Die Wunderheilerin - Ines Thorn - E-Book

Die Wunderheilerin E-Book

Ines Thorn

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Beschreibung

Skandal im mittelalterlichen Leipzig Leipzig, Anfang des 16. Jahrhunderts: Obwohl ein Fluch auf ihm liegt, heiratet die Henkerstochter Priska den Stadtarzt Adam. Eigentlich müsste sie glücklich sein, doch sie weiß genau, dass Adam sie niemals lieben wird. Priska flüchtet sich in die Arbeit als Gehilfin ihres Mannes, schnell geht ihr der Ruf als Wunderheilerin voraus. Besonders beliebt ist sie bei den Frauen. Sie hilft ihnen, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern. Doch damit gewinnt sie nicht nur Freunde. Besonders ihre Zwillingsschwester Regina neidet Priska das Leben an Adams Seite ...

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Seitenzahl: 489

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Ines Thorn

Die Wunderheilerin

Historischer Roman

ERSTER TEIL

Erstes Kapitel

Leipzig, im Jahr 1503

Priska riss den Mund auf. Sie wollte schreien, doch die Worte blieben ihr in der Kehle stecken! Wie erstarrt stand sie in der Mauernische und sah mit vor Entsetzen weit geöffneten Augen auf das, was wenige Meter vor ihr geschah!

Ihre Meisterin, die Silberschmiedin Eva, wurde von einem Mann, dessen Gesicht mit einer silbernen Maske bedeckt war, überfallen. Er stieß die Meisterin zu Boden, Eva fiel, im Fallen verschob sich der Rock und entblößte ihre weißen Schenkel. Priska wollte hin, wollte der Meisterin helfen, doch ihre Füße gehorchten ihr nicht. Sosehr sie es auch versuchte, sie konnte sich nicht bewegen.

Der Mann mit der silbernen Maske hatte plötzlich einen schweren Stein in der Hand und holte aus, um Evas Gesicht zu zertrümmern. Die Meisterin krächzte und bedeckte mit beiden Armen das Gesicht.

Immer noch gelähmt vor Schreck, starrte Priska auf den Mann, wartete darauf, dass er den ersten Schlag führte. Ihre Knie wurden weich, und sie musste sich an der Mauer halten, um nicht umzusinken. Ihr Blick hing an dem Mann, der noch immer den Arm erhoben hatte. Priska schloss die Augen!

Doch sie hörte keinen Schrei, keinen Schlag. Nichts. Sie blinzelte, starrte auf den Mann und die Meisterin.

Der Mann öffnete den Mund. Priska hörte seine Worte: «Ich kann es nicht! Auch wenn es meinen eigenen Tod bedeutet, ich kann dich nicht töten.»

Und leiser, unhörbar fast: «Ich liebe dich, Eva. Ich habe dich immer geliebt.»

Sie sah, wie er die Finger der rechten Hand an seine Lippen führte, einen Kuss darauf hauchte und ihn Eva zuwarf. Dann ließ er den Stein einfach fallen, wandte sich um und lief weg.

Mit einem Wimmern sank Priska an der Hauswand hinab. Wie durch einen Nebel sah sie, dass Johann von Schleußig, der Priester, gerannt kam, der Meisterin aufhalf, ihr seinen Umhang über die Schultern legte und die Silberschmiedin mehr davontrug, als dass sie selbst lief.

Priska aber war noch immer unfähig, sich zu bewegen. Der Mann mit der silbernen Maske. Sie hatte ihn gleich erkannt. Es war David, Evas Ehemann und Meister der Silberschmiede, in der sie als Lehrmädchen tätig war.

Ihr Herz schlug in wildem Galopp. Der Meister hatte die Meisterin töten wollen! So, wie er einst den reichen Kaufmann und Nebenbuhler Andreas Mattstedt getötet hatte. Der Meister war ein Mörder und die Meisterin nur mit dem Leben davongekommen, weil es auch in dem Mörderherzen so etwas wie Liebe gab. Vorsichtig spähte sie die Gasse hinunter. Sie hörte von weitem Musik, Gelächter, Spottlieder und zotige Scherze. Es war Fastnacht, und ganz Leipzig war auf den Beinen. In der Nähe kreischte eine Frau auf, als hätte sie jemand in den Hintern oder in die Brüste gekniffen, dann erklang ein derbes Lied. Einer stimmte an, die anderen fielen ein, und schon schallte es bis zu Priskas Ohren:

«Herr Wirt, uns dürstet allen sehr:

Trag auf den Wein! Trag auf den Wein!

Dass dir Gott dein Leid verkehr:

Bring den Wein! Bring her Wein!

Sag, Gretel, willst du sein mein Bräutel?

So sprich, sprich! So sprich, sprich!

Wenn du mir kaufst einen Beutel,

vielleicht tu ich’s, vielleicht tu ich’s,

doch zerreiß mir nicht mein Häutel,

nur anstichs, nur anstichs!

Du, Hänsel, willst du mit mir tanzen?

So komm ran! So komm ran!

Wie die Böcke woll’n wir ranzen!

Nicht stolpern! Nicht stolpern!

Lass meinen Schlitz im Ganzen!

Schieb nur an! Hans, schieb an!

Der Gesang verlor sich in der Ferne, die fröhliche Meute war weitergezogen.

Priska spürte erst jetzt, wie sehr sie zitterte. Das Zittern kam nicht von der Kälte, nicht vom Schnee, der in dichten Flocken vom Himmel fiel. Nein, es kam aus ihrem Inneren, ließ sie am ganzen Körper erbeben. Sie schlug sich die Hand vor den Mund, um das Klappern der Zähne zu unterdrücken. Vergeblich.

Die Zeit verstrich. Immer noch stand sie in der Mauernische, betäubt vor Schreck. Es erschien ihr unendlich lange her, seit sie sich von den anderen Feiernden getrennt hatte, um nach Hause zu gehen. Plötzlich war die Meisterin vor ihr gewesen. Priska hatte sie einholen wollen, mit ihr gemeinsam nach Hause gehen wollen, doch dann war der Mann gekommen, und sie war in die Nische geschlüpft. Wie lange war das her? Stunden? Tage? Jahre? War es gar in einem anderen Leben gewesen?

Die Glocken der nahen Kirche, die Mitternacht verkündeten, holten Priska in die Wirklichkeit zurück. Über eine Stunde hatte sie hier gestanden. Langsam schleppte sie sich nach Hause. Sie achtete nicht auf den Schnee, nicht auf die Maskierten, die ihr hin und wieder begegneten.

Als sie die Silberschmiede in der Hainstraße erreicht hatte, keuchte sie, als läge ein langer Lauf hinter ihr.

Das Haus lag im Dunkeln. Nur aus der Werkstatt, die sich hinter dem Haus befand, drang ein Lichtschein.

Priska trat an das Fenster der Werkstatt und drückte ihre Wange an die kalte, von Eisblumen bedeckte Scheibe.

Ihre Wange schmerzte, und es dauerte, bis die Eisblumen unter ihrer Körperwärme schmolzen und einen Blick in das Innere der Werkstatt freigaben. Ein Tropfen Wasser rann ihr über die Wange.

Eva stand vor einem Taufbecken und trug mit Stichel und Punzeisen Ornamente auf. Sie war vollkommen in ihre Arbeit versunken, als wäre nichts geschehen, als wäre sie nicht gerade erst einem Mordanschlag entgangen.

Priska presste den Mund, die warmen roten Lippen gegen die Scheibe, schmeckte das Eis und den Dreck auf der Zunge. Wie konnte die Meisterin nach diesem Erlebnis zur Arbeit greifen?, fragte sie sich und versuchte Evas Gesichtsausdruck zu lesen.

Als ob sie ihre Blicke spüren könnte, hob die Meisterin den Kopf und sah zum Fenster. Priska schrak zurück. Aber die Silberschmiedin lächelte und winkte sie mit der Hand zu sich herein. Zögernd betrat Priska die Werkstatt.

«Warum feierst du nicht?», fragte die Lehrmeisterin und deutete mit der Hand nach draußen. «Es ist Fastnacht.»

Priska schaute die Meisterin verwundert an. Wie konnte sie jetzt ans Feiern denken? Warum klang ihre Stimme so ruhig und beherrscht, während Priskas Herz noch immer raste? Priska schüttelte den Kopf. «Bin fürs Feiern nicht gemacht», stammelte sie.

Die Silberschmiedin nickte und setzte sich auf einen Schemel.

«Der Meister ist weg. Für immer. Meine Stiefschwester Susanne ist mit ihm gegangen. Es gibt nun niemanden mehr, der sich um den Haushalt kümmert.»

Priska suchte nach einem Trostwort, doch ihr fiel nichts ein. «Ich habe gesehen, was passiert ist, stand in einer Mauernische», erwiderte sie schließlich. Ihre Wangen brannten wie Feuer. «Ich wollte Euch helfen, wollte schreien, aber ich konnte nicht. Wie erstarrt habe ich dagestanden.»

Eva winkte ab, als wäre es ganz und gar unwichtig, was und wen Priska gesehen hatte.

«Hast du Angst?», fragte sie nur, und jetzt erst sah Priska, dass sie die Hände so verkrampft hielt, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Sie versuchte, ein tapferes Gesicht aufzusetzen.

«Wovor? Er… er», Priska wagte es nicht, den Namen des Meisters zu nennen. «Er ist doch weg, sagtet Ihr.»

«Ja, er ist weg. Für immer. Die Werkstatt hat keinen Meister mehr. Wir sind schutzlos. Und eine Haushälterin haben wir auch nicht mehr, nun, da Susanne mit ihm gegangen ist.»

Priska wusste nicht, was sie sagen sollte. All ihre Versuche, sich zu beruhigen, waren vergebens. Noch immer schlug ihr Herz hart und schnell, noch immer presste das Grauen ihre Kehle zusammen. «Wenn Ihr wollt, könnte ich den Haushalt übernehmen», stammelte sie schließlich.

Eva seufzte und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. «Du bist eine gute Silberschmiedin. Vom Haushalt verstehst du nichts.»

«Eine Arbeit ist wie die andere. Ich kann lernen», entgegnete Priska.

Eva schüttelte den Kopf. «Einen Mann musst du dir suchen. Am besten einen aus der Zunft. Ich kann nichts mehr für dich tun. Die Werkstatt wird es nicht mehr lange geben.»

Priska spürte, wie ein brennendes Gefühl durch ihre Eingeweide kroch. Vor sechs Jahren hatte die Silberschmiedin ihre Zwillingsschwester Regina und sie aus der Vorstadt geholt. Sie hatte dem Vater, dem Henker, ein paar Gulden auf den Tisch gelegt. Ab sofort wolle sie für Priska und Regina sorgen, hatte die Silberschmiedin gesagt, und die Zwillinge waren mit ihr gegangen, weil der Henker es so befohlen hatte. Später hatte Priska begriffen, warum sie in die Silberschmiede gekommen waren. Die Meisterin hatte beweisen wollen, dass nicht die Herkunft über einen Menschen entscheidet, sondern das, was er daraus macht. Solche neuen Gedanken wurden derzeit oft besprochen, doch Priska verstand nichts davon. Sich seinen eigenen Platz im Leben suchen. Was sollte das sein, der eigene Platz? Nun, das Leben hatte sie in die Silberschmiede gestellt. Und das Leben würde entscheiden, wie es mit ihr weiterging. Wenn die Meisterin sie nicht mehr brauchte und sie verheiraten wollte, so würde sie eben heiraten müssen. Doch das war nicht so einfach, wie es klang.

Die Silberschmiedin sprach weiter: «Um Regina, deine Zwillingsschwester, sorge ich mich nicht. Sie wird leicht einen Mann finden. Ihr brannte der Rock schon vor der Zeit.»

Priska war sich da nicht so sicher. Die Meisterin hatte keine Ahnung vom Leben der niederen Stände. «Wen sollen wir heiraten? Ihr habt uns ausgebildet. Wir haben lesen, schreiben, rechnen, gute Manieren und sogar Latein gelernt. Doch unsere Abstammung bleibt unehrlich. Kein Handwerker wird uns wollen. In die Vorstadt können wir auch nicht mehr zurück. Niemand dort kann lesen oder schreiben. Wie Aussätzige würden sie uns behandeln.»

Eva antwortete nicht. Ihr Blick verweilte bei den Figuren, die sie an das Weihwasserbecken gebracht hatte. Adam und Eva im Paradies.

Priska merkte, dass die Meisterin mit ihren Gedanken ganz weit weg war. Das Schicksal ihrer Mündel kümmerte sie jetzt nicht.

Sie trat an das Weihwasserbecken und fuhr mit dem Finger über die Ornamente. «Soll ich Kugeln gießen?», fragte sie und deutete mit der Hand auf den Brennofen und den Barren reinen Silbers, der daneben lag.

Eva nickte. «Ja, gieße mir Kugeln und zieh mir drei dünne Drähte. Auch Krallen brauche ich, um die Steine zu fassen.»

Priska legte den Umhang ab. Sie band sich eine raue Lederschürze vor ihr Kleid und machte sich an die Arbeit.

Eine Stunde arbeiteten sie schweigend Seite an Seite. Die Straßen leerten sich allmählich, der Lärm erstarb.

Schließlich konnte Priska ihre Gedanken nicht länger für sich behalten. «Könnt Ihr die Werkstatt nicht weiterführen?», fragte sie in die Stille, in der nur die Buchenscheite im Brennofen leise knisterten.

«Wie?» Eva fuhr hoch. «Die Werkstatt? Es ist gegen die Zunftregeln, dass eine Frau einer Silberschmiede vorsteht.»

«Ihr könntet Euch zusammentun mit einer anderen Werkstatt.»

«Nein, Priska, das geht nicht.»

Priska blickte zu Boden. Die Meisterin bemerkte ihre Enttäuschung. «Du verstehst das nicht, Priska. Ich bin eine Meistersfrau, habe ein paar Jahre einer Werkstatt und einem Haushalt vorgestanden. Unter einem fremden Meister kann und darf ich nicht arbeiten. Außerdem gäbe es keinen, der mich nähme.»

«Aber Meister David…»

Eva nickte. «Der Meister war mein Mann. Das war etwas anderes. Jetzt bin ich ohne Mann, aber keine Witwe. Ich habe keine einflussreichen Freunde mehr und bin noch immer eine Fremde, obwohl ich schon seit Jahren in Leipzig lebe. Meine Mutter würde sich im Grab umdrehen, wenn sie mich jetzt sehen könnte. Ich bin gescheitert, Priska.»

Sie sah auf, ihr Gesicht wirkte alt und müde.

«Kein Meister in Leipzig würde mit mir zusammengehen wollen und dürfen. Außerdem bin ich schwanger.»

Priska nickte. Sie hatte schon vor einer Weile bemerkt, dass der Leib der Meisterin sich langsam rundete. «Wann kommt das Kind?», fragte sie.

«Im Mai, sagt die Hebamme.»

So bald schon. Priska wurde schwer ums Herz. Ihr und ihrer Zwillingsschwester Regina würde nicht viel Zeit bleiben. Doch sie wollte sich nichts anmerken lassen und konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Schließlich gab sie die gegossenen Kugeln und Drähte in einen Zuber mit kaltem Wasser, damit sie auskühlen konnten, und löschte das Feuer im Brennofen. Danach legte sie die Lederschürze ab und bürstete vorsichtig den Silberstaub heraus. Plötzlich bemerkte sie, wie müde sie war.

Sie rieb sich mit den Fäusten die Augen, blinzelte, sah zur Lehrmeisterin.

Auch Eva schien erschöpft zu sein. Ihr Gesicht war noch grauer, unter ihren Augen lagen tiefe Schatten. Ihre Lippen zitterten leicht. Sie sah so elend aus, als könne sie jeden Augenblick das Bewusstsein verlieren. Wieder überkam Priska tiefes Mitleid mit der Frau, die vor wenigen Stunden um ein Haar von ihrem Ehemann erschlagen worden wäre. Die Lehrmeisterin wirkte so einsam. So gottverloren. Selbst das Blut schien ihre Lippen verlassen zu haben.

Priska trat zu ihr und streichelte mit dem Zeigefinger sanft Evas bebenden Mund. Sie wusste nicht, warum. Noch nie hatte sie einen anderen Menschen berührt, nicht auf diese Weise.

Die Silberschmiedin hielt still, doch in ihren Augen begann etwas zu glimmen. Unvermittelt zog sie Priska an sich, mit einer Heftigkeit, die diese überraschte. Eva presste ihren Leib fest gegen Priskas, umklammerte sie mit den Armen, als würde ihr Leben davon abhängen.

Priska roch den Duft der Meisterin; ein wenig Schweiß und den bittersüßen Geruch der Angst, der noch immer in ihren Kleidern, in ihrem Haar, in ihrer Haut saß.

Bevor sie wusste, wie ihr geschah, nahm die Meisterin ihr Gesicht in beide Hände, überflutete sie mit Blicken, die etwas erflehten, das Priska nicht zu deuten vermochte. Priska hielt ganz still. Sie wagte kaum zu atmen und schloss die Augen.

Als Evas Mund ihre brennende Wange berührte, zuckte sie zusammen. Sie spürte Evas Lippen, diesen leichten, warmen Druck, der ihre Haut streichelte. Priskas Lider zitterten, ihre Seele zitterte unter diesen Liebkosungen. Noch nie war sie geküsst worden. Noch nie. Nicht von der Mutter, nicht vom Vater, von den Schwestern, den Brüdern. Die fremden Lippen auf ihrer Haut erschreckten und besänftigten sie zugleich, machten sie fast willenlos.

Als die Lippen sich von ihrer Wange lösten, öffnete Priska nur zögernd ihre Augen und schlug sie gleich darauf nieder. Sie konnte Eva nicht ansehen. Verwirrt berührte sie mit dem Finger die Stelle, an der sie den Kuss empfangen hatte. Sie wusste nichts zu sagen, wusste nicht, wohin mit den Händen, den Füßen, den Blicken. In ihrer Not griff sie nach ihrem Umhang und rannte aus der Werkstatt.

Eva sah ihr nach und schüttelte den Kopf.

Zweites Kapitel

Ich wusste, dass es schwierig sein würde, dachte Johann von Schleußig, doch ich ahnte nicht, dass es unmöglich ist, ihr zu sagen, was ich fühle.

Er saß in der Wohnstube des Silberschmiedehauses und ließ seinen Blick über die schweren Vorhänge vor den Fenstern schweifen, die den Wind, der durch die Ritzen pfiff, abhalten sollten. Früher hatte er diese dunkelroten Vorhänge mit den goldenen Stickereien immer behaglich gefunden. Jetzt aber, wo es keinen Mann mehr in diesem Haus gab, wirkten sie auf ihn wie Sargtücher. Die Felle, mit denen Bänke, Armlehnstühle und sogar der Dielenboden bedeckt waren, hatten nichts Anheimelndes mehr, sondern waren nur noch die Überbleibsel toter Tiere. Selbst das Licht der Öllampe, die auf dem großen Holztisch stand, und das der Kerzen auf dem Kaminsimsleuchter schienen ihm düster, die flackernden Schatten, die sie an die Wände warfen, beängstigend.

Er war gekommen, um Eva Trost zu spenden, das war seine Aufgabe als Priester. Doch Eva schien keinen Trost zu brauchen. Sie stand neben dem Kamin. Das Kleid aus dunklem, schwerem Wollstoff war zwar kostbar und aufwendig gearbeitet, umhüllte sie jedoch formlos wie eine Pferdedecke und verwischte die Konturen ihres Körpers. Ihr Haar hatte sie unter einer Haube verborgen, die ebenfalls aus dunklem Stoff war, und Johann von Schleußig erinnerte sie an eine Krähe, die auf einem einsamen, nur von Raureif bedeckten Feld nach nicht vorhandenen Saatkrumen suchte. Er seufzte. Es wäre vielleicht besser gewesen, dachte er und erschrak zugleich über seine Gedanken, wenn ihr Mann David sein Werk vollendet hätte. Was für ein Leben wartete noch auf sie? Eine Witwe war sie nicht, sondern eine Verlassene. Eine Sitzengelassene, die es nicht verstanden hatte, ein gutes Weib zu sein. So würden die Leute reden. Mannlos zu sein war das Schlimmste, was einer Frau geschehen konnte. Sie hatte keine Rechte, durfte keine Geschäfte tätigen, keine Werkstatt führen, wurde von den anderen gemieden und lief immer Gefahr, ihren guten Ruf zu verlieren. Eine verlassene Frau zu sein, das war schlimmer als Witwe oder Jungfer. Denn eine Verlassene war selbst schuld an ihrem Schicksal. Eine Frau hatte dem Mann zu gehorchen. Im Haus, in der Werkstatt, in der Küche und im Bett. Lief er weg, nun, so war sie keine gute Ehefrau gewesen. Die Zunft würde ihr die Werkstatt schließen, die Nachbarinnen den Gruß verweigern, die Männer sie mit scheelen Blicken betrachten und sie den eigenen Frauen als abschreckendes Beispiel vorhalten.

Wieder seufzte er und musste an sich halten, um nicht aufzustehen und sie in den Arm zu nehmen. Doch er war Priester.

Nicht nur wegen des Trostes war er gekommen, er brachte auch eine Warnung. Am liebsten würde er schweigen, doch er musste darüber reden.

Eva lächelte, sie war ahnungslos, welches Unwetter sich über ihrem Haus zusammenbraute. Sie kam zum Tisch, hob den Krug, schenkte Most ein, setzte sich ihm gegenüber und legte die Hände vor sich auf die Tischplatte.

«Was wollt Ihr jetzt tun so ohne Mann?», fragte der Priester und strich mit der Hand über seine Soutane.

Eva zuckte mit den Achseln. «David ist fort, aber nur wir wissen, dass er niemals zurückkehrt. Sagen werde ich, er sei auf Reisen gegangen. Ja, das werde ich machen, wenn die Nachbarinnen fragen, die Boten von der Zunft Nachrichten wollen und die Krämer auf dem Markt erneut fragen. Nach Florenz ist er gegangen, um Juwelen zu kaufen. Oder besser noch: Er ist nach Florenz gegangen, um Susanne zu ihrem Bräutigam zu bringen. Das ist gut, dann habe ich eine Begründung für die Abwesenheit der beiden und kann selbst allmählich in den Alltag zurückfinden. Susanne hat einen Juwelenhändler zur Messe kennen gelernt. Einen Witwer, der viel älter ist, aber ein sorgenfreies Leben zu bieten hat. David begleitet sie, verheiratet sie. So haben die Leute nichts zu schwatzen, und ich kann an seiner Stelle die Werkstatt weiterführen. Wenigstens für eine Weile noch.»

«Aber das werden sie Euch nicht glauben», warf der Priester ein. «Die Nachbarn wissen mehr, als Ihr glaubt. Eine Hochzeit und eine solche Reise erfordern Vorbereitungen, die nicht unbemerkt bleiben. Die Händler kennen sich untereinander. Bald schon wird man Euch fragen, wer der glückliche Bräutigam ist. Was wollt Ihr dann sagen?»

Eva zuckte mit den Schultern. «Ich weiß es nicht, Johann. Aber die Wahrheit muss verborgen bleiben. Wem wäre gedient, wenn ich sagen würde, wie es wirklich war? Dass David sich zum Herrn über Leben und Tod aufgeschwungen hat und sich größer und klüger dünkte als alle Ratsherren zusammen? Dass er gemordet hat? Zuerst das Bademädchen in Frankfurt, dann den Ratsherrn und Kaufmann Andreas Mattstedt. Und am Ende ich. Erschlagen hätte mich David wie einen Hund.»

Johann schüttelte entschlossen den Kopf. «Ihr müsst die Wahrheit sagen, Eva. Eure Lügen werden über kurz oder lang ans Licht kommen. Sagt, wie es war. Schlimmer als jetzt kann es nicht mehr werden.»

«Ich soll den Leuten erzählen, dass David mich töten wollte und danach mit meiner Schwester durchgebrannt ist? Sagen soll ich, dass ich eine Verlassene bin, eine, die es nicht verstanden hat, ihren Mann zu halten?»

«Seit wann schert Euch das Gerede der Leute?»

Eva zuckte die Schultern und sah über Johann von Schleußig hinweg an die Wand. «Es ist schwer, stark zu sein, wenn man allein ist», sagte sie leise. «Ich habe nur wenige Freunde hier in der Stadt und ertrage es nicht, nun noch mit Hohn und Spott überschüttet zu werden. Ich bin schwanger, Johann.»

«Ihr seid schwanger von ihm?»

Johann von Schleußig blickte verstohlen auf ihren Leib.

Sie nickte und warf den Kopf trotzig in den Nacken. «Was ist dabei? Er ist mein Ehemann. Mein Kind ist ehrlich gezeugt.»

Johann von Schleußig verzog das Gesicht. «Was redet Ihr da, Eva? Das wird Euch auch nicht helfen, wenn die Wahrheit herauskommt. Ihr braucht einen Beschützer. Ihr müsst zur Ruhe kommen. Die letzte Zeit war sehr schwierig und anstrengend für Euch. Allein werdet Ihr nicht bestehen können – vergesst nicht, Ihr seid eine Frau», mahnte der Priester.

«Ihr sagt das? Ausgerechnet Ihr, der Ihr immer gepredigt habt, dass ein jeder selbst seines Glückes Schmied sei, dass eine Frau ebenso viel wert sei wie ein Mann?» Evas Wut färbte ihre Wangen rot.

Johann von Schleußig senkte den Kopf. Sie hat Recht, dachte er. Es sind meine Worte. Aber ich möchte sie schützen. Sie braucht jemanden, der ihr beisteht.

«Ich sorge mich um Euch. Könnt Ihr das nicht verstehen?»

Evas Züge wurden weich. «Es ist freundlich gedacht von Euch. Ihr wart mir immer ein guter Freund, ein Helfer in der größten Not. Ich habe Euch so sehr gebraucht, als David noch da war. David hat…»

«David, immer wieder David.» Johann von Schleußig konnte diesen Namen nicht mehr hören. «Er sitzt Euch in den Knochen wie ein immer währender Schnupfen. Er trübt Euch den Blick, macht das Ohr taub und den Kopf schwer. Ihr werdet Mutter, Eva. Allein schafft Ihr das nicht», setzte er erbost nach. Dann erschrak er über seine eigenen Worte. Er konnte nicht mehr ganz bei Trost sein.

Evas Gesicht hatte sich verdunkelt. Sie stieß sich mit den Händen vom Tisch ab, als brauche sie Schwung, und stand auf. Dann trat sie vor ihn, streckte ihre Hände nach ihm aus.

«Johann, Ihr wisst, wie lieb und teuer Ihr mir seid. Ja, Ihr seid mir lieber, als ich möchte, lieber, als für einen Priester gut ist. Ihr wisst es doch. Warum zwingt Ihr mich, es auszusprechen?»

Sie lachte schrill auf, was Johann von Schleußig an das Krächzen einer Krähe erinnerte.

«Die Sitzengelassene und der Priester», fuhr sie fort, «ein schönes Gespann sind wir.»

«Auch ein Priester kann nicht allein von Gottes Liebe leben», wandte Johann von Schleußig ein.

«Niemand kann das.» Eva sah ihn nicht an. Johann von Schleußig stand auf. «Dann gehe ich. Es gibt schon noch Menschen da draußen, die mich brauchen», sagte er und hoffte, Eva würde ihn zurückhalten. Die Warnung steckte noch immer unausgesprochen in seiner Kehle.

«Kommt wieder, Johann. Kommt recht bald wieder. Und verzagt nicht. Es kommt alles etwas zu früh. Ich muss erst meinen Haushalt ordnen, mir selbst darüber klar werden, wie es weitergehen soll.»

«Ich verstehe», entgegnete Johann von Schleußig nach einer kurzen Pause, «nehmt Euch die Zeit, die Ihr braucht. Was werdet Ihr mit Regina und Priska machen? Ihr habt sie aus der Vorstadt geholt, weil Ihr beweisen wolltet, dass nicht die Herkunft, sondern das eigene Handeln den Menschen bestimmt. Und nun?» Eva wiegte den Kopf. «Priska hat die Gunst genutzt. Sie ist eine gute Handwerkerin, hat bei der Lechnerin Latein gelernt, kann schreiben, lesen, sich bei Tisch und in Gesellschaft manierlich betragen. Bei Regina dagegen war alles umsonst. Gelernt hat sie nur, wie man den Männern den Kopf verdreht, wie man sich schmückt und die Lippen färbt, wie man den Busen reckt und den Hintern schwenkt. Sie ist noch immer von niedrigem Wesen. Vergebens jede Mühe, sie veredeln zu wollen.»

«Ich hörte, sie geht mit einem Zimmermannsgesellen.»

Eva zuckte mit den Schultern. «Heute mit diesem, morgen mit jenem. Die Zwillinge sind 17Jahre alt. Ich werde sie verheiraten müssen. Aber das braucht Zeit. Deshalb will ich die Werkstatt noch ein wenig führen. Nur noch ein paar Wochen so tun, als wäre ich eine ehrbar verheiratete Frau.»

«Ihr dürft dabei Euren Bruder Adam nicht vergessen. Ihr wisst um seine Schwierigkeiten?»

Jetzt war es heraus, war die Warnung endlich ausgesprochen.

«Johann, was glaubt Ihr denn? Natürlich weiß ich, was die Leute reden. In den Augen der anderen ist er ein Verbrecher, der widernatürliche Unzucht treibt. Sodomit nennen ihn die Leute und würden ihn am liebsten auf dem Scheiterhaufen brennen lassen, wenn er sich denn doch einmal erwischen ließe. Aber vielleicht stimmt das gar nicht, vielleicht ist es ein Gerücht, das David in die Welt gesetzt hat. Schließlich wusste auch Adam, dass David ein Mörder ist.»

«Es gibt Zeugen für Adams Tun.»

Johann von Schleußig zog Eva neben sich auf den Stuhl, nahm ihre Hände fest in seine. «Bei der letzten Ratssitzung war ich. Es haben sich zwei Leipziger gemeldet, die mit eigenen Augen gesehen haben wollen, dass Adam einen Liebsten hat. Der Liebste sei ein Mönch, lebe bei den Barfüßern. Sie sollen sich kennen gelernt haben, als Adam sich für den botanischen Garten, den die Universität anlegen lassen will, interessiert hat. Auch der Barfüßer wollte mithelfen. Er hat das Arzneigärtchen der Barfüßer unter sich. Man sagt, er sei ein guter Apotheker. Sie waren zusammen vor den Toren der Stadt, hatten Leinenbeutel für die Kräuter dabei und einen Weidenkorb. Ein Fischer, der auf Krebsfang war, und eine Wäscherin, ein altes Tratschweib, haben gesehen, wie sie sich geküsst haben. Am helllichten Tage, Eva!»

Eva schüttelte den Kopf. «Das glaube ich nicht. Sie werden sich beide gebückt haben und zur gleichen Zeit, die Köpfe dicht aneinander, wieder nach oben gekommen sein. Die Leute lügen.»

«Mag sein. Aber der Rat schenkt ihnen Glauben.»

«David wird sie bezahlt haben für ihre lügnerischen Worte. Ihr wisst, dass mein Bruder David ein Dorn im Auge war. Adam wusste um seine Schandtaten. Er hätte ihn an den Galgen bringen können. Deshalb hat David die Leute für ihre Lügen bezahlt. Er wollte Adam auf den Scheiterhaufen bringen, um selbst unbehelligt zu bleiben.»

«Ihr mögt Recht haben, aber wie wollt Ihr das beweisen? Bernhard von Regensburg, ein kluger Mann und Kirchenlehrer, sagte einst – und die Leute glauben ihm noch immer–, dass die Sünde, deren Adam sich schuldig gemacht hat, so groß ist, dass weder Gott noch die Menschen, ja nicht einmal der Teufel ihr einen Namen zu geben gewagt hätten.»

«Bernhard von Regensburg ist lange schon tot.»

«Das stimmt, Eva. Aber die Leute glauben immer das, was ihnen am nächsten liegt. So war es, so wird es immer sein. Ihr seid nicht beliebt in der Stadt. David war zu hochfahrend. Ihr wisst es. Also werden die Leute dem Fischer und der Wäscherin glauben, weil sie ihnen glauben wollen. Davids Hochmut wird Adams Verhängnis sein.»

«Kann das sein, Johann? Kann er noch aus der Ferne Schaden über uns bringen?»

Der Priester zuckte mit den Achseln. «Es tut mir leid. Ich musste es Euch sagen. Warnt Adam. Vielleicht ist es das Beste, er ginge von hier fort.»

Eva ließ die Schultern hängen. Eine Träne rann ihr über die Wange. Johann streckte die Hand nach ihr aus, wollte sie berühren, doch ihr Blick war so abwesend, so schmerzvoll, dass er den Arm sinken ließ.

«Wohin soll er gehen? Er hat doch niemanden als mich. Wir brauchen einander. Sein Studium an der Universität steht kurz vor dem Abschluss. Die Stelle eines Stadtarztes ist ihm angeboten worden. Gibt es keine andere Lösung?», fragte Eva unruhig.

«Doch», erwiderte der Priester. «Eine gibt es, aber gottgefällig ist sie nicht. Einige im Rat verlangen eine Untersuchung. Andere gibt es, die nichts auf das Gerede geben. Aber sie würden Adam gern vor dem Altar sehen. Ein verheirateter Mann steht über jedem Verdacht.»

«Ja, das ist richtig», erwiderte Eva. «Aber wer sollte ihn heiraten wollen? Wo ist das Mädchen, das nichts auf die dummen Reden gibt?»

Drittes Kapitel

Die Rathausuhr schlug sechsmal. In den Straßen war es ruhig geworden. Die Kälte hatte alle Leute vertrieben. Nur ein vereinzelter Karren rumpelte noch durch die Hainstraße. Eva trat ans Fenster und sah hinaus. Ein altes Weib mit einer Kiepe humpelte Richtung Rahnstädter Tor. Vielleicht hatte sie Holz auf dem Markt verkauft und war nun auf dem Weg zu ihrer Lehmhütte vor den Toren der Stadt.

Eine Sänfte wurde vorübergetragen, und Eva erkannte einen Ratsherrn. Er trug einen Mantel von Hermelin, hatte sich weit aus der Sänfte gebeugt und trieb die Träger mit rohen Worten an. Seine roten Wangen verrieten, dass ihm gewiss nicht kalt war unter seinem Pelz.

Zwei Bettler, an ihren schäbigen Umhängen und den großen, schwarzen Kapuzen zu erkennen, schleppten sich müde zurück zu ihrer ärmlichen Kummerkate vor der Stadt. Eva wusste, dass sie die Abendmesse noch abgewartet hatten, um ein paar Heller zu erbetteln.

Ein Lehrjunge in Holzpantinen schlitterte über die glatte Gasse und hielt dabei zwei Krüge, die er wohl aus der nahen Schänke geholt hatte.

Hinter ihr bewegte sich etwas. Bärbe, die Magd, war in die Wohnstube gekommen und hatte ein paar Buchenscheite in den Kamin geworfen. Nun räusperte sie sich laut.

«Was ist?», fragte Eva, wandte sich vom Fenster ab, setzte sich in einen Armlehnstuhl, der vor dem Kamin stand, und nahm ihren Stickrahmen zur Hand.

Bärbe verzog das hagere, hässliche Gesicht zu einem Lächeln und strich über die gestärkte Schürze, die Susanne mit feinen Stickereien verziert hatte. Susanne hatte immer auf das geachtet, was sie unter Vornehmheit verstand. Selbst in der Küche. Nun war sie weg, und Bärbe hatte sich die Schürze gegriffen. Das war Diebstahl, doch Eva war zu müde und zu kraftlos, um Bärbe zurechtzuweisen.

«Das Essen ist fertig. Soll ich den Tisch eindecken? Wünscht Ihr hier oder in der Küche zu speisen?»

Eva verzog unwillig den Mund. Bärbes anmaßender Ton ging ihr nun doch zu weit. «Sind die Kapaune schön knusprig gebraten und die Kastanienfüllung kräftig gewürzt? Das Brot noch warm? Die Bohnen mit Speck gekocht?», fragte sie mit harter Stimme.

Bärbe sog hörbar die Luft ein. «Alles, wie Ihr es befohlen habt.»

«Gut. In der Küche essen wir nur, wenn wir unter uns sind. Heute Abend erwarte ich Gäste, wie du weißt. Also wird in der Wohnstube gedeckt. Die Zwillinge essen mit uns, der Knecht und du, ihr bleibt in der Küche.»

Die Magd Bärbe runzelte die Stirn. «Frau Susanne hat aber immer…»

«Susanne ist meine Schwester», unterbrach sie Eva. «Sie gehört zur Familie, hat mir den Haushalt geführt. Ihr Platz an der Familientafel war selbstverständlich. Du bist eine Magd, Bärbe.»

«Die Zwillinge sind Lehrmädchen. Das ist noch weniger als eine Magd.»

«Willst du mir sagen, wie ich in meinem Haushalt herrschen soll?», fuhr Eva sie an.

Die Magd zuckte zusammen, hob die Hände über den Kopf. Aber Eva hatte sie noch nie geschlagen.

«Wer an meiner Tafel speist, bestimme ich und kein anderer», zischte sie nur.

Die Magd wurde rot. Sie knickste, dann ging sie zum Wandschrank und entnahm ihm ein blütenweißes Leinentuch mit bestickten Rändern sowie die versilberten Teller.

«Du deckst das Beste auf, das wir haben», tadelte Eva, noch immer verärgert über Bärbes Aufsässigkeit. «Kannst du nicht unterscheiden? Es ist kein Ratsherr, der zu Gast kommt. Nur mein Bruder und Johann von Schleußig.»

«Wie soll ich wissen, wer Euch was bedeutet?», fragte die Magd trotzig. Sie stellte die Silberteller zurück in den Schrank.

«Du wirst es lernen müssen. Am besten so schnell wie möglich.»

Mit diesen Worten verließ Eva hoch erhobenen Hauptes das Zimmer.

Im Gang prallte sie fast mit Priska zusammen, die aus der Werkstatt gekommen war. Ein Silberspan haftete auf ihrem Haar. Sie trug den Geruch nach Metall in den Kleidern.

«Heute Abend haben wir etwas zu bereden, Priska», sagte Eva ernst. «Das Abendmahl nehmen wir in der Wohnstube ein. Sag deiner Schwester Bescheid.»

Priska senkte den Kopf und nickte, dann drückte sie sich in ihre Kammer, warf sich auf das Bett und lauschte den Schritten der Lehrmeisterin.

Mit ihr sprechen, das war es, was sie ersehnte und zugleich verwünschte. Sie, Priska, war eine Sünderin vor dem Herrn. Sie hatte es geahnt, seit der Fastnacht, als sie sich von Eva hatte küssen lassen. Heute Morgen nun hatte sie aus dem Munde des Priesters gehört, wie sündig sie war. Adam sollte auf dem Scheiterhaufen brennen für einen Kuss wie den ihren.

Und doch sehnte sie eine Wiederholung herbei. Sie konnte den Kuss nicht vergessen. Es gab kein Zurück mehr. Sie konnte nicht mehr das Lehrmädchen sein, sich nicht mehr wie eines verhalten. «Ja, Herrin. Nein, Herrin. Sofort, Herrin.» Stattdessen wollte sie nur noch geküsst werden. Dabei wusste sie, dass es keine weiteren Küsse geben würde. Eva hatte das Leben feiern wollen, nachdem sie dem Tod entkommen war, nichts weiter. Priska war da gewesen. Jeder andere, jede andere wäre genauso recht gewesen. Die Silberschmiedin hatte nicht Priska geküsst, sondern das Leben.

Vom Leben verstand Priska nichts. Sie kannte nur den Tod. Von der Liebe wusste sie nichts. Aber der Kuss hatte sie gewärmt. Zum zweiten Mal in ihrem Leben hatte die Meisterin sie in ein neues Leben gestoßen. Ohne zu fragen. Zuerst hat sie mich zum Silberschmiedelehrling gemacht, dachte Priska, und nun noch zur Geküssten. Sie musste an Regina denken, ihre lebensgierige Schwester. Einmal hatte Regina ihr erzählt, wie ein Kuss ihr den Schoß zum Brennen gebracht hatte. Wie Feuer sei das Blut durch die Adern geflossen und habe sie ganz feucht gemacht zwischen den Beinen.

Evas Kuss war nicht wie Feuer gewesen, hatte nichts feucht gemacht. Nur warm und weich war er gewesen. Wie der erste Sonnenstrahl im Frühling.

Zweifelnd blickte Priska in die polierte Metallplatte, die als Spiegel diente. Sie sah eine schmale junge Frau mit grauen Augen, einer geraden Nase und Lippen, die zwar denen von Regina ähnelten, ihnen aber doch nicht glichen. Reginas Mund war gierig. Manchmal, wenn sie die rote Paste auftrug, sah er aus wie eine Wunde. Oder wie ein Tiermaul, das alles verschlang, was in seine Nähe kam. Priskas Mund dagegen war eine Öffnung, durch die Speisen von außen nach innen und die Worte von innen nach außen gelangten. Ein Werkzeug, mehr nicht.

Priska hörte, wie der Messingklopfer gegen das Holz der Eingangstür geschlagen wurde. Sie seufzte und stand auf. Die Gäste waren gekommen; gleich würde das Mahl aufgetragen werden.

Sie strich ihr Kleid glatt, fuhr mit der Bürste über ihr helles Haar und ging zur Kammer ihrer Schwester.

Ohne anzuklopfen, trat sie ein. Regina saß ebenfalls vor ihrer polierten Metallplatte, doch aus anderen Gründen als Priska. Sie war dabei, sich zu schmücken. Die rote Paste hatte sie bereits aufgetragen, nun war sie dabei, die Augenbrauen mit schwarzem Ruß noch zu betonen.

«Was gibt es?», fragte sie, ungehalten über die Störung.

«Wir werden heute Abend gemeinsam mit Adam und dem Priester im Wohnzimmer speisen, soll ich ausrichten.»

«Warum das? Wir essen doch immer in der Küche!»

Regina fuhr herum. Priska verzog den Mund und sah die Schwester tadelnd an. Sie war nicht nur über alle Maßen angemalt, auch ihr Mieder war nur nachlässig geschlossen. Die Brüste waren hochgedrückt und lagen im Stoff wie Äpfel in der Auslage.

«Wie du aussiehst!», sagte Priska.

«Na und? Den Männern gefällt es, wie ich aussehe. Zu dir hat das bestimmt noch keiner gesagt.»

«Wie fühlt sich ein Kuss an?»

«Was? Was sagst du da?»

«Wie fühlt sich ein Kuss an?»

«Wozu willst du das wissen? Hast du dich etwa verliebt?»

Regina lachte albern, aber Priska verzog keine Miene.

«Wie fühlt er sich an?»

«Hmm, er schmeckt wie Walderdbeeren. Im Unterleib beginnt es zu kribbeln. Ist der Kuss gut, möchtest du den Mann am liebsten aufessen. Du willst mehr, immer mehr.» Sie kicherte. «Und nicht nur Küsse willst du.»

«Was willst du noch?»

Regina verdrehte die Augen. «Weißt du es nicht? Seine Hände sollen über deinen Körper fliegen. Du willst überall angefasst werden. Überall, Schwester. Am Schluss soll er eindringen in dich. Das ist es, was du willst, wenn einer gut küsst.»

Priska spürte, wie die Scham ihr die Wangen färbte. «Hat schon mal einer dich so geküsst?», fragte sie.

Regina lachte, warf das Haar über die Schulter, reckte die Brüste. «In der Schrift steht, es ist Sünde, sich hinzugeben, wenn man nicht verheiratet ist.»

Priska nickte. Sie wusste, Regina würde nichts sagen, doch ihre Blicke verrieten alles. «Brennt man nur von Küssen von Männern? Was ist mit den Küssen von Frauen?»

«Pfff!» Regina winkte ab. «Freundschaft ist das oder Vornehmheit oder Mütterlichkeit. Sonst nichts. Küsse von einer Frau zählen nicht.»

«Zählen nicht?»

«Wie auch! Es brennt ja nichts, und nichts wird nass. Aber es muss brennen und feucht werden, wenn man ein richtiges Weib sein will.»

Priska nickte. Sie hatte nicht genau verstanden, wovon Regina sprach. Wenn Küsse unter Frauen mütterlich waren, dann mussten Küsse unter Männern väterlich sein. Warum aber sollte Adam dann auf dem Scheiterhaufen brennen? Regina wusste sicher nicht alles, sie tat nur so.

«Wir sollten uns beeilen. Die Meisterin mag es nicht, wenn man zu spät zum Essen kommt.»

«Warte noch einen Augenblick.»

Regina stand am Fenster und winkte die Schwester zu sich. «Komm her, schau dir das an. Die neue Frau des Apothekers geht dort unten.»

Priska trat neben sie.

«Sieh nur, wie schön ihr Kleid ist. Ich wette, der Stoff kommt aus dem Burgundischen. Samt.»

Regina sprach das Wort so aus, dass es wie «Sahne» klang.

«Und die Haube ist mit Brüssler Spitze verziert. Man erzählt sich, dass sie nur weißes Brot isst und in Mandelmilch badet.»

«Unfug», erwiderte Priska. «Kein Mensch badet in Mandelmilch, und niemand ist so reich, dass er jeden Tag weißes Brot isst.»

«Doch», widersprach Regina. «Ich hab’s von der Magd gehört.»

Sie sah Priska beschwörend an. «So werde auch ich eines Tages leben. Genau wie die Frau des Apothekers.»

Priska runzelte die Stirn. «Wie willst du das anstellen? Du bist die Tochter des Henkers und kannst froh sein, wenn du einen Handwerksgesellen bekommst.»

«Pfff! Du wirst schon sehen, dass ich es schaffe. Eines Tages werde auch ich in Mandelmilch baden und nie mehr einen Fuß in eine Werkstatt setzen müssen. Ich werde den ganzen Tag mit Putz und Tand verbringen. Und Silber und Gold fasse ich nur noch an, wenn es sich um Schmuckstücke handelt.»

Priska schüttelte den Kopf, dann fasste sie Regina am Arm. «Komm, sie warten schon.»

«Weißt du, was sie von uns will?», fragte Regina.

Priska zuckte die Achseln. «Seit der Meister und Susanne weg sind, hat sie keine Familie mehr. Ob wir jetzt ihre Familie sein sollen?»

Regina schüttelte den Kopf, hob die Hand und tippte mit dem Finger dagegen. «Pah! Was die Meisterin auch sagt, für sie werden wir immer nur die unehrlichen Henkerstöchter aus der Vorstadt bleiben.»

«Adam, du musst heiraten!»

Eva saß in einem Lehnstuhl vor dem Kohlebecken in ihrem Gemach, wo sie Adam empfangen hatte. Er stand am Fenster, die Füße gekreuzt, die Arme vor der Brust verschränkt.

«Johann von Schleußig war hier. Die Leute reden über dich. Vielleicht sollten wir einen Teufelsaustreiber kommen lassen. Danach musst du heiraten. Ein verheirateter Mann und Stadtarzt ist über manches Gerücht erhaben.»

Adam schwieg. Er hielt den Kopf gesenkt und sah auf die Schöße seines schwarzen Wamses, die die Oberschenkel zur Hälfte bedeckten.

«Froh wäre ich, wäre ich diese Bürde los», murmelte er.

«Was meinst du damit?»

Adam sah auf. «Ich soll heiraten, sagst du. Als ob das so einfach wäre! Ich… ich kann einer Frau nicht beiwohnen.»

«Unfug!» Eva sah ihren Bruder aufgebracht an. «Das ist alles Einbildung. Wenn der Teufel erst einmal aus dir getrieben ist, dann wirst du auch eine Frau beschlafen können.»

«Eva, ich werde niemals eine Frau lieben.»

Eva schluckte, dann sprach sie es doch aus: «Die Ehe dient der Liebe nicht.»

«Du sagst das? Du, die ausgezogen bist, um für die Liebe zu leben? Du, die beweisen wollte, dass die Liebe der einzig wahre Lebenssinn ist?»

«Ich bin gescheitert, Adam. Das weißt du. Heute denke ich anders als damals. Ich…» Sie brach ab und tippte sich nachdenklich mit dem Finger gegen das Kinn. «Du wirst eines der Zwillingsmädchen heiraten», bestimmte sie dann. «Am besten Regina. Sie ist eitel. Der Dünkel bedeutet ihr viel. Sie wird froh sein, einen Arzt zu bekommen. Vergiss nicht, wo sie herkommt. Außerdem ist sie Weib genug, um dich die leibliche Liebe zu lehren.»

«Eva! Du bestimmst über mein Leben, als wäre ich ein unwissendes Kind.»

Eva zog verwundert die Augenbrauen hoch. «Das muss ich auch, Adam. Du bist in Gefahr, bringst uns alle in Gefahr. Gerede können wir uns nicht leisten. Die Leipziger warten nur darauf. Und du musst dich schützen. Oder sollen alle deine Studien umsonst gewesen sein?»

Sie wackelte drohend mit dem Zeigefinger. «Eine Heirat ist deine einzige Möglichkeit. Du musst, Adam. Ob du willst oder nicht.»

Ihr Bruder steckte die Hände in die Taschen seiner Beinkleider und wandte sich zum Fenster. Er blickte hinaus, doch er sah nichts von dem, was auf der Straße vor sich ging. Lange stand er so, dann fragte er leise: «Wenn ich heirate, begleiche ich da nicht eine Schuld mit der nächsten?»

«Was für eine Schuld? Adam, du bist vom Teufel besessen. Lass dir den Dämon austreiben, gehe beichten, bereue, heirate, und alles ist gut.»

Adam wandte sich um. «Das Leben ist nicht so einfach, wie du es hinstellst», sagte er. «Und es lässt sich vor allem in keine Form zwingen.»

«Ist es so, dass du die Frauen verabscheust? Ist es das, Adam?»

Adam schüttelte den Kopf. «Ich habe mit Frauen wenig zu tun. Ich verabscheue sie nicht, nein. Im Grunde kenne ich keine Frauen außer dich und Susanne.»

«Und die Zwillinge.»

«Ja, die Zwillinge. Als Frauen habe ich sie nie gesehen. Kinder sind sie für mich. Noch immer.»

Eva lächelte. «Dann ist es also beschlossen: Du heiratest Regina.»

«Hast du mit ihr gesprochen? Ist sie einverstanden?»

«Pfff!», schnaubte Eva. «Du vergisst, dass sie ein Lehrmädchen ist. Aus der Vorstadt kommt sie. Sie kann Gott danken, dass sie deine Frau werden darf. Und nun komm, Johann ist auch schon eingetroffen, ich habe seine Stimme bereits gehört.»

Die Zwillinge und Johann waren schon da, als Eva und Adam in die Wohnstube kamen. Eva setzte sich an die Stirnseite des Tisches, auf den Stuhl des Hausherrn. Zu ihrer Rechten und Linken nahmen Adam und Johann Platz, danach folgten Priska und Regina.

Priska blickte sich in der Runde um. Adam sah schlecht aus. Das Haar hing ihm strähnig ins Gesicht, seine Haut war fahl, die Augen hatten dunkle Ringe. Auch sein sonst so voller Mund wirkte schmal und kantig.

Johann von Schleußig war zwar freundlich wie immer, doch auch er wirkte angespannt. Priska sah es an den Händen, die über den Tisch huschten, dort den Teller zurechtrückten, da am Wasserkrug zogen.

Bärbe trug mit missmutigem Gesicht die Platten auf. Sie tunkte ihren Daumen absichtlich in die Bratensoße. Priska sah es, und auch Eva fiel es auf. «Geh, Bärbe, und wasch dir die Hände! Auf der Stelle!», befahl sie. «Morgen werden wir üben, wie man bei Tisch manierlich bedient.»

Die Magd schlurfte murmelnd davon.

Eva nickte Priska zu. Priska verstand, nahm die Bratengabel und legte zuerst dem Priester, dann Adam die besten Stücke auf, bediente auch Eva und sogar die Schwester, ehe sie für sich das kleinste Stück nahm.

Johann von Schleußig sprach das Tischgebet, dann wandte sich jeder seinem Teller zu. Regina langte in das Salzfass und streute sich reichlich über das Fleisch. Evas missbilligender Blick schien sie dabei nicht zu stören, ganz im Gegenteil. Das konnte Eva nicht durchgehen lassen.

«Lass das Salz. Es ist zu teuer für ein Lehrmädchen», tadelte sie. Regina beachtete ihr Worte nicht weiter, sondern brach sich ein dickes Stück vom Roggenbrot ab und schob es in den Mund.

Erst als alle fertig waren, Bärbe den Tisch abgeräumt und den Weinkrug gebracht hatte, begann Eva zu sprechen.

«Wie lange seid ihr nun hier bei mir?», fragte sie die Zwillinge.

«Fünf Jahre. Im Sommer werden es sechs», erwiderte Regina und reckte den Busen so, dass Adam, der ihr gegenübersaß, schamhaft zur Seite schaute.

«Seid ihr froh, hier bei mir zu sein, oder sehnt ihr euch nach dem alten Leben in der Vorstadt zurück?»

«Aber nein», rief Regina und schüttelte den Kopf, dass ihr die Haare, die sie sich über das Lockenholz gebürstet hatte, um die Ohren flogen.

Priska aber schwieg, strich nur mit den Händen den Stoff ihres einfachen, blauen Tuchkleides glatt.

«Warum fragt Ihr das, Meisterin?», wollte Regina wissen, stützte die Arme auf den Tisch und beugte sich weit nach vorn. Als sie Evas mahnenden Blick sah, setzte sie sich wieder gerade hin, doch die Röte auf Johann von Schleußigs Wangen verriet ihr, dass er ihr halb offenes Mieder nicht übersehen hatte.

Priska verfolgte das Verhalten ihrer Zwillingsschwester mit einer Mischung aus Neid und Missbilligung. Sie wollte nicht so sein wie Regina, aber manchmal wünschte sie sich, sie hätte ein bisschen mehr Geschick, sich hübsch herzurichten.

«Nun, ihr habt bald ausgelernt. Eure Zeit in meinem Haus geht zu Ende», unterbrach Eva Priskas Betrachtungen.

Die Silberschmiedin wechselte einen kurzen Blick mit Johann von Schleußig und Adam, dann sprach sie weiter: «Adam Kopper, mein Bruder und baldiger Stadtarzt, wird sich verheiraten. Sehr bald schon. Und du, Regina, wirst seine Frau werden.»

Priska sah Eva ungläubig an.

Regina aber lehnte sich zurück, drehte mit einem Finger an einer Locke und schwieg. Es war nicht schwer zu erraten, welche Gedanken Regina durch den Kopf gingen. Schließlich sagte sie: «Die Leute erzählen sich, Adam sei nicht für die Ehe gemacht. Der Teufel sei mit ihm im Bunde. Oder wenigstens ein Dämon. Muss er heiraten, um nicht auf dem Scheiterhaufen zu landen?»

«Die Leute reden, wie sie es verstehen», fuhr Eva auf und ließ die Augen blitzen.

Regina lächelte nur. «Ich glaube längst nicht alles, was die Leute sagen. Sie sind bösartig. Schon manch Unschuldiger ist gerichtet worden wegen der Leute.»

«Und manch Unschuldiger wurde gerichtet von den Leuten. Jeder hier im Hause weiß, was Adam vorgeworfen wird», schnitt Eva dem Lehrmädchen das Wort ab. «Es ist kein Geheimnis, dass dem Rat angetragen wurde, gegen Adam zu ermitteln. Der Rat selbst würde es lieber sehen, wenn Adam zum Altar ginge. Niemandem ist gedient, wenn einer, der gut zum Arzt taugt und sich für seine Kranken aufopfert, auf dem Scheiterhaufen brennt.»

«Wird die Frau mitarbeiten müssen? Wird sie als seine Gehilfin mit zu den Kranken gehen und sie anfassen müssen? Wird sie in die Flussauen nach Kräutern geschickt, oder reicht es, sich um den Haushalt zu bekümmern? Wird sie eine Magd haben? Eine Köchin? Wird sie in der Kutsche fahren und beim Messeball im Rathaus dabei sein?» Reginas Augen glitzerten, der rote Mund wirkte gefräßig. Priska schüttelte ein wenig fassungslos den Kopf. Ihre Schwester dachte immer nur an Reichtum und Ansehen.

«Schluss mit der Fragerei! Ich bin dein Vormund, und ich sage dir, was du zu tun hast. Du wirst Adams Frau werden, gleichgültig, ob mit oder ohne Kutsche», bestimmte Eva streng.

«Ich würde sehr gern Adams Frau werden.»

Priskas Satz, ganz leise nur gesprochen, erreichte die Ohren der anderen nicht. Alle waren mit Regina beschäftigt, die möglichst viel für sich herausholen wollte. «Nun, wer will schon die Katze im Sack kaufen? Ich bin nur bereit, ihn zu heiraten, wenn ich mich entsprechend verbessere.»

Eva verdrehte die Augen, aber Johann von Schleußig lenkte ein: «Besser klare Worte als falsche Versprechungen. So weiß jeder, woran er ist.»

Adam fuhr mit dem Finger unter seine Halskrause und drehte den Kopf hin und her, als fehle ihm die Luft zum Atmen.

Schließlich sagte er, zu Regina gewandt: «Es wird dir an nichts mangeln. Als Stadtarzt steht mir ein Haus und in ein paar Jahren auch eine Kutsche zu. Für meine Arbeit werde ich einen Gehilfen oder eine Gehilfin haben.»

Regina war noch nicht zufrieden. «Was ist mit Kindern? Kinder sind das Wichtigste, die Leute werden reden. Eine kinderlose Ehe wird früher oder später Fragen aufwerfen. Wir werden wohl keine Kinder bekommen, Gott wird uns so strafen. Man muss eine Lösung finden, schließlich geht es auch um den Ruf.»

«Ich würde sehr gern Adams Frau werden. Und ich wäre auch gern seine Gehilfin, gleichgültig, ob mit oder ohne Kinder.»

Dieses Mal hatte jeder gehört, was Priska gesagt hatte. Eva fuhr herum, fasste über den Tisch nach der Hand Priskas. «Du würdest seine Frau werden wollen?»

Priska nickte.

«Warum?»

Johann von Schleußig hatte diese Frage gestellt.

Priska setzte zu einer Antwort an, doch Regina kam ihr zuvor. «Weil ich nie mehr in die Vorstadt zurück möchte», antwortete sie atemlos anstelle ihrer Schwester. «Weil ich keine Henkerstochter mehr sein möchte. Bürgersfrau will ich sein, mit Brief und Siegel. Eine geachtete Ehefrau, die auf dem Markt von jedermann gegrüßt wird.»

Johann von Schleußig nickte. «Und du, Priska?»

Priska blickte hoch. «Weil… weil…»

«…weil sie nicht hinter mir zurückstehen möchte. Und weil sie auch nicht zurück in die Vorstadt will, aber ich war zuerst da, die Meisterin hat gesagt, dass ich Adam heiraten und die Frau des Stadtarztes sein werde, und das werde ich auch. Wer von uns beiden kann einen großen Haushalt besser führen?», antwortete Regina erneut für ihre Schwester und stieß sie mit dem Ellbogen an. Priska fühlte sich ohnmächtig, wusste nicht, was sie ihrer Schwester entgegensetzen sollte.

Eva sah von einem Zwilling zum anderen. Priska konnte ihre Blicke förmlich spüren. Schweigen breitete sich am Tisch aus. Adam stierte auf die Tischplatte, als stünde dort die Antwort auf die Frage, welche Frau er zum Altar führen sollte. Johann von Schleußig betrachtete Regina mit zusammengekniffenen Augen. Dann schüttelte er leicht den Kopf und hob die Schultern. Regina war mit ihrem Haar beschäftigt. Sie zupfte sich ein paar Strähnen zurecht und trug eine so selbstgefällige Miene zur Schau, als säße sie bereits in der Kutsche des Stadtarztes.

Die Meisterin aber blickte Priska an, als hätte sie von ihr etwas ganz anderes erwartet. Dann sagte sie laut und deutlich: «Regina wird Adam heiraten. So haben Adam und ich es beschlossen, so wird es gemacht.»

Johann von Schleußig räusperte sich. «Bevor die Verlobung verkündet wird, muss noch etwas erledigt werden. Wir alle hier wissen, dass Adam widernatürliche Unzucht vorgeworfen wird. Gerade jetzt tauchen erneut Gerüchte in der Stadt auf. Sogar von Zeugen ist die Rede. Damit die Ehe von Gott und den Menschen anerkannt wird, muss Adam eine Beichte ablegen. Der Ablassprediger Reimundus ist auf dem Weg von Rom nach Leipzig. Adam wird zu ihm gehen. Vergibt ihm Reimundus seine Schuld, so steht nichts mehr einer Hochzeit im Wege.»

«Mir soll es recht sein», erklärte Regina und wedelte gönnerhaft mit der Hand.

Eva schlug leicht mit der flachen Hand auf den Tisch. «Nun, da wir alles geklärt haben, hebe ich die Tafel auf. Die Mädchen können nach dem Dankgebet zu Bett gehen.»

«Und was wird aus mir?», fragte Priska leise, aber wieder hörte niemand ihr zu.

Eva sah zu Johann von Schleußig. Der verstand, faltete die Hände und sprach das Gebet. Gehorsam erhoben sich danach die Mädchen, wünschten eine gesegnete Nachtruhe und verließen die Wohnstube.

Auf der Schwelle hielt Regina inne. «Was ist mit dem Verlobungsfest? Ich möchte eine richtige Feier!»

«Du bekommst, was du verdienst», erwiderte Eva kühl und sah das Mädchen so lange an, bis es die Tür wortlos hinter sich schloss.

Als sie vor Priskas Kammertür angelangt waren, wollte Regina sich mit in das schmale Gemach drängen. «Lass uns noch ein wenig reden», sagte sie. «Ich kann unmöglich schlafen. Ich bin viel zu aufgeregt. Was meinst du? Ob Adam mir wohl zur Hochzeit ein Kleid machen lässt, wie es die Apothekerfrau getragen hat? Ob die Lehrmeisterin mir ein Schmuckstück schenkt? Soll ich das Haar lieber glatt lassen oder es über das Lockenholz ziehen? Oh, und wen werde ich zum Hochzeitsmahl einladen? Ach, Priska, es gibt so viele Dinge, die jetzt bedacht werden müssen.»

«Wie stellst du dir das Leben mit ihm vor?», fragte Priska, blieb aber in der Tür stehen, sodass Regina nicht mit in die Kammer kommen konnte.

«Das Leben mit Adam?», fragte sie und rümpfte die Nase. «Oh, es wird wundervoll sein. Ich werde…»

«Nein! Ich will nicht hören, dass du in der Kutsche fährst und in Mandelmilch badest. Hören will ich, wie du mit ihm, mit dem Mann, leben willst.»

Regina zog die Augenbrauen zusammen. «Nun, er ist kein richtiger Mann, nicht wahr? Einer, der Männer küsst und von Frauen die Finger lässt, ist kein Mann. Froh kann er sein, dass ich ihn heirate. Täte ich es nicht, so würde er auf dem Scheiterhaufen landen. Er wird mir dankbar sein müssen.»

Sie lachte und warf das Haar über die Schulter. «Er ist ein Verdammter. Ich werde ihn jederzeit verlassen können, wenn ich will. Die Ehe wird ja nicht vollzogen werden. Bin ich erst einmal die Gattin des Stadtarztes, werden sich neue Türen aufstoßen. So ist das. Wir werden vor dem Altar keine Ehe, sondern ein Abkommen schließen.»

«Du bist der Silberschmiedin zu Dank verpflichtet.»

«Erweise ich mich nicht dankbar, indem ich ihren verdammten Bruder heirate?», fragte Regina schnippisch. «Außerdem habe ich sie nicht gebeten, mich mit in die Stadt zu nehmen und zur Silberschmiedin zu machen. Ich wollte weder Lesen noch Schreiben lernen, kein Latein und keine guten Manieren. Das alles war ihr Wunsch, Priska. Verstehst du?»

Sie senkte die Stimme und sah noch einmal den Gang hinab. Als sie sicher war, dass niemand sie hören konnte, fügte sie hinzu: «Sie hat uns nicht um unsretwillen vom Henker geholt. Um ihretwillen hat sie es getan. Nun sind wir da. Sie kann uns nicht zurückschicken, so gern sie es vielleicht täte. Sie ist für das verantwortlich, was sie getan hat.»

«Und wir?», fragte Priska. «Wir haben keine Verantwortung? An allem ist die Meisterin schuld?»

«Frag die Leute auf dem Markt, frag die Mägde am Brunnen, die Wäscherinnen unten am Fluss. Niemand hat sich je Kinder aus der Vorstadt geholt. Nur sie. Nun muss sie sehen, wie sie damit fertig wird. Sie muss sie verheiraten, muss unsere Zukunft regeln. Das hat sie sich alles selbst eingebrockt. Man kann aus einem Maultier kein Pferd machen, selbst, wenn man es vor eine Kutsche spannt.»

Priska betrachtete ihre Schwester von oben bis unten. Sie ist mutig, dachte sie. Nein, Mut ist etwas anderes. Sie hat die Schläue der unehrlichen Leute. Und sie sieht die Dinge, wie sie sind, nimmt, was sie kriegen kann, und schert sich einen Dreck um andere. Obwohl wir uns ähneln, ist sie doch ganz anders als ich. Ohne nachzudenken, was sie tat, hob Priska beide Hände, legte eine an Reginas Wange und die andere an ihre eigene. Die Schwester zuckte unwillig zurück. «Was soll das?»

«Ich möchte wissen, ob wir uns gleich anfühlen, ob wir in derselben Haut stecken.»

«Wir sind Zwillinge. Wir haben eine gemeinsame Seele, heißt es. Deshalb müssen wir eng beieinander bleiben. Alles, was du nicht bist, bin ich. Alles, was ich nicht bin, bist du. Nur zusammen sind wir eine ganze Seele.»

«Ja, das sagen alle. Wissen wollte ich, ob wir auch von außen gleich sind.»

Regina wischte sich Priskas Hand aus dem Gesicht und betrachtete die Schwester ärgerlich, ehe sie sagte: «Nein, wir sehen uns zwar ein wenig ähnlich, aber es gibt niemanden, der uns nicht voneinander unterscheiden kann.»

«Gut so. Ich möchte nämlich nicht mit dir verwechselt werden.»

Mit diesen Worten schlug Priska die Kammertür hinter sich zu. Sie war enttäuscht. Niemand hatte ihren Worten Beachtung geschenkt. Regina hat Recht, dachte sie, es ging der Meisterin nie um uns. Doch man kann sagen, was man will: Sie hat es gut gemeint.

Sie legte sich aufs Bett, verschränkte die Arme unter dem Kopf und ließ ihren Gedanken freien Lauf.

Draußen auf der Straße machte der Nachtwächter seine Runde. «Ihr lieben Leute, lasst Euch sagen, die Stunde hat nun neun geschlagen. Geht nach Hause, geht zur Ruhe und macht fromm die Augen zu. Gott behüte Euren Schlaf.»

Priska erschrak. Neun Uhr schon? Sieben Stunden Schlaf blieben ihr noch. Um vier Uhr in der Früh musste sie aufstehen und ihr Tagwerk beginnen. Sie würde sich mit kaltem Wasser in ihrem kalten Zimmer, in dem es kein Kohlebecken, sondern nur einen heißen Stein am Fuß des Bettes gab, waschen. Dann würde sie hinunter in die Küche gehen und den Herd anzünden. Die Magd würde zum Brunnen gehen, um Wasser zu holen, während Priska die Brennöfen in der Werkstatt anheizte. Dann mussten die Zuber mit Wasser gefüllt und die Werkzeuge bereitgelegt werden. Es war die Aufgabe der Lehrmädchen, die Werkstatt so herzurichten, dass die Meisterin, der Feuerknecht und der Geselle nach dem Frühstück um halb sechs gleich mit der Arbeit beginnen konnten. Doch Regina verschlief jeden Morgen erneut, fand sich erst am Frühstückstisch ein, und Priska brachte es einfach nicht fertig, sich darüber bei der Silberschmiedin zu beschweren. Klaglos deckte sie, wenn sie mit der Werkstatt fertig war, den Tisch, half der Magd und warf Regina nur hin und wieder ärgerliche Blicke zu. So war es immer, so würde es auch morgen sein. Bis zu Reginas Hochzeit.

Aber wie sollte es jetzt mit ihr weitergehen? Was geschah mit ihr? Würde die Meisterin sie an den Nächsten verheiraten, der des Weges kam? Vielleicht, wenn sie Glück hatte und Bärbe weiterhin so vorlaut war, würde sie sie als Magd behalten. Wieder stieg Groll in Priska auf. Groll darüber, dass niemand sie jemals gefragt hatte, aber gleichzeitig alle von der neuen Zeit sprachen, in der sich jeder seinen Platz selbst suchen könne.

Ich, beschloss Priska und hob die Hand zum Schwur, werde ab jetzt selbst bestimmen, was mit mir geschieht.

Sie wusste, dass sie das nicht durfte, dass sie nicht sagen konnte, was sie wollte. Die Meisterin würde sie nur verwundert und mit hochgezogenen Augenbrauen ansehen. Also musste sie die Welt dazu bringen, dass zu tun, was sie wollte, ohne es aussprechen zu müssen.

«Ich werde Adam heiraten», beschloss sie in dieser Nacht. «Wie es gelingt, wird sich finden. Aber ich werde seine Frau.»

Viertes Kapitel

Am nächsten Morgen begann der Schnee zu schmelzen. Die Sonne schien so kräftig vom Himmel, dass es für einen Tag Anfang März fast schon zu warm war. Von den Dächern tropfte das Wasser, in den Gassen bildeten sich Pfützen, in denen sich der blaue Himmel spiegelte. Die Schneeglöckchen schüttelten den Winter von den Blättern und reckten die Köpfe der Sonne entgegen. Märzbecher wagten sich hervor, und die ersten Krokusse blühten schon.

Vier Wochen später hatten sich sämtliche Bäume mit Knospen geschmückt, die Winterumhänge waren mottensicher in Kleidertruhen verstaut, und die Menschen blieben in den Gassen stehen, hielten die Gesichter in die Sonne und lächelten einander zu. In der Hainstraße blieben zwei Frauen stehen, als sie ein Schwalbennest entdeckten. «Bauen im April die Schwalben, gibt’s viel Futter, Küh und Kalben», sagte die eine zur anderen.

«Zeit wird’s, dass wieder ein gutes Jahr kommt», bestätigte die andere. «Wir hatten genug auszustehen in der letzten Zeit.»

Priska hörte die Worte der Frauen, als sie das Fenster ihrer Kammer zum Lüften öffnete. Unwillkürlich nickte sie. Ja, das letzte Jahr war tatsächlich nicht gut gewesen. Im Sommer hatte es eine große Raupenplage gegeben; die Bäume hatten kahl gestanden wie im tiefsten Winter. Dann sollen blutrote Kreuze vom Himmel und auf die Kleider der Leute gefallen sein. Priska hatte davon nichts bemerkt, doch es musste wahr sein, denn sie hatte gehört, dass der Stadtschreiber diese Vorkommnisse in den Annalen vermerkt hatte.