9,99 €
Macht und Verderben im mittelalterlichen Leipzig Leipzig, 16. Jh.: Silber wird im Erzgebirge entdeckt. Die Stadt blüht auf. Aus Frankfurt kommt Eva, die Tochter der Pelzhändlerin Sibylla, um das Imperium ihrer Mutter weiter auszubauen. Sie kauft sich in die Silberminen ein und gründet eine Gold- und Silberschmiede. Alles scheint seinen vorgezeichneten Lauf zu nehmen – auch die Verlobung Evas mit dem älteren vermögenden Kaufmann Andreas Mattstedt. Bis der junge Silberschmied David in die Stadt kommt und Eva in seinen Bann zieht ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 411
Veröffentlichungsjahr: 2009
Ines Thorn
Die Silberschmiedin
Historischer Roman
Wir hatten uns einen ruhigen Schlaf angewöhnt. Wir lebten mit der Möglichkeit der Verdammnis und in der tiefen Gewissheit, dass die Verdammnis an uns vorüber ginge. Warum auch nicht? Hatten wir nicht stets nach dem Guten gestrebt?
Ich, Johann von Schleußig, würde gern behaupten, dass es so war. Das Leben war nicht leicht, aber übersichtlich. Es gab gut und böse, schwarz und weiß, und jeder, der wollte, hatte das Werkzeug, die Dinge zu unterscheiden.
Dann kam das Silber in die Stadt. Schwarz und weiß waren nicht mehr voneinander zu trennen, alles war zu Silber geworden.
Silber ist Schweigen, heißt es nicht so?
Mit dem Silber gingen die Worte. Sie verloren ihre Bedeutung, wechselten plötzlich den Sinn. Aus Liebe wurde Mut, aus Mut wurde Angst. Aus Angst wurde Tod.
Die Worte standen zwischen den Zeiten. In diesem Zwischenraum suchten die Menschen nach sich selbst und ihrem Platz in der neuen Zeit. Sie lebten, liebten, arbeiteten; sie gewannen und sie scheiterten.
Am Ende stand ein Anfang.
Ich, Johann von Schleußig, möchte die Geschichte der Silberschmiedin erzählen, weil sie exemplarisch ist für das Leben in dieser Zeit. Es ist nicht alles so gewesen, wie ich es erzähle, doch es hätte alles so gewesen sein können. Ich möchte kein Urteil fällen über das, was geschehen ist.
Frankfurt am Main im August 1494
Die Hitze der letzten Augusttage hatte der Stadt Frankfurt und ihren Bewohnern zugesetzt. In den Straßen und Gassen stank es zum Gotterbarmen. Abfälle verrotteten in den Gräben zwischen den Häusern, Myriaden von Fliegen schwirrten umher, setzten sich in die Augen der räudigen Hunde, die erschöpft am Rande der Gassen lagen. Die Luft war stickig, machte das Atmen schwer, Haut und Haar klebrig. Händler stritten mit Hausfrauen, Ehemänner versetzten ihren Frauen Maulschellen, Mägde zogen einander an den Haaren, und die alten Leute liefen in die Kirchen und stifteten Kerzen, wo selbst der Priester nur stöhnte und sich den Schweiß vom Gesicht wischte.
Doch plötzlich schlug das Wetter um. Die Wolken, die schwer und träge wie nasse Wäschestücke über den Dächern hingen, ballten sich zu wütenden schwarz-violetten Gebirgen zusammen. Wind kam auf, hetzte durch die Straßen und riss an den Hauben der ehrbaren Frauen. Die Menschen zogen den Kopf zwischen die Schultern und hasteten heimwärts, den Blick fest auf die Gassen gerichtet.
Die Händler auf dem Markt packten ihre Siebensachen zusammen, ließen die letzten Kunden einfach stehen und beeilten sich, als stünde das Jüngste Gericht bevor. Ein seltsames schwefelgelbes Licht lag über der Stadt. Unheilvolle Ahnungen wurden flüsternd weitergegeben. Zürnte ihnen Gott? Schickte er eine neue Sintflut?
Am Main zogen die Fischer ihre Kähne weit auf die Uferwiesen hinauf und banden sie mit dicken Seilen an die wenigen Bäume. Doch plötzlich ließen sie alles stehen und liegen, vergaßen ihre Befürchtungen und eilten ans Ufer.
Eva saß im Wohnraum des reichen Bürgerhauses in der Krämergasse an einem Schreibpult, an dem ihre Mutter für gewöhnlich die Korrespondenz erledigte. Sie spielte mit einem Gänsekiel, dessen Spitze von der Tusche ganz schwarz war, und sah zu ihrer Mutter.
Sibylla stand am Fenster und spähte durch die gelben Butzenscheiben. Eine ältere, überaus unansehnliche Magd stand hinter ihr, hielt einen Rosenkranz zwischen den Fingern und murmelte ununterbrochen Gebete: «Herr Jesus, verschone uns vor dem Jüngsten Gericht. Wir alle sind Sünder, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Behüte, beschütze und beschirme die Männer, Frauen und Kinder dieser Stadt.»
Die Mutter sah die Magd von der Seite an. «Hast du die Wäsche ins Haus gebracht?», unterbrach sie die Litanei.
Die Frau zuckte zusammen. Sie sah mit erschrockenen Augen hoch und schüttelte den Kopf.
Eva lächelte. Sie kannte ihre Mutter so gut, dass sie genau wusste, was diese gleich sagen würde. Ich bezahle dich nicht fürs Beten.
«Dann hole sie. Aber eile dich. Gleich wird es sintflutartig gießen. Du bekommst deinen Lohn für deine Arbeit, nicht fürs Beten und Barmen.»
Eva hätte am liebsten aufgelacht, doch sie beherrschte sich.
«Aber… es heißt… der Teufel geht um, bevor ein Gewitter kommt», stammelte die Magd angstvoll.
Gleich wird sie sagen: Dann kannst du ihn dir ja mit dem Kreuz um deinen Hals vom Leibe halten, dachte Eva.
«Du kannst ihn ja mit deinem Rosenkranz abwehren», erwiderte die Mutter. Eva schlug sich die Hand vor den Mund, um nicht zu kichern.
Die Magd verzog das Gesicht, als wolle sie weinen, und trat von einem Fuß auf den anderen. «Der Teufel geht um. Ich weiß es. Die ganze Stadt spricht darüber. Ich habe Angst. Wegen ein paar Stück Wäsche setze ich meine Seele nicht aufs Spiel», beharrte die Magd.
Plötzlich drang Lärm bis in die Stube hinauf. Das Geschrei kam von der Straße. «Eine Tote am Mainufer. Man hat eine Tote gefunden!»
Eva eilte ans Fenster und öffnete es. Ein Junge lief durch die Gasse und verkündete aus Leibeskräften die Neuigkeit. Plötzlich war das drohende Gewitter vergessen.
Die Mutter öffnete das Fenster: «Was ist los?», rief sie.
«Ein totes Mädchen ist am Mainufer angeschwemmt worden. Nicht weit vom Hafen. Ein Gesicht ganz von Silber soll sie haben. Eine Wasserhexe vielleicht oder ein Kind der Sterne», antwortete der Junge und rannte weiter.
Diese Nachricht goss Öl in die aufgeflackerte Neugierde. Aus allen Häusern strömten die Menschen. Niemand wollte sich das Spektakel entgehen lassen, welches größer zu werden versprach als ein heftiges Sommergewitter.
«Ein silbernes Gesicht? Das glaube ich nicht. Ich möchte selbst sehen, was da los ist», sagte auch Eva.
«Warte, ich komme mit.»
Mutter und Tochter eilten gemeinsam die Krämergasse hinunter, die Magd keuchte hinterdrein. Sie überquerten den Römer, hasteten am Bartholomäusdom vorbei und hatten endlich das Mainufer erreicht.
Die halbe Stadt hatte sich bereits versammelt.
Energisch bahnte sich die Mutter mit ihren Ellbogen einen Weg durch die dicht gedrängte Menge. Eva und die Magd folgten ihr.
Als Eva die Tote sah, schrie sie leise auf. Sie war nackt und vollkommen haarlos. Die Beine waren schlank und fest, die Scham sah so unschuldig aus wie bei einem kleinen Mädchen.
Ihr Leib war jung, gerade erst erblüht und ohne Zeichen des Welkens.
Über dem Gesicht aber prangte eine silberne Maske.
Eva und die Mutter standen starr. Auch den anderen Schaulustigen hatte es die Sprache verschlagen. Stumm machten sie der Stadtwache Platz, die mit umgehängten Hakenbüchsen nach vorn drängte.
Selbst diese beiden Männer waren für einen Augenblick wie gelähmt. Dann aber erinnerte ein Donnergrollen an das bevorstehende Gewitter. Ein Wachmann beugte sich über die Tote und löste vorsichtig die Maske vom Gesicht. Die Umstehenden stöhnten auf. Was zum Vorschein kam, hatte keine menschlichen Züge mehr. «Die Fratze des Teufels», keuchte die Magd und bekreuzigte sich.
Anstelle von Augen sah man nur dunkle Löcher. Die Haut hing in Fetzen und entblößte das Fleisch, die Lippen waren verbrannt und gaben die Zähne frei. Ihr Haar aber war grau wie das einer alten Frau und stand in einem schmerzhaften Widerspruch zu ihrem jungen Leib.
Voller Grauen wandte Eva den Blick ab. Sie musste ein Würgen unterdrücken.
«Es scheint, als hätte tatsächlich jemand ihr Gesicht mit heißem Silber überzogen. Oder einen Abdruck von Ton genommen und ihn direkt auf der Haut gebrannt», stellte ihre Mutter fest. «Sie muss unendliche Schmerzen dabei gelitten haben. Das Blut hat ihr sicher in den Adern gekocht, falls sie noch gelebt hat, und die Augen sind ihr in den Höhlen geschmolzen.»
Eva schüttelte den Kopf. «Wer tut so etwas? Das kann kein Mensch gewesen sein!»
«Das Ende der Welt ist nahe», vermutete die Magd. «Die ersten Boten des Satans mischen sich unter das Volk und verüben ihre grausigen Werke. Besonders vor einem Unwetter, ich sage es ja.»
Sie nickte zufrieden und ließ den Rosenkranz durch ihre Hände gleiten. Jetzt würde die Herrin bestimmt nicht mehr von ihr verlangen, dass sie vor dem Gewitter noch die Wäsche holte.
«Wie kann so etwas passieren?», fragte Eva fassungslos. Sie betrachtete das Mädchen, das sehr schön gewesen sein musste und dem die silberne Maske, die der Wachmann wieder zurückgelegt hatte, nun etwas Königliches verlieh.
«Wie ist sie nur in diese Lage gekommen?»
«Tja, wie ist die Maid da wohl hingeraten?», wiederholte die Magd Evas Frage. «Sie wird sich wohl mit einem Burschen herumgetrieben haben, einem Satansjünger. Mit ihren festen Brüsten wird sie gewippt haben, wenn er in der Nähe war, den Hintern wird sie geschwenkt haben, wenn er hinter ihr ging. So lange, bis ihm der Sabber aus dem Mund lief. Als er sich dann holen wollte, was ihm zustand, hat ihm das Mädchen eine Abfuhr erteilt. Auch der Satan ist ein Mann, der zum Knüppel greift, wenn ihm die Frau nicht zu Willen ist. Ihre Unschuld hat sie bewahren wollen, so wie es Gott will, das gute Kind. Sie ist lieber in den Tod gegangen, als mit dem Teufel zu buhlen.»
«Schluss jetzt!», unterbrach Sibylla das Geschwätz. «Du gehst zurück und holst die Wäsche. Sofort!»
Die Magd setzte zu einer Antwort an, doch als sie Sibyllas Blick sah, machte sie sich wortlos auf den Weg.
Eva aber starrte noch immer auf die Tote.
«Eines ist gewiss: Wer immer das Mädchen dort so zugerichtet hat, er versteht etwas vom Umgang mit Silber», überlegte Sibylla.
Die Mutter hatte sich gefasst und betrachtete die Tote wie einen Gegenstand.
«Ein Silberschmied also?», fragte Eva schaudernd.
Die Mutter zuckte die Achseln. «Ein Silberschmied, ein Kannengießer, ein Waffenschmied, ein Bronzegießer, ein Aufbereiter oder einfach nur ein Verrückter.»
Eva schluckte und legte eine Hand an ihre Kehle: «Kein Mensch hat einen solchen Tod verdient.»
Sie schüttelte sich, dann fragte sie die Umstehenden: «Weiß man, wer sie ist?»
«Ein Mädchen aus einem der Badehäuser. Sie ist wohl erst seit der Fastenmesse in Frankfurt und hatte ungefähr Euer Alter. 18Jahre, sagte der Besitzer des Badehauses. Ich kannte sie; sie war ein nettes, hübsches Ding», antwortete eine Frau, deren gelber Schleier am Gewand verriet, dass sie selbst in einer Badestube arbeitete.
Wieder grollte ein Donner. Wenige Sekunden später zuckte ein Blitz über den Himmel. Die Leute sahen nach oben und bekreuzigten sich.
Die Mutter zupfte Eva am Ärmel. «Komm, lass uns gehen, bevor der Regen kommt.»
Sie zog Eva davon, doch Eva konnte den Blick nicht von der Toten lassen und folgte ihrer Mutter nur zögernd.
Das tote Mädchen ging Eva auf dem Heimweg nicht aus dem Kopf. Wer konnte so eine Tat begangen haben? Ein Silberschmied? Kannte sie ihn etwa?
In Frankfurt hatten sich nicht allzu viele Silberschmiede niedergelassen. Eva selbst arbeitete in der Werkstatt des Rundscheiner, seitdem sie aus Florenz zurückgekehrt war, wo sie bei dem berühmten Goldschmied Andrea della Robbia ihr Handwerk verfeinert hatte. Außer ihm gab es nur noch wenige Goldschmiede in der Stadt. Ausgerechnet einer von ihnen sollte… «Nein», Eva schüttelte unwillkürlich den Kopf. Es musste ein Kannnengießer oder Waffenschmied gewesen sein, keiner aus ihrer Zunft.
Die ersten Regentropfen fielen, ihre Mutter bemerkte Evas Nachdenklichkeit und forderte sie auf, sich zu beeilen.
Eva gehorchte, und zum wiederholten Mal wunderte sie sich, wie schnell ihre Mutter zum Alltag übergehen konnte. Auch als sie aus Italien wiedergekommen waren, war es Sibylla schnell gelungen, wieder ihre Geschäfte aufzunehmen. Sie hatte fast nahtlos an ihre früheren Erfolge anknüpfen können, die aus einer kleinen Kürschnerei eine weithin bekannte Werkstatt gemacht hatten. Dafür bewunderte Eva ihre Mutter sehr. Doch manchmal war ihr ihr Ehrgeiz unheimlich, und sie fragte sich, was aus der Mutter geworden war, die sie in Florenz erlebt hatte: Liebend und glücklich war sie damals gewesen. Doch all das war mit Isaaks Tod verschwunden, und Sibylla war wieder die eiskalte Geschäftsfrau von früher. Eva selbst war ganz anders. Sie wusste viel über griechische Philosophie, schrieb kleine Gedichte, doch seit ihr Vater tot war, gab es niemanden in ihrer Umgebung, der sich für dieselben Dinge interessierte. Sie hatte keine Freundin. Ihre kleinen Geheimnisse und Sehnsüchte teilte sie mit Adam, ihrem Stiefbruder, der seit dem Eintritt seiner Mutter in ein Kloster mit der stummen Dienerin Ida allein in einem Haus lebte und sich medizinischen Studien widmete. Und manchmal mit Susanne, der älteren Tochter von Sibyllas zweitem Mann Wolfgang Schieren. Doch Susanne war verheiratet, hatte wenig Zeit und Verständnis für das Leben Evas.
Der Regen wurde nun stärker. Sibylla und Eva fingen an zu laufen und erreichten die Haustür gerade noch rechtzeitig, bevor das Gewitter richtig losbrach. Auch der Magd war es noch gelungen, die Wäsche hereinzubringen.
Sibylla gab ihr Anweisungen, zog sich dann mit Eva in den Wohnraum zurück und begann die Kontorbücher zu prüfen.
Eva sah auf die gelb getönten Butzenscheiben, gegen die der Regen trommelte.
«Hoffentlich ist das Mädchen schon in die Krypta der Kirche gebracht worden», sagte Eva seufzend.
Die Mutter sah hoch und betrachtete sie prüfend. «Vergiss die Tote», sagte sie. «Du kannst ihr ohnehin nicht helfen. Es gibt hier genug Dinge, über die du nachdenken kannst. Zum Beispiel, wie es mit dir weitergehen soll. Seit Monaten geben sich die Männer die Klinke in die Hand, die um dich freien wollen.»
«Nun, heute wird sie wohl der Regen abhalten», erwiderte Eva und lächelte schwach.
«Oh, täusche dich nicht, Kind. Wenn Männer etwas wollen, dann lassen sie sich schwerlich von ein bisschen Regen hindern.»
Sibylla öffnete eine der zahlreichen Schubladen ihres kostbaren Schreibtisches, der nach italienischer Machart gefertigt war. Sie entnahm ihr einen Bogen und hielt ihn Eva entgegen.
«Seit unserer Rückkehr aus Florenz haben sich zahlreiche Männer um dich beworben. Die besten Söhne der Stadt sind vorstellig geworden. Ich habe begonnen, eine Liste anzulegen. In dieser Woche haben sich gleich drei angemeldet: Matthias Fürneisen, Schlossermeister und Vize der Zunft, dann Magister Groh und der Apotheker Kemper aus der Römerapotheke. Auch der Stadtmedicus hat sich nach dir erkundigt.»
«Ich weiß jetzt schon, dass ich keinen von ihnen heiraten möchte», entgegnete Eva und sah weiter dem Regen zu.
«Gestern, als du bei der Zunft warst, kam der Hutmacher Enke. Ich habe dir noch nicht davon erzählt», sprach sie weiter.
«Melchior Enke?»
«Ja, genau der. Er ließ sich melden, kam in den Wohnraum und überreichte mir ein aus Brotteig gebackenes Herz. Als ich ihn fragte, was mir die Ehre seines Besuches verschaffe, begann er hin und her zu hüpfen, bemerkte dann, dass er seinen Hut noch auf dem Kopfe trug. Er riss ihn herunter, brachte dabei sein Haar in Unordnung und wusste offenbar nicht, wohin mit dem Hut. Schließlich knüllte er ihn zusammen und steckte ihn in die Tasche seines Wamses. ‹Gekommen bin ich, Jungfer Eva, um Euch zu fragen, ob Ihr Hüte und Hauben gern mögt.›
‹Ja›, erwiderte ich. ‹Welche Frau hat keinen Sinn für diese Dinge?›
‹Nun›, sprach er weiter. ‹Ich würde für Euch die schönste Haube der ganzen Stadt fertigen.›
‹Und was erwartet Ihr dafür von mir?›
‹Mein Weib sollt Ihr werden, Jungfer Eva.›
‹Was?›, tat ich empört. ‹Ihr wollt meine Unschuld gegen eine Haube eintauschen?›
‹Nein… nein›, stammelte der Mann und strich sich über den Bart. Auf seiner Oberlippe erschienen ein paar Schweißperlen, und seine Wangen färbten sich rot. Er sah sich nach einer Sitzgelegenheit um, doch ich tat, als bemerke ich es nicht. Stattdessen biss ich in das Gebäckstück, das er mir mitgebracht hatte, und fragte ihn.
‹Liebt Ihr mich denn?›
‹Lieben, nun ja. Ich werde Euch ein guter Gemahl sein und Euch jeden Sonntag zur Kirche begleiten, wenn Ihr dafür sorgt, dass das Haus in Ordnung ist, die Kinder wohl versorgt und Ihr mir gehorcht. Es wird Euch an nichts fehlen, Jungfer Eva.›
Ich entgegnete: ‹Meister Enke, mir fehlt es auch jetzt an nichts. Und ich muss mich noch nicht einmal um Haus und Kinder sorgen und brauche auch niemandem gehorchen.›
Und dann widersprach er mir tatsächlich. ‹Frauen müssen immer gehorchen›, wandte er ein. ‹Vor Gericht und vor den Zünften sind Frauen keine eigenen Personen?›
‹Pah›, erwiderte ich. ‹Hat meine Mutter nicht das Gegenteil bewiesen?›
‹Ähem… nun… ja›, stammelte er. ‹Ihr werdet Zeit brauchen, um eine Entscheidung zu treffen. Ich werde Euch gewiss nicht drängen.›
Dann verbeugte er sich und wäre beinahe vornüber gefallen, weil er dabei seinen Hut aus der Tasche zog. Er stülpte sich das lädierte Ding auf den Kopf und stolperte aus dem Haus.»
Die Mutter lachte, als Eva ihre Rede beendet hatte.
«Ich glaube nicht, dass es in Frankfurt auch nur einen Mann gibt, den ich heiraten möchte. Hier werde ich immer die Tochter der Pelzhändlerin Sibylla sein. Nicht ein einziger wird vergessen, wie reich und mächtig du bist. Im Grunde kommen sie alle wegen dir hierher. Würdest du verkünden, dass du einen neuen Ehemann suchst, so würden sie um deine Hand freien», fuhr Eva fort. «Liebe kann ich in dieser Stadt wohl nicht erwarten. Die Männer hier sehen nicht mich, sie sehen nur die Tochter der Pelzhändlerin.»
Die Mutter ließ den Papierbogen sinken: «Ja, das ist leicht möglich. Aber irgendwann wirst du dich für einen entscheiden müssen.»
«Warum? Ich möchte lieber warten, bis die Liebe mich findet. Die Männer, die um meine Hand angehalten haben, wollen ohnehin in erster Linie die reiche Mitgift. Nun, wenn es ihnen schon ums Geld geht, so kann ich doch im Gegenzug Liebe erwarten, oder nicht? Warst du es nicht, die gesagt hat, ein Leben ohne Liebe sei kein Leben?»
Ein Schatten zog sich über das Gesicht der Mutter. Sie wirkte ernst. «Ja, das habe ich in Florenz wohl gesagt», erwiderte sie nachdenklich.
Sie nahm einen Bogen Papier, dessen Siegel aufgebrochen war, und wedelte damit herum. «Hier drin könnte deine Zukunft stehen», sagte sie, doch ihre Worte gingen in einem gewaltigen Donnerschlag unter. Sibylla stand auf und stellte sich neben Eva ans Fenster.
Aus dem Regen war ein Wolkenbruch geworden, der die Gasse in kurzer Zeit in einen Bach verwandelt hatte. Abfälle wurden weggeschwemmt, ein Hund rannte mit eingekniffenem Schwanz und winselnd am gegenüberliegenden Haus vorbei.
Die Frauen standen so nahe nebeneinander, dass sich ihre Schultern berührten. Plötzlich umfasste Sibylla die Hüfte ihrer Tochter.
«Du bist mir gleich, Eva. Und weil das so ist, weil ich in dir lesen kann wie in einem Spiegel, werde ich dich nicht zwingen zu heiraten. Man hat in der Nähe von Leipzig Silbervorkommen entdeckt. Du bist Silberschmiedin. Geh dorthin und gründe eine Werkstatt. Andreas Mattstedt, ein einflussreicher Handelsherr, zu dem ich seit Jahren gute Beziehungen habe, wird dir dabei helfen. Er erwartet dich bereits», sagte Sibylla.
Eva hob den Kopf und sah ihre Mutter von der Seite an.
«Nach Leipzig? Was soll ich in Leipzig? Dein Leben wiederholen, Mutter?», fragte sie. «Soll ich deine Geschäfte bis nach Sachsen ausdehnen? Bin ich dir so ähnlich? Nein, das will ich nicht. Ich bin nicht du. Und deine Pläne sind nicht meine.»
«Rede keinen Unsinn, Kind. Wir sind vom gleichen Blut. Du kannst mein Leben zwar nicht führen, weil die Umstände anders sind, aber wir haben immer dasselbe gewollt. Ich gebe dir die Möglichkeit, die ich nie hatte: Werde, die du bist, und beweise dich. Zeige, was du kannst. Und hüte dich vor den Fehlern, die ich gemacht habe.»
Eva wandte den Blick ab. Das Vertrauen der Mutter ehrte sie, aber sie war sich nicht sicher, ob sie das richtige Bild von ihr hatte. Wusste ihre Mutter tatsächlich, wer sie war? Eher als sie selbst?
Eva sah nachdenklich aus dem Fenster. Das Gewitter hatte inzwischen aufgehört. Die Straßen wurden von kleinen Rinnsalen durchzogen. Dort, wo kein Pflaster war, stand der Schlamm knöcheltief. Die ersten Kinder waren bereits ihren Müttern entflohen, hüpften durch die Pfützen und bewarfen einander mit Dreck. Der Regen schien jeden Gedanken an die Tote vom Mainufer weggespült zu haben. Der Alltag forderte sein Recht.
Eva gab sich einen Ruck. «Der Gedanke, in Leipzig zu leben, gefällt mir. Dort müsste ich mich selbst behaupten. Niemand wüsste, dass ich die Tochter der Pelzhändlerin und des Arztes Isaak Kopper bin. Ich müsste allein zeigen, was in mir steckt, wer ich bin.»
Eva lächelte, dann gab sie ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange. Im selben Augenblick hämmerte unten jemand mit beiden Fäusten gegen die Haustür.
Die Mutter sah Eva fragend an, dann eilte sie die Treppe hinab.
Die Magd hatte den Gewandschneider Schulte bereits hereingelassen.
«Ich muss mit Euch reden», sagte er, als er Sibylla sah. «Es ist dringend.»
«Gut. Gebt der Magd Euren Umhang und kommt hoch. Lasst Euch einen Krug Most geben und bringt ihn mit.»
Wenige Minuten später saß Bernhard Schulte der Mutter gegenüber. Eva hatte wieder am Schreibtisch Platz genommen und betrachtete den Mann ihrer Stiefschwester Susanne mit Neugier. Schulte war eigentlich ein ruhiger Geselle. Aber irgendetwas schien passiert zu sein. Er wirkte nervös und fuhr sich ein um das andere Mal mit der Hand durch die Haare.
«Es ist wegen Susanne», begann er. Die Mutter goss ihm von dem Most ein, und Eva sah zu, wie Schulte den Becher in einem Zug herunterstürzte.
«Was hat das Weib diesmal angestellt?», fragte Sibylla.
«Ihr habt von der Toten mit der silbernen Maske gehört?»
Eva und die Mutter nickten.
«Nun, das Mädchen war zwei Tage vor ihrem Tod bei uns. Ein Kleid, das sie bestellt hatte, gefiel ihr nicht. Es gab Streit. Susanne hat sie aus dem Haus gejagt. Beinahe wäre es zu einer Prügelei zwischen den Frauen gekommen. Eine Nachbarin hat gehört, wie Susanne das Mädchen verflucht hat. ‹Der Teufel soll dich holen›, hat Susanne geschrien.»
«Nun, Susanne hat es noch nie geschafft, ihre Zunge zu zügeln», sagte die Mutter und zuckte mit den Achseln. Eva erinnerte sich an die Erzählungen der Mutter über das kleine Mädchen, welches Wolfgang Schieren mit in die Ehe gebracht hatte. Zwölf Jahre war Susanne damals gewesen, aber schon eitel, aufsässig und anmaßend. Niemand hätte geglaubt, dass Susanne es ob ihrer Trägheit einmal zu einer der besten Köchinnen in Frankfurt bringen würde. Ihr Haushalt war ein Muster der Ordnung. Sie hielt das Geld zusammen und sorgte dafür, dass sowohl Schulte als auch ihre beiden Kinder und sie selbst stets so gekleidet waren wie die Patrizier.
«Ich wünschte, ich wäre dieser Frau niemals begegnet. Die sieben Plagen können nicht schlimmer sein», klagte Schulte und ließ den Kopf hängen. Susanne hatte sich nie damit abgefunden, dass er nur ein Gewandschneider für die kleinen Leute war, und verachtete ihn. Ihr ewiges Gekeife nahm ihm die Ruhe und die gute Stimmung. Inzwischen war er lieber im Gasthaus als in seinem eigenen, aus dem Susanne einen Palast machen wollte.
«Nun, soviel ich weiß, habt Ihr bisher aus dieser Ehe großen Nutzen gezogen. Immerhin habe ich Euch zur Hochzeit die Werkstatt und den Titel verschafft. Ohne mich, Schulte, würdet Ihr Euer Dasein immer noch als Geselle fristen», erinnerte Sibylla.
Schulte sah hoch. «Ja, das stimmt. Aber ich weiß schon lange nicht mehr, ob es das wirklich wert war. Könnte ich, gäbe ich Euch noch heute Werkstatt und Titel zurück, wenn Ihr mich dafür von dieser Frau befreien würdet.»
«Ihr heiratet Susanne, und ich sorge dafür, dass Ihr immer Euer Auskommen habt. So lautete die Vereinbarung, Schulte.»
«Ich weiß. Doch was wird aus der Werkstatt, wenn eine Hexe darin haust?»
«Eine Hexe? Schulte, seid Ihr noch bei Trost?»
Schulte schüttelte den Kopf und beugte sich über den Tisch. Er hob eine Hand und winkte Sibylla mit dem Finger, näher zu kommen: «Sie ist eine Hexe. Ich habe es zuerst nicht glauben wollen, doch die Nachbarn sagen es auch. Jedes Mal, wenn ich ihr zürne, lässt sie die Milch sauer werden. Und vor einer Woche hat sie mir ein Gerstenkorn ans Auge gehext, weil ich mich geweigert habe, ihr Stoff für ein neues Kleid zu geben. Und vorgestern die Auseinandersetzung mit dem Mädchen aus dem Badehaus. Susanne verflucht sie, und zwei Tage später ist sie tot. Ich habe Angst, Sibylla. Angst vor meiner Frau.»
«Ihr seid ein Dummkopf, Schulte. Lasst die Milch nicht ewig stehen, dann wird sie auch nicht sauer. Und ein Gerstenkorn bekommt jeder hin und wieder. Weiß der Himmel, woher das rührt. Susanne mag anmaßend und aufsässig sein, aber eine Hexe ist sie nicht.»
«Wisst Ihr das so genau? Ein Buch ist erschienen, in dem steht, woran man die Hexen erkennt. ‹Der Hexenhammer› heißt es. Und zwei Dominikanermönche reisen damit durch das Land auf der Suche nach Hexen. Die Nachbarin war schon bei den Dominikanern im Frankfurter Kloster und hat sich kundig gemacht. Sie hat Susanne angezeigt. Man will nach den Inquisitoren schicken lassen, sagte sie.»
«Was?»
Die Mutter sprang auf. «Das ist nicht Eurer Ernst, Schulte! Wollt Ihr helfen, Susanne auf den Scheiterhaufen zu bringen?»
Schulte zuckte mit den Schultern. «Was soll ich machen? Ich konnte die Nachbarin nicht aufhalten.»
«Und jetzt kommt Ihr zu mir, damit ich Euch helfe?»
Schulte sackte zusammen und ließ Kopf und Schultern hängen.
«Was soll ich denn tun? Was geschieht, wenn sie doch eine Hexe ist? Was wird aus mir, aus den Kindern und aus der Werkstatt? Seit Susanne die Badedirne verflucht hat, bleiben die Kunden weg. Und heute Morgen stand ein Pentagramm aus Kreide auf der Schwelle.»
«Mutter!», mischte sich Eva jetzt ein, die bis dahin geschwiegen hatte. «Susanne muss da weg. Die Menschen sind dumm genug, sie auf den Scheiterhaufen zu werfen. Sie wäre nicht die Erste. Wir müssen ihr helfen. Schließlich gehört sie zur Familie.»
Ohne lange nachzudenken, fasste Eva einen Entschluss. «Susanne kann mit mir nach Leipzig kommen, Mutter.»
Sibylla starrte auf die Tischplatte und überlegte.
Schließlich blickte sie auf. «Gut», sagte sie mit entschiedener Stimme. «Susanne wird Eva nach Leipzig begleiten und dort ihrem Haushalt vorstehen. Ihr, Schulte, gebt ihr einen Scheidebrief, in dem steht, dass sie sich nichts hat zuschulden kommen lassen und dass Ihr sie aus der Ehe freigebt. Lasst ihn von zwei Zeugen unterschreiben. Wir werden inzwischen eine Wagenkolonne zusammenstellen, die Waren aus unserem Hause und alles, was Eva braucht, nach Leipzig bringt. Gebt uns zwei Wochen.»
«Und wo soll Susanne die ganze Zeit bleiben? Es ist zu gefährlich für sie, wenn sie weiter bei Schulte wohnt», warf Eva ein.
Sibylla dachte kurz nach und schlug dann vor: «Adam. Susanne wird zu Ida und Adam gehen. Dort ist sie sicher. Und niemand wird sie da vermuten. Schulte, Ihr haltet den Mund. Kommt nur eine Silbe über Eure Lippen, so gnade Euch Gott.»
Eva nickte zustimmend. Bei Ida und Adam würde Susanne in Sicherheit sein. Eva mochte die alte Haushälterin ihres Vaters, die nicht sprechen konnte, weil man ihr die Zunge herausgerissen hatte, als sie noch als Nonne in einem Kloster lebte und dort etwas entdeckt hatte, das unausgesprochen bleiben sollte. Und sie mochte, nein, sie liebte Adam Kopper, ihren Halbbruder. Im Stillen wünschte sie sich, er würde sie nach Leipzig begleiten. Doch sie wusste, dass er mitten in seinen Studien steckte. Arzt wollte er werden. Wie sein Vater.
Sibylla stand auf und sah Schulte auffordernd an. Der Mann verstand, erhob sich, dankte, grüßte erleichtert und verschwand.
«Schickt Susanne gleich zum Kopperhaus. Hört Ihr? Nicht nachher, nicht morgen, sondern sofort», rief Sibylla ihm nach.
Kaum war Schulte verschwunden, suchte sie nach ihrem Umhang und rief Eva zu sich. «Wir gehen zu Adam und Ida und nehmen Susanne in Empfang. Ich muss mit eigenen Augen sehen, dass sie gut untergebracht ist.»
«Ida wird gut für sie sorgen, Mutter.»
«Als ob es darum ginge!»
Hastig verließen sie das Haus und eilten zum Kopperschen Haushalt in der Schäfergasse. Wenige Minuten später traf auch Susanne ein. Schulte hatte Wort gehalten.
Sibylla unterrichtete Ida und Adam mit wenigen Sätzen über das Vorgefallene. Wie zu erwarten hatten die beiden nichts gegen einen Gast. Dann wandte sich die Mutter an Susanne: «Männer sind unberechenbar. Wer weiß, was Schulte noch alles in den Sinn kommt, Susanne. Ich habe keine Lust, mich wegen dir noch weiter in Unkosten zu stürzen. Dies ist deine letzte Chance, und ich rate dir: Nutze sie!»
Susanne hatte bei diesen Worten den Mund verzogen, aber nichts erwidert. Sie wusste, dass sie gegen Sibylla nichts ausrichten konnte. Das war schon ihr ganzes Leben lang so gewesen.
Als sie 16 war, hatte ihre Stiefmutter sie in ihre Gewandschneiderei zur Lehre gegeben. Zur Lehre! Dabei hätte ihr doch eine feine Erziehung in einem Stift oder Kloster zugestanden. Schließlich war sie eine Schierin und keine gemeine Handwerkerstochter. Sie hatte die Arbeit verweigert, und als Sibylla dahinter gekommen war, hatte sie sie zu einem alten Gerber als Magd geschickt. Das waren die schlimmsten Monate ihres Lebens gewesen. Schließlich war der Gerber gestorben, und Sibylla hatte sie dem jüngeren Sohn des Meisters Schulte zur Frau gegeben – nicht dem älteren, der die feine Werkstatt am Liebfrauenberg geerbt hatte. Statt ihrer hatte sie Katharina vorgezogen, eine simple Näherin, ein Nichts von geringer Geburt. Sie bediente jetzt die vornehmsten Kunden, und sie, eine Schieren, musste sich mit den einfachen Leuten aus der Neustadt begnügen. O ja, Susanne wusste, was sie ihrer Stiefmutter verdankte.
«Hast du mich verstanden?»
Sibylla stand vor Susanne und sah sie drohend an.
«Ja, ich habe verstanden. Ich werde Eva den Haushalt führen. Wenn ich mich noch einmal verheiraten möchte, muss ich mich selbst um eine Aussteuer kümmern. Von dir, Stiefmutter, bekomme ich keinen einzigen Gulden, kein Stück Leinwand, kein Geschirr oder gar Möbel.»
«So ist es», bestätigte Sibylla. «Eva wird dir Lohn zahlen wie einer ganz normalen Haushälterin. Zehn Groschen pro Woche müssen reichen. Damit kannst du dir eine Aussteuer zusammensparen, wenn du dein Geld beieinander behältst. Du bekommst überdies zu Ostern Stoff für ein neues Kleid und zu Weihnachten neue Leibwäsche. Und jetzt hilf Ida beim Abendbrot.»
Mit diesen Worten schickte sie Susanne fort.
Adam, der Sohn Isaak Koppers, hatte dem Gespräch ruhig zugehört. Obgleich er gerade mal so alt wie Eva war, war er ausgeglichen und besonnen wie sein Vater. Er hatte es Sibylla niemals übel genommen, dass sie mit seinem Vater nach Italien gegangen war. Während Sibylla, Isaak und Eva in der Toskana waren, hatte er ein Medizinstudium begonnen und das Kopperhaus verwaltet.
«Es geht mich nichts an, Sibylla», warf er ein. «Trotzdem finde ich, dass du an eine Entwicklung des Menschen glauben solltest. Im selben Maße, wie der Körper altert, sollte der Geist zunehmen. Vielleicht ist Susanne erst jetzt reif für ein Leben in eigener Verantwortung.»
Sibylla lachte und zerzauste ihm das Haar. «Du bist ein echter Kopper, Adam. Hast zwar gerade erst begonnen, Medizin zu studieren, redest aber schon wie ein alter, erfahrener Medicus.»
Adam lächelte die Mutter seiner Halbschwester an und griff nach ihrer Hand. «Du tust immer so streng, Sibylla, aber in Wirklichkeit hast du ein weiches Herz.»
«Rede kein dummes Zeug, Junge, kümmere dich lieber um deine Studien. Gehofft hatte ich, dass du Eva nach Leipzig begleiten kannst, aber ich sehe ein, dass es besser ist, wenn du hier erst einige Erfahrungen sammelst.»
«Sibylla, ich verspreche dir, dass ich nach Leipzig gehen werde, sobald ich kann. Sollte mich Eva vorher dringend brauchen, so weiß sie, dass ich immer für sie da bin.»
Der Tag des Abschieds rückte näher und näher. Es gab so viel zu tun, dass für Wehmut keine Zeit blieb.
Mehrere mit Lederhäuten bespannte Planwagen standen vor dem Haus in der Krämergasse, die zu den teuersten Straßen Frankfurts gehörte. Knechte beluden die Wagen mit schweren Kisten und Truhen. Heinrich, der Altgeselle, der statt Adam die beiden jungen Frauen begleiten sollte, stand daneben und überwachte die Arbeiten.
Gleich morgen früh würden die Wagen sich in einen bewachten Tross einreihen und den langen Weg nach Leipzig antreten.
In derselben Kolonne würden Eva und Susanne in einer Reisekutsche ebenfalls nach Leipzig gelangen.
Der letzte Abend brach an. Sibylla ging zu ihrer Tochter in die Kammer, die so leer war wie ein Vorratsspeicher im Frühjahr.
«Morgen früh wirst du mich verlassen», sagte Sibylla und betrachtete ihre Tochter aufmerksam.
Eva nickte und seufzte lächelnd. Noch einmal sah sie sich in dem kargen Raum um, in dem sie so viele Jahre verbracht hatte. Neben dem Fenster hing noch ein Sträußchen von getrocknetem Lavendel, das sie aus Florenz mitgebracht hatte. Ihr Waschgeschirr stand in einem Ständer neben einem kleinen Wandbord, das mit Erinnerungen an ihre Jugend übersät war: eine getrocknete Feldblume, die ihr beim letzten Maitanz ein Bursche geschenkt hatte, bunte Bänder für das Haar, Glasbehälter, in denen einmal Duftwässer gewesen waren.
Daneben war ein heller Fleck. Evas Bücher, Kostbarkeiten von großem Wert, waren längst in die Reisetruhen verpackt.
«Ich habe ein Geschenk für dich, Eva», sagte Sibylla, nahm ihre Tochter bei der Hand und führte sie in die eigene Schlafkammer.
«Hier, diesen Spiegel aus venezianischem Glas schenke ich dir.»
«Mutter, das ist der Spiegel, den mein Vater für dich anfertigen ließ!»
«Ich weiß, Kind. Und deshalb sollst du ihn auch haben. Ich habe keine Verwendung mehr dafür. Ich weiß, wer ich bin, und kein Spiegelbild wird mich eines anderen belehren. Und ich weiß, wie ich aussehe.»
Eva umarmte ihre Mutter und flüsterte: «Ich werde dich vermissen. Du warst immer mein Vorbild und wirst es bleiben. Aber ich bin nicht so wie du, auch wenn ich deine Tochter bin. Hoffentlich enttäusche ich dich nicht.»
Wenn Evas Worte Sibylla rührten, so ließ sie es sich nicht anmerken. Sie klopfte ihrer Tochter auf den Rücken, dann wand sie sich aus der Umarmung und verließ das Zimmer.
Im Flur hörte Eva sie rufen: «Wo sind die Knechte, he? Sie sollen den Spiegel einpacken. Morgen früh geht er mit Eva auf Reisen. Worauf wartet ihr noch?»
Die Sonne war gerade aufgegangen von, als die Reisekutsche inmitten eines Trosses von Planwagen und Kutschen von Frankfurt aus aufbrach. Bewaffnete Männer ritten der Kolonne voran. Reisen über Land waren gefährlich. Die Zeiten waren schlecht, viele Bauern waren aufgrund der immensen Abgaben an die Kirche und den Lehnsherrn so in Armut geraten, dass sie ihre Familien nicht mehr ernähren konnten. Diese armen Bauern, aber auch Soldaten, die keinen Feldherrn mehr hatten, entlassene Sträflinge und andere Wegelagerer lauerten entlang der bekannten Strecken.
Dennoch fühlte sich Eva inmitten des bewachten Trosses geborgen. Solange die Kutsche nicht kaputt ging, keine Achse und kein Rad brachen, waren sie, der Hausrat und die Pelze sicher. Angenehm würde diese Reise trotzdem nicht werden. In der Kutsche war es unerträglich heiß und eng.
Eva gegenüber saß Heinrich, der Altgeselle, der von Anfang an für ihre Mutter gearbeitet hatte und Eva in den langen vaterlosen Jahren ein guter Ratgeber geworden war. Nun hatte er die 50 längst überschritten und fühlte sich nach dem Tod seiner Frau, mit der er nur wenige Jahre gemeinsam gehabt hatte, unnütz. Sibyllas Angebot, Eva in Leipzig mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, schien ihm ein Wink des Schicksals. Er war zwar Kürschner, doch hatte er, wie die meisten Handwerker, auch ein großes Geschick für andere Gewerke.
Neben ihm hatte eine dicke Spezereienhändlerin Platz genommen, die bis Erfurt ihre Weggefährtin sein würde. Ihr rotbackiges Gesicht mit den wasserblauen Augen sah freundlich in die Gegend.
Eva blickte aus dem Fenster und warf einen letzten Blick auf die Frankfurter Häuser, deren Dächer im Licht der aufgehenden Sonne wie poliertes Kupfer glänzten.
Sie war aufgeregt. Ihre Hände knüllten unentwegt den Stoff ihres Kleides. Zum ersten Mal stand sie allein im Leben.
Nicht ganz, kaum hatten sie die Stadttore hinter sich gelassen, sah sie Susanne vor einer Mühle warten. Sie machte dem Kutscher ein Zeichen anzuhalten.
Kurz darauf drängte Susanne sich auf den Platz neben Eva.
«Gott mit Euch», sagte sie und klopfte Heinrich, der sie verwundert anstarrte, aufs Knie.
«Na, Heinrich, du hättest nicht gedacht, dass wir uns noch einmal wiedersehen, nicht wahr?»
Heinrich blickte Eva vorwurfsvoll an. Sie seufzte. Ihr war klar gewesen, dass die Vorgehensweise den treuen Ehrenmann verletzen würde, aber ihre Mutter hatte den Altgesellen nicht in Susannes Geschichte einweihen wollen, um ihn nicht zu gefährden. Auch die Mitwisserschaft von Hexenwerk und Teufelstun wurde mit dem Tode bestraft. Doch davon konnte er natürlich nichts ahnen. Sie würde es ihm später erklären müssen.
Heinrich fing sich wieder, schob Susannes Hand vom Knie und murmelte missmutig: «Nein, Susanne, das hätte ich wirklich nicht. Und ich glaube auch nicht, dass mir was gefehlt hätte.»
Susanne lachte, dann küsste sie Eva auf die Wange und wandte sich an die Spezereienhändlerin. «Ich bin Susanne», stellte sie sich vor. «Und das hier ist meine Schwester Eva. Unsere Mutter Sibylla Schieren– Ihr werdet sicherlich von ihr gehört haben – hat uns nach Leipzig geschickt, um neue Geschäfte zu tätigen.»
«Aha», nickte die Händlerin und betrachtete die beiden jungen Frauen. «Wie Schwestern wirkt Ihr nicht gerade.»
Ihr war das abgetragene Kleid der Älteren aufgefallen. «Red keinen Unsinn, Susanne», wies Heinrich sie zurecht.
Sofort brauste Susanne auf: «Neidest mir wohl meine Stellung, was? Wir sind Schwestern, sind gleich, denn schließlich tragen wir denselben Geburtsnamen.»
«Hört auf!», versuchte Eva die Streithähne zu bändigen. So konnte es nicht weitergehen. «Im Augenblick sind wir eine Reisegesellschaft und wollen hoffen, dass wir gesund dort ankommen, wo wir hinwollen.»
«Recht hat die junge Frau», mischte sich die Krämerin ein. «Wir sollten freundlich miteinander sein. Wie schnell kommt doch der Tod. Und wie oft auch unerwartet.»
Ja, sie hat Recht, dachte Eva. Der Tod ihres Vaters fiel ihr ein. Er war in der Toskana gestorben, wo sie zwei glückliche Jahre verbracht hatten. Evas Gedanken gingen zurück zu dem Abend, der seinem Begräbnis gefolgt war. Sibylla war vor Schmerz fast wahnsinnig geworden. Stundenlang hatte sie mit ihrem toten Liebsten Zwiesprache gehalten. Eva hatte dabeigesessen und die Geschichte ihrer Eltern zum ersten Mal gehört.
Sibylla hatte vor einem Wandschrank gestanden und in den Schubladen gesucht. Dabei hatte sie leise vor sich hin gesprochen: «Wo sind die Lichter? Ich hatte doch Wachskerzen gesehen. Isaak, weißt du, wo unser Lichter hingekommen ist?»
Eva zog eine andere Lade auf und zeigte ihr die Kerzen, die in Reih und Glied lagen. Dann setzte sie sich auf einen Stuhl in eine Ecke und beobachtete ihre Mutter.
Sibylla nahm ein weißes Wachslicht aus der Lade, steckte es in einen Leuchter und entzündete es umständlich mit dem Feuerschwamm. Dann lief sie, den Leuchter vor sich herhaltend, mit langsamen Schritten durch die Wohnstube. «Unsere erste Begegnung, Isaak – erinnerst du dich?–, stand schon im Zeichen des Todes. Ich war schwanger von Jochen Theiler, meinem ersten Mann. Doch als ich dich sah, wusste ich, dass ich Theiler nicht liebte. Du hast mir das Leben gerettet, als der Pöbel mir das Kind im Bauch zerquetschte. Hast mein Leben gerettet, aber meine Seele hielt ich von dir fern. Vom ersten Augenblick an wusste ich, dass du allein in meine Seele sehen konntest.»
Die Mutter hatte den großen Tisch in der Mitte des Zimmers umrundet und war wieder vor der Schublade angelangt. Sie nahm ein weiteres Licht, steckte es in einen Leuchter auf dem Fenstersims und entzündete es. Die Flamme flackerte ein wenig und warf einen goldenen Schein auf Sibyllas Antlitz.
«Als Jochen starb, wolltest du mich heiraten. Ich konnte nicht, Isaak. Wen hätte ich dir zur Frau geben sollen, Isaak? Du hast gedacht, ich sei eine Kürschnermeisterin, erfolgreich, stark und mutig. Doch das war nicht die ganze Wahrheit.
Nein, ich habe dich nicht nur zurückgewiesen, weil ich die Werkstatt behalten wollte und dazu einen Kürschnermeister brauchte. Das war nur ein Grund. Der andere lag tiefer, viel, viel tiefer. Ich war nicht die, die ich zu sein vorgab. Aber dich wollte ich nicht belügen. Also musste ich dich meiden.
Wäscherin bin ich gewesen, Isaak. Das hättest du nicht gedacht, nicht wahr? Durch Betrug bin ich an die Stelle der wahren und toten Sibylla geraten. Luisa hieß ich eigentlich, Isaak. Ich war die Tochter einer Wäscherin, die im Kürschnerhaushalt ihr Brot verdiente.»
Sie entzündete eine weitere Kerze. «Sieh, Isaak, dieses Licht brennt für dich. Du hast die Schatten der Vergangenheit verjagt, ohne sie zu kennen. Ich danke dir dafür, Isaak. Du weißt gar nicht, wie sehr. Und ich habe versäumt, dir zu sagen, wie sehr ich dich liebe. Auch ohne Worte hast du es gewusst, nicht wahr?»
Sibylla hielt sich mit den Händen am Fenstersims und konnte doch nicht verhindern, dass die Kraft sie verließ, als wäre sie ein leckes Gefäß. Langsam rutschte sie an der Wand hinunter auf den Boden und schlief ein.
Eva holte leise ein paar Felle und deckte ihre Mutter damit zu. Dann schloss sie den Holzladen und das Fenster, löschte die zahlreichen Kerzen und verließ auf leisen Sohlen das Wohnzimmer.
Die Stimme der Krämersfrau riss Eva aus ihren Gedanken und verjagte die schmerzliche Erinnerung.
»Habt Ihr von dem Mädchen gehört, das mit einer silbernen Maske gefunden wurde? Eine Hexe war es, die ihr Kind zu Tode gebracht hat, heißt es. Eine Hexe oder der Leibhaftige selbst.»
Bei diesen Worten verfinsterte sich Susannes Gesicht. Eva bemerkte es. Nachdenklich sah sie die Stiefschwester an. Sie glaubte zwar nicht an Hexen. Doch es gab etwas in Susanne, das in ihr ein leises Unbehagen hervorrief. Susanne schien so fest zu wissen, wer sie war und was sie wollte. Nie schien sie Unsicherheit, Zweifel oder gar Ängste zu spüren. Auch jetzt, mit der Inquisition auf den Fersen, saß sie in der Kutsche und sah sich um, als gehöre sie in diesen Tross voll wertvoller Güter.
Um sich von ihren unangenehmen Gedanken abzulenken, blickte Eva aus dem Fenster.
Gerade kamen sie an einem kleinen Weiher vorbei. Eine alte Frau pflückte Pflaumen vom Baum, und bei diesem Anblick stiegen in Eva Erinnerungen an das Pflaumenmus der treuen Köchin in der Toskana auf. Zu dieser Jahreszeit hatte sie es immer auf den Tisch gebracht, und jedes Mal war es ein besonderer Schmaus gewesen.
Fast glaubte sie, es riechen zu können, so deutlich war die Erinnerung daran. Eva musste schlucken. Sie warf noch einmal einen wehmütigen Blick auf die Alte, dann war die Kutsche weitergerumpelt und kam an einem Hügel vorbei, auf dem ein Galgen stand. Ein vor kurzem gehenkter Mann hing daran, Eva konnte die Zunge erkennen, die ihm aus dem Mund hing.
«Ich muss mal. Es ist die Aufregung. Der Kutscher soll anhalten», verlangte Susanne und sah Eva auffordernd an.
Eva schreckte hoch und klopfte an die Wagenwand, um den Kutscher zu verständigen. Sofort zügelte der Mann die Pferde. Susanne sprang heraus, und auch Eva nutzte die Gelegenheit. Sie stieg aus, reckte und streckte ihre Glieder.
Der Mann am Galgen schwankte leise im Wind hin und her, das morsche Holz knarrte. Plötzlich kam ein Raubvogel und setzte sich oben auf den Galgen. Obwohl sie ahnte, was jetzt gleich passieren würde, ging Eva näher heran.
Der Vogel flog auf die Schulter des Gehenkten. Eva sah, wie er mit dem Schnabel nach den Augen des Toten hackte. Unwillkürlich musste sie an das Mädchen vom Flussufer denken.
Heinrich war neben sie getreten.
«Überall Tod und Abschied», sagte Eva traurig. «Es ist, als ob alles zugleich stirbt. Die Blätter fallen von den Bäumen, die Heimat geht verloren, und hinter jeder Wegbiegung lauert der Tod. Vielleicht haben die Priester doch Recht, und der Untergang der Welt ist tatsächlich nahe.»
Heinrich nickte. «Ich habe schon viele Gehenkte gesehen, habe auch schon gesehen, wie Tiere sich an Toten zu schaffen machten. Aber nie so viele wie in diesem Jahr. Die Sünde, scheint es, ist in die Welt gekommen. Wenn der Teufel sich sogar schon die Jungfrauen holt, dann dauert es nicht mehr lange, bis das ganze Land in Flammen aufgeht.»
«Du meinst die Tote mit der silbernen Maske, nicht wahr? Sag, hast du mehr gehört?», fragte Eva.
Heinrich schüttelte den Kopf. «Ich weiß auch nicht mehr als alle anderen.»
«Wie kann ein Mensch nur so grausam sein?», fragte Eva.
Heinrich zuckte mit den Achseln. «Ich weiß es nicht. Vielleicht war es wirklich der Satan oder eine Hexe. Vielleicht aber auch nicht. So manch einer ist besessen, ohne dabei ein Teufel zu sein. Ich habe mal von einem gehört, der jungen Mädchen das Haar abschnitt, um sich ein Kissen damit zu stopfen. Als er deswegen vor Gericht stand, erklärte er, den Duft der Jungmädchenhaare bannen zu wollen, ehe das Alter ihn vernichtet. Bewahrer der Schönheit nannte er sich.»
Heinrich sah sich nach der Kutsche um und nahm Eva behutsam beim Ellenbogen: «Lasst uns zu den anderen gehen. Wir wollen heute noch ein gutes Stück schaffen.»
Der Rest der Fahrt verging bei leisem Geplauder. Hin und wieder schlief einer der Fahrgäste ein, wurden Äpfel verzehrt oder Most aus einem Schlauch getrunken. Am Abend machte man bei einer Herberge Station. Die Pferde wurden ausgespannt, gefüttert und getränkt, die Reisenden saßen in einem Schankraum und erholten sich bei mit Wermut gewürztem Bier und Braten von der Fahrt auf den unbefestigten Wegen, die ihre Glieder gehörig durcheinander geschaukelt hatte. Waren alle satt und zufrieden, verschwanden Eva und Susanne in einer der Kammern zur Nachtruhe, die anderen aber rückten die Tische und Bänke in der Schankstube zusammen und bereiteten sich auf dem Boden ein Nachtlager.
So verging die Reise, bis sie nach einer Woche endlich die Stadt Erfurt erreichten. Die rotbackige Krämerin verabschiedete sich und ging ihrer Wege. Die anderen schlugen ihr Nachtlager diesmal in der Herberge «Zum goldenen Stern» auf.
Susanne, Heinrich und Eva saßen an einem Tisch im Schankraum der Herberge und aßen einen herrlichen Eintopf aus Bohnen und Hammelfleisch, als Eva bemerkte, dass jemand sie anstarrte.
Sie drehte den Kopf und blickte direkt in die grauen Augen eines jungen Mannes mit halblangem dunklem Haar, der von außergewöhnlicher Schönheit war. Stolz wie ein Edelmann sah er aus, wie die Statue eines griechischen Gottes gar, die Eva in Florenz gesehen hatte. Sein Blick war so intensiv, dass Eva meinte, er könne in ihren Kopf hineinschauen und alle Gedanken lesen. Ein wenig erschrocken, aber auch geschmeichelt wandte sie sich ab. Sie wollte weiteressen, als sei nichts geschehen, doch es gelang ihr nicht. Die Bewegungen, mit denen sie den Löffel zum Mund führte, waren seltsam gespreizt. Als Heinrich eine Bemerkung über das Wetter machte, lachte sie übertrieben und warf das Haar über die Schulter auf den Rücken. Wie von selbst drehte sich ihr Kopf immer wieder dem Fremden zu. Er hatte einen Bogen Papier vor sich auf dem Tisch liegen und ein Stück Kohle in der Hand. Als sich ihre Blicke erneut trafen, lächelte er, stand auf und trat an ihren Tisch.
«Verzeiht», wandte er sich an Heinrich. «Ich bin ein wandernder Geselle und habe Unterhaltung nötig. Gestattet Ihr, dass ich mich zu Euch setze?»
Heinrich sah hoch, nickte und wies mit der Hand auf den Platz neben sich. Dann bestellte er einen neuen Krug Würzbier.
Der Fremdling saß Eva nun genau gegenüber, und seine grauen Augen, die die Farbe von unpoliertem Silber hatten, verfolgten jede ihrer Bewegungen.
Eva schluckte, schlug die Augen nieder und war nicht mehr in der Lage, weiterzuessen. Sie schob die Schüssel mit einem heftigen Ruck in die Mitte des Tisches. So heftig, dass sie umkippte, die Suppe sich über den Tisch ergoss und ihren Ärmel braun färbte.
Der Fremdling reagierte sofort und wischte behutsam über die Flecke auf ihrem Kleid.
«Danke», sagte Eva.
«Oh, gern geschehen. Euer Kleid ist hübsch. Aber es passt nicht zur Farbe toten Hammels. Zu diesem Kleid gehört ein Schmuck aus Silber.»
Er lachte laut. Eva lächelte verlegen, wusste nichts zu sagen. Schließlich dachte sie an den Papierbogen.
«Zeichnet Ihr?», fragte sie ein wenig töricht.
«Ja, hin und wieder», erwiderte er. «Ich verdiene mir mit Porträts ein warmes Essen und ein Nachtlager in den Herbergen.»
Als Susanne das hörte, beugte sie sich vor und fragte: «Würdet Ihr mich auch zeichnen?»
Der Fremdling blickte Susanne kurz an und entgegnete: «Was wäre Euch ein Bildnis wert?»
Susanne kicherte und verdrehte die Augen. Sie zupfte sich eine Haarsträhne unter der Haube hervor und wickelte sie um den Finger. Schließlich erwiderte sie mit einem Lachen, das Eva peinlich war: «Ihr habt die Frage falsch gestellt, Fremdling. Es hätte heißen müssen: ‹Ihr seid es wert, für die Ewigkeit gezeichnet zu werden. Darf ich es wagen?›
«Für die Ewigkeit gezeichnet zu werden», wiederholte der Fremdling nachdenklich und betrachtete Susanne so eindringlich, dass sie schließlich den Blick abwandte.
«Merkt ihn Euch gut, diesen Wunsch. Ich bin sicher, eines Tages werdet Ihr für die Ewigkeit gezeichnet werden.»
Susanne zuckte zurück. Etwas Bezwingendes war in der Stimme des Mannes. Sie wagte keine Erwiderung.
Der Fremdling sah Eva an. «Ich habe Euch gezeichnet», sprach er. «Aber ich habe kein Abbild gefertigt, sondern das gezeichnet, was ich in Euch erkenne. Wollt Ihr es sehen?»
Eva schüttelte den Kopf, dann nickte sie und schlug die Augen nieder, kratzte verlegen mit dem Fingernagel an dem trocknenden Suppenfleck herum.
Der Fremdling holte das zusammengerollte Blatt und überreichte es Eva.
«Habt keine Scheu. Seht es Euch an. Es gereicht Euch nicht zum Schaden», flüsterte er, und wieder war es ihr, als könne er bis auf den Grund ihrer Seele schauen.
Zögernd nahm sie das Blatt und entrollte es.
Sie hatte mit vielem gerechnet, doch nicht damit. Eva ließ die Zeichnung sofort fallen, als hätte sie sich verbrannt.
Ihre Augen verdunkelten sich und schauten starr, ihr Lächeln verschwand.
Heinrich bückte sich, nahm das Blatt und sah darauf.
«Ihr habt sie als Tier gezeichnet!», rief er aus und schüttelte vor Verwunderung den Kopf. «Als Hündin gar! Eine Jagdhündin.»
Susanne lachte schrill auf. «Ihr kennt die Menschen wohl recht gut?», fragte sie lauernd, und die Genugtuung troff aus ihrer grellen Stimme.
Der Fremdling bedachte sie mit einem so kalten Blick, dass Susanne verstummte.
«Möchtet Ihr noch immer von mir gezeichnet werden?», fragte er kühl. Susanne blieb ihm die Antwort schuldig.
«Ich… ich bin kein Tier, schon gar keine Hündin», Eva war noch immer bestürzt. «Was soll das? Warum habt Ihr mich so dargestellt? Wer seid Ihr, dass Ihr so etwas wagt?»
Der Fremdling antwortete leise und mit überraschender Zärtlichkeit in der Stimme: «Damit Ihr versteht, dass Ihr vorbestimmt seid, das zu sein, was Ihr sein wollt.»
