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Von A wie Antragstellung bis Z wie Zuwendung Die Pflege eines Angehörigen im eigenen Zuhause ist nicht selten eine echte Mammutaufgabe. Sie verlangt nicht nur Zeit und persönlichen Einsatz, sondern ist zugleich eine ständige Gratwanderung zwischen Liebe und Erschöpfung. Unkompliziert und zugänglich beleuchtet Dr. Johannes Wimmer die Herausforderungen der häuslichen Pflege und begleitet Sie Schritt für Schritt durch diese Phase, beginnend bei der Frage »Diagnose Pflegefall – was ist nun zu tun?«. Mit praktischen Lösungen und konkreten Strategien unterstützt er Sie bei - dem notwendigen Papierkram, - der Erstellung von Vollmachten und Testament, - einer guten Kommunikation auf Augenhöhe, - der Gestaltung einer barrierefreien Wohnung, - der richtigen Körperpflege sowie - dem Umgang mit Stress, Kummer und Frust. Dabei ist es ihm ein besonderes Anliegen, dass Sie als pflegende Person sich nicht selbst verlieren und auch auf die eigenen Bedürfnisse achtet. Denn um sich um andere kümmern zu können, ist es wichtig, die eigenen Kräfte einzuteilen und aufzuladen. Neben dem nötigen fachlichen Wissen und wertvollen Tipps zur richtigen Selbstfürsorge macht Johannes Wimmer Mut, damit die Pflege zu Hause nicht zur Last wird, sondern als gemeinsamer Weg gelingen kann.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 278
Veröffentlichungsjahr: 2025
Dr. Johannes Wimmer
Das
Pflege
ABC
So meistern Sie alle Herausforderungen bei der Betreuung von Angehörigen
Inhalt
Vorwort
Der Moment, der alles verändert
Wenn die Pflege beginnt
Das erwartet Sie auf den nächsten Seiten
Der notwendige Papierkram: Anträge, Formulare, Gutachten
Erste Schritte
Prio 1: Der Pflegegrad-Antrag
Woran Sie noch denken sollten: Rechtliches und Vollmachten
Sie haben noch Fragen? Holen Sie sich Hilfe!
Wohnen mit Pflegebedarf: Wie sieht ein sicheres Zuhause aus?
Wo kann und möchte Ihr Angehöriger in Zukunft leben?
Ist der Wohnraum sicher?
Hilfsmittel im Alltag – was wirklich hilft
Wohnraumanpassung mit System – Förderungen, Zuschüsse, Antragstellung
Pflege in der Praxis: Was man jetzt alles wissen muss
Körperpflege Schritt für Schritt erklärt
Die Körperpflege am Waschbecken
Mein Angehöriger ist bettlägerig – was bedeutet das für die Pflege?
Hilfestellungen beim Gehen, Stehen, Aufstehen und Co
Alles Wichtige zu Essen, Trinken und Medikamenten
Wie gelingt ein sicheres Medikamentenmanagement?
Wie geht man mit Ablehnung um?
Wir kommen einfach nicht miteinander klar
Richtig mit Konflikten umgehen
Gibt es eine Zauberformel?
Selbstfürsorge und Unterstützung
Woher soll ich wissen, dass Selbstfürsorge wirklich hilft?
Schwerste Übung, aber überragendes Ergebnis: Lassen Sie sich helfen
Hilfe von Profis
Mentale Unterstützung, die Ihnen den Rücken stärkt
Arbeiten und Pflegen – wie soll das bitte gehen?
Sag ich’s meinem Chef?
Gesetzliche Ansprüche kennen und nutzen
Achten Sie auf Ihre Grenzen
Mein Angehöriger hat Demenz
Wie verläuft die Demenz?
Alternativen zur häuslichen Pflege
Schluss machen oder mehr Unterstützung in Anspruch nehmen?
Pflegewohngemeinschaften
Manchmal ein notwendiger Schritt: Der Umzug ins Pflegeheim
Wie findet man ein geeignetes Pflegeheim?
Was bedeutet der Umzug für Sie als Pflegeperson?
Pflege und Begleitung am Lebensende
Wie möchte Ihr Angehöriger die letzte Phase gestalten?
Wenn Ihr Angehöriger gegangen ist
Der Weg danach – Abschied nehmen und für sich sorgen
Pflege heute und morgen – Wie geht es weiter?
Sie müssen nicht alles allein schaffen
Nehmen Sie sich Auszeiten
Arbeiten Sie an der Beziehung zu Ihrem Angehörigen
Ein Blick in die Zukunft
Ein paar Gedanken zum Schluss
Anhang
Wichtige Begriffe
Liebe Leserin, lieber Leser,
normalerweise nehme ich mir im Rahmen eines Vorwortes immer etwas Zeit. Normalerweise. Ich würde dann in aller Ruhe einsteigen, erklären, warum mir das Buch so wichtig ist, und die wichtigsten Punkte vorab – wie sagt man so schön – einordnen. In diesem Buch habe ich mich jedoch ganz bewusst dagegen entschieden. Warum? Weil ich annehme, dass Sie gerade Wichtigeres zu tun haben, als sich dem Thema Pflege »ganz gemütlich« bei einer Tasse Tee zu nähern. Wenn Sie dieses Buch in der Hand halten, stecken Sie wahrscheinlich schon mittendrin in der Materie und Ihr Leben steht vermutlich gerade kopf. Deswegen sparen wir uns hier den langen Einstieg. Sie haben viele Fragen und ganz bestimmt keine Zeit zu verschenken. Also gehen wir es gemeinsam an.
Ich weiß, wie wichtig Pflege ist. Ich kenne die Pflege nicht nur aus meiner Zeit als Arzt im Krankenhaus – und da unterbreche ich Sie gleich schon im Gedankengang, der wahrscheinlich lautet: »Was hat denn ein Arzt mit der Pflege zu tun?« Das kann ich Ihnen sagen: Die Zeiten der Schwarzwaldklinik sind lange vorbei. Heute arbeiten Ärztinnen, Ärzte und Pflegefachkräfte Seite an Seite, zumindest in den Teams, in denen ich tätig war. Da wurde gemeinsam angepackt, gelagert und versorgt. Und ja, auch ich hatte als Klinikarzt schon Steckbecken und Inkontinenzmaterial in der Hand.
Vor allem aber kenne ich die Pflege aus meiner eigenen privaten Erfahrung. Meine Familie und ich haben es selbst durchlebt – mehrfach. Wir haben viel gepflegt. Wir haben Fehler gemacht, aber auch gute Entscheidungen getroffen. Und ich weiß, wie wertvoll ehrliche, alltagstaugliche Tipps sein können, vor allem, wenn sie von Menschen kommen, die selbst erlebt haben, was es heißt, zu pflegen. Genau dafür ist dieses Buch da. Für Sie, für Ihre Situation, für all die Fragen, die Ihnen gerade durch den Kopf gehen. Und es ist wie eine kleine Stimme im Ohr, die Ihnen Mut zuspricht, die weiß, wie wertvoll das ist, was Sie da gerade tun.
Und wissen Sie was? Allein, dass Sie dieses Buch aufgeschlagen haben, zeigt, dass Sie es richtig machen wollen. Sie sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und zu helfen, trotz all der Unsicherheiten und Fragen, die Sie gerade noch beschäftigen. Ich möchte Ihnen an dieser Stelle Mut machen. Sie können das schaffen! Sie werden – ach, was sage ich –, Sie sind schon die beste Pflegeperson, die sich Ihr Angehöriger wünschen kann. Auch wenn Sie nicht immer alles auf Anhieb richtig machen und es sicher nicht immer leicht sein wird. Sie werden an Ihre Grenzen kommen. Aber Sie werden auch erleben, wie tief die Verbundenheit zu einem anderen Menschen greifen kann. Wie sehr ein Mensch aufblühen kann, wenn er liebevoll umsorgt wird von jemandem, der es aus vollem Herzen tut.
Dieses Buch steht Ihnen auf Ihrem Weg zur Seite. Es begleitet Sie, es informiert Sie, es kann Sie trösten und immer wieder neu bestärken. Sie müssen nicht perfekt sein. Sie müssen nur da sein, und das sind Sie!
Alles Gute für Sie und für den Menschen, den Sie pflegen.
Herzlich,Ihr Dr. Johannes Wimmer
Erinnern Sie sich noch an das Spiel »Ringlein, Ringlein, du musst wandern«? Dabei sitzen mehrere Kinder im Kreis, singen ein Lied und geben heimlich einen Ring von Hand zu Hand oder tun manchmal auch nur so. Wenn das Lied zu Ende ist, müssen alle raten, welches Kind gerade wohl den Ring bei sich haben könnte. Sicher ist: Irgendwann ist jedes Kind mal der letzte Ringhüter in der Reihe. Und so ist es auch bei der Pflege von Angehörigen. Früher oder später sind wir auch an der Reihe und der »Ring« bleibt in unseren Händen liegen. Weil ein Mensch in unserem Umfeld unsere Unterstützung braucht oder weil wir eines Tages selbst Hilfe benötigen und gepflegt werden müssen.
Ich hatte mein erstes »Der-Ring-ist-jetzt-bei-mir-Erlebnis« (also meine erste Berührung mit dem Thema Pflege) schon als Kind. Ich erinnere mich noch sehr genau an den Tag, als meine Tante Sabine die ganze Familie spontan zum Kaffeetrinken eingeladen hatte. Ihr Mann, mein Onkel Otto, war ein paar Tage zuvor ins Krankenhaus gekommen. Es war ein schöner, warmer Sommernachmittag und wir saßen an einer langen Tafel im Garten. Tante Sabine wirkte ein bisschen abwesend, aber trotzdem so standhaft und selbstbewusst wie immer. Sie schenkte Kaffee ein und fragte in die Runde, wer welchen von den herrlichen selbst gebackenen Kuchen möchte. Als wir gemütlich unsere Tortenstücke aßen, blieb sie am Tischende stehen, sah uns mit festem, aber sorgenvollem Blick an und meinte: »Ihr wundert euch sicher, warum ich euch alle heute so überraschend eingeladen habe.« In der Runde wurde gekaut und genickt, was anderes war mit vollem Mund auch gar nicht möglich. »Ihr wisst ja, dass Otto vor ein paar Tagen über seinen Lieblingsteppich gestolpert und gestürzt ist. Er hat sich den Arm gebrochen, aber die Ärzte sagen, das heilt wieder.« Weiteres Kauen und Nicken. »Tja, gestern Nachmittag war ich dann noch mal bei der behandelnden Ärztin und sie hat mich gefragt, seit wann Otto denn schon Parkinson hat.« Stille. Betretene Blicke. Für einen Moment hat auch niemand mehr gekaut. »Wie jetzt? Dein Otto?«, fragte jemand, während ein anderer nervös seine Kaffeetasse abstellte. Tante Sabine zögerte kurz und sagte dann: »Irgendwie hatte ich schon länger das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Aber ich habe es vielleicht einfach nicht wahrhaben wollen. Die Ärztin meinte, dass gerade die Menschen, die dem Betroffenen am nächsten stehen, nichts merken, weil die Krankheit sich so langsam ins Leben schleicht, dass man sie nicht sieht.« Vielleicht war Otto aber auch einfach nur ein guter Schauspieler und hat seine Beschwerden erfolgreich verheimlicht. Auf alle Fälle stand an diesem Tag fest: Das Ringlein war jetzt bei Tante Sabine.
Hätten wir damals schon im Internet googeln können, hätten wir wahrscheinlich alle erst einmal nachgesehen, was Parkinson für eine Erkrankung ist und welche Beschwerden damit einhergehen. Aber so saßen wir einfach nur da und wussten nicht so recht mit der Situation umzugehen. Aber eines war klar: Sabine und Otto hatten jetzt einen langen, schweren Weg vor sich.
So oder so ähnlich beginnt für viele Menschen in Deutschland die Pflege eines Angehörigen. Mitten im Alltag, vollkommen unerwartet. Und plötzlich stehen Hunderte Fragen im Raum, auf die man überhaupt nicht vorbereitet ist, auf die man aber, so scheint es, sofort eine Antwort braucht: Was jetzt? Wie geht es weiter? Wer kümmert sich? Und viel wichtiger: Kann ich das überhaupt leisten? Glauben Sie mir, diese Fragen kenne ich gut. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Leben von heute auf morgen auf den Kopf gestellt wird. Nicht nur als Mediziner und als Neffe von Sabine und Otto, sondern auch als Sohn, Vater und Ehemann. Als unsere Tochter vor ein paar Jahren an einem bösartigen Gehirntumor erkrankt ist, habe ich erlebt, wie es sich anfühlt, wenn einem plötzlich der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Wie es sich anfühlt, wenn man vor einer lebensverändernden Herausforderung steht und nicht weiß, wo man anfangen soll, und es trotzdem muss.
Ich weiß nicht, in welcher Situation Sie sich gerade befinden. Aber ich nehme an, dass Sie gerade eine ähnliche Erfahrung machen oder vor Kurzem gemacht haben. Vielleicht ist es auch noch nicht so weit, aber es ist bereits absehbar, dass ein Herzensmensch bald pflegebedürftig werden könnte. So oder so: Sie sind hier vollkommen richtig und ich freue mich, dass Sie da sind.
Mir ist wichtig, dass Sie wissen, dass Sie nicht allein sind. Es gibt da draußen Millionen pflegende Angehörige, die sich um Millionen Menschen in der häuslichen Pflege kümmern. Um einen Elternteil, Onkel oder Tante, um einen Bruder oder eine Schwester – oder um ein pflegebedürftiges Kind. Vielleicht auch um den Partner oder die Partnerin. Diese Menschen geben jeden Tag alles, um für ihre Angehörigen da zu sein, und in meinen Augen ist das mehr als bewundernswert. Es ist ein Geschenk. Sie schenken Fürsorge. Aber ich möchte ehrlich mit Ihnen sein. Die Pflege ist vor allem eines: eine Herausforderung. Wenn Sie sich dieser Aufgabe annehmen, wird es viele lange, anstrengende Tage geben, an denen Sie mit Ihren Kräften am Ende sein werden. Das ist so. Aber ich verspreche Ihnen, dass es auch viele schöne Momente geben wird. Sie werden echte Herzensmomente erleben und einen Menschen, der Ihnen wichtig ist, noch viel näher kennenlernen. Sie werden wachsen und spüren, wie beflügelnd es ist, wenn Sie alles im Griff haben.
Damit Sie sich auf Ihrem Weg in die Pflege nicht allein gelassen fühlen, schreibe ich dieses Buch. Nicht als trockenen Ratgeber, sondern als Wegbegleiter. Ich möchte Sie und Ihre Familie gern an dem Punkt abholen, an dem meine Tante Sabine damals auch stand, im Garten an der reich gedeckten Kaffeetafel. Ich werde Ihnen nicht nur erklären, welche Formulare Sie hier oder dort einreichen müssen oder wie die Pflegegrad-Begutachtung aussieht. Ich werde Ihnen Mut machen. Ihnen zeigen, dass Sie das schaffen können. Dass die Pflege trotz einiger Hürden auch eine bereichernde Erfahrung sein kann. Sie werden in diesem Buch also nicht nur kompaktes Fachwissen finden, sondern auch Erfahrungsberichte, Geschichten aus der Pflege und Profitipps, die Ihnen im Pflegealltag weiterhelfen werden. Und ich kann Ihnen versichern: Ganz gleich, wo Sie gerade stehen, wir gehen den Weg gemeinsam, Schritt für Schritt.
Kapitel 1
Pflege beginnt selten geplant, sondern tritt meistens mit voller Wucht ins Leben. So war es damals auch bei meiner Tante Sabine und meinem Onkel Otto. Mein Onkel war zwar schon Anfang 70, aber in meiner Erinnerung war er immer noch topfit. Vielleicht etwas langsamer unterwegs, aber sonst … Er war immer und überall, den ganzen Tag beschäftigt, genau wie meine Tante. Wir wussten natürlich alle, dass die beiden langsam, aber sicher in ein Alter kommen, in dem sich andere Familien bereits mit dem Thema Pflege auseinandersetzen. Aber wir doch nicht – das dauert noch. Nun kommt es eben oft anders als gedacht. Gerade isst man noch ganz gemütlich Schwarzwälder Kirschtorte im Garten und im nächsten Moment heißt es: Otto ist im Krankenhaus, und wenn er entlassen wird, bringt er nicht nur einen gebrochenen Arm, sondern auch eine lebensverändernde Diagnose mit. Ein Schock, den man erst einmal verdauen muss. Zum einen, weil man sich natürlich große Sorgen um den betroffenen Menschen macht, der im Krankenhaus liegt. Aber auch, weil alle Beteiligten wissen, dass in diesem Moment ein neues Lebenskapitel beginnt. Nicht nur für Otto, sondern für die ganze Familie. Alles wird sich verändern – vermutlich auf Dauer. Hier und jetzt. Und ja, mit diesem Wissen klarzukommen, ist alles andere als einfach, da bin ich ganz ehrlich. Aber ich weiß auch, dass Sie die Pflege meistern können, wenn Sie die Sache von Anfang an strukturiert angehen. Und auf diesem Weg möchte ich Sie in den folgenden Kapiteln begleiten.
In den ersten vier Kapiteln dieses Buches steigen wir direkt in die Materie ein. Ich nenne die Kapitel deswegen auch gern die »Erste-Hilfe-Kapitel«. Sie richten sich an alle Menschen, die jetzt in die Pflege starten. Wenn der Anruf aus dem Krankenhaus gerade erst gekommen ist und Sie überhaupt nicht wissen, was alles zu tun ist, dann schauen Sie sich das zweite Kapitel dieses Buches unter dem Titel »Der notwendige Papierkram: Anträge, Formulare, Gutachten« an. Es ist wirklich Gold wert, auch wenn Sie noch nicht in die Pflege eingestiegen sind und sich zunächst einmal informieren möchten, was »irgendwann« auf Sie und Ihre Lieben zukommen könnte. Auf den Seiten dort sprechen wir über die ersten Schritte auf dem Weg in die häusliche Pflege. Sie erfahren, wann, wie und wo man einen Pflegegrad-Antrag stellt und wie die Begutachtung durch den Medizinischen Dienst oder Medicproof (wie es bei Privatversicherten heißt) abläuft. Man könnte auch sagen: In Kapitel 2 finden Sie das Pflege-ABC. Damit nichts mehr schiefgehen kann. Damit Sie gut gewappnet sind und genau wissen, an wen Sie sich mit welchem Formular wenden müssen. An dieser Stelle sei aber erwähnt, dass die Hinweise und Anmerkungen, die sich auf das Sozialgesetzbuch (SGB) und die Antragstellung beziehen, ausschließlich für Deutschland gelten.
Wenn Sie diese Punkte hinter sich gebracht haben, ist zumindest formell gesehen das Wichtigste geschafft. Aber da machen wir uns alle nichts vor. Es ist und bleibt Papierkram. Und ja, Papierkram kann verdammt nervig sein. Wenn Sie, so wie ich, mit Dokumenten, Formularen und Co auf Kriegsfuß stehen, kann ich Ihnen darum nur empfehlen, sich von Anfang an Hilfe zu suchen. Bei einer professionellen Beratungsstelle oder in Ihrem Umfeld. In jeder Familie gibt es doch diese eine Person, die gut mit Formularen und Anträgen kann und die weiß, wie wichtig es ist, mit Struktur an die Sache heranzugehen. In meiner Familie ist es meine Mutter. Es gibt kein Dokument, das sie nicht im Griff hätte, und keinen seitenlangen Antrag, den sie nicht mit Engelsgeduld ausfüllt. Und so ist es wohl nicht verwunderlich, dass auch alle anderen Mitglieder unserer Familie – selbst entfernte Verwandte – immer wieder auf sie zukommen und fragen, ob sie sich eine Stunde Zeit nehmen kann. Wenn auch Sie einen solchen Menschen in Ihrer Familie oder im Umfeld haben, halten Sie ihn fest. Wagen Sie zur Not einen Bestechungsversuch mit Kaffee und Kuchen, denn das sind ganz wichtige Verbündete im »Klub der Pflegepersonen«.
Im dritten Kapitel dieses Buches sprechen wir über eine weitere wichtige Frage, die Sie sich vermutlich auch schon gestellt haben: Wo soll und möchte mein Angehöriger in Zukunft leben? Kann er noch allein zu Hause wohnen? Wird er zu mir ziehen? Werde ich zu ihr ziehen? Ich weiß: Das ist eine Frage, die in vielen Fällen gar nicht mal so einfach zu beantworten ist. Für meine Tante Sabine war damals natürlich von Anfang an klar, dass Otto wieder zurück nach Hause kommt. Wenn es sich bei Ihrem Angehörigen aber um Ihre Eltern oder Großeltern handelt, sieht die Sache schon ganz anders aus. Mal abgesehen davon, dass die betroffene Person natürlich ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen hat, stellt sich auch die Frage: Was wollen Sie als Pflegeperson, also als die Person, die pflegt und nicht gepflegt wird? Möchten Sie, dass der Lebensmittelpunkt zusammengelegt wird, oder möchten Sie lieber eine gewisse Distanz wahren? Und ist es überhaupt möglich? Der Wohnraum muss schließlich auch vorhanden sein. Fakt ist: Egal, wofür Sie sich heute oder in den kommenden Tagen entscheiden, es ist okay, Ja zu sagen. Und es ist genauso okay, Nein zu sagen. Und das ist eine der wichtigsten Lektionen meines Lebens, die ich Ihnen heute schon mit auf den Weg geben kann: Egal, um welche Entscheidung es in den kommenden Tagen, Wochen, Jahren und Jahrzehnten geht – Sie dürfen und sollten immer auf Ihre innere Stimme hören und Ihre Bedürfnisse und Grenzen respektieren. Und das gilt auch beim Thema Wohnen und den damit zusammenhängenden Entscheidungen.
Neben der Frage, wo Ihr Angehöriger in Zukunft leben wird, stellt sich zu Beginn der Pflegezeit auch die Frage, ob die Wohnräume Ihres Angehörigen überhaupt noch bewohnt werden können. Stichwort: Barrierefreiheit. Meine Tante Sabine hat sich zum Beispiel sofort darauf eingestellt, dass in den kommenden Monaten Umbauten stattfinden müssen. Auf dem Bauernhof der beiden waren nämlich jede Menge Treppen, angefangen mit den vier Stufen, die zur Haustür führten. Sollte Otto aufgrund seiner Parkinsondiagnose bald einen Rollstuhl benötigen, käme er zu Hause weder ins Haus noch hinaus, geschweige denn in den ersten Stock.
Na? Ich wette, Sie haben jetzt auch Treppen vor Augen und gehen die Wohnung oder das Haus gerade vor Ihrem geistigen Auge ab, oder? Zählen Sie gerade durch, wie viele Stufen Ihr Angehöriger aktuell bewältigen muss? Vielleicht machen Sie sich aber auch um ganz andere Hürden Gedanken. In Badezimmern gibt es jede Menge davon. Sabine und Otto hatten damals nur eine große Badewanne im Bad und es wurde schnell entschieden: Das Ding muss weg. Damit Sie diese Erkenntnis nicht auch erst in dem Moment trifft, wenn Sie versuchen, Ihren Angehörigen zu waschen, gehen wir in Kapitel 3 alle Wohnräume zusammen durch und schauen, wo sich Probleme, Hürden und Stolperfallen verstecken könnten und wie Sie diese erfolgreich umgehen, indem Sie alles sicher und barrierefrei gestalten.
Und wir sprechen natürlich auch darüber, was zu tun ist, wenn Ihr Herzensmensch eine Demenzdiagnose bekommen hat. Eine häufige und gefürchtete Krankheit. Auch da – oder sogar gerade da – gibt es einige Wohntipps, die Ihrem Angehörigen das Leben bedeutend leichter machen. Und falls Sie sich gerade Sorgen machen, was da alles auf Sie zukommt, es gibt für jedes Problem eine Lösung. Das ist so! Ganz ehrlich: Sabine und Otto hätten sich gefreut, wenn es damals schon so viele coole Lösungen und Hilfsmittel gegeben hätte, wie sie heute verfügbar sind. Ich sage nur: Technik, Smart Home und Co. Wichtig ist zudem: Zuschüsse gibts auch. Sie müssen das also nicht alles aus eigener Tasche bezahlen. Aber auch hier ist wieder wichtig zu wissen: Wo bekomme ich das alles?
Im vierten Erste-Hilfe-Kapitel dieses Buches gehts dann auf direktem Weg in die Pflegepraxis. Ich weiß, Körperpflege ist ein Thema, vor dem die meisten Menschen großen Respekt haben. Viele Angehörige möchten sich wirklich liebend gern um ihre Familienmitglieder kümmern, aber allein die Vorstellung, den Pflegebedürftigen im Badezimmer zu begleiten, ist so furchteinflößend, dass sie sagen: »Ich kann das nicht, ich will das nicht.« Sich so zu entscheiden, ist vollkommen in Ordnung. Ich verstehe das. Einem anderen Menschen so nahezukommen, ist erst einmal … ungewohnt. Deswegen verrate ich Ihnen jetzt eine wichtige Erkenntnis aus meinem Leben. Ich erinnere mich noch heute an mein erstes Pflegepraktikum als Medizinstudent. Im Medizinstudium heißt es am Anfang: mehrere Monate mit dem Pflegepersonal mitarbeiten – nicht den tollen Arzt spielen, sondern verstehen, was die Arbeit in einem Krankenhaus wirklich bedeutet. Da habe ich mir vorher natürlich auch so meine Gedanken gemacht, wie es wohl ist, fremde Menschen aus- und anzuziehen, sie zu waschen und zur Toilette zu begleiten. Und sagen wir es, wie es ist: Mich machte allein der Gedanke, wie es wohl sein wird, jemanden beim Toilettengang zu unterstützen, reichlich nervös. Ich wette, daran haben Sie auch schon gedacht, oder? Aber ich verrate Ihnen was: Obwohl ich es damals x-mal in Gedanken durchgespielt habe, war es in der Realität komplett anders – und zwar vollkommen unspektakulär. Es war überhaupt nicht schlimm, nicht unangenehm, nicht peinlich, nicht eklig, sondern schlichtweg ganz normal. Es wurde in dem Moment normal, als ich die Person berührt habe und es einfach gemacht habe. Der Zauber liegt tatsächlich darin, es einfach zu machen. Meine Mutter sagt immer: »Wir müssen doch alle mal aufs Klo.« Und ich glaube, an diesem Tag habe ich den Satz noch mal auf eine ganz neue Weise verstanden. Es einfach zu machen, anstatt es ewig durchzuspielen oder vor mir herzuschieben, war für mich genau der richtige Weg.
Ab dem Moment war es vollkommen normal, Menschen auf die Toilette zu begleiten. Selbst kleine »Unfälle« konnten mich nicht aus der Ruhe bringen. Einfach machen … fertig. Aber ich musste natürlich auch lernen, wie man jemanden beim Toilettengang am besten unterstützt, welche Handgriffe wichtig sind, welche Hilfestellungen möglich und nötig sind und wie man es schafft, die Situation ganz easy zu meistern. Also ohne dass es für irgendwen auch nur eine Sekunde unangenehm ist oder den eigenen Rücken zu sehr strapaziert. Ich hatte das Glück, in der Klinik lernen zu dürfen, wie das alles gemacht wird. Und dieses Wissen möchte ich gern mit Ihnen teilen. Das ABC der Körperpflege, oder besser gesagt, Körperpflege von A bis Z, vom An- und Ausziehen bis zum Zähneputzen, finden Sie in diesem Ratgeber, wobei die Inhalte natürlich alle topaktuell sind und den derzeitigen Pflegestandards entsprechen.
Körperpflege im Video
Damit Sie auch von den Besten lernen können – also von echten Pflegeprofis –, habe ich 2023 gemeinsam mit dem Experten Clemens Meyer-Holz das Pflege ABC gegründet. Dabei handelt es sich um eine Videoplattform, auf der pflegende Angehörige Kurse machen können, angeleitet von Fachkräften aus der Pflege und weiteren Expertinnen und Experten. In den Videos des Pflege ABCs sehen Sie unter anderem, wie die Körperpflege in der Praxis aussieht. Besuchen Sie das Pflege ABC ganz einfach online unter: www.pflegeabc.de. Für gesetzlich Versicherte ist dieser Service kostenlos.
In diesem Buch widmen wir uns aber nicht nur der Pflegepraxis, sondern auch sehr persönlichen Themen. In Kapitel 5 sprechen wir zum Beispiel darüber, wie es Ihnen gelingt, mit Konflikten mit Ihrem Angehörigen klarzukommen und ein gutes oder besseres Verhältnis aufzubauen oder zu bewahren. Wir gehen gemeinsam durch, wie ein respekt- und liebevoller Umgang miteinander aussieht oder zumindest aussehen könnte. Und ja, ich weiß: In einer idealen Welt verstehen wir uns alle super mit unseren Eltern oder anderen Familienmitgliedern, aber die Realität sieht nun mal anders aus. Oftmals schweben noch alte Kränkungen und Konflikte im Raum, aus den letzten Jahren oder sogar Jahrzehnten. Vielleicht macht Ihnen aber auch der Rollenwechsel schwer zu schaffen, vom Angehörigen zur Pflegeperson. Vom Kind, das sich immer auf seine Eltern verlassen konnte, zur Person, die sich nun um Mama oder Papa kümmert. Und vermutlich fällt es Ihnen auch nicht leicht, damit klarzukommen und für sich herauszufinden, was es bedeutet, jetzt in dieser neuen Rolle zu sein. Wer bin ich als Kind meiner Eltern und wer bin ich als Pflegeperson? Und wie verändert sich unsere Beziehung dadurch? Ich vermute, Sie haben darauf in diesem Moment noch keine Antwort. Müssen Sie auch nicht. Das ist okay, denn wir finden sie gemeinsam im Verlauf dieses Buches.
In den Kapiteln 6, 7 und 9 widmen wir uns einer Person, die mir persönlich ganz besonders am Herzen liegt. Und das sind Sie! Und ich wünsche mir, dass Sie sich selbst genauso am Herzen liegen. Sie sind wichtig! Ihr Leben ist wichtig. Ihre Vorstellungen, Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen sind wichtig. Ich weiß, Sie tragen jetzt oder in Zukunft Verantwortung für einen anderen Menschen – das ist toll –, aber das bedeutet nicht, dass Sie Ihr Leben jetzt aufgeben, alles hinter sich lassen und sich für diesen anderen Menschen aufopfern. Damit erreichen Sie nämlich nur eines: dass Sie sich über kurz oder lang kaputt pflegen. Und ich bin ganz ehrlich: In den ersten Wochen und Monaten werden Sie manchmal mehr geben müssen, als Sie haben. Es ist einfach viel und harte Arbeit, sich um den ganzen Papierkram, den Pflegegrad, die Begutachtung, die Gestaltung der Wohnräume und die zeitliche Organisation der Pflege zu kümmern. Da werden Sie auch mal die Zähne zusammenbeißen müssen, das ist leider so. Sie können das aber nicht ewig durchziehen und müssen es auch nicht. Die eigentliche Pflegezeit beginnt ja erst danach – für Wochen, Monate, Jahre oder sogar Jahrzehnte. Wenn Sie in dieser Zeit gut für Ihren Angehörigen sorgen wollen, ist es ganz entscheidend, zu lernen, auch gut für sich selbst zu sorgen.
Auf sich selbst achtgeben
Wie bei Ihrem Auto oder Ihrem Handy gilt auch für Sie: Wenn der Tank leer ist, heißt es ab zur Tankstelle und auftanken. Ohne Sprit fährt der Wagen nämlich nicht. Und wenn der Handyakku alle ist, sollten Sie ihn wieder aufladen, sonst wird es mit dem Telefonieren oder Katzenvideos-Anschauen schwierig. Sie dürfen sich als Pflegeperson ernst nehmen und auch auf sich selbst schauen. Wie Ihnen das gelingt, besprechen wir im Buch in Kapitel 6 »Selbstfürsorge und Unterstützung« ab Seite 124. Es kann Ihnen gelingen, Ihr Leben aufrechtzuerhalten. Job, Hobbys, Freundschaften und Partnerschaft – all das ist essenziell und ich wünsche mir, dass Sie sich zugestehen, dass Ihnen diese Dinge auch wichtig sein dürfen. Damit Sie sich selbst nicht zu sehr aus den Augen verlieren, werde ich Sie regelmäßig daran erinnern. Versprochen! Und ja, ich weiß genau, was Sie jetzt sagen wollen: »Das ist leicht gesagt, aber wer kümmert sich dann um meine Mutter, wenn ich mit Freunden essen gehe? Wer trägt die Verantwortung, wenn ich mit meiner besten Freundin einen Wochenendtrip mache? Wer passt auf Opa auf, wenn ich bei der Arbeit oder beim Sport bin?« Gute und wichtige Fragen. Wir reden darüber, wenn es in Kapitel 7 um Unterstützungsmöglichkeiten geht. Tagespflege, Verhinderungspflege, Nachbarschaftshilfe – es gibt Lösungen, die es Ihnen ermöglichen, Auszeiten zu nehmen. Von den meisten wissen Sie wahrscheinlich nur noch gar nichts. Und wo wir schon beim Thema sind: Wir sprechen in diesem Buch natürlich auch darüber, was Sie tun können, wenn Ihr Angehöriger Demenz hat. Ich habe diesem Thema ein ganzes Kapitel, nämlich das achte, gewidmet, darauf dürfen Sie sich freuen, wenn Sie sich um einen Menschen mit Demenz kümmern.
Und wir sprechen in diesem Buch in Kapitel 9 natürlich auch über den Punkt, an dem Sie vielleicht nicht mehr können. Der Moment, in dem Sie feststellen, dass Sie die Pflege allein oder mit Unterstützung nicht mehr bewältigen können oder vielleicht auch einfach keine Kraft mehr haben. Ich habe schon viele Menschen erlebt, die an diesen Punkt gekommen sind. Und die meisten von ihnen haben nicht auf ihre innere Stimme gehört. Vielleicht muss man auch mehrmals an den Punkt kommen, an dem man nicht mehr kann, um es einzusehen. Aber ich möchte Ihnen hier und heute schon sagen: Es ist okay, wenn Sie sich eines Tages dazu entscheiden, die häusliche Pflege nicht mehr leisten zu können. Es ist kein Zeichen von Schwäche und hat nichts mit Aufgeben zu tun. Jeder Mensch ist für sich und seine körperlichen und mentalen Ressourcen und Grenzen selbst verantwortlich. Und dafür einzustehen, ist niemals verkehrt. Und es ist auch Ihre – das klingt jetzt hart, ist aber so – Verantwortung, einen Plan B zu entwickeln, damit es Ihrem Angehörigen in Zukunft an nichts fehlt. Und auch über diesen Plan B werden wir ab Seite 164 sprechen, denn er gehört einfach dazu.
Sie sehen: Dieses Buch deckt alle Themen ab, die für Sie genau jetzt aktuell und wichtig sind – und noch viele mehr. Sie können es Kapitel für Kapitel durchlesen, es aber auch wie einen Notfallkoffer verwenden und genau das heraussuchen, was Sie gerade brauchen. Morgen soll es ins Sanitätshaus gehen? Dann lesen Sie sich heute direkt Kapitel 3 durch. Sie haben noch keinen Pflegegrad-Antrag gestellt? Dann bitte heute noch Kapitel 2 durcharbeiten und danach oder parallel direkt loslegen. Sie schaffen das. Ich bin auf dieser Reise immer an Ihrer Seite. Und wenn doch noch Fragen offen sind, dann schauen Sie auch gern online im Pflege ABC vorbei, da werden alle behandelten Punkte zusätzlich noch einmal anschaulich in Videos erklärt.
Kapitel 2
Wenn Sie das, was wir hier jetzt gemeinsam durchgehen, schaffen, dann haben Sie die Pflege-Papierkram-Schallmauer durchbrochen, dann stehen Sie im Halbfinale der Pflege-Weltmeisterschaft, dann haben Sie das nächste Level im Super-Mario-Pflege-Spiel erreicht. Ich hoffe, das klingt motivierend genug, denn es hilft alles nichts, wir müssen da jetzt durch. Es ist nämlich tatsächlich so, dass es in der Pflege Hürden gibt, die zwar unangenehm, aber machbar sind. Und wie Sie diese Hürden nehmen, das erkläre ich Ihnen jetzt.
Die Pflege eines Angehörigen ist nicht nur eine emotionale (um es ganz modern auszudrücken) Challenge, also Herausforderung, sondern auch eine organisatorische. Gerade die ersten Tage und Wochen können ganz schön turbulent sein, einfach, weil es so viel zu tun und zu klären gibt und weil das alles viel mit einem macht. Ich erinnere mich noch gut an die ersten Tage, als ich quasi über Nacht zur Pflegeperson geworden bin. Obwohl ich mich mit dem Thema gut auskenne, wusste ich damals nicht, was ich zuerst machen soll. Wo und womit anfangen? Wen muss ich jetzt anrufen? Welche Formulare muss ich ausfüllen und welche Anträge müssen gestellt werden? Wenn Sie auch gerade das Gefühl haben, nicht zu wissen, wo Ihnen der Kopf steht und wo Sie anfangen sollen, dann ist das absolut okay und vollkommen normal. Aber es ist wichtig, das Thema Papierkram nicht auf die lange Bank zu schieben, sondern sich direkt an Tag 1 darum zu kümmern, ganz egal, ob Ihr Angehöriger gerade plötzlich und unerwartet pflegebedürftig geworden ist, oder ob es sich schon länger angedeutet hat. Das Wichtigste ist, dass Sie hier sind und heute loslegen. Wenn Sie möchten, schnappen Sie sich jetzt Ihren Laptop, dann können Sie lesen und parallel direkt den Papierkram abarbeiten. Kleiner Tipp vorab: Besorgen Sie sich auch noch die Versicherungskarte von Ihrem pflegebedürftigen Angehörigen, bevor Sie anfangen. Da stehen Informationen drauf, die Sie brauchen werden. Und ich verspreche Ihnen: Wenn Sie dieses Kapitel hinter sich haben und alles konzentriert durchgehen, dann haben Sie die Pflege-Papierkram-Schallmauer durchbrochen, dann haben Sie das nächste Level im Super-Mario-Pflege-Spiel erreicht. Ich hoffe, das klingt jetzt motivierend genug, um die nächsten Seiten zu lesen, denn es hilft alles nichts, wir müssen da jetzt durch. Es wird kein Spaß, aber es ist machbar und nur halb so wild. Ich bin an Ihrer Seite und wir gehen das alles Schritt für Schritt gemeinsam durch. Also: Packen wir es gemeinsam an!
Bevor wir mit den Anträgen starten, stellt sich erst einmal folgende Frage: Was ist hier und heute zu tun? Was braucht Ihr Angehöriger jetzt dringend und was erst später? Das entscheiden Sie am besten je nach Situation. Ist Ihr Angehöriger gerade noch im Krankenhaus oder in einer Rehaeinrichtung? Dann haben Sie noch etwas Luft und Zeit, um die Pflege zu organisieren. Wenn Sie Ihrem Angehörigen aber genau jetzt in diesem Moment am Küchentisch gegenübersitzen oder er morgen nach Hause kommt, haben Sie diesen Puffer nicht. Das gilt vor allem, wenn Ihr Angehöriger jetzt schon auf Ihre Unterstützung angewiesen ist, etwa bei der Körperpflege oder beim Führen des Haushalts. Dann stecken Sie schon mittendrin und fragen sich wahrscheinlich: Was hat jetzt oberste Priorität? Ich schlage Ihnen vor, als Erstes einmal ganz tief durchzuatmen, das hilft mir persönlich immer sehr gut, gerade in Stressmomenten. Ich weiß, das ist einer von diesen Standardratschlägen für Krisensituationen, aber es gibt ihn aus einem ganz bestimmten Grund: Er hilft. Sie drücken kurz auf die Pausetaste, ziehen sich einen Moment raus und halten für ein paar Sekunden inne. Es kommt direkt etwas mehr Sauerstoff im Gehirn an, was ja bekanntlich nicht das Schlechteste ist, und tatsächlich ist solch ein tiefer Atemzug ein Signal an Ihren Körper, dass es jetzt losgeht, dass es Zeit ist, sich zu fokussieren und zu konzentrieren. Sie werden merken, dass sich Ihre Gedanken dadurch sofort besser sortieren lassen. Und genau das ist die Basis, um die nächsten Schritte klar und ruhig anzugehen. Also: Jetzt einmal tief durchatmen…. Gut gemacht. Dann schnappen Sie sich jetzt Ihren Laptop oder Zettel und Stift und schreiben Ihre Fragen auf. Oder Sie können auch die Vorlage auf der folgenden Seite zur Beantwortung nutzen.
Ihre Notizen für den Überblick
Was ist jetzt wichtig?
Was braucht mein Angehöriger hier und heute?
Ihre erste Aufgabe besteht nämlich darin, dafür zu sorgen, dass Ihr Angehöriger »fürs Erste« gut versorgt ist. Keine Sorge: Das muss alles nicht perfekt sein. Daran arbeiten wir später. Wichtig ist aber, dass es Ihrem Angehörigen in Sachen medizinischer und pflegerischer Versorgung an nichts fehlt. Holen Sie sich dazu am besten gleich Unterstützung ins Boot. Fragen Sie in der Familie, bei Freunden und Nachbarn, wer mit anpacken kann, damit Sie diese Aufgabe für den Moment (und am besten von Anfang an nicht allein) meistern können. Denken Sie an meine Tante Sabine und meinen Onkel Otto, von denen ich Ihnen in der Einführung schon erzählt habe. Machen Sie es wie meine Tante, trommeln Sie die ganze Familie zusammen und gehen Sie die Sache gemeinsam an. Es ist immer leichter, eine Last auf mehrere Schultern zu verteilen, als alles allein zu tragen. Das A und O in der häuslichen Pflege.
