Die Pelzhändlerin - Ines Thorn - E-Book

Die Pelzhändlerin E-Book

Ines Thorn

0,0
8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein packender historischer Roman über eine ungewöhnliche Frau Frankfurt, 1462: Als der verwitwete Kürschner Wöhler erfährt, dass seine einzige Tochter Sibylla fern der Heimat gestorben ist, erleidet er einen tödlichen Herzinfarkt. Einzige Zeugin ist die Wäscherin Martha. Sie ergreift die Chance, verheimlicht den Tod Sibyllas und setzt ihre eigene Tochter Luisa, die Sibylla immer schon sehr ähnlich gesehen hat, an deren Stelle. Luisa ist froh, keine Wäscherin mehr zu sein, doch die Furcht, entlarvt zu werden, verlässt sie nie. Als sie sich in den Arzt Isaak Kopper verliebt, gerät sie in Bedrängnis. Denn die Regeln der Zunft schreiben vor, dass sie einen Meister heiraten muss, wenn sie die Kürschnerei behalten will. Wie wird sie sich entscheiden?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 569

Veröffentlichungsjahr: 2009

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Ines Thorn

Die Pelzhändlerin

Historischer Roman

Teil 1

Kapitel 1

Frankfurt am Main im Jahre 1462

Die Turmuhr der nahen Liebfrauenkirche schlug die Mittagsstunde. Martha seufzte. Sie richtete sich auf und streckte mit einem Klagelaut den schmerzenden Rücken. Im großen, hölzernen Waschzuber vor ihr schwammen die Nachthemden des Hausherrn. Auf dem Steinboden daneben lagen mehrere Haufen Tischtücher, Unterzeug und Arbeitskittel.

Wie gut, dass es in diesem Haushalt keine Frau gibt, deren Kleider ich auch noch waschen muss, dachte Martha und wischte sich eine schon ergraute Haarsträhne, die unter ihrer Haube hervorschaute, aus der schweißnassen Stirn.

Seit Jahren schon kam sie an jedem Donnerstag in das Haus des Kürschnermeisters Wöhler, um die Wäsche zu besorgen. Genauso, wie sie an jedem Montag zum Kaufmann Lehrte ging, dienstags die Wäsche des Schulmeisters Hufe machte, mittwochs für den Drucker Horn wusch und freitags und samstags für die Wirtschaft «Zur goldenen Ziege» die Hände in den Waschzuber steckte.

Im Morgengrauen spaltete sie das Holz, das sie brauchte, um das Wasser in den riesigen Kesseln über den gemauerten Kochstellen zu erhitzen. Sobald es kochte, schleppte sie, unter der Last schwankend, die glühend heißen Kessel zu den mächtigen Zubern, schüttete das Wasser hinein, gab erst Seifenlauge, dann die Wäsche hinzu, rührte, schrubbte, schlug jedes einzelne Stück, bis es sauber war. Die wenigsten Haushalte hatten Waschküchen, sodass Martha meist gezwungen war, die Wäsche sommers wie winters und bei jeder Witterung im Hof zu besorgen. Ein Tag begann wie der andere und hörte ebenso auf. Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr.

Nur der Sonntag gehörte ihr. Manchmal, wenn sie nicht zu müde war und sich das Gliederreißen aushalten ließ, besuchte sie ihre 16-jährige Tochter Luisa, die im Dorf Hofheim am Taunus, einen halben Tagesmarsch entfernt, in einem Feldsiechenhaus die Wäsche besorgte und irgendwann die gleichen aufgerissenen, verquollenen, roten Hände haben würde wie ihre Mutter.

Martha rührte mit einem riesigen Holzlöffel die Wäsche im Zuber um, dann holte sie damit die Kleidungsstücke einzeln heraus und warf sie in einen anderen Bottich mit klarem, kaltem Wasser, das sie eimerweise vom städtischen Brunnen herangeschleppt hatte, um die Seifenlauge herauszuspülen. Ihre Arme und Schultern schmerzten, denn die nassen Wäschestücke waren schwer, die Zuber riesig, und am Abend würde sie nicht mehr in der Lage sein, auch nur einen Finger zu rühren.

Das Geräusch der Wäsche, die ins Spülwasser klatschte, war so laut, dass Martha das Klopfen an der Tür zunächst überhörte. Doch dann trocknete sie die Hände an ihrem Kittel ab und ging schlurfend zur Haustür.

«Gott zum Gruße, Frau, ich bringe Nachricht für den Meister Wöhler», sagte der berittene Bote und holte einen versiegelten Umschlag aus seiner Satteltasche.

«Der Herr ist nicht da», erwiderte Martha. «Auch die Magd ist ausgegangen. Nur die beiden Gesellen sind in der Werkstatt.»

Der Bote musterte die Frau von oben bis unten. Er sah eine abgearbeitete, verhärmte Wäscherin unbestimmbaren Alters, deren Rücken von jahrelanger Arbeit krumm geworden war. Ihre blauen Augen blickten ihn gerade an, und ihr Gesicht hatte klare Züge. Früher war sie vielleicht sogar schön gewesen war, doch jetzt sah sie verbittert aus.

«Dann übergebe ich Euch die Nachricht. Ihr werdet sie doch weiterleiten?», fragte er schließlich mit leisem Zweifel in der Stimme.

Martha nickte. «Gewiss.»

Sie streckte die Hand nach dem Umschlag aus und betrachtete ihn. Der Brief kam vom Kloster Engelthal, in das Sibylla, die Tochter des Kürschnermeisters Wöhler, nach dem Tod ihrer Mutter vor vier Jahren gegeben worden war, damit sie eine ordentliche Erziehung bekam.

Martha steckte den Umschlag in ihre Kitteltasche, winkte dem Boten einen Abschiedsgruß zu und blieb noch ein wenig in der Tür stehen, um die milde Septemberluft zu genießen.

Der Herbst wird bald kommen, dachte Martha und seufzte. Ihre Hände würden dann ob der Kälte noch rissiger und wunder sein, der Rücken steifer, und die Knochen würden auch nachts nicht warm werden.

Aber noch war es spätsommerlich mild, noch schien die Sonne, wärmte Marthas Gesicht, trocknete den ewig feuchten Kittel und die roten, klammen Hände. Sie hielt sie in die Sonnenstrahlen und betrachtete sie.

Hände, in die ein ganzes Leben eingezeichnet war. Hände, die so oft schon verbrüht oder erfroren und mit dicken, schmerzenden Frostbeulen oder eitrigen Brandblasen bedeckt gewesen waren. Hände, die noch schneller gealtert waren als der restliche Körper und die auch zuerst sterben würden. Wie viel Zeit blieb ihnen noch?

Die Seifenlauge hatte sich tief in die aufgeschwemmte Haut gefressen und schmale, manchmal eitrige Risse mit grauwulstigen Wundrändern hinterlassen. Besonders schlimm war es zwischen Fingern. Dort trocknete die Haut nie ganz, und jedes Mal, wenn Martha die Hände erneut in die beißende Lauge steckte, durchfuhr sie ein scharfer Schmerz, der ihr fast den Atem nahm. Fingernägel hatte sie schon lange nicht mehr, nur noch Stellen mit einer unnatürlich verdickten Hornschicht von der Farbe uralter Steine. Obwohl sie erst 36Jahre alt war, hatte die Gicht ihre Gelenke bereits befallen, mit schmerzenden Knoten bedeckt und die Finger zu Krallen gekrümmt, die sich von Tag zu Tag schlechter bewegen ließen. Wie lange würde es noch dauern, bis sie den schweren Holzlöffel nicht mehr greifen konnte?

Und wie lange würde es noch dauern, bis Luisas Hände ebenso aussahen, sie den Rücken nicht mehr strecken konnte und das Gliederreißen auch nachts nicht aufhörte? In Gedanken sah sie ihre Tochter vor sich, die schon seit ihrem zwölften Lebensjahr als Wäscherin arbeitete.

Luisas Zukunft würde aussehen wie Marthas Vergangenheit: schwere Arbeit, wenig Freude, alt vor der Zeit mit kaputten Knochen und ewig schmerzendem Rücken.

Mit einem bisschen Glück und vielen Gebeten bekam Luisa vielleicht irgendwann einen Knecht zum Manne. Einen Feldsiechendiener, der sie zu einer halbwegs ehrbaren Frau machte und der – wie die meisten im Siechenhaus – früh sterben und sie allein mit den Kindern lassen würde, die Brot und Kleider brauchten und die, sobald sie alt genug waren, mit dafür sorgen mussten, dass das Holz im Herd brannte, um am Morgen die dünne Grütze darauf zu kochen.

Einen Mann finden und heiraten, das war das Wichtigste im Leben. Was war eine Frau ohne Mann wert? Nichts, gar nichts. Eine Frau ohne familiäre Bindung und ohne männlichen Schutz war eine freie Frau. Eine Hure selbst dann, wenn sie das Bett noch nie mit einem Mann geteilt hatte. Wenn sie doch wenigstens Witwe wäre! Eine Witwe hatte einen guten Ruf und bekam vielleicht noch einmal einen Mann, selbst wenn die Jugend lange hinter ihr lag. Einen, der alt, krank und gar bösartig war, der sie schlug und dessen Kinder sie großziehen musste. Auch das war kein Vergnügen, aber alles war besser, als eine freie Frau zu sein, eine Wäscherin lebenslang.

So wie es ihr geschehen war.

Martha war elf Jahre alt gewesen, als nach dem frühen Tod ihres Vaters während einer Pockenepidemie auch noch die Mutter starb, sodass sie waschen gehen musste, weil niemand da war, der für sie und die jüngeren Geschwister sorgte. Mit 20 war sie von einem Handwerksgesellen schwanger geworden. Sie hatten sogar heiraten wollen, doch dann starb der Meister, der Handwerksgeselle nahm die Meisterin zur Frau, um die Werkstatt übernehmen zu können, und machte Martha zu einer Dirne mit einem unehelichen Kind. Und Luisa wurde zu einem Bastard, dem lebenslang die Bürgerrechte oder gar eine Verbindung zum ehrlichen Handwerk verwehrt blieben.

Der liebe Gott wusste, dass Martha alles getan hatte, um ihrem Kind dieses Schicksal zu ersparen. Sie war sogar bei einer Kräuterkundigen gewesen, bei einer Zauberschen, die ihr Tränke gegeben hatte, von denen Martha die Besinnung verlor, und die mit zangenähnlichen Geräten in ihren Schoß gedrungen war, um das Kind aus Martha herauszuholen und zurück in Gottes Reich zu schicken. Noch Tage danach hatte sie hohes Fieber gehabt, einzelne Blutstropfen waren ihr immer wieder die Beine hinabgelaufen, doch das Kind war stärker, ließ sich nicht wegschicken. Im Gegenteil, es trieb ihr den Leib auf, machte die Brüste groß und schwer und war bald sichtbar für jeden. Martha hatte nacheinander die meisten ihrer Waschstellen verloren.

Eine immer schwerfälliger werdende Wäscherin mit dickem Bauch und ohne Mann zu beschäftigen, das machte fast niemand. Sie hatte manches Mal gehofft, im Kindbett zu sterben oder wenigstens ein totes Kind zur Welt zu bringen, um das sie trauern konnte, ohne es versorgen zu müssen. Doch Luisa war gesund, und irgendwann hatte Martha sich von der Geburt erholt und war wieder waschen gegangen. Die Kleine nahm sie mit, ob es stürmte oder schneite. Sobald sie alt genug dafür war, ließ sie sie allein in der winzigen Kammer zurück, die sie im schäbigen Haus eines Besenbinders bewohnte. Einen Mann gab es nicht mehr in Marthas Leben. Wer wollte schon eine Frau mit einem Bastard? Niemand. Noch nicht einmal der ärmste Grabenfeger, der schäbigste Bettelvogt oder der kümmerlichste Feldsiechendiener. Es hätte wohl manchen gegeben, der das Lager, nicht aber das Leben mit ihr geteilt hätte, doch die Angst, noch einen weiteren Bastard zur Welt zu bringen, kühlte ihr das heiße Blut.

Und Luisa selbst würde es auch schwer haben, einen Mann zu finden. Der Makel der unrechten Geburt klebte an ihr wie ein Kainsmal, machte sie schon jetzt zu einer freien Frau, auch wenn sie noch nie die Haut eines Mannes an ihrem warmen Leib gespürt hatte. So musste sie waschen gehen, seit sie groß und stark genug war, die schweren Waschzuber zu füllen und die Wäschestücke auszuwringen.

Martha war keine gebildete Frau, aber eines wusste sie genau: Eine Zukunft hatte Luisa nicht, ihr Leben war bereits vorgezeichnet. Sie würde ihr Leben lang auf die eine oder andere Art für sich selbst sorgen müssen und vor der Zeit alt und müde werden. Genau wie ihre Mutter.

Martha seufzte noch einmal, ihre Blicke schweiften durch die Trierische Gasse, in der das übliche Treiben eines ganz normalen Werktages herrschte.

Die Kürschner hatten die hölzernen Laden vor den Werkstätten im Erdgeschoß weit aufgestoßen. Hier und da hingen Pelze und Rauchwaren zum Lüften, doch der ätzende Geruch von Gerbsäure lag wie ein zerfressenes Tuch über den Häusern und vermischte sich mit dem Gestank des Abfalls.

Aus den Werkstätten drangen vielerlei Geräusche. Gegenüber klopfte ein Lehrjunge die Felle aus, dass Staub und Holzspäne in die Luft stiegen, daneben stand ein Geselle hinter dem Rumpelbock und schnitt mit dem Scherdegen die Lederseite eines Felles so dünn es eben ging, um später den fertigen Umhang so leicht wie möglich zu halten.

Die Straße war ungepflastert, nur in der Mitte waren dicke Holzbohlen in die Erde gelassen. Rechts und links der Bohlen türmte sich der Abfall aus den Häusern. Herrenlose Hunde stöberten darin nach Essbarem und wurden von einem Knecht mit dem Knüppel verjagt, als sie sich an die Hühner heranmachen wollten.

Ein wandernder Scherenschleifer bog in die Gasse ein, und die lauten Rufe, mit denen er seine Dienste anbot, schallten von den Mauern der schmalen, meist dreigeschossigen und tief gestaffelten Giebelhäuser aus Fachwerk zurück. Fensterläden wurden aufgestoßen und aus den weit überhängenden Obergeschossen der Nachbarhäuser, in denen sich die Wohnräume befanden, beugten sich die Hausfrauen und Mägde, riefen nach dem Scherenschleifer oder schwatzten miteinander über die Gasse hinweg.

Martha fröstelte. Der Waschkittel klebte feucht auf ihrer Haut und verursachte unangenehme Schauer wie von leichtem Fieber. Noch einmal zog sie die wehen Schultern nach hinten, um die steifen Muskeln zu lockern, dann ging sie zurück ins Haus.

Sie war gerade dabei, Handtücher aus feinem Leinenstoff auszuwringen, als sie Meister Wöhler heimkommen hörte. Ihr fiel der Brief ein, und sie stieg die Treppe in den ersten Stock hinauf in die Meisterstube.

Meister Wöhler saß hinter einem großen, abgenutzten Kontortisch aus Eichenholz und hatte das Auftragsbuch vor sich liegen. Nachdenklich sah er hinein, die Feder schreibbereit in der Hand. Sein schwerer Körper wirkte selbst hinter dem Tisch noch massig, das dunkelbraune dichte Haar lag wie eine Fellmütze auf seinem Kopf, unter den buschigen Brauen sahen ihr zwei haselnussbraune Augen fragend entgegen.

«Nun, Martha, was gibt es? Ist die Seife alle? Ein Tischtuch zerissen?»

Die Wäscherin schüttelte den Kopf.

«Ein Bote brachte eine Nachricht aus dem Kloster Engelthal.»

Sie griff in ihre Kitteltasche und holte den Brief hervor, der von der Feuchtigkeit in der Waschküche ein wenig gewellt war.

«Aus dem Kloster», wiederholte Wöhler, nahm den Brief entgegen und erbrach das Siegel.

Martha sah ihm beim Lesen zu. Sorgsam faltete er den Bogen auseinander, studierte Datum und Unterschrift, dann begann er zu lesen. Plötzlich wich alle Farbe aus seinem Gesicht. Die Lippen verfärbten sich blauviolett. Er starrte auf den Bogen, als täte sich vor ihm die Hölle auf. Martha fühlte sich unbehaglich. Sie strich unruhig mit beiden Händen wieder und wieder ihren Kittel glatt und wartete darauf, dass Wöhler sie entließ. Doch der stöhnte plötzlich auf, ließ den Brief zu Boden fallen und drückte beide Hände auf die linke Hälfte der Brust.

«Meister Wöhler, was ist?», rief Martha besorgt, hob den Brief vom Boden auf und hielt ihm dem Meister wieder hin.

Doch Wöhler antwortete nicht, sondern sah Martha nur mit blicklosen Augen an, sackte auf dem Lehnstuhl zusammen, die Arme fielen kraftlos herab, dann sank sein Kopf auf die Brust, der Oberkörper kippte nach vorn, und er schlug mit der Stirn hart auf der polierten Platte des Schreibtisches auf. Der Schlag hallte im Raum. Martha stand wie festgefroren und blickte fassungslos auf den Meister.

«Meister Wöhler? Meister Wöhler!», rief sie zuerst leise und fragend, dann lauter und voller Schrecken und rüttelte an seiner Schulter.

Aber Wöhler rührte sich nicht mehr.

Martha lief zur Treppe und rief angsterfüllt: «Gesellen, kommt schnell! Schnell doch!»

Die Magd Barbara, inzwischen vom Markt zurückgekehrt, schaute aus der Küche.

«Martha, was schreist du so?»

«Meister Wöhler», Martha rang nach Atem. «Ich glaube, er ist tot.»

«Herr Jesus!»

Barbara raffte ihr bodenlanges Tuchkleid und rannte die Treppe herauf, bekreuzigte sich dabei und blieb an der Schwelle zur Meisterstube wie erstarrt stehen. Martha hielt noch immer den Brief in den Händen. Ohne sich dessen bewusst zu sein, faltete sie ihn ordentlich zusammen und steckte ihn zurück in ihren Kittel.

Inzwischen waren auch die Gesellen aus der Werkstatt herbeigeeilt. Der Jüngere ging zu Wöhler und presste sein Ohr auf dessen Rücken, richtete ihn auf und hielt eine kleine, zarte Feder vor den Mund des Kürschnermeisters.

«Sein Herz schlägt nicht mehr, glaube ich. Und die Feder bleibt still, also atmet er nicht», stotterte der Geselle unsicher.

Er blickte die anderen Rat suchend an, zuckte hilflos mit den Schultern und sagte dann mit dunkler Stimme: «Der Meister ist tot.»

«Tot?», fragte die Magd mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen und bekreuzigte sich erneut. Die anderen taten es ihr nach, murmelten ein Gebet.

Stumm standen sie da, schauten auf den toten Meister, der vor wenigen Stunden noch mit festen Schritten durch Haus und Werkstatt geeilt war.

«Was wird nun aus uns?», heulte die Magd. Niemand wusste eine Antwort. Innerhalb von wenigen Augenblicken hatte sich ihr Leben verändert. Aus Gesellen und Magd waren Herrenlose geworden, die sich um das tägliche Brot sorgen mussten. Die Erkenntnis ließ sie verstummen. Was sollte aus ihnen werden? Wie würde es weitergehen? Was würde passieren?

Martha fasste sich als Erste. «Vielleicht sollte einer von uns den Arzt holen. Wenn jemand noch etwas machen kann, dann er. Wenn nicht, kann er den Totenschein ausstellen», sagte sie und bemerkte dabei kaum, dass ihre Hände sich in den Stoff des Kittels verkrallt hatten und an dem dünnen Tuch rissen.

Bei diesen Worten brach die Magd Barbara erneut in Tränen aus und hielt sich laut jammernd die Hände vors Gesicht.

Martha sah den Altgesellen fragend an, und als dieser zustimmend nickte, stieg sie die Treppe hinunter. Sie eilte durch die Trierische Gasse, lief über den Liebfrauenberg weiter in Richtung Römer, am Bartholomäus-Dom vorbei bis hin zum Viertel der Ärzte, Bader und Bartscherer.

Vor einem schmalen Haus blieb sie schließlich stehen und griff nach dem Türklopfer. Eine Magd öffnete.

«Der Arzt muss in die Trierische Gasse kommen. Meister Wöhler ist wohl tot oder doch nahe dran.»

Die Magd ließ sie ein, und Martha erzählte dem Arzt, was mit dem Kürschnermeister passiert war.

«Blaue Lippen, sagst du?», fragte der Arzt.

«Ja, Herr, und ein weißes Gesicht, grau beinahe.»

«Geatmet hat er noch?»

Martha schüttelte den Kopf. «Nein, und auch kein Herzschlag mehr, sagt der Geselle.»

«Nun», erwiderte der Arzt und streckte seine Nase in Richtung Küche, aus der köstliche Gerüche nach Gebratenem drangen. «Nun, ich bin sicher, er ist tot, und ich muss mich nicht eilen. Geh schon vor, ich komme später nach.»

Langsamer, als sie zum Haus des Arztes gelaufen war, ging Martha durch die Stadt zurück zur Kürschnerei. Wöhlers Tod entsetzte auch sie. Sie würde eine langjährige Waschstelle verlieren, eine Stelle, die sie brauchte, um wenigstens genügend Holz und Brot kaufen zu können. In ihrem Alter war es schwierig, einen neuen Haushalt zu finden. Die jungen Wäscherinnen waren gesünder, kräftiger und schneller als sie.

Plötzlich war ihr kalt. Sie steckte die Hände in die Taschen ihres Kittels und fand darin den Brief.

Der Brief aus dem Kloster Engelthal. Martha blieb stehen und holte ihn vorsichtig heraus. Was wohl darin steht?, überlegte sie und ging langsam weiter. Wenn darin steht, dass Sibylla heimkommen, heiraten und Meisterin werden wird, dann könnte ich die Stelle vielleicht behalten. Aber dann hätte den Meister bestimmt nicht der Schlag getroffen, es sei denn, vor Freude.

Sie war inzwischen auf dem Römer angekommen. Die rote Fahne hing vom Rathaus herab und verkündete, dass Marktrecht geboten war. Der Handel war in vollem Gange.

Ein Karren mit Brennholz, gezogen von einem klapprigen Esel, rumpelte über das holprige Kopfsteinpflaster in Richtung Holzmarkt, und Martha wich ihm aus.

Beinahe wäre sie dabei mit einem Bettelmönch zusammengestoßen, dessen schäbige und staubige Kutte von seinem weiten Weg erzählte.

«Habt Ihr ein Stück Brot für einen armen Gottesdiener auf Wanderschaft, gute Frau?», fragte der Mönch.

Martha schüttelte den Kopf, doch dann fiel ihr der Brief wieder ein. «Könnt Ihr lesen?»

«Ja, lesen und schreiben auch», erwiderte der Mönch.

Martha reichte ihm den Brief.

«Lest mir vor, was darin geschrieben steht», bat sie.

Der Mönch sah sie misstrauisch an. Der Brief konnte nicht an diese einfache Frau gerichtet sein. Zu kostbar war das Papier, zu edel das Siegel. Und überhaupt: Wer sollte einer Wäscherin schreiben? Dann konnte man den Brief ja gleich an den Hofhund schicken! Doch was kümmerte ihn das? Er hatte Hunger und es war ihm gleichgültig, wer der Adressat dieses Briefes war. «Einen viertel Heller, gute Frau, dann lese ich ihn Euch vor.»

Martha gab ihm den viertel Heller, verzichtete damit auf ein bisschen Schmalz, das sie davon kaufen wollte, und sah mit Verwunderung, wie schnell das Geldstück in den Tiefen der ärmlichen Mönchskutte verschwanden. Der Mönch räusperte sich, dann begann er zu lesen: «Wir müssen Euch leider anzeigen, dass Eure Tochter Sibylla am gestrigen Abend, versehen mit den Sterbesakramenten, heim ins Reich Gottes gegangen ist. Ihr Leiden war kurz und die Aufnahme in den Himmel ist ihr gewiss…»

Sibylla? Tot?, dachte Martha und schüttelte fassungslos den Kopf.

Kein Wunder, dass dem Meister der Schreck so ins Herz gefahren war, dass es gleich stehen geblieben und ihm der Atem für immer versiegt war. Sie selbst merkte ja, wie ihr Herz bei dieser Nachricht für einen Moment aussetzte. Sibylla würde nie mehr nach Hause kommen, und Martha war ihre Stellung los. Sie seufzte und wünschte sich für einen Augenblick an die Stelle der jungen Sibylla.

Sie hörte kaum zu, als der Mönch weiterlas, merkte sich nur, dass Sibylla auf dem Klosterfriedhof beigesetzt und ihre persönlichen Sachen unter den Armen verteilt werden sollten. Genauso, wie es damals, bei Sibyllas Ankunft im Kloster mit Meister Wöhler vereinbart worden war.

Martha dankte dem Mönch, steckte den Brief zurück in die Tasche, ging langsam weiter und erinnerte sich dabei an Sibylla, die sie vor mehr als vier Jahren zum letzten Mal gesehen hatte.

Sibylla, die kleine Sibylla mit den langen braunen Haaren, die in der Sonne ein bisschen rötlich leuchteten, und den graublauen Augen, die wie gefrorene Pfützen im Winter aussahen. Sie war schon eine Freude gewesen, die hübsche Kleine, und Martha hatte sie gern gehabt. Vielleicht, weil Sibylla ihrer eigenen Tochter Luisa so ähnlich sah. Das gleiche Haar, die gleichen Augen, nur dass die von Luisa vielleicht ein bisschen mehr ins Grüne gingen und ihr in manchen Augenblicken etwas Katzenhaftes verliehen. Martha fühlte große Traurigkeit und Verzweiflung in sich und wusste nicht, wem sie galten: Sibylla, Meister Wöhler und dem Verlust ihrer Stellung oder Luisa, der eigenen Tochter, die lebte, aber von der niemand wusste, wie lange noch.

Einmal hatten sich die beiden Mädchen getroffen. An einem Sonntag beim Kirchgang war das gewesen. Sibylla hatte die Wäscherin freundlich begrüßt und auch Luisa die Hand gereicht.

Und Luisa hatte ihre Hand am Kleid abgewischt und verschämt die spröde Haut angesehen, ehe sie sie Sibylla zum Gruße hinhielt.

Martha war dieser Anblick schmerzhaft in Erinnerung geblieben. Die rote, wunde Hand Luisas, die schon damals erste Spuren von Wasser und scharfer Seifenlauge trug, und die weiche, weiße Hand Sibyllas, die makellos war. Und der bewundernde Blick Luisas angesichts der Schönheit Sibyllas. Ihrer eigenen war sie sich nicht bewusst. Doch selbst wenn Luisa geahnt hätte, dass sie, wenn schon nicht schön, so doch reizvoll war, hätte das nichts geändert. Schönheit war kein Pfund, mit dem ein Bastard wuchern konnte.

«Du hattest neulich Recht, Martha, wir sehen uns wirklich sehr ähnlich», hatte Sibylla gut gelaunt und unbeschwert Marthas düstere Gedanken unterbrochen und dabei gekichert, wie es Mädchen in diesem Alter tun. «Luisa und ich könnten Schwestern sein.»

Dann war dem Mädchen ein Einfall gekommen, bei dem es noch mehr kicherte: «Schwestern, ja. Und wir könnten, wenn wir uns einen Schabernack ausdenken wollten, die Rollen tauschen. Dann würde ich als Luisa die Wäsche waschen, und du», sie zeigte mit dem Finger auf die Tochter der Wäscherin, «du müsstest meinen Vater versorgen.»

Wenn es doch so wäre!, hatte Martha gedacht und Luisa über das Haar gestrichen.

Luisa aber hatte nicht gelacht. Sie hatte die Hände hinter ihrem Rücken verborgen und auf den bestickten Gürtel Sibyllas geblickt, der ihr Kleid verzierte.

«Der Gürtel, er passt nicht zu deinem Kleid», hatte Luisa schließlich schüchtern und trotzig zugleich gesagt, und Sibylla und Martha hatten die kleine Wäscherin verwundert angesehen.

«Wie kommst du darauf? Kleid und Gürtel sind von einem guten Schneider», hatte Sibylla geantwortet und verlegen beobachtet, wie sich Luisa zu dem Gürtel herabbeugte, ihn sich so genau anschaute, als wolle sie ihn später malen, und behutsam mit dem Finger darüber strich.

«Die Materialien passen nicht zueinander. Seide und Filz, nein, das geht nicht», hatte Luisa schließlich erwidert und war rot geworden, als sie den tadelnden, angstvollen Blick ihrer Mutter spürte.

Bevor Sibylla antworten konnte, war Meister Wöhler dazugekommen, hatte seine Tochter am Arm genommen und sie mit sich gezogen, als wolle er nicht, dass sich die Wäscherin und deren Bastard mit Sibylla unterhielten.

Martha hatte Luisa Vorwürfe gemacht. Wie kam sie, eine kleine Wäscherin, dazu, einer Meisterstochter zu sagen, dass ihre Garderobe nicht stimmte? Sibylla war die Vornehmheit angeboren, eine Vornehmheit, die ihrem Stand entsprach und von der Luisa keine Ahnung hatte.

Luisa hatte zwar den Kopf gesenkt, doch in ihren Augen zeigte sich keine Scham oder Reue. Trotzig, wenn auch leise, erwiderte sie: «Die Sachen haben nicht zueinander gepasst. Ich weiß es besser, ich habe es gesehen.»

«Dann soll Gott dich mit Blindheit strafen», hatte Martha geschrien und sich gefragt, woher das Mädchen diesen Hochmut hatte.

War es nicht auch ihr Hochmut gewesen, der Luisa schließlich ins Feldsiechenhaus gebracht hatte?

Martha erinnerte sich noch genau an diesen Schicksalstag nur wenige Wochen nach dem Treffen der beiden Mädchen.

Luisa hatte in einem Putzmacherhaushalt die Wäsche besorgt. Schon sehr früh am Morgen war sie mit den beiden Mägden zum Main hinuntergelaufen, um die Kleider der Herrschaft zu waschen. Die vollen Körbe auf den Köpfen balancierend, waren sie gegen Mittag zurück in die Stadt gekommen, hatten die Kleider im warmen Sommerwind auf der Bleiche trocknen lassen und anschließend mit heißen Steinen geglättet.

Was war nur über Luisa gekommen, dass sie sich plötzlich das Kleid der Meisterin vor dem Spiegel aus poliertem Metall anhielt? Und warum, mein Gott, warum nur hatte sie dieses Kleid auch noch anprobieren müssen? Die Meisterin hatte sie dabei erwischt und Zeter und Mordio gebrüllt.

«Eine Diebin bist du, hast dich an meinen Kleidern vergriffen», hatte sie geschrien und den heißen Stein nach Luisa geworfen, der sie an der Schulter traf und dort verbrannte.

«Ich wollte das Kleid nur anprobieren, gewiss nicht stehlen», hatte Luisa beteuert, doch die Putzmacherin hatte nicht hören wollen.

Mit dem Finger hatte sie auf die Haustür gewiesen, Luisa wie einen räudigen Hund davongejagt und sie nicht einmal mehr angeblickt.

Martha hatte am Abend davon erfahren. Luisas Gesicht war ganz verschwollen gewesen vor lauter Tränen, dennoch hatte Martha ihre Tochter nicht ganz verstanden. «Warum?», hatte sie sie gefragt, doch Luisa hatte nur mit den Achseln gezuckt und geantwortet: «Ich wollte sehen, ob mir das Kleid besser steht als der Putzmacherin.»

Martha hatte es nicht geschafft, den Eigensinn und die Dünkelhaftigkeit aus Luisa herauszuprügeln. Und da die Putzmacherin Luisas «Diebstahl» in der ganzen Stadt herumposaunte, war Martha schließlich nichts anderes übrig geblieben, als ihre Tochter ins Feldsiechenhaus nach Hofheim zu geben.

Und Luisa hatte trotzig ihre Sachen genommen und in jedes Ding eine kleine gelbe Sonne gestickt.

Die kleine gelbe Sonne. Woher hatte Luisa dieses Verlangen, alles, was sie besaß, das denkbar Wenige, mit einem eigenen Kennzeichen zu versehen? Weshalb das Bedürfnis, alles zu markieren, was ihr gehörte? Jeden schäbigen Fetzen Stoff, jedes ärmliche Haarband, jedes noch so triste Kleidungsstück? Und woher dieses Bestreben, alles, was sie besaß, zu verschönern? Ein buntes Band an das Kleid, einen Ring aus einem Lederrest. Eine Kette gar aus trockenem und gebranntem Hartweizen, die auf der Haut scheuerte. Warum? Und für wen? Sie war eine Wäscherin und nicht gemacht für Putz und Tand. Keine der anderen Wäscherinnen schmückte sich. Sowieso wurden die meisten Dinge nach kurzer Zeit unansehnlich, weil durch die feuchte Luft in den Waschküchen die Farben verblassten, die Bänder sich wellten, der Lederring hart wie Stein am Finger wurde und die Kette am Hals zerbröselte.

Es war, als hadere Luisa mit ihrem Schicksal, als wolle sie sich von den anderen Wäscherinnen unterscheiden. Sie war anders als diese, hatte sich nie bescheiden können mit dem, was sie war: ein Bastard, der anderer Leute Dreckwäsche wusch. Aber warum nur? Martha wusste es nicht. Sie seufzte, als sie sich an Luisas allererste Waschstelle bei einem Schulmeister erinnerte. Stumm hatte das Mädchen dagestanden, als der Schulmeister seinen wenigen Schülern das Lesen und Schreiben beibrachte. Schweigend und beharrlich war sie gewesen und hatte sich nicht zurück in die Waschküche schicken lassen. So lange, bis er ihr hin und wieder erlaubte, beim Unterricht zuzuhören, wenn sie mit ihrer Arbeit fertig war.

Martha gab zu, dass es sie stolz machte, eine Tochter zu haben, die ein bisschen lesen und schreiben konnte. Niemand aus ihrer Familie war je so weit gekommen. Trotzdem: Eigensinn und Träumerei, das waren Luisas große Schwächen. Sie hatten Luisa ins Feldsiechenhaus gebracht.

Und dort überlebte man nicht lange. Die Siechen litten an ansteckenden, tödlichen Krankheiten, die auch durch die Wäsche, die durch Luisas Hände ging, weitergegeben wurden. Wie lange würde der junge Körper sich dagegen behaupten können?

«Es ist nur für eine kurze Zeit», hatte die weinende Martha ihre verstummte Tochter getröstet. «Bald wird vergessen sein, was die Leute heute über dich reden, und du kannst zurückkommen. Ich werde neue Stellen für dich finden. Irgendetwas wird sich schon ergeben.»

«Warum?», hatte Luisa gefragt, und Martha wusste, dass sie nicht das Feldsiechenhaus meinte, sondern die Art, wie sie behandelt worden war.

«Dein Hochmut ist es. Und vielleicht, dass du anders bist als die anderen. Die Leute mögen es nicht, wenn man nicht so ist, wie es einem gebührt. Es macht ihnen Angst, und das macht sie wütend.»

Aber es hatte sich seitdem nichts ergeben, und so war Luisa schon das dritte Jahr im Feldsiechenhaus, wurde von Mal zu Mal blasser, ihre Augen glanzlos und ihr Haar stumpf.

Sie stirbt mir vor den Augen weg, dachte Martha jedes Mal, wenn sie Luisa sonntags besuchte. Aber vielleicht ist es besser so. Vieles bliebe ihr erspart, holte Gott sie jetzt schon zu sich.

Sibylla wäre niemals so behandelt worden. Im Gegenteil: Die Putzmacherin hätte sich darum gerissen, der Tochter des Kürschnermeisters Wöhler das Kleid zu schenken. Aber Sibylla war tot, und Luisa lebte. Noch.

Plötzlich kam Martha ein Einfall. Er schien ihr selbst so gewagt, so ungeheuerlich, dass sie mitten auf der Gasse wie angewurzelt stehen blieb, nach Luft schnappte und nicht einmal bemerkte, dass sie von links und rechts angerempelt wurde.

Was wäre, wenn sie jetzt die Rollen tauschen würden? Wenn aus Luisa Sibylla werden und sie die Rolle als Tochter und Erbin des Meister Wöhler übernehmen würde?

Kapitel 2

Es war schon dunkel, als Martha an diesem Abend nach Hause ging. Das Wöhler’sche Haus lag in der Altstadt, dort, wo die Häuser der gehobenen Handwerkerschaft, der Goldschmiede, Feinbäcker, Seidensticker, der Hutmacher, Glaser, Maler und Apotheker lagen. Sie selbst wohnte in der Neustadt zwischen Tagelöhnern, Packträgern, Besenbindern, Flickschustern und anderen Waschfrauen. Die meisten Häuser in ihrem Viertel verdienten den Namen nicht. Es waren Katen, die sich eng an die Ränder der morastigen Gassen kauerten und in denen Mensch und Tier, meist sogar in einem Raum, Platz finden mussten.

Die niedrige, strohgedeckte Kate, in der Martha eine winzige Kammer bewohnte, diente im Erdgeschoss einer sechsköpfigen Besenbinderfamilie als Küche, Wohn- und Schlafraum gleichzeitig. Nachts und im Winter kamen noch die Hühner und ein mageres Schwein dazu. Ratten huschten lautlos über den Boden, Fliegen und anderes Ungeziefer schwirrten durch die stickige Luft des Raumes.

Über eine schmale, wackelige Stiege, die eher einer Hühnerleiter glich, gelangte Martha zu ihrer Kammer. Sie seufzte, denn das Hochsteigen bereitete ihr nach dem langen Tag Mühe und Schmerzen.

Der Arzt war erst am Nachmittag zum Wöhler’schen Haus gekommen und hatte, nachdem er nur einen flüchtigen Blick auf den Meister geworfen hatte, den Totenschein ausgestellt. Danach war der jüngere Geselle zum Sargtischler gelaufen, der Ältere hatte der Zunft Bescheid gegeben, und die Magd war gegangen, die Leichenwäscherin zu holen. Martha aber hatte sich freiwillig erboten, den Brief an das Kloster Engelthal, den der Junggeselle geschrieben und laut vorgelesen hatte und der Sibylla vom Ableben ihres Vaters in Kenntnis setzte, einem Boten zu übergeben.

Es war ihr nicht wohl dabei, denn sie allein wusste, dass der Brief überflüssig war. Doch der Gedanke, der ihr mitten auf der Straße im Menschengewühl gekommen war, hatte sich in ihr festgesetzt. So trug sie sowohl den Brief vom Kloster als auch den zweiten Brief an Sibylla in ihrer Kitteltasche mit sich herum.

Es hat ja keine Eile damit, hatte sie sich getröstet, die beiden waren schließlich tot. Ob die Nachrichten einen Tag früher oder später ankamen, machte nichts aus.

Schwer ließ sie sich auf einen hölzernen Schemel fallen, stützte beide Ellbogen auf den wackeligen Holztisch und vergrub das Gesicht in den Händen.

Der Mond schien silbrig und kalt durch einen Riss in der mit Lumpen verhängten Dachluke, die die Nachtfröste nur ungenügend abhalten konnten, doch Martha bemerkte es nicht. Sie hörte auch das Rascheln der Mäuse nicht, mit denen sie ihr Strohlager teilte.

Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem tollkühnen Einfall vom Mittag.

Nein, dachte sie, nein, es war ganz und gar unmöglich, auch nur daran zu denken, Luisa als Sibylla in das Kürschnerhaus zu schicken. Betrug wäre es, der schlimmste Betrug, der sich denken ließ. So schlimm, dass er sie beide auf den Scheiterhaufen oder an den Galgen brächte, käme er heraus. Und danach wäre ihnen das ewige Fegefeuer gewiss. Gott hatte sie an den Platz gestellt, der ihnen gebührte. Und ein Mensch sollte daran nicht rütteln. Sie durfte nicht weiter darüber nachdenken, sondern sollte endlich aufstehen, sich ausziehen, schlafen legen und morgen früh als Erstes in die Kirche gehen, um ihre sündigen Gedanken zu beichten und Vergebung dafür zu erbitten.

Doch Martha stand nicht auf. Sie blieb sitzen, und auch die Gedanken ließen sich nicht verscheuchen. Ich werde sicher bald sterben, dachte sie, ich sehe es an meinen Händen, die denen von Toten fast gleichen, wären die schwärenden Wunden nicht. Eiter und aufgequollenes, zuckendes Fleisch die einzigen Anzeichen von Leben, dass sie noch einer Lebenden gehörten.

Und Luisa? Wie lange würde sie in dem Feldsiechenhaus überleben? Gab es ein trostloseres Leben als das einer Wäscherin im Feldsiechenhaus?

«Aber es ist ein ehrliches Leben!»

Martha hatte nicht bemerkt, dass sie laut gesprochen hatte.

«Ein ehrliches Leben, ja!», murmelte sie, wieder leiser werdend. «Doch wem nützt die Ehrlichkeit? Wird der belohnt, der am ehrlichsten ist? Wird man so Handwerksmeister? Meisterstochter?»

Sie hob den Kopf, starrte vor sich und fuhr, ohne es zu merken, mit dem Finger über die Astlöcher in der Tischplatte.

«Dem Ehrlichen gebührt das Himmelreich. Aber warum muss er dafür auf Erden durch die Hölle gehen? Ist das Gottes Gerechtigkeit? Eine Gerechtigkeit, die denen den besten Platz im Paradies verspricht, die den Himmel schon auf Erden und Geld für die Stiftung von Altären haben?»

Sie dachte dabei an Luisas Vater, einen heute angesehenen Handwerksmeister, der sie damals so schmählich und in Schande hatte sitzen lassen und sich niemals auch nur mit einem Wort nach seiner Tochter erkundigt hatte, geschweige denn, das Seine zu tun, damit wenigstens Luisa das harte Leben einer Wäscherin erspart bliebe. Und sie dachte dabei an den Ruf, der ihrer Berufsgruppe vorauseilte. Viele Bürger machten die Wäscherinnen für die zahlreichen Pestepidemien in den letzten Jahren, die Hunderte von Todesopfern gefordert hatten, verantwortlich. Jedes Stück, das sie berührt hatten, selbst das Wasser, hätte die Pest in die anderen Häuser gebracht, sagte man. Und während der letzten Seuche hatten sogar die Kinder auf der Gasse den Frauen in den Waschkitteln «Pest-Marie» nachgerufen und waren davongelaufen, als wäre der leibhaftige Teufel hinter ihnen her.

Sie schüttelte den Kopf. Wenn es einen gerechten Gott im Himmel gab, dann konnte er nicht wollen, dass Luisa vor die Hunde ging. Um mich ist es nicht schade, dachte Martha, aber Luisa, die sich schon vor ihrer Geburt gegen das Sterben gewehrt hat, soll leben. Von ganzem Herzen wünsche ich ihr das Leben einer Kürschnerstochter. Einer Frau, die die Bürgerrechte besitzt, die einen Mann ehelichen und Kinder bekommen kann. Die ehrbar und anständig ist, einen guten Ruf hat, die niemals hungern und frieren muss und der keiner auf der Straße Hohn- und Spottworte nachruft.

Mit Freuden sterben würde ich, könnte ich Luisa damit helfen. Sollen sie mich doch hängen, vierteilen, teeren, verbrennen. Oder häuten.

Martha schaute auf ihre Hände, von denen sich die Haut in Fetzen löste. Häuten, ja. Den ganzen Körper statt nur der Hände. Was war das schon für ein Unterschied? Sollen sie mich doch auf einen Bock schnallen, mir mit scharfen Messern die Unterschenkel aufschneiden und mir bei lebendigem Leibe die Haut abziehen. Davor habe ich keine Angst mehr.

Aber Luisa soll leben. Sie soll es besser haben als ich. Mein Gott, ich bin bereit, alles dafür zu tun.

Habe ich sie nicht in dieses Leben hineingeboren? Bin ich es nicht, die nun dafür sorgen muss, dass das Elend ein Ende hat?

Martha starrte verzweifelt auf die Wand, auf die der Mond gespenstische Schatten malte.

Und wenn ich alles nur noch schlimmer mache? Wenn ich auch Luisas Platz im Himmel verwirke? Ich mache doch auch sie zur Betrügerin.

Tränen stiegen ihr in die Augen. Verzweifelt rang Martha die Hände und betete:

«Lieber Gott, bitte sag du mir, was ich tun soll.»

Wenn Gott aber nun schon gesprochen hatte? Wenn er es war, der ihr diesen Einfall geschickt hatte, um Luisa die Gelegenheit zu geben, ein ehrbares Leben zu führen? War er es nicht, der die beiden Mädchen einander zum Verwechseln ähnlich gemacht hatte? Und war er nicht auch dafür verantwortlich, dass Luisa so anders als die anderen Wäscherinnen war? So, als würde er zeigen wollen, dass sie nicht dorthin gehörte?

Die Glocken der nahen Kirche verkündeten Mitternacht, als Martha ein Satz einfiel, den sie kürzlich in einem Gottesdienst gehört hatte: «Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden.»

Ja, dachte Martha, Gott ist ein Gott der Lebenden, und wenn wir es ihm nachtun wollen, so müssen wir uns um die Lebenden kümmern, nicht um die Toten. Wem schadet es, wenn aus Luisa Sibylla wird? Wer wird dabei betrogen?

Mit einer energischen Handbewegung strich sie sich die Haare aus der Stirn, als wolle sie alle Zweifel tilgen.

«Ist es nicht eher so, dass das Leben Luisa betrogen hat? Sie ist keine Wäscherin, ist nicht wie die anderen. War es niemals und wird es niemals sein. Keine Frau ist von Anbeginn Wäscherin mit schlechtem Ruf. Die anderen machen sie dazu. Und Gott allein weiß, warum das so ist», sagte Martha mit leiser, aber fester Stimme. «Wir fügen niemandem einen Schaden zu. Und wer weiß, ob Luisa als Sibylla nicht glücklich werden wird?»

Entschlossen holte sie die beiden Briefe aus ihrer Kitteltasche, nahm sie in die Hand, brachte das billige Talglicht zum Brennen, entzündete daran das Papier und ließ die brennenden Fetzen in eine tönerne Schüssel fallen, wo sie zu weißer Asche zerfielen.

Drei Tage blieben noch bis zur Beerdigung des Kürschnermeisters Wöhler. Drei Tage, um aus der Wäscherin Luisa die Meisterstochter und Klosterschülerin Sibylla zu machen, die aus Engelthal zurückgekehrt war, um ihr Erbe anzutreten.

Martha nahm sich einen freien Tag und wanderte am Taunus entlang nach Hofheim ins Feldsiechenhaus. Sie brauchte nicht lange, um ihre Tochter für ihren Einfall zu gewinnen. Wenigstens Luisas Lebenshunger hatte bei den Siechen keinen Schaden genommen.

«Ich werde Meisterstochter, ja» sagte sie. «Werde es nicht schlechter machen als Sibylla. Aber wird mich auch niemand in Frankfurt erkennen?»

«Nein! Wie auch?», beruhigte sie Martha. «Die Siechen können keinen Fuß vor den anderen setzen. Sie kommen niemals nach Frankfurt. Auch den Bediensteten bleiben die Stadttore verschlossen. Du weißt selbst, dass ihr Frankfurt nicht betreten dürft, aus Angst, ihr könntet Krankheiten einschleppen. Du hast in den letzten drei Jahren wie in einem Versteck gelebt, hast dich verändert seither. Und auch Sibylla war jahrelang fort.»

Luisa packte ihr kleines Bündel und folgte ihrer Mutter. Sie war froh, dem lauernden Tod im Feldsiechenhaus zu entkommen. Wie oft schon hatte sie befürchtet, sich angesteckt zu haben. Doch das würde nun vorbei sein.

Am Stadttor gab es keine Schwierigkeiten, die Wächter beachteten die beiden ärmlich gekleideten Frauen kaum, winkten sie blicklos durch und kümmerten sich dann wieder um einen jungen Adligen, der mit seinem Gefolge Einlass begehrte.

Es gelang ihnen auch, in Marthas winzigen Verschlag zu kommen, ohne von den Besenbindern gesehen zu werden.

Zuerst holte Martha die kleine Ölkanne, die sie sorgsam hütete, denn Öl war teuer. Doch jetzt war nicht die Zeit für Sparsamkeit. Luisas Hände mussten heilen, mussten makellos weiß und glatt aussehen wie die einer Klosterschülerin. Martha stiegen die Tränen in die Augen, als sie die Hände sah. Tiefe Risse durchzogen sie, die Fingernägel zeigten bereits leise Anzeichen von Auflösung. Martha hob Luisas Hand, führte sie an ihren Mund und legte leicht ihre Lippen darauf, als könne allein ihr mütterlicher Wille heilen.

«Mutter», Luisa erschrak vor der unvertrauten Nähe.

Martha blickte ihre Tochter lange an. Ihr Gesicht war ein blasses Oval mit hohen Wangenknochen unter dichten, stumpfem Braunhaar. Ihre Augen waren groß und glanzlos, aber nicht ohne Feuer, ihre Nase schmal, und ihr Mund konnte sinnlich, aber auch über die Maßen trotzig wirken.

Was immer auch kommen mag, Luisa», flüsterte Martha. «Du musst wissen, dass ich dich liebe.»

Luisa schluckte, öffnete die Lippen ein wenig, doch sie blieb stumm. Solche Worte und Gesten waren unüblich zwischen ihnen. Sie waren ungewohnt, weckten in Luisa aber auch eine unbestimmte Sehnsucht.

Ganz behutsam strich Martha ihrer Tochter das Öl über die Hände, band dann Lappen darum, die über Nacht dafür sorgen sollten, dass sich die Haut beruhigte und die Rötungen und Risse verschwanden.

Als Nächstes wurde Luisas bestes und einziges Kleid besichtigt, die Schäden daran vermerkt und über ein bisschen Aufputz gesprochen, als ginge es um einen bevorstehenden Maitanz. Beide Frauen vermieden es, über den tatsächlichen Anlass zu sprechen, als fürchteten sie sich vor den eigenen Worten.

Bevor sie schlafen gingen, zählte Martha die wenigen Geldstücke, die sie im Laufe der Jahre für Notfälle beiseite gelegt hatte, um zu sehen, ob das Geld für ein Paar einfache Schuhe und anderes notwendiges Beiwerk ausreichte. Es ist nicht schade um meine Ersparnisse, tröstete sich Martha stumm und versuchte, die aufsteigende Angst zu unterdrücken. Brauchen werde ich sie nicht mehr. Entweder lande ich am Galgen, oder aber Luisa wird als Sibylla für mich sorgen, wenn meine Zeit als Wäscherin endgültig vorbei ist.

Eng aneinander geschmiegt, lagen sie auf dem Strohsack. Doch schlafen konnten beide nicht.

«Mutter, ich habe Angst», gestand Luisa leise in die Dunkelheit. «Ich weiß nicht, wie sich Bürgerstöcher benehmen, wie sie sprechen, sich kleiden, sich bewegen.»

«Du musst Augen und Ohren offen halten. Sprich zu Anfang nur, wenn du gefragt wirst, ahme nach, was die anderen tun. Beobachte und schweige, wie du es als Wäscherin gelernt hast.»

Auch Martha hatte Angst. Angst um ihr Kind, Angst auch vor der eigenen Entschlossenheit und dass Luisa sie eines Tages dafür hassen würde. Nur Angst um ihr eigenes Leben hatte sie nicht.

Luisa schlief die ganze Nacht schlecht und erwachte sehr zeitig am Morgen. Obwohl Martha ihr verboten hatte, das Haus zu verlassen, ging sie zum Gottesdienst in die Liebfrauenkirche in der Altstadt, unweit des Wöhlerschen Hauses. Luisa wusste, dass in diese Kirche am Sonntag die Handwerker mit ihren Gattinnen gingen, auch Patrizier und Ratsherren waren dort anzutreffen. Sie versteckte ihr Gesicht unter der großen Kapuze ihres einzigen Umhangs.

In der Kirche, die zu den prachtvollsten Frankfurts zählte, war es kühl. Die ersten Sonnenstrahlen drangen durch die bemalten Butzenscheiben der hohen Kirchenfenster in das gewaltige Kirchenschiff. In ihrem Licht tanzte der Staub.

Luisas Holzschuhe klapperten bei jedem Schritt. Sie waren viel lauter als die der wenigen anderen Besucher, deren Schuhe Ledersohlen hatten. Beschämt und in dem Bewusstsein, nicht in die prunkvolle altstädtische Liebfrauenkirche, sondern eher in die bescheidene und beinahe fensterlose Johanniskirche, die sich zwischen die Katen der Neustadt duckte, zu passen, bemühte sich Luisa, so geräuschlos wie möglich aufzutreten.

Sie suchte sich einen Platz in einer Seitenkapelle hinter einem Pfeiler, von dem aus sie einen guten Überblick über die Kirche hatte, aber selbst nicht gesehen wurde. Sie fürchtete sich vor den Blicken der Altstädter, las in ihren Mienen den Satz, der sie bloßstellte: Du gehörst hier nicht her.

Nur wenige Besucher waren an diesem Morgen anwesend; die meisten Frankfurter kümmerten sich um ihre Tagesgeschäfte, konnten den Herrn nur am Sonntag heiligen.

Lange beobachtete Luisa ein Mädchen, das in ihrem Alter war. Sie trug ein langärmliges, bodenlanges Unterkleid aus leuchtend rotem Stoff, darüber ein himmelblaues, leicht gefälteltes und ärmelloses Oberkleid, das unter der Brust gegürtet war und formlos bis auf die Schuhspitzen fiel. Ein einfacher Besatz an den engen Ärmeln und am viereckigen Ausschnitt unterstrich die Schlichtheit. Ihre Haare flossen offen über die Schultern und wirkten wie ein drittes Kleid aus kostbarem Fell. Die Wangen des Mädchens waren rosig und die Augen durch keinerlei Leid getrübt.

An der Kleidung erkannte Luisa, dass das fremde Mädchen die unverheiratete Tochter eines einfachen Handwerkers oder Schulmeisters war, die über einen ehrlichen Geburtsschein verfügte, die Bürgerrechte besaß und deshalb ohne Scham in den vorderen Kirchenbänken sitzen durfte.

Während Luisa mit eingezogenen Schultern hinter dem Pfeiler kauerte, bemüht, so wenig Platz wie möglich einzunehmen, und kaum wagte, den Blick zu heben, saß das fremde Mädchen raumgreifend, gerade und mit erhobenem Kopf an seinem Platz. Ihre Hände hatte sie in den Schoß gelegt. Weiße, weiche Hände mit glänzenden, festen Fingernägeln und schmalen Gelenken. An einem Zeigefinger war ein kleiner schwarzer Fleck zu sehen, Tinte vielleicht, den das Mädchen abzukratzen versuchte. Jetzt sah sie sich um, drehte den Kopf furchtlos nach links und rechts und musterte die wenigen Anwesenden ohne Scheu.

Die Messdiener kamen und entzündeten die Kerzen auf dem Altar, legten die kostbare, in Leder gebundene Bibel bereit.

Das Mädchen hatte den Rücken angelehnt, den Kopf leicht geneigt, und wickelte sich gelangweilt eine ihrer blonden, glänzenden Haarsträhnen um den Finger. Sie rutschte hin und her, gähnte versteckt und kicherte sogar, als sich der dicke Priester japsend auf die Kanzel hochquälte. Doch plötzlich schrak das Mädchen zusammen und mit ihm auch Luisa.

«Sünder, allesamt!»

Die donnernde Stimme des Priesters dröhnte durch das Gotteshaus, und Luisa spähte hinter ihrem Pfeiler hervor nach vorn zur Kanzel, auf der der dickwanstige Gottesdiener stand, die Hände fest um das Geländer gekrallt.

«Sünder vor Gott seid ihr!», schrie er nun wieder und sprühte Spucketröpfchen durch das Kirchenschiff.

«Ihr verstoßt gegen die zehn Gebote», tobte der Priester weiter auf seiner Kanzel, die unter seinem beträchtlichen Gewicht gefährlich ächzte.

«Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat, steht geschrieben im Buch der Bücher. Doch ihr begehrt von morgens bis abends, was euch nicht zusteht.»

Wie ein Racheengel, der in der Hand das flammende Schwert hielt, thronte der Priester über den Köpfen seiner erschrockenen Gemeinde und predigte von Schuld und Sühne.

Luisa war auf der harten Kirchenbank noch mehr zusammengesunken und hatte die Blicke schuldbewusst auf den Boden gerichtet. «Du sollst nicht begehren…»

Der Satz schwirrte in ihrem Kopf herum und hallte wie ein tausendfaches Echo in ihr wider. «Du sollst nicht begehren…»

Ich bin eine Sünderin, dachte Luisa bestürzt. Ich begehre das, was Sibylla gehört, begehre mehr als nur ihr Haus und ihren Besitz; ich begehre ihr Leben und stehle ihr den Tod.

Ein Mordbube ist einer, der einem anderen das Leben stiehlt. Ich aber will Sibyllas Tod stehlen. Was ist das Gegenteil von Mord? Wiedererweckung? Auferstehung?

Luisas Atem stockte. Nein, nein, bat sie in Gedanken Gott um Abbitte. Ich wollte nicht lästern, nicht hochfahrend sein, bestimmt nicht.

«Nicht an deinen Worten wirst du gemessen, spricht der Herr, sondern an deinen Taten», dröhnte der Priester.

Obwohl seine letzten Worte beinahe hysterisch klangen, fühlte sich Luisa seltsam beruhigt.

An meinen Taten werde ich gemessen, dachte sie erleichtert. Nicht an meiner Herkunft, nicht an meiner Geburt, vielleicht nicht einmal daran, dass ich eine andere sein möchte. Wichtig ist, was ich daraus mache.

Trotzig sah sie hoch, musterte noch einmal das Mädchen im roten Kleid, das nun vornüber gebeugt saß und die Hände unter den Oberschenkeln versteckt hielt, dabei leicht vor- und zurückwippte, als würden die Worte des Priesters sie nicht betreffen.

Wahrscheinlich tun sie das auch nicht, überlegte Luisa. Was will dieses Mädchen schon von anderen begehren? Sie hat doch alles, braucht nichts mehr zum Glück. Und für alles, was sie hat, musste sie nicht einmal den Rücken krümmen, dachte sie voller Neid. Ja, was hat die da schon tun müssen für ihr Glück? Sie weiß nichts von der stinkenden, mit Eiter befleckten Wäsche der Siechen. Wäsche, die nach Angst stank, nach Angst, Fäulnis und Tod und oft steif war von Schweiß, Kot und Urin. Wäsche, die das Wasser rot oder braun färbte, sodass auch die Hände am Abend nach Blut und Verwesung stanken. Ein Geruch, der sich in der Haut festsetzte, in den Haaren hing, sogar auf der Zunge, sodass selbst Brot nach Tod schmeckte und Wasser nach Blut. Nichts davon wusste dieses selbstgerechte Mädchen, gar nichts. Wäre ich sie, könnte ich leicht ein guter und gottgefälliger Mensch sein.

Luisa stutzte, dachte über den letzten Satz nach. Hieß das etwa, dass die Armen einfach aus Not schlechter waren als die Reichen, die nicht stehlen mussten, um satt zu werden, nicht zu lügen und betrügen brauchten, um ein bisschen Anerkennung zu bekommen, um einen Platz in der Gemeinschaft zu haben? Waren die Reichen gottgefälliger, einfach, weil sie reich waren und schon besaßen, was die Armen niemals mit Ehrlichkeit erringen konnten? War das Gerechtigkeit? Nein, dachte Luisa, das konnte nicht Gottes Gerechtigkeit sein. Göttliche Gerechtigkeit war nicht das, was auf Erden dafür gehalten wurde.

Ich bin nicht schlechter, weil ich arm und unehrlich geboren bin, erkannte Luisa. Und ich werde beweisen, dass ich den Platz, an den ich mich selbst stellen werde, auch gut ausfüllen kann. An meinen Taten sollt ihr mich erkennen. Genau so, wie es in der Bibel geschrieben steht.

Luisa schwor sich, die unverhoffte und einmalige Gelegenheit, ein anderes, ein neues Leben auszuprobieren, zu nutzen und dafür immer dankbar zu sein. Und dieses neue Leben so zu gestalten, das es sie unabhängig machte. Von ihrem Geburtschein und von dem, was andere von ihr dachten.

Zwingen würde sie die Menschen, die in ihr zu sehen, die sie war, und nicht die, die sie nach den Regeln zu sein hatte. Im Waschkittel war sie die Wäscherin, die Pest-Marie, die freie Frau. Niemand hatte sich je dafür interessiert, wer oder was sie wirklich war. Als Sibylla aber würde sie sie selbst sein.

Mit Entschlossenheit sprach Luisa das Vaterunser, lauschte dem Segen und wartete am Ende des Gottesdienstes, bis alle die Kirche verlassen hatten. Ganz allein saß sie in der Kirchenbank, die Hände im Schoß gefaltet, und hielt Zwiesprache. Zwiesprache mit sich und mit Gott oder ihrem Gewissen.

«Ich werde Gutes tun», flüsterte sie. «Ich werde beweisen, dass die Herkunft nicht wichtig ist, sondern die Taten zählen. Und ich werde niemals mehr arm sein! Als Sibylla werde ich immer reich genug sein, um gut zu sein, das schwöre ich.«

Sie atmete noch einmal tief durch, erhob sich, lief nach vorn zum Altar und bekreuzigte sich dort, um ihrem Schwur Nachhaltigkeit zu verleihen. Dann drehte sie sich um und lief mit nun laut klappernden Holzschuhen und ohne Scham hinaus aus der Kirche.

Am Abend brachte Martha ein Stück roten Stoffes und ein Paar einfache Stiefel mit nach Hause. Das leichte Tuch ähnelte in der Farbe dem Kleid des Mädchens aus der Kirche. Luisa wusste, dass Marthas Ersparnisse damit aufgebraucht waren, und konnte sich nicht ohne Schuldgefühl freuen. Doch als sie die Freude in Marthas Augen sah, umarmte sie ihre Mutter und schmiegte sich fest an sie.

Sie fasste den Ausschnitt ihres blaugrünen Kleides mit dem roten Besatz ein, verzierte auch die Ärmel und nähte aus den Reststücken sogar noch einen glutroten Gürtel. Sie probierte alles an, schlang den Gürtel weit oberhalb der Taille unter ihre Brüste und drehte sich hin und her.

Martha stand dabei und betrachtete ihre Tochter voller Stolz. «Du siehst aus wie Sibylla. Glaub mir, du wirst ihr alle Ehre machen.»

«Nicht ihr, uns will ich Ehre machen», erwiderte Luisa ernst.

Sie sah ihrer Mutter in die Augen und las darin neben der Freude leise Furcht, aber auch Auflehnung. Es war der Widerstand derjenigen, die sich vom Schicksal oder von Gott betrogen wussten und nun entschlossen waren, ihr Geschick in die eigenen Hände zu nehmen.

Die beiden Frauen lächelten sich an, zuerst noch zaghaft und beinahe entsetzt über den eigenen Wagemut, dann breiter, und schließlich brachen sie in lautes Gelächter aus, das nicht unbedingt fröhlich, dafür aber kraftvoll und entschlossen klang.

Der nächste Tag war der Sonntag, der letzte Tag Luisas in ihrem alten Leben. Die gesamte Besenbinderfamilie war in aller Frühe mit ihrem Karren zu einem Jahrmarkt in eines der umliegenden Dörfer gezogen, um dort ihre Besen anzubieten. Bis zum Abend würde das Haus still und verlassen sein.

Martha hatte eimerweise Wasser vom nahen Main herangeschleppt und erhitzte es nun über dem Herdfeuer der Besenbinder. Auch einen Zuber hatte sie vom Hof hereingeholt, um Luisa ein Bad zu bereiten.

Luisa stand dabei, beide Hände wieder mit ölgetränkten Lappen umwickelt, und sah ihrer Mutter zu.

Wie jung sie heute aussieht, dachte sie und betrachtete Marthas gerötete Wangen in dem sonst so grauen Gesicht. Ihre Bewegungen waren fließend und zeigten keine Anzeichen von Schmerz. Kraftvoll goß sie das heiße Wasser in den Zuber, schüttete mit Schwung kaltes hinterher. Ihre Augen glänzten, und selbst ihre Hände wirkten heute glatter und weniger rau als sonst.

«Mutter, lass mich dir helfen. Nimm mir die Wickel ab», bat Luisa, der es Unbehagen bereitete, zuzusehen, wie Martha sich für sie abschuftete.

Martha lächelte und pustete sich übermütig eine Haarsträhne aus dem Gesicht. «Du bleibst, wo du bist und wie du bist», bestimmte sie. «Wirst dich sowieso bald daran gewöhnen müssen, dass deine Mutter im Wöhlerhaus die Schmutzwäsche besorgt für dich.»

«Das kann ich nicht. Niemals», erwiderte Luisa erschrocken. «Schuldig wäre ich ab meinem ersten Tag als Meisterstochter, und du wärest die stete Zeugin dieser Schuld.»

«Dann wirst du mich aus deinen Diensten entlassen müssen», sagte Martha ernst.

Luisas Blick verdunkelte sich. Sie schwieg, hielt den Kopf gesenkt und biss sich auf die Lippen.

Martha stellte den Eimer aus Rindshaut auf den Boden, kam zu ihrer Tochter, nahm sie in den Arm und wiegte sie hin und her.

«Du musst stark sein, Luisa. Das Leben im Kürschnerhaus wird nur körperlich leichter sein als dein bisheriges. Vieles wird geschehen, was dir wehtut. Dieser Rollentausch ist kein Kinderspiel. Er wird dir viel abverlangen. Dinge, die du bisher nicht kanntest. Aber du wirst stärker werden dabei. Mit jedem Tag ein bisschen mehr.»

«Ich kann mein Aussehen verändern, meine Frisur, meinen Gang. Aber meine Gedanken werden sich nur schwer verändern, und meine Vergangenheit und alles, was ich erlebt habe, wird so bleiben», flüsterte Luisa.

Martha strich ihrer Tochter sanft mit dem Finger über die Wangen.

«Komm, wir haben noch viel vor heute. Es wird Zeit, dass du in den Zuber steigst», sagte sie und half ihrer Tochter beim Auskleiden.

Als Luisa nackt, noch immer mit umwickelten Händen, im Zuber saß, überkam sie der Abschiedsschmerz.

«Ich werde dich vermissen, Mutter», flüsterte sie.

«Jeden Donnerstag wirst du mich sehen», erwiderte Martha tröstend. «Das ist mehr als zu deiner Zeit im Siechenhaus.»

«Aber wir werden niemals wieder Mutter und Tochter sein.»

«Du brauchst mich als Mutter nicht mehr, Luisa. Du wirst einen Mann finden, heiraten und Kinder ehrlicher Abstammung bekommen. Du wirst nicht schutzlos sein, sondern einen guten Mann haben, der für dich sorgt und dir sagt, was du tun sollst. Vor allem aber wirst du eine richtige, vollständige und von anderen anerkannte Frau sein, die die Aufgaben, die sie von Gott aufgetragen bekam, erfüllen kann.»

Martha betrachtete den nackten Körper ihrer Tochter, die zarte, unberührte Haut, die schmalen und doch kräftigen Schultern, die runden, kleinen Brüste, den flachen Bauch und die dünnen Schenkel, die Luisa fest zusammenpresste.

Wie lange wird es noch dauern, bis ein Mann diesen Körper nimmt?, fragte sie sich im Stillen, verteilte ein wenig Seife in ihren Händen und wusch Luisas Rücken, streichelte dabei die unberührte, makellose Haut, die noch nichts von der Liebe wusste.

Kapitel 3

Der Abend vor Meister Wöhlers Beerdigung war da. Doch nicht nur der Kürschnermeister wurde morgen begraben, auch die Wäscherin Luisa würde es nur noch in der Erinnerung geben, sobald sie die Schwelle der Besenbinderkate übertreten und sich auf dem Weg in die Trierische Gasse gemacht hatte.

Luisa trug das Kleid mit dem neuen roten Besatz und an den Füßen Stiefel aus derbem Filz, in die sie kleine Steine hineingelegt hatte, um sich daran zu erinnern, aufrecht zu gehen und nicht zu schlurfen wie früher mit den Holzschuhen.

Jeder Schritt schmerzte. Die kleinen Steine bohrten sich in ihre Fußsohlen, doch Luisa verzog keine Miene. Mit ernstem Gesicht lief sie durch die Straßen, immer dicht an den Hauswänden entlang, um nicht gesehen zu werden.

Lange hatten Martha und sie überlegt, wie sie am besten als Sibylla in das Kürschnerhaus käme, ohne dass es auffiel, dass sie weder Gepäck noch Begleitung hatte. Schließlich war Martha der Sonntagabend eingefallen. Dann hatte die Magd frei, die Gesellen waren in der Zunftstube und die Gassen nach der Abendmesse wie leer gefegt. So würde es leichter für sie sein, das neue Leben zu beginnen. Am nächsten Morgen würde sie den anderen Bewohnern mit der Selbstverständlichkeit der heimgekehrten Tochter des Hauses begegnen.

Vor der Tür des Kürschnermeisters blieb Luisa stehen. Sie war so schnell gelaufen, wie sie konnte. So als wollte sie vor irgendetwas fliehen. Vor ihrem alten Leben? Davor, dass sie es sich im letzten Moment doch anders überlegte? Noch war Zeit umzukehren. Die letzte Möglichkeit. Sollte sie wirklich hineingehen? Oder rasch nach Hause zurücklaufen und das Leben seinen Gang gehen lassen? Sie stand da und schaute die Straße entlang, sah die Häuser, die um so vieles prächtiger waren als die in der Neustadt.

Nein, ein Zurück gab es nicht mehr. Die verlockenden Möglichkeiten des neuen Lebens hatten sich längst in Kopf und Seele eingenistet. Ginge sie zurück, würde sie lebenslang dieser nicht genutzten Gelegenheit hinterhertrauern und sich niemals wieder mit dem bescheiden können, was sie hatte.

Ein letztes Atemholen noch als Luisa, dann schloss sie mit Marthas Schlüssel die Tür auf und trat ein. Ihre Augen brauchten einen Augenblick, um sich an die Dunkelheit des Korridors zu gewöhnen.

Aufmerksam sah sie sich um. Links musste die Küche sein. So jedenfalls hatte Martha es ihr erklärt. Und rechts die Werkstatträume. Oben, im ersten Geschoss, die Meisterstube und Sibyllas Schlafkammer, daneben das große Wohnzimmer. Auf der anderen Seite befanden sich die Schlafkammer des Meisters, eine kleine Näh- und Wäschekammer und ein unbewohnter Raum, der wohl einmal für mehrere Kinder gedacht war. Unter dem Dach schliefen die Gesellen, und die Magd hatte ihre Kammer neben den beiden Lagerräumen.

Tief sog sie den typischen Geruch einer Kürschnerei ein, der im ganzen Haus hing. Ein Geruch nach Fell, ein wenig nach Gerbsäure, nach Knochenleim und Sägespänen.

Zögernd und mutig zugleich ging sie hinauf in Sibyllas Schlafkammer. Sie öffnete die Tür, schlüpfte hinein, schloss sie wieder, atmete auf und lehnte sich mit geschlossenen Augen an den Rahmen. «Geschafft», murmelte sie und bemerkte erst jetzt, wie sehr ihr die Knie zitterten und dass ihr der Schweiß in Strömen über den Rücken lief.

Als sie sich ein wenig beruhigt hatte, öffnete sie die Augen und stieß einen freudigen Ausruf aus. Das Zimmer – ihr Zimmer – war das schönste, das sie je gesehen hatte:

Die Wände waren hell verputzt, durch das große Fenster mit den Butzenscheiben und den hölzernen Läden kam das Mondlicht herein und tauchte alle Gegenstände in ein Silberbad. Der Boden bestand aus hellen Holzdielen, und in der Mitte des Raumes lag ein kleiner Teppich. An der Wand stand ein Bett. Sie lief mit einem kleinen Jauchzer dorthin und ließ sich darauf fallen. Ein richtiges Bett mit Decke und Kissen aus Gänsefedern und weißer, frisch duftender Wäsche. Ganz für sie allein. Sie breitete die Arme aus, genoss das wohlige Gefühl und sah sich nun in aller Ruhe in ihrem neuen Reich um. An der anderen Wand stand eine verzierte Kleidertruhe aus glänzendem Holz, daneben ein kleiner Tisch. Darauf war eine polierte Metallplatte, in der man sich sehen konnte, befestigt. Sie stand auf und betrachtete sich darin. Sie würde es schaffen, Sibylla zu sein.

Dann zündete sie das Wachslicht in einem der Leuchter an und machte sich auf einen Rundgang durch das Haus, durch ihr neues Zuhause. Sie musste sich eilen, denn bald würden die Gesellen aus der Zunftstube zurückkommen. Sibylla-Luisa wollte ihnen heute nicht gegenübertreten, sondern bis zum morgigen Tag abwarten. Doch bis dahin musste sie das Haus ein wenig kennen gelernt haben, um sich darin bewegen zu können, als hätte sie es von Kindesbeinen an getan.

In der Küche begann sie. Der einzige Raum, in dem die Frau das Sagen hat, dachte sie und betrachtete die Kupferkessel, die blank geschrubbt und glänzend an einem Gestell neben dem gemauerten Herd hingen. Im Regal standen neben Schüsseln und Platten aus grauem Ton mit blauer Lasur zahlreiche Krüge und Becher, das Alltagsgeschirr. Auf den Fenstersimsen verströmten Kräutertöpfchen ihren würzigen Duft, und die Vorratskammer hing voller Würste, Speck und Schinken. Mehrere Fässer in unterschiedlichen Größen und gefüllt mit Sauerkraut, Apfelwein oder Bier standen da, Rüben, Zwiebeln und Äpfel lagen in Kiepen, sogar ein halber Laib Käse, der verlockend roch, lag neben Schüsseln voller Eier und ausgelassenem Schmalz.

Zufrieden betrachtete Sibylla-Luisa die Schätze und füllte in Gedanken bereits einen Korb mit Lebensmitteln für ihre Mutter. Ihr selbst wäre das Wasser im Mund zusammengelaufen, hätten ihr nicht Angst und Aufregung die Kehle zugeschnürt. So trank sie nur einen Schluck Wasser, dann nahm sie den Leuchter und ging weiter. Die Werkstätten ließ sie aus und begab sich gleich in das Wohnzimmer im ersten Geschoss. Hier waren die Wände mit Holz