Das Märchen vom Widerstand - Astrid Séville - E-Book

Das Märchen vom Widerstand E-Book

Astrid Séville

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Beschreibung

Die Revolterhetorik der Rechtspopulisten in Europa und insbesondere der AfD zeugt von einem vulgären Heroismus, dem liberale Demokraten endlich etwas entgegensetzen müssen. Funktionierende Demokratien, wie unsere, brauchen keine Inszenierung des Heldenhaften dieser Art. Die Politikwissenschaftlerin Astrid Séville entlarvt in ihrem Beitrag in Kursbuch 200 Diskursmechanismen der Populisten und empfiehlt Gegenmaßnahmen.

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Seitenzahl: 22

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Astrid SévilleDas Märchen vom WiderstandDer Vulgärheroismus der Rechtspopulisten

Die Autorin

Impressum

Astrid SévilleDas Märchen vom WiderstandDer Vulgärheroismus der Rechtspopulisten

»Erkenne die Lage: Es herrscht kultureller Bürgerkrieg.«

(Norbert Bolz: Tweet vom 30. August 2019)

Es war ein denkwürdiger Abend nach den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg am 1. September 2019. Nicht nur verpasste eine MDR-Journalistin der Alternative für Deutschland (AfD) kurzerhand das Etikett »bürgerlich« und lieferte damit den Auftakt zu einer Feuilletondebatte um den Begriff der Bürgerlichkeit. Auch blitzte zwischen den Ad-hoc-Wahlanalysen, den Geständnissen und Selbstkritikphrasen des politischen Spitzenpersonals ein Moment der inneren Wahrheit politischer Berichterstattung an Wahlabenden auf: Der Parteivorsitzende der Grünen, Robert Habeck, hatte, mangels stabiler Tonleitung, eine Frage der ZDF-Journalistin Bettina Schausten nach der Einordnung der Wahlergebnisse nicht verstanden, bot aber an, trotzdem zu antworten. Doch Schausten lehnte ab. Sie ahnte wohl um die dadaistische Potenz eines solchen Politsketchs.

In ihrer unfreiwilligen Komik offenbarte diese kurze Szene schmerzlich die Vorhersehbarkeit von Fragen und Phrasen in Wahlabendinterviews, ebenso die Erwartbarkeit politischer Kommentare. Wieder einmal wurde vor allem um Antworten gerungen, wie die Wahlerfolge der AfD zu erklären seien. Und wieder einmal bekräftigten Politiker der »etablierten Parteien« ihre Abgrenzung gegenüber der AfD, sodass diese wahlweise als Enfant terrible oder als einzig wahre Opposition dastehen durfte. Das Einzige, das die Zuschauer an jenem Wahlabend wahrlich überraschen sollte, war die Überforderung von Journalisten, in Interviews und Diskussionsrunden mit AfD-Spitzenpolitikern professionell und cool zu bleiben. Statt ihre Kommunikationsstrategie, die ja vor allem in Anschuldigungen, Lamentos und Deklamationen besteht, in solchen Gesprächssituationen souverän mit Gegenfragen und Einordnungen gekontert zu sehen, gelang es den Parteivertretern der AfD, ihre Slogans und Deutungen beinahe unwidersprochen zu lancieren und weiter an ihrer selbstverharmlosenden, vermeintlich demokratischen Fassade zu werkeln.

Nun politisieren und polarisieren Rechtspopulisten zwar oft, aber nicht immer mit einer verrohten, brutalen Sprache. Nicht immer poltern sie los und formulieren offen Pöbeleien, geschichtsrevisionistische Tabubrüche, rassistische Entgleisungen und Grenzverletzungen, wofür wir genügend Beispiele kennen, etwa die einschlägigen Invektiven von Alexander Gauland, Alice Weidel oder von Björn Höcke. Bekannt sind auch die nachgeschobenen Revidierungen und Pseudoerklärungen. Diese Kommunikation hat stets einen doppelten Boden; das Sprachspiel ist längst durchschaut.

Doch Rechtspopulisten verwenden bisweilen auch scheinbar unverdächtige, ja bürgerliche Begriffe, um ihre gänzlich unbürgerlichen Angriffe auf die Institutionen und Verfahren liberaler Demokratie zu richten. Vermeintlich politisch unangreifbare Slogans und semantische Umdeutungen sollen der AfD den Heiligenschein einer konservativ-bürgerlichen Protestpartei verleihen, dem manche Wähler und Journalisten mit ihrem deutschen Stabilitätsvertrauen auf den Leim zu gehen drohen. Um diesen Nimbus des Harmlosen hier noch einmal zu entzaubern, wird anhand von drei Schlüsselbegriffen das Profil der rechtspopulistischen Revolte geschärft und aufgezeigt, was liberale Demokraten ihr entgegensetzen können.