9,49 €
Das Rathaus von Schaffhausen zählt in der Schweiz zu den ältesten Bauten seiner Art. Im künstlerisch bedeutenden Innern lässt sich der politische Wandel von der Zunftherrschaft zur Demokratie in seltener Deutlichkeit ablesen. Das Gebäude wurde Ende 14. Jahrhundert als multifunktionales Kaufhaus geplant. Nachdem 1411 die Zünfte das Regiment übernommen hatten, erfolgte 1412 die Umnutzung zum Rathaus mit zwei Ratsstuben. Die spätgotische Kleine Ratsstube hat sich erhalten, die Grosse Ratsstube wurde 1624/25 im Stil der Spätrenaissance umgebaut. Mit Bibelsprüchen werden hier die Pflichten der Untertanen und das Amt der Obrigkeit definiert. Nach dem Ende des Ancien Regime kam es abermals zu einem Umbau. Mit der Zuschauertribüne werden die nunmehr demokratisch legitimierten Ratsitzungen öffentlich.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 46
Veröffentlichungsjahr: 2022
Peter Jezler • Lukas Wallimann
Das Rathaus in Schaffhausen
Kanton Schaffhausen
Lage und Gestalt des Schaffhauser Rathauses
Die Obere und Niedere Adelsgesellschaft und das Vorgänger-Rathaus
Planung und Bau von Rat- und Kaufhaus 1382–1412
Die Zunftverfassung und das neue (heutige) Rathaus 1411/12
Neugestaltung der Grossen Ratsstube 1624/25
Die Zuschauertribüne von 1835 – Ratssaal mit demokratischer Öffentlichkeit
Die Kassettendecke von 1883 – gleichberechtigte Stadt- und Landbezirke
Veränderungen zwischen 1886 und 2020 – ereignisreiche Jahre für das Rathaus
Anhang
Schaffhauser Rathaus, Hauptfassade an der Vordergasse in der Gestaltung von 1937.
Das zwischen 1382 und 1413 entstandene heutige Rathaus entspricht in vielem den gängigen Rathausbauten der Zeit, bildet aber in gewisser Hinsicht auch einen Sonderfall. Es steht nicht frei, sondern unscheinbar eingebunden in der südlichen Häuserzeile der Vordergasse. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass sich die Hauptfassade durch ihre zwei monumentalen Geschosse von den umgebenden mehrgeschossigen Bauten abhebt. Wer die Vordergasse durch den Rathausbogen verlässt, erkennt, dass das Gebäude mit der Schmalseite zur Hauptgasse steht und sich ungewöhnlich weit in die Tiefe erstreckt.
Die Südfassade des Rathauses mit den Rundbogenfenstern der Grossen Ratsstube; links der Rathausbogen.
Die überraschende Grösse und Ausrichtung des Schaffhauser Rathauses erklärt sich aus der Entstehungsgeschichte. Das Gebäude hatte zunächst die Funktion eines Kaufhauses zu erfüllen. Erst im Zusammenhang mit der Zunftverfassung von 1411 wurden die Grosse Ratsstube eingerichtet und 1412/13 der Bogentrakt mit der Kleinen Ratsstube angebaut. Seine Funktion hat das Rathaus als Gerichtsstube und Sitzungssaal von Stadt- und Kantonsparlament bis heute bewahrt.
Funktion mittelalterlicher Rathäuser
Im europäischen Mittelalter zählt das Rathaus neben Stadtsiegel, Stadtmauer, Stadtkirche und Stadtuhr zu den wichtigsten kommunalen Symbolen. Rathäuser dienen als Versammlungsorte, wo sich der Rat ungestört auf neutralem Territorium beraten kann. Meist zweigeschossig, sind Rathäuser oft freistehende Bauten. Häufig bildet das Erdgeschoss eine offene Halle, in der Gerichtsurteile verkündet werden, die aber auch als Kornhaus, Kaufhaus, Waaghaus, Fleischschal oder Brotlaube dienen kann. Im Obergeschoss liegt die Ratsstube. Hinzukommen können Kammern und Kanzleiräume, ebenso die Wohnung des Grossweibels, der dem Rat dient und das Haus unterhält.
Rathäuser bringen in Erscheinung und Ausstattung oft die jeweils herrschenden Machtstrukturen zum Ausdruck. In der Stadt Schaffhausen lässt sich der verfassungsgeschichtliche Wandel in fünf Stufen verfolgen:
1. Im späten 14. Jahrhundert wird das Gesellschaftshaus der adligen Niederen Trinkstube zum Rathaus (heute Schneiderstube).
2. Mit der Zunftverfassung 1411 werden dem Kaufhaus die für ein Rathaus nötigen Räume zugefügt.
3. Der Herrschaftsabschluss der Frühen Neuzeit bringt eine Führungsschicht mit absolutistischen Tendenzen hervor. Dies drückt sich in der Erneuerung der Grossen Ratsstube 1624/25 aus.
4. 1798 führt das Gedankengut der Französischen Revolution und der Einmarsch französischer Truppen zum Umsturz der bisherigen Zunftherrschaft. 1831 und 1834 folgt die liberale Kantonsverfassung. Der Kanton übernimmt als Rechtsnachfolger des Stadtregiments das Rathaus. Die Versammlungen des Grossen Rats werden 1834 öffentlich, wozu 1835 die Grosse Ratsstube um ein Geschoss erhöht und mit einer Zuschauertribüne ergänzt wird.
5. 1848 wird der demokratische Bundesstaat gegründet und 1872 und 1874 die Bundesverfassung einer Revision unterzogen. In der Grossen Ratsstube stellt die neue Decke von 1883 mit ihren Wappen die staatlichen Institutionen Bund, Kanton und kantonale Bezirke dar.
Rathaus Schaffhausen, Lage zwischen Vordergasse und «Rathausbogen»-Gasse; Bauabfolge 1. Obergeschoss.
1 Rathauslaube 1394/95 Dendrodatum, 1396/97 in Betrieb
2 Korridor 1394/95
3 Einbau Grosse Ratsstube 1411/12
4 Bogentrakt mit Kammer 1412/13
5 Einbau Kleine Ratsstube um 1413
6 Aussentreppe mit Brunnen 1412–1835
Verfassungshistorische Bedeutung der «Trinkstuben»
Verfassungsgeschichtlich geht dem Rathaus die Bildung eines Rats voraus. Ursprünglich in der Regel vom Stadtherrn eingesetzt, wird in Schaffhausen der Rat seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert fassbar. Der Ursprung weiterer Anspruchsgruppen liegt oft in genossenschaftlich organisierten «Trinkstuben», ein Begriff, der sowohl das Gesellschaftshaus als auch die sich darin versammelnde Gesellschaft bezeichnet. Solche «Stuben» wurden von Personengruppen zur Vertretung gemeinsamer Ziele und zur Pflege der Geselligkeit gegründet. Das für den Bau und Betrieb des Gesellschaftshauses nötige Kapital wurde zusammengelegt. Neumitglieder hatten sich in das Stubenrecht einzukaufen. Aus der Mischung von geselligen Ürten (Gastmälern) und politischer Meinungsbildung erwuchsen Machtansprüche, die zum verbrieften Recht auf Teilhabe am Stadtregiment führen konnten. Zeitlich gehen die Trinkstuben dem Rathaus voraus. Die Entstehung von Rat, Gesellschaftshäusern und Rathaus lässt sich in der Schaffhauser Schriftüberlieferung und Baukultur über mehrere Stufen verfolgen.
Schaffhausen hatte sich im 11. Jahrhundert zu einer Frühstadt entwickelt (Münzrecht 1045), gelangte 1218 unter den Schutz des Reiches, geriet aber 1330 durch Verpfändung an Habsburg. Fortan vertrat ein habsburgischer Vogt und Schultheiss mit Sitz im Fronwagturm die Rechte und Interessen des neuen Stadtherrn. Seitens der Stadt hatten zunächst zwei Adelsgesellschaften im Rat das Sagen. Der Gesellschaftsbrief von 1394 bezeichnet sie als «gesellen gemainlich ze der nidern und ze der obern trinkstuben». Zuweilen standen sie sich bis zur blutigen Fehde feindlich gegenüber, dann wiederum verbündeten sie sich gegen die aufstrebenden nichtadligen Bürger.
Zum besseren Verständnis sei die mittelalterliche Herrschaftstopografie Schaffhausens erläutert: An der einstigen Hauptachse und Reichsstrasse, der heutigen Vordergasse, sind noch immer die damaligen Machtzentren zu sehen. Die «Obere (Trink-) Stube» steht noch heute am Fronwagplatz; die «Niedere (Trink-) Stube», seit 1414 Schneiderstube, liegt weiter abwärts an der Vordergasse. Wie eng sich die Obere Adelsstube mit dem Regiment vernetzt hatte, zeigt der Umstand, dass ihr Gesellschaftshaus an den Fronwagturm des Schultheissen angebaut ist und dass sich einzelne zum Turm gehörige Räume in das Gesellschaftshaus hinein erstreckten.
