mein Schicksal. Man kann es sich nicht aussuchen, und deshalb schuldet Ihr mir keinen Dank.»

Am nächsten Morgen klopfte es in aller Herrgottsfrühe an der Tür.

«Was soll der Lärm?» Lisbeth wachte verärgert auf.

«Ich gehe schon», erwiderte Ruppert und zog sich eine Jacke über. Als er die Treppe vom oberen Stockwerk hinunterkam, stand Tonia bereits im Flur. Sie trug dasselbe Kleid, das sie anhatte, als sie zum ersten Mal das Haus in der Weißbindergasse betreten hatte. Ihre Armreifen klimperten leise.

Ruppert zog sie an sich, presste ihren schmalen Körper an seine breite Brust. «Wir machen nicht auf», flüsterte er. «Wir machen einfach nicht auf.»

«Ihr wisst, dass es nicht geht», antwortete Tonia.

Es klopfte wieder, und dieses Mal so heftig, dass das Türblatt bebte.

Tonia wand sich aus Rupperts Armen. «Wir sehen uns wieder», sagte sie leise. «In unseren Träumen werden wir uns begegnen.» Dann riss sie sich ein billiges Kettchen vom Hals mit dem Anhänger der heiligen Elisabeth von Thüringen. «Hebt es auf für Rosamund. Vielleicht wird sie es einmal brauchen.»

Dann atmete sie tief ein und öffnete die Tür.

Draußen standen zwei Büttel. Einer hielt einen Knüppel, der andere einen Strick.

«Tonia Zigeunerin?», fragte der eine Büttel.

«Ja, das bin ich.»

Hinten im Haus auf der Treppe wurden Schritte laut. Lisbeth, gehüllt in einen Umhang, schlurfte heran, schob Tonia beiseite. «Was wollt Ihr Knechte von meiner Magd?», blaffte sie. «Ich bin ihre Herrin. Wenn etwas ist, so müsst Ihr zuerst mit mir sprechen.»

Der Büttel, der den Strick in der Hand trug, räusperte sich, holte aus einer ledernen Hülle ein zusammengerolltes Pergament. «Sie muss mit zum Malefizamt.»

«Und weshalb? In der Küche steht kein Frühstück auf dem Tisch, der Herd ist nicht geheizt, ein Teil der Wäsche noch in der Bleiche. Wer soll das alles besorgen, wenn Ihr sie mitnehmt?»

«Sei still jetzt, Weib. Hier spricht das Gesetz, dem auch du dich zu beugen hast.»

Lisbeth ließ sich so schnell nicht kleinkriegen. «Weswegen Ihr den Tölpel von der Arbeit wegholt, will ich wissen!»

Tonia stand ein Stück hinter Lisbeth. Sie war blass bis in die Lippen. Ruppert streichelte unbemerkt von Lisbeth ihren Rücken.

Der Büttel entfaltete das Pergament, zeigte das Siegel vor, dann las er: «Tonia Zigeunerin wird beschuldigt der Zauberei zum Nachteil der Gudrun Weberin, Weib des Tuchmachergesellen Wolfgang Weber. Die Weberin hat dabei ihr Leben lassen müssen.»

«Wer behauptet so etwas?» Ruppert hatte sich vor seine Frau geschoben.

«Es gibt eine Zeugin, eine ehrbare Frau von gutem Ruf und aus anständigem Hause, die regelmäßig den Gottesdienst besucht und einem ordentlich eingetragenen Handwerk nachgeht. Zudem zwei angestellte Mägde ohne Bürgerbrief, aber mit gut beleumundeten Herrn.»

«Und was sagt diese ehrbare Frau? Was sprechen die Mägde?»

Der Büttel rollte das Pergament weiter auf. «Dass die Tonia Zigeunerin in aller Öffentlichkeit auf dem Markt die Gudrun Weberin verhext hat. Mit der Schuhspitze hat sie ein Kreuz auf den Boden gemalt und dazu die Augen verdreht, die Zähne gefletscht und Flüche ausgestoßen. Auch ein von der Stadt besoldeter Marktaufseher hat es gesehen. Zudem ist die Tonia Zigeunerin ein unehrliches Weib ohne Stand und Brief, mit üblem Leumund und dem Gericht in Frankfurt nicht unbekannt.»

Der Büttel rollte das Papier zusammen. «Was wollt Ihr noch, Bürger?»

Ruppert schwieg. Seine Schultern hingen noch tiefer als sonst, der Nacken war gebeugt. Tonia drängte sich an ihm vorbei, trat vor den Büttel und hielt ihm beide Hände hin.

«Und wer heizt jetzt den Herd? Wer besorgt die Wäsche und den Haushalt?», schrillte Lisbeth.

Während der eine Büttel einen derben Strick um Tonias Handgelenke wand, schob sich der andere zu Lisbeth vor. Er hob die rechte Hand und drohte ihr mit dem Zeigefinger. «Weißt du nicht, vorlautes Weib, wie du der Obrigkeit zu begegnen hast? Du warst es, die dem Miststück da» – er wies auf die gebundene Tonia – «Obdach gegeben hast. Vielleicht wusstest du ja von der Zauberei der Zigeunerin?»

Lisbeth schrak zurück. «Aber nein, ehrenwerter Stadtknecht. So wahr mir Gott helfe, von den Machenschaften der Frau haben wir nichts gewusst.»

Sie stutzte einen Augenblick, dann stieg eine leichte Röte in ihre Wangen. Sie winkte den Büttel zu sich. «Im Gegenteil. Bezeugen kann auch ich, wie böse dieses Weib ist. Als ich niederkam, da war sie in meinem Hause, jawohl. Gemurmelt hat sie. Was, das kann ich heute nicht mehr sagen. Aber grauslich hat sich’s angehört. Und angestarrt hat sie mich, dass mir die Sinne schwanden, jawohl. Ihr ahnt ja nicht, was ich ausgestanden habe. Und nach der Geburt, da lag ich elend nieder. Wochen, Monate, und kein Arzt konnte helfen.»

Sie nickte bedeutend mit dem Kopf.

Der Büttel machte eine wegwerfende Handbewegung. «Trotzdem hast du sie behalten?»

Lisbeth zuckte mit den Achseln. «Was sollte ich tun? Ich bin nur ein schwaches Weib, welches seinem Mann gehorcht.»

Sie deutete mit dem Finger auf Ruppert. «Er war’s. Er wollte sie behalten.»

Der Büttel sah zu dem Weißbinder. «Stimmt das?»

Ruppert nickte. «Ja. Ich wollte die Tonia behalten. Mit gutem Grund. Die Meine war elend, das Kind schrie vor Hunger. Die Tonia, die hat sie mit ihrer eigenen Milch genährt. Der Hebamme war’s recht. Milch ist Milch, hat sie gesagt. Und wenn die Zigeunerin das Mädchen nicht genommen hätte, so wäre uns das arme Ding gestorben. Hätte ich mein eigen Fleisch und Blut vielleicht aufgeben sollen, nur weil die Tonia eine Zigeunerin ist?»

«Hättest dir eine andre suchen können», warf der zweite Büttel ein.

«Schon, schon, aber Eile war geboten. Und die Tonia hat nicht lange gefragt, was als Lohn zu erwarten wäre, sie hat gehandelt. Und wegen des Geldes sind wir uns immer einig geworden. Ich bin Weißbinder, kein Patrizier, komme gerade so über die Runden. Da kann ich keine Ansprüche stellen. Und dann, als mein Weib wieder gesund war, da hatte sich die Kleine an die Tonia gewöhnt, und mein Weib wollte nicht ran an das Kind, weil sie wegen seiner Geburt so viel erlitten hat. Die Tonia hat überall angepackt, und die Meine hat’s gern gesehen, wenn das Haus geschrubbt war.»

Der ältere Büttel hob die Hand. «Ist schon recht. Mit meinem Weib war’s auch nicht einfach nach dem ersten Kind. Mach der deinen noch ein paar, damit sie sich gewöhnt.»

Dann packte er die Tonia beim Strick und führte sie wie ein Kalb die Gasse hinauf.

Viertes Kapitel

Seit die Mode der Renaissance aus Italien durch die Messe auch nach Frankfurt gekommen war, blühte das Geschäft der Weißbinder. Ganze Bilder wünschte man sich, und der Weißbinder Ruppert Hoffmann war bekannt für seine gute Arbeit. Er war kein Maler, sondern Anstreicher, doch sein Gespür für Farben und Muster und sein Talent, Figuren so zu malen, dass sie für echt gehalten werden konnten, hatte sich in Frankfurt herumgesprochen. Und all jene, die sich keinen Maler leisten konnten, aber unbedingt mit der neuesten Mode gehen wollten, bestellten sich Ruppert Hoffmann und seinen Gehilfen Dietrich ins Haus, um ihre Wohnung mit Fresken zu schmücken.

Rosamund war zwar erst fünf Jahre alt, aber die Vorgänge in der Werkstatt waren ihr vertraut. Sie liebte den Geruch nach Leinöl, Pflanzen und Fett, besonders an Tagen wie heute, an denen die neuen Farben gemischt wurden.

Heute Morgen war eine Lieferung Waid aus Erfurt gekommen. Waid, eine Pflanze, die in Thüringen wuchs, wurde eigentlich von den Färbern verwandt, doch Ruppert Hoffmann benutzte die Druckpaste, den Papp, für seine Fresken.

«Rosamund, Liebes, kannst du in dem Kessel dort rühren?», fragte der Gehilfe Dietrich und strich ihr über die blonden Locken.

Rosamund nickte eifrig, während Dietrich den Kessel füllte.

«Was tust du da rein?», wollte das Mädchen wissen.

«Das ist ein Geheimnis», raunte Dietrich.

Rosamund stülpte die Lippen vor und hörte auf zu rühren.

«Verrate es mir, sonst mache ich nicht mit.»

Dietrich kratzte sich am Kinn und tat, als würde er nachdenken, dann sagte er: «Na ja, dir kann ich das Geheimnis vielleicht anvertrauen, aber du darfst es niemals jemandem sagen.»

Rosamund warf den Kopf zurück. «Ich bin gut in Geheimnissen. Die Tonia hat mir ganz viele davon erzählt. Sogar Todgeheimnisse waren dabei.»

Ruppert, der weiter hinten in der Werkstatt arbeitete, kam herüber. «Was sind Todgeheimnisse?»

«Weißt du das nicht?» Rosamund wunderte sich. «Es sind solche Geheimnisse, bei denen ein Mensch sterben muss, wenn man sie verrät.»

Ruppert hockte sich vor das Mädchen. «Und hast du diese Geheimnisse jemals irgendwem erzählt?»

Rosamund presste die Lippen aufeinander und schüttelte stumm den Kopf.

«Das ist gut so, das ist richtig», lobte Ruppert sie. «Und auch jetzt darfst du nichts davon verraten. Niemandem. Versprichst du das?»

Rosamund nickte ernst. «Wann kommt Tonia wieder?», fragte sie kläglich. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Ruppert hob die Schultern. «Das weiß ich nicht, mein Kind. Es kann sogar sein, dass sie gar nicht wiederkommt.»

«Doch!» Rosamund stampfte trotzig mit dem Fuß auf den Boden. «Einmal noch muss sie kommen. Sie hat sich nicht von mir verabschiedet.»

Ruppert sah seine Tochter eindringlich an. «Sie kann nicht, mein Schatz. Man hat sie eingesperrt.»

Rosamund nickte. Sie war noch klein, aber es gab viele Dinge, die sie schon verstand, ohne dass die Erwachsenen sie ihr hätten erklären müssen. Sie hatte am Fenster gestanden und zugesehen, wie zwei Männer die Tonia am Strick die Gasse hinaufgeführt hatten.

Sie streckte ihre Hand nach dem Vater aus. «Können wir zu ihr, wenn sie nicht zu uns kann?»

Ruppert stand auf. «Ich werde sehen, was sich machen lässt. Aber jetzt hilf dem Dietrich und danach gehe zu deiner Mutter.»

«Kommt das neue Kind bald?», fragte Rosamund.

Ruppert schüttelte den Kopf. «Es dauert noch eine ganze Weile. Aber bis dahin musst du sehr lieb zur Mutter sein. Sie darf sich nicht zu sehr anstrengen, sonst schadet es am Ende noch deinem Geschwisterchen.»

Wieder nickte das Kind ernsthaft, dann nahm es den Holzlöffel und rührte damit im Kessel.

«Sagst du mir jetzt dein Geheimnis?», fragte sie den Gehilfen Dietrich, als wäre sonst nichts geschehen.

Der Mann nickte. «Im Kessel befindet sich schon das ausgekochte Waid. Du siehst, die Flüssigkeit ist ganz blau. Jetzt geben wir Gummiarabikum, Tonerde, ein Viertelchen Leinöl dazu. Kräftig rühren. Ja, so ist es gut.»

Rosamund hielt den Holzlöffel fest in beiden Händen und rührte, bis sie vor Anstrengung einen roten Kopf bekam.

Dietrich nahm ihr den Löffel aus der Hand. «Genug gerührt. Die blaue Farbe ist fertig. Siehst du, welch schönen Ton sie hat? Jetzt zeige mir, ob du dir gemerkt hast, was Blaustein und Grünspan sind.»

Rosamund hüpfte in die Höhe. «Weiß ich, weiß ich.» Sie trippelte zur Werkbank, holte zwei verschlossene Tongefäße und reichte sie Dietrich.

«Fein. Jetzt kannst du dich an den Tisch setzen und auf die alten Papierreste malen. Wenn du magst, gebe ich dir nachher auch etwas von dem blauen Papp.»

Am Abend brachte die Mutter sie zu Bett. «Erzählst du mir eine Geschichte, so wie Tonia es immer gemacht hat?»

Lisbeth runzelte die Stirn. «Was hat das Zigeunerweib dir für Unsinn aufgetischt?»

«Geschichten eben. Von Leuten, die durch die Welt ziehen und Abenteuer erleben. Von Männern, die gegen Drachen kämpfen, und von schönen Frauen, die in Burgen gefangen gehalten werden.»

Lisbeth schürzte die Lippen, sah auf ihr Kind hinab. «Einen schönen Unfug hat sie dir da erzählt. Und jetzt sitzt sie selbst gefangen in einer Burg.»

Lisbeth pustete die Kerze aus.

«Eine Geschichte. Bitte.»

Lisbeth trat noch einmal an das Kinderbett. «Hör auf mit diesem Zeug, sage ich dir. Das Zigeunerweib ist weg, und das ist für alle gut. Es gibt hier keine Geschichten mehr. Bald wirst du ein Schwesterchen oder ein Brüderchen haben, dann ist sowieso Schluss mit den Kindereien. Du wirst mithelfen müssen. Die Zigeunerin ist nämlich wegen dir weg.»

Das Kind verstummte, drehte sich zur Wand und hielt die Luft an. Erst als die Tür hinter der Mutter ins Schloss fiel, wagte es zu atmen.

Ein paar Tage später, die Mutter war zu Besuch bei ihrer Schwester in Kronberg, kam der Vater nach der Arbeit zu Rosamund. «Wasche dir das Gesicht und kämme dir die Haare. Wir gehen heute zur Tonia.»

«In die Burg? Ins Gefängnis.»

Der Vater seufzte. «Ja. Dorthin. Hole aus der Speisekammer ein paar schöne Äpfel, die nehmen wir der Tonia mit.»

Das Kind strahlte, bürstete das Haar, richtete ihr Kleid, packte aus der Speisekammer alles, was in den Weidekorb passte, lief an der Hand ihres Vaters durch die Frankfurter Gassen, hüpfte vor Aufregung.

Der Vater blieb stumm.

«Was ist? Freust du dich nicht, die Tonia zu sehen?», fragte das Mädchen.

Der Vater klebte sich ein Lächeln ins Gesicht. «Doch, natürlich. Ich wünschte nur, die Umstände wären anders.»

«Was heißt das?», fragte Rosamund. «Was sind Umstände?»

Aber der Vater schwieg, zog sie sacht vorwärts.

Vor dem Gefängnis blieb Rosamund stehen. Sie hob den Kopf, sah bis zur Spitze des Turmes. In der Dachrinne saß ein großer, schwarzer Vogel und krächzte laut. Es gab ein paar schmale Fenster, eher Schlitze. Die unteren waren mit Eisengittern versehen, die oberen frei.

Alles war still, viel zu still für eine Stadt, bis der Vater mit dem Messingklopfer gegen die mächtige Holztür schlug.

«Wer da?», rief eine bräsige Stimme von innen.

«Ruppert Hoffmann, Weißbinder, gekommen, um Tonia Zigeunerin zu besuchen.»

Rosamund spürte, dass der Vater ihre Hand stärker presste. Sein Gesicht kam ihr bleicher vor als sonst, die Lippen waren grau, und seine Augen glänzten, aber kein Leben war darin.

Sie hörte, wie hinter der Tür schwere Riegel bewegt wurden. Es knirschte, kreischte, schließlich schwang die Tür einen Spalt auf.

Der Vater und Rosamund schlüpften hinein. Hinter der Tür zog sich eine Treppe gewunden nach unten. Links daneben stand ein Tisch, darauf eine Kanne Wein, ein Laib Brot und ein Stück Speck. In einem Becken glühte Holzkohle vor sich hin. Rosamund merkte gleich, dass es hier im Turm viel kälter war als draußen. Sie fröstelte, rieb sich die Arme.

«Wie lange willst du bleiben, Weißbinder?», fragte der Wachmann, dessen dicker Wanst über den Hosenbund hing.

«Eine halbe Stunde, wenn es möglich ist.»

«Dann gib mir einen Gulden. Das Kind soll so lange hier warten.» Er wandte sich an Rosamund. «Setz dich auf die Treppe. Halt die Füße ruhig und den Mund geschlossen, dann werden wir gut miteinander auskommen.»

Rosamund sperrte den Mund auf, doch Vaters Hand legte sich blitzschnell darüber. «Ich möchte, dass sie mit mir kommt. Tonia Zigeunerin war ihre Kinderfrau. Das Mädchen hängt sehr an ihr.»

Der Wachmann kicherte. «Hängen, das ist gut. Bald wird sie hängen. Und es ist zu wünschen, dass das Kind dann nicht an ihr hängt.» Er lachte scheppernd, und sein Gelächter hallte in den Mauern des Turmes, als rumple ein Leichenkarren über nasses Straßenpflaster.

«Das kostet nochmal einen Gulden.»

Seufzend kramte der Vater nach dem Geld.

«Und jetzt zeig, was du in dem Korb da hast.»

Der Wachmann wühlte darin herum, holte einen saftigen Schinken raus. «Der bleibt hier. Das Zigeunerweib kann ihn eh nicht beißen.» Er langte auch nach den Äpfeln und nach einem Hartkäsestück. Sogleich hieb er seine Zähne hinein. Er kaute, schmatzte behaglich. «Sag der deinen, sie kauft gute Ware ein. Viel zu schade für das Gesindel hier.» Wieder hieb er seine Zähne in den Käse und quakte mit vollem Mund. «Davon abgesehen, dass die meisten hier eh nicht mehr viel essen können.»

Er setzte sich auf den Stuhl, ließ die Beine auf den Tisch krachen und wedelte mit der Hand in Richtung Treppe.

Der Vater nahm das Mädchen wieder bei der Hand, stieg mit ihm die Treppe hinab. Mit jedem Schritt fror Rosamund stärker. Endlich kamen sie zu einem Gang, der nur von einer einzigen Pechfackel erleuchtet wurde. Flackernde Schatten tanzten an den feuchten Wänden. Rosamund packte die Hand ihres Vaters fester. Links und rechts des Ganges gingen Verliese ab, die mit fingerdicken Eisenstäben verschlossen waren. Von irgendwoher kam ein Stöhnen, anderswo gemurmelte Gebete.

«Wo ist Tonia? Ist sie hier?»

Der Vater nickte, dann rief er leise den Namen der Zigeunerin.

«Hier bin ich.»

Der Vater hastete den Gang entlang, Rosamund stolperte hinterher. Hinter dem dritten Eisengitter fanden sie Tonia.

Rosamund erschrak und verbarg sich hinter ihrem Vater, betrachtete von dort ihre Kinderfrau. Das lange dunkle Haar war verfilzt, dunkle Ringen lagen unter ihren Augen. Ihr Mund war geschwollen und blutverkrustet. Als Tonia lächelte, sah Rosamund, dass ihr mehrere Zähne fehlten.

«Wie geht es dir, Schönchen?», nuschelte Tonia.

Das Mädchen begann zu zittern. «Du siehst so anders aus. Bist du es wirklich?», greinte sie.

Der Vater gab ihr eine Kopfnuss. Darüber war Rosamund so erschrocken, dass sie zu weinen begann.

«Sei still», herrschte sie der Vater an.

«Lasst sie, Herr, sie hat Angst. Nehmt sie lieber in den Arm», sagte Tonia.

Der Vater hockte sich hin, wiegte Rosamund in seinen Armen und sprach dabei weiter mit Tonia. «Wie sieht es aus? Hast du eine Chance?»

Die Zigeunerin schüttelte den Kopf. «Es gibt Zeugen, die bestätigen, dass ich die Weberin verhext habe.»

«Was genau haben die gesehen? Der Gerichtsschreiber sprach von einem Auge.»

Tonia schluckte. «Ja, mir ist das Ochsenauge aus dem Korb gefallen. Mehr war da nicht.»

«Und das Kreuz auf dem Boden?»

Tonia zuckte mit den Achseln. «Ich muss es in Gedanken dorthin gemalt haben.»

«Haben Sie dich gefoltert?»

Tonia lächelte schwach. «Ein bisschen nur. Ich habe alles gestanden. Jetzt warte ich auf den Gerichtstag und auf das Urteil. Bald wird alles vorbei sein.»

Rosamund fühlte auf einmal Nässe auf ihren Wangen. Sie blickte ihren Vater an. «Warum weinst du?»

«Es ist nichts, mein Liebchen. Gar nichts.»

Und Tonia streckte die Hand durch das Eisengitter und flüsterte: «Sorge dich nicht, Schönchen, alles wird gut.»

«Dann kommst du bald wieder zu uns?»

Tonia nickte. «Du kannst dich darauf verlassen. Wenn du träumst, dann werde ich zu dir kommen. Und wenn du mich brauchst, dann kannst du mich nicht sehen, aber ich bin da. Immer, Schönchen. Immer.»

Rosamund machte sich aus den Armen ihres Vaters