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Die Tierverhaltensforschung hat in den vergangenen Jahren bedeutende Erkenntnisse gewonnen, nicht zuletzt im Bereich der Tierkommunikation. Allerdings trägt sie einen aus sprachphilosophischer Perspektive dürftigen Sprachbegriff an ihre Untersuchungsgegenstände heran, um im selben Atemzug überzogene und anthropomorphistische Behauptungen über Sprache und Kultur, über Moral und Denken der Tiere aufzustellen. Dirk Westerkamp kritisiert in seiner Untersuchung diesen Sprachgebrauch und stellt ihm eine – kleine – Philosophie der natürlichen Sprache gegenüber, die zur Orientierung und als Richtschnur auch der Tierkommunikationsforschung dienen kann. Umgekehrt greift diese Philosophie der normalen Sprache Erkenntnisse der jüngeren Ethologie auf, um ihren eigenen Sprachbegriff zu überprüfen und zu präzisieren. Das Buch gliedert sich in vier Teile. Es umreißt zunächst einen gehaltvollen Begriff der natürlichen Sprache (I. Das Tier, das Sprache hat – animal symbolicum), geht dann verschiedene Formen animalischer Kommunikation durch (II. Tiere, die kommunizieren – animalia communicantia), entwirft im Anschluss eine Theorie jener Wechselwirkung von Sprache und Einbildungskraft, die offenbar nur in normalen Sprachen aufkommen kann (III. Das Tier, das einbildet – homo pictor et imaginans), um am Ende – durchaus provokativ – als eigentliches Proprium des menschlichen Symbol-, Imaginations- und Sprachvermögens das Schweigen zu pointieren (IV. Das Tier, das nicht spricht – homo silens).
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Seitenzahl: 192
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Dirk Westerkamp
Sprachphilosophie und Ethologie
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über ‹http://portal.dnb.de› abrufbar.
ISBN 978-3-7873-3700-2
eISBN (ePub) 978-3-7873-3769-9
eISBN (PDF) 978-3-7873-3701-9
www.meiner.de
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Einleitung
I · Das Tier, das Sprache hat
(animal symbolicum)
1 · Unvergleichbarkeit
2 · Negativität
3 · Symbolreflexivität
4 · Differentialität
5 · Rekursivität
6 · Referentialität
7 · Inferentialität
8 · Simplizität
9 · Komplexität
II · Tiere, die kommunizieren
(animalia communicantia)
10 · Intentionalität
11 · Mentalese
12 · Metabewusstsein
13 · Signalkommunikation
14 · Sprechmimesis
15 · Funktionsreferenz
16 · Eigennamen
17 · Vokalisierung
18 · Multiperspektivität
19 · Begriffsbildung
20 · Sagazität
III · Das Tier, das einbildet
(homo pictor)
21 · Bildlichkeit
22 · Nachbildungskraft
23 · Spontaneität
24 · Nichtung
25 · Mediasphären
26 · Metaphorizität
27 · Bedeutungssynthesis
28 · Selbstbewusstsein
29 · Wir-Intentionalität
IV · Das Tier, das nicht spricht
(homo silens)
30 · Sprachgrenzen
31 · Schweigen
32 · Leerzeichen
33 · Stille
34 · Entsagen
35 · Nichtsagen
36 · Entsprechen
Literaturverzeichnis
Sachregister
Das Subjekt, sagt Lacan, sei ein »Leibeigener«1 der Sprache. Sie gehört nicht uns, wir gehören ihr. Subjektivität ist von Sprache, nicht diese von jener abhängig. Eine Übertreibung, vielleicht; doch bleiben wir der Sprache in dem Maße vereignet, in dem sie uns zuletzt auch das noch begreifen lässt, was selbst nicht sprachlicher Natur ist. Was wir in dieser Weise verbegrifflichen, wird in seiner Versprachlichung evidenterweise immer schon vermenschlicht. Anthropomorphisierende Sprechweisen und Beschreibungssprachen sind unhintergehbar. Allerdings sind sie auch der eigenen Reflexion und Überprüfung fähig. Dank ihrer inneren Mehr- und Metasprachlichkeit sind natürliche Sprachen jederzeit in der Lage, anthropomorphisierende Redeweisen an sich selbst zu durchschauen, zu erkennen, zur Sprache zu bringen.
Im Ganzen bleibt das »Vorhaben, Anthropomorphismus zu vermeiden […] ähnlich absurd wie der Vorschlag, wir sollten einen voraussetzungslosen Blick auf uns selbst werfen, indem wir aus unserer Haut springen«.2 Gegenwärtig scheint dieser Sprung für einen Bereich reklamiert zu werden, der bislang für genuin menschlich und daher für anthropomorphismus-unverdächtig gehalten werden durfte: die Sprache. Vereinnahmt wird ihr Begriff einerseits von einer Robotik, die alle Hände voll zu tun hat, informationsverarbeitenden Systemen das »Sprechen«, »Denken« und »Fühlen« beizubringen. Vindiziert wird sie andererseits von einer Tierverhaltensforschung (Ethologie), die in ihrer rasanten Entwicklung der vergangenen Jahre bedeutende Erkenntnisse gewonnen hat, nicht zuletzt im Bereich der Tierkommunikation. Doch tragen viele ihrer Studien einen aus sprachphilosophischer Perspektive unterkomplexen Sprachbegriff an die Untersuchungsgegenstände heran, um im selben Atemzug überzogene und anthropomorphistische Behauptungen über Sprache und Kultur, über Moral und Denken »der« Tiere aufzustellen. Daraus folgt ein eigentümlicher Chiasmus: In dem Maße, wie Denken und Sprechen deanthropomorphisiert werden, scheint dieser Diskurs den Leibeigenen der Sprache ihr genuines Ausdrucksmedium zu enteignen.
Das Buch kritisiert die ethologische façon de parler dort, wo sie einem undifferenzierten Begriff von Sprache aufsitzt. Eröffnet wird es deshalb von einer skizzenhaften Philosophie der natürlichen Sprache, die zur Orientierung vielleicht auch anderer Disziplinen dienen könnte. Im Gegenzug greifen die sprachphilosophischen Überlegungen Ergebnisse der jüngeren ethologischen Debatten auf. Dies in der Absicht, den eigenen Sprachbegriff wenn nicht zu revidieren, so doch zu präzisieren. Entsprechend gliedert sich die Untersuchung in vier Teile. Sie umreißt einen unreduzierten Begriff der natürlichen Sprache (I.), geht (wenngleich nicht streng entlang einer scala naturae) verschiedene Formen animalischer Kommunikation durch (II.), untersucht jene Wechselwirkung von Sprache und Einbildungskraft, die natürlichen Sprachen eigen ist (III.), um im Schweigen den vielleicht neuralgischen Punkt menschlichen Symbol-, Vorstellungs- und Sprachvermögens aufzusuchen (IV.).3
Absicht der Studie ist eine sprachphilosophische Klärung, keine anthropologische, geschweige denn ontologische Grundlegung. Ihre übergreifende Prämisse besteht gleichwohl darin, dass sich die symbolisch-einbildungskräftige Vernunft des Menschen sowohl von der natürlichen Intelligenz anderer Spezies als auch von der künstlichen Intelligenz informationsverarbeitender Systeme unterscheidet.
1 J. Lacan, Écrits I, Paris 1966, 492.
2 Vgl. zum Problem im Ganzen: R. Becker, Der menschliche Standpunkt. Perspektiven und Formationen des Anthropomorphismus, Frankfurt/M. 2011, ebd., 13, auch das Schiller-Zitat.
3 Für zahlreiche Hinweise und Einwände zum Sachgebiet des Kapitels II danke ich Yogi H. Hendlin, Matthias Wunsch, Heike K. Behnke, Ralf Becker und Kristian Köchy, für kritische Anmerkungen zum Kapitel IV Katia Hansen und Markus Hundt. Gedankt sei dem Karl Alber Verlag (Freiburg/München) für die Erlaubnis zur Wiederverwendung bereits veröffentlichter Textpassagen in den ersten beiden Kapiteln.
