Das Reisebuch Kanada - Dr. Peter Kränzle - E-Book

Das Reisebuch Kanada E-Book

Dr. Peter Kränzle

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Beschreibung

Lassen Sie sich faszinieren von der atemberaubenden Bergkulisse des Banff-Nationalparks, bewundern Sie die Urgewalt der Niagara-Fälle, beobachten Sie Eisbären und Wale an der Hudson Bay und genießen Sie das französische Flair in Montreal. Das und vieles mehr bietet Kanada! Entdecken Sie die schönsten Ziele des Landes mit unserem Reisebuch Kanada. Hier bekommen Sie die besten Routen zu allen Traumzielen Kanadas. Mit praktischem Kartenatlas.

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Seitenzahl: 502

Veröffentlichungsjahr: 2021

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DAS REISEBUCHKANADA

Die schönsten Ziele entdeckenHighlights, Nationalparks und Traumrouten

Peter KränzleMargit BrinkeKlaus ViedebanttChristian Heeb

INHALTSVERZEICHNIS

Übersichtskarte

Kanada – »North of the Border«

THE MARITIMES

1St. John’s – Östlichster Hafen Nordamerikas

2Trans-Canada Highway – Von Ozean zu Ozean

3Gander – Tankstopp für die Beatles

4L’Anse aux Meadows – Die Entdeckung Amerikas

AUS »INDIANERHÜGELN« WURDEN WIKINGER-RELIKTE

Die Nordmänner-Siedlung der wahren Amerika-Entdecker

5Saint-Pierre et Miquelon – Der Rest von Nouvelle-France

6Cape Breton Island – Hunderttausend Mal willkommen!

7Louisbourg – Immer Sommer 1744

8Kejimkujik – Steinerne Zeugen indianischer Kultur

DAS LAND MIT DEM AHORNBLATT

Kanadas wunderbare Flora und Fauna

9Halifax – Die vitalste Hauptstadt der Maritimes

10Peggy’s Cove – Fotogenes Fischerdorf an der St. Margaret’s Bay

11Lunenburg – Holzhausjuwel mit Schiffbautradition

12Bay of Fundy – Große Oper für den Atlantik

13Campobello Island – Sommersitz von Präsident Roosevelt

14Village Historique Acadien – »Living History« für die ganze Familie

»LITTLE BROTHER OF WAR«

Vom Stickball zum Nationalsport: Lacrosse

15Fredericton – Beschauliche Kulturmetropole und Universitätsstadt

16Kouchibouguac National Park – Salzwiesen, Dünen und Meeresvögel

17Saint John – Betagte Schönheit an der Bay of Fundy

18Prince Edward Island – Sommerfrische im Osten

QUÉBEC

19Îles de la Madeleine – 200 Kilometer durchs Magdalenen-Archipel

20Gaspésie – Zerklüftete Steilküste und malerische Fischerdörfchen

21St. Lawrence River – Vom Atlantik bis zu den Großen Seen

22Anticosti Island – Naturparadies und Friedhof für Schiffe

23Tadoussac – Die kleine Stadt der großen Wale

AIR CREEBEC GIBT INDIANERN FLÜGEL

Viele Stämme der Ureinwohner in Québec sind wirtschaftlich erfolgreich

24Saguenay – Artenvielfalt inmitten grandioser Landschaft

25Québec City – Ein Hauch Europa in Nordamerika

26King’s Road – Der Königsweg zwischen Québec City und Montréal

27Montréal – Québecs Metropole auf einer Insel des St.-Lorenz-Stroms

28Les Laurentides – Der längste Park Kanadas

DIANA, TITANIC UND EIN HEART OF GOLD

Kanadas Musikszene: ein zuverlässiger Lieferant von Welt-Hits

ONTARIO

29Ottawa – Vom Holzfällernest zur Hauptstadt

30Upper Canada Village – Ein Museumsdorf aus Ex-Osnabruck

31Kingston – Geplatzte Hauptstadtträume am Tor zu den 1000 Inseln

32Thousand Islands – Mit dem Boot von Insel zu Insel

33Algonquin Provincial Park – Unter Bären und Wölfen

34WANDERN AUF DER SCHWELLE – BRUCE TRAIL

Schlangen, Orchideen und zwei Nationalparks

35Sainte-Marie among the Hurons – Ein gescheiterter Traum

36Toronto – Weltmetropole und schillernde Vielvölkerstadt

»THE COOLEST GAME ON EARTH«

Eishockey, Kanadas Nationalsport

37The Canadian – Eines der schönsten Bahnabenteuer Kanadas

38Niagarafälle und Niagara-on-the-Lake – Spektakuläre Kaskaden

39Wellandkanal – Die Schleusen-Etappe des Sankt-Lorenz-Seewegs

40Pelee Island – Weininsel am angeblich südlichsten Punkt Kanadas

41Manitoulin Island – Die »Insel des Großen Geistes«

42Sudbury – Einst Minenstadt, heute grüne Oase

BIBERSCHWÄNZE – KEIN FALL FÜR TIERSCHÜTZER

Englands und Frankreichs rustikale Küche sind Kanadas kulinarische Paten

43Sault Ste. Marie – Der lange Weg zum Besuchermagneten

44Thunder Bay – Die Stadt des schlafenden Riesen

DIE PRÄRIEPROVINZEN

45Winnipeg – Manitobas Hauptstadt, »One Great City«

46Mennonite Heritage Village – Museum für eine Religionsgemeinschaft

47Thompson – »Hub of the North«

48Churchill – Eine Kleinstadt mit eigener »Eisbären-Polizei«

49Portage la Prairie – Einst Pelzlager, heute Agrarzentrum

50Riding Mountain National Park – Winnipegs Sommerfrische

51»THE THIN RED LINE«

Auf den Spuren der »Rotröcke« – Red Coat Trail

52Regina – Kanadas »Queen City« und »Heimat« der Mounties

53Moose Jaw – Grüße aus dem Untergrund

54Wanuskewin Heritage – Indianergeschichten am Lagerfeuer

DER ETWAS ANDERE FOOTBALL

Die Unterschiede liegen im Detail – Canadian Football

55Saskatoon – »Saskatchewan’s finest«

56Prince Albert National Park – Berühmt durch »Grey Owl«

57Fort Walsh und Cypress Hills – Endlose Weiten der Prärie

58Grasslands National Park – Mehr Lichtschutz geht nicht

59Batoche National Historic Site – Hauptquartier der Rebellen

ALBERTA

60Writing-On-Stone Provincial Park – »Badlands«

61Drumheller – Im Land der Dinosaurier

62Head-Smashed-In Buffalo Jump – Weltkulturerbe

63DER WILDE WESTEN LEBT!

Unterwegs auf dem Cowboy Trail in Alberta

64Calgary – Von der Cow Town zur Olympiastadt

HONIG VOM DACH FÜR DIE QUEEN

Die Hotelpaläste der kanadischen Eisenbahn sind Ikonen

65Waterton-Glacier International Peace Park – Friede, grenzüberschreitend

66Banff National Park und Lake Louise – Kanadas erster Nationalpark

67Jasper National Park – Grandiose Landschaft inmitten von Gletschern

68»Rocky Mountaineer« – Mit dem Panoramazug von West nach Ost

69DER TRANS CANADA TRAIL

Zu Fuß, per Rad oder im Kanu quer durch alle Provinzen

70Edmonton – Die Stadt der Superlative

71Elk Island National Park

72Wood Buffalo National Park

BRITISH COLUMBIA

73Hamber Provincial Park – Fantastische, unberührte Natur

74Kootenay National Park – Heiße, heilsame Quellen

75CROWSNEST HIGHWAY – ÜBER DIE »ROCKIES«

Malerische Route durch die Bergwelt

76Yoho National Park – Gipfeltreffen im kleinsten Park der Rockies

77Okanagan Valley – Populäres Agrar- und Feriengebiet mit Seemonster

KLEE WYCK – »DIE, DIE LACHT«

Emily Carr und die Kunst der Nordwestküsten-Indianer

78Cariboo Mountains – Wildnis pur zum Schutz bedrohter Tiere

79Kelowna – Fotogene Weinstadt am Okanagan Lake

80Alaska Highway – Unterwegs durchs wilde Kanada

81Kamloops – Wo sich die Cowboys zum Feiern treffen

82Williams Lake – Heimliche Hauptstadt des Rodeo

83Whistler – Paradies für Wintersportfreunde

84Vancouver – Pazifikmetropole mit Old-World-Charme

85Victoria, B.C. – Stadt der Gärten

86Vancouver Island – Natur- und Wildnisparadies im Pazifik

87Inside Passage – Eines der besten Reviere, um Orcas zu sehen

88Bella Coola – Wildnistouren und Heli-Skiing

DAS KANU IST EIN TEIL DER NATIONALEN IDENTITÄT

Im Winter setzt Kanada auf seine Snowmobiles

89Haida Gwaii/Queen Charlotte Islands – »Canada’s last Frontier«

90Prince Rupert – Das Schutzgebiet für Grizzlys

91Region Hazelton – Indianerkultur im Freiluftmuseum

DER NORDEN

92Whitehorse – Startpunkt für Touren in die Wildnis

93White Pass & Yukon Railroad – Ins Eldorado der Goldsucher

94Kluane National Park – Heimat des Mount Logan

95Dawson City – Die Goldrausch-Metropole

96Inuvik – 56 Tage Mitternachtssonne am Arktischen Meer

97Nahanni National Park – Wild, spektakulär und geheimnisvoll

98Yellowknife – Glücksrittercamp und zweitkleinste Hauptstadt des Landes

IM SOMMER HEISS, IM WINTER WEISS

Klima und Wetter im Norden Amerikas

99Mackenzie Highway – Straße der Superlative

100Great Bear Lake – Fischen meist nur fürs Foto

101Iqaluit – Tourismus als Wachstumsstrategie

102Resolute – Startpunkt für Reisen an den Nordpol

103Auyuittuq National Park – Eis-Kulisse für Agententhriller

104Nordwestpassage – Durch Eis und Einsamkeit

Straßenkarten

Register

Text-/Bildnachweis

Impressum

Der Herbst ist überall in Kanada eine großartige Jahreszeit, ob in Neufundland oder in den Wäldern von Nova Scotia. Vor den Küsten sind Wale aller Art regelmäßige Besucher. Blick vom CN Tower auf die Millionenstadt Toronto. Eine kanadische Fähre auf dem Lake Ontario (von links nach rechts).

Blick auf Vancouver vom Stanley Park. Meeting of two worlds, eine Plastik in L’Anse aux Meadows. Ste. Cécile in Petite-Rivière-de-l’Île, bekannt für ihr Barockmusikfest im Juli. Heuernte und früher Schnee bei Cowley im Süden Albertas. Ein Blackfeet-Indianer in Tracht beim Pow Wow. Der Montmorency-Fall bei Québec City ist mit 83 Metern Höhe rund 30 Meter höher als die Niagarafälle (von links nach rechts).

Beeindruckender Blick auf Québec samt Château Frontenac

Die berühmten Niagarafälle

Rinderfarm am Bob Creek Wildland Provincial Park

Das Prince of Wales Hotel im Waterton Lakes National Park in Alberta wurde 1927 errichtet.

KANADA – »NORTH OF THE BORDER«

Ein Besuch im zweitgrößten Land der Welt

Kanada – allein der Name des riesigen Landes hat einen magischen Klang. Bei den meisten Menschen ruft er Bilder von der endlosen Weite der Prärie, von schneebedeckten Bergen, dichten Wäldern und glasklaren Seen hervor. Gerade wegen seiner unberührten Natur, seiner Vielgestaltigkeit und Weitläufigkeit ist Kanada das Traumland stressgeplagter Europäer. Doch die Natur ist nur eine Seite Kanadas …

Der Howser Spire (3412 m) ist der höchste Gipfel der Bugaboo Mountains in British Columbia.

Die Nordamerikaner haben vieles gemeinsam – Gastfreundschaft, Toleranz, Sprache und zum Teil auch die Geografie –, und doch sind die Menschen »North of the Border« anders: Die Unterschiede sind tiefgehender als nur die spezifische Aussprache des Englischen und die andere Währung und Maßeinheiten. Sie hängen eng mit der unterschiedlichen Geschichte zusammen. So verspürten die Kanadier nie einen ähnlichen Drang zur Souveränität gegenüber der englischen Krone wie die Amerikaner, die sich gewaltsam vom Mutterland lossagten und zwei Kriege gegen die Krone führten. Die Kanadier wählten einen friedlichen und langwierigen, am Ende aber ebenso effektiven Weg in die Unabhängigkeit.

Angesichts des übermächtigen und selbstbewusst auftretenden südlichen Nachbarn, der regional lebensfeindlichen Geografie und der extremen Klimabedingungen versteht man die spezifischen Charakterzüge der Kanadier besser: ausgeprägtes Kritikbewusstsein einerseits und Selbstzweifel andererseits. So behaupten die Kanadier beispielsweise gern, dass es bei ihnen nur zwei Jahreszeiten gäbe: einen kurzen heißen Sommer und einen endlos langen, kalten und schneereichen Winter.

Die Overlander Falls des Fraser River, British Columbia.

Viele eckige und ein runder Turm: Die Bibliothek beim Parlamentskomplex in der Bundeshauptstadt wirkt wie eine Kathedrale.

»Winter – make the most of it or go crazy!«

Tatsächlich bedeckt zwischen November und März eine dicke Schneeschicht den Großteil des Landes. Ausgespart bleiben nur die Regionen im äußersten Westen um Vancouver Island, wo fast mediterranes Klima herrscht, sowie die maritime Ostküste. Hier finden sich entlang der Meerenge von Northumberland, zwischen New Brunswick und Prince Edward Island, die wärmsten Gewässer nördlich des US-Südstaates Virginia: An der Parlee Beach in Shediac werden im Sommer 23 Grad Wassertemperatur gemessen!

Es soll der legendäre Leif Eriksson, Sohn des »roten Erik«, gewesen sein, der von Grönland erstmals nach »Vinland« gesegelt ist. Bei L’Anse aux Meadows, an der Küste Neufundlands, fand man in der Tat Siedlungsspuren der Wikinger aus der Zeit um 1000. Doch das raue Klima und die unfreundlichen Indianer waren selbst den harten Wikingern zu viel; sie zogen rasch wieder ab, und es sollte mehrere Jahrhunderte dauern, bis wieder Schiffe vor Kanada auftauchten.

Der Bretone Jacques Cartier, der auf mehreren Fahrten zwischen 1534 und 1537 die Atlantikküste erforschte, entdeckte die St.-Lorenz-Bucht und segelte erstmals ins Landesinnere, um das Gebiet für den französischen König in Besitz zu nehmen. Zwischen 1603 und 1615 initiierte dann Samuel de Champlain die Besiedelung des St.-Lorenz-Tals und gründete 1608 Québec City. Von hier aus strömten französische Siedler, Händler und Pelzjäger allmählich auch ins Landesinnere.

Nachdem sich die Briten weiter südlich breitgemacht hatten, waren Konflikte zwischen den beiden Kolonialmächten vorprogrammiert. Nach der Eroberung von Québec City (1759) und Montréal (1760) ergab sich Gouverneur Vaudreuil dem britischen General Jeffrey Amherst. Endgültig besiegelte dann der Frieden von Paris 1763 den Waffenstillstand, und das kanadische Neu-Frankreich wurde britische Kronkolonie.

Kanadas Geburtsstunde

Lange unter Selbstverwaltung und nur locker mit der britischen Krone liiert, ratifizierten die Briten am 1. Juli 1867 den Ist-Zustand: Das Dominion of Canada wurde ein eigenständiger Staat, zunächst bestehend aus den Provinzen Ontario, New Brunswick, Québec und Nova Scotia. 1870 trat Manitoba der Konföderation bei, 1871 folgte British Columbia, 1873 Prince Edward Island, 1905 Alberta und Saskatchewan und 1949 Newfoundland. Schließlich gehören noch drei Territories, nämlich Yukon (1898), Northwest Territories (1870) und Nunavut (1999) zu Kanada. Die letzten verfassungsrechtlichen Bindungen mit dem Mutterland wurden mit dem Canada Act von 1982 gelöscht.

Kanada ist bis heute eine parlamentarische Monarchie, deren politisch-demokratisches System dem britischen entspricht. Eine wichtige Rolle für das Zusammenwachsen der Nation und das Entstehen des modernen Staatswesens spielte einerseits der Bau der ersten Überland-Eisenbahnlinie zwischen 1881 und 1885, andererseits die Gründung der North West Mounted Police am 3. Mai 1873. Die legendären rot berockten »Mounties« sorgten nicht nur für Recht und Ordnung, sondern trugen auch erheblich zur Erschließung der kanadischen Wildnis bei.

Ein Land der Einwanderer

Mit nur etwa vier Einwohnern pro Quadratkilometer gehört Kanada zu den am dünnsten besiedelten Ländern der Welt. Dabei lebt ein Drittel der über 38 Millionen Kanadier in den drei größten Metropolen Toronto, Montréal und Vancouver, ein weiteres Drittel in den anderen Städten. Fast 80 Prozent der Gesamtbevölkerung konzentrieren sich dabei auf den etwa 500 Kilometer breiten Korridor entlang der US-Grenze.

Nach 1867 war der junge Staat froh um jeden, der mithalf, das Land fruchtbar zu machen. Man warb um Neusiedler, und Millionen von Einwanderern suchten bis zur Verschärfung der Einwanderungsbestimmungen in den 1950er-Jahren ihr Glück in den Weiten Kanadas. Heute können knapp die Hälfte der Kanadier auf britisch-irische und 14 Prozent auf französische Vorfahren verweisen. Mit knapp zehn Prozent bilden die Deutschen die nächstgrößte Gruppe; etwa vier Prozent sind indianischer Herkunft.

Ein Blackfeet-Chief in Alberta.

Frommes Glas: ein Kirchenfenster in der Kathedrale der Heiligen Dreifaltigkeit in Québec City.

Vielfalt im zweitgrößten Land der Welt

Der Name Kanada leitet sich von einem Indianerwort ab. In der Sprache der Irokesen bedeutet »kanata« Dorf oder Siedlung. Dieses Kanada ist allerdings ein ganz besonderes »Dorf«, nämlich das nach Russland flächenmäßig zweitgrößte Land der Erde.

Vom östlichsten Punkt Cape Spear in Neufundland bis zum westlichsten, Mount St. Elias im Yukon Territory an der Grenze zu Alaska, sind es immerhin 5514 Kilometer. Kein Wunder, dass man bei einer Durchquerung des Landes nicht nur sechs Zeit-, sondern auch sechs geografische Zonen passiert: den kanadischen Schild, der mit 4,7 Millionen Quadratkilometern fast die Hälfte Kanadas zwischen Labrador und den Northwest Territories einnimmt, die arktischen Inseln (8 %), das Tiefland zwischen den Großen Seen und dem St.-Lorenz-Strom (1 %), die Bergwelt der Appalachen (3 %), die Prärie (18 %) sowie die Rocky Mountains (16 %).

Angesichts dieser Größe und Vielfalt eine Auswahl zu treffen, ist eine fast unlösbare Aufgabe. Da wird man das eine vermissen oder sich darüber wundern, warum eine andere Attraktion ins Buch aufgenommen wurde. Ziel der Auswahl war, dass diese zusammengenommen einen Überblick über dieses vielgesichtige und sehenswerte Land geben und dazu anregen, Kanada selbst zu erkunden.

Im Frühtau zu Berge.

Der Leuchtturm auf Cape Spear, Neufundland.

THE MARITIMES

Raue Schönheiten am Atlantik

Der neuere der beiden Leuchttürme auf Cape Spear.

Der Balancing Rock in St. Mary’s Bay auf Long Island in der Bay of Fundy.

Ein »Wachsoldat« mit garantiert nicht funktionsfähigem Vorderlader in der Festung Louisbourg, Nova Scotia.

ÖSTLICHSTER HAFEN NORDAMERIKAS – ST. JOHN’S

Wo die Sonne in Nordamerika an Land geht

Es ist eine ungewöhnliche Provinz, die in St. John’s verwaltet wird: Die etwa 109 000 Quadratkilometer große Insel Neufundland mit 94 Prozent der rund 500 000 Einwohner und Labrador auf dem Festland, fast dreimal so groß, aber von weniger als 30 000 Menschen besiedelt. Die lebendige, musiksprühende Kapitale ist stolz auf ihren Rang als eine der ältesten Städte Nordamerikas.

Kanadas bunter Osten: Häuser in der Altstadt von St. John’s.

Der Pier an der Kleinbrauerei in Quidi Vidi bei St. John’s birgt auch Läden und ein Restaurant.

Good morning America«, summte der Engländer neben uns an der Reling, als unser Kreuzfahrtschiff nach der Atlantik-Überquerung auf die Hafeneinfahrt von St. John’s zusteuerte. Neufundland, das »neu gefundene Land«, heißt die große Insel, die sich vor einer knappen Stunde aus dem Morgendunst herausgeschält hatte. So ähnlich mögen es 1497 auch John Cabot und seine Leute empfunden haben, als sie nach gefährlicher Fahrt ins Unbekannte die »neu gefundene« Insel erreichten. Der Italiener in englischen Diensten war der erste Europäer, der Schriftliches zu dieser Küste hinterließ. »Good morning America« – nirgendwo passt das besser als hier, in der östlichsten Stadt Nordamerikas, wo die ersten Sonnenstrahlen den Halbkontinent erreichen. Aber auch eine perfekte Lage für Kaufleute, Seeleute und Militärs, insbesondere zu Zeiten, da man noch auf Nussschalen mit Segeln die Ozeane befuhr. Dazu ein Hafen, wie ihn Kapitäne lieben: gerade Einfahrt und dahinter eine große, tiefe und perfekt geschützte Bucht. Die Waren für den bald blühenden Hafen lieferte die Natur frei Haus, an Land das Holz der Wälder, auf See die unerschöpflichen Heringsschwärme, die schon im Mittelalter Europa nicht nur zu Fastenzeiten ernährten.

Wieder Wohlstand dank Öl und Gas

Scheinbar unerschöpflich: Im 20. Jahrhundert schafften es neue Fangtechniken und die Gier einheimischer wie fremder Fischer, die Gewässer leer zu fischen. Neufundlands bedeutendstes Gewerbe starb, der vormals reiche Hafen, der noch im Zweiten Weltkrieg Amerikas wichtigster Versorgungshafen für die britischen Alliierten war, verfiel in Bedeutungslosigkeit. Wären nicht die Regierungsjobs gewesen – St. John’s ist die Hauptstadt der Provinz Neufundland und Labrador –, hätte die Stadt einer trüben Zukunft entgegengesehen. Und wieder sorgte dann das Meer für gediegenen Wohlstand, nun mit Öl- und Gasquellen vor Kanadas Ostküste. Unser weißer Dampfer schob sich durch die nur elf Meter breite Hafeneinfahrt, zur Rechten vorbei am Signal Hill, der heute unser erstes Ziel sein sollte. Wie ein Panorama erstreckte sich die Stadt, überragt von den beiden Türmen der Kathedrale von 1855, die dem Stadtpaten Johannes dem Täufer gewidmet ist, und von dem eigenwilligen Neubau »The Rooms« für die Kunstgalerie und das Provinzmuseum. Als unser schwimmendes transatlantisches Heim langsam an die Pier glitt, konnte man in einige der Straßen blicken und erkennen: Wie in anderen nordischen Ländern lieben auch die »Newfies« bonbonbunte Hausfassaden, ihre »Jelly Bean Houses«.

Blick vom historischen Signal Hill auf St. John’s, die Provinzhauptstadt von Newfoundland and Labrador.

Fans spielen den altenglischen Militäralltag nach.

Das Heimatmuseum »The Rooms«.

Zwischenstopp im Hotel, den Murray Premises direkt an der Uferstraße, ein historisches Lager- und Verarbeitungsgebäude für Fisch, innen mit allen modernen Segnungen versehen. Zu Fuß stramm bergauf zum Signal Hill, in der gut 100 000 Bürger zählenden Kommune ist fast alles »per pedes« zu erreichen. Hier oben entstehen die besten Fotos von Stadt und Hafen. Die Signalmasten wurden einst nicht nur für militärische Zwecke genutzt, sondern auch, um den Schauerleuten im Hafen kundzutun: ein Kauffahrer in Anfahrt auf die Piers. Der Hügel hat zweimal Geschichte geschrieben: 1762 unterlagen hier in der letzten Schlacht des Siebenjährigen Krieges die Franzosen den Briten. Und im Dezember 1901 empfing Guglielmo Marconi hier die erste drahtlose transatlantische Nachricht, die Morsezeichen waren im englischen Cornwall gesendet worden. Der Cabot Tower entstand erst 1897, er birgt heute im Sommer ein kleines Museum, einen Souvenirkiosk und ein Amateurfunkstudio, in dem Funker aus aller Welt ihre Nachrichten senden können. Freiwillige in historischen Uniformen zeigen dann militärische Riten und feuern um zwölf Uhr die »Noon Day Gun« ab.

Kleines Museum für »Titanic«-SOS

Auf dem Rückweg in die Stadt lohnt sich für »Titanic«-Fans ein Stopp im Johnson Geo Centre in der Signal Hill Road 175. Das interaktive Wissenschaftsmuseum birgt eine »Titanic«-Ausstellung, auch das Provinzmuseum widmet sich dem Untergang des »unsinkbaren« Schiffes im Jahr 1912. Bei dem Unglück fast 600 Kilometer südöstlich der Küste von Neufundland kamen mehr als 1500 Menschen ums Leben. Neufundland hat nur eine geringe Verbindung zu der Katastrophe: In St. John’s liefen auch Rettungsschiffe aus, und am Cape Race, etwa 140 Kilometer südöstlich der Hauptstadt, fing eine Morse-Station der Marconi Company das SOS der »Titanic« auf. Dort befindet sich heute ein kleines Museum.

Blick von der Fort Amherst Road über den St. John’s Harbour.

In St. John’s könnte man heutzutage die »Titanic« retten: Im Schiffssimulator des Marine Institute kann man neben anderem auch die Eisfahrt trainieren. Angesichts der zahllosen kleinen und größeren Eisberge, die an Neufundlands Küste entlanggleiten, eine überaus notwendige Schulung. Das Institut gehört zur Memorial University, mit rund 19 000 Studenten die größte Hochschule in den atlantischen Provinzen. Bei dieser Zahl ist es nicht verwunderlich, dass St. John’s für seine Kneipen-, Club- und Musikkultur bekannt ist. Das Epizentrum der Szene ist die nur zwei Blocks lange George Street, eine Fußgängerzone, die an Wochenendnächten voller Menschen ist.

Westlichste Stadt Irlands

Die welterfahrene britische Reisebuchautorin Jan Morris war sichtlich so beeindruckt, dass sie St. John’s als »unterhaltsamste Stadt in Nordamerika« adelte. Wäre die Waliserin Irin, könnte man dieses Lob eher verstehen: Auffallend sind in der George Street nämlich die Irish Pubs. Kein Zufall, denn die Stadt hat einen hohen Anteil an Bürgern irischer Abstammung. Das ist auch der »New York Times« aufgefallen. Sie hat in St. John’s den »stärksten irischen Akzent westlich von Galway« gehört.

Galways transatlantischer Widerpart, St. John’s, rühmt sich zwar zu Recht als Kanadas östlichste Stadt. Aber der Titel »östlichster Ort« gebührt Cape Spear, 12 Kilometer südöstlich der Stadt. Der Name des Kaps verbirgt einen Mini-Querschnitt durch Neufundlands Geschichte: Portugiesische Kabeljaufischer nannten den Ort Cabo da Esperança, Kap der Hoffnung. In Zeiten von Nouvelle-France, den französischen Kolonien in Amerika, wurde der portugiesische Name übersetzt in Cap d’Espoir, nach dem Sieg der Briten verballhornten sie diesen Namen in Cape Spear.

Auf der Landspitze stehen heute zwei Leuchttürme. Der markante von 1836, für den das Turmwärterhaus rings um das Leuchtfeuer gebaut wurde, zählt zu den Bildikonen Ostkanadas. Das älteste erhaltene Signallicht in Neufundland ist heute ein Museum, die Navigationshilfe für den Hafen von St. John’s hat 1955 ein schlanker Betonturm übernommen. Hier geht der Blick weit hinaus auf den Atlantik. Und wer sich umdreht, hat das zweitgrößte Land der Erde vor sich.

TOP ERLEBNISSE

ZEITZONEN

Die Insel Newfoundland hat eine eigene Zeitzone, genannt Newfoundland Standard Time (NST). Diese gilt auch in einem Teil von Labrador. Ansonsten liegt Labrador, der Festlandsteil der Provinz, wie die drei anderen atlantischen Provinzen New Brunswick, Nova Scotia und Prince Edward Island in der Zeitzone der Atlantic Standard Time (AST).

GOVERNMENT HOUSE

Die koloniale Residenz von 1831 ist der Sitz des Lieutenant-Governor, des Vertreters der Queen in der Provinz, der heute vornehmlich repräsentative Aufgaben hat. Die schönen Parkanlagen sind meist öffentlich zugänglich. Die einst enormen Baukosten waren ein Skandal, London kürzte dem damaligen Gouverneur, Sir Thomas Cochrane, deswegen das Gehalt.

www.govhouse.nl.ca

TEE IN DER KRYPTA

Die neogotische anglikanische Kathedrale St. John the Baptist, 1843 begonnen und eine Touristenattraktion in der Provinzhauptstadt, richtet seit mehr als 20 Jahren im Juli und August in der Krypta eine Teestube ein. An jeweils vier Tagen in der Woche wird in dem Gewölbe an fein gedeckten Tischen auch Selbstgebackenes serviert.

WEITERE INFORMATIONEN

www.discoversaintjohn.com

In Kelly’s Pub auf der George Street.

VON OZEAN ZU OZEAN – TRANS-CANADA HIGHWAY

8030 eindrucksvolle Kilometer durch alle zehn Provinzen

Der Trans-Canada Highway (TCH) ist eine der wenigen Fernstraßen, die endlos lang erscheinen, aber doch nur ein Land durchmessen. Der Trans-Sibirien Highway und der Highway 1 rings um Australien sind seine Vettern. Jedes Jahr machen sich einige hundert Touristen auf diese Reise, meist mit Wohnmobilen. Ein besonderer, aber auch zeitzehrender Urlaub – und auch deshalb ein recht exklusives Erlebnis.

Die Brücke zu Prince Edward Island verbindet die kleinste Provinz mit dem Rest Kanadas.

Am Yellowhead Highway warnt ein Schild vor kreuzenden Wapiti-Hirschen.

Eine Sport- und Veranstaltungshalle in St. John’s, der Hauptstadt von Neufundland und Labrador, nannte sich bei ihrer Eröffnung 2001 clever »Mile One Stadium«. Seither gilt die Adresse 50 New Gower Street als östlicher Startpunkt des Trans-Canada Highway. Die Namensrechte liegen übrigens bei einer Familienstiftung, aber sollte sie sie der Stadt eines Tages entziehen, wäre diese wohl auch clever und suchte sich einen Platz für den sinnvolleren Namen »Mile zero«, wie es die Kollegen am anderen Ende des Highways in Victoria, British Columbia, getan haben.

Aber was ist schon eine Meile bei einer Gesamtlänge von 4990 Meilen? Pardon, von 8030 Kilometern, schließlich hat Kanada in den 1970er-Jahren eine »Metrification« gestartet. Aber auch die Kilometerzahl ist nicht in Marmor gemeißelt, tritt mit verschiedenen Längenmaßen auf, von den 7821 Kilometern, die Google meldet, bis zu den rund 12 800 Straßenkilometern, die das grüne Schild mit dem weißen Ahornblatt ziert. Zu dieser Ziffer summieren sich diverse Parallelstraßen, so teilt sich hinter Winnipeg in Manitoba die Trasse: Die nördliche Route erreicht den Pazifik in Prince Rupert nahe der Grenze zu Alaska, die südliche in Vancouver.

Die Nationalstraße von West nach Ost

Dafür lässt der TCH die größte Stadt des Landes, Toronto, und die größte Touristenattraktion, die Niagarafälle, links, eigentlich: rechts liegen. So kommen dann Orte wie Petawawa oder Mattawa zu Straßenehren. Nie gehört? Muss auch nicht sein. An Halifax, der Hauptstadt von Nova Scotia, gleitet das transkontinentale Asphaltband ebenfalls ignorant vorbei. Aber sonst reiht die in jeder Richtung mindestens zweispurige Fernstraße fast alles auf, was in den Provinzen einen Namen oder touristischen Rang hat oder ermöglicht zumindest kurze Abstecher dorthin. Neufundland ist eine Insel ohne Brücke zum Festland, folglich mutiert die Ahornblatt-Straße in Port aux Basques zum schwimmenden Highway, bis das Fährschiff der Marine Atlantic 178 Kilometer und sechs bis acht Stunden später in North Sydney, Nova Scotia anlegt. Auch am anderen Ende der Straße sind Autofahrer noch einmal auf Fähren angewiesen, um in British Columbia nach Victoria auf Vancouver Island oder weiter nördlich von Prince Rupert nach Skidegate auf Graham Island im Haida-Gwaii-Archipel zu gelangen. Eine Route getreu dem kanadischen Staatsmotto »A Mari Usque Ad Mare«, was übersetzt aus dem lateinischen Psalm 72,8 bedeutet: »Von Ozean zu Ozean«.

Dazwischen durchläuft das nationale Asphaltband, nun immer zu Lande, nach Nova Scotia die Provinzen New Brunswick nebst der benachbarten Insel Prince Edward Island. Die mit Abstand kleinste Provinz ist erst seit 1997 über die knapp 13 Kilometer lange Confederation Bridge mit dem Festland verbunden. Weiter westlich folgen die beiden Schwergewichte unter den kanadischen Provinzen: Québec und Ontario, ehe es in die Prärieprovinzen Manitoba, Saskatchewan und Alberta geht. Albertas Westen liegt aber bereits in den Rocky Mountains, die sich in British Columbia fortsetzen und vor der Pazifikküste durch die Kette der Coast Mountains sehr passend ergänzt werden. Die Bergpassagen des Trans-Canada Highway sind die attraktivsten Streckenabschnitte, entsprechend viele Touristen genießen hier zuckelnd die alpinen Panoramen – das natürlich nicht unbedingt zur Freude der Trucker, die ihre Frachtmonster möglichst schnell über die Pässe und durch die Täler treiben wollen.

Unter Wohnmobil-Urlaubern ist der TCH, hier beim Castle Mountain in Alberta, sehr geschätzt.

Biker am Bonavista-Leuchtturm.

Trucks sind ständige Begleiter auf dem TCH.

Der Nationalheld auf dem Highway

Als die Politiker in Ottawa 1949 das Trans-Canada-Highway-Gesetz verabschiedeten und 1950 die Bauarbeiten begannen, spielte der Tourismus noch keine große Rolle. Wichtig war ein sicherer und einigermaßen schneller Transportweg, der auch im Winter passierbar gehalten wurde. Relativ schnell, schon 1962, wurde der Highway offiziell eröffnet. Das war möglich, weil bereits bestehende Straßen genutzt werden konnten und weil die Baumaßnahmen noch liefen. Sie wurden erst 1971 abgeschlossen. Der TCH war von Beginn an als System von Straßen geplant, deshalb trägt er nicht überall die Nummer 1. Hier reihen sich diverse Provinz- und sonstige Nummerierungen aneinander. Teilweise tragen Streckenabschnitte auch Zusatznamen.

Die Hochseefähre zwischen Neufundland und Nova Scotia ist Teil des Highways.

Zwei ehren den bekanntesten Nutzer der Straße – einen Fußgänger. Nein, einen Marathonläufer. Dem sportlichen Terry Fox war als 19-Jährigem wegen Knochenkrebs ein Bein abgenommen worden. Fox beschloss daraufhin, mit seiner Beinprothese den Trans-Canada Highway abzulaufen, um damit Spenden für Krebsopfer zu sammeln. Jeden Tag wollte er bei seinem »Marathon der Hoffnung« 42 Kilometer zurücklegen. Er begann in St. John’s, Neufundland, und hatte anfangs kaum Resonanz. Nachdem aber immer mehr Medien über ihn berichteten, kamen die Menschen an die Strecke, und die Spendeneinnahmen stiegen. Fox wurde ein Nationalheld. Aber am 1. September 1980, nach 143 Tagen und 5373 Kilometern, musste er bei Thunder Bay in Ontario aufgeben. Metastasen seines Krebses hatten die Lunge erreicht. Im Juni 1981 starb er 22-jährig. Ein Denkmal erinnert an der Stelle, an der er seinen Lauf abbrach, an ihn. Dort heißt die Straße auf 83 Kilometern »Terry Fox Courage Highway«. 2014 beschloss die Regierung von Manitoba, auch einem Abschnitt der Straße nach dem in Winnipeg geborenen Mann zu nennen, den »Terry Fox Memorial Highway«. Die Fox-Stiftung arbeitet weiterhin erfolgreich, und alljährlich finden in Kanada und anderen Ländern Gedächtnisläufe zugunsten Krebskranker statt.

Trotz Neil Young & Co noch kein Mythos

Andere prominente Namen, die mit dem TCH verbunden sind, haben ihn – zumindest in Nebensätzen – musikalisch verewigt: die Sänger Neil Young, Manfred Mann und Gene Pitney. Der Südafrikaner Mann und der Amerikaner Pitney nahmen einen Song mit dem Titel »Trans-Canada Highway« auf, Pitney landete damit sogar einen Hit. Young, geboren in Toronto und somit abseits der berühmten Piste, begann seinen Song »Bound for Glory« mit der Zeile »Out on the Trans-Canada Highway«. Literarisch hat diese fast endlose Straße bislang keine tiefen Spuren hinterlassen. Das große kanadische Highway-Epos steht jedenfalls noch aus. Fast jedermann in Kanada kennt zwar den Trans-Canada Highway, aber ein Mythos wie andere große Straßen ist er nicht.

Dennoch die Frage an Dennis, der uns auf der Fährte nach dem innerstädtischen TCH durch sein Vancouver kutschierte: Ist er die kanadische Variante der ungleich bekannteren »Route 66« in den USA? Er winkt ab: »Die Route 66 reicht ja gar nicht von Meer zu Meer. Und außerdem gibt es nur noch ein paar Kilometer von ihr. Sie ist Geschichte. Der Trans-Canada Highway ist die Zukunft!« Es kann doch noch etwas werden mit dem Mythos.

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IMPORTIERTE ELCHE

Der Stolz von Deer Lake am Trans Canada Highway ist eine überlebensgroße Plastik eines Moose, ein sicherer Selfie-Stopp. Nun mangelt es Kanada nicht an Denkmälern der nordamerikanischen Elche. Aber dieses hier hat einen Grund: Auf Newfoundland gab es die Tiere mit den Schaufelgeweihen nicht – bis 1904 vier Exemplare eingeführt wuden. Jetzt streifen etwa 150 000 Elche über die Insel.

ZWEIMAL NEWFIES

»Newfies« war ein nicht immer freundlicher Spitzname für die Neufundländer. In Kanada kursierten einst dumme Newfie-Jokes, ähnlich den Ostfriesenwitzen in Deutschland. Anderen Newfies war allerseits stets Sympathie sicher – den großen, meist schwarzen Neufundländer-Hunden. Sie gelten als friedfertig, selbst umzingelt von nervigen Kindern.

JAMES COOK WAS HERE

Er blickt oberhalb von Corner Brook weit über Küste und See, seine schmucke Statue hat er verdient: James Cook hat 1767 als Erster Neufundlands Westküste kartografiert. Die »National Historic Site« auf dem Crow Hill zeigt einige dieser Karten. Überdies bietet sich hier ein prächtiger Blick über die Bay of Islands.

WEITERE INFORMATIONEN

http://transcanadahighway.com

Auf Nebenstraßen kann man in Ontario auf Amische und ihre Pferdewagen treffen.

Tankstopp für die Beatles – Gander

»Drehscheibe der Welt«

Wie kamen Fidel Castro und Liz Taylor – nicht zusammen – in eine Kleinstadt in Newfoundland? Wie kam ein nagelneuer Lufthansa-Airbus zu dem Namen Gander? Der Grund für beides ist der 1938 eröffnete Flughafen, der kurz darauf vier Runways intensiv nutzte und damals der größte zivile Airport der Welt war. 2001 machte »Gander International« noch einmal Schlagzeilen in der Luftfahrtgeschichte.

Eines der Denkmäler, die an Ganders Luftfahrt-Historie erinnern.

Als die Arbeiter 1936 auf dem alten Bahngelände von Gander bei St. John’s anrückten, hatten sie einen Auftrag: »Baut den größten Flughafen der Welt!« Hier war nämlich die erste Möglichkeit, jenseits des Atlantiks niederzugehen und die fast leeren Tanks zum Weiterflug aufzufüllen. Die Prognose war richtig, nach 1945 entwickelte sich der transatlantische Luftverkehr trotz der schwachbrüstigen Propellermaschinen gewaltig. Bald wurde Gander »Crossroads of the World« genannt, frei übersetzt »Drehscheibe der Welt«. Der Titel war berechtigt, zumindest für die atlantische Welt. Gander gehörte schnell zu den verkehrsreichsten Flughäfen, wobei dieser Ansturm nur bis in die 1960er-Jahre anhielt. Die kleine Stadt erlebte die Weltstars jener Tage, von Elizabeth Taylor und Frank Sinatra bis zu Jackie Kennedy und Fidel Castro. Auch die Beatles zeigten sich beim Tankstopp in Neufundland. Das schnell wachsende Gander nannte seine Straßen nach berühmten Fliegerinnen und Fliegern.

»Hollywood-Epoche« im Inlandsterminal

Die Glanzzeiten gingen zu Ende, als neue Flugzeuge – vor allem mit dem Beginn des Jet-Zeitalters – immer größere Reichweiten hatten und über Gander hinweg die nordamerikanischen Metropolen direkt erreichen konnten. Gander verstand es aber, mit Reparaturwerften und technischem Service für die Luftfahrt weiterhin wichtig zu bleiben. An die »Hollywood-Epoche«, wie sie ein amerikanischer Fliegerveteran bei einem Nostalgie-Urlaub im Nordosten nannte, erinnern heute die Ausstellung »Atlantic Wings« im Inlandsterminal des Flughafens und vor allem das North Atlantic Aviation Museum am Trans-Canada Highway. Neben einigen Flugzeugen aus den 1930er- bis 1950er-Jahren besitzt die Sammlung auch eine mehr als 80 Jahre alte DC-3, die an der Rückwand des Museums zersägt befestigt wurde: Der hintere Teil ragt in die Halle, die Pilotenkanzel scheint die Wand nach außen durchdrungen zu haben. Von der Innenseite kann man ins Cockpit gelangen und hat von dort aus einen Blick über den Lake Gander, der dem Flughafen einst den Namen gab.

Das Museum widmet sich natürlich auch der größten Katastrophe in der kanadischen Luftfahrt: Kurz vor Weihnachten 1985 war eine aus Köln gekommene DC-8 der Arrow Air beim Start zum Weiterflug abgestürzt und ausgebrannt. Alle acht Piloten und Flugbegleiter sowie alle 256 Passagiere, amerikanische Soldaten, die von einer Friedensmission auf dem Sinai zurückkehrten, kamen dabei zu Tode. Ein Denkmal am Trans-Canada Highway ist den Opfern des Unglücks gewidmet.

Ganders generöse Gastfreundschaft

»Operation Yellow Ribbon« (Aktion Gelbes Band) lief unmittelbar nach den Terrorangriffen des 11. September 2001 an. Da der Luftraum über den USA und die Airports von Toronto, Montréal und Ottawa sofort gesperrt wurden, mussten die bereits anfliegenden Jets auf kanadische Flughäfen umgeleitet werden. Am Atlantik nahmen Halifax in Nova Scotia und Gander die meisten Maschinen auf. In Gander parkten schließlich 38 große Langstreckenjets, und in der 10000-Einwohner-Stadt benötigten rund 6656 Passagiere und Crews eine Unterkunft. Viele fanden sie bei hilfreichen Privatleuten. Gander wurde damals über Nacht weltweit bekannt für seine generöse Gastfreundschaft. Auch andere Orte gewannen in diesen Tagen viel Sympathie, Halifax etwa. Die Lufthansa, die mit sieben Flugzeugen und rund 1500 Passagieren betroffen war, taufte 2002 als Zeichen des Dankes einen Airbus A 340 auf den Doppelnamen Gander/Halifax. Eine Ausnahme, denn LH-Passagierjets wurden und werden ausschließlich nach deutschen Städten und Bundesländern benannt.

Auch für Flugboote war der transatlantische Airport Gander auf Neufundland ein wichtiges Ziel.

Twillingate liegt direkt an der »Iceberg Alley«.

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DIE HAUPTSTADT DER EISBERGE

Twillingate, 100 Kilometer nördlich von Gander gelegen, rühmt sich als »Iceberg Capital of the World«, sein Leuchtturm am Long Point (1876) gilt als einer der besten Orte in Newfoundland, um die vorbeigleitenden Eisberge zu bestaunen. Es sind zwar nur Reste der weißen Riesen aus Grönland, aber selbst sie erreichen oft Titanic-Format. Ihre Größe erkennt man erst, wenn man mit Ausflugsbooten hinausfährt. Iceberg Season ist im Mai und Juni. An Bord gibt es Drinks auf Eisberg-Eis, das beim Schmelzen knisternd Jahrhunderte alte Gasperlen freisetzt.

www.visittwillingate.com

SPRACHKENNTNISSE FÜR DIE ICEBERG ALLEY

Wenn der Käpt’n über die »Eisbergallee« tuckert und von den Eigenheiten der driftenden weißen Pracht erzählt, benutzt er auch den »Iceberg Lingo«, die Sprache der Einheimischen, bei dem Schulenglisch an seine Grenzen kommt. Beispiele? »Bergy Bit«, ein »bisschen Eisberg«, das groß wie ein Haus sein kann – über Wasser. Ein »Tip« ist das, was aus dem Atlantik ragt. 90 Prozent bleiben unter Wasser. Die Buckelwale – hier gibt es wohl mehr als sonst irgendwo in Nordamerika – tauchen unter den gefrorenen Monstern hinweg.

WEITERE INFORMATIONEN

www.gandercanada.com

DIE ENTDECKUNG AMERIKAS – L’ANSE AUX MEADOWS

Nordmänner waren die ersten Europäer in Amerika

Neufundland ist Weinland. Nein, nicht wegen der »Winery«, die im Inselinneren mehr als 45 Rebsorten getestet hat, und nun mit einigen Sorten die harschen Winterwochen überlebt. Wissenschaftler sind überwiegend der Ansicht, dass die Insel das »Vinland« isländischer Sagas ist und die über tausend Jahre alten Siedlungsrelikte von L’Anse aux Meadows belegten: Die Wikinger waren hier.

Der Fels war schon steinalt, als die Wikinger um 1000 hier eintrafen.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben? Nicht immer, Gospodin Gorbatschow. Christoph Columbus ist das beste Gegenbeispiel. Der Genueser in Diensten der spanischen Krone kam sogar ein halbes Jahrtausend zu spät, und dennoch gilt er weithin als der »Entdecker« Amerikas. Dieser Titel gebührt jedoch nach heutigem Stand der Wissenschaft den Nordmännern, vulgo: Wikingern. Das belegen die Reste einer Siedlung an der Nordspitze von Newfoundland, genannt L’Anse aux Meadows. Um das Jahr 1000 ist sie entstanden, hatte aber, so vermuten die Archäologen, nur wenige Jahre Bestand.

Gründer der wohl ersten europäischen Niederlassung auf amerikanischem Boden könnte der isländische Entdecker Leif Eriksson gewesen sein, wenn man den – im 13. Jahrhundert entstandenen – »Vinland Sagas« über neu entdeckte Gebiete wie Helluland, Markland und Vinland folgt. Leif war ein Sohn von Erik dem Roten, der von Island aus Grönland entdeckte und dort die erste europäische Siedlung anlegte. Wo die drei in den Sagas genannten Regionen lagen, ist bislang nicht genau zu ermitteln. Helluland könnte auf Baffin Island liegen, Markland an der Küste von Labrador und viel spricht aus wissenschaftlicher Sicht dafür, dass Vinland und L’Anse aux Meadows identisch sind.

In einer nachgebauten Hütte arbeitet eine Frau wie einst die Wikingerinnen.

Tyrkir der Deutsche findet die Trauben

Vinland? Wein im Norden von Neufundland? Ja, wilder Wein. Um diese Jahrtausendwende herrschte dort vermutlich ein wärmeres Klima als heute, wie auch der Name Grönland, also Grünland, vermuten lässt. Ein Mann aus Leifs etwa 30-köpfiger Mannschaft, »Tyrkir der Deutsche«, soll die Trauben im Wald entdeckt haben. Als Leifs Expedition nach Grönland zurückkehrte, berichtete sie von dem fruchtbaren Vinland. Die Grönländer kamen dann mit mehreren Schiffen, Männern und einige Frauen zurück. Unklar ist, wann und bei welcher dieser Reisen die Siedlung entstand, die 1978 von der UNESCO zu einer der ersten Weltkulturerbe-Stätten ernannt wurde. Die Nordmänner gaben L’Anse aux Meadows nach wenigen Jahren wieder auf, obwohl das Holz der neufundländischen Wälder in Grönland ein begehrtes Gut war. Die Experten vermuten, die Wikinger gaben auf, weil sie den feindlich gesinnten Skraelingern, den Ureinwohnern, zahlenmäßig deutlich unterlegen waren. Danach geriet der Vorposten in Amerika in Vergessenheit – bis 1960 das norwegische Forscherpaar Anne Stine und Helge Ingstad die Erdhügel entdeckte, und unter ihnen die Reste der Siedlung. Insgesamt standen, wie die erhaltenen Fundamente zeigen, hier elf Gebäude und eine Schmiede. Die staatliche Nationalparkorganisation Parks Canada übernahm die Stätte und die weiteren Ausgrabungen, sie rekonstruierte auch zwei der typischen Langhäuser aus Grassoden. Überdies entstand ein Besucherzentrum. Im Sommer gibt es verschiedene Veranstaltungen, bei denen man die Alltagskultur der Wikinger nacherleben kann.

Übung im Kampfaxtschleudern

Etwa zwei Kilometer entfernt von L’Anse aux Meadows entstand Norstead, der Nachbau eines Handelshafens zu Wikingerzeiten. Hier können die Besucher traditionelle Fertigkeiten der Wikinger vom Kampfaxtschleudern bis zur Töpferei, dem Spinnen von Schafwolle und dem Garnfärben mit selbst gemachten Pflanzenfarben erproben. Wer mag, lässt sich altnordisch die Zukunft weissagen.

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EIN BABY ALS BOOTSPATE

Im Hafen in Norstead gibt es an Land den Nachbau eines Wikinger-Handelsschiffes namens »Snorri«. Der Namenspate ist Snorri Thorfinnsson, geboren zwischen 1005 und 1013 in Newfoundland – das wohl erste europäische Kind, das in Amerika zur Welt kam. Die Familie kehrte später zurück nach Island, wo Snorri die Christianisierung der Insel betrieb.

BÄREN UND FLEISCHFRESSENDE PFLANZEN

Am Fuß der Halbinsel, auf der L’Anse aux Meadows liegt, breitet sich der Gros Morne National Park aus, ein Weltkulturerbe, das Geologen anzieht. Hier lässt sich die Plattentektonik der Erde gut studieren. Tausende Touristen kommen aber eher wegen der Schönheit des Parks, seiner Bären und fleischfressenden Pflanzen. Ein beliebtes Ziel für Bootstouren sind die, pardon, Pissing Mare Falls – 305 Meter hoch.

UNI-INSTITUT FÜR MEERESFORSCHUNG

Die Bonne Bay Marine Station im Gros Morne National Park, ein Institut der University of Newfoundland, ist teilweise für Touristen geöffnet, etwa die Aquarien mit der subarktischen Fauna und Flora. Die Wissenschaftler führen auch durch ihre Sammlung.

WEITERE INFORMATIONEN

www.pc.gc.ca

Auch Neufundland ist Bärenland.

Die nachgebauten Wikingerhütten in L’Anse aux Meadows geben nach Meinung der Archäologen einen guten Eindruck davon, wie die älteste bekannte europäische Siedlung in Amerika vor rund tausend Jahren aussah.

THEMA

AUS »INDIANERHÜGELN« WURDEN WIKINGER-RELIKTE

Die Nordmänner-Siedlung der wahren Amerika-Entdecker

Eine Landkarte, die das Royal Ontario Museum in Toronto veröffentlicht hat, zeigt die Route, auf der die Wikinger ein halbes Jahrtausend vor Kolumbus das heutige Kanada erkundeten. Demnach segelten die Nordmänner nicht nur, wie mittlerweile bekannt, nach Neufundland, sondern auch weit hoch nach Baffin Island. Auch dort entdeckten Archäologen Objekte, die auf Wikinger-Visiten schließen lassen. Noch fehlt dort die letzte Gewissheit, die Neufundland bietet und die in L’Anse aux Meadows sehr anschaulich aufgearbeitet wurde, denn ein beliebtes Thema sind die Krieger und Händler von jenseits des Atlantiks in Kanada allemal.

Kirche in L’Anse aux Meadows: Die Wikinger waren wohl schon Christen.

So stößt man heute in Kanada hin und wieder auf den hübschen Vornamen Snorri, meist im Umfeld skandinavischer Einwanderer. Und dabei könnte Snorri mit gutem Recht ein »all-american name« sein, denn so hieß höchstwahrscheinlich das erste nicht-indianische Kind, das auf amerikanischem Boden geboren wurde. Der Name bedeutet, passend für einen Wikinger, »Angriff« oder »Kampf«. Snorri war einer nordischen Saga zufolge der Sohn von Gudrun, die mit den Nordmännern um das Jahr 1000 nach L’Anse aux Meadows an der Nordspitze der Insel Neufundland kam: Die »Entdeckung Amerikas« fand also mehr als ein halbes Jahrtausend vor Christoph Kolumbus (um 1461 bis 1515) statt.

Sagas sind keine Wikinger-Folklore

Der norwegische Forscher Helge Ingstad und seine Frau Anne, eine Archäologin, wollten Mitte des 20. Jahrhunderts nicht ausschließen, dass die isländischen Sagas, die über ein fernes neues Land jenseits des Ozeans berichteten, zumindest einen wahren Kern haben. Andere Wissenschaftler jener Tage hielten die Wikinger-Berichte für Folklore, da sich für sie auf nordamerikanischem Boden nie einen Beleg für diese frühen Fahrten nach Amerika hatte finden lassen. Bis zu einem Tag im Sommer 1960, als die Ingstads mit ihrem Schiff in die Bucht von L’Anse aux Meadows einliefen.

Die ersten Baumeister Amerikas: Rekonstruiertes Wikinger-Langhaus in L’Anse aux Meadows

Silhouetten der ankommenden Nordmänner in L‘Anse aux Meadows

Dort konnte ihnen der Fischer George Decker zwar keine Hinweise auf die Wikinger geben, aber er zeigte ihnen am Ortsrand grasüberwachsene »Indianerhügel«. Für das Ehepaar Ingstad bestätigte sich bald die Vermutung, auf das lange gesuchte Bindeglied zwischen der Alten und der Neuen Welt gestoßen zu sein. Sie begannen mit anderen Archäologen ihre Ausgrabungen in Neufundland. Hervor kam eine kleine, tausend Jahre alte Wikingersiedlung, wohl der Geburtsort des kleinen Snorri. Von den Wänden der Hütten aus Erd- und Grasblöcken blieb zwar nichts, aber die Grundrisse waren klar erkennbar. L’Anse aux Meadows gibt heute mit seinen Rekonstruktionen und seinem Besucherzentrum einen guten Eindruck davon, wie die ersten Europäer in Amerika lebten. Das war Grund genug für die UNESCO, den Küstenfleck 1978 zur Welterbestätte zu machen.

»Weinland« war der erste Name für die Neue Welt

Irritationen gab es anfangs noch wegen der Tatsache, dass die Sagas von »Vinland« berichteten. War es damals in der subarktischen Region so warm, dass dort wilder Wein wuchs? Schließlich bezeichneten die Wikinger Grönland ja auch als »grünes Land«. In L’Anse aux Meadows fanden sich verrottete Rebenreste. Offenkundig nutzten die Nordmänner ihre Siedlung als Basis für Fahrten entlang der Küste nach Süden und hatten dort wohl wilde Reben gefunden – Vinland galt als Name für die ganze Region bis hinunter in die heutigen USA, nach New England. Schon um 1075 berichtete der Chronist Adam von Bremen von der Vinland-Entdeckung. Spätere Wikinger-Sagas griffen das Thema auf. Heutzutage leben die Sagas in L’Anse aux Meadows fort, zumindest in der Sommersaison, wenn den Besuchern dort »living history« geboten wird. Dazu kostümieren sich sachkundige Mitarbeiter nach Art der Wikinger, üben altes Handwerk wie das Weben oder Schmieden aus und bieten einigen Gästen auch an, selbst einmal Hand anzulegen. Und abends treffen sich Interessierte in der Küche der rekonstruierten Anlage, um beim Feuer nordische Sagas zu hören. Diese hatten viele Themen, ein spezieller Bereich waren die Island-Sagas, die unter anderem Berichte über die Expeditionen von Island nach Grönland und weiter in den Westen enthielten. Alle Sagas basieren auf mündlicher Überlieferung. Aufgeschrieben wurden sie erst zwei bis drei Jahrhunderte später, womit heutige Forscher manche Unstimmigkeiten in den Texten in altnordischer Sprache erklären.

Kostümierte Museumsleute zeigen, wie man vor tausend Jahren im Langhaus lebte.

DER REST VON NOUVELLE-FRANCE – SAINT-PIERRE ET MIQUELON

Kabeljau und Schmuggelschnaps

»La Grande Nation« ist auf 242 Quadratkilometer geschrumpft, zumindest in Nordamerika. Von der Kolonie Nouvelle-France, die von den Rändern der Arktis bis zum Golf von Mexiko reichte, blieb ein Mini-Archipel an der Mündung des St. Lawrence River mit zwei Hauptinseln, auf denen heute gut 6000 Menschen leben. Ihr Metier, der Kabeljaufang, ist Geschichte. Nun sorgen Touristen für Arbeitsplätze.

Der Hafen von Saint-Pierre ist das Zentrum des europäischen Außenpostens in Kanada.

La tricolore – bleu, blanc, rouge« weht über Saint-Pierre et Miquelon, einem kleinen Stück Frankreich in Nordamerika und somit Euroland, rund 20 Kilometer vor der Küste von Neufundland. »Où la France rencontre l’Amérique« (Wo Frankreich Amerika trifft), lautet der touristische Werbespruch von St. Peter und Michael, wie der französisch-baskische Name des Überseeterritoriums übersetzt lautet. Die Insulaner verheißen die besten Croissants Nordamerikas und überraschen mit vielen Patisserien. Wer indes die Wonnen der »Cuisine française« erwartet, wird wohl oft enttäuscht die Gabel beiseitelegen. Patriotismus und Küchenkunst sind nicht automatisch Zwillinge.

Was macht die windumtosten Inseln attraktiv? Früher waren es die scheinbar unermesslichen Fischbestände der nahen Great Banks. Heute ist es für Touristen das Exotisch-Andere; bezahlt wird mit Euro, die Autos sind von Peugeot & Co, die Kfz-Kennzeichen wie im Mutterland. Und für Paris sind es Prestigefelsen, die der Staatskasse jährlich Millionen Euro wert sind. Landschaftlich und klimatisch sind die Inseln von begrenztem Reiz, schon Captain Cook berichtete vom Nebel der Region – die beste Besuchszeit ist Juli und August.

Von elftausend Jungfrauen zu St. Peter

All das hört sich nicht sehr einladend an. Aber der Eindruck täuscht. Die kleinen Landflecken in der größten Flussmündung der Welt, dem Gulf of Saint Lawrence, haben viel Historie auf dem Buckel: 1520 taufte der bibel- und kalenderfeste Portugiese João Alvarez Faguendes die Inseln auf den Namen Elftausend Jungfrauen (St.-Ursula-Sage), für den Namen Saint-Pierre sorgte 1536 der Franzose Jacques Cartier. Im 18. und 19. Jahrhundert wechselte die Herrschaft mehrmals zwischen Briten und Franzosen, Letztere erhielten die Inseln 1814 im Vertrag von Paris zugesprochen.

Neben der Fischerei war der Schmuggel dank der Lage zwischen Kanada und den USA immer ein geschätzter Nebenerwerb, aber als sich die Amerikaner 1919 ihre Prohibition verordneten, erlebten die transatlantischen Franzosen einen satten Boom. Ein kurzlebiges Glück, denn 1933 hob Präsident Roosevelt das Gesetz wieder auf. Dies stürzte die Inseln in eine tiefe Depression. Heute geleitet eine Touristenführung in Saint-Pierre zu den Stätten der Schmuggler, es gibt sogar ein kleines Schmuggelmuseum.

Auch das Musée Héritage widmet sich den Tagen der »Rum Runners«, während das bekannteste Exponat des Musée de l’Arche die einzige echte Guillotine Nordamerikas ist. Ob es gerade diese war, die 1889 zur einzigen Enthauptung benutzt wurde, ist aber umstritten. Damals wurde ein Mörder hingerichtet, und man schaffte eigens ein Fallbeil aus Haiti herbei. Diese Néel-Affäre war Vorlage für den Spielfilm »Die Witwe von Saint-Pierre«. Sehenswert ist auch die im baskischen Stil erbaute Kathedrale mit einer Empore und Glasfenstern, die ein Geschenk von Charles de Gaulle sind. Der Leuchtturm an der Pointe aux Canons, an der Hafeneinfahrt, ist das Wahrzeichen der Inseln.

Das Ende der Hamburger »Poseidon«

Lohnenswert sind Ausflüge auf die Inseln Miquelon und Île aux Marins. Miquelon ist mit seiner Nachbarinsel Langlade über eine lang gezogene Düne verbunden. Vor der nur im Sommer bewohnten Île aux Marins rosten die Reste der »Transpacific« vor sich hin, eines der rund 6000 Wracks in der Region. Der Fracht- und Passagierdampfer der Hamburger Reederei »Poseidon« lief dort 1971 auf Grund. Das Museum besitzt neben Relikten des Schiffes auch einen alten Schulraum. An der Tafel steht, selbstverständlich in schönster Schreibschrift: »Vive la France!«

Das Wahrzeichen von Saint-Pierre et Miquelon bildet der Leuchtturm am Pointe aux Canons.

Die Inseln sind stets von zahllosen Seevögeln umschwirrt.

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ZUM MITNEHMEN: DIE »GROSSE HERMINE«

Ein schmuckes Souvenir ist die Inselflagge. Sie zeigt untereinander die baskische, bretonische und normannische Fahne und auf den restlichen drei Vierteln eine Zeichnung der »Grand Hermine«, des Schiffes von Jacques Cartier auf seiner Reise von 1536. Von ihm stammt die älteste schriftliche Erwähnung von Saint-Pierre. Aus dem Baskenland, der Bretagne und der Normandie kamen die ersten Siedler auf der Inselgruppe.

PELOTA

Baskische Fischer kannten Ostkanadas Küste seit 1525, später siedelten viele Basken auf Saint-Pierre und Miquelon. Dort pflegen sie bis heute ihre Baskenmützen und Traditionen, besonders beim alljährlichen sommerlichen Basque Festival. Höhepunkte sind das Ballspiel Pelota und harrijasotzaile, das Steinheben.

BON VOYAGE!

Respekt: 6000 Insulaner mit einer eigenen Fluglinie. Und einem internationalen Flughafen auf Saint-Pierre. Von dort fliegt Air Saint-Pierre ins benachbarte Newfoundland und in die Provinz Québec, aber auch nach Miquelon (15 Minuten). Und selbstverständlich nach Paris. Über Montreal. Von dort übernimmt Air France die Passagiere für den »Rest« der Strecke.

WEITERE INFORMATIONEN

www.st-pierre-et-miquelon.com

HUNDERTTAUSEND MAL WILLKOMMEN! – CAPE BRETON ISLAND

Malerische Insel zwischen Land und Meer

Noch liegt das Salz der Brandung in der Luft, dann taucht die Straße plötzlich in den dichten Wald ein, und man hat das Gefühl, hoch über dem Atlantik zu schweben. Der sogenannte Cabot Trail folgt der zerklüfteten, rauen Küste des wildromantischen Nordteils von Cape Breton Island auf atemberaubende Weise und zählt zu den schönsten Routen in den Maritimes.

Die Cape-Breton-Insel ist wegen ihrer Küstenszenerie beliebt bei Wanderern, doch die meisten kommen mit dem Auto.

Die in den Fels gefräste Straße ist außerhalb der Saison leer.

Ciad mile failte! – Hunderttausend Mal willkommen! Mit diesem gälischen Gruß empfängt man auf Cape Breton Island Besucher. Auch wenn die Insel durch eine Brücke mit dem Festland, der Provinz Nova Scotia, verbunden ist, scheint gerade hier das keltische Erbe besonders lebendig zu sein. Gelegentlich vernimmt man sogar den Klang von Dudelsäcken, und in den kleinen Fischerdörfern gehören zum Trocknen ausgelegte Fischernetze zum Bild. Das Meer war schon immer der alles bestimmende Faktor in Nova Scotia – kein Wunder bei über 7400 Kilometern zerklüfteter, wildromantischer Granitküste!

Die Scenic Route (Hwy. 19) im Norden von Cape Breton Islands erinnert an den legendären Seefahrer John Cabot (1450 bis 1499). Geboren in Italien als Giovanni Caboto war er einer der ersten Europäer, die 1497 auf dem nordamerikanischen Kontinent gelandet waren. In Diensten der britischen Krone erkundete und kartierte er die Küste zwischen dem heutigen Nova Scotia und Neufundland. 1499 machte sich Cabot erneut von Bristol auf den Weg nach Kanada, doch von dieser Reise sollte er nie mehr zurückkehren.

So blieben die hier lebenden Mi’kmaq-Indianer und einige portugiesische Fischer, die zwischen 1522 und 1570 ein Dorf bildeten, lange Zeit unter sich, bis die Franzosen auch hier erste Siedlungen gründeten. 1629 entstand Fort Sainte Anne als erster bedeutender französischer Posten, 1719 wurde die mächtige Fortress of Louisbourg errichtet, die als wichtigster Seehafen und Militärstützpunkt der Franzosen in Nordamerika diente. 1759 von den Briten zerstört, wurde die Festung 1961 als Freiluftmuseum wieder aufgebaut.

Neue Heimat der Schotten

Vielleicht waren es die sanften Hügel im Süden und das karge Hochland im Norden der Insel, das abrupt ins Meer abfällt, was vor allem schottische Siedler anlockte. Schließlich erinnerte diese Landschaft sie an ihre Heimat. Nachdem auch Cape Breton Island 1763 an die Briten fiel, siedelten sich mehr und mehr Schotten und Iren hier an. Sie stellen noch heute die Bevölkerungsmehrheit auf der etwa 1000 Quadratkilometer großen Insel. Der für Besucher interessante Teil liegt im Norden, wo sich auch der Cape Breton Highlands National Park ausbreitet.

Über fast 300 Kilometer schlägt der Cabot Trail einen großen Bogen um den Nordteil von Cape Breton Island. Vom größten Ort Sydney folgt er zunächst im Osten der Atlantikküste, bevor er im Norden den 950 Quadratkilometer großen Highlands National Park passiert. Die Route knickt dann nach Westen um, zum St.-Lorenz-Golf – und auch dieser Küstenabschnitt ist malerisch. Es geht vorbei an kleinen Fischerdörfern wie Chéticamp oder Belle Côte, in denen noch heute Französisch gesprochen wird.

Schließlich führt der Cabot Trail bei Margaree Harbour zurück ins Landesinnere; die Straße folgt dem gleichnamigen Fluss zum Bras d’Or Lake und dem dort liegenden kleinen Ferienort Baddeck.

Besuch bei Mister Bell

Hier lebte zwischen 1893 und 1922 Alexander Graham Bell, der unter anderem am 14. Februar 1876 das Telefon patentieren ließ. Über Bell und seine Erfindungen erfährt man mehr in der hier gelegenen Alexander Graham Bell National Historic Site. In anderen Ortschaften entlang dem Cabot Trail bekommt man Informationen über die ethnische Herkunft der Bewohner. So ist St. Ann’s Heimat des Gaelic College of Celtic Arts and Crafts, der einzigen keltischen Hochschule Nordamerikas. In Chéticamp dagegen lebt bis heute das französische Element in Sprache und Musik weiter, besonders während des Festival de l’Escaouette Ende Juli. Über die Geschichte der Region und ihrer Siedler informiert das North Highlands Community Museum in Cape North, der nördlichsten Gemeinde am Trail.

Auf Anhöhen öffnen sich weite Blicke.

In den Zentren lebt schottische Tradition.

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IM ZEICHEN DER KELTEN

Dudelsäcke und Schottenröcke, Highland Games und Fiddler, Square Dance und Bier – während des Celtic Colours International Festival auf Cape Breton Island steht in der ersten Oktoberhälfte alles im Zeichen der Kelten, vor allem ihrer Musik. Es gibt Konzerte, Ausstellungen, Workshops und andere Veranstaltungen auf der ganzen Insel. Besonders beliebt sind die Darbietungen im Colaisde Na Gàidhlig/Gaelic College in St. Ann’s, der 1938 gegründeten Hochschule.

https://celtic-colours.com,https://gaeliccollege.edu

WASSER, NICHTS ALS WASSER

Mitten auf Cape Breton Island breitet sich der Bras d’Or Lake aus. Auf einem Scenic Drive kann man den etwa 80 Kilometer langen und 30 Kilometer breiten See umrunden – Teile davon stehen als UNESCO-Biosphärenreservat unter Schutz. Zu Pausen laden die malerischen Orte am Ufer, wie Whycocomagh, Malagawatch oder Saint Peters, ein.

https://capebretonisland.com/destination/bras-dor-lakes-scenic-drive/

WEITERE INFORMATIONEN

https://capebretonisland.com

www.cabottrail.travel

IMMER SOMMER 1744 – LOUISBOURG

Kanadas größtes »Museum lebender Geschichte«

Auferstanden aus Ruinen hat sich die Fortress of Louisbourg, französisch: Forteresse de Louisbourg, binnen Kurzem zu einer der populärsten Nationalen Geschichtsstätten Kanadas entwickelt. In der rekonstruierten Garnison und Stadt, die einst den drittgrößten Hafen Nordamerikas besaß, lässt sich der militärische und zivile Alltag vor rund 270 Jahren erleben und teilweise selbst erproben.

Geschichte pur: das Tor zur Festung Louisbourg.

Die Restaurants beachten den Kirchenkalender, deshalb sollten Sie nicht planen, Fleisch zu essen an den Tagen der Abstinenz«, lautet der Hinweis für die Restaurants in der Festung Louisbourg im Norden der Provinz Nova Scotia. Gemeint sind Freitag und Samstag, an denen in Frankreichs katholischen Häusern kein Fleisch auf den Tisch kam. Und ein Living History Museum versucht eben, auch solche Bräuche der Vorväter ernst zu nehmen. Also freitags Fisch und samstags beispielsweise »Veggie Day«. Generell sollen die Speisen einen Eindruck der Kost im frühen 18. Jahrhundert vermitteln. Ein Museum lebendiger Geschichte zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass seine Mitarbeiter – oft Freiwillige – in historischer Kostümierung so tun, als lebten sie in der früheren Epoche, hier der Sommer 1744. Und darüber erteilen sie Auskunft. In Louisbourg treten sie beispielsweise auf als Soldaten, Handwerker, Kaufleute, Straßenhändler oder Musikanten. Sie zeigen, wie man Nägel macht, die Waffen jener Zeit nutzt oder Spitze klöppelt, am offenen Feuer kocht und Ziegen melkt – ferne Welten für Computer-Kids.

Im rekonstruierten Haus des königlichen Ingenieurs Étienne Verrier etwa treffen die Besucher auf einen »Verwandten« des hochrangigen Beamten, der sie über die militärischen Anlagen, aber auch über die Planung der Stadt hinter den Mauern informiert.

Bei besonderen Anlässen flanieren die Mitarbeiter in historischen Trachten durch Louisbourg.

Der grimmige König in Versailles

Louisbourg war vor zweieinhalb Jahrhunderten nicht nur einer der wichtigsten militärischen Posten Frankreichs in der Neuen Welt, sondern auch ein florierender Hafen und Handelsposten. Die Garnison auf der Île Royale, heute Cape Breton Island, entstand von 1720 bis 1740 und wurde aber immer teurer. König Louis XV soll damals überaus grimmig gescherzt haben, dass er angesichts der immensen Baukosten eigentlich die Gebäudespitzen jenseits des Ozeans von Schloss Versailles aus sehen können sollte. Zweimal, 1745 und 1758, belagerten britische Truppen erfolgreich die Festung. Die zweite Einnahme war ein Wendepunkt in der Geschichte Kanadas und ebnete den Briten den Weg zur Belagerung von Québec City sowie eine Schlacht vor den Toren der Stadt. Der Sieg der Briten zwang die Franzosen schließlich dazu, 1763 im Vertrag von Paris zusätzlich alle nordamerikanischen Kolonien außer Saint-Pierre et Miquelon aufzugeben.

Rekonstruktion mit Kohle-Kumpeln

Die Briten zerstörten 1760 Louisbourg, und die Ruinen gerieten in Vergessenheit, obwohl sie schon 1920 den Status einer nationalen historischen Stätte (National Historic Site) erhielten. Dank der rührigen Fortress of Louisbourg Association und Parks Canada begann aber in den 1960er- und 1970er-Jahren mit Arbeitslosen aus dem regionalen Kohlebergbau Kanadas größte historische Rekonstruktion. Für 25 Millionen Dollar wurden neben den Festungsmauern rund 50 historische Bauten rekonstruiert – etwa ein Viertel der einstigen Anlage. Für den nicht rekonstruierten Teil ließ Parks Canada einen »Ruins Walk« anlegen. Zu diesem Rundgang gibt es in Louisbourg einen kleinen Führer, überdies sind bei wichtigen Ruinen Infotafeln aufgestellt. Die Route beginnt nahe dem Museum. Die Festungsanlage bietet auch gute Picknickplätze, beispielsweise am ältesten Leuchtfeuer Kanadas. Die Plätze an der See gewähren teilweise einen Blick auf Seehunde und, mit Glück, auch auf Wale oder in der Marconi-Picknick-Zone einen guten Blick auf den Hafen und die Festung von Louisbourg. An Wochenenden im Hochsommer sind auch die beiden Badestrände gut besucht. Und wer Ende August zum Saint-Louis-Tag kommt, erlebt im Reich der britischen Königin ein Fest für einen französischen König.

TOP ERLEBNISSE

BEI BELL IN BADDECK

Nahe Louisbourg liegt eine weitere National Historic Site, das Heim des Telefon-Miterfinders Alexander G. Bell. Der Schotte arbeitete in Baddeck, etwa an einem Flugzeug, das vom vereisten See vor seinem Haus startete. Durch seine Bell Telephone Company wurde er reich, blieb aber ein passionierter Erfinder. Als Bell 1922 in Baddeck starb, ruhte in den USA für eine Minute der Telefonverkehr.

ALLE FARBEN, EIN MUSTER: KARO

Klar, Schotten gründeten die Provinz Nova Scotia (lateinisch für Neu-Schottland). Und wo ein Schotte ist, ist auch ein Tartan, einer der typischen Karo-Stoffe aus Farbfäden für jeden »Clan« und jede Region. Der Cape-Breton-Tartan trägt die Farben Grün-Gelb-Grau und Schwarz, Nova Scotias Tartan ist in Blau-Weiß-Grün. Und weil Schotten in ganz Kanada heimisch sind, hat jede Provinz ihren eigenen Tartan.

DIE GRÖSSTE FIDDLE DER WELT

Zum keltischen Erbe der Schotten gehört ihre Musik und die Fiddle, eine Geige für die Folk Music. Die beste Fiddle-Technik werde auf Cape Breton gespielt, heißt es. Das Lob gab der größten Stadt der Insel, Sydney, die Idee, die rund 20 Meter hohe weltgrößte Fiddle zu bauen.

WEITERE INFORMATIONEN

www.fortressoflouisbourg.ca

In einem Salon der Festung demonstriert eine Dame wie einst noble Handarbeit.

STEINERNE ZEUGEN INDIANISCHER KULTUR – KEJIMKUJIK

Nova Scotias Nationalpark »Müder Muskel«

Der Kejimkujik-Nationalpark präsentiert sich als doppelter Doppelpack: Zum einen besteht das Schutzgebiet aus einem Inlandspark und einem Park an der Atlantikküste. Zum anderen ist es der einzige Nationalpark des Landes, der zugleich den Titel eines historischen Reservats trägt. Kejimkujik ist ein Hort der Ruhe, die größte Lärmquelle ist ein durchs Unterholz polternder Moose.

Jeremy’s Bay im Indian Summer.

Die Nova Scotians sagen zwar nur kurz »Keji«, aber meist mit einem schwärmerischen Unterton. In der Liste von Parks Canada steht er mit vollem Namen: Kejimkujik National Park. Als das 381 Quadratkilometer große Schutzgebiet rings um den gleichnamigen See 1974 gegründet wurde, war es das einzige in den Maritimes ohne Zugang zur See. Na klar, so konnte das nicht bleiben: 1988 kam in etwa 100 Kilometern Entfernung ein 22 Quadratkilometer großer Landstreifen am Atlantik hinzu: Kejimkujik Seaside. »Keji« ist aber auch in anderer Hinsicht ungewöhnlich: Es ist der einzige Nationalpark in Kanada, der zugleich den Status einer National Historic Site hat. Dies verdankt der Park den Mi’kmaq, einem Indianerstamm der »First Nations«, der entlang der ostkanadischen Küste heimisch ist. Die Clans im Süden von Nova Scotia nutzten die Gewässer im heutigen Park als Kanu- und Handelsrouten zwischen der Bay of Fundy und der Atlantikküste. Wegen der anstrengenden Passage übersetzt Parks Canada den Mi’kmaq-Namen Kejimkujik auch als »müder Muskel« – es gibt andere Interpretationen. Wichtiger ist, dass die Ahnen der heutigen Indianer entlang der Wasserwege Petroglyphen hinterlassen haben, Steine, die sie mit ihrer Bilderschrift und Szenen aus ihrem Alltag versehen haben. Der Nationalpark veranstaltet spezielle Touren zu diesen steinernen Zeugen, das Visitor Centre ist in Maitland Bridge.

Tagelang kein anderer Wanderer

Der Park ist außerhalb der Maritimes wenig bekannt und international weithin unbekannt, was »Keji«-Fans immer wieder überrascht. Sie preisen den Hauptpark ob seiner ruhigen Wasser- und Waldlandschaft mit ihrem eindrucksvollen alten Baumbestand. Neben einladenden Kanurouten ziehen sich 15 ganzjährig geöffnete Wanderpfade durch das Revier, teils geplant für Tagestouren, teils für längere Touren. In den entlegenen Zonen begegnet man manchmal tagelang keinem anderen Wanderer, Radfahrer oder, im Winter, Skiläufer. Die längste Strecke, der Liberty Lake Trail, misst 56 Kilometer. Manche Campingplätze sind nur zu Fuß oder per Kanu zu erreichen, oder im Winter per Skier oder Schneeschuhen.