Das Reich der Vernichtung - Alex Kay - E-Book

Das Reich der Vernichtung E-Book

Alex Kay

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Beschreibung

Diese erste integrative, umfassende Geschichte des nationalsozialistischen Massenmordens zeigt, wie entscheidend die Völkermordpolitik für die Kriegsstrategie des Regimes war. Das nationalsozialistische Deutschland tötete ungefähr 13 Millionen Zivilisten und andere Nichtkombattanten durch vorsätzliche Massenmordpolitik, überwiegend während der Kriegsjahre. Fast die Hälfte der Opfer waren Juden, die im Holocaust systematisch vernichtet wurden. Alex Kay argumentiert, dass der Völkermord am europäischen Judentum im breiteren Kontext des nationalsozialistischen Massenmords untersucht werden kann. Erstmals werden Europas Juden neben allen anderen großen Opfergruppen betrachtet: gefangenen Soldaten der Roten Armee, der sowjetischen Stadtbevölkerung, unbewaffneten zivilen Opfern von präventivem Terror und Repressalien, geistig und körperlich Behinderten, den europäischen Roma und der polnischen Intelligenzschicht. Kay zeigt, wie systematischer, staatlich organisierter Massenmord die Grundlage des nationalsozialistischen Regimes war, um seine Ideologie durchzusetzen und den Krieg zu gewinnen.

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Seitenzahl: 777

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Die englische Originalausgabe ist 2021 bei Yale University Press unter dem Titel Empire of Destruction. A History of Nazi Mass Killing erschienen.

© 2021 by Alex J. Kay

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme.

wbg Theiss ist ein Imprint der wbg.

© 2023 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt

Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.

Lektorat: Christina Kruschwitz, Berlin

Satz und Layout: Arnold & Domnick, Leipzig

Umschlagabbildung: Blick auf zwei Massengräber in einem offenen Feld bei Mirny, Ukraine. Hier wurden im September 1941 über 18 000 Juden aus Berdytschiw von deutschen Einheiten erschossen und vergraben. © Henning Langenheim / akg-images Umschlaggestaltung: www.martinveicht.de

Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Papier

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de

ISBN 978-3-8062-4504-2

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:

eBook (PDF): ISBN 978-3-8062-4604-9

eBook (epub): ISBN 978-3-8062-4605-6

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Innentitel

Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Impressum

Für Valentina und Cyrus

Alle rufen ständig: „Wo war Gott?“Ich sagte ständig: „Wo war der Mensch?“

Josef Perl, Holocaust-Überlebender1

Und selbst wenn irgendein Beweis übrigbleiben undeiner von euch überleben sollte, werden die Leute sagen,dass die Dinge, von denen ihr da berichtet,zu ungeheuerlich sind, als dass man sie glauben könnte.

SS-Wachmann in Auschwitz, zitiert von Primo Levi2

Inhalt

Karte Europas im Jahr 1941

Einleitung

TEIL I Sommer 1939 – Sommer 1941

1 Die Tötung der Kranken im Deutschen Reich und in Polen

2 Die Enthauptung der polnischen Gesellschaft

TEIL II Sommer 1941 – Frühjahr 1942

3 Holocaust durch Kugeln

4 Die Ermordung von Psychiatriepatienten und Roma in der Sowjetunion

5 Die Aushungerungspolitik gegen die sowjetische Stadtbevölkerung

6 Die Vernichtung gefangener Rotarmisten

7 Präventivterror und Vergeltungsmaßnahmen gegen Zivilisten

Teil III Frühjahr 1942 – Frühjahr 1945

8 Holocaust durch Gas: Die Aktion Reinhardt

9 Die Pforten der Hölle: Auschwitz

10 Der Genozid an den europäischen Roma

11 Dezentralisierte „Euthanasie“ im Deutschen Reich

12 Die Niederschlagung des Warschauer Aufstands

Schlussbetrachtung

Anhang

Dank

Verzeichnis der Abbildungen

Verzeichnis der Abkürzungen

Anmerkung zu Ortsnamen und Begrifflichkeiten

Opfer der nationalsozialistischen Massenmordkampagnen

SS- und Wehrmachtsdienstgrade im Vergleich, 1942

Anmerkungen

Bibliografie

Register

Einleitung

Der Zweite Weltkrieg ist bis heute die tödlichste bewaffnete Konfrontation in der Geschichte. Dieser Superlativ ergibt sich nicht nur aus der gewaltigen Zahl militärischer Todesopfer. Er ist auch eine Folge der Totalität des Konflikts, die einigen der Kriegführenden die Gelegenheit gab, unter dem Deckmantel des Krieges die Ermordung ganzer ethnischer und sozialer Gruppen durchzuführen, und zwar nicht, weil diese Opfer tatsächlich irgendetwas getan hätten, sondern allein aufgrund dessen, was sie für die Täter symbolisierten. Dies gilt zuallererst für das nationalsozialistische Deutschland, den Hauptaggressor. Sogar wenn wir nur Zivilisten und andere Nichtkombattanten berücksichtigen, töteten die Nationalsozialisten in vorsätzlich geplanten Massenmordprogrammen ungefähr 13 Millionen Menschen, die meisten davon während der Kriegsjahre 1939 bis 1945, und die große Mehrzahl zwischen Mitte 1941 und Frühjahr 1945, das heißt in einem Zeitraum von nur vier Jahren. Diese systematischen Mordprogramme und ihre Opfer sind Gegenstand des vorliegenden Buches.

Vielleicht zum ersten Mal werden alle großen Opfergruppen, bei denen die Zahl der Toten mindestens in die Hunderttausende ging, zusammen betrachtet: jüdische und nichtjüdische, osteuropäische und westeuropäische, inländische und ausländische. Zu diesen Opfern gehörten die geistig und körperlich Behinderten innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches und, später, in den besetzten Gebieten; die polnische Führungsschicht und die polnischen Eliten; Juden in ganz Europa; gefangene und unbewaffnete Rotarmisten; die sowjetische Stadtbevölkerung; jene Zivilisten in vorwiegend ländlichen Räumen, die Präventivterror und Vergeltungsmaßnahmen zum Opfer fielen, vor allem in der Sowjetunion, Jugoslawien, Griechenland und Polen; und Europas Roma-Bevölkerungsgruppen.

Obwohl es sich vom Typus her um äußerst heterogene Opfergruppen handelt, die zudem häufig auf ganz unterschiedliche Weise ermordet wurden, hatten sie alle etwas Grundsätzliches gemeinsam. Es ist kein Zufall, dass diese sieben großen nationalsozialistischen Mordprogramme durchweg während der Kriegsjahre abliefen. Das den verschiedenen Opfergruppen Gemeinsame ist eng verknüpft mit dem militärischen Konflikt. Während jedes der Mordprogramme eine rassische (und rassistische) Komponente besaß, war die Logik des Krieges von zentraler Bedeutung für das Grundprinzip, jede einzelne der Opfergruppen ins Visier zu nehmen, denn auf die eine oder andere Weise galten sie alle dem NS-Regime als potenzielle Bedrohung für Deutschlands Fähigkeit, einen Krieg um die Hegemonie in Europa zu führen und am Ende zu gewinnen. Diese Sichtweise war durchdrungen vom und wurde gerechtfertigt mit dem nationalsozialistischen Rassedenken, sodass es schwierig, wenn nicht unmöglich ist, die deutsche Kriegsstrategie von der völkermörderischen NS-Rassenpolitik zu trennen. Man könnte sogar so weit gehen zu behaupten, dass im Fall des Deutschen Reiches der Genozid selbst und die Massenmordpolitik im Allgemeinen eine Form der Kriegführung darstellten. Den Behinderten in Deutschland wurde unterstellt, dass sie die Gesundheit und Lebenskraft der deutschen Nation in Kriegszeiten schwächten, während die Behinderten in den besetzten Gebieten als Konkurrenten um Nahrung und Unterkunft betrachtet wurden; die polnische Führungsschicht und die polnischen Eliten wurden in ihrer Eigenschaft als Säulen der polnischen nationalen Identität und potenzielle Anlaufstellen für den Widerstand gegen das deutsche Besatzungsregime ermordet; als angebliche Anführer und Revolutionäre, die hinter den Kulissen die Fäden zogen, galten Juden allerorten als Bedrohung für die schiere Existenz des deutschen Volkes; sowjetische Kriegsgefangene und Stadtbewohner wurden als direkte Konkurrenten deutscher Soldaten und der deutschen Heimatfront um kostbare Nahrungsreserven betrachtet; ländliche Bevölkerungsgruppen in Ost- und Südosteuropa standen im Verdacht, Partisanen zu unterstützen und zu begünstigen; Roma – ob sie ein Wanderleben führten oder sesshaft waren – galten als potenzielle Spione und genereller Destabilisierungsfaktor hinter den deutschen Linien.

Allein in Anbetracht dieser Verflechtung von Krieg und Vernichtung erscheint es außerordentlich sinnvoll, die verschiedenen Stränge des nationalsozialistischen Massenmords zusammen statt isoliert voneinander zu betrachten. Den Genozid an den europäischen Juden parallel zu anderen nationalsozialistischen Massenmordkampagnen zu untersuchen, bedeutet natürlich, einem Großteil der Forschung zum Thema zuwiderzuhandeln. Manche Wissenschaftler lehnen schon die bloße Vorstellung ab, der Holocaust könne innerhalb eines umfassenderen Rahmens analysiert werden. So meinte beispielsweise Saul Friedländer: „Der absolute Charakter der antijüdischen Kampagne der Nationalsozialisten macht es unmöglich, die Vernichtung der Juden in den allgemeinen Bezugsrahmen der nationalsozialistischen Verfolgungen einzuordnen oder sie auch nur unter die umfassenderen Aspekte zeitgenössischen ideologisch-politischen Verhaltens, wie etwa Faschismus, Totalitarismus, wirtschaftliche Ausbeutung usw., zu subsumieren.“ Ich bin anderer Meinung. Sich dem nationalsozialistischen Massenmord mit einem integrativen Ansatz zu nähern, widerspricht keineswegs der – auch hier vertretenen – Sichtweise, dass der Holocaust, nicht zuletzt in seinem flächendeckenden und systematischen Charakter, ein beispielloses Phänomen war. Man kann aber durchaus die These vertreten, dass der Holocaust beispiellos war, und ihn gleichzeitig als Teil eines vom NS-Regime betriebenen umfassenderen Prozesses demografischer Rekonstruktion und rassischer Reinigung betrachten. Dieser Prozess fand zuerst in Deutschland selbst statt und dann, als der Krieg fortschritt und das NS-Imperium sich ausdehnte, in jedem einzelnen der von deutschen Truppen besetzten Gebiete.1

Aus heutiger Perspektive, mehr als 75 Jahre nach den fraglichen Ereignissen und angesichts einer Fülle uns zur Verfügung stehender historischer Forschungsarbeiten, sind wir in der Lage zu erkennen, wie systematisch der nationalsozialistische Massenmord oftmals war. Doch abgesehen von den Inhabern hoher Führungspositionen innerhalb des NS-Regimes waren die meisten Täter selbst wahrscheinlich ziemlich atomisiert und hatten bestenfalls eine vage Vorstellung sowohl von ihrer eigenen Rolle in einer gewaltigen Tötungsmaschine als auch vom Ausmaß und genauen Charakter des paneuropäischen rassischen Reinigungsprogramms der Nationalsozialisten. Insgesamt waren schätzungsweise 200 000 bis 250 000 Deutsche und Österreicher – überwiegend Männer, wenn auch nicht ausschließlich – direkt in den Massenmord am europäischen Judentum verwickelt. Diese bestimmte Schätzung beschränkt sich auf jene, die an der tatsächlichen Ermordung von Juden beteiligt waren, und umfasst nicht andere, damit zusammenhängende Verbrechen, wie etwa den Diebstahl jüdischer Vermögenswerte. Wenn wir all jene berücksichtigen, welche die ein oder andere Funktion in der Vernichtungsmaschinerie ausübten, dann steigt die Gesamtzahl auf mehr als 500 000 Menschen allein für den Holocaust; viele weitere waren an Massenmordprogrammen beteiligt, die auf andere Opfergruppen abzielten.2

Die Täter des nationalsozialistischen Massenmords verteilten sich auf etliche Institutionen von Staat und Partei. Einige dieser Organisationen waren mit mehreren Vernichtungsprogrammen befasst, oft gleichzeitig. Die Kanzlei des Führers beispielsweise stellte Personal sowohl für die Ermordung von Psychiatriepatienten als auch für die Vergasung polnischer Juden während der Aktion Reinhardt bereit. SS und Polizei spielten eine zentrale Rolle beim Massenmord an Roma, Psychiatriepatienten und Juden in den besetzten Gebieten. Die Wehrmacht beteiligte sich direkt an der Eliminierung der polnischen Eliten, den Genoziden am serbischen und sowjetischen Judentum und an den Roma, der Aushungerung gefangener Rotarmisten und der sowjetischen Stadtbevölkerung sowie den brutalen Anti-Partisanen-Operationen in Ost- und Südosteuropa. Betrachtet man die nationalsozialistischen Massenmordprogramme in ihrer Gesamtheit, so könnte es sich bei denjenigen, die für umfangreiche vonseiten des Deutschen Reiches begangene Verbrechen verantwortlich sind, sogar in der Mehrzahl um Wehrmachtsangehörige gehandelt haben. Nicht weniger als 18 Millionen Männer dienten während des Zweiten Weltkriegs in der Wehrmacht, von denen zehn Millionen irgendwann zwischen 1941 und 1944 in dem Konflikt mit der Sowjetunion eingesetzt wurden, wo deutsche Kriegführung und Herrschaft in Gewalt versanken und Tod und Leid in noch nie dagewesenem Ausmaß verursachten. Die Zahl der an der Ostfront eingesetzten Wehrmachtsdivisionen, in denen keine Kriegsverbrechen verübt wurden, war niedrig. Hilfestellung bei der Durchführung der nationalsozialistischen Massenmordoperationen leisteten in beträchtlicher Zahl lokale Kollaborateure, vor allem in Teilen Osteuropas. Doch statt in groben Zügen ein Bild der Gewalt zu zeichnen, die überall in einem bestimmten geografischen Raum von Angehörigen zahlreicher Nationalitäten verübt wurde, wie es verschiedentlich getan worden ist, konzentriert sich dieses Buch größtenteils gezielt auf die sowohl hinsichtlich ihrer eigenen als auch der Zahl ihrer Opfer bei Weitem größte Tätergruppe des nationalsozialistischen Massenmords: Deutsche (Reichs- und Volksdeutsche) und Österreicher.3

Während die sechs Kriegsjahre die zeitliche und kontextuelle Struktur für dieses Buch liefern, bietet der Begriff „Massenmord“ einen konzeptuellen Rahmen für seinen Inhalt, weshalb er bewusst im Titel verwendet wird: Wo Hunderttausende oder gar Millionen Zivilisten und andere Nichtkombattanten ihr Leben verlieren, nicht als Folge von Naturkatastrophen, unvorhergesehenen Epidemien oder allgemeiner Entbehrung, sondern als unmittelbare Konsequenz der bewussten und willentlichen Handlungen anderer Menschen, da ist nicht zu leugnen, dass wir über massenhaften Mord sprechen. Nach dem Soziologen Yang Su definiere ich Massenmord als „die vorsätzliche Ermordung einer erheblichen Zahl von Mitgliedern irgendeiner Gruppe von Nichtkombattanten (wobei der Täter bestimmt, was eine Gruppe ist und wer ihr angehört)“. In einem Buch, das sich mit der massiven, einseitigen Vernichtung menschlichen Lebens in einer Reihe von Operationen beschäftigt, die alle von einem einzigen Staat und dessen Institutionen geplant, in die Wege geleitet und ausgeführt wurden, ist das Konzept des „Massenmords“ einer Reihe von alternativen Begriffen vorzuziehen. Es ist umfassender als zum Beispiel „Genozid“, Völkermord, und umgreift solcherart alle sieben hier untersuchten Programme. Außerdem ist es weniger emotional, politisch weniger kontrovers und weniger abhängig von bestimmten juristischen Auslegungen.4

Gemäß der „Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes“, die von der Generalversammlung der Vereinten Nationen im Dezember 1948 angenommen wurde und im Januar 1951 in Kraft trat, gilt der Begriff für „Handlungen, die in der Absicht begangen [werden], eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“. Natürlich haben Diplomaten, Juristen, Historiker und andere Akteure nachträglich die Debatten mitgeprägt und eine Rolle bei der Ausgestaltung der Terminologie selbst gespielt. Wie wir wissen, wurde der Begriff „Genozid“ sogar erst 1944 geprägt, und zwar von dem polnischjüdischen Anwalt Raphael Lemkin in seinem Buch Axis Rule in Occupied Europe, und dann in den Anklageschriften der deutschen Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg ein Jahr später verwendet. Gleichwohl sollten wir nicht außer Acht lassen, dass Lemkin selbst von der osmanischen Vernichtung der Armenier 1915 und vor allem von den Massenmorden im nationalsozialistisch besetzten Europa beeinflusst war; wäre er der Gefangennahme durch die Deutschen nicht (knapp) entgangen, hätte auch er ein Opfer entweder der Vernichtung der europäischen Juden oder des Mordes an den polnischen Eliten werden können.5

Die von der UN-Völkermord-Konvention angebotene Definition stellt zwangsläufig einen diplomatischen Kompromiss dar, der zu der Zeit ihrer Annahme für die größtmögliche Zahl von Unterzeichnerstaaten annehmbar war. Am auffälligsten ist, dass politische und soziale Zugehörigkeiten als Kriterien für die Aufnahme in die Liste potenzieller Opfergruppen abgelehnt wurden. Aus diesem und anderen Gründen bezweifeln viele Wissenschaftler bis heute, dass die UN-Definition von großem Wert ist, um das Wesen des Genozids zu verstehen. Überdies hat der exzessive Gebrauch des Begriffs seit den späten 1990er-Jahren zu seiner Entwertung geführt; der Ausdruck „Genozid“ ist inzwischen beinahe gleichbedeutend mit Massengewalt. Wir brauchen daher zur Ergänzung der juristischen Definition eine wissenschaftliche Definition, damit wir zu einem fundierten Verständnis des Verbrechens gelangen. Beispielsweise scheint unter Forschern ein zunehmender Konsens darüber zu bestehen, dass es keine objektiven Kriterien für die Zugehörigkeit zu einer Gruppe gibt, sondern dass die Opfergruppe von den Tätern definiert wird. Die Opfer müssen nicht zu einer bestimmten „nationale[n], ethnische[n], rassische[n] oder religiöse[n] Gruppe“ gehören, um einer Kategorisierung unterworfen zu werden, der sie nicht entkommen können; es reicht – und ist in der Tat ausschlaggebend –, dass die Täter die Opfer in die Zielgruppe einbeziehen. Doch trotz dieses bescheidenen Fortschritts herrscht nach wie vor wenig Einigkeit über die Anwendbarkeit des Begriffs auf individuelle Fälle von Massengewalt, sodass Genozid ein „im Kern umstrittenes Konzept“ bleibt.6

Manche Wissenschaftler verwenden den Begriff „Massenmord“ im Unterschied zu „Genozid“ in der Bedeutung „Angehörige der Gruppe töten (oder auf andere Weise vernichten), ohne die Absicht, die ganze Gruppe zu eliminieren, oder zahlreiche Menschen töten ohne ein besonderes Augenmerk auf Gruppenzugehörigkeit“. Der in diesem Buch gewählte Ansatz unterscheidet sich davon insoweit, als Massenmord und Genozid nicht als einander ausschließend betrachtet werden. Genozid ist eine sehr spezielle Art von Massenmord. Die Absicht, „eine Gruppe zu vernichten“, ist das entscheidende Merkmal, welches den Genozid von anderen Formen des Massenmords abhebt. In seinem Kern ist Genozid ein historischer Prozess, bei dem es um Gruppenreproduktion geht. Deshalb ist Geschlecht entscheidend für unser Verständnis des Verbrechens, da der Prozess der Vernichtung das künftige Überleben der Opfergruppe permanent gefährdet. Korrekt und konsequent angewendet, verdient der Begriff Genozid folglich nach wie vor einen Platz im konzeptuellen, analytischen und sprachlichen Arsenal des Historikers. Das Massenmord-Konzept dient hier als Möglichkeit, das Konzept des Genozids zu erweitern und zu ergänzen, nicht, es zu ersetzen. Wo es allerdings angebracht erscheint, wird in diesem Buch die Bezeichnung Genozid dennoch verwendet, wenngleich kein Versuch unternommen wird, alle Massenmordprogramme in das alleinige definitorische Rahmenkonzept Genozid zu pressen. Da dies kein Buch über vergleichende Genozidforschung ist, wird diese kurze Erörterung des Genozid-Konzepts hier jedoch nicht weiter vertieft.7

Es ist leicht, sich in der Terminologie und den sehr zahlreichen Debatten über ihren Gebrauch zu verzetteln und dabei die Ereignisse selbst und den Kontext, in dem sie stattfanden, aus dem Blick zu verlieren. So notwendig diese Debatten sind, weil sie uns helfen, die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen einzelnen Fällen staatlich unterstützten Massenmords zu verstehen, müssen wir sorgfältig vermeiden, die Fakten zu verdrehen, damit sie sich in unseren theoretischen Rahmen einfügen, und stattdessen unsere Theorie den Fakten anpassen. Natürlich gab es beträchtliche Unterschiede zwischen den verschiedenen nationalsozialistischen Mordaktionen, die hier untersucht werden, aber für das Verständnis der Eigenart dieser beispiellosen Vernichtung menschlichen Lebens ist das sie Verbindende wichtiger: Jede einzelne der Opfergruppen galt dem NS-Regime auf die eine oder andere Weise als potenzielle Bedrohung für Deutschlands Fähigkeit, erfolgreich einen Krieg um die Hegemonie in Europa zu führen. Aus diesem und anderen Gründen wurden sie systematisch ins Visier genommen und – trotz ihres zivilen und/oder Nichtkombattanten-Status – als Teil der breiteren deutschen Kriegsstrategie massenhaft vorsätzlich ermordet.

Für die Nationalsozialisten waren Krieg und Eroberung zudem ein Weg, um nach dem militärischen Endsieg weitere Massenmordwellen zu ermöglichen. Für den Fall eines deutschen Sieges im Zweiten Weltkrieg existierten bereits Pläne für Gewalt in einem Umfang, der alles tatsächlich Geschehene weit übertroffen hätte. Mit anderen Worten, utopische Pläne im nationalsozialistischen Deutschland überstiegen generell das faktische Ausmaß an Gewalt, so entsetzlich diese ohnehin schon war. So sah, um nur ein Beispiel zu nennen, der sogenannte Generalplan Ost – von dem zwischen Mitte 1941 und Mitte 1942 nicht weniger als vier Fassungen angefertigt wurden – die langfristige Germanisierung beträchtlicher Landstriche in Osteuropa und die Vertreibung von mehr als 30 Millionen Slawen nach Westsibirien vor, darunter 80 bis 85 Prozent aller Polen in dem Siedlungsgebiet, 65 Prozent der Westukrainer und 75 Prozent der Weißrussen. Jene Angehörigen der einheimischen Bevölkerungen, die in dem Siedlungsgebiet verbleiben durften, sollten auf den Status von Sklaven für ihre neuen deutschen Herren reduziert werden. Der Unterschied zwischen dem, was sich tatsächlich ereignete, und der Existenz noch weitreichenderer Pläne ist einer von mehreren Aspekten, in denen sich deutsche Gewalt fundamental etwa von sowjetischer Gewalt unterschied.8

Kein anderes Regime in der Geschichte des 20. Jahrhunderts verfügte mit vergleichbarer Härte und im gleichen Umfang kühl überlegt den Tod von Menschen wie Adolf Hitler und die Nationalsozialisten. Der Hungertod von zig Millionen zwischen 1958 und 1962 als Folge von Mao Zedongs berühmt-berüchtigtem Sozialtechnik-Experiment, dem Großen Sprung nach vorn, war nicht geplant. (Allerdings kann man das Gleiche von den während der Kulturrevolution in China in den Jahren 1966 bis 1971 begangenen Morden nicht behaupten, wenngleich deren Umfang sehr viel kleiner war.) Und obwohl diesbezüglich einige übertriebene Schätzungen kursieren, belief sich die Zahl der Opfer gezielter Massenmorde während der beinahe 30-jährigen stalinistischen Herrschaft in der Sowjetunion auf etwas in der Größenordnung von einer Million Menschen. Das war ungefähr ein Dreizehntel der Gesamtzahl derer, die vom NS-Regime innerhalb einer wesentlich kürzeren Zeitspanne, nämlich im Zeitraum von nur zwölf Jahren und überdies noch größtenteils während der sechs Kriegsjahre, ermordet wurden. Zugegeben, die Zahl für die Sowjetunion enthält nicht die etwa sechs Millionen Menschen, die während der Hungersnot der Jahre 1932/33 verhungerten und die zu mehr als der Hälfte Bewohner der sowjetischen Ukraine waren. Obschon Opfer der verbrecherischen Gleichgültigkeit und Verantwortungslosigkeit des Regimes, deuten keinerlei Anzeichen darauf hin, dass ihr Tod Folge einer vorsätzlichen Mordpolitik war (in deutlichem Gegensatz zur Aushungerung sowjetischer Stadtbewohner und gefangener Rotarmisten ab 1941 durch Deutschland).9

Doch es ist nicht nur eine Frage von Zahlen – für die betroffenen Menschen ist jeder individuelle Tod immer einzigartig. Nichtsdestotrotz ist ein fundamentaler Unterschied in den jeweiligen Intentionen der Täter deutlich erkennbar. Anstatt den weitverbreiteten Tod – ohne irgendeine anfängliche, inhärente Absicht zu morden – als Folge von Versuchen, andere Ziele zu erreichen, hinzunehmen, planten die Nationalsozialisten aktiv die Ermordung von Millionen, um ihre Ziele zu erreichen, und setzten diese Pläne dann systematisch in einer Weise um, wie es, von einigen Ausnahmen abgesehen, weder das Regime Maos noch das von Josef Stalin taten. Das Netz der Zwangsarbeitslager des sowjetischen Gulag war in mancher Hinsicht mit dem System der Konzentrationslager unter Hitler vergleichbar, aber in Stalins Sowjetunion oder Maos China existierte nichts, was den nationalsozialistischen Todeslagern ähnlich gewesen wäre. Von den insgesamt 18 Millionen Häftlingen, die zwischen 1930 und 1953, als Stalin starb, das Gulag-System durchliefen, verloren etwa 1,6 Millionen ihr Leben. Diese Opferzahl war zu großen Teilen der Langlebigkeit des Gulag-Komplexes geschuldet; doch wie der Prozentsatz der Todesfälle unter den Häftlingen zeigt, existierte kein Generalplan zu ihrer Vernichtung. Es lohnt sich, noch auf weitere Unterschiede hinzuweisen. Im nationalsozialistischen Deutschland war eine weit größere Anzahl von Tätern direkt an den Massenmordkampagnen beteiligt als in Stalins UdSSR, wo solche Operationen fast ausschließlich vom Polizeiapparat, in erster Linie dem NKWD, durchgeführt wurden. Der Massenmord an Kindern durch das NS-Regime zeigt besonders anschaulich, worin die Regime sich unterschieden. Weder in den Verbrechen Maos und Stalins noch in irgendeiner anderen Massenmordkampagne des 20. Jahrhunderts stößt man auf etwas, das dem vorsätzlichen und mitleidlosen Mord an Millionen Kindern durch das NS-Regime vergleichbar wäre. Mit der naheliegenden Ausnahme der Beseitigung der polnischen Intelligenz und der Aushungerung gefangener Rotarmisten, war die massenhafte Ermordung von Kindern (in oftmals unverhältnismäßig großer Zahl, verglichen mit den erwachsenen Opfern) ein herausragendes Merkmal in sämtlichen in diesem Buch untersuchten Massenmordprogrammen.10

Der Massenmord der Jahre 1939 bis 1945 hatte natürlich eine Vorgeschichte. Was veranlasste die Nationalsozialisten – die radikalste politische Bewegung, die in der neueren europäischen Geschichte an die Macht kam – zu glauben, dass sie das Recht hätten, so viele Menschen auszulöschen? Sie waren überzeugt, dass einige Gruppen von Menschen mit besonderen Merkmalen, ob religiöse, kulturelle, rassische oder körperliche, anderen Gruppen grundsätzlich unterlegen seien. Natürlich war diese Sichtweise keineswegs eine Erfindung der Nationalsozialisten. Doch in ihrem Fall war diese rassistische Ideologie verknüpft mit einer extremen Form von ethnischem Nationalismus, der sich nicht nur nach außen, sondern auch nach innen richtete – sei es gegen politische Gegner, gegen Menschen, die als „asozial“ oder „arbeitsscheu“ galten, gegen Sinti und Roma oder, hauptsächlich, gegen Juden –, und einem radikalen Willen, die Gesellschaft gemäß ihrer eigenen Vision umzugestalten. Das letztendliche ideologische Ziel der NS-Bewegung war demnach, die Hegemonie einer von ihr für gereinigt und rassisch überlegen erachteten nationalen und ethnischen Gemeinschaft zu sichern. Es ist verlockend, die NS-Ideologie als irrational abzutun, als das Produkt von wahnhafter Paranoia, Pseudowissenschaft und einer Sinnkrise. Doch aus der Perspektive derer, die sie ersannen und verfochten, war die nationalsozialistische Rassenideologie alles andere als irrational. Im Kontext des Krieges entwickelten die Nationalsozialisten sogar ihre eigene erbarmungslose Logik des Massenmords.11

Obwohl die nationalsozialistische Ideologie viele Quellen und Einflüsse hatte, war sie auch ein Produkt bestimmter Umstände. Deutschlands Status als „verspäteter Nationalstaat“ beeinflusste sein Konzept von Staatsbürgerschaft und Zugehörigkeit. Dass die Idee der Nation dem Staat zeitlich vorausging, blieb maßgeblich. Deutschlands Vorstellung von einem festen Staatsgebiet konnte sich erst nach der Einigung 1871 entwickeln. Als verspätete Kolonialmacht rangierte Deutschland im Wettlauf um Kolonien weit hinter seinen größten europäischen Rivalen Großbritannien und Frankreich. Überseedeutsche, die in fernen fremden Staaten lebten, wurden daher der Hauptbezugspunkt für ein völkisches Gefühl, weil die vergleichsweise kleinen deutschen Kolonien nur ein schwaches territoriales Bindeglied darstellten. Ethnokulturelle Vorstellungen von Nation wurden deshalb ganz klar als Möglichkeit angesehen und eingesetzt, die politische Schwäche des Staates zu kompensieren. Auf den militärischen Zusammenbruch und die Kapitulation im Ersten Weltkrieg folgte nicht nur die Einziehung jener Kolonien, die Deutschland sich seit 1884 verschafft hatte, sondern damit einhergehend auch die Abtrennung beträchtlicher Gebiete vom Gesamtstaat selbst und der dort lebenden deutschen Staatsbürger. Und just in diesem Kontext kam es zu einer radikalen Ethnisierung, die einer völkischen Auffassung von Staatsbürgerschaft zum Durchbruch verhalf, die ihrerseits zu einem Instrument revisionistischer Politik wurde.12

Der Schlüssel zum Verständnis und zur Erklärung der Vision, welche die NS-Ideologie von der Gesellschaft hatte, und der Gewalt, die sie hervorbrachte, findet sich daher im Ersten Weltkrieg, seinem Ergebnis und vor allem in den gesellschaftlichen Sichtweisen auf dieses Ereignis. Laut Sebastian Haffner, einem der scharfsinnigsten zeitgenössischen Kommentatoren zum Nationalsozialismus, wurden die Kriegsjahre später „die positive Grundvision des Nazitums“. Unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurden Sündenböcke für Deutschlands Niederlage gesucht, woraus die Dolchstoßlegende erwuchs, der zufolge das deutsche Heer von Juden, Kommunisten und Pazifisten an der Heimatfront verraten worden sei. Die Niederlage – und rechte Erklärungen für sie – erzeugten eine traumatische Furcht vor innenpolitischer Instabilität in Kriegs- und Krisenzeiten. Aus der unentwegt beschworenen Krise von 1918 wurden Lehren gezogen: Eine Wiederholung musste um jeden Preis vermieden werden. Dies verlangte nach radikalen vorbeugenden Maßnahmen. Was auch immer für notwendig erachtet wurde, galt auch als legitim. Folglich mussten in Kriegszeiten alle echten und voraussichtlichen Gegner (ideologische Widersacher, rassisch Unerwünschte, jene, die als unproduktiv, wertlos oder Belastung galten, und andere potenzielle Abweichler) entfernt und eliminiert werden. Dabei lautete ein Ziel zu verhindern, dass sich die Niederlage und das Chaos von 1918–1919 (Straßenkämpfe in Berlin, München und im Ruhrgebiet; Bestrebungen zur Gründung revolutionärer Republiken und die gewaltsame Niederschlagung dieser Versuche; rechtsextreme paramilitärische Freikorps, die in den baltischen Ländern den Kampf gegen Bolschewisten und Nationalisten fortsetzten) wiederholten. Zum anderen ging es darum, die deutsche Gesellschaft und, später, ein deutsch beherrschtes Europa im Namen der nationalsozialistischen Utopie zu reinigen und zu stärken.13

Das nationalsozialistische Deutschland konnte zudem auf eine unbestreitbare Tradition tödlicher Gewalt gegen wehrlose Menschen zurückgreifen, die mindestens bis zur kolonialen Kriegführung im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts zurückreichte. Zwischen 1904 und 1907 ermordeten zutiefst rassistische deutsche Kolonialbehörden und Truppen in Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) zwischen 70 000 und 100 000 Menschen oder führten ihren Tod herbei. Militärische Operationen wurden gegen Frauen und Kinder durchgeführt, Menschen wurden in die Omaheke-Wüste getrieben und die übrig gebliebenen in Gefangenenlagern ausgehungert, die dazu dienten, die Völker der Herero und Nama zu unterjochen. Etwa um dieselbe Zeit forderte die deutsche Niederschlagung des Maji-Maji-Aufstands in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda) etwa 100 000 Menschenleben. Wenngleich nicht singulär, gehören die kolonialen Gräueltaten der Deutschen zu den schlimmsten ihrer Zeit. Während des Ersten Weltkriegs ließ man mehr als 70 000 Patienten deutscher psychiatrischer Anstalten verhungern, weil deren tägliche Lebensmittelrationen zugunsten von Mitgliedern der Gesellschaft, die man in Kriegszeiten für produktiver oder wertvoller erachtete, reduziert wurden. In Belgien und Frankreich töteten reguläre deutsche Truppen zwischen August und Oktober 1914 bei Massenexekutionen wegen angeblicher (und größtenteils eingebildeter) irregulärer Angriffe etwa 6500 Zivilisten. Natürlich können wir keine gerade Linie von Afrika nach Auschwitz ziehen. Doch trotz der offenkundigen Diskontinuitäten – vor 1933 war deutsche Massengewalt, die sich gleichzeitig gegen mehrere Opfergruppen richtete, selten, und nur wenige der Opfer von Massenmorden waren Juden – gab es zweifelsohne auch wichtige Kontinuitäten zwischen der Kolonialzeit, dem Ersten Weltkrieg und dem NS-Regime. Solche Präzedenzfälle dienten später als Bezugspunkt, und die Nationalsozialisten konnten auf diese Erfahrungen mit der Konzeption und Ausführung von Massenmord an wehrlosen internen und externen Gruppen zurückgreifen.14

Ungeachtet der Kontinuitäten zwischen deutschen Kolonialgräueln und den Schrecken der NS-Zeit ist jede Einstufung des Holocaust – der umfassendsten und unerbittlichsten aller nationalsozialistischen Massenmordkampagnen – als „kolonialer Genozid“ sehr problematisch. Kolonialer Rassismus ist eine Ideologie der Überlegenheit; Antisemitismus ist eine Ideologie der Unterlegenheit. Die Deutschen fühlten sich den Juden unterlegen. Juden, die im Preußen des 19. Jahrhunderts und von 1871 an im Deutschen Reich lebten, nutzten mit außerordentlichem Erfolg die neuen Möglichkeiten, die sich ihnen durch die Aufhebung der rechtlichen Diskriminierung boten. Mittels ihres Arbeitsethos und der Bedeutung, die sie Erziehung und Bildung beimaßen, emanzipierten sie sich weiter. Im Jahr 1886 lag der Anteil jüdischer Schulkinder in Preußen mit einer höheren als Volksschulbildung bei 46,5 Prozent. Der entsprechende Wert für nichtjüdische Kinder in Preußen betrug lediglich 6,3 Prozent. Bis 1901 waren diese Anteile auf 56,3 beziehungsweise 7,3 Prozent gestiegen. Vorangetrieben wurde die Emanzipation der Juden (und überhaupt die umfassendere politische Emanzipation des Bürgertums) durch das Gedankengut der Aufklärung. Die Nationalsozialisten lehnten die Juden nicht zuletzt deshalb ab, weil sie die Modernisierungskräfte der Aufklärung mit deren Idealen von Entwicklung und Fortschritt ablehnten. Dies allein sollte uns erkennen lassen, dass der Holocaust sich fundamental vom, sagen wir, Genozid an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika unterschied. In einer Rede mit dem Titel „Wider die Greuelhetze des Weltjudentums“, die er am 1. April 1933 hielt, fasste Reichspropagandaminister Joseph Goebbels die Abneigung der Nationalsozialisten gegen das Denken der Aufklärung und die Ideen, welche die Französische Revolution von 1789 beflügelten, zusammen:

Wir wollen die Weltanschauung des Liberalismus und die Anbetung der Einzelperson beseitigen und ersetzen durch einen Gemeinschaftssinn, der wieder das ganze Volk umfasst und das Interesse der Einzelperson wieder dem Gesamtinteresse der Nation ein- und unterordnet. Damit wird das Jahr 1789 aus der Geschichte gestrichen.

Die deutschen Juden zählten zu den größten Gewinnern der Aufklärung, die ihnen ermöglichte, endlich den Grenzen des Ghettos zu entkommen und die Gelegenheit zu ergreifen, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.15

Während die Nationalsozialisten sich den Juden unterlegen fühlten, lassen die NS-Ideologie und -Propaganda keinen Zweifel daran, dass sie die Slawen mit ganz anderen Augen betrachteten. Für die Nationalsozialisten waren die slawischen Völker an sich – wie etwa Tschechen, Polen, Russen und andere – primitive, zurückgebliebene und passive „Untermenschen“, die erst eine Bedrohung darstellten, wenn sie von angeblich durchtriebenen und ruchlosen Juden geführt wurden – wie im Fall der Bolschewisten, die den Nationalsozialisten als die Handlanger des „internationalen Judentums“ galten. Getreu dieser Denkweise waren Slawen höchst überflüssig und bildeten ein regionales Hindernis für die deutsche Machtexpansion, stellten andererseits aber keine echte Gefahr für die Deutschen als solche dar. Im Gegensatz dazu wurden die Juden als der globale Feind und als weltweite Bedrohung für die schiere Existenz des deutschen Volkes dargestellt. Während die slawischen Massen bestenfalls als für die Versklavung geeignet angesehen wurden, gestanden die Nationalsozialisten den Juden Handlungskompetenz zu: Sie seien die angeblichen Anführer und Revolutionäre, die hinter den Kulissen die Fäden zögen. Doch selbst ein Vergleich der Behandlung der Slawen durch das nationalsozialistische Deutschland mit der vom Deutschen Kaiserreich praktizierten Kolonialgewalt hat seine Grenzen: Die dem späten europäischen Kolonialismus eigenen Konzepte von Entwicklung, indirekter Herrschaft und der Ausbildung lokaler „Eliten“ waren der NS-Herrschaft in Osteuropa völlig fremd.16

Deutschlands verspätete Ankunft im kolonialen Wettlauf, die Niederlage von 1918 und der Verlust nicht nur seiner Kolonien, sondern auch von Reichsgebiet im Norden (an Dänemark), Osten (an Polen und die Tschechoslowakei) und Westen (an Frankreich und Belgien) erzeugten in der deutschen Gesellschaft einen individuellen und kollektiven Minderwertigkeitskomplex. Dieser war gekennzeichnet durch Ressentiment, Engherzigkeit und ein starkes Verlangen nach Status und Bestätigung, allesamt Charakteristika der späteren NS-Täter. Wie zu erwarten, stieß es daher allgemein auf breiten Widerhall in der Bevölkerung, dass das NS-Regime in der Folge eine regelrechte Kultur des Ressentiments propagierte. Gestärkt und, bezeichnenderweise, gerechtfertigt wurde das Verlangen und Streben der Täter nach Anerkennung durch die NS-Ideologie und den Glauben, dass sie einer „Herrenrasse“ angehörten. Ihre ideologischen Überzeugungen suggerierten ihnen, dass der berufliche Aufstieg, der Status und die Anerkennung, die sie suchten, nicht mehr seien als ihr gutes Recht; sie meinten, einen Anspruch auf Erfolg und Macht zu haben. Ideologie und Geltungsbedürfnis verstärkten sich gegenseitig. Dieses Überlegenheitsgefühl manifestierte sich später vor allem in deutschen Einstellungen und Vorgehensweisen gegenüber „slawischen Untermenschen“ im besetzten Osteuropa – dem Herzstück des NS-Imperiums – ab 1939 und insbesondere 1941.17

Die Niederlage von 1918 war stets der zentrale Bezugspunkt der NS-Bewegung gewesen und blieb es. Charakteristisch für das nationalsozialistische Regime war, dass es angesichts einer Bedrohung jede Politik heftig radikalisierte und häufig vor nichts haltmachte, um seine Ziele zu erreichen. Dies bedeutet keinesfalls, dass nationalsozialistische Gewalt lediglich eine Reaktion auf eine akute äußere Gefahr war. Gewalt war von Anfang an ein wesentlicher und unerlässlicher Bestandteil nationalsozialistischer Theorie und Praxis. Lange bevor Deutschland einen Angriffskrieg gegen Polen vom Zaun brach und damit den Zweiten Weltkrieg auslöste, belegen dies die Kämpfe um die Straße in den späten Weimarer Jahren, der Terror, der die Konsolidierung der NS-Herrschaft in Deutschland in den Jahren 1933 und 1934 begleitete, die Gewalt gegen Juden, die in den Provinzen die ganzen Vorkriegsjahre hindurch weiterging, der Ausbau des Konzentrationslager- und Gefängnis-Systems sowie die Pogrome vom November 1938, um nur einige Beispiele zu nennen. Die zentralisierte Ermordung der Psychiatriepatienten wurde zu einem Zeitpunkt in die Wege geleitet, als deutsche Truppen gerade Polen überrannt hatten. Die Nationalsozialisten reagierten hier nicht auf eine echte und drohende Kriegsgefahr, welche die psychisch Kranken keineswegs darstellten; stattdessen beseitigten sie, was sie als eine potenzielle Bedrohung empfanden, indem sie ihr Programm der rassischen Reinigung in Angriff nahmen und die Lehren anwendeten, die sie aus den Erfahrungen von 1914–1918 gezogen hatten. Als dann tatsächlich eine reale Bedrohung auftauchte und daraufhin eine Politik heftig verschärft wurde – wie etwa die Radikalisierung der antijüdischen Maßnahmen im Frühsommer 1941 als Reaktion auf den ins Stocken geratenen Feldzug gegen die Sowjetunion –, geschah dies zweifelsohne bloß im Einklang mit der nationalsozialistischen Überzeugung, dass der einzige Weg, Schwierigkeiten anzugehen, darin bestehe, noch eins daraufzusetzen und die Härte der eigenen Vorgehensweise zu steigern. Nur so, glaubten die Nationalsozialisten, ließe sich eine Wiederholung von 1918 vermeiden.

Wie oben bereits erörtert, bilden die sechs Kriegsjahre einen Bezugsrahmen für die Steigerung des nationalsozialistischen Massenmords und auch für diese historische Darstellung, die dementsprechend die Ereignisse weitgehend chronologisch behandelt. Teil I thematisiert den Zeitabschnitt von Sommer 1939 bis Sommer 1941 und damit den Mord an den geistig und körperlich Behinderten im Deutschen Reich und den annektierten polnischen Gebieten sowie die Beseitigung der polnischen Führungsschicht und Intelligenz. Der deutsche Einmarsch in die Sowjetunion im Sommer 1941 markierte eine fundamentale Änderung, was den Umfang und die Systematik der nationalsozialistischen Massengewalt betraf. Zum ersten Mal stand die massenhafte Ermordung von Juden und anderen rassischen und politischen Gegnern von Anfang an auf der Tagesordnung eines Feldzugs, der in zügelloser und unverhohlen ideologischer Manier geführt wurde. Teil II beschäftigt sich daher mit dem Zeitraum von Sommer 1941 bis Frühjahr 1942; er konzentriert sich geografisch auf die besetzten sowjetischen Gebiete und widmet einzelne Kapitel dem Massenmord an den sowjetischen Juden, Psychiatriepatienten und Roma, der Aushungerung erheblicher Teile der sowjetischen Stadtbevölkerung, dem Massensterben kriegsgefangener Rotarmisten sowie dem Präventivterror und den Vergeltungsmaßnahmen, die sich gegen die ländliche Zivilbevölkerung richteten. Es scheint passend, in Teil II die (männlichen) serbischen Juden in die Analyse miteinzubeziehen, da sie systematisch und parallel zu den sowjetischen Juden ermordet wurden. Entsprechend bedeutete der deutsche Einmarsch in die Sowjetunion auch einen Wendepunkt für die Partisanenbekämpfung in Serbien; deren Opfer sind ebenfalls Gegenstand von Teil II. Auch zeitlich erstreckt sich das Kapitel zu Präventivterror und Vergeltungsmaßnahmen über das Frühjahr 1942 hinaus, um die griechischen zivilen Opfer miteinzubeziehen, die oft aus ähnlichen Gründen wie ihre sowjetischen und jugoslawischen Leidensgenossen getötet wurden.

Teil III untersucht die verbleibenden Kriegsjahre, das heißt die Zeitspanne von Frühjahr 1942 bis Frühjahr 1945. Er beginnt mit zwei Kapiteln zum Genozid an den europäischen Juden in den Vernichtungslagern von Chełmno/Kulmhof, der Aktion Reinhardt und Auschwitz-Birkenau. Das zweite Kapitel enthält einen Unterabschnitt zu den Zwangsevakuierungen von Konzentrationslager-Insassen während der Schlussphase des Krieges, die heute allgemein als „Todesmärsche“ bekannt sind. Die nächsten beiden Kapitel machen ebenfalls dort weiter, wo frühere Kapitel aufhören: Das erste beschäftigt sich mit der Ausweitung der Deportationen und Ermordungen der Roma, die nun weitere Gebiete unter deutscher Besatzung erfassten, während das zweite die dezentralisierte Ermordung der Kranken in Heil- und Pflegeanstalten sowie in Konzentrationslagern im Deutschen Reich bis zur bedingungslosen Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 behandelt. Das letzte Kapitel von Teil III kehrt zur Ermordung von Zivilisten im Zuge deutscher Vergeltungsmaßnahmen und sogenannter Befriedungsaktionen zurück, wenngleich der Fokus diesmal auf der polnischen städtischen Bevölkerung liegt, insbesondere auf dem hohen Verlust an zivilen Menschenleben während der Niederschlagung des Warschauer Aufstands im Spätsommer und Frühherbst 1944 und in dessen Folge. Ein abschließendes Kapitel unterbreitet eine Erklärung für die Beweggründe der Hunderttausende von Tätern und fragt nach Interpretationen für ihr Handeln.

Ein Wort der Warnung: Manche Leser mögen die Lektüre dieses Werks als grauenhaft empfinden. So etwas über ein Buch mit dem Untertitel „Eine Gesamtgeschichte des nationalsozialistischen Massenmordens“ zu sagen, wirkt vielleicht recht banal und unnötig. Doch es stimmt, ich bin nicht davor zurückgescheut, die Ereignisse in drastischer Ausführlichkeit zu schildern. Wobei es mir keinesfalls darum geht, Schockeffekte zu erzielen. Im Gegenteil: Eine „gesäuberte“ Version dieser Geschehnisse würde es lediglich schaffen, sie abstrakter erscheinen zu lassen; Realismus und Genauigkeit würden zugunsten von Verträglichkeit geopfert. Dabei besteht eine moralische Verpflichtung gegenüber den Opfern, ihre Geschichte so getreu wie möglich zu erzählen. Indem ich ausgiebig auf Aussagen von Überlebenden und anderen Opfern zurückgreife, leiste ich hoffentlich einen kleinen Beitrag dazu, ihnen eine Stimme zu geben und sie als menschliche Individuen zu behandeln und nicht als statistische Daten. Und wenn die Lektüre dieses Buches uns emotional einiges abverlangt, so sollten wir uns einen Moment lang vorstellen, um wie viel mehr es den Opfern abverlangte, die hier geschilderten Ereignisse zu durchleiden.

TEIL I

Sommer 1939 – Sommer 1941

Kapitel 1

Die Tötung der Kranken im Deutschen Reich und in Polen

Der Erste Weltkrieg war ein Wendepunkt für den Berufsstand der deutschen Psychiater. Viele Ärzte beklagten den verheerenden Eindruck, den der Tod von Millionen gesunder junger Männer an den Fronten des Krieges auf die deutsche Nation machte, während jene, die körperlich weniger gesund und leistungsfähig waren, in der Heimat überlebt hätten. Diese Argumentation ignorierte wissentlich den Tod von mindestens 70 000 Patienten in deutschen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1914 und 1918 durch Hunger und Krankheiten, deren Ursache Unterernährung war. Dabei handelte es sich nicht um ein zentral initiiertes und geleitetes Tötungsprogramm, sondern um das unbeabsichtigte Ergebnis einer Reduzierung der täglichen Essensrationen für die wehrlosen Psychiatriepatienten und die Umwandlung vieler Einrichtungen in Militärlazarette. Diese Maßnahmen und ihre verheerenden Folgen wurden von der Öffentlichkeit und den Angehörigen der psychiatrischen Berufe gleichermaßen als notwendiges Opfer in Kriegszeiten weithin akzeptiert.1

Die Niederlage im Ersten Weltkrieg und die erlittenen Verluste an Menschenleben, vor allem unter den Jungen und den Gesunden, entfachten im Nachkriegsdeutschland eine hitzige Debatte über die Legitimität der Beseitigung angeblich wertlosen Lebens und schienen sie zu rechtfertigen. Diese Debatte war symptomatisch für die Art und Weise, wie im Gefolge des Krieges anerkannte menschliche Werte einer Neubewertung unterzogen wurden, wobei die Sorge um das größere Kollektiv die Rechte und den Wert des Individuums in den Hintergrund drängte. Obwohl die Konzepte der Eugenik und „Rassenhygiene“ sich nicht auf Deutschland beschränkten, gab es eine solche Debatte in keinem anderen der am Krieg beteiligten Länder, sodass wir im Fall Deutschlands hier bereits eine besondere Radikalisierung feststellen können. Selbst im neutralen Schweden, das 1922 als erstes Land ein Institut für Rassenbiologie gründete, existierte kein Pendant zu der deutschen Diskussion über Euthanasie. Wenngleich die Debatte Mitte der 1920er-Jahre ein wenig abebbte, kam sie zur Zeit der Weltwirtschaftskrise und der mit ihr einhergehenden Massenarbeitslosigkeit erneut auf, wobei der Blick sich vor allem auf Möglichkeiten der Kostensenkung in Pflegeanstalten und Krankenhäusern richtete. Noch bevor die Auswirkungen der Wirtschaftskrise in Deutschland spürbar waren, erklärte hingegen der Führer der NSDAP, Adolf Hitler, in seiner Abschlussrede auf dem Reichsparteitag in Nürnberg im August 1929, fast dreieinhalb Jahre vor seiner Ernennung zum Reichskanzler: „Würde Deutschland jährlich eine Million Kinder bekommen und 700 000 bis 800 000 der Schwächsten beseitigt, dann würde am Ende das Ergebnis vielleicht sogar eine Kräftesteigerung sein.“2

Obwohl das Jahr 1933 keine entscheidende Zäsur für die deutsche Ärzteschaft bedeutete, „wurden die Hindernisse für vom Staat zugelassene grob unmenschliche Maßnahmen beinahe über Nacht beseitigt“, so Ian Kershaw. Was zuvor als kaum mehr denn Fantasiedenken erschienen war, rückte plötzlich in den Bereich des Möglichen. Am 14. Juli, Hitler war noch keine sechs Monate Reichskanzler, wurde durch das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ die Rechtsgrundlage für die Zwangssterilisation geschaffen. Nach diesem Gesetz, das am ersten Tag des Jahres 1934 in Kraft trat, konnte jemand ohne seine Einwilligung sterilisiert werden, wenn „mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, daß seine Nachkommen an schweren körperlichen oder geistigen Erbschäden leiden werden“. Zwischen 1934 und 1945 wurden mehr als 300 000 Männer und Frauen in Deutschland und Österreich – wo das Gesetz am 1. Januar 1940 in Kraft trat – auf Anordnung der eigens zu diesem Zweck eingerichteten Erbgesundheitsgerichte zwangssterilisiert. Etwa 5000 von ihnen, hauptsächlich Frauen, überlebten die Operation nicht. Es war nicht ungewöhnlich, dass Menschen vor oder nach dem Eingriff Selbstmord begingen. In einem sich entfaltenden politischen Klima, in dem großer Wert auf eugenisch gesunde, gebärfreudige Mutterschaft gelegt wurde, galt dies besonders für Frauen. Die Sterilisationsmaßnahmen standen für eine wachsende Bereitschaft, Gewalt gegen Menschen anzuwenden, die als genetisch mangelhaft galten. Ganz offensichtlich war Hitler weiterhin ein Vertreter jener Ansichten, die er im August 1929 öffentlich geäußert hatte. Dies zeigte sich deutlich nicht nur in dem Tempo, mit dem das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ verabschiedet wurde, sondern auch, und nicht zuletzt, in seinen Äußerungen gegenüber Reichsärzteführer Gerhard Wagner im September 1935, abermals anlässlich eines Reichsparteitags der NSDAP. Er beabsichtige, so Hitler, im Fall eines zukünftigen Krieges die „unheilbar Geisteskranken zu beseitigen“.3

Spätestens von diesem Zeitpunkt an war die massenhafte Ermordung der geistig und körperlich Behinderten keine Frage des Ob mehr, sondern nur noch des Wann. Im Anschluss an seine Unterredung mit Hitler im September 1935 ließ Wagner im Kreis von Parteiärzten wiederholt verlauten, Hitler plane im Kriegsfall „die Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Paul Nitsche beispielsweise, der Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Sonnenstein in Pirna, in der Folge eines der Hauptmordzentren, behauptete später, im März 1937 über Wagner von Hitlers „Euthanasie“-Plänen erfahren zu haben. Bereits am 5. April 1937, vier Tage nach seiner Ernennung zum Dezernenten für Anstaltswesen in Hessen-Nassau, machte Fritz Bernotat seinen Standpunkt zum Thema während einer Tagung von Anstaltsleitern auf Schloss Dehrn deutlich: „Wenn ich ein Arzt geworden wäre, ich würde diese Kranken umlegen.“ Dies war vonseiten Bernotats keine isoliert geäußerte Mordabsicht. Bei anderer Gelegenheit drängte er Ärzte und Pflegepersonal: „Schlagt sie doch tot, dann sind sie weg!“ Auf einer Tagung von Sachbearbeitern, die für die Verwaltung psychiatrischer Anstalten zuständig waren, kam ein Referent im Jahr 1938 in weniger rüden, aber nicht weniger tödlichen Wendungen zu dem Schluss, dass „die Lösung der Irrenpflege einfach sei, wenn man die Leute beseitige“. Die Realisierung dieser „Lösung“ ließ nicht lange auf sich warten.4

Kinder-„Euthanasie“

Die Vorbereitungen für den Mord an den schwächsten und wehrlosesten aller NS-Opfer – behinderte Kinder – begannen vor Ausbruch des Krieges. Anfang 1939 wurde der Fall eines schwerbehinderten Säuglings namens Gerhard Kretschmar in dem Dorf Pomßen bei Leipzig an Professor Werner Catel, den Direktor der Universitätskinderklinik in Leipzig, herangetragen. Catel bewog die Eltern, Hitler über die Kanzlei des Führers (KdF) ein schriftliches Gesuch um die Gewährung eines Gnadentods – der nach herrschendem Recht strafbar war – zu unterbreiten. Diese Vorgehensweise war keineswegs ungewöhnlich; die Kanzlei des Führers erhielt täglich 2000 solcher Bitten. Nach Eingang des elterlichen Ersuchens, deren Sohn („dieses Monster“) zu töten, beauftragte Hitler seinen Begleitarzt Karl Brandt damit, den Fall zu prüfen. Nachdem er im Juli die Eltern aufgesucht hatte, ordnete Brandt an, das Kind zu töten; ein paar Tage später führte Catel persönlich die Tötung durch. Wohl aufgrund der besonderen Schwere und Vielzahl der Behinderungen des Jungen erregte der Fall von Gerhard Kretschmar offenbar die Aufmerksamkeit der NS-Funktionäre und veranlasste Hitler daraufhin, Brandt und den Leiter der Kanzlei des Führers, Philipp Bouhler, mündlich zu ermächtigen, in ähnlichen Fällen genauso zu verfahren. Dies bedeutete den Übergang von der Tötung ungeborenen Lebens, die im Juni 1935 im Fall von Erbkrankheiten legalisiert worden war, hin zur Ermordung von Säuglingen, Kindern und Jugendlichen, die zynisch als Kinder-„Euthanasie“ bezeichnet wurde.5

Um zu verhindern, dass die Beteiligung der Kanzlei des Führers – deren Hauptaufgabe es in der Tat war, Gesuche und Eingaben zu bearbeiten, die von Angehörigen der deutschen Öffentlichkeit an Hitler gerichtet wurden – und damit auch die Hitlers publik wurde, gründeten die Planer eine Tarnorganisation für das Programm der Kinder-„Euthanasie“, den sogenannten Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden. Philipp Bouhler betraute seinen Stellvertreter und Oberdienstleiter des Hauptamtes II der Kanzlei des Führers („Angelegenheiten betr. Staat und Partei“), Viktor Brack, mit der Gesamtorganisation des „Euthanasie“-Mordprogramms. Brack wiederum übertrug die laufende Verwaltung der Kinder-„Euthanasie“ Hans Hefelmann, dem Leiter des Amtes IIa innerhalb von Bracks Hauptamt II, das zuständig war für „Angelegenheiten betr. die Reichsministerien; auch Gnadengesuche“. Die kleine Planungsgruppe arbeitete zügig, denn schon am 18. August 1939 verschickte das Reichsministerium des Innern – das einzige staatliche Ressort, das einen Vertreter im Reichsausschuss hatte – einen streng vertraulichen Runderlass an die Regierungen der Länder und der preußischen Provinzen sowie an die Gesundheitsbehörden. Da beabsichtigt war, im Rahmen der Kinder-„Euthanasie“ behinderte Kinder zu töten, die nicht in Heil- und Pflegeanstalten untergebracht waren, war der Reichsausschuss bei der Erfassung der Mordopfer auf die Kooperation der Gesundheitsbehörden angewiesen. Der Runderlass verpflichtete Hebammen, Ärzte in Entbindungskliniken und auf Geburtshilfestationen sowie Hausärzte dazu, Neugeborene und Kinder bis zu drei Jahren, die an „1. Idiotie sowie Mongolismus […], 2. Mikrozephalie […], 3. Hydrozephalus […], 4. Missbildungen jeder Art, besonders Fehlen von Gliedmaßen […], 5. Lähmungen“ litten, zu erfassen. Die Meldungen waren an das zuständige Gesundheitsamt zu schicken und von dort an die Deckadresse des Reichsausschusses weiterzuleiten. Die drei Gutachter des Reichsausschusses – der Kinderarzt Ernst Wentzler aus Berlin, der Kinder- und Jugendpsychiater Hans Heinze aus Brandenburg an der Havel und der bereits erwähnte Werner Catel – entschieden einzig auf Grundlage dieser Meldebögen, ob die Kinder an eine sogenannte Kinderfachabteilung in einer Heil- und Pflegeanstalt oder Klinik übergeben und dadurch in das Mordprogramm aufgenommen wurden; sie sahen die Kinder nie persönlich und zogen nicht einmal existierende Fallanamnesen zu Rate. Die Tatsache, dass in dieser Frühphase niemand aus dem Reichsjustizministerium involviert war, belegt, dass den Planern eine außerrechtliche Lösung vorschwebte.6

Noch bevor die erste dieser „Kinderfachabteilungen“ eingerichtet worden war, nahmen die Täter mit schauriger Unverfrorenheit Bezug auf die bevorstehende „Euthanasie“. In der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar bei München leitete Direktor Hermann Pfannmüller Rundgänge durch seine Einrichtung, um Besuchern die angeborene Nutzlosigkeit seiner Patienten zu verdeutlichen. Zwischen 1933 und 1939 strömten mehr als 21 000 Menschen durch Eglfing-Haar, darunter 6000 Angehörige der SS, von denen einige sich mit der Empfehlung hervortaten, man könne doch am Eingang Maschinengewehre aufstellen, um die Insassen niederzumähen. Nach dem Krieg erinnerte sich der bayerische Lehrer Ludwig Lehner lebhaft an einen Besuch in Eglfing-Haar im Herbst 1939, kurz nach seiner Entlassung aus der Haft im Konzentrationslager Dachau wegen Mitgliedschaft in einer antifaschistischen Gruppe:

Im Herbst 1939 wurde ich Zeuge eines Verbrechens, das insbesondere in der Art seiner Durchführung sogar mich erschütterte, obwohl ich damals schon viel gewöhnt war, kam ich doch erst wenige Monate vorher aus dem Konzentrationslager Dachau. Das öffentliche Publikum hatte damals die Gelegenheit, Irrenhäuser zu besuchen. Da ich 1934/1935 in meiner Berufsausbildung Psychologie studierte und somit einige Fachkenntnisse besitze, interessierte mich natürlich der Betrieb eines Irrenhauses besonders. Aus diesem Grunde schloß ich mich einer solchen Führung durch die Irrenhäuser an.

Nach dem Besuch einiger anderer Krankenstationen führte uns der Anstaltsleiter mit Namen Pfannmüller in eine Kinderstation. Dieser Raum machte einen sauberen, gepflegten Eindruck. In ca. 15–25 Kinderbetten lagen ebenso viele Kinder zwischen dem Alter von ca. 1–5 Jahren. Pfannmüller explizierte in dieser Station besonders eingehend seine Absichten.

Folgende zusammenfassende Ansprache durch Pfannmüller ist mir dem Sinne gemäß erinnerlich: Diese Geschöpfe (gemeint waren besagte Kinder) stellen für mich als Nationalsozialisten natürlich nur eine Belastung unseres gesunden Volkskörpers dar. Wir töten (er kann auch einen umschreibenden Ausdruck hier für dieses Wort töten gebraucht haben) nicht durch Gift, Injektionen usw., da würde die Auslandspresse und gewisse Herren in der Schweiz nur neues Hetzmaterial haben. Nein, unsere Methode ist viel einfacher und natürlicher, wie Sie sehen. Bei diesen Worten zog er unter Beihilfe einer mit der Arbeit in dieser Station betrauten Pflegerin ein Kind aus dem Bettchen. Während er dann das Kind wie einen toten Hasen herumzeigte, konstatierte er mit Kennermiene und zynischem Grinsen: Bei diesem wird’s noch 2–3 Tage dauern. Der Anblick des fetten, grinsenden Mannes, in der fleischigen Hand das wimmernde Gerippe, umgeben von anderen hungernden Kindern ist mir noch immer deutlich vor Augen. Weiterhin erklärte der Mörder dann, daß nicht plötzlicher Nahrungsentzug angewandt werde, sondern allmähliche Verringerung der Rationen. Eine Dame – die ebenfalls an der Führung teilnahm – fragte in mühsam unterdrückter Empörung, ob denn nicht wenigstens eine raschere Tötung mit Injektionen usw. barmherziger wäre. Pfannmüller rühmte daraufhin seine Methode nochmals als praktischer im Hinblick auf die Auslandspresse. Die Offenheit, mit welcher Pfannmüller die oben erwähnte Behandlungsmethode offenbarte, ist mir nur als Ausfluß von Zynismus oder Tölpelhaftigkeit erklärlich. Pfannmüller machte weiterhin keinen Hehl daraus, daß unter den nach der vorher geschilderten Methode zu ermordenden Kindern auch Kinder sich befanden, welche nicht geisteskrank waren, nämlich Kinder von jüdischen Eltern.

Noch bevor die Kinder-„Euthanasie“ offiziell begonnen hatte, ermordete Pfannmüller also schon Kinder in Eglfing-Haar. Beachtenswert ist hier, dass der Vorschlag, den die von Lehner erwähnte Besucherin machte – bei aller Empörung über die Behandlung der Kinder –, an sich schon verstörend ist; sie stellte Pfannmüllers Methoden infrage, nicht aber seine Ziele.7

Ab 1940 wurden mehr als 30 „Kinderfachabteilungen“ gegründet, um die zur Ermordung vorgesehenen Kinder aufzunehmen. Die Abteilungen wurden größtenteils in regulären Krankenhäusern auf Reichsgebiet (einschließlich Österreich) eingerichtet; ihre Leiter arbeiteten eng mit dem Reichsausschuss zusammen. Mit Ausnahme von Fällen, in denen die Kinder bereits in Heimen untergebracht waren, konnte das Programm jedoch nur funktionieren, wenn Eltern ihre Kinder den Mordstationen überließen. Normalerweise stellte dies kein Problem dar: Man ließ die Eltern für gewöhnlich im Dunkeln über den tatsächlichen Zweck der Verlegungen, und die Behörden erhielten die elterliche Zustimmung unter Vorspiegelung falscher Tatsachen, indem sie ihnen erzählten, ihre Kinder könnten dort geheilt werden. Anfangs wurden die Beamten im Gesundheitswesen angewiesen, von Zwangsmaßnahmen abzusehen. Auf Eltern, die es kategorisch ablehnten, sich von ihren Kindern zu trennen, wurde allerdings Druck ausgeübt. Gemäß Anweisungen, die von Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti in seiner Eigenschaft als Staatssekretär für Gesundheitswesen im Reichsinnenministerium erlassen wurden, durften die Beamten im Gesundheitswesen von September 1941 an Eltern, die sich der Einweisung ihrer Kinder widersetzten, mit dem Entzug des Fürsorgerechts drohen. Diese Einschüchterung funktionierte normalerweise. Um insbesondere Mütter aus der Arbeiterschaft, deren Ehemänner während des Krieges als Soldaten abwesend waren, zu zwingen, ihre Kinder herzugeben und der Behandlung zuzustimmen, wandte sich der Reichsausschuss unter Berufung auf eine Vereinbarung zwischen dem Reichsarbeits- und dem Reichsinnenministerium mit der Forderung an die örtlichen Arbeitsämter, die unwillige Mutter zum Arbeitsdienst heranzuziehen.8

Die erste „Kinderfachabteilung“ wurde im Sommer 1940 in der Landesanstalt Görden in Brandenburg eingerichtet. Anstaltsleiter war der Psychiater Hans Heinze, der – wie Werner Catel – einer der drei Gutachter des Reichsausschusses war. Die leitende Ärztin auf der Station war Dr. Friederike Pusch; sie bildete außerdem Ärzte von anderen „Kinderfachabteilungen“ in den zur Ermordung der Patienten verwendeten Methoden aus. Insgesamt 172 Kinder wurden vom Reichsausschuss auf die Mordstation in Görden geschickt, 147 von ihnen oder 85 Prozent wurden dort ermordet. Ganz im Gegensatz zu dem vom Reichsinnenministerium am 18. August 1939 verschickten Runderlass, der verlangt hatte, Neugeborene und Kinder bis zum Alter von drei Jahren zu melden, waren mehr als 40 Prozent der in Görden Ermordeten zwischen drei und 13 Jahren alt. (In der bereits erwähnten Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar waren fast 60 Prozent der Opfer älter als drei Jahre.) In aller Regel wurden die Kinder eines nach dem anderen getötet. Meist wurde das Barbiturat Phenobarbital verwendet, das in Tablettenform oder durch Injektion verbreicht wurde, um eine Stauungspneumonie hervorzurufen, an der die Kinder starben. Auf diese Weise konnte ein „natürlicher Tod“ vorgetäuscht werden. (In Eglfing-Haar wurden 93 Prozent der Kinder auf diese Weise ermordet.) Es dauerte zwischen zwei und fünf Tagen, ehe die Kinder starben. Bis Kriegsende waren in der „Kinderfachabteilung“ in Görden 1270 Kinder gestorben, weitere 430 waren von Görden in die Vergasungseinrichtungen der sogenannten Aktion T4 überstellt und dort ermordet worden.9

Die Mehrzahl der Eltern wurde getäuscht, irregeleitet, unter Druck gesetzt und bedroht, damit sie ihre Kinder auslieferten. Die psychische, soziale und existenzielle Belastung, die aus dem Krieg resultierte, als Väter häufig abwesend waren, weil sie in der Wehrmacht dienten, und auch manche Mütter verpflichtet wurden zu arbeiten, war ebenfalls ein wichtiger Faktor, der Eltern bewog einzuwilligen oder gar darum zu bitten, dass ihre Kinder in Obhut genommen wurden. Dies sollte jedoch nicht mit einem Wunsch, sie getötet zu sehen, gleichgesetzt werden, da viele Eltern aufrichtig hofften, dass das Leiden ihrer Kinder auf diese Weise gelindert werden könnte. Doch es gab auch Eltern, die ihre Kinder freiwillig an das „Euthanasie“-Programm übergaben, wohlwissend, was dieser Schritt bedeutete. Nicht wenige stimmten der Ermordung ihrer behinderten Kinder stillschweigend zu, weil sie darin eine Gelegenheit sahen, sich einer Last zu entledigen. Andere Eltern verlangten ganz im Geist der Zeit den Tod ihres behinderten Kindes. So erkundigte sich der Vater eines Patienten in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, auch im Namen seiner Frau, ob es „nicht vielleicht am besten wäre, ein solches Kind aus dem Volkskörper auszuscheiden, da das – glaube ich – auch im Sinn des Staates liegt“.10

Wie die zuvor genannten statistischen Daten aus Görden zeigen, wurden nicht alle auf die speziellen Mordstationen verlegten Kinder auch tatsächlich ermordet. Laut den erhaltenen Krankenakten aus der „Kinderfachabteilung“ in Eglfing-Haar beispielsweise wurden insgesamt 312 Kinder und Jugendliche ermordet (von denen 26 nach ihrer Verlegung in die „Kinderfachabteilung“ in Kaufbeuren getötet wurden), während 91 überlebten, was eine Überlebensrate von 22,58 Prozent ergibt. Mit anderen Worten, mehr als drei Viertel der auf die Kindermordstation verlegten Kinder wurden ermordet. Was die große Mehrzahl der Überlebenden betraf, so kamen die Ärzte vor Ort nach einer Erstuntersuchung zu dem Schluss, dass die fraglichen Kinder am Ende doch nicht „lebensunwert“ seien, und kippten damit die früheren, von Gutachtern des Reichsausschusses getroffenen Entscheidungen. Diese Kinder wurden anschließend unverzüglich entlassen, um Platz für Neuaufnahmen zu schaffen. Doch selbst dann holten nicht alle Eltern ihre Kinder wieder ab. Angehörigen der Bewohner der Einrichtung für geistig behinderte Kinder in Mosbach beispielsweise wurde unmissverständlich mitgeteilt: „Auf Anordnung des Reichsministeriums des Innern muss die Anstalt Schwarzacherhof sofort geräumt werden. Holen Sie sofort Ihr Kind, oder es wird in eine andere Anstalt verlegt.“ Die Angehörigen von 71 Kindern reagierten auf diese Aufforderung und holten ihren Nachwuchs ab, während die Angehörigen der übrigen 28 nichts taten. Die Einrichtung, in welche diese 28 anschließend verlegt wurden, war das Mordzentrum Grafeneck.11

Im Rahmen des Kinder-„Euthanasie“-Programms – das heißt in den „Kinderfachabteilungen“ der Maßnahme des Reichsausschusses – wurden zwischen 1939 und 1945 mehr als 5000 Kinder ermordet. Man darf allerdings nicht vergessen, dass diese Zahl nicht jene geistig und körperlich behinderten Kinder beinhaltet, die im Rahmen anderer „Euthanasie“-Maßnahmen ermordet wurden. Während der Aktion T4 und sogar noch nach deren offiziellem Abbruch wurden in anderen Einrichtungen als den „Kinderfachabteilungen“ weitere Kinder getötet. Sie wurden durch Medikamente, Verhungern oder bewusste Vernachlässigung ermordet, ohne dass die Leitzentrale des laufenden „Euthanasie“-Programms im Voraus verständigt worden wäre. Vor allem – aber nicht ausschließlich – Kinder über 14 Jahre wurden in den Vergasungseinrichtungen der Aktion T4 getötet. Von der Gesamtzahl der Opfer des T4-Programms waren etwa 4500, das heißt fast sechs Prozent, keine Erwachsenen. Bezieht man diese mit ein, so ergibt sich eine Gesamtzahl an Kinder- und Erwachsenenopfern der Mordkampagne gegen die geistig und körperlich Behinderten im Deutschen Reich von mehr als 10 000. Kinder waren auch unter den polnischen Psychiatriepatienten, die von deutschen Soldaten nach dem Überfall auf Polen im September 1939 ermordet wurden.12

Polnische Psychiatriepatienten

Der im Juli 1939 in der Nähe von Leipzig ermordete kleine Junge lieferte den Anstoß für die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ – das erste Massenmordprogramm des nationalsozialistischen Deutschland –, und er war tatsächlich ihr frühestes Opfer. Doch noch bevor der Mord an Kindern richtig begonnen hatte, war im Juli 1939 die Entscheidung getroffen worden, die Tötungsaktionen auf erwachsene Psychiatriepatienten auszuweiten. Hitler beauftragte zunächst Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti mit der Durchführung dieses erweiterten „Euthanasie“-Programms, aber nach einem Machtkampf innerhalb der NS-Führung erreichte die Kanzlei des Führers eine Rücknahme der Anordnung und die Rückübertragung der Aufgabe an die beiden Bevollmächtigten der Kinder-„Euthanasie“, Brandt und Bouhler. Wie bei der Kinder-„Euthanasie“ gewährleistete die administrative Leitung durch die Kanzlei des Führers, dass weder die Partei – über ihre sichtbaren SS-Verbände – noch der Staat, der Haushaltskontrollen zu gewärtigen hatte, offen in die Sache hineingezogen würden. Im Oktober 1939, nach dem Ende des Polenfeldzugs, unterzeichnete Hitler ein Ermächtigungsschreiben, das von der Kanzlei des Führers auf Hitlers persönlichem Briefpapier aufgesetzt worden war, aber niemals veröffentlicht oder in irgendeinem Amtsblatt bekannt gemacht wurde. Obwohl die Ermächtigung eigentlich keine Rechtskraft besaß, würde sie fortan als offizielle Grundlage für die Mordaktionen dienen und dazu verwendet werden, Ärzte als Mittäter an den Morden zu gewinnen. Der einzige Satz des Schreibens lautete: „Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“ Diese schriftliche Ermächtigung wurde rückdatiert auf den 1. September 1939, den Tag, an dem der Zweite Weltkrieg begonnen hatte, um dadurch die Ermordung von Patienten an den vermeintlichen Erfordernissen des Krieges festzumachen. Abermals beauftragte Bouhler Brack und dessen Hauptamt II, das bereits das Kinder-„Euthanasie“-Programm durchführte, mit den administrativen Details.13

Hitlers Ermächtigungsschreiben diente auch noch einem anderen Zweck: der Legitimation der im besetzten Polen bereits angelaufenen Ermordung der Kranken. Der Beginn des Krieges hatte einen regelrechten Wettstreit um die Kontrolle der Heil- und Pflegeanstalten in den eingegliederten polnischen Gebieten ausgelöst. Wehrmacht, SS und andere NSDAP-Organisationen erhoben vor allem für kriegsbedingte Zwecke Anspruch auf diese – möglichst komplett geräumten – Gebäude. Die Ermordung der Psychiatriepatienten in den von den Deutschen besetzten nördlichen und westlichen polnischen Gebieten begann am 22. September 1939 mit der Erschießung von etwa 2000 geistig behinderten Personen aus der psychiatrischen Anstalt Kocborowo (Konradstein) in der Stadt Starogard (Preußisch Stargard; heute Starogard Gdański) südlich von Danzig durch eine im Sommer 1939 aus der Danziger SS-Standarte gebildete Hilfspolizeieinheit in Bataillonsstärke unter dem Befehl von SS-Sturmbannführer Kurt Eimann (SS-Wachsturmbann Eimann). Im Oktober und November führte dieselbe Einheit auch den Mord an 1400 deutschen Psychiatriepatienten aus Pommern, der im Norden an Polen angrenzenden preußischen Provinz, aus. Der Gauleiter der NSDAP, Oberpräsident und Reichsverteidigungskommissar für die preußische Provinz Pommern, Franz Schwede-Coburg, wies seine Mitarbeiter an: „Suchen Sie die übelsten Kranken aus.“ Die Selektionen in den pommerschen Anstalten wurden vor Ort von den einzelnen Ärzten vorgenommen. Die Opfer aus Anstalten in Stralsund, Lauenburg, Ueckermünde und Treptow trafen per Bahn in der Stadt Wejherowo (Neustadt) im benachbarten Reichsgau Danzig-Westpreußen ein, einem neu geschaffenen reichsunmittelbaren Verwaltungsbezirk, der die ehemals Freie Stadt Danzig und die polnischen Teile Westpreußens, die 1939 von der Wehrmacht erobert worden waren, umfasste. Dort wurden sie in einen nahe gelegenen Wald gebracht, wo sie erschossen und in Gruben geworfen wurden, die zuvor von polnischen politischen Häftlingen aus dem Konzentrationslager Stutthof bei Danzig ausgehoben worden waren. Eimann persönlich erschoss das erste Opfer. Nachdem die Erschießung beendet war, schaufelten die Stutthof-Gefangenen die Gruben zu und wurden anschließend vom Sturmbann Eimann ebenfalls erschossen. Die geräumten Anstalten in Lauenburg und Stralsund wurden der SS zur Verfügung gestellt, während die Anstalt in Treptow danach als Wehrmachtslazarett diente.14

In einem anderen, ebenfalls neu geschaffenen Reichsgau, dem Wartheland – benannt nach dem Fluss Warta (deutsch: Warthe), der das Gebiet von Südosten nach Nordwesten durchfließt –, wurden die Bewohner mehrerer unterschiedlicher psychiatrischer Einrichtungen im Herbst 1939 ins Fort VII in Poznań (Posen) verbracht und in einer Gaskammer, die in einer der großen Kasematten eingerichtet worden war, mit Kohlenmonoxid ermordet. Die ersten Opfer waren Patienten aus der Heil- und Pflegeanstalt in dem Dorf Owińska (Treskau); sie wurden im Oktober und November im Fort VII vergast. Es war das erste Mal, dass eine solche Tötungsmethode angewendet wurde, und von Fort VII zieht sich ein methodischer roter Faden bis zum industrialisierten Massenmord an den Juden in den Vernichtungslagern auf polnischem Territorium. Der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei Heinrich Himmler nahm während eines Besuchs von Fort VII im Dezember 1939 persönlich an einer Demonstration dieser neuen Methode teil. Am 7. Dezember begann die Evakuierung der psychiatrischen Anstalt Dziekanka (seit 11. September 1939 Gauheilanstalt Tiegenhof) bei Gniezno (Gnesen); dort machte der volksdeutsche Direktor Victor Ratka gemeinsame Sache mit den Besatzern. Bis Weihnachten 1939 waren mindestens 595 Patienten aus Dziekanka ebenfalls im Fort VII vergast worden. Der für die Tötungen in dem Fort Verantwortliche, SS-Untersturmführer Herbert Lange, ermordete Psychiatriepatienten auch, indem er sie in mobilen Gaswagen unter Verwendung von chemisch reinem Kohlenmonoxid aus Stahlzylindern erstickte. Während der ersten Monate des Jahres 1940 wurden auf diese Weise Patienten aus mehreren Anstalten im Wartheland getötet: 532 Patienten in Kościan (Kosten), 499 in Warta, 107 in Gostynin und 600 in Kochanówka bei Łódź. Die solcherart geräumten Einrichtungen wurden für unterschiedliche Zwecke genutzt. So wurde etwa in Kościan ein Infanterie-Bataillon einquartiert, Warta erhielt Volksdeutsche aus Rumänien, und Gostynin wurde der Wehrmacht zur Verfügung gestellt. Langes Gaswagen wurden auch eingesetzt, um 1558 Patienten aus verschiedenen ostpreußischen Anstalten und ungefähr 300 polnische Patienten aus dem annektierten Gebiet von Ciechanów (Zichenau) zu ermorden, die in der zweiten Maihälfte 1940 in das Durchgangslager Działdowo (Soldau) deportiert wurden, wo Lange und sein Sonderkommando für 19 Tage stationiert waren.15

Barbara Stimler, ein jüdisches Mädchen aus der polnischen Kleinstadt Aleksandrów Kujawski, war 1940 ins Ghetto Kutno und dann im darauffolgenden Jahr in das größere Ghetto Łódź verschleppt worden, wo sie anfangs im Kinderkrankenhaus arbeitete. Dort wurde die 14-Jährige Zeugin der Entführung von Kindern aus der Klinik, die anschließend in Lastwagen vergast wurden:

Ich arbeitete noch für einen weiteren Monat oder sechs Wochen in dieser Klinik, als zwei Lastwagen kamen, und sie fingen an, die Kinder in die Lastwagen zu laden, und wir trugen so lange Arbeitskittel, und diese armen Kinder, als wenn sie ahnten, dass ihnen etwas geschehen würde, sie versteckten sich hinter den Arbeitskitteln [und] wollten nicht in die Lastwagen steigen. Aber wir hatten auch Angst, sie sollten uns nicht mitnehmen, und am meisten Angst hatte ich, wenn sie mich mitnehmen, wer wird sich um meine Mutter kümmern. Es war schrecklich. Nachher fanden wir heraus, dass sie die Kinder in den Lastwagen vergasten.16