Wütender Sturm (Die Farben des Blutes 4) - Victoria Aveyard - E-Book

Wütender Sturm (Die Farben des Blutes 4) E-Book

Victoria Aveyard

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Beschreibung

Abschließender Band der New-York-Times- und Spiegel-Bestseller-Serie DIE FARBEN DES BLUTES Siege haben ihren Preis! Das weiß Blitzwerferin Mare nur allzu gut seit dem Verrat durch Prinz Cal. Umso klarer ist ihr Ziel: Sie wird das Königreich umstürzen und den versklavten Roten und verfolgten Neublütern ein Leben in Freiheit sichern. Mavens Thron wird fallen! Doch der König tut alles, um Mare zurückzubekommen, auch wenn er dadurch sein Land zerstört. Mare braucht die Hilfe der Rebellen – und Cals Silber-Freunde. Um den zu besiegen, der fast ihren Willen gebrochen hätte, muss sie sich mit dem verbünden, der ihr das Herz brach. Aufregend, aufwühlend und absolut ungewiss: Wie geht Mares Geschichte aus?! Band 1: Die rote Königin  Band 2: Gläsernes Schwert  Band 3: Goldener Käfig  Band 4: Wütender Sturm  Begleitband: Zerschlagene Krone

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Victoria Aveyard: Wütender Sturm

Aufregend, aufwühlend und absolut ungewiss: Wie geht Mares Geschichte aus?!

Siege haben ihren Preis! Das weiß Blitzwerferin Mare nur allzu gut seit dem Verrat durch Prinz Cal. Umso klarer ist ihr Ziel: Sie wird das Königreich umstürzen und den versklavten Roten und verfolgten Neublütern ein Leben in Freiheit sichern. Mavens Thron wird fallen! Doch der König tut alles, um Mare zurückzubekommen, auch wenn er dadurch sein Land zerstört. Mare braucht die Hilfe der Rebellen – und Cals Silber-Freunde. Um den zu besiegen, der fast ihren Willen gebrochen hätte, muss sie sich mit dem verbünden, der ihr das Herz brach.

Der abschließende Band der New-York-Times- und Spiegel-Bestseller-Serie

DIE FARBEN DES BLUTES

Band1: Die rote Königin

Band2: Gläsernes Schwert

Band3: Goldener Käfig

Band4: Wütender Sturm

Der Gesang der Königin / Rotes Netz (E-Shorts)

Wohin soll es gehen?

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Danksagung

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Leseprobe

FÜR MEINE ELTERN, FÜR MEINE FREUNDE,

FÜR MICH UND FÜR EUCH

1

MARE

Wir schweigen einen langen Moment.

Corvium ist voller Menschen und fühlt sich doch gähnend leer an.

Teile und herrsche.

Es ist klar, was das bedeutet, die Fronten sind gezogen. Farley und Davidson schauen mich forschend an und ich starre zurück.

Wahrscheinlich hat Cal nicht die leiseste Ahnung, dass die Scharlachrote Garde und Montfort keinesfalls beabsichtigen, ihn tatsächlich irgendeinen Thron besteigen zu lassen, welchen auch immer er für sich gewinnen mag. Wahrscheinlich interessiert er sich mehr für seine Krone als dafür, was irgendein Roter denkt. Und wahrscheinlich sollte ich ihn auch nicht mehr Cal nennen.

Tiberias Calore. König Tiberias. TiberiasVII.

Mit diesem Namen wurde er geboren und diesen Namen trug er, als ich ihn das erste Mal traf.

Eine Diebin, hat er mich damals genannt. Das war mein Name.

Ich wünschte, ich könnte die letzte Stunde vergessen. Die Zeit nur ein klein wenig zurückdrehen. Noch eine weitere Sekunde in dem glückseligen Zustand schwelgen, in dem ich nichts anderes gespürt habe als meine schmerzenden Muskeln und meine wiederhergestellten Knochen. Die beruhigende Leere nach dem Adrenalin der Schlacht. Die köstliche Gewissheit, dass er mich liebt und an meiner Seite ist. Aber trotz meines gebrochenen Herzens schaffe ich es nicht, ihn für seine Entscheidung zu hassen. Die Wut wird wohl später einsetzen.

Farley sieht mich sorgenvoll an. Was ungewohnt ist. Von Diana Farley bin ich eher kalte Entschlossenheit oder glühend roten Zorn gewohnt. Sie nimmt meinen Blick mit einem Zucken ihres vernarbten Munds zur Kenntnis.

»Ich werde die übrigen Mitglieder des Oberkommandos über Cals Entscheidung informieren«, sagt sie in die angespannte Stille. Sie spricht leise und wählt ihre Worte mit Bedacht. »Und zwar nur ihnen. Ada wird die Nachricht überbringen.«

Der Premierminister von Montfort nickt zustimmend. »Gut. Ich vermute, General Trommler und General Schwan haben bereits eine gewisse Vorstellung von den jüngsten Entwicklungen. Sie überwachen die Lerolan-Königin, seitdem sie auf den Plan getreten ist.«

»Anabel Lerolan hat sich lange genug an Mavens Hof aufgehalten, mindestens einige Wochen«, erwidere ich. Seltsamerweise zittert meine Stimme nicht. Die Worte kommen gleichförmig und kraftvoll über meine Lippen. Ich muss stark wirken, auch wenn ich mich im Augenblick nicht so fühle. Es ist eine Lüge, aber eine gute Lüge. »Vermutlich hat sie mehr Informationen, als ich euch jemals geben konnte.«

»Ja, wahrscheinlich«, sagt Davidson nachdenklich und nickt. Dann kneift er die Augen zusammen und schaut zu Boden. Nicht suchend, sondern konzentriert. Er fasst einen Plan. Der Weg, der vor uns liegt, wird nicht einfach sein. Das wäre inzwischen selbst einem Kind klar. »Darum muss ich jetzt auch wieder da reingehen«, fügt er, fast entschuldigend, hinzu. Als ob ich ihm verübeln könnte, dass er seine Pflicht tut. »Augen und Ohren aufsperren, okay?«

»Okay«, antworten Farley und ich zu unserem Erstaunen wie aus einem Mund.

Er verlässt die Gasse, in die ich aus dem Ratssaal geflohen bin. Seine glatten grauen Haare glänzen im Sonnenlicht. Er war so umsichtig, sich den Schweiß und die Asche von der Schlacht abzuwaschen und seine blutbefleckte Uniform gegen eine saubere auszutauschen, um ein gewohnt ruhiges, besonnenes und seltsam bodenständiges Erscheinungsbild zu bieten. Eine weise Entscheidung. Silberne verschwenden viel Energie auf Äußerlichkeiten, auf den unechten Glanz sichtbarer Stärke und Macht. Und keiner so viel wie der Samos-König und seine Familie oben im Turm. Neben Volo, Evangelina, Ptolemus und deren Mutter Larentia, der Viper-Königin, fällt Davidson kaum auf. Er könnte mit der Wand verschmelzen, wenn er wollte. Sie werden ihn nicht kommen sehen. Sie werden uns nicht kommen sehen.

Ich hole zitternd Luft und schlucke, während ich mich zwinge, auch den nächsten Gedanken zuzulassen. Und Cal wird das auch nicht.

Tiberias, rufe ich mich zur Ordnung. Ich balle die Faust und spüre einen befriedigenden Schmerz, als die Nägel sich in mein Fleisch bohren. Nenn ihn Tiberias.

Die schwarzen Mauern von Corvium kommen mir ohne die Belagerung seltsam still und nackt vor. Ich wende mich von dem in der Ferne verschwindenden Davidson ab, um die Brüstungsmauern zu betrachten, die den inneren Hof der Festungsstadt umgeben. Der Schneesturm, den die Frierer geschickt haben, ist längst vorbei, die Dunkelheit hat sich verzogen und alles wirkt jetzt kleiner. Weniger imposant. Früher wurden rote Soldaten durch diese Stadt getrieben. Die meisten von ihnen marschierten ihrem sicheren Tod in einem Schützengraben entgegen. Jetzt patrouillieren Rote auf den Mauern, in den Straßen und vor den Toren. Rote sitzen neben silbernen Königen und sprechen von Krieg. Ein paar Soldaten mit scharlachroten Halstüchern schreiten wachsam auf und ab und halten ihre Waffen schussbereit in den Händen. Die Scharlachrote Garde ist weiterhin auf der Hut, auch wenn sie wenig Grund hat, so nervös zu sein. Momentan jedenfalls. Mavens Armeen haben sich zurückgezogen. Und nicht einmal Volo Samos würde aus Corviums Mitte heraus einen Coup wagen. Nicht, wenn er die Garde, Montfort und uns braucht. Und insbesondere nicht mit Cal – Tiberias, du dumme Gans – und dessen leerem Gerede über Gleichheit. Volo braucht ihn ebenso sehr wie wir. Er braucht seinen Namen, seine Krone und seine Hand für die verdammte Hochzeit mit seiner eigenen verdammten Tochter.

Mein Gesicht ist glühend heiß; die Eifersucht, die in mir aufsteigt, macht mich verlegen. Dass ich ihn verliere, sollte meine geringste Sorge sein. Es sollte nicht so schmerzen wie die Aussicht, dass wir sterben könnten, dass wir unseren Krieg verlieren könnten und alles, wofür wir gekämpft haben, umsonst war. Aber es tut weh. Und mir bleibt nichts anderes übrig, als es zu ertragen.

Warum habe ich nicht Ja gesagt?

Ich habe sein Angebot ausgeschlagen. Und ihn. Der Verrat zerreißt mich – Cals Verrat, aber auch meiner. Ich liebe dich – dieses Versprechen haben wir beide gegeben und beide gebrochen. Eigentlich sollte es bedeuten: Ich werde mich jedes Mal für dich entscheiden. Weil du mir immer am wichtigsten sein wirst. Ich brauche dich immer und überall. Ich kann nicht ohne dich leben. Ich werde alles tun, damit wir uns nie trennen müssen.

Aber das hat er nicht getan. Und ich werde es auch nicht tun.

Ich bin weniger wichtig als seine Krone und er ist weniger wichtig als unsere gemeinsame Sache.

Und das alles wiegt sehr viel weniger als meine Angst vor dem nächsten Käfig. Er hat mir eine unmögliche Krone angeboten, die Position einer Konkubinen-Gattin. Er wollte mich zu seiner Königin machen, wenn es ihm gelingen würde, Evangelina erneut zu übergehen. Doch ich weiß bereits, wie es ist, an der Seite eines Königs zu stehen. Und ich verspüre nicht die geringste Lust, wieder so ein Leben zu führen. Auch wenn Cal nicht Maven ist, der Thron ist trotzdem derselbe. Und Throne verändern die Menschen, machen sie korrupt.

Was für ein denkwürdiges und merkwürdiges Bild hätten wir abgegeben: Cal mit seiner Krone, seiner Samos-Königin und mir. Wider besseres Wissen wünscht sich ein kleiner Teil von mir, ich hätte Ja gesagt. Es wäre einfach gewesen. Es hätte mir die Chance eröffnet, loszulassen, einen Schritt zurückzutreten, zu gewinnen – und eine Welt zu genießen, von der ich nie zu träumen gewagt hätte. Die Chance, meiner Familie das bestmögliche Leben zu verschaffen. Für unser aller Sicherheit zu sorgen. Und bei ihm bleiben zu können. An Cals Seite stehen zu können, ein rotes Mädchen am Arm eines silbernen Königs. Mit der Macht, die Welt zu verändern. Maven zu töten. Ohne Albträume zu schlafen und ohne Angst zu leben.

Ich beiße mir fest auf die Lippe, um diese Vorstellung aus meinem Kopf zu verbannen. Sie ist verführerisch, und beinahe verstehe ich seine Entscheidung. Selbst jetzt, wo wir auseinandergerissen sind, passen wir zueinander.

Farley bewegt sich neben mir, um meine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Sie lehnt sich seufzend gegen die Mauer und verschränkt die Arme vor der Brust. Anders als Davidson hat sie sich nicht die Mühe gemacht, ihre blutige Uniform auszuziehen. Ihre sieht nicht ganz so schlimm aus wie meine, sie ist frei von Schlamm und Dreck. Aber auch an ihr klebt natürlich Silberblut; jetzt, wo es getrocknet ist, sieht es schwarz aus. Es ist erst wenige Monate her, dass Clara zur Welt gekommen ist, und auf Farleys Hüften sitzen noch ein paar Extrakilos, die sie nicht versteckt. Jegliches Mitgefühl, das sie für mich gezeigt hat, schwindet mit einem Mal und wird von zornigem Funkeln in ihren blauen Augen ersetzt. Doch ihre Wut hat nichts mit mir zu tun. Farley schaut gen Himmel, zu dem Turm, der über uns aufragt. Und in dem der seltsame Rat aus Silbernen und Roten gerade über unser Schicksal entscheidet.

»Das war er, da drinnen.« Sie wartet nicht, bis ich frage, wen sie meint. »Silbergraues Haar, Stiernacken, lächerliche Rüstung. Und aus irgendeinem Grund atmet er noch, obwohl er Shades Herz mit einer Klinge durchbohrt hat.«

Bei dem Gedanken an Ptolemus bohren sich meine Nägel noch tiefer ins Fleisch. Der Prinz der Riftzone. Der Mörder meines Bruders. Plötzlich verspüre ich dieselbe Wut wie Farley. Und ebenso viel Scham.

»Ja.«

»Weil du einen Handel mit seiner Schwester abgeschlossen hast. Deine Freiheit für sein Leben.«

»Für meine Rache«, gestehe ich murmelnd. »Und ja, ich habe Evangelina mein Wort gegeben.«

Farley bleckt verächtlich die Zähne. »Du hast einer Silbernen dein Wort gegeben. Dieses Versprechen ist weniger wert als Asche.«

»Und dennoch ein Versprechen.«

Ihrer Kehle entringt sich ein Laut, der wie ein Knurren klingt. Sie strafft ihre breiten Schultern und wendet sich ganz dem Turm zu. Ich frage mich, wie viel Kraft es sie wohl kostet, nicht wieder da hochzumarschieren und Ptolemus die Augen aus dem Schädel zu reißen. Ich würde sie nicht aufhalten, wenn es ihr gelänge. In Wahrheit würde ich sogar genüsslich zusehen.

Ich öffne meine Faust ein Stückchen, und der Schmerz lässt nach. Schweigend mache ich einen Schritt auf sie zu und lege ihr nach kurzem Zögern eine Hand auf den Arm. »Ich habe dieses Versprechen gegeben. Nicht du. Und auch niemand sonst.«

Farley beruhigt sich ein wenig und verzieht ihr Gesicht zu einem Grinsen. Sie schaut mich direkt an, die Sonne lässt ihre blauen Augen funkeln. »Ich habe den Eindruck, du eignest dich besser für die Politik als für den Krieg, Mare Barrow.«

Ich lächele gezwungen. »Das ist beides dasselbe.« Eine harte Lektion, die ich, glaube ich, inzwischen gelernt habe. »Glaubst du, du könntest es? Ihn töten?«

Früher hätte sie bei der Unterstellung, sie könnte es vielleicht nicht, nur verächtlich geschnaubt. Farley ist eine stahlharte Frau mit einer noch härteren Schale. Sie muss so sein. Aber irgendetwas – vielleicht Shade und ganz bestimmt Clara, das Band zwischen uns – erlaubt mir einen Blick hinter ihre ansonsten undurchdringliche Maske und ihr selbstbewusstes Gehabe. Sie zögert und ihr süffisantes Grinsen verrutscht ein wenig.

»Keine Ahnung«, murmelt sie. »Aber wenn ich es nicht wenigstens versuche, werde ich Clara später nicht in die Augen sehen können und es mir selbst niemals verzeihen.«

»Und ich werde es mir nicht verzeihen, wenn ich zulasse, dass du bei dem Versuch stirbst.« Ich drücke ihren Arm. »Bitte mach keine Dummheiten, was das angeht.«

Als hätte ich einen Schalter umgelegt, kehrt das Grinsen mit voller Leuchtkraft zurück. Sie zwinkert mir sogar zu. »Seit wann bin ich dumm, Mare Barrow?«

Ich hebe den Kopf, um sie anzusehen, und die Bewegung verursacht ein heftiges Ziehen in meinem Nacken – dank der Narben dort, die ich fast vergessen hatte. Verglichen mit dem ganzen Rest ist dieser Schmerz geradezu lächerlich. »Ich frage mich nur, wo das alles enden soll«, murmele ich in der Hoffnung, dass sie mich versteht.

Sie schüttelt den Kopf. »Auf eine so vage Frage kann ich dir keine Antwort geben.«

»Ich meine … die Sache mit Shade. Und Ptolemus. Du bringst ihn um, und dann? Bringt Evangelina dich um? Oder Clara? Und ich bringe Evangelina um? Und endlos immer so weiter?« Ich habe beileibe keine weiße Weste, was das Töten angeht, aber auf diese Art ist es schon anders. Jemandem gezielt nach dem Leben zu trachten, klingt für mich eher nach etwas, was Maven tun würde, nicht wir. Obwohl Farley Ptolemus’ Tod ja vor langer Zeit schon einmal beschlossen hat. Damals, als ich noch am Hof lebte und Mareena Titanos gespielt habe. Aber das war für die Garde, für unsere Sache, und keine blindwütige, blutige Rache.

Ihre Augen weiten sich, sie betrachtet mich ungläubig. »Du willst, dass ich ihn davonkommen lasse?«

»Natürlich nicht«, erwidere ich fast empört. »Ich weiß nicht, was ich will. Ich weiß nicht, was ich rede.« Meine Worte überschlagen sich. »Aber ich darf mir doch trotzdem diese Fragen stellen, Farley. Ich weiß, was Wut und Rache aus einem Menschen machen können, und was das für die Menschen um einen herum bedeuten kann. Und außerdem will ich nicht, dass Clara ohne ihre Mutter aufwachsen muss.«

Sie wendet sich abrupt ab, um ihr Gesicht zu verbergen. Aber nicht so schnell, dass ich die Tränen nicht sehe, die ihr in die Augen schießen. Doch sie werden niemals fließen. Sie macht sich unwirsch von mir los.

Ich rede trotzdem weiter. Ich muss es tun. Sie muss das hören. »Sie hat schon Shade verloren. Und ich weiß, wofür sie sich entscheiden würde, wenn sie zwischen der Rache für ihren Vater und einer lebenden Mutter wählen könnte.«

»Apropos entscheiden«, stößt Farley hervor. »Ich bin stolz auf die Entscheidung, die du getroffen hast.«

»Wechsle nicht das Thema, Farley.«

»Hast du mich gehört, Blitzwerferin?« Mit einem Schniefen dreht sie sich wieder zu mir und lächelt gequält, ihr Gesicht ist gerötet und fleckig. »Ich habe gesagt, ich bin stolz auf dich. Schreib dir das hinter die Löffel – und vergiss es nicht. Denn wahrscheinlich hörst du das so bald nicht wieder.«

Ich muss trotz allem kichern. »Schön. Und weswegen genau bist du stolz auf mich?«

»Na ja, mal ganz abgesehen von deinem guten Kleidergeschmack« – sie wischt mir ein bisschen blutigen Dreck von der Schulter – »und deiner ruhigen und besonnenen Art natürlich …«

Ich gluckse erneut.

»… bin ich stolz auf dich, weil ich weiß, was es heißt, den Menschen zu verlieren, den man liebt.« Jetzt packt sie meinen Arm, wahrscheinlich, damit ich nicht vor einem Gespräch weglaufen kann, für das ich nicht gerüstet bin.

Mare, entscheide dich für mich. Diese Worte sind erst eine Stunde alt. Und sie verfolgen mich.

»Es kam mir vor wie ein Verrat«, flüstere ich.

Ich konzentriere mich auf Farleys Kinn, damit ich ihr nicht in die Augen schauen muss. Die Narbe in ihrem linken Mundwinkel ist tief und verzieht ihre Lippen ein bisschen. Ein klarer Schnitt. Von einem Messer. Diese Narbe hatte sie noch nicht, als ich sie zum ersten Mal traf, damals im Licht einer blauen Kerze in Will Whistles altem Wagen.

»Ein Verrat von seiner Seite? Ja, natürlich –«

»Nein. Nicht von seiner Seite.« Eine Wolke zieht über den Himmel und wirft einen Schatten auf uns beide. Der Sommerwind ist plötzlich seltsam kühl. Ich erschaudere – und wünsche mir fast instinktiv Cal und seine Wärme herbei. Er hat mich immer warm gehalten. Mir dreht sich der Magen um bei dem Gedanken daran, was wir beide aufgegeben haben. »Er hat mir ein Versprechen gegeben«, fahre ich fort, »aber ich ihm auch. Und ich habe es gebrochen. Er hat außerdem noch andere Versprechen zu erfüllen. Die, die er sich selbst und seinem toten Vater gegeben hat. Er hat seine Krone schon geliebt, bevor er sich in mich verliebte, ob ihm das bewusst ist oder nicht. Und letztendlich glaubt er, das Richtige für uns zu tun, für uns alle. Wie kann ich ihm das zum Vorwurf machen?«

Ich überwinde mich, Farley nun doch in die Augen zu schauen, und suche darin nach einer Antwort. Aber sie hat keine für mich, zumindest keine, die mir gefallen würde. Sie kaut auf ihrer Unterlippe, verkneift sich die Erwiderung, die ihr auf der Zunge liegt. Doch es funktioniert nicht.

Sie schnaubt, versucht, auf ihre Art nachsichtig mit mir zu sein, reagiert aber so kratzbürstig wie eh und je. »Nimm ihn nicht in Schutz für das, was er ist und was er macht.«

»Tu ich auch nicht.«

»Klingt aber ganz danach«, antwortet sie gereizt und seufzt. »Ein anderer König ist immer noch ein König. Mag ja sein, dass er ein feiner Kerl ist, aber so viel ist auch ihm klar.«

»Vielleicht wäre es ja auch für mich das Richtige gewesen. Für die Roten. Wer weiß, was eine rote Königin alles hätte erreichen können?«

»Sehr wenig, Mare. Wenn überhaupt irgendwas«, sagt sie mit kühler Bestimmtheit. »Jede Veränderung, die daraus resultieren würde, dass du dir eine Krone aufsetzt, käme zu langsam und wäre zu geringfügig.« Ihr Ton wird weicher. »Und könnte zu leicht wieder rückgängig gemacht werden. Das würde keine bleibende, nachhaltige Wende bringen. Alles, was wir erreichen könnten, würde mit dir sterben. Versteh mich nicht falsch, aber die Welt, die wir erschaffen wollen, soll uns überleben.«

Für die, die nach uns kommen.

Farleys Blick bohrt sich mit ihrer typischen, fast unmenschlichen Intensität in meine Augen. Clara hat Shades Augen, nicht Farleys. Sie sind honigfarben, nicht meerblau. Ich frage mich, in welchen Punkten sie eines Tages nach Farley kommen wird und in welchen nach Shade.

Die Brise fährt in Farleys frisch geschorene Haare; im Schatten der Wolken sehen sie dunkelgolden aus. Unter ihren Narben wirkt sie immer noch jung; sie ist ein Kind des Krieges und der Zerstörung. Sie hat schon Schlimmeres erlebt als ich, hat mehr getan als ich. Und auch mehr gelitten und mehr geopfert. Ihre Mutter, ihre Schwester, meinen Bruder und seine Liebe. Den Traum von dem, wie sie einmal werden wollte, als sie noch klein war. All das hat sie verloren. Wenn sie trotzdem weiter für unsere Sache kämpfen kann, wenn sie weiter an das glauben kann, was wir tun, dann kann ich es auch. Denn sosehr wir auch manchmal aneinandergeraten, so sehr vertraue ich ihr auch. Ihre Worte sind ein ungewohnter, aber notwendiger Trost. Ich habe schon so viel Zeit damit zugebracht, mit mir selbst zu ringen, dass ich es allmählich leid bin.

»Du hast recht.« Ich spüre, wie sich etwas in mir löst und dafür sorgt, dass Cals seltsames Angebot in weite Ferne rückt, dass ich es unwiederbringlich abhake.

Aus mir wird niemals eine rote Königin werden.

Farley drückt meine Schulter so heftig, dass es fast wehtut. Trotz der Heiler bin ich immer noch ziemlich angeschlagen, und sie kann ziemlich fest zupacken. »Außerdem«, fügt sie hinzu, »wärst nicht du diejenige, die auf dem Thron säße. Die Lerolan-Königin und der König der Riftzone haben sehr deutlich gemacht, dass sie das Samos-Mädchen auf dem Thron sehen wollen.«

Diese Bemerkung entlockt mir ein Schnauben. Evangelina Samos hat im Ratssaal keinen Zweifel daran gelassen, worauf sie aus ist. Es erstaunt mich, dass Farley das nicht bemerkt hat. »Aber nicht, wenn es nach ihr geht.«

»Hmm?« Sie schaut mich fragend an, und ich zucke die Achseln.

»Du hast doch miterlebt, wie sie sich da drinnen aufgeführt hat. Sie wollte dich provozieren.« Ich sehe es wieder genau vor mir. Evangelina hat vor aller Augen eine rote Dienerin zu sich zitiert, ein Weinglas zerschlagen und die arme Frau gezwungen, die Scherben aufzuklauben; einfach nur aus Spaß an der Freude. Um diejenigen im Raum, durch deren Adern rotes Blut fließt, aufzustacheln. Es ist nicht schwer zu durchschauen, was sie damit bezweckt hat. »Sie hat nicht die geringste Lust auf diese Allianz; nicht, wenn das für sie die Ehe mit … Tiberias bedeutet.«

Farley ist ausnahmsweise einmal völlig perplex. Sie blinzelt mich überrascht – und zugleich fasziniert – an. »Aber das ist doch genau das, was sie ursprünglich wollte. Nicht, dass ich bei den Silbernen alles durchschauen würde, aber ich dachte –«

»Evangelina ist jetzt eine Prinzessin aus eigenem Recht und hat alles, was sie jemals wollte. Ich glaube nicht, dass sie wieder Prinzessin von irgendjemandes Gnaden sein möchte. Bei diesem Verlöbnis ging es für sie immer nur um Macht. Und für ihn auch«, füge ich – nicht ohne einen Anflug von Liebeskummer – hinzu. »Aber diese Art von Macht besitzt sie inzwischen bereits, oder« – meine Stimme schwankt ein wenig – »sie will sie vielleicht gar nicht mehr.« Ich denke zurück an die Zeit, die ich mit Evangelina im Whitefire-Palast verbracht habe. Sie war erleichtert, als Maven nicht sie, sondern Iris Cygnet geheiratet hat. Und das nicht nur, weil er ein Monster ist. Ich glaube eher … es gab jemand anderen, der ihr wichtiger war. Wichtiger als sie selbst oder Mavens Krone.

Elane Haven. Ich erinnere mich, dass Maven sie als Evangelinas Hure bezeichnete, nachdem ihr Haus gegen ihn rebelliert hatte. Oben im Ratssaal habe ich Elane zwar nicht gesehen, aber ein Großteil von Haus Haven steht hinter Haus Samos; sie sind Verbündete. Die Havens sind Schattengeher und können sich unsichtbar machen, wenn sie wollen. Elane könnte also auch ohne mein Wissen die ganze Zeit dort gewesen sein.

»Du meinst, sie würde das Werk ihres Vaters torpedieren, wenn sie könnte?« Farley sieht aus wie eine Katze, die gerade eine besonders dicke Maus gefangen hat. »Wenn ihr jemand dabei … helfen würde?«

Für Cal war die Liebe kein Grund, die Krone abzulehnen. Würde Evangelina es aus Liebe tun?

Irgendwie glaube ich, dass die Chance durchaus besteht. Wenn ich an ihre Kratzbürstigkeit denke, ihren stillen Widerstand, ihre riskanten Manöver.

»Möglich ist es.« Diese Worte bekommen für uns beide eine neue Bedeutung. Neues Gewicht. »Sie hat ihre eigenen versteckten Motive. Und ich glaube, das verschafft uns einen kleinen Vorteil.«

Farley verzieht die Lippen zu etwas, was fast als aufrichtiges, echtes Lächeln durchgeht. Trotz allem, was ich heute erfahren habe, verspüre ich plötzlich neue Hoffnung. Sie boxt mir gegen den Arm, und ihr Grinsen wird breiter.

»Schreib es dir noch mal hinter die Ohren, Barrow. Ich bin verdammt stolz auf dich.«

»Ja, hin und wieder kann ich durchaus nützlich sein.«

Sie lacht laut auf und bedeutet mir, ihr zu folgen. Die Straße am Ende unserer Gasse lockt, ihre Steinplatten glänzen in der Sonne, während der restliche Schnee darauf schmilzt. Ich zögere, unsere sichere, dunkle Ecke zu verlassen. Die Welt jenseits dieses schmalen Sträßchens erscheint mir zu groß. Der innere Burghof von Corvium – und der Schutzturm im Zentrum – wirken bedrohlich. Mit zitterndem Atem zwinge ich mich, mich in Bewegung zu setzen. Der erste Schritt schmerzt. Der zweite auch.

»Du brauchst nicht wieder da hochzugehen«, murmelt Farley neben mir, während sie den Turm mit finsterer Miene beäugt. »Ich werde dir berichten, wie es war. Davidson und ich kriegen das schon alleine hin.«

Der Gedanke, wieder in diesen Ratssaal zu gehen, dort zu sitzen und schweigend mit anzuhören, wie Tiberias alles, was wir je getan haben, verrät – ich glaube nicht, dass ich das ertrage. Aber ich muss. Mir fallen Dinge auf, die andere nicht sehen können. Ich weiß Dinge, die andere nicht wissen. Ich muss da wieder rein. Um der Sache willen.

Und seinetwegen.

Ich kann nicht verleugnen, wie sehr ich auch seinetwegen wieder zurückwill.

»Ich will alles wissen, was du weißt«, sage ich leise zu Farley. »Alles, was Davidson geplant hat. Ich werde nicht blindlings in diese Sache hineinstolpern.«

Sie pflichtet mir rasch bei. Beinahe zu schnell. »Natürlich.«

»Ich bin an Bord und unterstütze euch, in jeder Hinsicht. Unter einer Bedingung.«

»Die wäre?«

Ich gehe langsamer, und sie passt sich an mein Tempo an. »Er überlebt. Am Ende von alldem ist er noch am Leben.«

Sie legt den Kopf schief wie ein verwirrter Hund.

»Zerstört seine Krone, zertrümmert seinen Thron, reißt seine Monarchie in Stücke.« Ich schaue sie so entschlossen an, wie ich nur kann. Der Blitz in meinem Blut erwacht, fleht darum, losgelassen zu werden. »Aber Tiberias bleibt am Leben.«

Farley atmet tief ein und richtet sich zu ihrer vollen, eindrucksvollen Größe auf. Ich habe das Gefühl, dass sie direkt in mich hineinsehen kann. Bis in mein fehlerbehaftetes Herz. Aber ich bleibe dabei. Ich habe mir dieses Recht verdient.

Ihre Stimme schwankt. »Ich kann dir das nicht versprechen. Aber ich werde versuchen es zu beherzigen. Ganz sicher werde ich das, Mare.«

Wenigstens lügt sie mich nicht an.

Ich bin zwiegespalten, hin- und hergerissen. Mich beschäftigt eine naheliegende Frage. Eine Entscheidung, die ich vielleicht eines Tages treffen muss. Sein Leben oder unser Sieg? Ich weiß nicht, wofür ich mich entscheiden würde, sollte ich es jemals müssen. Welche Seite ich verraten würde. Das Messer dieses Wissens schneidet tief, und ich blute, wo niemand anders es sehen kann.

Vermutlich hat der Seher das gemeint. Jon hat wenig gesagt, aber jedes Wort von ihm war wohlkalkuliert. Und ich werde wohl das Schicksal annehmen müssen, das er mir vorausgesagt hat, sowenig ich es auch möchte.

Sich über alles zu erheben.

Und zwar allein.

Die Steinplatten ziehen unter mir vorbei, während ich immer weitergehe. Die Brise frischt auf, diesmal kommt sie von Westen und weht den unverwechselbaren Gestank von Blut heran. Ich kämpfe gegen einen Würgreiz an, als die Erinnerung einsetzt. An die Belagerung. Die Leichen. Das Blut in beiden Farben. Daran, wie mein Handgelenk birst im Griff eines Versteinerers. An gebrochene Hälse, blutig zerfetzte Oberkörper, glänzende innere Organe und zersplitterte Knochen. In der Schlacht ist es leicht, sich den Horror vom Leib zu halten. Sogar notwendig. Die Angst würde mich nur in Gefahr bringen. Aber jetzt nicht mehr. Mein Herz schlägt plötzlich dreimal so schnell und mir bricht am ganzen Körper der kalte Schweiß aus. Obwohl wir überlebt und gesiegt haben, hat der Schock des Verlusts in meinem Inneren tiefe Gräben aufgerissen.

Ich spüre sie noch. Die Nervenbahnen, die Wege, die sich mein Blitz durch all jene gesucht hat, die ich getötet habe. Sie waren wie fein verästelte glühende Pfade, jeweils unterschiedlich und doch gleich. Zu viele, um sie zu zählen. In roten und blauen Uniformen, Nortaner und Lakelander. Alles Silberne.

Hoffe ich.

Die Möglichkeit, dass es anders sein könnte, trifft mich wie ein Faustschlag in den Magen. Maven hat schon einmal Rote als Kanonenfutter oder menschliche Schutzschilde missbraucht. Aber ich habe gar nicht daran gedacht, dass er es wieder tun könnte. Keiner von uns hat daran gedacht – oder es war den anderen egal. Davidson, Cal, vielleicht sogar Farley, wenn sie der Meinung war, dass das Ergebnis diesen Preis rechtfertigt.

»Hey«, murmelt sie und greift nach meinem Handgelenk. Ihre Berührung lässt mich zusammenzucken, denn ihre Finger fühlen sich an wie eine Handschelle. Ich schüttle sie harsch ab, entwinde mich mit einem Knurren ihrem Griff. Dann laufe ich rot an; es ist mir peinlich, dass ich noch immer so überreagiere.

Sie hebt die Hände hoch und schaut mich groß an. Aber ohne Angst und ohne Vorwurf. Nicht einmal Mitleid steht in ihrem Blick. Sehe ich da Verständnis? »Tut mir leid«, sagt sie rasch. »Ich habe nicht daran gedacht, dass das deine empfindliche Stelle ist.«

Ich nicke kaum merklich und schiebe meine Hände in die Taschen, um die violetten Funken an meinen Fingerspitzen zu verbergen. »Schon gut. Ist nicht –«

»Ich weiß, Mare. Das passiert, wenn wir zur Ruhe kommen. Dann fängt der Körper an, das Erlebte zu verarbeiten. Manchmal ist es zu viel. Du brauchst dich nicht dafür zu entschuldigen.« Farley neigt den Kopf und zeigt von dem Turm weg. »Und du brauchst dich auch nicht zu schämen, wenn du dich ein bisschen ausruhen willst. Die Baracken sind –«

»Waren eigentlich Rote da draußen?«, frage ich mit einer Geste zum Schlachtfeld und den inzwischen durchbrochenen Mauern von Corvium. »Haben Maven und die Lakelander mit der Verstärkung auch rote Soldaten hergeschickt?«

Farley blinzelt; sie ist ehrlich erstaunt. »Nicht, dass ich wüsste«, sagt sie schließlich, aber ich höre ihr Unbehagen. Sie weiß es nicht. Sie will es nicht wissen, und ich auch nicht. Ich könnte es nicht ertragen.

Ich drehe mich auf dem Absatz um und zwinge sie ausnahmsweise einmal, mit mir Schritt zu halten. Wir verfallen erneut in Schweigen, diesmal in ein Schweigen voller Wut und Scham. Ich gebe mich diesen Gefühlen hin, quäle mich selbst. Damit ich diesen Ekel und diesen Schmerz in Erinnerung behalte. Denn es werden weitere Schlachten kommen. Es werden noch mehr Leute sterben; ganz gleich, welche Farbe ihr Blut hat. Wir befinden uns im Krieg. In einer Revolution. Und andere werden dabei ins Kreuzfeuer geraten. Zu vergessen ist so, als würde man die Toten erneut verdammen. Und die, die noch folgen, gleich mit.

Ich halte meine Fäuste in den Taschen geballt, während wir die Stufen zum Turm erklimmen. Dabei bohrt sich ein Ohrring in meine Haut, der rote Stein liegt warm in meiner Hand. Ich sollte ihn aus dem Fenster werfen. Wenn ich eins vergessen sollte, dann ihn.

Aber der Ohrring bleibt, wo er ist.

Wir treten Seite an Seite in den Ratssaal. Die Ränder meines Blickfelds werden unscharf, und ich versuche das zu tun, was mir vertraut ist: beobachten, mir Dinge einprägen, heraushören, was ungesagt bleibt, Geheimnisse und Lügen aufspüren. Das ist nicht nur eine sinnvolle Mission, sondern auch eine gute Ablenkung. Und mir wird klar, warum ich so scharf darauf war, wieder hierher zurückzukommen, obwohl ich jedes Recht gehabt hätte, weit wegzulaufen.

Nicht, weil das hier wichtig ist. Nicht, weil ich mich nützlich machen kann.

Sondern weil ich egoistisch, schwach und ängstlich bin. Ich kann nicht allein sein, nicht jetzt, noch nicht.

Also sitze ich da und höre und schaue zu.

Und spüre die ganze Zeit seinen Blick auf mir.

2

EVANGELINA

Es wäre leicht, sie zu töten.

Um die roten, schwarzen und orangefarbenen Edelsteine an Anabel Lerolans Hals winden sich Metallfäden aus Rotgold. Ich könnte die Halsader der Bersterin mit einem Ruck durchtrennen. Sie in den Orkus schicken, zusammen mit ihrem Plan. Ich könnte ihrem Leben und dieser Verlobung hier und jetzt ein Ende bereiten: vor den Augen meiner Mutter, meines Vaters, Cals – und vor den Augen der roten Verbrecher und fremden Freaks, an die wir plötzlich gebunden sind. Nur Barrow ist nicht da. Sie ist noch nicht zurückgekehrt. Wahrscheinlich heult sie noch ihrem Prinzen nach.

Natürlich würde ich damit einen neuen Krieg heraufbeschwören und eine Allianz zerschmettern, die ohnehin bereits angeknackst ist. Könnte ich so etwas tun – meine Loyalität meinem Glück opfern? Allein diese Frage zu stellen, kommt mir schändlich vor, auch wenn es nur in meinem Kopf geschieht.

Die alte Frau muss meinen Blick spüren. Sie schaut kurz zu mir her und lächelt süffisant, während sie sich wieder hinsetzt in ihrer ganzen rot-schwarz-goldenen Pracht.

Das sind Calore-Farben, nicht nur Lerolan. Es ist sonnenklar, wem ihre Loyalität gilt.

Ich senke erschaudernd den Blick und konzentriere mich stattdessen auf meine Hände. Einer meiner Fingernägel ist ganz zersplittert, ein Andenken aus der Schlacht. Mit einem Atemhauch verforme ich einen der Titanringe, sodass er sich als Kralle über den Finger zieht. Dann tippe ich damit gegen die Armlehne meines Throns, und sei es nur, um Mutter zu ärgern. Der Blick, den sie mir aus dem Augenwinkel zuwirft, ist der einzige Beweis ihrer Verachtung.

Ich fantasiere ein wenig zu lang darüber, wie ich Anabel ins Jenseits befördern könnte, und verliere den Überblick über das, was im Ratssaal ausgeheckt wird. Wir sind zahlenmäßig geschrumpft, nur die verschiedenen Anführer unserer so hastig vereinigten Lager sind noch da. Generäle, Lords, Hauptleute und gekrönte Häupter. Erst spricht der Premierminister von Montfort, dann Vater, dann Anabel und dann wieder von vorn. Alle schlagen maßvolle Töne an, während sie ihr falsches Lächeln aufsetzen und leere Versprechungen machen.

Ich wünschte, Elane wäre hier. Ich hätte sie mitbringen sollen. Sie wollte es ja. Sie hat sogar darum gebettelt. Elane möchte mir immer nah sein, selbst wenn sie dabei tödlicher Gefahr ausgesetzt ist. Ich versuche, nicht an unsere letzten gemeinsamen Minuten zu denken, an ihren Körper in meinen Armen. Sie ist dünner als ich und ihre Haut weicher. Ptolemus hat vor der Tür gewartet und dafür gesorgt, dass wir nicht gestört wurden.

»Lass mich mitkommen«, hat sie mir ins Ohr geflüstert, dutzendfach, hundertfach. Aber ihr Vater und meiner haben es verboten.

Schluss damit, Evangelina.

Jetzt verfluche ich mich dafür. In all dem Chaos hätten sie es doch ohnehin nicht mitbekommen. Elane ist schließlich Schattengeherin, und eine Unsichtbare kann man leicht einschmuggeln. Tolly hätte mir geholfen. Er hätte seine Frau nicht davon abgehalten mitzukommen, nicht, wenn ich ihn um seine Hilfe gebeten hätte. Aber ich konnte es nicht. Zuerst musste eine Schlacht gewonnen werden, eine Schlacht, von der ich nicht sicher war, ob wir sie siegreich bestehen können. Dieses Risiko wollte ich nicht eingehen. Elane Haven ist zwar talentiert, aber sie ist keine Kriegerin. Mitten im Kampfgetümmel hätten sie und meine Sorge um sie mich nur abgelenkt. Und das konnte ich mir nicht leisten. Jetzt dagegen …

Hör auf.

Meine Finger winden sich um die Armlehnen meines Throns und würden das Metall nur allzu gern zerfetzen. Im Rift-Haus gaben mir die vielen Stahlstege ausreichend Gelegenheit, mich auszutoben. Dort konnte ich in Ruhe meinem Zerstörungsdrang nachgeben. Konnte meine rasende Wut in sich stetig wandelnde Statuen gießen, ohne mir Gedanken machen zu müssen, was andere dazu sagen. Ich frage mich, ob sich auch hier in Corvium ein Ort finden lässt, um genau das zu tun. Die Aussicht darauf rettet mich. Ich kratze mit der Ring-Klaue über meinen Thron, Metall auf Metall. So leise, dass nur Mutter es hören kann. Vor all den anderen aus diesem seltsamen Rat kann sie mich schlecht zurechtweisen. Wenn ich hier schon auf dem Präsentierteller vorgezeigt werde, kann ich auch die wenigen Vorteile genießen.

Schließlich reiße ich meine Gedanken von Anabels verletzlichem Hals und Elanes Abwesenheit los. Wenn ich herausfinden will, wie ich den Plan meines Vaters aushebeln kann, muss ich wenigstens aufpassen.

»Ihre Armee ist auf dem Rückzug. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Truppen von König Maven sich neu formieren«, konstatiert Vater gerade kühl. Durch die hohen Turmfenster hinter ihm sehe ich, wie die Sonne langsam in den Wolken am westlichen Horizont versinkt. Über der zerstörten Landschaft schwebt immer noch Rauch. »Er leckt sich die Wunden.«

»Der Junge ist schon im Todesstreifen«, erwidert Königin Anabel sofort. Der Junge. Sie redet von Maven, als wäre er nicht ihr Enkelsohn. Wahrscheinlich will sie es nicht wahrhaben. Nicht, nachdem er mitgeholfen hat, ihren Sohn, König Tiberias, zu töten. Maven ist nicht ihr eigen Fleisch und Blut, sondern Elaras, ganz und gar Elaras.

Anabel stützt sich auf ihre Ellenbogen und legt die faltigen Hände zusammen. An einem Finger funkelt ihr Ehering; er ist alt, glänzt aber noch. Als sie wie aus dem Nichts im Rift-Haus aufgetaucht ist, um zu verkünden, dass sie ihren Enkel Cal unterstützt, trug sie keinerlei Metall am Körper. So konnte sie unseren Magnetoren-Sinnen entgehen. Jetzt trägt sie offen welches zur Schau, fordert uns geradezu heraus, ihre Krone oder ihren Schmuck als Waffe gegen sie zu wenden. Alles an ihr ist Berechnung. Und sie ist selbst ja auch nicht unbewaffnet. Anabel war eine Kriegerin, bevor sie Königin wurde; sie diente als Offizierin an der Lakelander-Front. Sie ist Bersterin; ihre Berührung ist tödlich, sie kann alles – und jeden – in die Luft sprengen.

Wenn ich nicht hassen würde, wozu sie mich zwingen will, würde ich sie zumindest respektieren, weil sie sich so engagiert.

»Der Großteil seiner Truppen hat die Maidenfälle bereits passiert und die Grenze überschritten«, fügt Anabel hinzu. »Sie befinden sich inzwischen auf Lakelander-Gebiet.«

»Auch die Lakelander-Armee ist angeschlagen und verwundbar. Wir sollten zuschlagen, solange wir noch können, und sei es auch nur, um die Nachzügler zu erwischen«, beharrt mein Vater und blickt von Anabel zu unseren Silber-Lords. »Die Laris-Luftflotte kann doch innerhalb einer Stunde einsatzbereit sein, oder?«

Lord General Laris richtet sich kerzengerade auf. Seine Flasche ist inzwischen leer und er selbst nicht nur vom Siegesrausch benebelt. Er hustet und räuspert sich, und ich kann den Alkohol, den er ausdünstet, beinahe quer durch den Saal riechen. »Das ist richtig, Eure Majestät. Ihr braucht nur den Befehl dazu zu erteilen.«

»Dagegen werde ich Einspruch erheben«, tönt eine andere Stimme ruhig, aber entschlossen durch den Raum.

Cals erste Worte, seit er von seinem Streit mit Mare Barrow zurück ist, verhallen ganz gewiss nicht ungehört. Wie seine Großmutter zeigt er sich in den Farben Schwarz und Rot. Die geliehene Uniform, die er in der Schlacht trug, hat er längst abgelegt. Er hat den Platz neben Anabel eingenommen, und damit die ihm von ihr übertragene Stellung als König. So wird Cal jetzt von zwei mächtigen silbernen Adelshäusern flankiert: Sein Onkel Julian aus dem Haus Jacos sitzt zu seiner Linken, die Lerolan-Königin zu seiner Rechten, und gemeinsam präsentieren sie eine vereinte Front. Einen König, der es würdig ist, dass wir für ihn eintreten.

Ich hasse ihn dafür.

Cal hätte mein Elend abwenden können, wenn er unser Verlöbnis aufgekündigt und meine Hand ausgeschlagen hätte. Aber für die Krone hat er Mare weggeworfen. Für die Krone sperrt er mich in eine Falle.

»Was?« ist alles, was Vater darauf erwidert. Er ist kein Mann von vielen Worten, und Fragen stellt er noch weniger. Darum ist seine Reaktion beunruhigend, und ich erstarre wider Willen.

Cal zieht die breiten Schultern zurück, nimmt dadurch mehr Raum ein. Er hat das Kinn in die Hände gestützt und die Augenbrauen nachdenklich zusammengezogen. Er wirkt größer, älter, klüger. Steht auf demselben Spielfeld wie der König der Riftzone.

»Ich sagte, ich würde Einspruch erheben gegen die Entsendung der Luftflotte oder irgendeiner anderen Einsatztruppe unserer Koalition auf feindliches Territorium«, wiederholt Cal souverän. Ich muss zugeben, dass er auch ohne Krone ein Auftreten hat, das eines Königs würdig ist. Eine Ausstrahlung, die einem Aufmerksamkeit, wenn nicht gar Respekt abverlangt. Was nicht überraschend ist, da er dafür ausgebildet wurde, und Cal ist ein überaus gelehriger Schüler. Die Lippen seiner Großmutter verziehen sich zu einem angespannten, aber aufrichtigen Lächeln. Sie ist stolz auf ihn. »Der Todesstreifen ist immer noch ein sprichwörtliches Minenfeld, und wir verfügen nur über sehr wenige geheimdienstliche Informationen, die uns helfen würden, uns jenseits der Maidenfälle zurechtzufinden. Das könnte eine Falle sein. Und ich werde meine Soldaten diesem Risiko nicht aussetzen.«

»Dieser ganze Krieg ist ein einziges Risiko«, höre ich Ptolemus neben Vater sagen. Er richtet sich zu seiner vollen Größe auf, wie Cal es getan hat. Im Licht der untergehenden Sonne haben Tollys Haare einen leichten Rotstich; seine zurechtfrisierten silbernen Locken glänzen unter der Prinzenkrone. Dasselbe Licht taucht Cal in die Farben seines Hauses, es betont das Rot seiner Augen und wirft hinter ihm schwarze Schatten. Spöttisch sehe ich zu, wie Cal und Tolly sich eines dieser albernen männlichen Blickduelle liefern. Immer im Konkurrenzkampf.

»Das ist scharfsinnig beobachtet, Prinz Ptolemus«, sagt Anabel trocken. »Aber Seine Majestät, der König von Norta, weiß sehr gut, was ein Krieg ist. Und ich teile seine Einschätzung.«

Jetzt nennt sie ihn schon König. Ich bin nicht die Einzige, die diese Wortwahl registriert.

Cal senkt den Blick; er wirkt geschockt, fängt sich aber schnell wieder und beißt die Zähne zusammen. Er hat seine Entscheidung bereits getroffen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, Calore.

Der Premierminister von Montfort, Davidson, der an einem eigenen Tisch sitzt, nickt. Ohne die Kommandantin der Scharlachroten Garde und Mare Barrow kann man ihn allzu leicht übersehen. Ich hatte ihn schon fast vergessen.

»Ich stimme ebenfalls zu«, sagt er. Selbst sein Tonfall ist nichtssagend, ohne Modulation oder Akzent. »Unsere Armeen brauchen Zeit, um sich zu erholen, und diese Koalition benötigt Zeit, um …« Er unterbricht sich kurz und denkt nach. Ich werde aus seiner Miene nicht schlau, und das nervt mich gewaltig. Ich frage mich, ob es einem Flüsterer gelingen würde, seinen mentalen Schutzschild zu durchdringen. »… eine Balance zu finden.«

Mutter ist nicht so stoisch wie Vater. Sie funkelt den Anführer der Neublüter mit ihren schwarzen Augen an. Ihre Schlange imitiert ihr Verhalten; auch sie blinzelt in Richtung des Premiers. »Es gibt keinen Geheimdienst und keine Spione hinter der Grenze? Verzeihen Sie, aber mir war so, als hätte die Scharlachrote Garde –«, sie spricht den Namen so verächtlich wie nur möglich aus, »– sowohl in Norta als auch in den Lakelands ein weitverzweigtes Spionage-Netzwerk. Diese Spione werden doch sicherlich auch zu irgendetwas nütze sein. Es sei denn, die Roten stellen sich und ihre Stärke falsch dar.« Ihre Worte triefen ebenso von Abscheu wie Fangzähne von Gift.

»Unsere Geheimagenten erledigen ihre Aufgaben tadellos, Eure Majestät.«

Die rote Generalin, eine blonde Frau mit einem zum spöttischen Dauerlächeln verzerrten Mund, kommt, gefolgt von Mare, in den Saal. Beide durchqueren den Raum in Richtung Davidson. Sie bewegen sich schnell und leise, als könnten sie auf diese Weise vermeiden, vom gesamten Saal beobachtet zu werden.

Mare schaut starr geradeaus, als sie sich setzt – und ausgerechnet zu mir her. Mich befällt eine seltsame Empfindung, während sie mich so ansieht. Könnte das Scham sein? Nein, unmöglich. Trotzdem steigt Hitze in mir auf. Ich hoffe, ich laufe nicht etwa aus Wut oder Verlegenheit silbern an. Denn beide Gefühle sind da, und zwar aus gutem Grund. Ich schaue weg, zu Cal hin, und sei es nur, um mich mit der einzigen Figur im Saal abzulenken, die noch unglücklicher ist als ich.

Er tut natürlich so, als würde ihre Anwesenheit ihn kaltlassen, aber Cal ist nicht aus demselben Holz geschnitzt wie sein Bruder. Anders als Maven kann er nur schlecht verbergen, was in ihm vorgeht. Unter seiner Haut zeigt sich ein bläulicher Schimmer, der seine Wangen und sogar seine Ohrspitzen verfärbt. Die Temperatur im Raum steigt, während er gegen seine Gefühle ankämpft. Du hast deine Wahl getroffen,Calore. Du hast uns beide verdammt. Jetzt kannst du wenigstens so tun, als hättest du dich im Griff. Wenn hier irgendwer aus Liebeskummer den Verstand verliert, dann sollte das doch wohl ich sein.

Fast erwarte ich, dass er anfängt zu wimmern wie ein hilfloses Kätzchen. Stattdessen blinzelt er wie verrückt und reißt seinen Blick von der Blitzwerferin los. Er umklammert seine Armlehne, und das Flammenzünder-Armband an seinem Handgelenk glüht mit der untergehenden Sonne um die Wette. Aber er kriegt sich in den Griff. Das Armband sprüht keine Funken, und er selbst auch nicht.

Mare ist ein Stein verglichen mit Cal. Starr, unnachgiebig, gefühllos. Nicht ein Fünkchen fliegt. Sie starrt immer nur weiter in meine Richtung. Das nervt, aber es ist nicht als Herausforderung zu verstehen. In ihrem Blick liegt seltsamerweise keine Wut wie sonst so häufig. Er ist natürlich nicht freundlich, aber auch nicht völlig verächtlich. Ich schätze, die Blitzwerferin hat im Augenblick keinen Grund, mich zu hassen. Mir stockt der Atem. Weiß sie, dass das nicht meine Entscheidung war? Sie muss es wissen.

»Gut, dass Sie zurückgekommen sind, Miss Barrow«, sage ich zu ihr und meine es auch so. Man kann sich immer darauf verlassen, dass sie eine gute Ablenkung für Calore-Prinzen ist.

Sie verschränkt die Arme vor der Brust und antwortet nicht.

Ihre Begleiterin, die Generalin der Scharlachroten Garde, ist nicht so schweigsam. Leider. Sie schaut meine Mutter finster an und fordert damit ihr Schicksal heraus. »Unsere Agenten verfolgen aktuell den Rückzug von König Mavens Armee. Wir haben Nachricht erhalten, dass seine Truppen auf Detraon zumarschieren, und zwar schnell. Maven selbst und einige seiner Generäle sind am Lake Eris auf Schiffe umgestiegen. Wahrscheinlich sind auch sie unterwegs nach Detraon. Es ist von einer Trauerfeier für den Lakelander-König die Rede. Und ihnen stehen weitaus mehr Heiler zur Verfügung als uns. Damit werden alle, die die Schlacht überlebt haben, schneller wieder fit für den Kampf sein als unsere Soldaten.«

Anabel wirft Vater einen bösen Blick zu. »Ja, Haus Skonos ist weiterhin in zwei Fraktionen unterteilt, und die Mehrheit steht treu hinter dem Usurpator.« Als wäre das unsere Schuld. Wir haben getan, was wir konnten, um so viele wie möglich auf unsere Seite zu ziehen. »Mal ganz abgesehen davon, dass es in den Lakelands eigene Heiler-Häuser gibt.«

Davidson nickt mit einem angespannten Lächeln. Seine Augenfältchen verraten, dass er nicht mehr der Jüngste ist. Ich vermute, er ist um die vierzig, aber das ist schwer zu sagen. Er legt seine Finger an die Augenbraue, als wollte er salutieren. »Montfort wird liefern. Ich werde beantragen, dass man uns mehr Heiler zur Verfügung stellt, sowohl silberne als auch Stürmer.«

»Beantragen?«, wiederholt Vater harsch. Die anderen Silbernen sind ebenso irritiert wie er, und ich ertappe mich dabei, wie ich Tolly einen fragenden Blick zuwerfe. Er runzelt die Stirn. Er weiß auch nicht, was Davidson meint. Mir wird ein wenig flau im Magen, und ich beiße mir auf die Lippe, um das Gefühl zu vertreiben. Normalerweise ergänzen wir uns perfekt. Aber in diesem Fall haben wir beide keinen Durchblick. Und Vater ebenso wenig. So sauer ich auch auf ihn bin, das ängstigt mich mehr als alles andere. Vor etwas, was er nicht kennt, kann Vater uns nicht schützen.

Mare versteht es auch nicht; sie rümpft verwirrt die Nase. Diese Leute, fluche ich insgeheim. Ich frage mich, ob wenigstens die mit Narben übersäte Frau mit dem finsteren Blick weiß, was Davidson damit sagen will.

Der Premierminister gluckst leise. Der alte Mann findet das Ganze lustig. Er schlägt die Augen nieder und klimpert mit den Lidern. Wenn er wollte, könnte er gut aussehen. Aber vermutlich ist das seinen Plänen nicht dienlich, welche auch immer er verfolgt. »Ich bin kein König, wie Ihr wisst.« Er schaut wieder hoch und richtet seinen Blick erst auf Vater, dann auf Cal, dann auf Anabel. »Ich handle nach dem Willen meines Volkes, und mein Volk hat noch weitere gewählte Vertreter, die für die Interessen aller einstehen. Sie müssen sich untereinander abstimmen und Einigkeit erzielen. Wenn ich nach Montfort zurückkehre, um mehr Truppen zu beantragen –«

»Zurückkehre?«, wiederholt Cal, und Davidson bricht ab. »Wann wollten Sie uns denn von Ihren Reiseplänen in Kenntnis setzen?«

Nach kurzem Überlegen hebt Davidson die Achseln. »Jetzt.«

Mares Mund zuckt. Aber ich kann nicht erkennen, ob sie ein Grinsen unterdrückt oder etwas anderes. Vermutlich Ersteres.

Und ich bin nicht die Einzige, der es auffällt. Cals Blick fliegt mit zunehmendem Argwohn zwischen ihr und dem Premier hin und her. »Und was tun wir, solange Sie weg sind, Premierminister?«, fragt er. »Warten? Oder kämpfen wir, während uns eine Hand auf den Rücken gebunden ist?«

»Ich fühle mich geschmeichelt, dass Eure Majestät Montfort für derart wichtig erachten«, erwidert Davidson grinsend. »Tut mir leid, aber ich darf nicht gegen die Gesetze meines Landes verstoßen, nicht einmal in Kriegszeiten. Ich halte Montforts Prinzipien hoch und schütze die Rechte meines Volkes. Schließlich gehören die Montforter zu denjenigen, die Euch helfen werden, Euer eigenes Land zurückzuerobern«, fährt er fort und garniert diese unverhohlene Drohung mit einem entspannten Lächeln.

Vater kann besser mit so etwas umgehen als Cal. »Wir würden ein Staatsoberhaupt niemals dazu anhalten, gegen die Interessen seiner eigenen Nation zu handeln, Sir«, erwidert er mit derselben falschen Freundlichkeit.

»Nein, natürlich nicht«, fügt die rote Frau mit den Narben trocken hinzu. Um der Koalition willen lässt Vater ihr ihre Respektlosigkeit durchgehen. Wenn diese Allianz nicht so wichtig für ihn wäre, würde er sie vermutlich auf der Stelle töten, um allen hier eine Lektion in guten Manieren zu erteilen.

Cal gibt sich Mühe, die Ruhe zu bewahren. »Wie lange werden Sie weg sein, Premierminister?«

»Das hängt von meiner Regierung ab, aber ich gehe nicht davon aus, dass es lange Debatten geben wird«, erwidert Davidson.

Königin Anabel klatscht belustigt in die Hände. Ihr Lachen vertieft die Furchen in ihrem Gesicht noch. »Wie interessant, Sir. Und was betrachtet Ihre Regierung als ›lang‹?«

Allmählich bekomme ich das Gefühl, einem Schauspiel mit mittelmäßigen Darstellern beizuwohnen. Keiner von ihnen – weder Vater noch Anabel noch Davidson – traut dem anderen auch nur im Geringsten.

»Oh, lange Debatten können sich über Jahre hinziehen.« Davidson imitiert ihren bemüht humorvollen Ton mit einem gespielt dramatischen Seufzen. »Ja, so eine Demokratie ist schon eine komische Sache. Aber mit so etwas kennt Ihr Euch ja nicht aus, bislang.«

Das letzte Wort ist natürlich als Spitze gemeint, und es sitzt. Anabels Lächeln erstarrt. Sie tippt mit den Fingern auf den Tisch, was ebenfalls als Warnung zu verstehen ist. Mit ihrer Fähigkeit könnte sie ihn im Handumdrehen in Stücke reißen. So wie wir alle. Wir alle sind tödliche Waffen, und wir alle haben unsere eigenen Motive. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch ertrage.

»Ich freue mich, dass ich mir das bald aus der Nähe ansehen kann.«

Mare hat diesen Satz kaum beendet, da steigt schon die Temperatur im Raum. Und sie ist die Einzige, die nicht zu Cal hinschaut. Er starrt sie wütend an, mit flammendem Blick, und kaut dabei auf seiner Unterlippe. Sie schaut ganz ungerührt und cool vor sich hin. Ich glaube, sie nimmt sich ein Beispiel an Davidson.

Ich führe schnell die Hand zum Mund, um mein überraschtes Kichern zu verbergen. Wenn es darum geht, Calore-Männer aus der Fassung zu bringen, hat Mare Barrow wirklich ein perfides Talent. Ich frage mich allmählich, ob sie dabei planvoll vorgeht. Ob sie nachts wach liegt und sich überlegt, wie sie Maven am besten verwirren oder Cal am besten ablenken kann.

Aber tut sie das wirklich? Könnte sie es?

Zuerst versuche ich instinktiv, den Hoffnungsschimmer zu ersticken, der in mir aufkeimt, aber dann lasse ich die Hoffnung doch zu.

Bei Maven hat sie es geschafft. Sie hat ihn auf Trab gehalten. Ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Dafür gesorgt, dass er dir nicht zu nahekam. Warum kann sie dasselbe nicht auch bei Cal tun?

»Dann wären Sie bestimmt eine gute Abgesandte, die Norta für uns vertritt.« Ich versuche, gelangweilt zu klingen, desinteressiert. Nicht zum Zerreißen gespannt, wie ich es in Wahrheit bin. Schließlich soll niemand mitbekommen, dass ich das Stöckchen extra weit werfe, weil ich mir sicher bin, dass das Hündchen ihm nachlaufen wird. Mares Blick schnellt zu mir her, ihre Augenbrauen heben sich einen Zentimeter weit. Komm schon, Mare. Ich bin froh, dass niemand meine Gedanken lesen kann.

»Nein, das wäre sie nicht, Evangelina«, presst Cal durch zusammengebissene Zähne hervor. »Ich möchte nicht respektlos klingen, Premierminister, aber wir wissen nicht genug über Ihr Land, um –«

Ich blinzele meinen Verlobten an und lege den Kopf schief. Meine silbernen Haare gleiten über die geschuppte Rüstung auf meinem Schlüsselbein. Die Macht, die ich in diesem Moment besitze, berauscht mich, und wenn sie noch so unbedeutend ist. »Aber was gibt es denn für eine bessere Möglichkeit, es kennenzulernen?«, unterbreche ich ihn. »Sie wird doch bestimmt wohlwollend aufgenommen, wie eine Heldin. Montfort ist schließlich ein Land von Neublütern. Und ihre Anwesenheit dort wird unsere Sache sicherlich voranbringen. Habe ich recht, Premierminister?«

Davidson fixiert mich mit ausdrucksloser Miene. Ja, guck nur, Roter. Guck, so viel du willst. »Zweifellos«, antwortet er dann.

»Und Ihr vertraut darauf, dass sie wahrheitsgemäß über das berichtet, was sie dort vorfindet? Ohne die Dinge zu beschönigen oder Unliebsames zu unterschlagen?«, fragt Anabel ungläubig. »Täuscht Euch nicht, Prinzessin Evangelina, das Mädchen kennt keinerlei Loyalität gegenüber Silbernen.«

Cal und Mare senken gleichzeitig den Blick, wie um krampfhaft zu vermeiden, sich anzuschauen.

Ich zucke die Achseln. »Dann schickt doch einen Silbernen mit. Lord Jacos vielleicht?« Der ältere Herr in dem gelben Gewand wirkt überrascht, als er seinen Namen hört. Er sieht müde und verbraucht aus. »Wenn ich mich recht entsinne, sind Sie doch ein Gelehrter, oder?

»Ja, durchaus«, murmelt er.

Mares Kopf schnellt hoch. Ihre Wangen sind rot, doch ansonsten wirkt sie gefasst. »Schickt mit uns mit, wen Ihr wollt. Ich werde nach Montfort reisen, und kein König hat das Recht, mich aufzuhalten. Das kann er ja gern mal versuchen.«

Perfekt. Calore erstarrt auf seinem Stuhl. Seine Großmutter sieht klein aus neben ihm, aber ihre Ähnlichkeit ist dennoch unbestreitbar. Sie haben die gleichen bronzefarbenen Augen, breiten Schultern und geraden Nasen. Das gleiche Soldatenherz. Und letztlich auch den gleichen Ehrgeiz. Sie hält ihn wachsam im Blick, als sie erneut das Wort ergreift. »Nun gut, dann werden Lord Jacos und Mare Barrow den rechtmäßigen König von Norta vertreten und außerdem –«

Cals Armband sprüht Funken; eine kleine rote Flamme entzündet sich und wandert langsam über seine Fingerknöchel.

»Der rechtmäßige König von Norta wird sich selbst vertreten«, sagt er mit blitzenden Augen.

Mare presst auf der anderen Seite des Saals die Kiefer zusammen. Ich muss an mich halten, um ruhig auf meinem Stuhl sitzen zu bleiben, denn innerlich tanze und jubiliere ich. Und das Ganze war so einfach.

»Tiberias«, zischt Anabel. Er macht sich nicht die Mühe, etwas zu erwidern. Und sie kann ihn nicht dazu zwingen. Selbst schuld, du dumme alte Pute. Du hast ihn zum König ernannt. Jetzt gehorche ihm auch.

»Ich gestehe, dass ich die angeborene Neugier meines Onkels Julian und meiner Mutter geerbt habe«, sagt Cal. Bei der Erwähnung seiner Mutter wird sein Ton sehr weich. Zugegebenermaßen weiß ich nicht viel über sie. Coriane Jacos war kein Gesprächsthema, das bei Königin Elara hoch im Kurs stand. »Ich möchte die Freie Republik besuchen und herausfinden, ob wirklich stimmt, was ich über dieses Land gehört habe.« Er senkt die Stimme und schaut Mare derart intensiv an, als könnte er sie so nötigen, ihn ebenfalls anzusehen. Doch sie tut es nicht. »Ich mache mir gern ein eigenes Bild.«

Davidson nickt. Ich bemerke ein kurzes Flackern in seinen Augen, seine ausdruckslose Maske verrutscht, aber nur für eine Sekunde. »Ihr seid überaus willkommen, Eure Majestät.«

»Gut.« Cal löscht die Flammen an seiner Hand und klopft mit den Fingerknöcheln auf den Tisch. »Dann ist ja alles geklärt.«

Seine Großmutter verzieht das Gesicht, als hätte sie in etwas Saures gebissen. »Geklärt?«, blafft sie. »Nichts ist geklärt. Du musst Delphie zu deiner Hauptstadt ausrufen, deine Flagge dort hissen; du musst Territorium und Ressourcen für dich gewinnen, und du musst das Volk und mehr Mitglieder der Hohen Häuser auf deine Seite ziehen.«

Cal lässt sich nicht beirren. »Ich brauche in der Tat Ressourcen, Großmutter. Soldaten. Und die finde ich in Montfort.«

»Da habt Ihr sehr recht«, sagt Vater. Seine Stimme ist ein tiefes Grollen, das eine alte Angst in mir weckt.

Ist er wütend auf mich, weil ich diese Sache ins Rollen gebracht habe? Oder gefällt ihm das? Als Kind habe ich zu spüren bekommen, was es heißt, Volo Samos in die Quere zu kommen. Man wurde zum Geist. Zur Persona non grata. Und komplett ignoriert. Bis man es durch Leistung und Intelligenz schaffte, sich wieder einen Weg in sein Herz zu bahnen.

Ich schiele an Mutter vorbei zu ihm hin. Der König der Riftzone sitzt kerzengerade auf seinem Thron, bleich und perfekt. Als ich unter seinem penibel gestutzten Bart ein süffisantes Grinsen erspähe, atme ich erleichtert auf.

»Wenn der König von Norta höchstpersönlich erscheint, wird er bei der Regierung des Premierministers sicherlich umso mehr erreichen«, fährt Vater fort. »Seine Reise kann diese Allianz nur festigen. Und so ist es nur recht und billig, wenn ich ebenfalls einen Gesandten mitschicke, damit auch das Königreich der Riftzone dort vertreten ist.«

Nicht Tolly – untersteh dich!, kreische ich innerlich. Mare Barrow hat zwar versprochen, ihn nicht umzubringen, aber wenn man ihr eine derart günstige Gelegenheit beschert, ist ihr alles zuzutrauen. Ich sehe es schon vor mir. Ein dummer Unfall, der in Wahrheit gar keiner ist. Außerdem müsste Elane ihn als pflichtbewusste Gattin begleiten. Wenn Vater Tolly schickt, werden wir einen Leichnam zurückbekommen.

»Evangelina wird Euch begleiten.«

Noch bevor ich Erleichterung verspüren kann, überkommt mich eine Welle von Übelkeit.

Ich bin hin- und hergerissen, ob ich noch einen Kelch Wein bestellen oder mir über die eigenen Füße kotzen soll. Ich höre Stimmen in meinem Kopf, die alle dasselbe schreien.

Selbst schuld, du dummes kleines Mädchen.

3

MARE

Mein Lachen schallt die östlichen Mauern entlang und über die dunklen Felder. Ich biege mich nach vorn und drücke japsend die Hände gegen die glatte Brüstungsmauer, weil ich mich einfach nicht mehr einkriege. Ehrliches, schallendes Gelächter, das von ganz tief unten aus dem Bauch kommt, lässt meinen gesamten Körper erbeben. Es klingt hohl, rau und sehr, sehr ungewohnt. Die Narben in meinem Nacken und entlang der Wirbelsäule brennen und jucken, aber ich kann es nicht unterdrücken. Ich lache, bis mir die Rippen wehtun und ich mich setzen muss. Ich lehne mich mit dem Rücken an den kalten Stein, doch es hört einfach nicht auf. Selbst als ich meine Lippen fest aufeinanderpresse, dringen hin und wieder noch kleine Pruster hindurch.

Außer den Patrouillen kann mich niemand hören, und ich bezweifle, dass sie sich für ein Mädchen interessieren, das allein in der Dunkelheit vor sich hin gackert. Ich habe mir das Recht verdient, zu lachen, zu weinen oder zu schreien, wie ich will. Eigentlich möchte ich alle drei Dinge auf einmal tun. Aber das Gelächter setzt sich durch.

Ich klinge, als wäre ich nicht ganz dicht, und vielleicht bin ich das ja auch nicht. Nach dem heutigen Tag habe ich jeden Grund dazu. Auf der anderen Seite der Stadt werden immer noch Leichen vom Schlachtfeld geborgen. Cal hat seine Krone über all das gestellt, wofür wir gekämpft haben. Und beides sind offene Wunden, die kein Heiler schließen kann. Wunden, die ich erst mal ignorieren muss, wenn ich nicht wirklich verrückt werden will. Das Einzige, was ich tun kann, ist die Hände vors Gesicht schlagen, die Zähne zusammenbeißen und gegen mein infernalisches, idiotisches Gelächter ankämpfen.

Das ist doch kompletter Irrsinn.

Evangelina, Cal und ich gehen zusammen nach Montfort. Was für ein großartiger Witz.

Als solchen habe ich es auch in meiner Nachricht an Kilorn bezeichnet, der immer noch in Piedmont und in Sicherheit ist. Er will über alles Bescheid wissen, zumindest über alles, was ich ihm sagen darf. Und nachdem ich ihn überredet habe, dort zu bleiben, ist es nur fair, dass ihn auf dem Laufenden halte. Natürlich möchte ich auch, dass er auf dem Laufenden ist. Schließlich brauche ich jemanden, der mit mir über alles, was kommt, lacht und flucht.

Ich fange erneut an zu glucksen und lege meinen Kopf an die Granitmauer. Die Sterne funkeln über mir, doch sowohl die Lichter der Stadt als auch der aufgehende Mond dämpfen ihr Leuchten. Sie scheinen herabzusehen auf die Festungsstadt, auf mich. Ich frage mich, ob Iris Cygnets Götter mit mir lachen. Wenn sie denn überhaupt existieren.

Und ich frage mich, ob auch Jon lacht.

Der Gedanke an ihn kühlt mein Blut und erstickt jedes weitere manische Kichern im Keim. Dieser verdammte Hellseher-Neublüter ist irgendwo da draußen, seitdem er uns entwischt ist. Aber was tut er? Sitzt er auf einem Hügel und guckt zu? Schnellen seine roten Augen gebannt hin und her, während wir uns gegenseitig umbringen? Ist er so eine Art Puppenspieler, der uns fröhlich in Position rückt, um die Zukunft umzusetzen, die er für uns ausgewählt hat? Wenn es auch nur ansatzweise möglich wäre, würde ich versuchen, ihn zu finden, und ihn zwingen, uns vor einem vorzeitigen Tod zu beschützen. Aber das ist absurd. Er würde mich kommen sehen. Wir können Jon nur finden, wenn er gefunden werden möchte.

Frustriert fahre ich mir mit den Fingern durchs Gesicht und über den Schädel und grabe dabei die Nägel in die Haut. Der Schmerz bringt mich stückchenweise in die Realität zurück. Genauso wie die Kälte. Der Stein unter mir verliert immer mehr von seiner Wärme, je weiter die Nacht voranschreitet. Ich zittere in meiner dünnen Uniform, und die scharfen Mauerkanten sind nicht wirklich bequem. Trotzdem rühre ich mich nicht vom Fleck.

Mich von hier wegzubewegen, würde zwar bedeuten, dass ich schlafen könnte, aber auch, dass ich zurück nach unten gehen müsste. Zu den anderen, in die Baracken. Selbst wenn ich mit einem finsteren Gesicht losrennen würde, könnte ich den Roten und Neublütern und auch den Silbernen dort nicht entkommen. Und ganz bestimmt nicht Julian. Ich sehe schon vor mir, wie er an meiner Pritsche auf mich wartet, um mir eine neue Lektion zu erteilen. Doch ich habe keinerlei Vorstellung, was er sagen würde.