Das Reich der Asche - Realm Breaker 1 - Victoria Aveyard - E-Book

Das Reich der Asche - Realm Breaker 1 E-Book

Victoria Aveyard

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Beschreibung

Die Fantasy-Sensation des Jahres: Nach »Die Farben des Blutes« der Auftakt der neuen Saga von Platz 1-SPIEGEL-Bestsellerautorin Victoria Aveyard!

In Coraynes Adern fließt das Blut eines Helden. Doch sie verabscheut ihre Herkunft und will nichts mit dem Vater zu tun haben, für den Heldentaten stets wichtiger waren als seine Tochter. Nun ist Coraynes Vater tot, gefallen durch die Hand seines eigenen machthungrigen Bruders. Um den Untergang ihrer Heimat zu verhindern, ist sie gezwungen, das Schwert ihres Vaters zu ergreifen. Zusammen mit nur sechs Gefährten, die ebenfalls keine strahlenden Helden sind, bricht Corayne auf, um eine Armee aus Aschekriegern zu bekämpfen. Doch wie soll sie eine Dunkelheit besiegen, gegen die sogar wahre Helden machtlos waren?


Der Auftakt zu Victoria Aveyards epischer »Realm Breaker«-Saga!

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Buch

In Coraynes Adern fließt das Blut eines Helden. Doch sie verabscheut ihre Herkunft und will nichts mit dem Vater zu tun haben, für den Heldentaten stets wichtiger waren als seine Tochter. Nun ist Coraynes Vater tot, gefallen durch die Hand seines eigenen machthungrigen Bruders. Um den Untergang ihrer Heimat zu verhindern, ist sie gezwungen, das Schwert ihres Vaters zu ergreifen. Zusammen mit nur sechs Gefährten, die ebenfalls keine strahlenden Helden sind, bricht Corayne auf, um eine Armee aus Aschekriegern zu bekämpfen. Doch wie soll sie eine Dunkelheit besiegen, gegen die sogar wahre Helden machtlos waren?

Autorin

Die Schriftstellerin und studierte Drehbuchautorin Victoria Aveyard, geboren in Massachusetts, wuchs mit Der Herr der Ringe, Star Wars, Indiana Jones, Harry Potter und LOST auf. Ihre erste eigene Fantasywelt schuf Aveyard mit ihrer Romanserie »Die Farben des Blutes«, deren Bände alle auf Platz 1 der New York Times Bestsellerliste standen, in 41 Sprachen übersetzt wurden und auch im deutschsprachigen Raum ein Bestsellerphänomen waren. Aveyards neue High-Fantasy-Saga »Das Reich der Asche« ist düsterer, tiefgründiger und erwachsener. Sie lebt in Los Angeles.

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Victoria Aveyard

Das Reich der Asche

Realm Breaker 1

Deutsch von Michaela Link

Die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel »Realm Breaker« bei HarperTeen, an Imprint of HarperCollins Publishers, New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Copyright der Originalausgabe © 2021 by Victoria Aveyard

Published by Arrangement with Victoria Aveyard c/o NEW LEAF LITERARY & MEDIA, INC., 110 West 40th Street, Suite 2201, NEW YORK, NY 10018 USA

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2021 by Penhaligon in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Karte: Francesca Baraldi © & TM 2021 Victoria Aveyard. All rights reserved.

Redaktion: Jennifer Jäger

Umschlaggestaltung: Anke Koopmann | Designomicon

nach einer Originalvorlage von Harper Collins US

Umschlagdesign: Sasha Vinogradova

BL · Herstellung: MR

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-28040-6V003

www.penhaligon.de

Für die, die suchen und nie finden.

Prolog

Das ungesungene Lied

Kein lebender Sterblicher hatte je eine Spindel gesehen.

Nur ein schwacher Nachhall war von ihnen geblieben und haftete erinnerten oder vergessenen Orten an, lebte in von Magie berührten Menschen fort und in Geschöpfen, die aus anderen Welten stammten. Seit einer Ewigkeit hatte keine Spindel mehr gebrannt, die letzte war schon seit tausend Jahren Geschichte. Die Übergänge waren verschlossen, die Pforten versperrt. Das Zeitalter der Übertritte gehörte der Vergangenheit an.

Die Welt von Allwacht war ganz für sich allein.

Und so muss es bleiben, dachte Andry Trelland. Zu unserer aller Wohl.

Während der Knappe die Rüstung seines Herrn richtete und die Gurte und Schnallen über Sir Grandel Tyrs breitem Rumpf stramm zog, ließ er sich von den ersten Regentropfen nicht beirren. Seine braunen Finger flogen über das vertraute Leder und den goldenen Stahl. Die Rüstung des Ritters glänzte frisch poliert, ihre Schulter- und Brustplatten nach dem Vorbild des brüllenden Löwen des Königreichs von Galland gestaltet.

Matt zog die Morgendämmerung herauf, kämpfte sich durch die dicht geballten Frühlingsregenwolken über den Vorbergen und dem dahinter aufragenden Gebirge. Die tief hängenden Wolken gaben einem das Gefühl, in einem Raum mit niedriger Decke zu stehen. Andry atmete ein und schmeckte feuchte Luft. Er spürte den Druck, der auf der Welt um ihn herum lastete.

In der Nähe schnauften ihre Pferde. Dreizehn waren nebeneinander angebunden und drängten sich zusammen, um sich zu wärmen. Andry wünschte, er könne sich zu ihnen gesellen.

Die Gefährten des Reichs warteten auf der Lichtung am Fuße des Hügels. Einige von ihnen bewachten den Pilgerweg, der in die Bäume hineinführte, warteten auf ihren Feind. Einige patrouillierten am efeuüberwucherten Tempel, dessen weiße Säulen schimmerten wie die Knochen eines lange vergessenen Skeletts. Die darauf eingemeißelten Schriftzeichen vertraut, von Ältesten eingegraben – die gleichen Buchstaben, wie sie Andry im mythischen Iona gesehen hatte. Der Bau war uralt, älter als das alte Reich von Cor, erbaut für eine längst nicht mehr existierende Spindel. Sein Glockenturm stand stumm und schweigend. Wo die Spindel im Inneren einst hingeführt hatte, wusste Andry nicht. Niemand hatte je darüber berichtet, und er hatte nie den Mut aufgebracht, danach zu fragen. Trotzdem, er spürte sie wie einen fast verflogenen Duft, das Kräuseln einer verloren gegangenen Kraft.

Sir Grandel verzog die Lippen. Der hellhäutige Ritter schaute mit einem finsteren Stirnrunzeln erst in den Himmel, dann zum Tempel hinüber und zu den Kriegern unter ihnen.

»Unfassbar, dass ich zu dieser spindelverdammten Stunde wach bin«, zischte er, ohne sich die Mühe zu machen, leise zu sprechen.

Andry überging die Beschwerde seines Mentors.

»Alles fertig, Herr«, sagte er und trat einen Schritt zurück. Er begutachtete den Ritter, hielt Ausschau nach Mängeln oder Unvollkommenheiten, irgendetwas, das Sir Grandel in der bevorstehenden Schlacht beeinträchtigen könnte.

Der Ritter blähte die Brust. Andry war jetzt seit drei Jahren Sir Grandels Knappe. Sir Grandel war ein hochmütiger Mann, aber Andry kannte keinen Schwertkämpfer von gleichem Talent, der nicht ebenfalls zur Überheblichkeit neigte. Das war zu erwarten. Und es war alles in bester Ordnung, von den Zehenspitzen von Sir Grandels stählernen Stiefeln bis hin zu den Knöcheln seiner Panzerhandschuhe. Der schlachterprobte Ritter war ein Muster an Kraft und Tapferkeit, der fleischgewordene Inbegriff der Löwengarde der Königin. Ein wahrlich furchterregender und bewegender Anblick.

Wie immer stellte Andry sich selbst in ebendieser Rüstung vor, den Löwen auf der Brust, den grünen Umhang über den Schultern, den Schild seines Vaters am Arm – und nicht im Salon seiner Mutter an die Wand gehängt. Seit Jahren unbenutzt, staubbedeckt, halb zerbrochen.

Der Knappe senkte den Kopf, scheuchte den Gedanken fort. »Ihr seid nun bereit.«

»Das auf jeden Fall«, antwortete der Ritter und legte die Finger in seinen Handschuhen um das Heft seines Schwertes. »Nachdem ich meine alternden Knochen zu viele Tage lang über die Wacht geschleppt habe. Wie lange sind wir jetzt unterwegs, Trelland?«

Andry antwortete, ohne nachzudenken. »Zwei Monate, Herr. Fast auf den Tag genau zwei Monate.«

Er kannte die Zahl so gut, wie er seine Finger kannte. Jeder Tag unterwegs war ein Abenteuer, ein Weg durch die Wildnis, durch Täler und Berge, in Königreiche, die je zu sehen er sich nie hätte träumen lassen. An der Seite ruhmvoller Krieger mit unglaublichen Fähigkeiten, allesamt Helden. Ihr Ritterzug näherte sich nun dem Ende, die nahe Schlacht warf ihre drohenden Schatten voraus. Andry fürchtete nicht den Kampf, sondern das, was danach kommen würde.

Die leichte, schnelle Reise heimwärts. Der Exerzierplatz, der Palast, die Mutter krank und der Vater tot. Nichts, auf das ich mich freuen könnte. Nur nochmals vier Jahre, um Sir Grandel auf dem Weg vom Thronsaal zum Weinkeller zu begleiten.

Der Ritter bemerkte das Unbehagen seines Knappen nicht und plapperte weiter. »Aufgerissene Spindeln und die Rückkehr verlorener Reiche. Alles nur Gewäsch. Die Jagd nach einem Kindermärchen«, brummte der Ritter, während er seine Handschuhe überprüfte. »Die Jagd nach Geistern um der Geister willen.«

Angesichts seiner kampfbereiten Gefährten schüttelte er den Kopf. Deren Tracht und Farbe waren so vielfältig wie die Juwelen in einer Krone. Für eine Weile ließ er den Blick seiner wässrig blauen Augen auf dem einen oder anderen ruhen.

Wie sein Ritter sah Andry die in unbeweglicher Anspannung dastehenden Gestalten in fremdartigen Rüstungen und mit noch fremdartigeren Gepflogenheiten. Auch wenn sie nun einen Monat lang mit den Gefährten des Reiches unterwegs gewesen waren, erschienen ihm einige von ihnen immer noch alles andere als vertraut. Undurchdringlich wie das Rätsel eines Zauberers, fern und unglaubwürdig wie ein Mythos. Und doch stehen sie direkt vor mir.

»Es sind keine Geister«, murmelte Andry, während er zusah, wie einer von ihnen den Umfang des Tempels abschritt. Sein Haar war blond und geflochten, seine Gestalt breit und von monströser Größe. Eigentlich bräuchte es zwei Männer, um das Großschwert an seiner Hüfte zu schwingen. Dom, dachte Andry, obwohl sein eigentlicher Name viel länger und schwieriger auszusprechen war. Ein Prinz von Iona. »Die Ältesten sind genauso Fleisch und Blut wie wir.«

Sie waren leicht von den anderen Kriegern zu unterscheiden. Die Ältesten waren Wesen für sich, sechs insgesamt, ein jeder wie eine prächtige Statue, unterschiedlich im Aussehen, aber trotzdem irgendwie alle gleich. So sehr von den sterblichen Wesen verschieden wie Vögel von Fischen. Kinder anderer Sterne, sagten die Legenden. Wesen eines anderen Reichs, erzählten die wenigen geschichtlichen Überlieferungen.

Unsterbliche, das wusste Andry.

Alterslos, schön, fern, unvergänglich – und verloren. Selbst nach einem Monat konnte er den Blick nicht von ihnen wenden.

Sie nannten sich selbst die Vedera, aber für den Rest der Wacht, für die Sterblichen, die sie nur aus uralten Überlieferungen und halbvergessenen Geschichten kannten, waren sie die Ältesten. Es gab nur wenige von ihnen, aber in Andry Trellands Augen waren sie nach wie vor mächtig.

Der Ältestenprinz schaute auf, als er von hinten wieder um den Tempel herumkam, und begegnete dem Blick des Knappen mit durchdringenden smaragdfarbenen Augen. Andry senkte schnell den Kopf, im Wissen, dass der Unsterbliche ihr Gespräch mithören konnte. Seine Wangen verfärbten sich rot.

Sir Grandel zuckte mit keiner Wimper, die Augen unter seinem Helm hart wie Stein. »Bluten Unsterbliche denn, Knappe?«

»Das weiß ich nicht, Herr«, antwortete Andry. Der Ritter nahm nun auch die anderen in den Blick. Die Ältesten kamen aus jedem Winkel der Wacht, tauchten aus halb vergessenen Enklaven auf. Andry hatte sie sich auf die gleiche Weise eingeprägt, wie er sich sonst die Höflinge im Palast einprägte –, nicht nur, damit sich Sir Grandel in ihrer Gesellschaft nicht blamierte, sondern auch, um seine eigene Neugier zu befriedigen.

Die beiden weiblichen Ältesten boten einen ganz besonderen Anblick. Sie waren genauso Krieger wie alle Übrigen. Das war für die Sterblichen unter ihnen ein Schock gewesen, vor allem für die Ritter aus Galland. Andry fand die beiden Frauen immer noch faszinierend, wenn nicht gar ehrfurchtgebietend. Rowanna und Marigon kamen aus Sirandel tief im Burgwald, genau wie Arberin. Andry nahm an, dass alle drei enge Verwandte waren mit ihrem roten Haar, ihren bleichen, fuchsartigen Gesichtern und den purpurnen Kettenpanzern, die wie Schlangenhaut schillerten. Sie sahen aus wie ein Wald im Herbst, wenn Sonne und Schatten beständig miteinander wechseln.

Die Nour kamen aus Hizir, der Wüstenenklave im Großen Sand von Ibal. In Andrys Augen schienen sie sowohl Mann wie auch Frau zu sein. Sie trugen keinerlei Rüstung, sondern hatten sich mit meterweise gebundener Dämmerrosenseide eng umwickelt, mit einem Vermögen an kostbaren Steinen besetzt. Ihre Haut war golden, ihre Augen bronzefarben, mit schwarzem Kohlstift und blitzendem Purpur geschminkt, während ihr schwarzes Haar zu kunstvoll verschlungenen Zöpfen geflochten war.

Surim war der am weitesten Gereiste von allen Gefährten, Sterblichen wie Unsterblichen. Bronzehäutig und mit tief liegenden Augen, schien die Reise von Tarima bis hierher noch immer auf ihm zu lasten wie ein schwerer Mantel. Sein robustes Pony hatte ihn durch die gewaltige Temurijonsteppe getragen.

Dom war mehr Eichbaum und Geweih als sonst irgendetwas. Er trug Lederkleidung unter einem graugrünen Mantel, in den der große Hirsch seiner Enklave und seines Königs eingeprägt war. An den Händen hatte er weder Leder- noch Panzerhandschuhe. An einem Finger glitzerte ein Ring aus gehämmertem Silber. Sein Zuhause war Iona, versteckt in den schwer zugänglichen Gebirgstälern von Calidon, wo sich die Gefährten zuerst versammelt hatten. Andry erinnerte sich noch klar und deutlich an Iona: eine unsterbliche Stadt aus Nebel und Stein, von einer unsterblichen Herrin in einem langen grauen Gewand regiert.

Sir Grandels Stimme riss ihn aus seinen Erinnerungen.

»Und was ist mit den Corblutprinzen, den Abkömmlingen des alten Reiches?«, zischte er, seine Worte plötzlich rasiermesserscharf. »Spindelverweste womöglich, aber sterblich wie der Rest von uns.«

Andry Trelland war in einem Palast aufgewachsen. Den Tonfall des Neides kannte er bestens.

Cortael vom alten Cor stand allein da, die Stiefel in den geborstenen Stein der Pilgerstraße gestemmt. Er starrte unverwandt in die dunklen Schatten des Waldes, auf der Lauer wie ein Wolf. Auch er trug einen Mantel aus Iona, und von seiner stählernen Brustplatte hoben sich die Formen von Geweihen ab. Dunkelrotes Haar fiel ihm über die Schultern wie Blut in der Abenddämmerung. Er diente keinem der Reiche der Sterblichen, und das Alter hatte bereits schwache Falten über sein Gesicht gezogen. Man sah sie etwa auf seiner strengen Stirn oder in den Winkeln seiner schmalen Lippen. Andry schätzte ihn auf nicht ganz fünfunddreißig. Wie bei den Ältesten floss Spindelblut in seinen Adern – er war ein Sohn des Übertritts, dessen sterbliche Vorfahren unter den Sternen einer anderen Welt geboren waren.

Das Gleiche galt für sein Schwert. Eine Spindelklinge. Die blanke Waffe spiegelte den Himmel über ihnen, erfüllt von grauem Licht, mit Gravuren versehen, die kein lebendes Wesen zu lesen vermochte. Seine Gegenwart war wie das Summen von Blitzen.

»Das weiß ich genauso wenig«, murmelte Andry und riss den Blick von dem Schwert los.

Sir Grandel klopfte dem Knappen auf die Schulter. »Vielleicht finden wir es ja bald heraus«, sagte er und stapfte den Hügel hinunter. Seine schwere Rüstung klirrte bei jedem Schritt.

Was ich wahrlich nicht hoffe, dachte Andry, als sein Herr nun zu den anderen sterblichen Gefährten aufschloss und sich zu den Vettern Nord gesellte: zwei weitere Ritter Gallands. Edgar und Raymon Nord hatten die Ritterfahrt genauso satt wie Sir Grandel, und ihre müden Gesichter waren ein Abbild seines eigenen.

Bress der Bullenreiter schob sich dazwischen, ein übertrieben breites Lächeln unter seinem gehörnten Helm. Der Söldner nervte die Ritter, wann immer er konnte, sehr zu ihrem Verdruss und zu Andrys Entzücken.

»Auch wenn du selbst das Schwert nicht ziehen wirst, solltest du trotzdem vor der Schlacht zu den Göttern beten«, ertönte hinter ihm eine tiefe Stimme, durchdringend wie Donnerschläge.

Andry drehte sich um und sah einen weiteren Ritter zwischen den Bäumen hervortreten. Okran aus Kasa, dem strahlenden Königreich des Südens, neigte im Näherkommen grüßend den Kopf, unter einem Arm den Helm, den Speer in der anderen Hand. Über seiner perlweißen Rüstung ließ mit ausgebreiteten Flügeln und vorgestreckten, todbringenden Krallen der Adler von Kasa seinen Schrei ertönen. Okrans Lächeln war eine Sternschnuppe, ein kurzer Blitz vor dem Hintergrund seiner pechschwarzen Haut.

»Herr«, antwortete Andry und verbeugte sich. »Ich bezweifle, dass die Götter den Worten eines Knappen Gehör schenken.«

Okran zog eine Braue hoch. »Bringt dir Sir Grandel dergleichen bei?«

»Ich muss mich für ihn entschuldigen. Nach einer so langen Reise, nach mörderischen Wochen, in denen er die Hälfte des Reichs durchquert hat, ist er nun erschöpft.« Es gehörte zu den Pflichten eines Knappen, die Hinterlassenschaften seines Herrn wegzuräumen, ob das nun handgreifliche Dinge oder geäußerte Worte waren. »Er möchte weder Euch noch sonst irgendwen beleidigen.«

»Mach dir deshalb keine Gedanken, Knappe Trelland. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich von Fliegengesumm stören lassen«, antwortete der Ritter aus dem Süden und winkte mit flinkfingriger Hand. »Zumindest nicht heute.«

Andry unterdrückte den unhöflichen Drang zu grinsen. »Nennt Ihr Sir Grandel eine Fliege?«

»Würdest du es ihm verraten, wenn ich es täte?«

Der Knappe antwortete nicht, und das war Antwort genug.

»Braver Junge«, kicherte der Kasaner, zog sich seinen Helm über den Kopf und richtete den Nasenschutz aus Amethyst. Ein Ritter des Adlers nahm Gestalt an, wie ein aus einem Traum tretender Held.

»Fürchtet Ihr Euch?« Die Worte waren aus Andry herausgesprudelt, ehe er sich hatte bremsen können. Okrans Gesichtszüge wurden weich, ein Ansporn für Andrys Entschlossenheit. »Fürchtet Ihr den Dieb und seinen Zauberer?«

Der Kasaner schwieg lange, seine Haltung träge und nachdenklich. Er warf einen Blick hinüber zum Tempel und zur Lichtung, mit Cortael am Waldrand. Regentropfen tanzten auf den Nadeln der Bäume, und die Schatten wechselten von schwarz zu grau. Alles schien ruhig, unaufdringlich.

»Die Gefahr ist die Spindel, nicht die Männer, die nach ihr suchen«, betonte er mit sanfter Stimme.

Sosehr er sich auch bemühte, Andry stellte fest, dass er sich die beiden einfach nicht vorstellen konnte. Der Schwertdieb, der abtrünnige Zauberer. Zwei Männer gegen die Gefährten: ein Dutzend Krieger, die Hälfte von ihnen Älteste. Es wird ein leichter Sieg, wir schlachten sie einfach ab, schärfte er sich ein und zwang sich zu einem Nicken.

Der Kasaner reckte das Kinn. »Die Ältesten haben sich an die gekrönten Häupter der Sterblichen gewandt, und als Antwort auf ihren Ruf wurde ich ausgesandt, genau wie auch deine Ritter. Ich weiß kaum etwas über Corblut oder Spindelmagie, und das wenigste davon glaube ich. Ein gestohlenes Schwert, ein zerrissener Durchgang? Das alles scheint mir mehr eine Streitigkeit zwischen zwei Brüdern zu sein und kein Anlass zur Sorge für die großen Königreiche der Wacht.« Er lachte verächtlich und schüttelte den Kopf. »Aber ich stelle nicht infrage, was die Herrscherin der Ältesten gesagt oder wovor Cortael gewarnt hat. Meine Aufgabe ist es, mich dem entgegenstellen, was uns drohen könnte. Sich nicht um diese Sache zu kümmern wäre ein zu großes Risiko. Wenn niemand dem Ruf folgt, ist das das Schlechteste, was passieren kann.« Da war ein unentschlossenes Flackern in seinen warmen, dunklen Augen. »Im besten Fall retten wir die Welt, bevor sie auch nur erfährt, dass sie in Gefahr gewesen ist.«

»Kore-garay-sida.« Die Sprache des Volkes seiner Mutter fiel ihm leicht, sie war Andry als Kind gründlich beigebracht worden. Die Wörter waren Balsam auf seinen Lippen. Die Götter wollen es so.

Okran blinzelte überrascht. Dann legte sich ein Lächeln über seine Züge – breit und strahlend, überwältigend. »Ambara-garay«, beendete er das Gebet mit einem Neigen seines Helms. Vertraue in die Götter.»Du hast mir gar nicht gesagt, dass du Kasani sprichst, Knappe.«

»Meine Mutter hat es mir beigebracht, Herr«, antwortete Andry und richtete sich auf. Er war fast einen Meter achtzig groß, doch fühlte er sich in Okrans hagerem Schatten trotzdem klein. In Ascal aufgewachsen, war es Andry gewohnt, mit seiner dunkleren Haut aufzufallen, und er war stolz auf das Erbe, für das diese Haut stand. »Sie ist in Nkonabo geboren, eine Tochter von Kin Kiane.« Die Familie seiner Mutter, ein altes Geschlecht, war sogar im Norden bekannt.

»Eine ehrwürdige Abstammung«, meinte Okran, immer noch grinsend. »Du solltest mich einmal in Benai besuchen, wenn alles erledigt ist und wir in unser Leben zurückgekehrt sind.«

Benai. Eine Stadt aus gehämmertem Gold und Amethyst, an die grünen Ufer des Nkon geschmiegt.

Die Heimat, die er nie gesehen hatte, nahm vor seinem geistigen Auge Gestalt an, die Geschichten seiner Mutter, ein Lied in seinem Kopf. Aber es durfte nicht von Dauer sein. Der Regen war kalt, die Realität ließ sich unmöglich ausblenden. Die Ritterschaft war noch drei oder vier Jahre weit weg. Ein ganzes Leben, das wusste Andry. Und es gibt noch so viel anderes zu bedenken. Meine Stellung in Ascal, meine Zukunft, meine Ehre. Ihm wurde schwer ums Herz. Rittern steht es nicht frei, nach Gutdünken umherzuschweifen. Sie müssen die Schwachen beschützen und den Hilflosen helfen, und vor allem müssen sie ihrem Land und ihrer Königin dienen. Und nicht durch die Welt reisen, um sich schöne Städte anzusehen.

Und außerdem muss ich an Mutter denken, so schwach und gebrechlich wie sie geworden ist.

Andry zwang sich zu einem Lächeln. »Wenn alles erledigt ist«, echote er und winkte Okran nach, der sich bereits hügelabwärts in Bewegung gesetzt hatte und leichtfüßig durch das jetzt feuchte Gras schritt.

Vertraue den Göttern.

Hier, in den Ausläufern der großen Berge von Allwacht, von Helden und Unsterblichen umgeben, spürte Andry die Gegenwart der Götter ganz ohne Frage. Wer sonst hätte einen Knappen auf eine solche Reise schicken können, den Sohn einer fremdländischen Adligen und eines niederen Ritters? Erbe keiner Burg, von keines Königs Geblüt.

Morgen werde ich nicht mehr der Junge von heute sein. Wenn alles erledigt ist.

Am Rand der Lichtung gesellte sich der unsterbliche Prinz von Iona zu Cortael. Seine Ältestensinne waren konzentriert auf den Wald gerichtet. Selbst oben vom Hügel aus erkannte Andry den verbissenen Zug um die Kieferpartie des Unsterblichen.

»Ich kann sie hören«, sagte er, die Worte wie ein Peitschenknall. »Eine halbe Meile entfernt. Nur zwei, wie erwartet.«

»Wir sollten entsprechende Vorsichtsmaßnahmen treffen, wenn wir es mit einem Zauberer zu tun haben«, rief Bress. Vor dem Hintergrund des grauen Himmels blitzte die Axt über seiner Schulter wie ein Lächeln.

Die Sirandels fuhren herum und starrten ihn an, als hätten sie es mit einem Kind zu tun.

»Wir sind die Vorsichtsmaßnahme, Bullenreiter«, sagte Arberin leise, seine Stimme vom Akzent seiner unergründlichen Sprache gefärbt.

Der Söldner schob missmutig die Lippen vor.

»Der Rote ist ein Gauner, der sich überall einmischt, nicht mehr«, rief Cortael, ohne sich umzudrehen. »Umringt den Tempel, bleibt in Formation.« Der Corblut war ein geborener Anführer, der das Befehlen bestens gewohnt war. »Taristan wird versuchen, durch unsere Reihen zu schlüpfen und gewaltsam einen Übergang zu öffnen, ehe wir ihn aufhalten können.«

»Er wird scheitern«, dröhnte Dom und zog sein Großschwert aus der Scheide.

Zum Zeichen der Zustimmung schlug Okran mit dem Knauf seines Speers auf den Boden, und die Vettern Nord ließen ihre Schilde klappern. Sir Grandel richtete sich auf, seine Kiefer angespannt, die Schultern gestrafft. Die Unsterblichen schlossen sich ihnen an, ihre Bögen und Klingen in der Hand. Die Gefährten waren bereit.

Nun öffneten sich vollends die Schleusentore des Himmels, und der kalte, stetige Regen verwandelte sich in einen Wolkenbruch. Ein Schauder durchlief Andry, als die Nässe sein Rückgrat hinunterkroch und durch die Ritzen in seine Kleidung drang.

Der Straße zugewandt, hob Cortael die Spindelklinge. Regen prasselte aufs Schwert und verundeutlichte dessen vorzeitliche Gestalt. Wasser troff ihm übers Gesicht, aber er war wie ein Fels und trotzte dem Sturm. Andry wusste, dass Cortael ein Sterblicher war, doch in diesem Moment wirkte er alterslos. Ein Stückchen aus einem verlorenen Reich schien für einen kurzen Moment aufzublitzen, wie durch den Spalt einer sich schließenden Tür.

»Gefährten des Reichs«, verkündete Cortael mit weithin hallender Stimme.

Irgendwo auf den Bergen grollte der Donner. Die Götter der Wacht schauen zu, dachte Andry. Er spürte ihre Blicke.

Der Regen verdoppelte seine Heftigkeit, fiel in dichten Strömen und verwandelte das Gras in Schlamm.

Cortael zauderte nicht. »Diese Glocke hat seit tausend Jahren nicht geläutet«, sagte er. »Niemand hat seither einen Fuß in diesen Tempel gesetzt oder ist durch die Spindel gegangen. Mein Bruder beabsichtigt, der Erste zu sein. Er wird nicht der Erste sein. Er wird scheitern. Welche böse Absicht auch immer ihn hierhergetrieben haben mag, sie findet hier ein Ende.«

Das Schwert blitzte auf und reflektierte einen zuckenden Blitz. Cortael umfasste es noch fester.

»Die Macht von Corblut und Spindelklinge ist groß genug, um durch die Spindel zu schneiden. Es ist unsere Pflicht, meinen Bruder abzuhalten von diesem Verderben und das Reich und die Wacht zu retten.« Cortael sah die Gefährten der Reihe nach an. Andry erschauderte, als sein Blick auch über ihn hinwegglitt. »Heute kämpfen wir für morgen.«

Cortaels Entschlossenheit vermochte Andry Trelland die in ihm aufsteigende Angst nicht zu nehmen, doch sie gab ihm Kraft. Selbst wenn seine Pflicht nur darin bestand, zuzuschauen und das Blut wegzuwaschen, würde er mit keiner Wimper zucken. Er würde den Gefährten und der Wacht in jeder ihm möglichen Weise dienen. Selbst ein Knappe konnte stark sein.

»Diese Glocke hat seit tausend Jahren nicht geläutet«, wiederholte Cortael. Er sah wie ein Soldat aus, nicht wie ein Prinz. Ein sterblicher Mann ohne hohe Abstammung, nur mit einer Pflicht. »Sie wird auch in den nächsten tausend Jahren nicht läuten.«

Wieder donnerte es, jetzt näher.

Und die Glocke läutete.

Die Gefährten zuckten zusammen wie ein einziges Wesen.

»Haltet die Stellung«, befahl Dom. Wind zerrte am goldenen Vorhang seines Haares. »Das ist das Werk des Roten. Eine Illusion!«

Der Klang der Glocke war zugleich hohl und voll, ein Ruf und eine Warnung. Andry konnte ihren Zorn und ihren Kummer wahrnehmen. Sie schien zwischen den Jahrhunderten, zwischen den Reichen hin und her zu hallen, vor und zurück. Da war eine Stimme in Andry, die ihm riet, so viel Abstand zwischen sich und die Glocke zu legen, wie er nur konnte. Aber seine Füße blieben wie angewurzelt, seine Fäuste geballt. Ich werde mit keiner Wimper zucken.

Sir Grandel bleckte die Zähne und schlug sich mit der Hand auf die Brust. Stahl klirrte auf Stahl. »Mit mir!«, rief er, der alte Schlachtruf der Löwengarde. Die Vettern Nord nahmen seinen Ruf auf.

Andry spürte es in der Brust.

Von oben auf dem Hügel machte Andry nun zwei Gestalten aus, die stetig den Weg heraufkamen, zwischen den Regentropfen kaum erkennbar. Der, den man den Roten nannte, trug seinen Namen zu Recht, war er doch in einen Umhang von der Farbe frisch vergossenen Blutes gehüllt. Er trug eine Kapuze, aber Andry konnte dennoch sein Gesicht sehen. Er war jung, glatt rasiert, mit bleicher weißer Haut, das Haar gelb wie Weizen. Seine Augen wirkten rot, selbst aus der Entfernung. Sie erbebten förmlich, als der Mann nun die Gefährten ins Auge fasste, sie alle von Kopf bis Fuß musterte. Sein Mund bewegte sich ohne einen Laut, und seine Lippen formten Wörter, die niemand hören konnte. Der Zauberer.

Der andere Mann trug keine Rüstung, sondern eine abgetragene Lederkluft und einen schlammfarbenen Umhang. Er war ein Abtrünniger, der Schatten zu der Sonne seines Bruders. Sein Gesicht war unter dem Helm nicht zu erkennen, aber die dunkelroten Locken lugten hervor.

Sein Schwert, der Zwilling von Cortaels eigener Klinge, steckte immer noch in der Scheide, die mit Juwelen in Rot und Lila besetzt war, ein Sonnenuntergang zwischen seinen Fingern. Der Schwertdieb.

Das also soll der Ruin des Reichs sein, dachte Andry verwirrt.

Cortael hielt sein Schwert hoch erhoben. »Du bist ein Narr, Taristan.«

Wieder läutete die Glocke, schwang im Turm hin und her.

Der andere Sohn des alten Reiches von Cor stand in aller Ruhe da und lauschte auf die Tempelglocke. Dann lächelte er, und sein breites Grinsen, das weiße Zähne präsentierte, war selbst unter seinem Helm zu sehen.

»Wie lange geht das schon so, Bruder?«

Cortael blieb unbeirrt.

»Seit deiner Geburt«, antwortete Taristan schließlich für ihn. »Ich wette, du hast dich gut amüsiert in deiner Kindheit und Jugend in Iona. Spindelgesegnet von deinem ersten Herzschlag an.« Obwohl sich Taristan unbeschwert gab, sein Tonfall beinahe vergnügt, merkte ihm der Knappe doch eine gewisse Anspannung an. Es war, wie einem wilden Köter zuzusehen, der prüfend einen dressierten Jagdhund abschätzt. »Und bis zu deinem letzten Atemzug.«

»Ich wünschte, ich könnte behaupten, es sei mir eine Freude, dich zu treffen, Bruder«, sagte Cortael.

Dom neben ihm blickte finster. »Gib zurück, was du genommen hast, Dieb.«

Mit flinken Fingern zog Taristan die Klinge an seiner Seite halb aus der Scheide und zeigte ein Stück des Schwertes. Selbst im Regen glänzte der Stahl, die hineingetriebenen Linien ein Spinnennetz.

Ein Grinsen zuckte um seine Lippen. »Du kannst gern versuchen, es dir zurückzuholen, wenn du willst, Domacridhan.« Der volle Name des Ältesten kam ihm reichlich unbeholfen über die Lippen, all sei er die Mühe nicht wert. Er wedelte mit dem in der Scheide steckenden Schwert und verhöhnte sie alle. »Wenn du genauso bist wie deine Verwandten in ihren Gruften, wirst du scheitern. Und wer bist du, mir mein Geburtsrecht vorzuenthalten? Auch wenn ich der Jüngere bin, der Nachrücker, ist es nur gerecht, dass wir jeder ein Schwert unserer Vorfahren aus unserem verlorenen Reich haben.«

»Die Sache wird nur im Verderben enden«, knurrte Cortael. »Ergib dich, dann muss ich dich nicht töten.«

Taristan stieß nur seinen Fuß nach vorn. Er bewegte sich mit der Anmut eines Tänzers, nicht der eines Kriegers. Cortael bewegte sich entsprechend zur Seite und streckte die Klinge nach der Kehle seines Bruders aus.

»Die Ältesten haben dich so aufgezogen, wie du bist, Cortael«, begann Taristan. »Ein Krieger, ein Gelehrter, ein Herr über Menschen und Unsterbliche zugleich. Der Erbe, der ein lang verlorenes Reich wiederaufbauen soll. Alles, um genau das zu tun, was ich getan habe: den Übertritt über die Spindeln wieder möglich zu machen. Die Reiche wieder zusammenzubringen. Ihren Bewohnern erlauben, in eine Heimat zurückzukehren, die sie seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen haben.« Er sah Dom an. »Irre ich mich, Ältester?«

»Eine Spindel aufzureißen bedeutet, alle Reiche in Gefahr zu bringen. Du würdest die Welt um deiner eigenen Ziele willen zerstören«, knurrte Dom, und seine Gefasstheit schwand dahin.

Taristan trat vor, und seine Stiefel schmatzten im Schlamm. »Zerstörung für manche. Ruhm für andere.«

Der Mantel der unbewegten Ruhe glitt von dem Ältesten ab, so mühelos wie ein weggeworfener Umhang. »Ungeheuer«, wütete Dom, auch sein Schwert plötzlich emporgereckt.

Abermals grinste Taristan höhnisch. Er genießt das Ganze, begriff Andry voller Abscheu.

Dom fauchte. »Man darf eine Spindel nicht zwingen. Die Folgen …«

»Spar dir deinen Atem, Dom«, unterbrach Cortael. »Er hat sein Schicksal gewählt.«

Taristan blieb wie angewurzelt stehen.

»Ich habe mein Schicksal gewählt?«, zischte er, und seine Stimme wurde weich und gefährlich, eine Klinge unter Seide. Zorn sammelte sich in ihm, so wie sich das Unwetter am Himmel zusammenzog.

Oben auf dem Hügel beschleunigte sich Andrys Herzschlag, und sein Atem ging schneller.

»Sie haben dich genommen und dich ausgebildet und dir gesagt, dass du etwas Besonderes wärest, ein wiedergekehrter Herrscher, Corblut und spindelgeboren«, kochte Taristan. »Der Letzte einer uralten Abstammungslinie, für Großes bestimmt. Du solltest das Alte Cor für dich reklamieren und es erobern, darüber herrschen. Was für ein ruhmreiches Schicksal für den erstgeborenen Sohn von Eltern, die wir nie gekannt haben.«

Mit einem Knurren hob er beide Hände an seinen Helm und riss ihn sich vom Kopf, sodass sein Gesicht sichtbar wurde.

Andry schnappte nach Luft, und ihm klappte die Kinnlade herunter.

Die beiden Brüder starrten einander an, einer das Spiegelbild des anderen.

Zwillinge.

Auch wenn Taristan abgerissen und Cortael königlich vornehm war, vermochte Andry sie kaum auseinanderzuhalten. Sie hatten das gleiche zarte Gesicht, den gleichen durchdringenden Blick, das strenge Kinn, die schmalen Lippen, die hohe Stirn und die seltsam distanzierte Art all jener von Spindelblut. Anders als die anderen Sterblichen, ähnlich nur einander.

Cortael wich erschüttert zurück. »Taristan«, sagte er, und seine Stimme wurde beinahe vom Regen verschluckt.

Der Schwertdieb zog mit einer langen, langsamen Bewegung seine eigene Spindelklinge aus der Scheide. Das Geräusch passte sich harmonisch in das Geläut der Glocke ein, ein hohes Atmen im Verein mit einem tiefen Dröhnen.

»Jeder Traum, den du je gehegt hast, war dir von anderen vorgegeben. Über jeden Weg, den du je beschritten hast, war die Entscheidung bereits gefallen«, sagte Taristan. Regen peitschte die Schwertklinge. »Dein Schicksal war vom Tag unserer Geburt an gewählt, Cortael. Nicht meins.«

»Also, was wählst du jetzt, Bruder?«

Taristan reckte das Kinn. »Ich wähle das Leben, das ich hätte leben sollen.«

Die teuflische Glocke läutete erneut, jetzt tiefer.

»Du hast mir die Möglichkeit einer Kapitulation eingeräumt.« Taristan verzog die Lippen. »Ich fürchte, ich kann in deinem Fall das Gleiche nicht tun. Ronin?«

Der Zauberer hob die Hände, weiß wie Schnee, die Innenflächen nach außen gedreht. Die Sirandels bewegten sich schneller, als es Andry für möglich gehalten hätte, und drei Pfeile sprangen von der Sehne. Sie waren gut gezielt, auf Herz, Kehle, ein Auge. Aber bloß Zentimeter von Ronins Gesicht entfernt brannten die Pfeile einfach weg. Weitere Pfeile flogen durch die Luft, auch sie schneller, als es Andry für möglich gehalten hätte. Wieder flammten die Pfeile in blendendem Rot auf, sogleich kaum mehr als Rauch im Regen.

Cortael hob sein Schwert in die Höhe, wollte Ronin mitten entzweispalten.

Taristan war schneller und parierte den Hieb mit dem Klirren von Stahl auf Stahl. »Was du im Palast gelernt hast«, zischte er, ihre so gleichen Gesichter eng beieinander, »habe ich im Dreck besser gelernt.«

Der Zauberer schlug die Handflächen zusammen, und da war auf einmal das Knirschen von Stein zu hören, ein weiteres Donnerwirbeln und dann das Zischen von Flüssigkeit auf etwas Heißem, wie Öl, das in einer Pfanne brutzelt. Nacktes Entsetzen durchfuhr Andry, als er zum Tempel schaute, einstmals verlassen, aber nun nicht mehr. Die Türen schwangen nach außen auf, von einem Dutzend weißer Hände aufgedrückt, die mit Asche und Ruß bedeckt waren. Darunter war die Haut aufgeplatzt und rissig, ließ Knochen oder nässende rote Wunden sehen. Andry konnte die Gesichter der Wesen nicht sehen, zu denen die Hände gehörten, dafür war er dankbar. Er konnte sich kaum ausmalen, wie grauenhaft sie sein mussten. Ein heißes Licht pulsierte aus dem Innern des Tempels, so strahlend, dass es das Auge blendete, als nun die Schatten aus der Tür gequollen kamen und über die Lichtung rasten.

Die Gefährten drehten sich zu dem Aufruhr um, fassungsloses Entsetzen auf ihren Gesichtern.

»Die Aschenländer«, stieß Rowanna von Sirandel hervor. Ihre goldenen Augen weiteten sich vor Angst, der gleichen Angst, die auch Andry empfand, auch wenn er keine Ahnung hatte, was sie damit meinte. Für einen Moment wandte sie ihren Blick vom Tempel ab und den Pferden oben auf dem Hügel zu. Ihre Gedanken waren unschwer zu erraten.

Sie wollte fliehen.

Unten knurrte Cortael in Taristans Gesicht, ihre Klingen ineinander verschränkt. »Die Spindel?«

Der andere Zwillingsbruder grinste anzüglich. »Schon zerrissen, die Übertritte haben bereits stattgefunden.« Er machte einen blitzschnellen Satz und stieß Cortael den Ellbogen ins Gesicht, sodass ein lautes Knacken zu hören war. Der große Herr über die Menschen wirbelte herum und stürzte zu Boden, aus seiner gebrochenen Nase spritzte eine Fontäne von scharlachrotem Blut. »Für was für einen Idioten hältst du mich eigentlich?«

Dom sprang in die Höhe und brüllte einen der Schlachtrufe der Ältesten. Er bewegte sich in einem eleganten Bogen durch die Luft, bis der Zauberer eine Hand hob, die ihn fast ohne jede Berührung beiseitestieß und ihn einige Meter weiter in den Morast warf.

Die abscheulichen lebenden Leichname der Spindel erzwangen sich zu Dutzenden ihren Weg aus dem Tempel, stolperten übereinander. Einige hatten bereits gebrochene Knochen und krochen auf zerschmetterten Gliedmaßen, die in öligen schwarzen Rüstungen klapperten. Sie waren wie sterbliche Menschen, dann aber auch wieder nicht, wie von innen nach außen gewendet. Die meisten umklammerten von Kämpfen zerschundene Waffen: verrostete Eisenschwerter und schartige Äxte, zersprungene Dolche, zersplitterte Speere. Zerbrochen, aber immer noch scharf, immer noch tödlich. Pfeile hagelten auf den wilden Haufen herab, die Sirandels mähten die erste Angriffswelle nieder, ließen den Feind fallen wie Weizen unter der Sichel. Diese Ersten konnten getötet werden, aber ihre Zahlen wurden nur immer größer und größer. Der unverkennbare Gestank von Rauch und verbranntem Fleisch begleitete sie, und ein heißer Wind wehte aus dem Innern des Tempels, von der Spindel her, und brachte Wolken aus Asche mit sich.

Andry konnte sich nicht rühren, konnte nicht atmen. Er konnte nur zusehen, wie die Leichen über die Gefährten herfielen, eine narbenüberzogene und blutige Armee aus einem verlorenen Reich. Lebten sie? Waren sie tot? Andry vermochte es nicht zu sagen. Aber sie bewegten sich in einem merkwürdigen Kreis um Taristan und Cortael herum. Als sei ihnen aufgetragen worden, die Brüder kämpfen zu lassen.

Okrans Speer tanzte und durchbohrte Kehlen, während er sich in eleganten Bögen bewegte. Die Ritter von Galland bildeten ein oft geübtes Dreieck und kämpften erbittert, ihre Schwerter rot und schwarz besudelt. Surim und die Nour waren nur verschwommene Flecken im Getümmel, in der Luft tanzende Kurzschwerter und Dolche. Sie hinterließen Zerstörung, wo immer sie hinkamen, schnitten sich eine Schneise durch die Leiber, während sie vorwärtsdrängten. Die Geschöpfe schrien und kämpften, ihre Stimmen unmenschlich, kreischend und brüchig, ihre Stimmbänder zerfetzt. Andry konnte kaum Gesichter erkennen – sie waren bis zur Unkenntlichkeit ausgebleicht, die Köpfe kahl und die Haut knochenfarben, rot vernarbt oder mit triefendem Öl überzogen. Asche blätterte von ihnen ab, und sie sahen aus wie weiß gebranntes Holz, von innen nach außen verschmort.

Der Plan war eigentlich zwei gegen zwölf, dachte Andry, während er versteinert dastand. Aber nein, es sind zwölf gegen Dutzende. Hunderte.

Die Pferde schnaubten und zerrten an ihren Stricken. Sie witterten die Gefahr, das Blut und vor allem die Spindel, die im Inneren des Tempels zischte und ihnen die Knochen mit gleißendem Entsetzen erfüllte.

Taristan und Cortael umlauerten einander. Cortaels Rüstung war zur Hälfte mit Schlamm überzogen. Blut rann ihm übers Kinn und über seine Brustplatte mit dem Geweih darauf. Ihre Klingen trafen aufeinander, trafen ihr Ziel. Ihrem so gleichen Gesicht zum Trotz hätten sie gar nicht unterschiedlicher kämpfen können. Cortael war ganz Geschicklichkeit und Kraft, wo Taristan ein wilder, streunender Kater war, immer in Bewegung, auf den Zehenspitzen herumwirbelnd, das Schwert in der einen Hand, den Dolch in der anderen, beide Waffen gleichermaßen in Gebrauch. Er zerschmetterte; er wich aus; er machte sich den Schlamm und den Regen zunutze. Er grinste und höhnte, spuckte seinem Bruder Blut ins Gesicht. Er rammte seinem Bruder das Schwert in die Schulter, durch den Leichtpanzer und das Kettenhemd hindurch. Cortaels Gesicht verzerrte sich vor Schmerz, doch er packte seinen Bruder um die Hüfte. Die Zwillinge stürzten zusammen auf den Boden, wälzten sich im Dreck.

Andry schaute zu, ohne zu blinzeln, an Ort und Stelle festgewurzelt. Was kann ich tun? Was kann ich tun? Seine Hände zitterten, er bebte am ganzen Leib. Zieh ein Schwert, verdammt noch mal. Kämpfe. Es ist deine Pflicht. Du willst ein Ritter werden, und Ritter haben keine Angst. Ein Ritter würde nicht einfach dastehen und zuschauen. Ein Ritter würde diesen Hügel hinunterstürmen und sich ins Chaos stürzen, Schild und Schwert kampfbereit.

Unter dem Hügel färbte sich der Schlamm rot vor Blut.

Und ein Ritter würde dabei sterben.

Arberin schrie als Erster. Ein Leichnam packte seinen roten Zopf und kletterte ihm auf den Rücken. Ein weiterer folgte. Und noch einer und noch einer, bis das schiere Gewicht von Leibern den Ältesten zu Boden gehen ließ. Ihre Klingen waren so viele. Weißer Stahl, schwarzes Eisen, schartig und alt. Aber noch immer scharf genug.

Sein Fleisch gab mühelos nach.

Rowanna und Marigon kämpften sich zu ihrem Verwandten durch. Sie erreichten einen immer noch blutenden Leichnam, dessen unsterbliches Leben ein Ende gefunden hatte.

Sir Grandel und die Vettern Nord verloren an Boden, ihr Dreieck rückte mit jeder verstreichenden Sekunde enger zusammen. Schwerter tanzten; Schilde schlugen gegeneinander; Panzerhandschuhe knallten auf Fleisch. Tote stapelten sich um sie herum, weiße Gliedmaßen und abgeschlagene Köpfe. Edgar stolperte als Erster und fiel wie durch Wasser, langsam, das Ende bereits verinnerlicht. Bis ihn Sir Grandel am Umhang packte und wieder hochzog.

»Mit mir!«, überschrie er den Lärm. Auf den Exerzierplätzen des Palastes bedeutete das: Haltet Schritt, seid stark, legt euch noch mehr ins Zeug. Heute bedeutete es lediglich: Bleibt am Leben.

Der Bullenreiter brüllte, seine Axt kreiste durch die Luft, um mit jedem Schwung neue Kehlen aufzuschlitzen. Rot und schwarz überzog es seine Rüstung, Blut und Öl. Aber der Söldner konnte sein hohes Tempo nicht aufrechthalten. Andry hätte am liebsten aufgeschrien, als nun der gehörnte Helm von Bress dem Bullenreiter unter der steigenden Flut der lebenden Leichen verschwand.

Die Sekunden kamen ihm vor wie Stunden und jeder Tod wie ein ganzes Leben.

Rowanna fiel als Nächste, halb in einer Pfütze untergetaucht, eine Axt im Rückgrat.

Der Hieb eines Hammers drückte Raymon Nords Brustpanzer ein. Das feuchte Röcheln seines ersterbenden Atems rasselte hörbar über das Schlachtfeld. Edgar beugte sich über ihn, sein Schwert vergessen, als er den Kopf seines Vetters umfasste. Sosehr sich Sir Grandel auch bemühte, die Geschöpfe fielen mit Messern und Zähnen über den am Boden knienden Ritter her. Andry hatte die Nords gekannt, seit er ein kleiner Junge gewesen war. Er hätte nie für möglich gehalten, dass er sie einmal sterben sehen würde – und das so jämmerlich.

Sir Grandel war schwer und ließ sich nicht so einfach niedermähen, wenngleich die Geschöpfe es versuchten. Er schaute von der Lichtung auf und fand Andrys Blick. Andry, immer noch oben auf der Anhöhe, sah seine eigenen Hände sich bewegen, sah, gedankenlos, wie sie ganz von sich aus gestikulierten, seinem Herrn zu verstehen geben suchten, die Schlacht doch Schlacht sein zu lassen. Mit mir. Bleibt am Leben. Zu jeder anderen Zeit hätte Sir Grandel ihn einen Feigling gescholten.

Jetzt gehorchte er und rannte los.

Das Gleiche tat Andry, plötzlich sein Schwert in der Faust. Sein Körper bewegte sich schneller als sein Denken, seine Füße schlitterten über den Schlamm. Ich bin Knappe von Sir Grandel Tyr, einem Ritter der Löwengarde. Das hier ist meine Pflicht. Ich muss ihm helfen. Alle anderen Gedanken traten in den Hintergrund, alle Furcht war vergessen. Ich muss tapfer sein.

»Mit mir!«, heulte Andry.

Sir Grandel kletterte den Hang hinauf, aber die Wesen folgten ihm, zerrten an seinen Gliedern und rissen ihn zurück. Er hob einen Panzerhandschuh, die Finger gespreizt. Nicht flehend nach Andry ausgestreckt. Bat nicht um Hilfe oder um Schutz. Seine Augen weiteten sich.

»LAUF, TRELLAND!«, brüllte der Ritter. »LAUF.«

Sir Grandel Tyrs letzter Befehl ging Andry bis ins Mark. Er erstarrte und schaute in den blutroten Rachen des Gemetzels unter ihm.

Ein lebender Leichnam entriss dem Ritter sein Schwert. Er kämpfte weiter, doch der Schlamm wollte seine Stiefel nicht mehr hergeben, und er rutschte aus, kippte nach vorn an den Hang, krallte die Finger in nasses Gras.

Tränen brannten in Andrys Augen. »Mit mir«, flüsterte er, seine Stimme eine Blume, die im Frost erstarb.

Er konnte nicht dastehen und zusehen, wie die Schwertkämpfer einer nach dem anderen fielen. Die Welt verschwamm vor ihm, schwarze Punkte breiteten sich über sein Gesichtsfeld aus, bis er nichts mehr sehen konnte. Der Gestank von Blut, Verwesung und Asche verschlang alles. Ich muss wegrennen, dachte er, während es ihm war, als wollten sich seine Beine unter ihm verflüssigen.

»Beweg dich«, zischte Andry sich zu und zwang sich, einen Schritt zurück zu machen. Er spürte, dass sein Vater zuschaute und auch Sir Grandel. Ritter, in der Schlacht gefallen, die ihre Pflicht getan und ihre Ehre nicht mit Füßen getreten hatten. Die Art Ritter, die er nie sein würde. Andry schob sein Schwert in die Scheide, und seine Finger fanden die Zügel seines Pferdes.

Die Nour lagen tot auf den Stufen des Tempels, ihre langen, gelenkigen Glieder über den Marmor ausgestreckt. Sie waren selbst noch im Tod ein herrlicher Anblick. Marigon weinte lauthals über der toten Rowanna, kämpfte aber weiter, in tödlichem Rhythmus. Sie heulte, warf ihr Haar durch die Lüfte, keine Füchsin, sondern eine Wölfin mit rotem Fell. Auch Surim und Dom waren noch am Leben und versuchten, sich zu Cortael durchzukämpfen.

Okrans Speer lag zerbrochen zu seinen Füßen, aber seinen Schild und sein Schwert hatte er noch. Die weiße Rüstung von Kasa färbte sich dunkelrot, der Adler mit den Farben frischen Tötens bemalt.

Andry band mit zitternden Händen seine Zügel los. Dann drehte er sich zu Okrans Pferd um. Er biss die Zähne zusammen und zwang seine Finger, sich zu rühren. Sie waren taub und steif vor Angst, als er nun das Pferd des Ritters losmachte. Das zumindest kann ich tun.

Cortael und Taristan kämpften im Auge eines blutigen Wirbelsturms. Der Schlamm unter ihren Füßen war aufgewühlt, aufgerissen wie ein Turniergelände. Cortael sah jetzt genauso aus wie sein Bruder; abgerissen und am Ende seiner Kräfte, hatte er nicht mehr die geringste Ähnlichkeit mit einem Prinzen oder einem Herrscher. Beide keuchten vor Erschöpfung, konnten sich kaum mehr auf den Beinen halten, jeder Hieb kam ein wenig langsamer, ein wenig schwächer als er vorangegangene.

Ronin stand vor den Tempeltüren, die Luft voller wirbelnder Asche. Er hielt die Arme ausgebreitet, die Handflächen nach oben gedreht, versunken in Anbetung eines Gottes, den Andry nicht kannte. Er legte den Kopf in den Nacken und schaute lächelnd zum Glockenturm auf. Der Turm läutete zur Antwort – wenn eine Glocke denn so etwas tun konnte.

Die beiden Spindelschwerter trafen aufeinander, während Blitze den Himmel überzogen, und jede Klinge leuchtete für einen Moment auf, violettweiß und gleißend.

Eins der Pferde wieherte schrill und bäumte sich auf, sodass der Strick zerriss. Alle gingen sie nun durch, und Andry fluchte. Leder glitt durch seine Finger. Andry packte fest zu und machte sich darauf gefasst, den Hügel hinuntergeschleift zu werden. Stattdessen kam ein Wiehern von Doms weißem Hengst, von den Händen des Knappen festgehalten.

Ein Schrei, auf Kasani herausgebrüllt, brach Andry erneut das Herz. Okran fiel, von mehreren Klingen durchbohrt. Er starb mit dem Blick gen Himmel, auf der Suche nach dem Adler, den Schwingen, die ihn heimbringen würden.

Auf der anderen Seite der Lichtung verlor Marigon erst eine ihrer Hände an eine Axt, dann auch ihren Kopf.

Surim und Dom brüllten auf, außerstande, sie zu erreichen, Inseln im blutigen Meer. Um Surim schlossen sich die Wogen zuerst. Er pfiff nach seinem Pferd, aber das Steppenpony war bereits mitten im Getümmel und suchte sich an seine Seite zu kämpfen. Doch bevor die Stute ihn erreichen konnte, wurde sie in Stücke gerissen. Es war auch Surims Ende.

Da war keine Stimme mehr in Andry, nicht einmal mehr Gedanken für ein Gebet.

In seinem Kreis schrie Cortael seinen Zorn heraus, und seine Hiebe wurden wieder ergrimmter. Er schwang sein Schwert, schlug Taristan den Dolch aus der Hand, und die Klinge sank tief in den Schlamm. Mit einem weiteren Hieb unterlief er seine Deckung und rammte seinem Bruder die Spindelklinge tief in die Brust.

Andry stand wie erstarrt, einen Fuß im Steigbügel, wagte es nicht zu hoffen.

Die Armee der Leichen hielt ebenfalls inne, ihre blutigen Münder weit geöffnet. Auf den Stufen ließ Ronin die Hände sinken, seine scharlachroten Augen weit aufgerissen.

Taristan fiel auf die Knie. Die Klinge ragte ihm aus dem Rücken. Er keuchte entsetzt auf. Über ihm verfolgte Cortael ohne Freude oder Triumph das Geschehen. Die einzige Bewegung in seinem Gesicht kam von den Regentropfen, die ihn sauberwuschen.

»Du hast dir das selbst angetan, Bruder«, brachte er langsam hervor. »Aber trotzdem bitte ich dich um Vergebung.«

Sein Zwillingsbruder hustete und würgte, jedes Wort fiel ihm schwer.

»Es ist … Es ist nicht deine Schuld, dass du als Erster geboren worden bist. Es ist nicht … nicht deine Schuld, dass du auserwählt wurdest«, stammelte Taristan und starrte auf seine Wunde hinunter. Als er wieder aufschaute, waren seine schwarzen Augen hart und entschlossen. »Aber du unterschätzt mich immer noch, und das ist deine Schuld.«

Mit einem verächtlichen Grinsen zog er sich das Schwert aus der Brust, die Klinge glitschig und rot.

Andry traute seinen Augen nicht.

»Diese Glocken haben seit tausend Jahren nicht mehr für die Götter geläutet«, erklärte Taristan und stand wieder auf, ein Spindelschwert in jeder Hand. Überall um ihn herum gaben die Geschöpfe seltsame Laute von sich, wie das zirpende Gelächter von Insekten. »Und sie läuten auch heute nicht für eure Götter. Sie läuten für meine. Für Ihn. Für das, was wartet.«

Von Entsetzen erfüllt, taumelte Cortael auf seinen Fersen zurück. Er hob die Hand, streckte sie zwischen sie, schutzlos, der nicht existenten Gnade eines vergessenen Bruders ausgeliefert. »Du wirst die ganze Wacht um einer Krone willen zerstören!«

»Ein König der Asche ist immer noch ein König«, krähte Taristan.

Mitten in all dem Morast aus Leibern erkämpfte sich Dom mühsam den Weg zu seinem Freund. Er wird es nicht schaffen, wusste Andry, während ihm die Sicht vor Augen verschwamm. Er ist zu weit weg, immer noch zu weit weg.

Taristan rammte Cortaels Spindelklinge in den Schlamm neben sich und griff stattdessen nach seinem eigenen Schwert. Cortael konnte nichts tun, um ihn aufzuhalten, als er nun die Waffe hob. Er konnte nirgendwohin, nirgends wegrennen. Seine Züge entglitten ihm, ein Prinz, zum Bettler erniedrigt.

»Bruder …«

Die Klinge traf ihr Ziel, schnitt durch den Brustpanzer und das Kettenhemd direkt in Cortaels Herz. Der Erbe des alten Cor fiel auf die Knie, der Kopf sank ihm auf die Schultern.

Mithilfe eines seiner Stiefel zog Taristan das Schwert aus Cortaels Brust, dann ließ er den Toten zu Boden sacken.

»Und ein toter Mann ist immer noch tot«, zischte er höhnisch auf den Leichnam hinab.

Wieder hob er seine Waffe, bereit, die sterblichen Überreste seines Bruders in Stücke zu hacken.

Aber sein Schwert traf auf ein anderes, eine Klinge aus Iona in der Hand des letzten noch lebenden Gefährten.

»Lass ihn«, knurrte Dom, wild wie ein Tiger. Er stieß Taristan mühelos zurück.

Der Älteste baute sich zwischen seinem toten Freund und Taristan auf, die Beine für einen weiteren Kampf in den Boden gestemmt, wiewohl er bereits halb zerrissen war, von Feinden umzingelt und im Grunde längst geschlagen. Cortaels Schwert, blutverschmiert und nutzlos, stand immer noch aufrecht im Schlamm, ein Grabstein, der auf sie beide wartete.

Taristan lachte laut auf, amüsiert. »In den Geschichten heißt es, deinesgleichen sei tapfer, edelmütig, die fleischgewordene Größe. Sie sollten auch vermerken, dass ihr dumm seid.«

Doms Lippen zuckten, und sein eigenes Lächeln zeichnete sich auf seinen Zügen ab. Seine Augen, die Ältestenaugen eines Reichs der Unsterblichen, waren von einem strahlenden Grün. Sie wandten sich für einen Moment ab und blickten den Hügel hinauf zu dem Knappen, der fest im Sattel eines weißen Hengstes saß.

Andrys Herz tat einen Sprung, und er biss den Kiefer in grimmiger Entschlossenheit zusammen. Er nickte, nur ein einziges Mal.

Der Älteste pfiff, ein hoher, präziser Ton. Das Pferd schoss los und stürmte den Hügel hinunter. Nicht hinein in die Schlacht, sondern drum herum, vorbei an den Geschöpfen, den Leichen, den gefallenen Gefährten.

Mit einer Schnelligkeit, wie sie nur ein Unsterblicher für sich beanspruchen konnte, stürzte sich Dom auf Cortaels Schwert, sprang kopfüber nach vorn und zog die Klinge aus dem Schlamm. Er rollte sich ab, sprang sofort wieder hoch und legte seinen ganzen Schwung in die Bewegung, mit der er nun das Schwert wie einen Wurfspeer von sich schleuderte, weit in die Lüfte hinauf und über die Narbengesichter der Spindelarmee hinweg. Es segelte durch die Luft, ein von der Sehne abgeschossener Pfeil. Ein letzter Hauch von Sieg angesichts der Niederlage auf ganzer Linie.

Taristan brüllte auf, als nun die Klinge und der Hengst aufeinander zurasten.

Andrys Welt schrumpfte auf einen einzigen Punkt zusammen – auf den aufblitzenden Stahl der im glitschigen Gras vor ihm landenden Waffe. Er spürte das Pferd unter sich, ganz Muskeln und Angst. Der Knappe war im Reiten geübt, für den Kampf aus dem Sattel heraus ausgebildet. Er schwang sich zur Seite, hielt das Pferd dabei fest mit den Oberschenkeln umklammert und griff mit braunen Fingern zu.

Die Spindelklinge lag kalt in seiner Hand.

Die Armee brüllte auf, aber der Hengst setzte seinen Galopp unbeirrt fort. Andrys Puls hämmerte im Rhythmus der unter ihm schlagenden Hufe, ein schepperndes Erdbeben in seiner Brust. Sein Bewusstsein trübte sich, ein verschwommener Nebel, in dem jeder einzelne gefallene Gefährte kurz vor ihm aufschien, ihr Ende unauslöschlich in sein Gedächtnis gegraben. Keine Lieder würden über sie gesungen werden. Keine großen Geschichten erzählt.

Es war zu viel. All seine Gedanken zerbarsten in Stücke, formten sich neu und verschmolzen zu einem einzigen.

Wir haben versagt.

1

Die Tochter der Schmugglerin

Corayne

Meilenweit klare Sicht. Ein guter Tag für das Ende einer Reise.

Und ein guter Tag, um eine anzufangen.

Corayne liebte die Küste von Siscaria zu dieser Jahreszeit, in den Morgenstunden des frühen Sommers. Keine Frühlingsstürme, keine knisternden Gewitterwolken, kein Winternebel. Keine Farbenpracht, keine Schönheit. Keine Illusionen. Nichts als der leere blaue Horizont der Langen See.

Ihre lederne Umhängetasche wippte auf ihrer Hüfte, ihr Geschäftsbuch sicher darin verstaut. Das Buch mit den Listen und Seekarten war sein Gewicht in Gold wert, ganz besonders heute. Zielstrebig folgte sie der uralten Straße von Cor entlang der Steilküste, ließ sich von den flachen Pflastersteinen leiten, die nach Lemarta führten. Sie kannte den Weg so gut wie das Gesicht ihrer Mutter. Sandfarben und vom Wind geformt, von der Sonne nicht ausgebleicht, sondern durch sie vergoldet. Fast zwanzig Meter unter ihr krachte die Lange See gegen die Felsen und sprühte im Rhythmus der Wellen Gischt in die Höhe. Auf den Hügeln wuchsen Olivenbäume und Zypressen, und der sanft wehende Wind roch nach Salz und Orangen.

Ein guter Tag, dachte sie noch einmal.

Kastio, ihr Vormund, ging neben ihr her, von Jahrzehnten auf den Wellen wettergegerbt. Grauhaarig und mit wilden schwarzen Augenbrauen, war der alte Seemann aus Siscaria von den Fingerspitzen bis zu den Zehen dunkel gebräunt. Er bewegte sich reichlich merkwürdig vorwärts, denn er litt unter vom Alter abgenutzten Knien, und der Seemannsgang war ihm zur zweiten Natur geworden.

»Wieder irgendwelche Träume?«, fragte er und warf seiner Schutzbefohlenen einen Seitenblick zu. Er sah ihr mit seinen leuchtend blauen Augen forschend ins Gesicht. Sein Blick war scharf wie der eines Adlers.

Corayne schüttelte den Kopf und blinzelte mit müden Augen. »Ich bin nur aufgeregt«, antwortete sie und, um ihn zu beruhigen, zwang sie sich zu einem dünnen Lächeln. »Du weißt, dass ich in den Nächten bevor das Schiff zurückkehrt, kaum schlafen kann.«

Der alte Seemann gab sich damit zufrieden. Es war immer leicht, ihn abzuwimmeln.

Er braucht nichts über meine Träume zu wissen, und auch sonst niemand. Er würde bestimmt Mutter davon erzählen, und die würde mit ihrer Besorgnis alles nur noch unerträglicher machen.

Aber sie kommen trotzdem jede Nacht. Und irgendwie werden sie immer schlimmer.

Weiße Hände, umschattete Gesichter. Etwas, das sich in der Dunkelheit regt.

Die Erinnerung an den Traum ließ sie selbst im hellen Tageslicht frösteln, und sie beschleunigte ihre Schritte, als könnte sie dadurch ihren eigenen Gedanken davonlaufen.

Vor der Kaiserinnenküste waren mehrere Schiffe zum Hafen von Lemarta unterwegs. Sie mussten durch die Fahrrinne des Naturhafens der Stadt segeln, die von der Straße und den Wachtürmen von Siscaria aus stets gut zu sehen war. Die meisten der Türme waren Relikte aus dem Alt-Cor, halbe Ruinen aus von Stürmen ausgebleichtem Stein, nach Kaisern und Kaiserinnen längst vergangener Zeiten benannt. Sie ragten empor wie die letzten Zähne in einem halbleeren Kiefer. Die Türme, die noch standen, wurden von alten Soldaten oder von Matrosen bemannt, die nicht mehr zur See fahren konnten, Männer im November ihrer Jahre.

»Wie viele hast du heute Morgen gezählt, Reo?«, fragte Corayne, als sie am Turm von Balliscor vorbeiging. Im Fenster des Turms stand sein einziger Hüter, ein dahinsiechender alter Mann.

Er fuchtelte mit runzligen Fingern, seine Haut verschlissen wie altes Leder. »Nur zwei diesseits des Kaps. Blaugrüne Segel.«

Aquamarinfarbene Segel, korrigierte sie im Geiste, mit dem Zeichen der goldenen Meerjungfrau von Tyriot versehen.»Du übersiehst doch auch nichts, oder?«, fragte sie, ohne ihren Schritt zu verlangsamen.

Er kicherte matt. »Mein Gehör mag schwinden, aber meine Augen sind scharf wie eh und je.«

»Scharf wie eh und je!«, wiederholte Corayne und unterdrückte ein Grinsen.

Tatsächlich hatten nicht nur zwei tyriotische Galeeren Kap Antero passiert, sondern noch ein drittes Schiff, das im flachen Wasser in den Schatten der Klippen segelte. Schwer auszumachen für all jene, die nicht wussten, wo sie zu suchen hatten. Oder die dafür bezahlt wurden, anderswo hinzuschauen.

Der halbblinde Wächter von Balliscor bekam von Corayne keine Münzen zugesteckt, aber bei den Türmen von Macoras und Alcora gab es die üblichen Bestechungsgelder. Ein gekauftes Bündnis ist gleichwohl ein geschlossenes Bündnis, ging es ihr durch den Kopf, und sie hörte im Geiste die Stimme ihrer Mutter.

Auch der Torhüter an der Stadtmauer von Lemarta erhielt die gleiche Summe, obschon die Hafenstadt klein war, das Tor bereits offen stand und Corayne und Kastio hier wohlbekannt waren. Zumindest jedenfalls ist meine Mutter hier wohlbekannt und in gleichem Maße wohlgeliebt wie wohlgefürchtet.

Der Torhüter nahm das Geld entgegen und winkte die beiden auf vertraute Straßen, an deren Rändern es violett und orangefarben blühte. Die Blüten tränkten die Luft mit ihrem Parfüm und übertünchten die Gerüche eines geschäftigen Hafenortes, der mehr war als ein belebter Marktflecken und weniger als eine richtige Stadt. In Lemarta bestimmten die hellen Töne das Ortsbild, seine Steinbauten waren in den strahlenden Farben von Aufgang und Untergang der Sonne getüncht. An einem Sommermorgen waren die Marktstraßen mit Händlern und Stadtbürgern gleichermaßen bevölkert.

Corayne verteilte ihr Lächeln genauso wie ihr Geld: nur eine weitere Handelsware. Wie immer war da für sie eine Art Mauer zwischen ihr und dem Gedränge der Menschen, als schaue sie ihnen durch eine Glasscheibe zu. Bauern trieben ihre Maultiere von den Felsen an der Steilküste in den Ort herab, schleppten Gemüse, Obst und Getreide heran. Händler priesen ihre Waren in allen Sprachen rings um die Lange See an. Fromm ergebene Priester gingen in Reihen hintereinander her, ihre langen Gewänder in unterschiedlichen Tönen gefärbt, um ihre jeweilige Ordenszugehörigkeit anzuzeigen. Die Priester der Meira in ihren blauen Umhängen waren immer am zahlreichsten vertreten. Sie beteten die Göttin des Wassers an. Seeleute, die auf die Flut oder den richtigen Wind warteten, saßen bereits untätig in den Schankhöfen und tranken Wein in der Sonne.

Eine Hafenstadt war alles Mögliche, aber vor allem war sie ein Ort, an dem sich viele Wege kreuzten. Auch wenn Lemarta im Gesamt des großen Weltenplans reichlich unbedeutend war, war das Städtchen doch auch nichts, um verächtlich die Nase zu rümpfen. Ein guter Ort, um vor Anker zu gehen.

Aber nicht für mich, dachte Corayne, während sie ihren Schritt beschleunigte. Ich bleibe hier keine Sekunde länger.

Ein Labyrinth aus Treppen führte Corayne und Kastio zum Hafen hinunter und entließ sie an der steinernen Promenade direkt unten am Meer. Die höher steigende Sonne spiegelte sich glitzernd auf dem türkisfarbenen, seichten Wasser. Lemarta übersah von seiner Höhe aus den Hafen, die Häuser dicht an die Felsen gedrängt wie das Publikum in einem Amphitheater.

Die Schiffe aus Tyriot hatten erst vor Kurzem angelegt. Sie hatten zu beiden Seiten eines längeren Piers angelegt, der in das tiefere Wasser hinausragte. Es herrschte ein gewaltiges Durcheinander von Matrosen, die sich auf den beiden Galeeren und dem Pier drängten oder über die Landungsplanken geströmt kamen. Corayne fing tyrianische und kasanische Wortfetzen auf, Rufe, die von Deck zum Pier flogen, aber meist wurde Priori gesprochen, die rings um die Lange See verbreitete Handelssprache. Die Schiffsbesatzungen luden Kisten und lebende Tiere aus, die sodann von zwei siscarischen Hafenbeamten in Augenschein genommen wurden. Sie machten ein großes Gewese darum, alles für die Steuerunterlagen und Hafenzölle genaustens zu notieren. Ein halbes Dutzend in kostbare lila Waffenröcke gekleidete Soldaten begleitete die Beamten.

Nichts von außergewöhnlicher Qualität oder besonderem Interesse, registrierte Corayne, während sie die angelandete Ware begutachtete.

Kastio folgte ihrem Blick und musterte die Waren unter zusammengezogenen Augenbrauen. »Woher?«, fragte er.

Ihr Grinsen kam so schnell wie ihre Antwort. »Salz aus den Minen von Aegir«, sagte Corayne voller Selbstgewissheit. »Und ich wette mit dir um einen Becher Wein, dass dieses Olivenöl aus den Hainen von Orisi stammt.«

Der alte Seemann kicherte. »Wette abgelehnt – ich habe meine Lektion schon mehr als nur einmal gelernt«, gab er zurück. »Du hast echt ein Köpfchen für diese Geschäfte, das muss man dir lassen.«

Ihre Schritte stockten, und ihre Stimme bekam etwas Schneidendes. »Wollen wir’s hoffen.«

Ein weiterer Hafenbeamter wartete am Ende des nächsten Piers, auch wenn der Ankerplatz dort leer war. Die Soldaten um ihn herum wirkten halb eingeschlafen, gänzlich desinteressiert. Corayne setzte ihr schönstes Lächeln auf, eine Hand in ihrer Umhängetasche, die Finger um den letzten und schwersten der heute darin aufbewahrten Beutel geschlossen. Sein Gewicht war beruhigend, wie der Schild eines Ritters.

Auch wenn sie das Gleiche schon ein Dutzend Mal getan hatte, zitterten ihre Finger immer noch. Ein guter Tag, um eine Reise anzufangen, schärfte sie sich erneut ein. Ein guter Tag, um anzufangen.

Hinter der Schulter des Beamten wurde ein Schiff sichtbar, das soeben in den Hafen einlief, plötzlich aus den Schatten der steilen Klippen herausglitt. Es gab keinen Zweifel, um welches Schiff es sich handelte, die dunkelviolette Flagge der Galeere war ein deutliches Erkennungssignal. Coraynes Herz hämmerte wild.

»Meister Galeri«, rief sie. Kastio folgte dicht hinter ihr. Auch wenn sie beide nicht in kostbare Gewänder gehüllt waren – sie trugen leichte Sommerkittel, lederne Beinkleider und Stiefel –, kamen sie über den Pier geschritten wie Edelleute. »Es ist mir immer eine Freude, Euch zu sehen.«

Galeri neigte den Kopf. Der Beamte war fast dreimal so alt wie sie – an die fünfzig – und geradezu sensationell hässlich. Trotzdem war Galeri bei den Frauen von Lemarta beliebt, vorwiegend weil seine Taschen so dankbar für kleine Bestechungsgaben waren.

»Domiana